„Die Krise der Finanztechnik ist finanztechnisch unlösbar.“

Ein Gespräch mit Alfred Denker über das Werk des Philosophen Martin Heidegger und die Aktualität seines Denkens.

Martin Heidegger

Martin Heidegger

Martin Heidegger sorgt heute immer noch für viele Irritationen und Polarisierungen. Die einen lieben ihn, andere wiederum halten ihn für einen Nazi-Philosophen. Aber sowohl Kritiker und Verteidiger Heideggers geben zu, dass man an ihm als Philosophen des letzten Jahrhunderts nicht vorbeikommt. Sein Hauptwerk „Sein und Zeit“ ist für jeden, der sich mit der Philosophie beschäftigt, eine Pflichtlektüre. Wieso polarisiert ein Denker wie Heidegger heute immer noch die Menschen?

Alfred Denker: Mit Wittgenstein ist Heidegger der einflussreichste Philosoph des 20. Jahrhunderts. Selbst wenn man seine Philosophie für bedeutungslos halten würde, kann man die Geschichte der Philosophie des 20. Jahrhunderts ohne sein Denken nicht verstehen. Seine Philosophie war in ganz verschiedenen Bereichen einflussreich. Neben der Philosophie vor allem in der Theologie, Psychiatrie, Literaturwissenschaft oder der Ökologie, und selbst Naturwissenschaftler wie Heisenberg und von Weizsäcker hat sein Denken angeregt. Gerade in Frankreich hat er einen ungeheuren Einfluss gehabt: von Sartre und Levinas zu Ricoeur und Foucault. Im Lichte von Heideggers Rektorat stellt sich die Frage, ob und inwieweit er im Nationalsozialismus verstrickt war und welche Folgen das für die von Heidegger inspirierte Philosophie hat. Dazu kommt, dass er in bestimmter Hinsicht ein Existentialist „avant la lettre“ war und als Person höchst interessant ist. Denken Sie nur an die Liebschaft mit Hannah Arendt. Er ist einer der Menschen, die man hasst oder liebt. Deshalb polarisiert er auch heute die Menschen.

Sie haben sich sehr intensiv mit dem Philosphen Martin Heidegger beschäftigt. Jüngst ist Ihr Buch „Unterwegs in Sein und Zeit“ erschienen. Es ist eine Art Einführung in die Person und das Denken Heideggers. Wie stehen Sie zu den Vorwürfen, dass Heidegger in den Nationalsozialismus verstrickt gewesen sei? Der französische Philosoph Emmanuel Faye bezeichnet ihn ja sogar als Vordenker des Nationalsozialismus.

Alfred Denker: Erstens muss jeder, der sich ernsthaft mit Heidegger befasst, die Vorwürfe ernst nehmen. Dazu kommt zweitens, dass ich den Nationalsozialismus verabscheue und mich nicht so intensiv mit Heidegger befassen würde, wenn er tatsächlich ein Nazi gewesen wäre. Es ist wichtig, genau zu untersuchen, wie Heidegger sich in die Nähe des Nationalsozialismus bewegt und wo er sich wieder kritisch davon trennt. Wir können so auch verstehen lernen, warum der Nationalsozialismus so viele Menschen begeistert hat. Es ist ganz schwer sich in die Lage von 1933 zurück zu versetzen. Die Behauptung, dass Heidegger ein Vordenker des Nationalsozialismus gewesen sei, ist leicht zu widerlegen. Selbst wenn Hitler Heidegger gelesen hat, hätte er nur politisch völlig uninteressante Texte lesen können. Von Heideggers Dissertation, Habilitationsschrift und Sein und Zeit gibt es keinen Weg zu Mein Kampf.

In seinen späteren Werken reflektierte Heidegger über das Wesen der Technik. Was für einen Bezug oder Beitrag kann Heideggers Spätwerk auf das Verständnis einer sich immer mehr als Einheit zeigenden neuen Welt, zwischen der Raserei der Globalisierung und der Quasi-Offenbarung des Internet, haben?

Alfred Denker: Der Beitrag, den Heideggers Denken immer leisten kann, ist das Fragen. Er stellt das für uns Selbstverständliche in Frage. Ein gutes Beispiel ist seine Behauptung, dass die Wissenschaft nicht denken kann. Damit meint er, dass für die Wissenschaft die existentiellen Fragen des menschlichen Lebens unlösbar sind. Meine Berufswahl, ob ich heirate oder nicht, usw. sind keine wissenschaftlichen Probleme. Es ist wunderbar, dass wir heute in einer Sekunde unendliche Informationen abrufen können. Heidegger würde aber sagen, dass Information keine Erkenntnis ist. Was wir von Heidegger auch lernen können, ist, dass die Globalisierung ein Prozess ist, der nicht vom Menschen gesteuert wird und dass dieser sich unserer Macht entzieht. Dies bedeutet, dass es keine einfache Lösung geben kann, was für Politiker schade ist, da sie alle Probleme innerhalb von vier Jahren lösen müssen.

Kann jemand, der Heideggers Werk studiert, überhaupt noch ein „blinder Parteigänger“ sein? Immerhin sieht er die Lösung der Grundfragen unserer Zeit eben nicht in alten politischen Ideologien. Im legendären Spiegel-Interview von 1976 sagte er: „Nur noch ein Gott kann uns retten.“

Alfred Denker: Was ich Heidegger abnehme, ist, dass ich als Philosoph immer weiter fragen soll und immer wieder das Selbstverständliche in Frage stellen soll. Eine Ideologie ist eine nicht mehr in Frage gestellte Theorie und deshalb gefährlich. Einfache Lösungen gibt es leider nicht und ein Rezept für den Himmel auf Erden auch nicht. Tod und Krankheit gehören zur menschlichen Existenz. Ewig leben können wir als Menschen nicht. Die Aussage „Nur noch ein Gott kann uns retten“ ist m.E. unglücklich, weil sie nicht ausgewiesen werden kann. Dazu kommt, dass wir in unserer Zeit die Gefahr von religiösen Ideologien kennen gelernt haben. Von „Nur noch ein Gott kann uns retten“ zu „Nur dieser Gott kann uns retten“ ist es ein kleiner Schritt. Ich würde lieber sagen (und das wäre m.E. Heideggers Gedanke): „Kein Mensch kann uns retten“. Nur wir endliche Menschen in unserem Zusammenleben können versuchen, diese Problemen zu lösen. Das ist nicht viel, aber zumindest etwas.

Kann man in Zeiten der größten Finanzkrise, die wir gerade erleben, Heideggers Technikanalyse in Zusammenhang mit den modernen Abgründen der Finanztechnik bringen? Wenn man sich die Auswüchse der globalen Finanztechnik betrachtet, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass „nicht wir die Technik in der Hand haben, sondern sie hat uns in der Hand“, um mit Heidegger zu sprechen…

Alfred Denker: Es ist eine wichtige Aufgabe, Heideggers Denken aufzugreifen, uns weiter zu entwickeln in Richtungen, die Heidegger nicht gegangen ist. Die Finanztechnik könnte als neue Erscheinung des „Gestells“ gedeutet werden. Vielleicht könnten wir dann sagen, dass das Geld vom Mittel zum Zweck geworden ist und gerade deshalb sein Wesen verfehlt. Heidegger würde sagen, dass die Krise der Finanztechnik finanztechnisch unlösbar ist. Die Versuche, Griechenland finanztechnisch vom Bankrott zu retten, belegen dies. Dies würde bedeuten, dass eine Systemänderung notwendig wäre, und diese könnte nur politisch durchgesetzt werden.

Der Widerspenstigen Zähmung

Hierzulande werden nun Imame ausgebildet. Doch ob sie in den Moscheen auch Gehör finden werden, ist noch längst nicht sicher

Das erste Zentrum für Islamische Theologie wurde an der Universität Tübingen feierlich eröffnet.

Das erste Zentrum für Islamische Theologie wurde an der Universität Tübingen feierlich eröffnet.

Nach den Empfehlungen des Wissenschaftsrates sollen in Deutschland an vier Standorten Zentren für Islamische Theologie gegründet werden. Vergangene Woche wurde das erste an der Universität Tübingen feierlich eröffnet. Schon seit Anfang des Wintersemesters wird dort das Fach Islamische Theologie gelehrt mit derzeit 36 Bachelorstudenten. Neben dem In-stitutsleiter, dem Koranwissenschaftler Omar Hamdan, sind vier weitere Professuren vorgesehen. An den Zentren für Islamische Theologie sollen in erster Linie Imame und Religionslehrer ausgebildet werden.

Die Etablierung einer deutschsprachigen und in Deutschland verorteten eigenständigen Islamischen Theologie ist längst fällig. Bisher kamen die Imame meist aus der Türkei und dann auch nur für wenige Jahre. Die überwiegende Mehrheit der Imame beherrscht die deutsche Sprache kaum. Sie können auch daher keine wirklich effektive Gemeindearbeit leisten. Besonders für die jungen Muslime hat das negative Auswirkungen. Sie werden am meisten davon profitieren, wenn in Zukunft die Imame ihre Predigten auch auf Deutsch halten.

Viel wurde in den letzten Monaten über die Rolle der Beiräte diskutiert. Die Professoren werden nach den jeweiligen Landeshochschulgesetzen durch Berufungskommissionen ausgewählt. Nach Abschluss des Auswahlverfahrens ist ähnlich wie bei den christlich-theologischen Fakultäten die Zustimmung des Beirates einzuholen. In diesen Beiräten werden meist Vertreter der großen muslimischen Verbände sitzen. Einige Kritiker befürchten, dass diese über die Beiräte versuchen werden, Einfluss zu nehmen. Einige äußern die Befürchtung, dass dadurch ein zu traditionelles oder orthodoxes Islamverständnis an den Universitäten gelehrt werden könnte. Die Frage, die man sich dann stellt, ist: Wenn nun nicht die größten Verbände ein Mitspracherecht in bekenntnisrelevanten Fragen haben dürfen, wer dann? Da der bekenntnisneutrale Staat nicht inhaltlich in die Frage der Gestaltung der Curricula eingreifen darf und er die Frage nicht prüfen darf, ob aus religiösen Gründen gegen Lehrende, Einwände bestehen, können nur die muslimischen Selbstorganisationen diese Aufgabe erfüllen.

Eine viel zu wenig diskutierte Problematik in der Etablierung der Islamischen Theologie in Deutschland ist aber vor allem die Frage, wie eigentlich die muslimische Basis zu dieser Entwicklung steht. Denn Hauptabnehmer der ausgebildeten Theologen werden über kurz oder lang die Moscheegemeinden sein. Zwar sehnen sich insbesondere viele junge Muslime deutschsprachige Imame herbei, die auch in Deutschland sozialisiert sind. Aber sie blicken auch kritisch auf diesen auffälligen Aktionismus des Staates.

Aberglaube und Irrglaube

Den Stimmen gegen den vermeintlichen negativen Einfluss der Verbände wird in der medialen Öffentlichkeit Gehör verschafft. Aber dass in der muslimischen Community ebenfalls Bedenken vorhanden sind, wird kaum wahrgenommen. Juristen wie Christian Walter sprechen im Zusammenhang mit der Einrichtung islamisch-theologischer Zentren von einem „legitimem Zähmungsinteresse“ des Staates. Bundesforschungsministerin Annette Schavan betont die Bedeutung eines aufgeklärten Islams, der vor Aber- oder Irrglaube schützen solle, und erhofft sich sogar von der Theologie einen wichtigen Beitrag für die Integration. Was nun jedoch Aberglaube oder Irrglaube ist, ist nach Ansicht vieler Muslime eben nicht Entscheidung der Politik, sondern in erster Linie ist dies eine Sache der Muslime selber. Es ist nicht Aufgabe der Politik, ob ein Glaube der Klärung oder Aufklärung bedarf. Für Gläubige, egal ob es um Christen oder Muslime geht, ist jede Einmischung der Politik in die inneren Belange der Glaubensverkündigung nicht hinnehmbar.

Es geht darum, die rechtliche Freiheit, die die christlichen Kirchen und auch das Judentum haben, dem Islam zu sichern. Hierfür braucht man aber vor allem unabhängige und freie Theologen. Unabhängig von den muslimischen Verbänden – aber auch unabhängig von der deutschen Politik. Denn was die deutschen Muslime gar nicht brauchen, ist eine politische Theologie, die eine dem Staat genehme Lehre verbreitet. Auch aus der Wissenschaft gibt es kritische Stimmen. Der Islamwissenschaftler Rainer Brunner spricht sogar von einer „entsäkularisierten Islamisierung der Integrationsdebatte“. Die Gründung der islamischen Theologie scheint für Brunner politisch gewollt zu sein: „Das hat in Verbindung mit verschiedenen anders gelagerten politischen Debatten der letzten zehn Jahre – etwa über die Sicherheitspolitik – eine, wie ich finde, geradezu groteske Überforderung und auch Erwartungshaltung der Politik zur Folge.“ Man wolle hier sozusagen einen aufgeklärten Islam europäischen Zuschnitts etablieren, ohne dass es dafür die strukturellen und personellen Voraussetzungen gäbe.

Wie sich die Theologie in den nächsten Jahren entwickeln wird, wird von der muslimischen Community genau beobachtet werden. Der Tübinger Institutsleiter Omar Hamdan formjulierte es so: „Ich bin Theologe, kein Politiker.“

http://www.freitag.de/politik/1203-der-widerspenstigen-z-hmung

Dubiose Machenschaften des Verfassungsschutzes sind nichts Neues

V-Männer des Verfassungsschutzes sind nicht nur in der Neonazi-Szene in zweifelhaften Rollen aufgefallen

Deutschland erlebt momentan einen seiner größten Geheimdienstskandale seiner Geschichte. Die politischen Verantwortlichen sind um Schadensbegrenzung bemüht. Es ist aber fraglich, ob sie das Vertrauen der Bürger in die Institutionen wieder herstellen können. Einige Politiker faseln – wie immer wenn es um Terror geht – von der Vorratsdatenspeicherung und einem NPD-Verbot. Es ist die übliche Pawlowsche Reaktion, die man immer wieder zu hören bekommt, wenn es etwa um den islamistischen Terrorismus geht.

Die Richtung, die die derzeitige Debatte um den Verfassungsschutz nimmt, führt aber an der eigentlichen Problematik vorbei. Schon werden der Öffentlichkeit Bauernopfer in Form einiger zwielichtiger Beamten beim Verfassungsschutz geliefert, deren Fehlverhalten und bedenkliche Gesinnung zu diesem Supergau geführt habe. Das Grundproblem liegt aber woanders.

Denn V-Männer des Verfassungsschutzes spielen nicht nur in der Neonazi-Szene eine dubiose Rolle. Wenn wir uns die spektakulären Fälle „islamistischer Zellen“ in den letzten Jahren vergegenwärtigen, spielten V-Männer immer eine besondere Rolle.

V-Männer in Islamistenszenen

Der Mentor der Sauerland-Gruppe etwa war ein gewisser Yehia Yousif, der mittlerweile in Saudi-Arabien lebt und eine Schlüsselrolle in der Radikalisierung der Mitglieder dieser Gruppe spielte. Yehia Yousif war zwischen 1995 bis 2002 im Dienste des baden-württembergischen Verfassungsschutzes. Interessant ist, dass bei einer Hausdurchsuchung in der Wohnung von Yehia Yousifs Sohn, Omar Yousif, Unterlagen für die Herstellung des Flüssigsprengstoffs TATP gefunden wurden, mit dem später die Sauerland-Gruppe auf dilettantische Weise experimentiert hatte. Seltsamerweise wurde sowohl gegen Yehia Yousif als auch seinen Sohn kein Auslieferungsantrag gestellt, nachdem sie sich 2004 nach Saudi-Arabien abgesetzt hatten.

Wieso wird in den Mainstream-Medien bisher die Rolle des Hasspredigers Yousif, der gleichzeitig auch Informant des Verfassungsschutzes war, nicht hinterfragt? Yousif hatte entscheidend zum Erstarken salafitischer Gruppen beigetragen. Gleichzeitig war er aber auch Lohnempfänger des Verfassungsschutzes.

V-Mann wird vor Gericht geschont

Erst im April diesen Jahres sorgte in einem weiteren Islamisten-Prozess in München ein V-Mann für Aufsehen. Acht mutmaßliche Terrorhelfer wurden beschuldigt, mit Videos von Selbstmordattentaten in Deutschland für den Terror geworben zu haben. Den Angeklagten wurde vorgeworfen, Teil der „Globalen Islamischen Medienfront“ (GIMF) zu sein.

Während des Gerichtsverfahrens kam aber heraus, dass der Anführer dieser Gruppe ein V-Mann des Verfassungsschutzes war. Die Bundesanwaltschaft hatte dies dem Gericht nicht mitgeteilt, obwohl sie davon unterrichtet war.

Der V-Mann Irfan P. habe aktiv die anderen Angeklagten „angeschoben“, so die Verteidigung. Die Mitläufer mussten sich vor Gericht verantworten; Irfan P. als Anführer dagegen wurde erst gar nicht angeklagt. Der 22 Jahre alte GIMF-Führer und mutmaßliche V-Mann soll monatlich 2500 bis 3000 Euro bekommen haben, seine Wohnung sei vom Verfassungsschutz bezahlt worden.

Laut dem Bundesanwalt sei P. erst nach seiner Zeit bei der Islamischen Medienfront als V-Mann aktiv gewesen, daher treffe der Vorwurf nicht zu. In welchem konkreten Zeitraum P. als V-Mann eingesetzt war, konnte der Ankläger jedoch nicht sagen. Das Gericht entschied daraufhin, dass diese Frage „momentan nicht verfahrensrelevant“ sei. So verschonte man Irfan P. davor, im Zeugenstand Rede und Antwort zu stehen (Terroristen und Sicherheitsbehörden).

Das sind nur zwei Beispiele aus den letzten Jahren dafür, wie V-Männer eben nicht lediglich Informationen für den Verfassungsschutz sammelten, sondern tragende Rollen einnahmen und aktiv ihren Beitrag zur Radikalisierung von Muslimen leisteten.

Durch eine Vorratsdatenspeicherung und damit einer weiteren Aushöhlung des Rechtsstaates wird man das Vertrauen des Bürgers in den Rechtsstaat nicht wiedergewinnen. Dafür ist vor allem eins nötig: eine lückenlose Aufarbeitung der dubiosen Machenschaften des Verfassungsschutzes.

http://www.heise.de/tp/blogs/8/150854

Buchveröffentlichung

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Auszug aus der Frühjahrsvorschau 2012 des Herder Verlages: Nicht Sarrazin. Güvercin! Die Rettung des Abendlandes. – Ein realistischer Blick auf die deutschen Muslime – Porträt einer Aufsteigergeneration, die unser Land positiv verändert – Vorwort von Feridun Zaimoglu – Streitschrift jenseits … Weiterlesen

Der Terrorist und sein Klon

Interview mit dem amerikanischen Schriftsteller und Theoretiker W.J. Mitchell über den Terror, das Klonen und die fatale Macht der Bilder.
Jenseits der religiösen Dimension dürfen wir nicht vergessen, dass unsere moderne Welt insbesondere heute durch die enorme Macht von allgemeinen Bildern dominiert wird. Die wurde in den letzten zehn Jahren durch den Terror und durch den gegen diesen geführten „Krieg“ verkörpert. Wie viele andere Ereignisse und Entwicklungen kulminierten beide Seiten der gleichen Medaille in symbolische Bilder. Dadurch nehmen sie nicht nur unbewussten Einfluss auf uns. Ihre Form verhindert auch ein wirkliches Nachdenken über die Wirklichkeit, für die sie angeblich stehen.
Zu dem Thema sprachen wir mit dem US-amerikanischen Autor William J. Thomas Mitchell. Er vergleicht die Gestalt des Terroristen mit der des Klons, und kommt dabei zu erstaunlichen Einsichten. Beides seien Symbole unserer Zeit, so Mitchell. Er ist Professor für Englisch und Kunstgeschichte an der Universität Chicago, Herausgeber von „Critical Inquiry“ und Gastdozent am Karlsruher ZKM. Sein Buch „The Last Dinosaur Book“ war für den Pulitzer-Preis nominiert.

Mitchell: "Der Satz „Das Klonen und der Terror“ - der Titel meines Buches - wurde zu einem Ausdruck, um die Art und Weise zu beschreiben, wie der Krieg gegen den Terror immer neue Terroristen hervorbrachte."
Mitchell: „Der Satz „Das Klonen und der Terror“ – der Titel meines Buches – wurde zu einem Ausdruck, um die Art und Weise zu beschreiben, wie der Krieg gegen den Terror immer neue Terroristen hervorbrachte.“

Professor Mitchell, in ihrem Buch „Das Klonen und der Terror (engl. Cloning Terror)“ reflektieren sie über die Beziehung zwischen Klonen und Terror. Was haben die beiden, verschiedenen Dinge denn gemeinsam?

William J. Thomas Mitchell: Zuerst einmal fallen das Zeitalter des Terrors und die Ära des Klonens (oder, was ich auch als „Bio-Kybernetik“ bezeichne) zusammen. Das Klonen ist die heraufziehende Reproduktionstechnologie unserer Tage, genauso wie es die mechanische Vervielfältigung in der Zeit [des Philosophen] von Walter Benjamin war. Der Terror ist das neue Antlitz des Krieges in unserer Zeit. Er ist dezentralisiert, anonym, ohne Vorder- oder Rückseite oder einen staatlichen Sponsor. Und die westliche Reaktion auf ihn – der so genannte „Krieg gegen den Terror“ – ist eine große Neuerung in militärischen Angelegenheiten. Terror ist eine sehr alte Taktik, aber die Vorstellung eines globalen Krieges dagegen ist etwas sehr neues. Mein Buch bemüht sich um die Entdeckung der Überschneidung beider neuen Entwicklungen: einerseits in der Techno-Wissenschaft und andererseits auf dem Gebiet des Krieges.

Sehen sie Ähnlichkeiten zwischen der Gestalt des Terroristen und der des Klons?

Mitchell: Beide – der Terrorist und der Klon – sind Schreckensfiguren. Sie gehören der endlosen Duplikation identischer Lebensformen an. Beides sind Figuren der Anonymität und der Gesichtslosigkeit. Dies belegt ihre Darstellung als maskierte und vermummte Gestalten. Die Armee der Klone (aus dem „Krieg der Sterne“) repräsentiert die neue Masse gleichförmiger Schocktruppen. Alle sind gewillt, sich in Selbstmordkommandos zu opfern. Sowohl der Klon, als auch der Terrorist unterstreichen die Reduktion des Kriegers auf das nackte, instrumentalisierte Leben – ohne Individualität, Heroismus oder Werte. Dies ist natürlich ein Blick von Außen: Terroristen sehen sich selbst als Helden und Märtyrer. Und Erzählungen von menschlichen Klonen beschreiben sie als Individuen mit einer Seele wie alle anderen Menschen auch. Es handelt sich hierbei um eine Frage des Standpunktes.

Sie äußerten, dass es eine sprachliche Übertragung in den Debatten um den Terror und das Klonen gibt?

Mitchell: Ja, das betrifft insbesondere die Sprache der Biotechnologie. Beinahe unausweichlich wird der Terrorismus in der Sprache von ansteckenden Krankheiten oder Autoimundefekten beschrieben – als Virus, Krebs oder Seuche. Komplett mit „Schläferzellen“. Oft gilt der Terror auch als führerlose Erscheinung, die über keine zentrale Befehlsgewalt oder Autorität verfügt.
Der Satz „Das Klonen und der Terror“ – der Titel meines Buches – wurde zu einem Ausdruck, um die Art und Weise zu beschreiben, wie der Krieg gegen den Terror immer neue Terroristen hervorbrachte. Es scheint, als ob die „Heilung“ die Wirkung hatte, das Fortschreiten der Krankheit noch zu beschleunigen.

Sie sprechen von neuen Technologien der Bilderzeugung und -verbreitung, die den Antiterrorkrieg begleiten und bezeichneten diese als „biodigitale Bilder“. Was ist damit gemeint?

Mitchell: Das Klonen wird zum führenden Gleichnis für die Bildwiedergabe unserer Zeit. Bei Photoshop gibt es gar ein „Klon-Werkzeug“, mit dem ein bestimmter Bildausschnitt genau dupliziert werden kann. Das digitale Bild ist auf einer Ebene genauso wie der Klon; beides sind „tiefe Kopien“. Sie reproduzieren nicht nur die scheinbare Oberfläche, sondern auch den ihnen zu Grunde legenden Code, der das Bild bestimmt. Wie die in der DNS enthaltenden Anweisungen, die die Nachbildung eines Organismus steuert, enthält ein digitales Bild heute Metadaten mit Anweisungen für seine Vervielfältigung. So werden die Verdopplung und Übertragung von Bildern enorm beschleunigt. Heute ist es möglich, dass sich ein Bild in den sozialen Netzwerken ausbreiten kann und mit bemerkenswerter Geschwindigkeit weltweit zugänglich ist. Das Klonen wird so zum Gleichnis für die moderne Schaffung von Bildern. Aber es handelt sich dabei auch um eine sprichwörtliche Realität. Die Umsetzung des antiken Traums von der Anfertigung – nicht nur einer Kopie -, sondern einer lebendigen funktionsfähigen Kopie, eines lebendigen Dings. Warum sich mit einem Foto der verstorbenen Mutter begnügen, wenn man sie klonen könnte? Das ist das Schreckgespenst einer neuen, heraufziehenden Reproduktionsweise, das unsere Zeit heimsucht.

Wir alle kennen die berüchtigten Bilder aus Abu Ghraib. Warum wurden sie derart “populär“ und warum reproduzieren die Medien sie immer wieder?

Mitchell: Ich würde sie nicht „populär“ nennen. Es wurden anfangs große Bemühungen unternommen, sie zu unterdrücken. Die meisten Menschen fanden sie abstoßend und verstörend. Aber sie hatten eine wichtige Wirkung in der Offenlegung der eigentlichen Vorgänge und Dinge, die unter dem Etikett der „verschärften Verhörtechniken“ in geheimen US-Gefängnissen vor sich gehen. Das zentrale Bild aus Abu Ghraib, das zum Symbol des gesamten Skandals wurde, war der vermummte Mann auf der Kiste. Jenes Bild machte die virtuelle Runde und wurde zu einer allgemeinen Ikone des Protestes gegen die US-Invasion des Iraks, sowie gegen den Anti-Terrorkrieg im Allgemeinen. In meinem Buch schreibe ich einiges über die Wirkung dieses Bildes. Wegen seines formalen, symmetrischen Charakters ist es sofort wiedererkennbar – wie ein Unternehmenslogo. Es ist ein unheimlicher Widerhall der christlichen Passion. All diese Faktoren kommen zusammen und brennen dieses Bild in unser Gedächtnis ein.

Welche Folge hatten der 11. September 2011 und der Krieg gegen den Terror auf die Welt der Bilder?

Mitchell: Der 11. September 2011 war natürlich ein wichtiges Ereignis in der Geschichte der visuellen Kultur. Es war eine globale Zuspitzung, die – in der Mediengeschichte – ihr größtes Publikum im Fernsehen fand. Der Krieg gegen den Terror war, vom Standpunkt des „Spektakels“ betrachtet, eher eine bedrückende Angelegenheit. Es gab viele Versuche, ein monumentales Bild des Sieges zu schaffen – der Fall von Statuen Saddam Husseins oder das Foto von George W. Bush in Pilotenmontur vor dem Banner „Auftrag ausgeführt (Mission Accomplished)“. Aber sie hatten nur eine geringe Wirkung, oder provozierten gar Spott. Der Krieg gegen den Terror hat wenige spektakuläre und unwiderstehliche Bilder des Erfolgs hervorgebracht. Das liegt daran, dass ein komplettes Scheitern ein kolossaler Fehler ist. Dies wird sofort deutlich, wenn man über den gleichnishaften Charakter der Satzung „Krieg gegen den Terror“ nachdenkt. Wie kann man Krieg gegen eine Emotion führen? Wäre es sinnvoll, Krieg gegen Nervosität zu führen? Ich denke, dass es symptomatisch ist, dass das Bild des „Endsieges“ in diesem Krieg – namentlich das Bild des toten Usama bin Laden – unterdrückt wurde. Der große „Sieg“ in diesem endlosen Krieg bleibt unsichtbar. Alle beeindruckenden Bilder sind solche der Niederlage – die mit Flaggen datierten Särge von US-Soldaten, tote Dorfbewohner nach einem US-Drohnenangriff oder die verstümmelten beziehungsweise geköpften Körper von Geiseln. Der Krieg gegen den Terror war in diesem Sinne ein Triumph der kollektiven Blindheit und der abwesenden Kultur. Hier handelt es sich um die Weigerung, genau hinzuschauen, sowie um den Versuch, das, was in unserem Namen getan wurde, hinter diesem monströsen Gleichnis zu verbergen.

In einem Interview beschrieben sie, was ein junger Taliban über die zerstörten Statuen in Bamiyan erzählte. Er sagte, dass man sie nicht zerstört habe, weil man sie gehasst hätte, sondern „weil ihr sie so sehr liebt. Gebt uns fünf Millionen Dollar, damit wir unsere Kinder ernähren können, und wir behalten die Statuen“. Illustriert diese Geschichte den verbreiteten Glauben an Bilder?

Mitchell: Sie sagt uns viel über Bilder, und den Glauben, der sich um sie ballt. Götzendienst, die Anbetung von Bildern, scheint etwas zu sein, was wir unseren Feinden zuschreiben. Die Taliban waren sich bewusst, dass die Statuen von Bamiyan von Buddhisten nicht als Idole benutzt wurden. Aber sie betrachteten sie als Götzen anderer Natur – als Idole „westlicher Werte“, die steinerne Statuen über lebendige Kinder erheben. Von ihrem Standpunkt aus betrachtet war dies einleuchtend, obwohl ich denke, dass sie besser beraten gewesen wären, wegen der Statuen um ein Lösegeld zu verhandeln. So viel haben sie ja nicht gefordert. Diese Geschichte illustriert auch die Nutzlosigkeit der eingesetzten, irrationalen Gewalt. Wir zerstörten die Statuen von Saddam Hussein im Irak, um spektakuläre Zeichen des „Sieges“ zu produzieren. Diese Zerstörung hat keinen realen Effekt. Und – in einem Fall – war die Verhüllung einer Statue mit der amerikanischen Fahne die unbequeme Enthüllung, dass die amerikanische Mission der Eroberung und Kolonisierung diente. Meiner Meinung nach sollten wir die Bilder in Ruhe lassen. Der Versuch ihrer Zerstörung hat oft zur Folge, dass sie noch stärker werden.

Lieber Herr Professor Mitchell, vielen Dank für das Interview.

Über intellektuelle Vielfalt in der muslimischen Tradition

Noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts hatten Pilger die Möglichkeit, in der Moschee von Mekka Rechtsgutachten von Gelehrten der vier Rechtsschulen des Islam einzuholen. Auch wenn diese sicherlich von der Richtigkeit ihres eigenen Wissens überzeugt waren, akzeptierten sie gleichzeitig, dass es verschiedene, im Islam anerkannte Wege gibt, zu korrekten Urteilen zu gelangen.

In den letzten fünfzig Jahren kam es aber in Teilen der muslimischen Welt, allen voran der arabischen, zu verheerenden Verzerrungen, an deren Ende eine unduldsame Geisteshaltung stand, die nicht bereit ist, unterschiedliche Meinung anderer, praktizierender Muslime anzuerkennen. So kann es passieren, dass einem der Vorwurf der „Bi’da“ an den Kopf geworfen wird, wenn man Dinge macht, die seit der Zeit der Salaf [der ersten muslimischen Generation] anerkannt waren. Um zu erfahren, wie und warum es zu einer solchen Degeneration des Denkens nach dem Kontakt mit der Moderne kam, sprachen wir mit Prof. Thomas Bauer.

Im Jahr 2000 wurde er als Professor für Islamwissenschaft und Arabistik an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster berufen. Im selben Jahr wurde Prof. Bauer Direktor des Instituts für Arabistik und Islamwissenschaft. Von 2002 bis 2005 war er Direktor des „Centrums für Religiöse Studien“ an der Universität Münster. Im akademischen Jahr 2006/2007 war Bauer Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin im Projekt „Die Kultur der Ambiguität“. Ab Mitte Juli ist ein gleichnamiger Titel Bauers im Buchhandel erhältlich.

Prof. Thomas Bauer: "In der islamischen Geschichte haben wir nun tatsächlich eine hohe Toleranz gegenüber Andersgläubigen"

Prof. Thomas Bauer: "In der islamischen Geschichte haben wir nun tatsächlich eine hohe Toleranz gegenüber Andersgläubigen"

Herr Prof. Bauer, wenn man sich in der Islamdebatte die verschiedenen Akteure anschaut, ist es erstaunlich, wie „Islamisten“ und „Islamkritiker“ ein ähnliches Bild vom Islam zeichnen, nämlich dass der Islam für eine Kultur der Eindeutigkeit stehe – und daher keine Meinungsverschiedenheiten zulasse. Wenn wir uns die islamische Tradition jedoch anschauen, kann diese Verklärung des Islams überhaupt den historischen Fakten standhalten?

Thomas Bauer: Es ist natürlich so, dass es zu allen Zeiten ein breites Spektrum dessen gab, was wir unter Islam zusammenfassen. Es war in der Geschichte nicht anders als heute. In der Geschichte war es aber so, dass Positionen, die sagten, wir sind die einzigen, die Recht haben, und alle anderen sind Ketzer, keine richtigen Muslime etc., die Randposition war.

Als zum Beispiel im 18. Jahrhundert die Wahhabiten aufkamen, da gab es zahlreiche Fatwas, die sagten, die Wahhabiten stehen nicht mehr auf dem Boden des Islams, weil sie alle, die anders denken, verketzern. Gerade das Verketzern des Anderen galt als etwas, was die Menschen aus dem Islam ausschließt.

In der Gegenwart ist es tatsächlich so, dass viele Menschen, und zwar gerade die „Fundamentalisten“ auf der einen Seite und die so genannten Islamkritiker auf der anderen Seite ganz genau wissen, was der wahre Islam ist, und darunter verstehen sie eine Form des Islams, die nicht den Mainstream, nicht den breiten Strom des Islams repräsentiert, wie er in der Geschichte war.

In Ihrem neuen Buch „Die Kultur der Ambiguität – Eine andere Geschichte des Islams“ kommen Sie zu dem Schluss, dass der Islam viel toleranter war und ist, als der Westen meint. Kann man das so in dieser Eindeutigkeit formulieren, oder spiegelt dieses Bild vom Islam, das im Westen vorherrscht, nicht auch die geistig-intellektuelle Lage der heutigen islamischen Welt wider?

Thomas Bauer: Man muss zwei Sachen unterscheiden. In meinem Buch spreche ich in erster Linie darüber, was ich Ambiguitätstoleranz nenne, also die Tatsache, dass man verschiedene Ansichten zulässt, dass man einzelne Lebensbereiche auch als von verschiedenen Normsystemen gleichzeitig geregelt akzeptiert. Toleranz ist etwas anderes. Toleranz ist das Zulassen von dem, was einem eigentlich zuwider ist, was man ablehnt.

Nun ist es so – die Psychologie und die Geschichte zeigen es -, dass solche Gesellschaften, die eine hohe Ambiguitätstoleranz haben, also die auch ein gleichzeitiges Nebeneinander verschiedener Werte akzeptieren können, und zwar positiv akzeptieren können, dass diese toleranter auch gegenüber dem sind, was sie eigentlich ablehnen. In der islamischen Geschichte haben wir nun tatsächlich eine hohe Toleranz gegenüber Andersgläubigen, eine wesentlich höhere Toleranz als es in Europa je der Fall war.

Wir haben aber auch ein deutliches Nachlassen dieser Toleranz in dem Augenblick, in dem eine Ideologisierung stattfand, also ab dem 19. Jahrhundert und im 20. Jahrhundert dann noch stärker. Das sehen sie zum Beispiel daran, dass in der Türkei noch am Ende des Osmanischen Reichs, als ein Viertel oder ein Drittel der Bevölkerung keine Muslime waren, die Ideologie des Nationalismus dazu führte, dass die Zahl der Minderheiten enorm abgenommen hat, und dass es Verfolgungen und Vertreibungen von Minderheiten gegeben hat. Hier hat eine Übernahme einer Ideologie – und Ideologien sind prinzipiell ambiguitätsintolerant – auch dazu geführt, dass die Toleranz abgenommen hat.

Wenn man sich etwa den Disput zwischen Ghazali und Ibn Rushd anschaut, wurde in dieser Zeit sehr kontrovers und offen über Glaubensgrundlagen debattiert. Es herrschte eine geistige Dynamik, die man heute bei den zeitgenössischen Gelehrten in dieser Form nicht mehr findet. Was sind die Gründe dieser geistigen Krise in der islamischen Welt?

Thomas Bauer: Man redet oft von einer Erstarrung oder auch von einem Niedergang der islamischen Welt. Ich glaube, dass es richtig ist, von einer solchen Erstarrung erst ab dem 19. Jahrhundert zu reden. In früheren Jahrhunderten hat man intensive und kontroverse Debatten geführt. Aber in vielen davon, zum Beispiel im islamischen Recht, hat man gar nicht darauf beharrt, dass man selber recht hat, sondern gesagt, ich habe eine Position, die gilt, die andere Position gilt daneben auch.

Als man aber mit einem wirtschaftlich und militärisch übermächtigen Westen konfrontiert war, der genaue Antworten haben wollte, und dem man entgegen trat, indem man Ideologien bildete – auch islamistische Ideologien, die den westlichen Ideologien ebenbürtig waren – da hörte diese Ambiguitätstoleranz, dass man verschiedene Meinungen nebeneinander dulden kann, auf. Dies führte zu einer Erstarrung des Traditionalismus.

Der traditionelle Islam, den es ja gibt in Form von Religionsgelehrten, ist heute in der Verteidigungsposition, und kaum einer wird mehr sagen, wir sind stolz darauf, dass wir mehrere Rechtsschulen oder viele verschiedene Lesarten des Qur’ans haben. Im 19. und 20. Jahrhundert hat sich die ideologische Antwort als die attraktivere herausgestellt, und so haben wir heute die vielen fundamentalistischen – ich nenne sie einmal so – Strömungen einerseits, andererseits liberale, wesentlich sympathischere Strömungen, die aber auch sehr eindeutig auf ihre Position verharren und die Vielfalt nicht zulassen.

Was ich mir vorstellen kann, ist, dass man heute – nach dem Mentalitätswandel und dem Verschwinden der alten Autoritätshörigkeit, wie sich das im „arabischen Frühling“ gezeigt hat – bald wieder mehr Mut haben wird, die alte klassische Vielfalt wieder zu entdecken und für die Moderne nutzbar zu machen.

Heute beobachtet man sowohl bei so genannten „liberalen“ Muslimen als auch bei „konservativen“ Muslimen die Haltung, dass sie bestimmte Verse richtig deuten, und dass die jeweilige andere Seite es eben falsch deute. Wie war das bei den Gelehrten im klassischen Islam?

Thomas Bauer: Es gab natürlich immer unterschiedliche Grade der Rechthaberei. Aber wenn sie jetzt in einen ganz normalen – und ich verwende es in Anführungszeichen – „orthodoxen“ Korankommentar schauen, erkennt man schnell diese Vielfalt. Mein Lieblingsbeispiel ist Al-Mawardi, weil er auch noch die unterschiedlichen Deutungen durchnummeriert. Das sieht dann etwa so aus: „Zu diesem Vers gibt es sechs verschiedene Deutungen“, und dann listet er sechs Deutungen auf, die aus verschiedenen Epochen von verschiedenen Gelehrten kommen können, und dann fügt er manchmal noch hinzu, ja es wäre aber auch noch eine siebte Deutung möglich. Das ist dann seine eigene, aber er ist weit davon entfernt zu sagen, dass diese die einzig richtige ist, sondern eine, die eventuell auch noch stimmen könnte. Von diesen sieben Deutungen kann es sein, dass nicht alle stimmen. Manchmal sagt er ausdrücklich, diese Ansicht ist aber weit her geholt. Aber dass nur eine der verschiedenen Deutungen stimmen kann, das meint er nicht, denn er geht davon aus, dass Gott in den Qur’an so viele Deutungen hineingelegt hat, dass man daraus zu allen Zeiten etwas neues herausfinden kann.

Der Qur’angelehrte Ibn Al-Dschazari aus dem 14. Jahrhundert hat etwa gefragt, warum es nach Mohammad keine weiteren Propheten mehr geben muss. Seine Antwort war: Das liegt daran, dass im Qu’ran alle Deutungen für die Zukunft schon angelegt sind. Solche, die man schon entdeckt hat, und solche, die man erst in der Zukunft entdecken wird. Eine solche Offenheit dem offenbarten Text gegenüber findet man heute in vielen Kreisen nicht mehr.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass der Islam nicht so engstirnig sei, wie es heute von einigen Strömungen behauptet wird. Was waren die Gründe für diese Entwicklung?

Thomas Bauer: Es ist ja so, dass Menschen in aller Regel nicht Normen leben. Das tun wir heute auch nicht. Aber wenn wir Normen akzeptieren, dann glauben wir, dass wir sie eigentlich leben müssten, und dass sich diese Normen in ein einheitliches, widerspruchsfreies und in sich stimmiges System fügen, das Stütze unserer Identität ist. Dieses Bedürfnis nach einer einheitlichen, in sich restlos stimmigen Identität, die wir auch tagaus tagein versuchen zu leben, das gab es offensichtlich über viele Jahrhunderte hinweg in diesem Ausmaß nicht.

Was waren die Gründe dafür, dass ab dem 19. Jahrhundert die Mehrdeutigkeit aufhörte? Was für eine Rolle spielten modernistische Strömungen im Islam dabei?

Thomas Bauer: Es ist ein Konglomerat von gesellschaftlichen, politischen und anderen Ursachen, die ja auch von Region zu Region keineswegs einheitlich waren. Es lässt sich soviel sagen, dass einige Ansätze, die wohl in der islamischen Welt selber ihren Ursprung haben wie der Wahhabismus – allerdings in einer peripheren Region mit erst einmal sehr wenig Resonanz – etwas anstießen, was dann weitere Verbreitung fand, weil es die Möglichkeit gab, aus islamischem Material eine Ideologie zu formen, mit der man westlichen Herausforderungen etwas entgegensetzen konnte. Vieles war politisch motiviert. Panislamismus, die Muslimbrüder, verschiedene salafitische Strömungen, und dies in Konkurrenz zu noch offensichtlicher westlichen Ideologien wie Nationalismus und Kommunismus: Eine ideologische Welle löste die andere ab, und in diesen ideologischen Kämpfen, die vielfach nur die ideologischen Auseinandersetzungen in Europa widerspiegeln, bildeten sich neue Auffassungen über das, was als „richtiger“ Islam zu gelten hat, heraus und es entstanden Strömungen, die den Islam viel ideologischer und starrer sahen als dies vorher der Fall gewesen war.

Man kann hoffen, dass wir jetzt wieder in ein post-ideologisches Zeitalter eintreten. Ich habe an einer Stelle in meinem Buch ja gesagt, dass viele Herangehensweisen etwa an die Pluralität der Lesarten des Qur’ans an postmoderne Zugänge zu Texten erinnern, und dass eine in diesem Sinne postmoderne Entwicklung vielleicht wieder vor der Tür steht.

Lieber Herr Prof. Bauer, wir bedanken uns für das Gespräch.

Liberaler vs. konservativer Islam?

Am Kern oder den Grundwahrheiten einer Religion festzuhalten, hat nichts mit konservativ zu tun. Liberal ist heute ein genauso substanzloser Begriff wie konservativ. Der Unterschied ist allein: liberal wird positiv aufgefasst und konservativ negativ.

Eren Güvercin: "Die beiden Ausformungen des politischen Islam, in Form einer „liberalen“ und „konservativen“ Ausrichtung, spiegeln in keiner Weise die Lebenswirklichkeit der Muslime in Deutschland wider."

Eren Güvercin: "Die beiden Ausformungen des politischen Islam, in Form einer „liberalen“ und „konservativen“ Ausrichtung, spiegeln in keiner Weise die Lebenswirklichkeit der Muslime in Deutschland wider." (Foto: Volker Hackmann)

Es sind nur Schlagworte, mit denen man freilich kräftig zuschlagen kann. Eine Religion sollte doch aus ihren eigenen Wahrheiten zu Selbstbestimmungen gelangen. Denn ihre Wahrheit hat es nicht mit den schwankenden und leicht veränderlichen Mutmaßungen oder Wünschbarkeiten des gesellschaftlichen oder politischen Lebens zu tun. Von heute auf morgen kann die CDU in der Frage der Nutzung der Atomkraft zu völlig neuen Entschlüssen gelangen. Eine Partei beruht nicht unbedingt auf Prinzipien, sie kann ihre Grundsätze so hoch halten, dass man bequem darunter hinweg laufen kann.

Religionen reden von der Wahrheit, die nicht der Zeit und der Aktualität unterworfen sind, die vielmehr den in den wechselnden Zeiten Lebenden Halt und Orientierung geben können. Zeiten, in denen nur noch mit stets überholbaren Wissensbeständen auf einem Markt der Möglichkeiten gerechnet wird, empfinden den Wahrheitsanspruch als Herausforderung. In einer auch geistig vollendeten Marktwirtschaft, die neuwertige Angebote verlangt, täglich frisch auf den Tisch, ist die dauernde Wahrheit ein Skandal. Eine Religion, die sich dazu entschließt, Meinungen und Möglichkeiten in bunter Vielfalt anzubieten, um Kunden zufriedenzustellen, verfehlt ihre Aufgabe. Bei aller Vielfalt in zweitrangigen Sachen – eine Einheit muss die Vielfalt schon zusammenhalten, ein Band, das viele Blüten umschlingt und sie damit zu einem Strauß macht und die Vielen geeint beieinander hält.

Sowohl der sogenannte „liberale“ als auch der „konservative“ Islam, der sich in der aktuellen Islamdebatte kristallisiert, sind Ausformungen eines politischen Islam. Bisher hatten immer äußere Faktoren dazu geführt, dass mal die eine und mal die andere Form des ideologischen Islams Hochkonjunktur hatte. Der von der herrschenden Meinung kritisierte „konservative“ politische Islam ist vor allem in Folge der Krise des arabischen Nationalismus entstanden. Der französischer Politikwissenschaftler Gilles Kepel etwa sieht zurecht in der Reduktion des Islam auf eine politische Bewegung ein neues Phänomen, mit einer Mischform westlich-politischen Denkens und Islam. In der deutschen Islamdebatte versuchen beide Formen des politischen Islam, in Form einer „liberalen“ und „konservativen“ Ausrichtung, den alleinigen Vertretungsanspruch geltend zu machen. Während „konservative“ Verbände wie etwa Milli Görüş stolz auf ihre zahlreichen Moscheen und Mitgliederzahlen verweisen, betonen die Vertreter eines ‚liberalen‘ Islam wie etwa der Liberal-Islamischer Bund (LIB), dass sie die „schweigende Mehrheit“ der Muslime vertreten würden, die sich eben nicht durch die ‚konservativen‘ Verbände angesprochen fühlen. Wie viel Mitglieder der LIB in Wirklichkeit hat, ist nicht bekannt.

Die Lebenswirklichkeit der Muslime
Diese beiden Ausformungen des politischen Islam spiegeln jedoch in keiner Weise die Lebenswirklichkeit der Muslime wider. Den Muslimen ist aus ihrer Geschichte heraus ein durchorganisierter Islam mit Mitgliederverzeichnissen und Vereinsstrukturen eher fremd. Vielmehr haben zivilgesellschaftliche Initiativen wie etwa die Stiftungen (Awqaf) eine wichtige Rolle gespielt. In den Stiftungen geht es nicht wie bei den Verbänden mit ihrem Vertretungsanspruch um den Willen zur Macht, sondern es geht um eine zivilgesellschaftliche Beteiligung. Lokale Einrichtungen wie etwa die Moscheen, Märkte und Stiftungen haben das gesellschaftliche Leben ausgemacht und waren spiritueller, sozialer und ökonomischer Natur. Der politische Islam – egal welcher Couleur – löst eben diese gemeinschaftliche Lebenspraxis auf. Dabei kopiert der politische Islam westliche Vorbilder und die Idee, dass Macht organisierter Wille sei. Gerade heute spielt etwa die Etablierung von Stiftungen als eine Ausprägung authentisch islamischer Gemeinschaftsstrukturen eine wichtige Rolle, um schlussendlich einen Mittelweg zwischen Individualismus und Verbandskultur zu finden. Denn Stiftungen sind mehr als nur Politik oder Kultur.

Hier kann die neue Initiative junger Muslime mit dem Namen „Alternative Islamkonferenz“, die von dem Schriftsteller und ehemaligen Teilnehmer der Islamkonferenz Feridun Zaimoğlu unterstützt wird, einen fruchtbaren Impuls geben. Denn es ist höchste Zeit, dass die deutschen Muslime die ewige Dialektik zwischen einem „liberalen“ und „konservativen“ Islam überwinden und eine Debattenkultur etablieren, um die relevanten Fragen unserer Zeit auch kontrovers zu diskutieren. Statt nur in der Öffentlichkeit übereinander zu sprechen und dabei durch die Verwendung von Labels wie „liberal“ oder „konservativ“ die Dialektik zu vertiefen, muss mehr miteinander debattiert werden.

Politisierung der Lehre
Bisher hat sowohl der von Politik und Medien geförderte „liberale“ politische Islam als auch der sich ethnisch abgrenzende „konservative“ politische Islam die freie islamische Zivilgesellschaft verhindert und durch Kontrolle ersetzt. Der natürliche Feind der Stiftung ist der Verbandsfunktionär, denn der politische Islam stellt mit seinem Willen zur Macht die Politik über das Recht und gefährdet somit auch die Unabhängigkeit der Lehre. Ein muslimischer Denker sagte einmal, dass der Islam korrupte Politiker überlebe, nicht aber korrupte Ulama (Theologen). Diese Politisierung der islamischen Lehre mündet in dem Denken, dass jemand, der nur einmal in der Woche das islamische rituelle Gebet verrichtet – überspitzt formuliert – als „liberal“ und „aufgeklärt“ gilt, wohingegen jemand, der das Gebet gemäß der Orthodoxie praktiziert als „konservativ“ oder „nicht aufgeklärt“ markiert wird.

Diese von außen seitens der Politik und Gesellschaft aufgezwungene Dialektik wird bewusst oder unbewusst von den „liberalen“ Vertretern des politischen Islams bedient. Der entscheidende Punkt ist aber, dass man weder „liberal“ noch „konservativ“ beten kann, weswegen sich auch die Muslime gegen die Politisierung ihrer über Jahrhunderte unumstrittenen Riten der islamischen Lebenspraxis wehren. Der öffentliche Druck, der einen „guten Islam“, also einen relativierenden Islam schaffen will, findet an der Basis keine Resonanz.

Aber auch unter deutschen Islamwissenschaftlern melden sich immer mehr kritische Stimmen, die sich gegen diese Politisierung richten. Der Islamwissenschaftler Dr. Rainer Brunner, der am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) in Paris forscht, beobachtet mit einer gewissen Ambivalenz die Etablierung der Lehrstühle für Islamische Theologie an deutschen Universitäten. „Die ganze Angelegenheit einer Gründung der islamischen Theologie scheint mir politisch gewollt zu sein. Das hat natürlich dann wiederum in Verbindung mit verschiedenen anders gelagerten politischen Debatten der letzten zehn Jahre – etwa die Sicherheitspolitik – eine wie ich finde geradezu groteske Überforderung und auch Erwartungshaltung der Politik zur Folge“, so Brunner. Man wolle hier einen aufgeklärten Islam europäischen Zuschnitts etablieren, ohne dass es dafür im Augenblick sichtbar irgendwelche strukturellen und personellen Voraussetzungen gebe, betont Brunner. An deutschen Universitäten sollen zukünftig nicht nur Imame ausgebildet werden, sondern gleichzeitig auch Kompetenzen in Sozial- und Integrationsarbeit den zukünftigen Imamen vermittelt werden. Dadurch betreibe man – und das ist Brunners Hauptkritikpunkt – eine weitgehende „entsäkularisierte Islamisierung der Integrationsdebatte“.

Zähmungsinteresse des Staates
Erst kürzlich sprach der Münsteraner Jurist, Christian Walter, im Zusammenhang mit der Einrichtung islamisch-theologischer Zentren von einem „legitimen Zähmungsinteresse“ des Staates. Diese Herangehensweise ist aber mehr als bedenklich. Denn es gehört nicht zu den Aufgaben eines Staates, was für eine Theologie gelehrt wird oder nicht. Das ist allein die Aufgabe der Muslime selbst. Auch wenn die Bundesbildungsministerin Annette Schavan darauf hinweist, dass ein aufgeklärter Islam die Muslime vor Aberglaube oder Irrglaube schützen solle, ist es nicht Aufgabe des Staates zu beurteilen, was nun Aberglaube oder Irrglaube ist. Von einem wie auch immer gearteten Zähmungsinteresse des Staates hält Brunner wenig: „Was nun diese Erwartung anbelangt ein ‘Zähmungsinteresse’ zu haben, halte ich es da eher mit dem französischen Islamwissenschaftler Olivier Roy, der die These vertritt, die Entkoppelung der Religion – er spricht dabei nicht nur von einer Religion, sondern von Religion allgemein – von der umgebenden Kultur sei ein Hauptmotiv oder ein Hauptgrund für die Radikalisierung von Religionen.“ Wenn man dieser These folge, so Brunner, dann mute ihm der Versuch über eine staatlich protegierte Theologie, eine Religion zähmen zu wollen, eher wie dem Versuch den Senf wieder in die Tube zurückzudrücken.

Auch den gläubigen Christen ist dies sehr vertraut, da viele katholische Christen und noch mehr die protestantischen vor dem Anspruch der Politiker, alles zu politisieren, kapituliert haben.

Von Carl Schmitt weißt man, dass man alle Lebensbereiche politisieren, ideologisch – politisch durchdringen kann. Religiöse und nicht politische Christen – ein Unterschied, den der Kirchenrechtler Hans Barion machte – kämpfen um einen Freiraum in der Gesellschaft und auch in ihrer Kirche, in dem sie unbelästigt von politischer Manipulation und gesellschaftlicher Indoktrination ihrem Glauben mit Glaubensgenossen leben können.

Ohne Etikette
Manche muslimischen Gemeinschaften machen die gleichen Fehler wie schon längst die Christen. Ein liberaler oder konservativer Islam ist eine ähnlich inhaltslose Ärgerlichkeit, wie ein liberales oder konservatives Christentum. Sowohl im Islam wie im Christentum geht es um die Wahrheit, die den Einzelnen aufruft und verpflichtet. Sie steht jenseits und über den wechselnden politischen Konstellationen.

Immer wieder gibt es die Klage deutscher Politiker, dass der Dialog mit den Muslimen so schwer falle, weil keine Einrichtung wie die Kirche mit Autorität für alle sprechen könne. Der Staat lechzt aus Angst vor der Freiheit, die seine Verfassung verspricht, nach Funktionären, die mit ihresgleichen, eben mit Funktionären verhandeln und Verträge schließen. Der Staat denkt in Apparaten und will, dass Glaubensgemeinschaften in diesem Sinne funktionieren. Die meisten Muslime wollen ganz einfach ihre Religion leben, die kein politisches oder kulturelles Bekenntnis bedeutet. Auch Christ zu sein, bedeutet keineswegs, sich zu einer Leitkultur zu bekennen.

Im Grunde geht es in beiden Fällen um die Freiheit. Keiner hat das Recht, jemanden vorzugeben, wie er seine Freiheitsrechte lebt, übrigens auch nicht die Funktionärskirche, die teilweise dem Leben so entrückt ist, wie der staatliche Verwaltungsapparat. Ein Mensch muss Muslim oder Christ sein können, ohne weitere politische Etikette, die seinen Glauben verzerren oder ihm entschieden widersprechen.

http://www.migazin.de/2011/08/15/liberaler-vs-konservativer-islam/

„Entsäkularisierte Islamisierung der Integrationsdebatte“

Seit Jahren wurde über eine Einführung des Islamischen Religionsunterrichts und eine Islamische Theologie an deutschen Universitäten diskutiert, ohne wirkliche Fortschritte zu machen. Doch in den letzten Monaten ist ein auffälliger Aktionismus seitens des Staates zu erkennen. Binnen kürzester Zeit sollen an verschiedenen Standorten Professuren für Islamische Theologie entstehen, die zukünftige Theologen und Religionslehrer ausbilden sollen. Der Islamwissenschaftler Rainer Brunner, der an der Universität Freiburg arbeitet und am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) in Paris forscht, wirft im Gespräch mit Eren Güvercin einen kritischen Blick auf diese Entwicklung.

Nach den Empfehlungen des Wissenschaftsrates an deutschen Hochschulen Zentren für islamisch-theologische Forschung zu etablieren, wird nun von staatlicher Seite in atemberaubendem Tempo verschiedene Standorte mit beträchtlichen Geldern ausgestattet, um die Islamische Theologie einzuführen. Wie bewerten Sie als Islamwissenschaftler diese Entwicklung?

Rainer Brunner: Die gesamte Debatte scheint mir überhaupt erst einmal den politischen Umständen geschuldet zu sein. Mit dem Artikel 7 Absatz 3 des Grundgesetzes, das den bekenntnisgebundenen Religionsunterricht vorschreibt, wird die Notwendigkeit für gewisse Voraussetzungen wie etwa Lehrerausbildung und letzten Endes natürlich auch Theologenausbildung geschaffen.

Die Gründung der islamischen Theologie scheint mir politisch gewollt zu sein. Das hat in Verbindung mit verschiedenen anders gelagerten politischen Debatten der letzten zehn Jahre – etwa über die Sicherheitspolitik – eine, wie ich finde, geradezu groteske Überforderung und auch Erwartungshaltung der Politik zur Folge. Man will hier sozusagen einen aufgeklärten Islam europäischen Zuschnitts etablieren, ohne dass es dafür im Augenblick sichtbar irgendwelche strukturellen und personellen Voraussetzungen gibt. Auf der anderen Seite aber will man auch so etwas wie Sozialarbeiter ausbilden, Integrationslotsen im weiteren Sinne.

Man betreibt so, wie ich meine, eine ziemlich weitgehend entsäkularisierte Islamisierung der Integrationsdebatte. Über viele Jahre hinweg hat man gesagt, Integrationsprobleme seien vielfältiger Natur, also sozialer, wirtschaftlicher und bildungspolitischer Natur. Das halte ich auch für richtig. Umso alarmierender finde ich, wenn es doch irgendwie alles eingeschränkt wird auf den Islam. Die Imam-Ausbildung, die hier angestrebt wird, soll ja zu nichts anderem führen als zu einem muslimischen Sozialarbeiter, was dann letzten Endes zu einer Islamisierung der Muslime führt.

Christian Walter, Professor für Öffentliches Recht an der Universität Münster, sprach im Zusammenhang mit der Einrichtung islamisch-theologischer Zentren auch von einem „legitimem Zähmungsinteresse“ des Staates.

Rainer Brunner: Diese Äußerung von einem „legitimen Zähmungsinteresse“ läuft natürlich darauf hinaus, dass man sagt, man möchte dem Fundamentalismus entgegenwirken. Das ist im Prinzip durchaus ehrenwert. Ich halte es allerdings aus zwei Gründen für ein bisschen problematisch. Die Durchsetzung eines aufgeklärten Islams, der nach Frau Schavan vor Aberglaube oder Irrglaube schützen soll, ist nicht Aufgabe des Staates. Es gehört nicht zu den Aufgaben eines Staates zu beurteilen, was Aberglaube oder Irrglaube ist. Was in dieser islamischen Theologie, wenn sie einmal eines Tages kommen sollte, dann irgendwann gelehrt wird, das ist Sache der Muslime selbst.

Was das „Zähmungsinteresse“ betrifft, so halte ich es da eher mit dem französischen Islamwissenschaftler Olivier Roy, der die These vertritt, die Entkoppelung der Religion – er spricht dabei nicht nur von einer Religion, sondern von Religion allgemein – von der umgebenden Kultur sei ein Hauptmotiv oder ein Hauptgrund für die Radikalisierung von Religionen. Wenn man dieser These folgt, der ich einiges abgewinnen kann, dann scheint mir jedenfalls der Versuch, über eine staatlich protegierte Theologie eine Religion zähmen zu wollen, dem Versuch ähnlich zu sein, wieder den Senf in die Tube zurück zu drücken.

In diesem rasanten Tempo, mit dem die Etablierung einer Islamischen Theologie von statten geht, ist auffällig, dass die Basis, also die muslimischen Gemeinschaften, die ja schließlich die Abnehmer der zukünftigen Theologen sein werden, kaum in diesen Prozess eingebunden sind.

Rainer Brunner: Ich wüsste nicht, wie die Basis tatsächlich konsultiert werden könnte. Letzten Endes geht es hier natürlich um Repräsentationskämpfe. Wer spricht für die Muslime?

Nach allem, was man weiß, vertreten die muslimischen Dachverbände ohnehin nur 20 bis 25 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime, treten aber mit dem Anspruch auf, für die Muslime zu sprechen. Deswegen scheint es mir auch völlig klar zu sein, wenn dann von Verbandsseite, sprich von den Beiräten, die für die Berufungsverhandlungen eingerichtet werden sollen, Einsprüche kommen. Dann wird es mit der Akzeptanz schwierig. Das Beiratsmodell stößt ja allenthalben auf große Kritik, weil auch überhaupt nicht klar ist, aufgrund welcher Autorität und welcher Grundlage überhaupt gegenbenenfalls Einspruch erhoben werden soll oder kann.

Auf diese Grenzziehung, die zweifellos eines Tages stattfinden wird, bin ich sehr gespannt, wenn es dann nämlich heißt, die wissenschaftliche Entscheidung, die wissenschaftliche Qualifikation sei natürlich ausschließlich Sache der Universität. Die Beiräte hätten nur ein Mitspracherecht in Sachen der religiösen Lebensführung. Ich kann mir nicht so wirklich vorstellen, wo da eines Tages eine Grenze gezogen werden soll. Ich bin da mal sehr gespannt darauf.

http://www.heise.de/tp/artikel/35/35165/1.html

Castingshow der Werte

Traditionell, säkular, radikal: In der Islamdebatte wird viel mit liberalen oder konservativen Etiketten hantiert – das wird den Muslimen nicht gerecht

Die Vertreter eines „liberalen“ Islam stellen eine neue Variante des politischen Islam dar.

Die Vertreter eines „liberalen“ Islam stellen eine neue Variante des politischen Islam dar. (Illustration: Otto)

Der Islam gründet sich auf fünf Säulen: das Glaubensbekenntnis, das rituelle Gebet, das Fasten im Monat Ramadan, die Zakat (verpflichtende Sozialabgabe) und die Pilgerfahrt nach Mekka. Aber kann man auf „liberale“ oder „konservative“ Art das rituelle Gebet verrichten oder die Zakat zahlen? Zumindest stellt sich diese Frage im Diskurs um einen gemäßigten Islam.

Denn verschiedene Akteure bieten sich unter dem Etikett „liberal“ und „säkular“ der Politik und den Medien als Gesprächspartner an. Sie erklären sich selbst zum Sprecher für eine angeblich „schweigende Mehrheit von Muslimen“. Doch handelt es sich dabei um ein schwaches Konstrukt, das wohl hauptsächlich dazu dienen soll, sich selbst als Repräsentant eines vorgeblich zeitgemäßen Islam im umkämpften Markt der Berufsmuslime zu legitimieren. Denn genaue Zahlen über die „schweigende Mehrheit“ existieren nicht.

Mehr noch: Während man sich mit lautem Getöse von den großen Verbänden rhetorisch abgrenzt und diese als Vertreter von „Radikalen“ oder „Islamisten“ stigmatisiert, bleiben die eigenen Ideen doch ziemlich blass. Außer einem Bekenntnis zum deutschen Grundgesetz und der Abgrenzung zu Nicht-Liberalen finden sich kaum zukunftsfähige Ideen, die Themen aus der Lebenswirklichkeit insbesondere junger Muslime aufgreifen. In der Konfrontation mit der Gruppe der angeblich Schweigenden zeigt sich dann manchmal ihr wahres Gesicht: Zwar geben die Sprecher der Liberalen vor, die schweigende Mehrheit der Muslime vor islamfeindlichen Angriffen rhetorisch schützen zu wollen. Doch verfallen sie bei Kritik durch Muslime, die kein Marken­label mit sich herumtragen, schnell in einen unsachlichen Ton. Und benutzen dann jene Rhetorik, die sie im Lager der Islamkritiker selbst bemängeln.

Die Vertreter eines „liberalen“ Islam stellen eine neue Variante des politischen Islam dar. Denn sie spielen in der öffentlichen Debatte eine bestimmte Rolle, und werden auch von Medien, Stiftungen und staatlichen Institutionen hofiert und gezielt eingesetzt. Zwar ist es wichtig, dass auch diese Muslime sich organisieren. Das steht nicht zur Diskussion. Jedoch wird die Rhetorik, die die „liberale“ Fraktion in der Öffentlichkeit verwendet, von vielen jungen Muslimen, die sich weder durch die großen islamischen Verbände, noch durch diesen neuen politischen Islam vertreten fühlen, mit großer Skepsis verfolgt. Denn viele junge deutsche Muslime verorten sich jenseits der Label „liberal“ oder „konservativ“. Auch wenn sie sich als gläubige Muslime bezeichnen – sie verweigern sich aus ihrem Selbstbewusstsein heraus diesen Zuordnungen.

Keine Lust auf Labels

Gerade in den vergangenen Jahren, in denen immer intensiver und leider auch hysterischer über den Islam debattiert wurde, wird der Begriff „liberaler Islam“ geradezu inflationär gebraucht. Einige religiös-beschleunigte Ideologen haben versucht, den Islam zu politisieren. Nun tun die Liberalen es ihnen nach, obgleich sie sich an eine nichtreligiöse Öffentlichkeit richten.

Dennoch ist die Resonanz an der Basis dürftig. Der neue Diskurs wird zwar medial aufgebauscht, aber die kritische Haltung der muslimischen Community zur politischen Instrumentalisierung – egal ob aus „liberalem“ oder „konservativem“ Lager – führt dazu, dass diese neuen Ettiketen nicht fruchten.

Interessant ist auch, dass die liberalen Sprecher immer wieder versuchen, sich als Antipoden zu der Islam-Kritikerin Necla Kelek oder zu Thilo Sarrazin zu profilieren. Nur bleibt den jungen Muslimen nicht verborgen, dass sich erstaunlicherweise die Positionen manch „liberaler“ Muslime und die von Islam-Kritikern wie Necla Kelek immer mehr annähern. Das ist der öffentliche Druck, der diese Entwicklung mit sich bringt. Und es ist das Wesen der Dialektik. Denn wenn man die eigene Position dadurch definiert, dass man ständig etwas ablehnt, ähnelt man am Ende immer mehr der Haltung, gegen die man anfänglich angetreten ist.

Auf der öffentlichen Bühne präsentieren sich die Wortführer dieses „liberalen“ Islams gerne als modern, fortschrittlich und kritisch, aber gegenüber Nachfragen, was denn nun eigentlich unter einem „liberalen“ Islam zu verstehen sei, kommen vor allem verstörende Reaktionen. Denn die zur Schau gestellte Toleranz ist oft leider nur ein Lippenbekenntnis, die sachliche Kritik wird nicht selten als Anzeichen einer radikalen Gesinnung gesehen, persönliche Diffamierungen sind die Folge und jede Kritik an der Methodik wird in Misskredit gebracht.

Doch die Realität besteht eben nicht aus gegensätzlich gepolten Menschen. Die Mehrheit der deutschen Muslime sind gegen jegliche Art von Etikettierung. Sie definieren sich nicht über solche Labels, sondern formulieren ihre Positionen aus eigenem Selbstbewusstsein heraus, und machen sie nicht davon abhängig, welche Position sich medial besser verkaufen lässt.

Bis jetzt gibt es zumindest keine zufriedenstellende Definition des „liberalen Islam“. Viele Muslime in den großen Verbänden stehen einer Vielzahl von Fragen tolerant gegenüber, gleichzeitig sind sie in anderen Fragen konservativ. Vor allem Frauen mit Kopftuch werden automatisch als konservativ eingestuft. Wenn sie dann ihre Meinung äußern, sind viele irritiert, weil sie nicht in die vorgefertigten Schablonen passt. Genau da liegt der Punkt: Menschen kann man nicht in Schubladen einordnen. Erst recht nicht wegen eines Kopftuchs.

Ein neues Forum

Jürgen Wertheimer, Professor für Literatur in Tübingen, hat kürzlich zutreffend analysiert, dass die Politik immer noch in Werte-Kategorien denkt, die in der Gesellschaft kaum noch eine Rolle spielen. Begriffe wie konservativ oder liberal haben aus Sicht des Akademikers in den Augen der Bürger längst ihren Inhalt verloren. „Menschen denken heute nicht mehr in solchen Werte-Kategorien wie konservativ oder liberal, sondern wollen über konkrete Sachverhalte reden und entscheiden“. Der Rückgriff auf traditionelle Wertesysteme sei für Politiker vor allem von strategischer Bedeutung: „Für sie sind Wertekategorien so ungeheuer faszinierend, weil sie eine klare Aussage zu beinhalten scheinen.“

Wenn man also sagt: „Ich bin für Freiheit!“, „Ich bin für soziale Gerechtigkeit!“ oder „Ich bin für einen liberalen Islam!“ dann wird niemand widersprechen. Aber zugleich weiß jeder, dass damit inhaltlich nur sehr wenig ausgesagt wird. Wenn sich Parteien heute auf den Konservatismus, den Liberalismus oder den Sozialismus berufen, sei das nichts anderes als eine „Castingshow der Werte“, sagt Wertheimer.

Im Rahmen der Deutschen Islamkonferenz hat der Staat versucht, mit den deutschen Muslimen ins Gespräch zu kommen. Auch wenn die anfängliche Euphorie, die es noch zu Zeiten von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble gab, mit seinem Nachfolger Hans-Peter Friedrich nun endgültig verflogen ist, besteht immer noch die Möglichkeit eines fruchtbaren Dialogs. Dieser kann aber erst dann Wirklichkeit werden, wenn sich auch unter den Muslimen eine Streitkultur etabliert hat. Bisher gab es kein Forum, in dem die ganze bunte Gruppe der deutschen Muslime – seien es nun Vertreter der Verbände oder Einzelpersonen – zusammenkommen und über Grundsatzfragen miteinander diskutieren. Erst die Debatte untereinander kann eine Dynamik entwickeln, die für neue Impulse in der Islamkonferenz sorgt.

Alternative Islamkonferenz

Ansätze für solch ein Forum gibt es bereits. Unter dem Namen „Alternative Islamkonferenz“ versucht eine Gruppe junger Muslime, die Grabenkämpfe zwischen den verschiedenen Fraktionen zu überwinden und einen Diskussionsprozess in Gang zu setzen. Ehemalige Teilnehmer der Islamkonferenz finden diesen Schritt sinnvoll, da sie gerade aus diesem Grund aus der Islamkonferenz ausgestiegen sind, wie etwa der Schriftsteller Feridun Zaimoglu. Er sieht einen großen Bedarf einer solchen Debattenplattform und unterstützt deshalb diese Initiative.

Die Etablierung einer innermuslimischen Streitkultur könnte nicht nur ein wichtiger Schritt sein, um die Dialektik zwischen einem „liberalen“ und „konservativen“ Islam zu überwinden, sondern auch ein produktiver Beitrag für die Islamdebatte sein.

Aber in der letzten Zeit gibt es seitens der Politik immer wieder die Klage, dass der Dialog so schwer falle, weil es keine Einrichtung gebe, die mit Autorität für alle sprechen könne. Der Staat lechzt aus Angst vor der Freiheit, die seine Verfassung verspricht, nach Funktionären, die mit ihresgleichen verhandeln und Verträge schließen. Aber die meisten Muslime wollen ganz einfach ihre Religion leben, die kein politisches oder kulturelles Bekenntnis bedeutet.

http://www.freitag.de/positionen/1125-castingshow-der-werte

Eine Replik auf meinen Freitag-Beitrag von der Vorsitzenden des Liberal-Islamischen Bundes, Lamya Kaddor, in der Süddeutschen Zeitung:

http://www.sueddeutsche.de/karriere/islamischer-religionsunterricht-in-nrw-muslimisch-jung-konservativ-1.1129037

„Recht und Freiheit in Europa sind ernsthaft in Gefahr“

FDP-Finanzpolitiker Frank Schäffler über die Orwellsche EU, die Abschaffung des staatlichen Geldmonopols und den angeblich segensreichen Wettbewerb von privaten und staatlichen Geldarten

Frank Schäffler: "Lassen wir doch den Menschen die Freiheit, auch andere Zahlungsmittel zu entwickeln. Wir Menschen sind kreativ und innovativ. Wir müssen nur zulassen, dass die Menschen ihre Kreativität und Innovationsfähigkeit auch im Bereich des Geldwesens nutzen können."

Frank Schäffler: "Lassen wir doch den Menschen die Freiheit, auch andere Zahlungsmittel zu entwickeln. Wir Menschen sind kreativ und innovativ. Wir müssen nur zulassen, dass die Menschen ihre Kreativität und Innovationsfähigkeit auch im Bereich des Geldwesens nutzen können."

Herr Schäffler, Sie sprechen in Zusammenhang der Euro-Krise und aufgrund der Reaktionen der EU darauf von einer „Orwellschen EU“. Die Zentralisierungspolitik der EU würde gegen den Geist der ursprünglichen Einigungsidee aus den Römischen Verträgen verstoßen. Woran machen Sie diese Schlussfolgerung fest?

Frank Schäffler: Das vereinte Europa ist von seinen Gründungsvätern Konrad Adenauer, Robert Schumann, Jean Monnet, Alcide De Gasperi und anderen als ein Hort der Freiheit gegen alle Formen von Diktatur, Unfreiheit und Planwirtschaft erträumt worden. Das heutige Europa ist auf dem Weg in die monetäre Planwirtschaft und den politischen Zentralismus.

Die Gründungsväter Europas wollten ein Europa des Rechts und der Rechtsstaatlichkeit. Die heutigen Regierungen des Euro-Raums, die EU-Kommission und die EZB verabreden sich hingegen zum kollektiven Rechtsbruch und brechen die No-Bailout-Klausel in den EU-Verträgen, obwohl die EU-Kommission als Hüterin der Verträge und die nationalen Regierungen zum Schutz des Rechts verpflichtet sind. Der linke Intellektuelle Hans Magnus Enzensberger spricht zurecht vom sanften Monster Brüssel und von der Entmündigung Europas. Sie kennen seinen neuen Essay doch?

Was für Auswirkungen hat dies für die Freiheit der Bürger Europas?

Frank Schäffler: Die Bürger Europas werden mehr und mehr entmündigt. Dadurch wird die ursprüngliche Europa-Idee vollkommen pervertiert. Als überzeugter Europäer möchte ich ein Europa des Friedens und der Freiheit. Und Freiheit ist immer die Freiheit des einzelnen Bürgers, nicht die Freiheit von Regierungen. Regierungen müssen um der Freiheit der Bürger willen beschränkt werden. Zur Zeit reißen die europäischen Regierungen jedoch alle Schranken ein. Recht und Freiheit in Europa sind ernsthaft in Gefahr.

Man hat das Gefühl, dass die ganzen Rettungsmaßnahmen nur die Symptome bekämpfen, und eben nicht die Probleme unseres staatlichen Geldsystems in Angriff nehmen. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einer „marktwirtschaftlichen Geldordnung“. Was genau ist unter einer marktwirtschaftlichen Geldordnung im Unterschied zum heutigen Geldsystem zu verstehen?

Frank Schäffler: In einer marktwirtschaftlichen Geldordnung gibt es kein staatliches Geldmonopol. Jeder, der eine Währung emittieren will, kann dieses tun. Bei Gewährung von vollständiger Produzenten- und Konsumentenfreiheit im Finanzsektor wird es den einzelnen Menschen dann ermöglicht, in dezentralen Entdeckungsverfahren, die sich parallel zu den staatlichen Währungen entwickeln und aus denen Schritt für Schritt für die staatlichen Währungen Konkurrenz erwächst, zu lernen, welche Geldart je nach individueller Situation und Bedürfnis und individueller Transaktionskostenlage jeweils für sie sinnvoll ist.

Da niemand freiwillig schlechtes Geld hält, wird der sich entwickelnde Währungswettbewerb die privaten, aber auch die staatlichen Geldproduzenten dazu anhalten, besseres Geld zu produzieren. Die Produktion von schlechtem Geld und die Verschlechterung von gutem Geld wird von den einzelnen Menschen aufgrund ihrer freien Wahlmöglichkeit zwischen unterscheidbaren privaten und staatlichen Währungen, also aufgrund ihrer Konsumentenfreiheit, sofort durch Abwanderung zu konkurrierenden Geldproduzenten bestraft werden, was im derzeitigen staatlichen Papiergeldmonopol nur höchst eingeschränkt und in der Regel nur für reiche Menschen möglich ist.

Für sein eigenes Geld kann der Staat durch seine Zentralbank nach wie vor Zinssätze festlegen. Die evolutionäre Entstehung einer marktwirtschaftlichen Geldordnung würde es jedoch mehr und mehr erschweren, eine Niedrigzinspolitik durchzusetzen, die zwangsläufig Investitionsblasen entstehen lässt. Die privaten Emissionsbanken würden auf diese Zentralbankpolitik sofort durch höhere Zinsen, die sich auf Höhe des natürlichen Zinses einpendeln würden, reagieren und die Geldnachfrage so in ihre Privatwährungen lenken. Der Wert der staatlichen Währung würde sinken.

Der Staat müsste bei gesunkener Kaufkraft seiner Währung zur Deckung seiner Ausgaben entweder die Steuern erhöhen, sparen oder neue Kredite aufnehmen. Sollten diese Kredite in der eigenen staatlichen Währung aufgenommen werden und aus purer Geldschöpfung bestehen, wird erneut die private Nachfrage nach der staatlichen Währung und somit ihr Wert sinken. Dieser Entwicklung könnte dann nur durch höhere Zinsen entgegengewirkt werden, wodurch sich die Rückzahlung dieser Kredite jedoch verteuert. Das heißt, der Staat würde durch die Zulassung von konkurrierenden Privatwährungen und eines allumfassenden Währungswettbewerbs gezwungen, eine nachhaltigere Haushaltspolitik zu verfolgen. Die Zulassung von konkurrierenden Privatwährungen und ein allumfassender Währungswettbewerb wären deshalb eine weit wirksamere Schuldenbremse als die Grundgesetzänderungen des Jahres 2009 und als die Stabilitätskriterien des Maastrichter Vertrages.

Ist es nicht ein Grundproblem unseres Finanzsystems, dass Banken ein Recht haben immer neues „Geld aus dem Nichts“ schaffen zu können?

Frank Schäffler: Darum setze ich mich für Abschaffung des staatlichen Geldmonopols ein. Denn in einer marktwirtschaftlichen Geldordnung sind die Möglichkeiten zur Kreditgeldschöpfung aus dem Nichts beschränkt. Da niemand freiwillig und auf Dauer schlechtes Geld nachfragt, wird sich der Anteil der Kredite, die nicht durch reale Ersparnisse gedeckt sind, Schritt für Schritt verringern. Eine private Emissionsbank gefährdet durch ihre Kreditschöpfungsaktivitäten den Wert der von ihr emittierten Währung und ihre gesamte Existenz, da die privaten Sparer schnell zu einer konkurrierenden Währung von einer Bank wechseln werden, die eine zurückhaltendere oder gar keine Kredit- und damit Geldschöpfung aus dem Nichts betreibt. Dazu ist es jedoch notwendig, dass wir verschiedene und unterscheidbare Währungen haben.

In den USA hat das Parlament in Utah Gold und Silber als offizielles Zahlungsmittel zugelassen. Weitere Bundesstaaten planen ähnliche Gesetzte. Ist dies eine mögliche Alternative, um den Menschen die freie Wahl zu geben, mit welcher Währung sie handeln wollen?

Frank Schäffler: Diese Vorgehensweise kann nur ein erster Schritt sein. Wenn die Menschen wirklich die freie Wahl haben sollen, dann darf diese Wahl nicht auf die Wahl zwischen staatlichem Geld einerseits und Gold und Silber andererseits beschränkt werden. Lassen wir doch den Menschen die Freiheit, auch andere Zahlungsmittel zu entwickeln. Wir Menschen sind kreativ und innovativ. Wir müssen nur zulassen, dass die Menschen ihre Kreativität und Innovationsfähigkeit auch im Bereich des Geldwesens nutzen können. Verhindern müssen wir allerdings Betrug, was natürlich eine staatliche Aufgabe ist.

Dirk Kurbjuweit schrieb vor kurzem in einem Essay, dass derzeit die Banken der Souverän der Politik seien, nicht die Bürger. Wird die Demokratie zum Opfer der Finanzindustrie, wenn die Deutsche Bank die Feder führt bei Vorschlägen, die Finanzminister Schäuble auf europäischer Ebene voranbringt? Welche Interessen vertritt die Politik heute überhaupt?

Frank Schäffler: Das Problem von Wolfgang Schäuble ist nicht, dass er ein Büttel der Banken ist. Korrupt ist Schäuble nicht. Sein Problem besteht jedoch darin, dass er sich nicht traut, über Alternativen zum heutigen Geldsystem nachzudenken. Das ist der Grund, weshalb die Politik in Deutschland sich nicht traut, gegen das Erpressungspotential, das die Banken aufgebaut haben, vorzugehen. Dieses Erpressungspotential lautet: „Wenn wir Pleite gehen, bricht der Zahlungsverkehr zusammen.“

Die Politik und die Zentralbanken müssen sich jedoch klar machen, dass der Zahlungsverkehr bei Banken- und auch Staateninsolvenzen aufrechterhalten werden kann. Der Leiter des Politikkreises der Hayek-Gesellschaft, Norbert F. Tofall, hat hier ein praxistaugliches Szenario entwickelt. In Kurzform lautet es: Zentralbanken haben nicht die Aufgabe die Insolvenz von Geschäftsbanken zu verhindern. Zentralbanken haben die Aufgabe den Zahlungsverkehr aufrechtzuerhalten. Und das ist möglich und nötig. Verweigert sich die Politik jedoch diesem Weg, dann wird es im höchst wichtigen Finanzbereich zukünftig keine Ordnungspolitik mehr geben. Das müssen wir verhindern. Es geht um die Freiheit von uns allen.

Müssten für die Liberalisierung des Geldwesens nicht die Mehrwertsteuer für Münzen und Medaillen abgeschafft werden?

Frank Schäffler: Auf Gold wird heute bereits keine Mehrwertsteuer erhoben. Silber in Form von Anlagemünzen wird in Deutschland mit 7% Mehrwertsteuer, sonstiges Silber wird mit 19% besteuert. Ob generell die Mehrwertsteuer auf Münzen und Medaillen abgeschafft werden sollte, hängt vom Gesamtkonzept ab. Als Liberaler ist mir wichtig, dass keine Geldform steuerlich privilegiert oder benachteiligt wird. Und wichtig ist vor allem, dass auch andere Geldformen als Münzen und Medaillen zugelassen werden.

Wie Sie wissen, haben im Jahr 2010 mehrere Privatbankiers Privatwährungen emittiert, u.a. das Bankhaus Reichmuth in Luzern den sog. RealUnit. Aber auch das Bankhaus Wegelin hat ein eigenes Produkt auf den Markt gebracht.

Wie betrachten die anderen Wirtschaftspolitiker innerhalb der FDP Ihre Positionen?

Frank Schäffler: Hier ist zwischen der FDP-Bundestagsfraktion, der Parteibasis und liberalen Ökonomen, die der FDP nahestehen, zu unterscheiden. Die FDP-Bundestagsfraktion traut sich am wenigsten, Alternativen zum derzeitigen Geldsystem zu entwickeln. Man hat einfach Angst, eine marktwirtschaftliche Geldordnung zu fordern. Und es ist diese Angst vor der Freiheit, die auch in anderen Politikbereichen die heutige FDP lähmt. Wir brauchen deshalb mehr Mut zum Liberalismus.

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