grenzgängerbeatz

Tibets Schicksalsgenossen

Juli 7, 2009 · 3 Kommentare

Die Unterdrückung der Tibeter sollte uns auch für die Unterdrückung weiterer ethnischer Gruppen in China sensibilisieren – doch wird diese im öffentlichen Diskurs meist ausgeblendet. Das erschütterndste Beispiel ist die Lage der Uiguren in Ostturkestan.

Perlentaucher: Heute in den Feuilletons, 09.07.2009

http://www.perlentaucher.de/feuilletons/2009-07-09.html

Eren Güvercin erklärt in seinem Blog grenzgängerbeatz einige Hintergründe zu den Protesten der Uiguren. Harsch kritisiert er die chinesische Bevölkerungspolitik: “Die chinesische Regierung führt bei den muslimischen Uiguren auch eine strenge Geburtenkontrolle durch, um so das natürliche Anwachsen der Uigurischen Bevölkerung aufzuhalten. Menschenrechtsorganisationen berichten auch von zahlreichen erzwungenen Abtreibungen und sogar von Todesfällen in diesem Zusammenhang.”

"Meine langfristige Hoffnung ist, dass die internationale Gemeinschaft unsere Angelegenheit gleich behandelt wie die der Tibeter." (Foto: Matthias Kehrein/ETD)

"Meine langfristige Hoffnung ist, dass die internationale Gemeinschaft unsere Angelegenheit gleich behandelt wie die der Tibeter." (Foto: Matthias Kehrein/ETD)

Viel wurde vor den Olympischen Spielen letztes Jahr über die Menschenrechtslage in China diskutiert. Forderungen nach einem Boykott der Olympischen Spiele in Peking wurden laut. Prominente weltweit setzen sich regelmäßig medienwirksam für die Tibeter ein, die seit Jahrzehnten vom kommunistischen Regime in Peking unterdrückt werden. Wie berechtigt und richtig diese Debatte auch ist, ist es schon eigenartig, dass das Tibetproblem klar angesprochen wird, aber mindestens ebenso massive Menschenrechtsverletzungen an anderen Minderheiten in China gar nicht zur Sprache kommen. Als objektiver Beobachter wird man den Eindruck nicht los, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird.

Nun erreichen uns heute Nachrichten von schweren Unruhen aus der Provinz Xinjiang. Bei Zusammenstößen zwischen muslimischen Uiguren und Chinesen sollen in der nordwestchinesischen Unruheprovinz nach Meldungen von Nachrichtenagenturen etwa 140 Menschen ums Leben gekommen sein.

In Xinjiang gibt es schon seit Jahren eine Unabhängigkeitsbewegung unter den etwa acht Millionen Uiguren. Wie in Tibet versucht die chinesische Regierung in der Provinz Xinjiang im Nordwesten des Landes die Uigurische Bevölkerung durch “Umsiedlungsmaßnahmen” zu assimilieren. Offiziell wird Ostturkestan, wo die meisten muslimischen Uiguren leben, als “Autonome Uigurische Region Xianjiang” bezeichnet, allerdings existiert keinerlei Uigurische Selbstverwaltung. Seit Jahrzehnten werden systematisch Han-Chinesen in Ostturkestan angesiedelt, um so die Uigurische Bevölkerung zu dezimieren und die Provinz in eine rein chinesische zu verwandeln. 1949 lebten gerade mal 300.000 Chinesen in Xianjiang, heute sind es fast 10 Millionen. Ein Ergebnis der so genannten “Umsiedlungsmaßnahmen”. Die systematische Ansiedlung von Han-Chinesen stößt bei der seit Jahrhunderten ansässigen Bevölkerung in der Autonomen Region Xinjiang, die die Uiguren selbst als Ostturkestan bezeichnen, auf immer mehr Ablehnung und Kritik. Schon heute ähneln die Städte Ostturkestans und Tibets mit ihren breiten Straßen und modernen Häuserblocks architektonisch immer mehr chinesischen Städten und verlieren ihren besonderen kulturellen Charakter. Ihr architektonischer Niedergang ist symptomatisch für die wachsende Bedrohung der traditionellen Kultur ihrer einheimischen Völker.

Die chinesische Regierung führt bei den muslimischen Uiguren auch eine strenge Geburtenkontrolle durch, um so das natürliche Anwachsen der Uigurischen Bevölkerung aufzuhalten. Menschenrechtsorganisationen berichten auch von zahlreichen erzwungenen Abtreibungen und sogar von Todesfällen in diesem Zusammenhang. Nach einem Bericht der Gesellschaft für bedrohte Völker werden Moscheen und Koran-Schulen willkürlich geschlossen, religiös und kulturell bedeutende Schriften und Bücher öffentlich verbrannt, das Feiern muslimischer Feste wird untersagt, Imame werden zur Teilnahme an Umerziehungskursen der Kommunistischen Partei gezwungen.

Ausrottung einer Kultur

Auch die ökologische Lage in Ostturkestan ist katastrophal. Das chinesische Militär führt auf dem Versuchsgelände in Lop Nor in Ostturkestan unverändert Atomtests durch. Seit 1964 wurden dort über 45 Atomversuche durchgeführt. Beobachter sprechen von gesundheitlichen Problemen aufgrund dieser Atomversuche und von zahlreichen Toten.

Wer sich für die Bewahrung der traditionellen Kultur und für Menschenrechte in Ostturkestan einsetzt, gilt als Unterstützer des “Terrorismus”.

Wer sich für die Bewahrung der traditionellen Kultur und für Menschenrechte in Ostturkestan einsetzt, gilt als Unterstützer des “Terrorismus”.

Die Lage in Ostturkestan ist sehr angespannt, besonders zwischen den einheimischen Uiguren und den zugewanderten Han-Chinesen kommt es häufiger zu Unruhen. Willkürliche Festnahmen und Deportationen sind an der Tagesordnung. Jegliche religiöse und kulturelle Aktivitäten von Uiguren werden unterbunden. Im Fastenmonat Ramadan wurden 1997 hunderte junge muslimische Gläubige von chinesischen Sicherheitskräften festgenommen, weil sie sich zum gemeinsamen Fastenbrechen und Gebet versammelt hatten. Es kam zu heftigen Protesten seitens der Bevölkerung, die die Freilassung der jungen Uiguren forderten. Die chinesische Polizei reagierte mit “harter Hand”. Die Gesellschaft für bedrohte Völker berichtete von über 100 Toten und zahlreichen Verletzten. Mindestens 52 Uiguren wurden aufgrund ihrer mutmaßlichen Beteiligung an den Unruhen zum Tode verurteilt und hingerichtet. In Schnellverfahren oder in Schauprozessen, die allen rechtsstaatlichen Grundsätzen eines Gerichtsverfahrens widersprachen, wurden die Urteile gegen die Angeklagten verhängt. Die Vollstreckung der Todesurteile gegen fünf weitere Personen wurde aufgeschoben, mindestens 90 Uiguren wurden zu meist langjährigen Haftstrafen verurteilt. Bis zu 14 Inhaftierte starben aufgrund der Folter in der Haft. Den Angehörigen der Folteropfer, Hingerichteten und Erschossenen wurde die Herausgabe der Leichen und eine angemessene Bestattung ihrer Toten verweigert.

Per Erlass wurde die Bevölkerung unter Androhung drakonischer Strafen aufgefordert, absolutes Stillschweigen über den Verlauf der Unruhen zu wahren. Wer dagegen verstieß und Journalisten Informationen über den tatsächlichen Hergang des Massakers zur Verfügung stellte, wurde zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Willkürliche Gewalt

Laut der Gesellschaft für bedrohte Völker ist keine andere ethnische Gruppe in China so massiver und willkürlicher Gewalt der Sicherheitskräfte ausgesetzt wie die Uiguren. “So wurden seit Mitte der 90er-Jahre im Rahmen der ,Schlag hart zu’- Kampagne der Sicherheitskräfte mehr als 700 Todesurteile aus politischen Gründen gegen Uiguren verhängt und vollstreckt. Im gleichen Zeitraum wurde in Tibet ein Tibeter zum Tode verurteilt”, stellt die GfbV fest.

Die willkürliche Gewalt richtet sich nicht gegen Einzelpersonen, sondern gegen die gesamte Bevölkerungsgruppe der Uiguren. So werden in Xinjiang Menschen allein aufgrund ihrer ethnischen Abstammung verfolgt, und nicht nur aufgrund konkreter Straftatbestände. Wer sich für die Bewahrung der traditionellen Kultur und für Menschenrechte in Ostturkestan einsetzt, gilt als Unterstützer des “Terrorismus” und wird mit jahrelanger Haft oder sogar mit der Hinrichtung bestraft. Dies gilt auch für Uiguren, die im Ausland um politisches Asyl ersuchten oder sich für Menschenrechte für Uiguren einsetzten. Mehrfach wurden seit dem Jahr 2004 uigurische Flüchtlinge, die aus zentralasiatischen Staaten oder Pakistan nach China abgeschoben worden waren, in unfairen Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Laut der GfbV versucht China seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 seine blutige Repression in Xinjiang als Chinas Beitrag zum weltweiten Kampf gegen den Terrorismus darzustellen. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, viele Regierungen in aller Welt und Menschenrechtsorganisationen haben diese Darstellung jedoch zurückgewiesen und China vorgeworfen, den Antiterror-Kampf für seine eigenen politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Es seien hausgemachte Probleme, die China in Xinjiang habe, die keinen Bezug zum Erstarken des internationalen Terrorismus hätten, betonen Experten.

Trotz der massiven Repression seitens chinesischer Sicherheitskräfte gibt es Uigurische Menschenrechtler, die versuchen, die Welt auf die Lage ihrer Landsleute aufmerksam zu machen. Die bekannteste ist die Menschenrechtlerin und Autorin Rebiya Kadeer. Sie saß einige Jahre in chinesischen Gefängnissen wegen “Verrats von Staatsgeheimnissen” und lebt seit ihrer Haftentlassung 2005 im Exil. Sie wurde drei Mal in Folge für den Friedensnobelpreis nominiert. „Meine langfristige Hoffnung ist,“, sagt Rebiya Kadeer, „dass die internationale Gemeinschaft unsere Angelegenheit gleich behandelt wie die der Tibeter.“

Es bleibt zu hoffen, dass die Weltöffentlichkeit die Augen vor den massiven Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang nicht verschliesst, auch wenn im Gegensatz zu Tibet hier Hollywoodstars sich nicht medienwirksam für die Rechte der unterdrückten Menschen in Osttürkestan einsetzen.

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„Extreme religiöse Praktiken entstehen immer dann, wenn die Religion aus dem Alltag verschwindet“

Juni 23, 2009 · Kommentar schreiben

Was geschieht hinter verschlossenen Türen von Koranschulen? Dieser Frage ist der Filmemacher Shaheen Dill-Riaz in seinem neuen Film “Korankinder” in Bangladesch nachgegangen. Mit ihm hat sich Eren Güvercin unterhalten.

Herr Dill-Riaz, gerade ist Ihr neuer Dokumentarfilm “Korankinder” in den deutschen Kinos angelaufen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen solchen Film über die Madrasas, die Koranschulen in Bangladesch zu drehen?

Shaheen Dill-Riaz: Der Film ist nicht wirklich nur über Koranschulen. Ich versuche in jedem meiner Filme eine Welt zu entdecken, wo ich bis jetzt nicht war, und in die ich Menschen aus Europa als Zuschauer mitnehmen kann. So bin ich auf das Thema Koranschulen gekommen, weil es auch etwas zu tun hat mit der jetzigen Situation in Bangladesch.

Man hört dort sehr oft, dass es immer mehr Koranschulen gibt. Und sehr oft hört man auch, dass diese Koranschulen zwar nicht direkt mit Extremisten zu tun haben, aber es wird ihnen immer wieder vorgeworfen, dass sie politisch aktiv sind, was ich in meinem Film nicht nachweisen konnte. Mich hat vor allem interessiert, was Koranschulen überhaupt sind und welchen Stellenwert sie in Bangladesch einnehmen. 

Der in Bangladesch geborene Regisseur Shaheen Dill-Riaz beleuchtet in seinem neuen Dokumentarfilm die Innenwelten der Koranschulen in seiner Heimat.

Der in Bangladesch geborene Regisseur Shaheen Dill-Riaz beleuchtet in seinem neuen Dokumentarfilm die Innenwelten der Koranschulen in seiner Heimat.

Koranschulen gelten als sehr verschlossen. Wie war es möglich, eine Drehgenehmigung zu erhalten? Wie haben Sie das Vertrauen der Verantwortlichen gewinnen können?

Dill-Riaz: Das war sehr schwierig. Am Anfang haben die Verantwortlichen Filmaufnahmen ganz abgelehnt. Einige meinten auch, dass dies deshalb nicht möglich sei, weil es ein Bilderverbot im Islam gäbe. Ich habe versucht, verschiedene Koranschulen zu kontaktieren und meine persönlichen Beziehungen spielen zu lassen.

Dann gab es auch eine interessante Diskussion innerhalb der Koranschule, wo sie dann untereinander gestritten haben. Die eine Gruppe war gegen die Filmaufnahmen, während die andere sagte, dass es wichtig sei, die Türen zu öffnen, da die Journalisten sonst alles Mögliche schreiben und die Menschen glauben, dass es wirklich etwas zu verstecken gibt. Am Ende haben ein paar Koranschulen die Drehgenehmigung erteilt.

Gab es während der Dreharbeiten Probleme oder Versuche der Manipulation? Konnten Sie sich frei bewegen?

Dill-Riaz: Ich hatte ziemlich freien Bewegungsspielraum. Auf mich machte es den Eindruck, als wenn die Leute überhaupt nicht wissen, was Journalisten mit einer Kamera alles machen können und was sie aus den Bildern entwickeln können.

Wie waren die Reaktionen der Menschen in den Madrasas?

Dill-Riaz: Es war interessant zu sehen, dass überall in den Koranschulen die Leute sich sofort verteidigt haben, ohne dass ich Fragen zum Thema Extremismus gestellt habe. Es gab gängige Aussagen, wonach man mit Extremisten nichts zu tun haben wolle, da dies der Glaube verbiete. Ich habe diese Aussagen nicht verwendet, weil es einfach nicht das Thema des Films ist.

Während der Dreharbeiten waren die Menschen in der Koranschule sehr freundlich und hilfsbereit. Sie waren sehr froh, dass ein Kamerateam so lange dort bleiben wollte. Die meisten Journalisten bis dahin kamen nur für einen Tag, und es ging immer um den Vorwurf, dass Koranschulen Terroristen ausbilden. Sie waren überrascht, dass ich gar nicht auf so etwas eingegangen bin. Ich wollte etwas ganz anderes. Ich wollte beobachten und mehr über diese Leute erfahren, über ihre Tradition.

Die Koranschulen haben vor allem in jüngster Zeit einen schlechten Ruf erworben. Welchen Eindruck hatten Sie? Geht von solchen Madrasas tatsächlich eine Gefahr aus?

Dill-Riaz: Es gibt diese Generalisierungen, dass Koranschulen politisch instrumentalisiert werden, dass radikale Gruppierungen diese Einrichtungen für ihre Zwecke nutzen. Das stimmt auch zum Teil. Aber darum geht es in meinem Film nicht. Ich wollte zunächst einmal die Koranschulen kennen lernen und einen tieferen Einblick bekommen. Woher stammen die Madrasas? Was haben sie mit unserer Geschichte auf dem Subkontinent zu tun? Welche Rolle spielen sie in unserer heutigen Gesellschaft?

Koranschulen blicken auf eine sehr lange Geschichte zurück. Es gab sie schon im 12. Jahrhundert auf dem indischen Subkontinent. Früher gab es die so genannten “Tol”, die von den Hindus gegründeten Grundschulen. Und dann gab es die “Madrasas”, was wörtlich “Ort des Unterrichts” bedeutet. Das sind zwei Bildungseinrichtungen, die auf dem indischen Subkontinent sehr verbreitet waren.

Während der Kolonialzeit haben die Engländer versucht, reformiertere Koranschul-Modelle zu gründen. Sie brauchten sie aus einem praktischen Grund: Weil die Texte und das Steuersystem persisch waren, waren sie auf die Muslime angewiesen, da nur die Muslime diese Sprache konnten, die Hindus nicht. Die Hindus haben sich viel schneller in die Kolonialstruktur integriert. Sie haben sehr schnell Englisch gelernt und ihre Kinder auf Missionarschulen der Engländer geschickt. Die Muslime dagegen haben sich isoliert, weil sie ja auch entmachtet wurden.

Diese neu gebildeten Madrasas durch die Kolonialmacht, die so genannten “Aliya”-Madrasas oder Hochmadrasas, dienten dazu, diese Persisch sprechenden Beamten auszubilden, damit sie später im Verwaltungsapparat auch Muslime integrieren konnten und auf diese Sprache einen Zugriff hatten. Die Muslime in Bangladesch haben dann als Reaktion die so genannten “Qawmi”-Madrassas, das heißt Volksmadrasas, gegründet. Sie wollten sich damit von dem britischen Bildungssystem abgrenzen.

Bis heute noch sind die “Qawmi”-Madrassas die dominierende Tradition auf dem gesamten Subkontinent. Sie werden auch vom Staat isoliert. Schon damals haben die Engländer die “Qawmi”-Madrassas in Ruhe gelassen. Sie wurden nie einer Kontrolle unterzogen. Bis heute verfügt die Regierung Bangladeschs noch immer über keinerlei Kontrollmechanismen, diese Schulen registrieren zu lassen.

"Die Kinder müssen in der Regel um halb fünf Uhr morgens aufstehen, dann dauert der Unterricht bis zehn Uhr abends", berichtet Dill-Riaz.

"Die Kinder müssen in der Regel um halb fünf Uhr morgens aufstehen, dann dauert der Unterricht bis zehn Uhr abends", berichtet Dill-Riaz.

Wie sieht der Alltag der Kinder in solchen Koranschulen aus?

Dill-Riaz: Die Kinder müssen in der Regel um halb fünf Uhr morgens aufstehen, dann dauert der Unterricht – abgesehen von zwei bis drei Pausenunterbrechungen – bis zehn Uhr abends. Es ist ein sehr intensives Lernen, weil diese Kinder alles in ihrem Gedächtnis behalten müssen. Sie übernachten sogar in demselben Raum, in dem sie auch lernen.

Auch in Deutschland wird viel über Koranschulen in Hinterhofmoscheen diskutiert. Befürchtungen werden laut, dass in diesen Koranschulen muslimische Jugendliche ideologisch beeinflusst und radikalisiert werden. Was halten Sie von solchen Einschätzungen? Geht von diesen Schulen wirklich eine solche Gefahr aus?

Dill-Riaz: Eine Gefahr entsteht erst dann, wenn man Menschen dazu zwingt, sich zu isolieren. Bei vielen ethnischen oder religiösen Minderheiten ist das so. Ich glaube, dies ist ein ernstes Thema. Ich weiß nicht, inwieweit es diese Beeinflussungen in Deutschland gibt, aber ich kann mir vorstellen, dass traditionell denkende Muslime es eher befürworten, dass ihre Kinder den Koran auswendig lernen.

Es entsteht aber immer dann eine solch extreme religiöse Praxis, wenn im Alltag die Religionspraxis verschwindet. Wenn diese jahrtausende alte Tradition, die man mit der Religion gelebt hat, wegfällt, dann greift man hierauf zurück. Es dient als Ausgleich dafür, dass ich meine Religion im Alltag nicht wirklich ausüben kann.

Welche Rolle spielt Saudi-Arabien, das ja in vielen Teilen der Welt Koranschulen aufbaut und finanziert, bei der Verbreitung des Wahabismus in Ländern wie Bangladesch oder Indien? Haben die saudischen Wahabiten dort einen großen Einfluss?

Dill-Riaz: Ich glaube, es gibt eine Menge Madrasas, die insbesondere von Saudi-Arabien finanziert werden. Man vermutet, dass dort auch die wahabitische Lesart des Islams gepredigt wird. Man hört, dass Madrasa-Lehrer aus Saudi-Arabien in diese Länder eingeflogen werden.

Ich finde es schade, dass man so etwas unkontrolliert zulässt. Es liegt doch am Staat, darüber zu wachen, wer welche Lehrinhalte an Bildungseinrichtungen vermittelt. Dies geschieht jedoch leider nicht. Natürlich sollte man nichts dagegen einwenden, wenn Saudi-Arabien eine qualitativ gute Grundbildung fördert – solange das Land allerdings nicht dort irgendwelche orthodoxen Inhalte propagiert, um Muslime zu belehren, wie sie ihre Religion zu leben haben.

Interview: Eren Güvercin

© Qantara.de 2009

http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-1060/i.html

 

 

 

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„Die Umweltkrise ist auch eine spirituelle Krise“

Mai 8, 2009 · 1 Kommentar

Seit einigen Jahren gibt es einen global geführten Umweltdiskurs, der ökologische Themen mit einer islamischen Ethik verbindet. Doch inwiefern kann man aus dem Islam Handlungsanweisungen für ökologische Nachhaltigkeit ableiten? Darüber sprach Eren Güvercin mit der Expertin Sigrid Nökel.

Seyyid Hussein Nasr

Der Theologe Seyyid Hussein Nasr stellt die Frage des ökologischen Gleichgewichts in den Kontext der Religion.

Frau Nökel, Sie haben in der Reihe “Stiftung Interkultur – Skripte zu Migration und Nachhaltigkeit” das Thema “Islam, Umweltschutz und nachhaltiges Handeln” behandelt. Es ist eher ungewöhnlich, dass der Islam im Zusammenhang mit Umweltschutz erwähnt wird. Welche Umweltkonzepte lassen sich auf Basis der islamischen Quellen ableiten?

Frau Dr. Nökel: Die Umweltprobleme, die wir kennen, resultieren aus der Industrialisierung und dem Kapitalismus und sind damit relativ jung. Die islamischen Quellen sind vor mehr als tausend Jahren in einem völlig anderen Kontext entstanden. Da kann man keine Hinweise erwarten, die auch nur halbwegs genau auf das zielen was wir heute als Umweltproblem wahrnehmen. Worauf man sich stützen kann, sind Vorstellungen genereller Art über die (wünschenswerte) Beziehung zwischen Mensch – Mitwelt – Umwelt. Auch die sind nicht ausführlich dargelegt, sondern konstruierbar aus einzelnen ‚Figuren’, die der Text, das heißt der Koran, und seine systematische Auslegung bieten. Zu den wichtigsten Eckpunkten, aus denen sich eine pointiert islamische Perspektive entwickeln lässt, gehören Begriffe wie: fitra’ – die Schöpfung als ursprüngliche natürliche Ordnung; ‚tauhid’ – die Einheit der Schöpfung, wonach alle Dinge der Welt miteinander in Beziehung stehen und, weil sie alle gleichermaßen Zeichen Gottes sind, alle gleich bedeutsam, wertvoll und bewahrenswert sind; ‚mizan’, die Balance, bezeichnet den Zustand einer wohlgeregelten Schöpfung, den es zu erhalten bzw. wiederherzustellen gilt. ‚Khilafa’ schließlich bezieht sich auf die Rolle des Menschen als Sachwalter der Schöpfung. Der Mensch, so heißt es, habe die Aufgabe, die Ordnung der Schöpfung zu erhalten. Er darf die Früchte der Erde genießen, aber er darf ihre Ressourcen nicht verschwenderisch ausbeuten. Zwar sei er gegenüber seinen Mitgeschöpfen privilegiert durch seine Intelligenz und seine Willensfreiheit, aber eben deshalb trage er Verantwortung für sie.

Eine zweite Quelle ist die Sunna, eine Überlieferungen der Worte und Taten des Propheten und der frühen Muslime, die Beispielcharakter haben für die späteren Generationen. Hier lassen sich etwa Beispiele dafür finden, dass man sparsam und umsichtig mit den natürlichen Ressourcen umgehen und dass man Tiere gut versorgen soll. Auch gibt es Hinweise für einen persönlichen genügsamen Lebensstil des Propheten, der als vorbildhaft gilt.

Kurz: was heute im Zentrum des Natur-, Umwelt- und Klimaschutzes steht – sparsamer Umgang mit Ressourcen, kontrollierter Konsum, Beachtung des ökologischen Gleichgewichts – wird aus dem Islam heraus begründet.

Gibt es in der islamischen Traditionen bestimmte Grundkonzepte, die dem Umweltschutz dienen?

Aus den islamischen Regionen sind Regelungen aus früheren Zeiten bekannt, die man als Instrumente eines Natur- und Artenschutzes bezeichnen kann und die man heute versucht wiederzubeleben. Dazu zählen sogenannte Harim- und Hima-Zonen. Darunter fallen Schutzzonen um Quellen und Wasserläufe, die z.B. nicht besiedelt werden durften, um das Wasser nicht zu verunreinigen. Oder es gab, ähnlich der Allmende im europäischen Bereich, Wiesen- oder Waldbereiche, die nur zu bestimmten Zeiten, z.B. nach der Pollenernte oder wenn Trockenzeiten drohten und zu bestimmten Zwecken zur Nutzung freigegeben waren. Diese Maßnahmen gerieten im Zuge der Privatisierung des Bodens, der Intensivierung der Landwirtschaft und der zunehmenden Bebauung in Vergessenheit. Seit einigen Jahren versucht man, sie im Zuge von Wasser-, Ufer- und Artenschutzprojekten wieder einzuführen.

In ihrer Arbeit schreiben sie von der Öko-Theologie Seyyid Hussein Nasrs. Was versteht man unter dieser Öko-Theologie?

Seyyid Hussein Nasr stellt, wie auch einige christliche Theologen, die Frage des ökologischen Gleichgewichts in den Kontext der Religion. Zugrunde legt er eine kosmologische Sicht der Welt, bei der Natur, Mensch, Gott bzw. Himmel und Erde ein ursprünglich wohl ausbalanciertes Ordnungsgebilde darstellen. Seiner Ansicht nach verleugnen die Menschen diese Ordnung aber seit der europäischen Aufklärung und haben an ihre Stelle eine anthropozentrische Ordnung gesetzt, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und ihm mangels Bindung an eine höhere Ordnung freie Bahn gibt für die Ausbeutung der Natur. Nasr zufolge ist der Mensch ein grenzenlos egoistisches und gieriges, aber gleichzeitig nach Transzendenz strebendes Wesen, das ohne kosmologische Verankerung aber keine wirkliche Befriedigung findet und daher in stetig gesteigertem Konsum und in perfektionierter Technik ein Ventil sucht. Die Umweltkrise ist für ihn eine spirituelle Krise. Diese Diagnose betrifft auch den Islam und die Muslime, die wieder zu ihrem ursprünglichen Weg zurückfinden müssten. Nasr setzt, in der Sufi-Tradition, vor allem am einzelnen Menschen an, der die kosmologischen Gesetze erkennen und sich in sie einfügen müsse. Die Orientierung am Spirituellen würde dann die Orientierung am Konsum ersetzen. Das ist gleichzeitig sehr konservativ, aber auch sehr aktuell, wenn man an die allgegenwärtigen Forderungen in Richtung Konsumverzicht und Änderung des Lebensstils denkt.

Im öffentlichen Diskurs zum Umweltschutz sind bisher die Muslime nicht allzusehr aufgefallen. Wo könnten dort die Gründe liegen? Wie kann man ein verstärktes Umweltbewusstsein unter den Muslime entfalten?

In öffentlichen Diskursen wie auch in Organisationen sind in Deutschland Muslime generell kaum vertreten, höchstens sehr vereinzelt als ‚Migranten’. Die religiöse Haltung wird als Privatsache verstanden, über die man sich nicht öffentlich äußert um sich nicht zu kompromittieren. Das ist sozusagen ein Tabu-Thema.

Den meisten Muslimen ist der Zusammenhang zwischen Religion und Umweltschutz nicht systematisch bewusst, obwohl sie ihn unbestimmt sehen. Die Stiftung Interkultur führt gerade im Rahmen der Interkulturellen Gärten eine kleine Untersuchung dazu durch. Dabei ist bisher zu Tage getreten, dass Muslime, die die Religion ernst nehmen, die Ansicht äußern, die Religion gebiete „Respekt gegenüber der Natur“, was sie dann in ihrem Alltag z.B. dazu veranlasst Grünzonen zu schützen und andere dazu anzuhalten, sparsam mit Wasser oder Nahrungsmitteln umzugehen oder sich Gedanken über ihren Konsum zu machen, und die sich auch bemühen ihren Kindern im urbanen Kontext ein Verständnis von Natur jenseits von Fernseher und PC zu vermitteln. Einzelne Moscheegemeinden setzen sich punktuell mit Umweltfragen auseinander. Aber bislang haben sich keine Diskurse entfaltet, die in einen größeren Kommunikationsrahmen eingebettet sind.

Es gibt keine Studien über das Umweltbewusstsein von Muslimen, und nur wenige, die Migranten insgesamt oder Migranten mit islamischem Hintergrund einbeziehen. Man hat sie bisher nicht als relevante Gruppe in diesem Kontext wahrgenommen bzw. sie als unerreichbar für diesen Themenkomplex eingestuft, sei es wegen sprachlicher oder kultureller Barrieren, oder weil sie, wie Nicht-Migranten der unteren sozialen Schichten auch, nicht als Kunden eines zumeist aufwändigeren ökologisch orientierten Lebensstil in Frage kommen. Erst in jüngster Zeit, unter dem Eindruck von Klimawandel, der Wahrnehmung Deutschlands als Einwanderungsland und der Revivalisierung des Islams ist Umweltschützern ins Bewusstsein gerückt, dass Muslime (ob man das will oder nicht) einen Teil unserer Gesellschaft bilden und auch in Zukunft bilden werden. Wobei auf der anderen Seite die Umweltkrise auch den Gedanken fördert, dass „wir alle in einem Boot sitzen“, dass wir aufeinander angewiesen sind und dass es auf jeden ankommt. Man wird sehen, ob sich hier nicht eine neue Plattform für interkulturellen Dialog herausbildet. Vielleicht gibt es Muslimen auch einen Auftrieb, wenn sie merken, dass sie zwar ‚die Anderen’ sind, aber durchaus Ressourcen haben, die der Allgemeinheit nutzen.

Was könnte der Beitrag der Muslime zu diesem heute sehr diskutiertem Thema “Umweltschutz” sein?

Wie es scheint, müssen Muslime sich erst noch über den Zusammenhang von Religion und Umwelt klar werden. Für viele sind das zwei völlig verschiedene Zusammenhänge, die sie bislang nicht zusammengeführt haben. Möglicherweise kann eine Idee wie der „Öko-Islam“ Impulse setzen, sich mit dem Umweltthema zu identifizieren, sich und seinen Lebensstil wie seine Alltagsgewohnheiten im Hinblick darauf zu reflektieren. Was Nasr nahe legt, ist, dass der Islam sich nicht in der Befolgung von Riten erschöpft, sondern eine persönliche Verantwortung für die Welt, jenseits konfessioneller Grenzen, fordert. Jeder hat in dieser Hinsicht an sich selbst zu arbeiten. Umwelt- und Klimaschutz wird, jenseits aller Moden, zu einer Angelegenheit von spirituellem Rang. Über Moscheegemeinden und islamische Gruppen würde man eine große Gruppe von Menschen erreichen, die sich sonst nicht angesprochen fühlen. Umweltdiskurse könnten hier verankert werden. Vernetzungen mit anderen Umweltgruppen und –organisationen wären möglich. Die Umweltbewegung wäre damit einen Schritt weiter.

Die IFEES informiert in ihrem Newsletter "ecoIslam" regelmäßig seine Mitglieder über aktuelle Umweltprojekte.

Die IFEES informiert in ihrem Newsletter "ecoIslam" regelmäßig seine Mitglieder über aktuelle Umweltprojekte.

Gibt es in Europa Projekte oder Initiativen eines “Öko-Islams”? Inwiefern arbeiten diese mit anderen NGO’s zusammen?

Wenn man über Initiativen redet, muss man sich im Klaren sein, dass es eine Spannbreite gibt von halbwegs stabilen Organisationen bis hin zu flüchtigen Gebilden, die lokal und kurzfristig wirken und wenig Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Eine der bekanntesten Organisationen ist die britische Islamic Foundation for Ecology and Environmental Sciences, kurz IFEES. Sie ist eine bei der UNO registrierte NGO und eine Schwesterorganisation der international tätigen Alliance of Religions and Conservation (ARC), mit der zusammen sie Küstenschutzmaßnahmen im afrikanischen Raum entwickelt hat. Darüber sowie über ihre Initiativen in Großbritannien hat sie ein medienwirksames Bild eines Öko-Islams entworfen. Ihr professionell anmutender Newsletter EcoIslam zeigt eine eindrucksvolle Synthese von islamischen Diskursen und Umweltdiskursen. Gekonnt werden Informationen auch über globale Zusammenhänge und praktische Maßnahmen für den Alltag vermittelt. IFEES ist mit anderen lokalen britischen Organisationen, die in den letzten Jahren entstanden sind, vernetzt. Gemessen daran stellt sich Deutschland bislang als ein Entwicklungsland dar.

Interview: Eren Güvercin

© Qantara.de 2009

http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-1030/i.html

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„Ohne das Interesse am Fremden gibt es keine Kultur mehr“

April 26, 2009 · 3 Kommentare

Zum achten Mal wird der Preis der im Netzwerk literaturhaus.net zusammengeschlossenen Literaturhäuser verliehen. In diesem Jahr erhält ihn der Schriftsteller Ilija Trojanow. Das Werk Trojanows aus Romanen (”Der Weltensammler”), Reiseberichten, Anthologien und Essays (”Der entfesselte Globus”) handelt auf einzigartige Weise von den Kulturen der Welt. Wir trafen ihn in Köln und sprachen mit ihm über die These vom “Kampf der Kulturen”, die Bedeutung des Fremden für die Kultur, den Mythos von der “jüdisch-christlichen Tradition” Europas und über aktuelle Konflikte in Afrika, wie etwa den Darfur-Konflikt und das Piratenproblem vor Somalia.

Ilija Trojanow: "Kulturen bekämpfen sich nicht, sie fließen zusammen" (Copyright Clemens Fabry)

Ilija Trojanow: "Kulturen bekämpfen sich nicht, sie fließen zusammen"(Copyright Clemens Fabry)


Sie haben soeben den Preis der Literaturhäuser 2009 gewonnen. In der Begründung der Jury wird ihr bisheriges Werk als eine „einzigartige Sammlung von Beispielen und Modellen der Begegnung von Kulturen“ bezeichnet, „die nicht unter dem Zeichen des Kampfes stattfindet“. In den Medien hört man stattdessen immer nur das Mantra vom „Kampf der Kulturen“. Sie wurden in Bulgarien geboren, sind in Deutschland und Afrika aufgewachsen, und haben einige Jahre in Indien gelebt. Wie stehen Sie zu dieser These vom „Kampf der Kulturen“, als jemand der verschiedene Kulturen und Religionen unmittelbar erlebt hat?

Ilija Trojanow: Ich glaube, dass die These nicht interessant ist, weil jemand selbst mit sehr oberflächlichen Kenntnissen der Geschichte kann diese These widerlegen. Interessant ist wieso die These immer wieder öffentlichen breitgetreten wird; dass heißt, wir müssen fragen nach den Gründen wieso ganz bestimmte Interessengruppen, auch viele Leute die Machtpositionen innehalten, diese These instrumentalisieren, diese Schlagwörter benutzen, und was für Interessen das dient. Diese Frage kann man, glaube ich, nicht sehr einfach beantworten. Es gibt den so genannten „war on terror“, dass heißt, es gibt einen „Krieg gegen Terror“, der einzigartig ist in der Geschichte der Menschheit, weil er nicht erklärt wurde, weil er nicht beendet werden kann, weil er keinen klar umrissenen Gegner hat, d.h. eigentlich der Prototyp des perfekten Krieges, denn man kann ihn für absolut alles hernehmen. Das erleben wir ja jetzt wieder. Plötzlich umfasst „war on terror“ somalische Piraten, die mit Gebieten im Norden Pakistans ja wirklich nichts zu tun haben. Es ist eigentlich ein rhetorisches Instrument in Zeiten der Globalisierung überall aggressiv seine eigenen Machtpositionen durchsetzen zu können. Jede solche Machtausweitung benötigt natürlich in den kulturellen Arenen eine entsprechende kulturelle Rhetorik. Da ist es so, dass es für mich schockierend ist, wie viele so genannte Intellektuelle diese Rhetorik übernehmen, ohne genauer hinzugucken, ohne nachzufragen, ohne sich zu informieren über die Anderen, über die Fremden. Das bedeutet heutzutage vor allem, die islamische Welt wird in einer Art und Weise oberflächlich geurteilt, die keiner dieser Intellektuellen sich leisten würde ginge es um ein benachbartes europäisches Land.

In Ihrem Buch „Kampfabsage“, welches Sie mit dem indischen Dichter Ranjit Hoskote zusammen geschrieben haben, heißt es, dass das Abendland nicht nur durch seine jüdisch-christliche Tradition geprägt sei. Auf welche andere Prägung oder Prägungen weisen Sie hier hin?

Ilija Trojanow: Man muss zuerst sagen, wir weisen erst einmal darauf hin, was erstaunlicherweise wirklich wenige Leute wissen, dass alleine dieses Wort von der „jüdisch-christlichen Tradition“ sehr sehr neu ist. Das ist erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Davor war ja genau das Gegenteil herrschende Meinung. Niemand wäre auf die Idee gekommen, von den Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Christen zu reden, sondern jahrhunderte lang standen die Differenzen im Mittelpunkt. Genau darum geht es ja. Betrachtet man die verschiedenen Kultursphären aus dem Blickwinkel der Differenz oder der Gemeinsamkeit? Man findet natürlich immer Differenzen, und man kann anhand der Differenzen dann auch Aggression, Wahn und Krieg rechtfertigen. Schaut man sich aber die Gemeinsamkeiten an, so gibt es unzählige historische Beispiele, dass das, was wir als Westen bezeichnen, umfassend, tiefgründig vom so genannten Osten geprägt wurde, d.h. auch jahrhunderte lang von allen möglichen Traditionen und kreativen Entwicklungen in der islamischen Welt. Und dann gibt es einige Kapitel, wo wir Sachen erzählen, die die Leute selten gehört haben, was auch erklärt, wieso es teilweise wütende Reaktionen gab, weil wir zum Beispiel zeigen, dass Aspekte der westlichen Rationalität und Aspekte der westlichen Aufklärung ganz entscheidend von islamischen Denkern geprägt wurden, zum Beispiel von dem großartigen Averroes, also Ibn Ruschd. Die Entwicklung der Menschheit ist in einer Art und Weise von Zusammenflüssen, von gegenseitigen Beeinflussungen geprägt, die dem normalen Denken in Gegensätzen überhaupt nicht entsprechen.

Das alte Andalusien wird oft als Beispiel angeführt, wenn es um die friedliche Koexistenz von verschiedenen Kulturen und Religionen geht. Das Zusammenleben war auch im alten Andalusien nicht so friedlich, wie es manchmal idealisiert wurde. In „Kampfabsage“ heißt es, dass Kulturen sich nicht bekämpfen, sondern zusammenfließen. Ist dieser Zusammenfluss der Kulturen immer ein friedlicher Prozess?

Ilija Trojanow: Die Frage ist eigentlich nicht, ob Kulturen sich bekämpfen, sondern ob Kulturen sich überhaupt bekämpfen können. So wie wir es sehen, zeichnen sich Kulturen gerade dadurch aus, – wenn sie diesen Namen verdienen – dass sie eine gewisse Offenheit haben, dass sie in ihrem Streben um Form und Ausdruck, der den jeweiligen Erlebnissen der Menschen gerecht wird, immer wieder auch auf die Fremde schauen und die Fremde dahingehend nutzen, dass sie sich einerseits in ihr spiegeln, andererseits von der Fremde lernen und sich dadurch weiterentwickeln. In dem Moment, in dem man sagt, wir brauchen überhaupt nichts von der Fremde zu übernehmen, wir interessieren uns nicht für die Fremde, haben wir eigentlich keine Kultur mehr. Dann haben wir so etwas wie Dogma oder Fanatismus oder Engstirnigkeit. Das ist ja ganz typisch für die schlimmsten Fälle der Menschheitsgeschichte. Diese Scheuklappen und vor allem diese völlig fatale, destruktive, tödliche Ideologie, dass all das, was wertvoll ist, irgendeinen essentiellen eigenen Tradition entspringt, und insofern man überhaupt nicht über den Tellerrand schauen muss.

In der Kopftuchdebatte oder in Protestaktionen gegen Moschee geben die Islamkritiker immer vor zentrale westliche Werte zu verteidigen, die auf den Prinzipien der Aufklärung gründen. Steht die derzeitige Debatte um den Islam im Einklang zu diesem Erbe?

Ilija Trojanow: Ich glaube eigentlich letzte Zeit zunehmend, dass wir viele dieser Diskussionen einfach verweigern müssen. Ich habe das Gefühl, dass etwa die Diskussionen um das Kopftuch von einer solchen Dümmlichkeit und Primitivität der Argumente geprägt waren, dass man aus diesem Diskurs gar nicht in irgendeiner würdevollen Haltung rauskommen kann. Die Kopftuchdebatte oder viele andere Debatten über den islamischen Glauben sind ja geprägt von einer bestimmten Bösartigkeit der Kritik. Dann ist es extrem schwer, das Thema zu verhandeln. Es geht ja eher darum, dass man sich gegenseitig bestimmte Stempel und Positionen aufdrückt. Das ist eine ganz große Gefahr, weil die Leute, die mit sehr vereinfachenden, sehr primitiven Argumenten operieren, haben in Zeiten der flüchtigen massenmedialen Aufmerksamkeit einen enormen Vorteil. Diejenigen Leute, die differenzieren und vielfältig argumentieren, gehen da leichter unter.

Sie waren vor kurzem im Sudan, haben selber eine zeitlang in Afrika gelebt und kennen viele Menschen dort. In der letzten Zeit haben Nachrichten über Piraten, die westliche Schiffe kapern einen Stammplatz in den Medien. Über die Hintergründe erfährt man aber kaum etwas. Was sind die Gründe dieser Piratenangriffe? Wie nehmen die Menschen dort die Stationierung von NATO-Kriegsschiffen vor ihren Küsten wahr?

Ilija Trojanow: Wenn man genauer hinschaut, findet man ja fast immer schwerwiegende soziale Gründe für Konflikte. Auch in Fall von Somalia ist das so. Somalia ist ein Land, in dem der Stellvertreterkrieg zwischen USA und UdSSR durchgeführt wurde. Im Rahmen dieses Stellvertreterkrieges gab es auch eine fatale Verarmung der Fischer. Die Fischereirechte wurden weggegeben, zuerst an die Sowjetunion, später dann an die EU. Die Fischer konnten nicht mehr überleben. Diese Fischer, die zudem zahlenmäßig zunahmen, weil der Diktator Siad Barre Menschen aus politischen Gründen umgesiedelt hat, hatten kein Auskommen mehr. So entstand dann dieses Piratentum, zuerst aus Gelegenheit und inzwischen ist es eine richtig durchorganisierte Industrie. Es ist ja insofern interessant als Thema, weil man sich ja wirklich fragt, wie können wir Probleme nachhaltig lösen. Und das ist ein sehr schönes Beispiel. Wenn man versucht Probleme militärisch zu lösen, dann löst man sie nicht nachhaltig. Man kann höchstens durch sehr viel Leid das Problem unterdrücken. Somalia ist ein sehr schönes Beispiel, dass die nachhaltige Lösung des Problems natürlich nur darin liegen kann, dass die Menschen in Somalia in irgendeiner Weise ihr Auskommen haben. Darüber wir im Moment so gut wie gar nicht diskutiert.

Ein anderer Konflikt in Afrika, über den viel berichtet wird, sind die Unruhen in Darfur. Viele Stars wie Bob Geldof, Angelina Jolie oder George Clooney besuchen regelmäßig Darfur, aber auch hier erfährt man nicht viel über die wirklichen Gründe dieses Konflikts. Was waren Ihre Eindrücke in Sudan? Wie nehmen die Menschen dort dies auf?

Ilija Trojanow: Ich bin ja von gewissen Seiten schrecklich dafür geprügelt worden, dass ich eigentlich nichts anderes gemacht habe, als das was die Aufgabe eines Autors und Journalisten ist, nämlich Leute treffen und verschiedene Meinungen einsammeln. Es war für mich sehr interessant zu sehen, dass selbst Leute, die extrem kritisch gegen die Regierung von Baschir sind, Leute die im Gefängnis waren, also Leute, die mit ihrem eigenen Leben für eine Demokratisierung ihres Landes eingestanden sind, und nicht irgendwie aus ihrer bequemen Wohnung von Berlin aus schreiben, dass diese Leute eine differenziertere und erheblich komplexere Darstellung des Darfur-Konflikts mir vermittelt haben. Es sei zum Beispiel überhaupt nicht ein Konflikt zwischen Arabern und Schwarzen, zwischen Moslems und Christen, sondern es sei vor allem ein Konflikt um Land, mit sehr vielen, komplizierten Brüchen, mit einer ganz schlimmen Verwüstung. Die Sahara zieht sich immer weiter nach Süden. Die Völker, die weiter im Norden leben, müssen nach Süden ziehen. Es kommt dann zu Konflikten um Leben und Tod, um Quellen, um Land, was natürlich absolut grausige Konflikte sind. Aber es hilft keinen von uns, wenn wir diesen Konflikten irgendwelche simplifizierenden Etiketten geben. Zudem haben mir auch viele Leute gesagt, dass dieser Konflikt mit schrecklichen Opfern eigentlich im Großen und Ganzen beendet ist, d.h., dass eine gewisse Medienhysterie im Westen einfach zu spät kommt, was ja nicht das erste Mal gewesen wäre. Es ist ja immer wieder passiert, dass der Konflikt oder die Kämpfe schon so gut wie beendet waren, bis überhaupt der Westen davon Kenntnis genommen hat.

Der aus Kenia stammende neue US-Präsident Obama ist für viele eine Hoffnung. Was sagen Sie zu dieser grenzenlosen Euphorie? Ist Obama wirklich der ersehnte Retter?

Ilija Trojanow: Wenn man die Politik kritisch betrachtet, muss man sich immer hüten vor messianischen Rollenzuweisungen. Das ist immer sehr gefährlich, wenn einem einzelnen Menschen ein quasi prophetische Bedeutung zugemessen wird, denn in der Politik – wie wir alle wissen – kommt es auf das System an. Es kommt auf Interessensgemeinschaften, auf Machtverteilung, auf Bürokratie, auf all die Leute an, die Vermögen und Einfluss haben. Da kann ein Einzelner in so einem großen und komplizierten Land wie den USA nichts ausrichten. Nichtsdestotrotz gibt es tatsächlich die eine oder andere Stellungnahme oder Haltung von Obama, die ich positiv finde. Ich glaube, dass er sowohl gegenüber Lateinamerika als auch gegenüber der islamischen Welt gute Töne der Versöhnung angeschlagen hat, andererseits ist die Politik in Afghanistan und Pakistan eine Katastrophe. Die Ausweitung des Krieges wird nur zu noch mehr Mord an unschuldigen Zivilisten führen. Es kann keine militärische Lösung geben. Nachdem das britische Imperium, was damals die stärkste Macht auf der Erde war, mit Afghanistan militärisch nicht klar gekommen ist, und auch die Sowjetunion, die über alles verfügte, mit Afghanistan nicht klar gekommen ist, und jetzt die Nato, mit Abstand die stärkste militärische Kraft in der heutigen Zeit, seit nun seit einigen Jahren in Afghanistan nicht klar kommt, verstehe ich nicht, dass man denkt, wenn man 20 000 Soldaten zusätzlich hinschickt, dass man das Problem lösen wird. Im Falle Afghanistans gibt es auch eine ganz große Heuchelei in der westlichen Presse, wenn man immer so tut, als seien die Taliban irgendwelche Monster, die überhaupt keine Unterstützung erfahren. Ich persönlich kenne jetzt die Haltung der verschiedenen Talibangruppen nicht, aber was mir zu Denken gibt, ist, dass eine Guerilla nur dann erfolgreich ist, wenn sie Unterstützung in der Zivilbevölkerung hat. Die Tatsache, dass diese Kämpfer gegen die Nato offensichtlich sehr erfolgreich sind, heißt, dass sie sehr viel Unterstützung in der Bevölkerung genießen. Dann muss man sich jenseits jeglicher Moral strategisch fragen, wieso genießen sie diese Unterstützung? Offensichtlich ist die Nato nicht überall angesehen als Retter und Helfer. Diese Fragen werden nicht gestellt.

Lieber Herr Trojanow, vielen Dank für das Interview.

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Sloterdijks Überlegungen zu einer neuen Lehre vom Menschen

April 10, 2009 · 1 Kommentar

„Du musst dein Leben ändern“: Peter Sloterdijk entwirft in seinem neuen Buch eine grundlegende und grundlegend neue Anthropologie. Den Kern seiner Wissenschaft vom Menschen bildet die Einsicht in die Selbstbildung alles Humanen. Ein Beitrag von Eren Güvercin über Sloterdijks neuestes Werk.


Podcast: http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2009/04/08/dlf_20090408_0952_233e2b48.mp3

Peter Sloterdijk entwirft in seinem neuen Buch eine grundlegend neue Anthropologie

Peter Sloterdijk entwirft in seinem neuen Buch eine grundlegend neue Anthropologie

Peter Sloterdijk: „Ein Gespenst geht um in der westlichen Welt – das Gespenst der Religion. Landauf, landab wird uns von ihr versichert, nach längerer Abwesenheit sei sie unter die Menschen der modernen Welt zurückgekehrt, man tue gut daran, mit ihrer neuen Präsenz ernsthaft zu rechnen.“

Bei seinen Gedanken über die Natur des Menschen und den Überlegungen zur Anthropologie geht Sloterdijk zunächst auch auf die in den Medien allseits beschworene Renaissance der Religionen ein.

Peter Sloterdijk: „Tatsächlich kehrt heute etwas wieder – doch die geläufige Auskunft, es sei die Religion, die sich zurückmelde, kann kritische Nachfragen nicht befriedigen. Es handelt sich auch nicht um die Rückkehr einer Größe, die verschwunden gewesen wäre, sondern um einen Akzentwechsel in einem nie zertrennten Kontinuum. Das wirklich Wiederkehrende, das alle intellektuelle Aufmerksamkeit verdiente, hat eher eine anthropologische als eine „religiöse“ Spitze – es ist, um es mit einem Wort zu sagen, die Einsicht in die immunitäre Verfassung des Menschenwesens.“

Sloterdijk hält daher die traditonelle Bezeichnung „Religionen“ nicht mehr für zutreffend. Da der Mensch für ihn stets danach strebt, sich in die ihm vorfindliche Situation einzuüben, ist er ein immer wieder Übender, der auch nach spirituellen Orientierungspunkten sucht. Sloterdijk hält es deshalb für treffender den Begriff „Religion“ durch die Bezeichnung spirituelles Übungssystem“ zu ersetzten. Gleichzeitig ist er aber auch davon überzeugt, dass die spirituellen Symbole, die bisher in Gebrauch waren, zunehmend an Bedeutung verlieren.

Peter Sloterdijk: „Im Moment sind unsere symbolischen Immunsysteme mehr oder weniger im Kollabieren. Es ist ein Vorgang, den die Europäer seit dem 19. Jahrhundert deutlich spüren. Der Ausdruck „Gott ist tot“ bedeutet ja nichts anderes, als dass dieses großartige metaphysische Immunsystem, das sich die Europäer in einer 2000jährigen Anstrengung errichtet haben, durch die zeitgenössischen Erfahrungen zersetzt worden ist.“

Diese Entwicklung führt für Sloterdijk aber keineswegs in einen platten Materialismus, sondern – nach seiner Meinung – brauchen Menschen immer auch Rituale und gewisse Formen der Spiritualität in ihrem Leben.

Peter Sloterdijk: „Nach mehrhundertjährigen Experimenten mit neuen Lebensformen hat sich die Einsicht abgeklärt, dass Menschen, gleichgültig unter welchen ethnischen, ökonomischen und politischen Bedingungen sie leben, nicht nur in „materiellen Verhältnissen“, vielmehr auch in symbolischen Immunsystemen und rituellen Hüllen existieren.

Diesen Aspekt will Sloterdijk bei seiner Suche nach einer neuen Lehre vom Menschen unbedingt beachten. Als Motto seiner anthropologischen Überlegungen hat er die Zeile „Du musst dein Leben ändern“ aus dem Gedicht „Archaischer Torso Apollos“ von Rainer Maria Rilke ausgewählt.

Peter Sloterdijk: „Ich erinnere in dem Buch überwiegend eigentlich an die Formen von Arbeit an sich selbst, bei der man keinen Chirurgen braucht, sondern so etwas wie eine tägliche Bereitschaft an seiner eigenen psycho-physischen Verfassung etwas zu tun.“

Einer seiner übungstheoretischen Imperative lautet: „Verhalte dich jederzeit so, dass die Nacherzählung deines Werdeganges als Schema einer verallgemeinerbaren Vollendungsgeschichte dienen könnte. Wer diese Einstellung verinnerlicht, handelt in allen Situationen seines Lebens bedacht.  Ein solches spirituelles Übungssystem haben zum Bespiel die Philosophien und Religionen in allen Kulturkreisen mit ihren  Überlieferungen über herausragende philosophische und religiöse Persönlichkeiten angeboten.

Peter Sloterdijk: „Also die Menschen, die in der buddhistischen Welt, in der monotheistischen Welt und in der hinduistischen Welt gelebt haben, die haben alle sich so verhalten müssen, weil ja sie bereits leben in einer Welt, in denen Erzählungen von Vollendeten das moralische Milieu prägen. Wir haben Sokrates, wir haben Jesus, wir haben dank der katholischen Kirche eine lange Liste von heiligen Leben, die bereits ja in der Antike auch gesammelt und kapitalisiert worden sind, in Form von Erbauungsbüchern an die jeweiligen jüngeren Generationen ausgegeben worden sind.“

Es geht hier letztlich um einen pädagogischen Aspekt, der neben die Selbsterkenntnis auch am Beispiel bestimmter bevorzugter Vorbilder den Impuls freisetzen kann, die Gestaltung des eigenen Lebens zu ändern. Das bedeutet für Sloterdijk vor allem, dass man sich selbst zu Höchstleistungen antreibt. Vorbilder für diese Einstellung findet er besonders in der Geschichte des Mönchtums:

Peter Sloterdijk: „Deswegen spielen in dem Buch – vor allem in den historischen Abschnitten – die Mönche eine ziemlich große Rolle, allerdings nur deswegen, weil das Buch insgesamt eben den Menschen mehr als eine artistisch-athletische Erscheinung portraitieren möchte. Unter dem Aspekt können dann unsere Freunde, die Mönche, als bisher unterschätzte Artisten noch einmal einen zweiten Auftritt bekommen.“

Mit seinen Überlegungen zu einer neue Lehre vom Menschen möchte Sloterdijk besonders die jüngere Generationen ansprechen. Denn diese und die künftigen Generationen brauchen, da viel Überleifertes nicht mehr tragfähig scheint, ein neues Rüstzeug zur Orientierung in ihrer Lebensführung. Er hält es daher auch für notwendig, dass für die nachfolgenden Generationen ein Kanon zusammengestellt wird, der aus den vergangenen Jahrhunderten alles das zusammen trägt, was sich druch aus bewährt hat und auch künftig bewähren könnte. Er denkt dabei vor allem an ethische Grundeinstellungen.

Peter Sloterdijk: „Das ist zumindest die Wahrnehmung, die in meinem Wirklichkeitskreis vorherrscht. Das hat aber vielleicht damit zu tun, dass ich einer von den wenigen Leuten bin, die sich noch auf Kinder beziehen, während ja viele Heute in der Haltung des letzten Menschen leben, und eher die ultimative Party ansteuern. Aber ich gehe jetzt eher von so einer kinderbezogenen Form der Kulturvernunft aus und denke daher über das nach, was so an überlieferungsfähigem Resultaten aus dem 250jährigen Experiment der Moderne übrig bleiben soll, und ein bisschen davon steht glaube ich auch in meinem Buch.“

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“Mir geht die Opferrhetorik gehörig auf die Nerven”

März 5, 2009 · 2 Kommentare

In seinem neuen Buch erzählt der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani auf sehr persönliche Weise von seinem Leben als Kind iranischer Eltern in Deutschland und berichtet von seinen Erfahrungen als Mitglied der Deutschen Islam-Konferenz. Dabei erweist er sich einmal mehr als genauer Beobachter, scharfer Analytiker und mitreißender Erzähler. Navid Kermanis Buch überzeugt durch die leisen Töne, denn unsere Identität als Deutsche, Europäer, Muslime oder Christen ist vielfältiger und ambivalenter, als uns oft eingeredet wird. Eren Güvercin sprach mit ihm über sein neues Buch und die Debatte um die Muslime in Deutschland.

“Mir geht die Opferrhetorik gehörig auf die Nerven”

Der Islamwissenschaftler Navid Kermani

Der Islamwissenschaftler Navid Kermani erweist sich einmal mehr als genauer Beobachter, scharfer Analytiker und mitreißender Erzähler

Wenn es um das Thema Deutschland und seine Muslime geht, ist immer die Rede vom ‚Kampf der Kulturen’. Ilija Trojanow und Ranjit Hoskote haben in ihrem Buch „Kampfabsage“ eine Art Gegenschrift zu dieser These verfasst. Existiert Ihrer Ansicht nach ein ‚Kampf der Kulturen’, oder sollte man eher von Konflikten innerhalb der Kulturen sprechen?

Kermani: Ich glaube, die Rede vom ‚Kampf der Kulturen’ ist genauso problematisch wie die Rede vom ‚Dialog der Kulturen’, weil in beiden Fällen setzt man feste Subjekte voraus, als seien die relativ homogen. Und das gilt für den ‚Dialog der Kulturen’ genauso. Wenn man dann die Realität sieht, werden solche Begriffe oder solche Vorstellungen sehr schnell zu Karikaturen, weil die Realität viel widersprüchlicher und ambivalenter ist. Zu wem gehöre ich? Gehöre ich zum Westen? Ich denke schon. Zugleich gehöre ich auch irgendwie zum Islam, weil ich muslimische Eltern habe und auch mich dieser Kultur zugehörig fühle. Das gleiche gilt für die orientalischen Christen, die einen prägenden Teil dieser Kultur ausmachen. Man könnte jetzt unzählige Beispiele aufzählen. Und gerade die letzten politischen Krisen haben ja gezeigt, wie unterschiedlich der Westen selbst ist. Nehmen sie den Irakkrieg, da gab es nicht den Westen, es gab unterschiedliche Westen. Das Problem allerdings ist, dass diese Begriffe sich in den Köpfen festsetzen, dass Politiker, Terroristen, Intellektuelle agieren, als gäbe es den Islam, als gäbe es den Westen. Sie werden zu Agenten dieser Subjekte, und dann handeln sie auch im Namen des Westens oder des Islams. Am 11. September 2001 wurde gewiss im Namen des Islams der Westen attackiert, nicht eine spezifische politische Gruppe hat eine andere spezifische politische Gruppe attackiert. Es waren hier Kulturen, die dort vorgaben gegeneinander zu kämpfen. Dann muss man diese Begriffe auch ernst nehmen.

 

Oft wird beklagt, dass sich die Muslime in Deutschland zuwenig in die Gesellschaft einbringen. Es ist immer die Rede von Parallelgesellschaften. Ist der Islam nicht integrierbar? Was sind die Gründe für diese Abschottung?

Kermani: Ich kann mit pauschalen Urteilen nicht viel anfangen. Ich glaube, ich kenne genug Muslime, die sind integriert, und genug Deutsche, die halte ich für überhaupt nicht integriert. Das sind so Pauschalbegriffe, die nicht weiterhelfen, weil die Realität einfach komplexer ist, und es hilft nichts, als sich dieser Komplexität auszusetzen. Es hilft nichts, als zu schauen, wer ist eingewandert, wo kamen die her, welche Probleme haben die. Dann zeigt sich ziemlich schnell, dass es eine Reihe von kulturell bedingten Probleme gibt, die mit der Herkunftskultur der Einwanderer zu tun haben, diese Probleme aber nicht strikt entlang der religiösen Linie verlaufen. Da muss man natürlich aufpassen, dass man nicht apologetisch wird, aber z.B. gibt es an den Schulen nicht nur Probleme mit den türkischen Kindern, es gibt diese Probleme auch mit italienischen oder griechischen Kindern. Das heißt, man muss die kulturell und zum Teil religiös bedingten Probleme – etwa wenn es um Mädchen an den Schulen, oder dem Schwimmunterricht und ähnliches geht – ernst nehmen, aber man muss sie genauso versuchen säkular zu verstehen, wie wir andere Probleme auch säkular verstehen. Wir würden ja den Krieg in Jugoslawien, wo es ja auch um Religion geht, nicht nur mit Religion verstehen, sondern wir ordnen die Religion in einem Kontext anderer Begründungen und Motive ein, und versuchen so zu einem einigermaßen angemessenen Verständnis zu kommen. Jede Art von Antwort, die einfach wäre – „der Islam ist integrierbar“, oder „der Islam ist nicht integrierbar“ – ist alleine aufgrund ihrer Einfachheit falsch.

 

In Ihrem Buch “Wer ist Wir? – Deutschland und seine Muslime” schreiben Sie, dass die islamistische Ideologie eine bürgerliche Ideologie sei. Häufig ist aber zu lesen, dass der Islamismus der Ausdruck von Benachteiligung und sozialer Deklassierung ist. Ist diese Ideologie ein modernes Phänomen, auch wenn sie sich auf die Überlieferung und die Frühzeit des Islam beruft?

Kermani: Sie ist historisch auf jeden Fall ein modernes Phänomen, weil sie erst im Laufe des späten 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden ist, und zwar gerade in bürgerlichen Kreisen, also nicht innerhalb der Orthodoxie, sondern eben unter Ingenieuren, Technikern, Ärzten, unter Laien, also ähnlich wie auch der christliche Fundamentalismus, der nicht aus den Kirchen kam, sondern zunächst ein Mal eine Laienbewegung darstellt. Dass natürlich soziale Faktoren, Benachteiligung, Armut dann diese Art von Ideologie befördern oder ihr einen Zulauf bieten, das ist ganz klar. Insofern muss man unterscheiden zwischen den Aspekten, die zur Ausbreitung beitragen, und zu der Ideologie selbst. Die Ideologie selbst ist auch in ihrer Argumentationsweise, die sich eben auch ganz stark auf anti-aufklärerische westliche Strömungen bezieht, durch und durch modern.

 

In der Debatte um den Islam und die Muslime in Deutschland wird oft mit der Angst der Menschen gespielt. Braucht Europa in gewisse Weise den Islam, um sich selbst zu definieren? Ist es Ausdruck der eigenen Identitätskrise?

Kermani: Ich glaube jede Kultur braucht eine andere Kultur, um sich zu definieren. Identifikation läuft immer in Abgrenzung von Anderen. Es ist zunächst einmal ein normaler Vorgang. Es ist auch gar nichts Verwerfliches, es wäre anders gar nicht vorstellbar. Man findet sich selbst, in dem man sich unterscheidet von Anderen. Gefährlich wird es dann, wenn diese Abgrenzung den Charakter von Feindschaft, von Pauschalisierungen einnimmt, und vor allem dann, wenn diese kulturellen Abgrenzungen zu gesellschaftlichen, politischen und juristischen Benachteiligungen der jeweiligen Minderheit oder des jeweiligen Anderen führen. Da sind wir in Deutschland nicht ganz frei davon, aber es ist auch nicht ganz so schlimm, wie Muslime es oft darstellen. Also ich sehe nicht, dass Muslime hier in Deutschland dramatisch benachteiligt sind. Es ist einfach absurd so etwas zu behaupten. Mir geht auch diese Opferrhetorik gehörig auf die Nerven, dass man immer die eigene Benachteiligung sieht. Aber das bedeutet nicht, dass es in Europa zunehmend einen Diskurs der Abgrenzung gibt, der hier und dort zu politischen und juristischen Benachteiligung führt, gegen die man sich wehren sollte.

 

Was in dieser ganzen Debatte um den Islam auffällt, ist dass so gut wie kein Islamwissenschaftler zu Wort kommt. Prof. Wild, einer der renommiertesten Islamwissenschaftler, hatte in einem Leserbrief in einer großen deutschen Tageszeitung diesen Zustand kritisiert. Was sind die Gründe für diese Abwesenheit der Wissenschaft in diesem Diskurs?

Kermani: Weil die Islamwissenschaftler nicht das sagen, was die Medien wollen. Weil die Islamwissenschaftler, so kann man es auch gelegentlich lesen, quasi pauschal dem Islamismus auf dem Leim gegangen sein sollen. Also die Islamwissenschaft wird qua Wissenschaftlichkeit unter Generalverdacht gestellt, weil sie nicht die Antworten bietet, die in den Talkshows gefordert werden. Ein wissenschaftlich fundiertes Urteil ist dort nicht gefragt, und entsprechend werden diese Stimmen auch nicht gefragt, weil sie differenzieren, und Differenzierung braucht Zeit. Sie bietet nicht sofortige pauschale Antworten, sie ist oft nicht in ein zwei Minuten zu erledigen, und das geht in diesem aufgeregten Diskurs vollkommen unter. Im übrigen zeigt sich eben auch daran, dass man auf diese in Deutschland massiv vorhandene Kompetenz verzichtet, dass es eben keine Debatte um den Islam ist, um den Islam geht es nicht wirklich, sondern es geht darum, wie man sich selbst definiert. Der Islam dient hier oft als Folie.

 

Man muss ja auch klar sagen, dass auch in Deutschland die Gefahr terroristischer Anschläge hoch ist. Was sind die Ursachen dieser religiös motivierten Gewalt? Wieso sind gerade gut integrierte Jugendliche empfänglich für diese Ideologie?

Kermani: Das ist ähnlich, wie in vielen anderen Fällen des Terrorismus. Die Akteure selbst, die die Tat ausführen – das war ja bei der RAF genauso – zwar im Namen größerer Kollektive handeln, also sagen wie etwa den Arbeitern oder Benachteiligten, im Falle der muslimischen Terroristen im Namen der islamischen Welt, aber selbst eigentlich nicht dazugehören, jedenfalls nicht diese Benachteiligung am eigenen Leib gespürt haben. Es gibt verschiedene Ursachen, die dazu führen, dass es diese Gewalt gibt. Aber in der Tat was richtig ist, und das wissen ja auch die Geheimdienste, dass das Problem der politischen Gewalt in Deutschland im Namen des Islams verübt, weniger ein Problem der Integrationsunfähigkeit, denn die so genannten Parallelgesellschaften, die Türken, die in den Teehäusern hocken, sind fast nie auffällig, was Gewalt betrifft. Sie schlagen vielleicht ihre Frau oder ähnliches, aber sie werden nicht politische Gewalttäter, während die Gewalt in der Tat aus Kreisen kommt, von denen man es eigentlich nicht erwarten würde. Sie sprechen gut Deutsch, sind gut integriert, haben meistens säkulare Eltern. Was vielleicht zu dieser Radikalisierung von Tradition führt, ist dass es eigentlich keine Tradition gibt. Man kehrt zurück zu etwas, was man eigentlich gar nicht hatte, was die Eltern gar nicht hatten. Dass heißt, dieser ganze Puffer von jahrhunderte gewachsener Orthodoxie und Tradition fällt weg, man geht zurück zum nackten Wort, und wenn man das dann wörtlich auslegt, dann wird es in der Tat oft kriminell.

 

Sie sind ja auch Mitglied der Deutschen Islam Konferenz. Wie bewerten Sie die bisherige Arbeit, und was sind ihre Erwartungen für die Zukunft? Was kann die Deutsche Islam Konferenz bewirken?

Kermani: Die Islamkonferenz ist erst ein Mal ein großes symbolisches Ereignis. Allein ihr Zustandekommen ist ein Fortschritt. Dass überhaupt diese Leute gezwungen werden, die deutschen Politiker auf der einen Seite, und eben auch Muslime in ihrer ganzen Heterogenität, in ihrer ganzen Vielfalt, zusammenzukommen ist ein Fortschritt. Dann gibt es eine ganze Reihe von guten Ergebnissen in den einzelnen Arbeitsgruppen, etwa beispielsweise was die Arbeitsgruppe ‚Medien’ betrifft. Da wird auch konkret mit Redaktionen gesprochen, und es gibt verschiedene Workshops. Auch in der Arbeitsgruppe ‚Schule’ sind ganz gute Leitlinien erarbeitet worden. Aber die Zusammensetzung der Islamkonferenz ist so heterogen, und zwar sowohl in ihrer islamischen Zusammensetzung, als eben auch in ihrer staatlichen Zusammensetzung, weil dort praktisch alle Parteien vertreten sind, dass man dort überhaupt nicht erwarten kann, dass es zu wirklich konkreten Ergebnissen kommen wird. Es sind allgemeine Meinungsbekundungen, und die sind auch ganz in Ordnung, aber man muss die praktischen Erwartungen relativ niedrig hängen. Es wird nicht die Lösung der Probleme sein, es ist eher das Anerkennen, dass es die Probleme gibt, eher ein Anerkennen, dass der Islam nun eine gesellschaftlich relevante Größe geworden ist.

 

Herr Kermani, vielen Dank für dieses Gespräch.

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Eine Gesellschaft des Verdachts

November 14, 2008 · 2 Kommentare

In seinem neuen Roman erzählt John le Carré, Ex-Agent und Großmeister des Spionageromans, von zunehmender Überwachung, Terror-Paranoia und der Macht internationaler Geheimdienste. Ein desillusionierender Roman, so Eren Güvercin.

http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-975/i.html

Sein Name lautet David Cornwell. Der 77-Jährige wurde aber unter seinem Pseudonym John le Carré ein weltberühmter Schriftsteller. Nach seinem Germanistikstudium in Bern und Oxford wurde er zunächst Anfang der 60er Jahre vom britischen Secret Service rekrutiert. Schon während seiner Agententätigkeit begann er zu schreiben. John le Carré prägte das Genre des Spionageromans maßgeblich mit.
Soeben ist sein neuer Roman „Marionette“ erschienen. Das Buch handelt von der gesellschaftlichen Angst vor dem islamistischem Terror. Einer der Helden der Geschichte ist der junge Tschetschene Issa, der sich als Rebellion gegen seinen russischen Vater den tschetschenischen Rebellen anschließt. Er kommt über die Türkei und Dänemark illegal nach Hamburg, und bittet eine türkischen Familie um Hilfe. Schnell gerät Issa unter Terrorverdacht und wird zum Spielball der verschiedenen rivalisierenden Geheimdienste. Die deutsche Menschenrechtsanwältin Annabel ist Idealistin und setzt sich für den gefolterten und verfolgten Issa ein. Mit „Marionettenf“ liefert John le Carré einen meisterhaft komponierten Roman über unsere Gesellschaft des Verdachts nach 9/11. Mit diesem desillusionierendem Roman zeigt John le Carré, wie im „Krieg gegen den Terror“ die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen.

John le Carré in der Nähe von seinem Landsitz in Cornwall

John le Carré in der Nähe seines Landsitzes in Cornwall

Es ist kein Zufall, dass John le Carré diese Geschichte in Deutschland und vor allem in Hamburg spielen lässt. Anfang der 60er Jahre arbetete er zunächst an der Britischen Botschaft in Bonn, später dann als Konsul in Hamburg, wo er sich dann von der Geheimdienstarbeit verabschiedete und sich ganz dem Schreiben widmete.
Deutschland sei auch ein hervorragendes Spiegelbild für die Veränderung, die seine Heimat schon durchlebt habe, mein John le Carré. „Ich hatte das Gefühl, Deutschland würde sich immer noch nachhaltig dagegen wehren, dem amerikanischen Weg zu folgen, den hohen Level von Überwachung zu akzeptieren.“ Mittlerweile habe er das Gefühl, dass Deutschland absolut vor einem Scheideweg stehe. „Deutschland hat mehr geschützte Bürgerrechte als jedes andere europäische Land“, hebt le Carré hervor. „Die Frage ist nun, wie viel davon aufs Spiel gesetzt wird bei dem, was sich leicht als eine kolonialistische Haltung bezeichnen ließe, die offiziell aber „War on terror“ genannt wird.“

John le Carré, der sich mehrmals für seine Recherchen mit Murat Kurnaz traf, hat schon lange vor seinem neuem Buch den so genannten „Krieg gegen den Terror“ heftig kritisiert. Unter Georg W. Bush sei Amerika in die schlimmste Phase historischen Wahnsinns eingetreten. Die Wahl Obamas bezeichnet er als historischen Moment wie einst den Fall der Berliner Mauer: „Wir wollen jetzt wissen, was will Obama wirklich, wer ist er.“ Er fordert von ihm etwa die Schließung der geheimen Gefängnisse, in denen bis zu 27 000 Menschen ohne Rechtsgrundlage schmoren.
John le Carré gibt zu, dass er in den letzten Jahren politischer geworden sei, und vor allem wütender. Die Täuschung der Gesellschaft durch Politik und Medien habe einen Grad erreicht, der höchst gefährlich sei. In seinem vorletzten Roman „Der ewige Gärtner“ geht es etwa um die Machenschaften der Pharmaindustrie in der dritten Welt. Die Ausbeutung der dritten Welt, die dadurch verursachte Armut und Unterdrückung könne auch zum Terror führen. „Aber wer das behauptet, wird noch wie ein Ketzer behandelt“, so le Carré.
Anfang der 80er Jahre verbrachte John le Carré einige Wochen in einem Palästinenser-Lager, als er an seinem Roman „Die Libelle“ schrieb. Nach dem Ende des Kalten Krieges sei die amerikanische Ideologie-Maschinerie sofort auf den Islam als neuen Feind umgeschwenkt. Daran könne er sich aber nicht beteiligen. Er habe sich mit dem Islam beschäftigt, und habe auch viele muslimische Freunde. „Wenn man mal in die Krisengebiete geht und sich in die Lage eines palästinensischen Kindes versetzt, versteht man vieles besser“. Die Ohnmacht und Erniedrigung, die diese Menschen täglich erfahren, führe fast zwangsläufig zu einer Psychose. In den palästinensischen Flüchtlingscamps habe er Leute getroffen, die alte Papiere hervorzogen, in denen geschrieben stand, wie ihre alten Grundstücke durch eine britische Verfügung den Israelis überschrieben wurden. „Diese Leute wurden von uns belogen.“ Auch in Iran haben die amerikanischen und britischen Geheimdienste die liberale islamische Bewegung unter Mossadegh bekämpft, den Schah an die Macht gehievt, was indirekt die schiitische Revolution letztlich auslöste: „Wir stoppten also den Liberalismus und waren letztendlich die Architekten dieser Radikalisierung.“
Trotz seiner 77 Jahren ist John le Carré angetrieben von der Wut, von der Wut darüber, dass in der Gesellschaft so wenig Empörung herrscht darüber, was mit unserer Gesellschaft passiert. „Wir sind unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in einen Krieg getrieben worden, wir werden in einer Atmosphäre der Panik unserer Freiheitsrechte beraubt“, konsterniert le Carré. „Unsere Anwälte gehen eben nicht auf die Straße, wie es die Anwälte in Pakistan etwa getan haben.“

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© Qantara.de 2008

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Vom “educated Kanakster” zum Starliteraten

November 13, 2008 · 1 Kommentar

Porträt Feridun Zaimoglu

Es war ein langer Kampf für Feridun Zaimoglu, bis er vom Feuilleton als deutscher Schriftsteller ernst genommen wurde: Nun erhielt der Autor und Sprachjongleur den internationalen Buchpreis “Corine” für seinen Roman “Liebesbrand”. Eren Güvercin zeichnet seinen Weg von den Anfängen mit “Kanak Sprak” bis heute nach.

Feridun Zaimoglu (© Nimet Seker)

Feridun Zaimoglu (© Nimet Seker)



Feridun Zaimoglu sitzt auf einem einfachen Holzstuhl, vor ihm ein kleiner runder Tisch. Darauf ein Glas Wasser und sein Roman “Liebesbrand.” Zaimoglu beginnt zu lesen. Er spricht den Text wie ein Schauspieler. Es ist als würde er eintauchen in den Roman, in die fiktive Welt seiner Figuren.

Schaut man bei dieser Lesung in Köln nicht auf den Namen des Schriftstellers, könnte man ihn für einen gewöhnlichen deutschen Autor halten. Doch Zaimoglu musste kämpfen – um als Deutscher akzeptiert zu werden, als deutscher Schriftsteller anerkannt zu werden – und auch um die deutsche Sprache musste er kämpfen. Seine Behauptung, dass er ein Deutscher mit türkischen Eltern sei, sorgte am Anfang seiner schriftstellerischen Karriere in den Feuilletons für Verwirrung und auch Empörung.

Zaimoglu kam als Säugling mit seinen Eltern nach Deutschland. Sein Vater arbeitete bei BASF, seine Mutter als Putzfrau. Nach dem Abitur studierte er zunächst Medizin, später Malerei. Kurz vor dem Examen gab er das Medizinstudium auf, trotz bester Noten. Die Zeit vor seinem Debütwerk “Kanak Sprak” beschreibt er so: “Nach Jahren des Malens, Jobbens und Studierens fand ich mich in einer Massenschlachtung, wo ich den Tieren für die Schächtung die Kehle durchgeschnitten habe. Ich entsprach voll dem Typus des Versagers, hatte keinen Plan. Ich war ein melancholischer Idiot.”

“Bürgerschreck der deutschen Literaturszene”

Über die Wut auf die eigene elende Situation kam Zaimoglu zum Schreiben. In “Kanak Sprak – 24 Misstöne vom Rande der Gesellschaft” verarbeitete er die Wutmonologe von Freunden in eine kämpferisch-spielerische Kunstsprache. “Kanak Sprak” von 1995 ist bis heute prägend geblieben und Zaimoglus wohl bekanntestes Werk. Feridun Zaimoglu, der sich als “educated Kanakster” – einen gebildeten Jugendlichen mit Migrationshintergrund – bezeichnete, verlieh damit den Kindern von türkischen “Gastarbeitern” eine Stimme.

Doch das Feuilleton stellte Zaimoglu als einen Satiriker, Soziologen oder gar als Sozialarbeiter dar, als “Bürgerschreck der deutschen Literaturszene”. Es kursierten Zuschreibungen wie “der Malcolm X der Türken” oder “der Rudi Dutschke der Deutschländer”. Die Lesungen von Kanak Sprak waren regelrechte Underground-Revolten. Sie fanden nicht in Literaturhäusern statt, sondern an Orten wie Jugendhäusern, Schulen und Universitäten.

“Meine Heldinnen und Helden sind Nicht-Bürgerliche. Das kommt daher, dass ich das Spannende, das Gärende, das wild Wachsende eben nicht im deutschen Bürgertum, bei den Bürgerlichen sehe”, sagt Zaimoglu rückblickend über diese Zeit. Für ihn habe der diskrete, dekadente Charme der Bourgeoisie keine Bedeutung, und daran habe sich auch heute nichts geändert.

Sprachrohr eines einzigartigen Idioms

Zaimoglu ließ sich davon nicht beeindrucken, dass ihm die Feuilletons anfangs eine gewisse literarische Relevanz absprachen. Er entwickelte sich zum Sprachrohr eines Idioms, das man so in der deutschen Literatur noch nicht gekannt hatte. Für seinen Lektor Olaf Petersenn zeichnet sich Zaimoglus Werk durch “einen unmittelbaren Gegenwartsbezug” aus, nah an der gesprochenen Sprache, mit viel Witz und Ironie, offen für alle Formen von Eindrücken.

Mit seinem Erfolgsroman “Leyla” (2006) schließlich sorgte er für große Überraschung, weil man einen ganz anderen Zaimoglu erlebte. Spätestens jetzt kam das Feuilleton nicht darum herum, die ihm zugesprochene Außenseiterrolle als “Milieu-Literat” aufzugeben. Auch bei den Lesungen zu “Leyla” waren die Säle bis auf den letzten Platz gefüllt.

“Leyla” basiert im Wesentlichen auf der Geschichte von Zaimoglus Mutter, eine Frau der ersten Generation von Türken in Deutschland. Mit einer bilderreichen Sprache beschreibt Zaimoglu die schwierigen Verhältnisse, in der diese Frauen in der Türkei aufwuchsen.

“Heute fällt es schwer, die Aufbruchstimmung des großen goldenen Anfangs zu begreifen”, sagt Zaimoglu, “aber wenn denn den Trümmerfrauen nach dem Krieg zu Recht großer Respekt gezollt wird, ist es auch an der Zeit, diesen großartigen Türkinnen der ersten Stunde den Platz zuzuweisen, den sie verdienen.”

Zaimoglu schildert in “Leyla” die besondere Leistung dieser Frauen, die bisher sprachlos geblieben waren. In mühsamer Kleinarbeit zeichnete Zaimoglu die Geschichte seiner Mutter auf Tonkassetten auf, und hörte auch anderen Frauen der ersten Generation aufmerksam zu, um auch deren Geschichten in seinem Roman zu verarbeiten.

Anfeindungen von Frauenrechtsaktivistinnen

Missbrauch, bestimmte Bräuche und Traditionen werden dabei nicht unter den Teppich gekehrt. Trotzdem aber blieben Anfeindungen und Proteste von Frauenrechtsaktivistinnen nicht aus. “Leyla” ging ihnen nicht weit genug. Zaimoglu hält das Bestreben dieser “Eiferer” und “Euro-Feministinnen”, die den Islam als Ganzes attackieren, für “lächerlich und völlig vergeblich”.

Nicht nur bei diesem Thema beteiligt sich Zaimoglu leidenschaftlich an aktuellen Debatten. Als geladenes Mitglied der Deutschen Islamkonferenz räumte er kurze Zeit später seinen Platz für eine gläubige Muslimin. Bereits am Anfang der Islamkonferenz wies er darauf hin, dass hier einerseits über die muslimische Frau diskutiert werde, andererseits ausschließlich so genannte “Islamkritikerinnen” am Tisch säßen:

“Ich finde es schade, dass die beteiligten Frauen eher säkular, liberal und islamkritisch sind, was immer das auch heißen mag, dass aber keine gläubige Frau anwesend ist”, so Zaimoglu. Das sei ein großer Mangel, betonte er. Es könne nicht sein, dass Frauen, die den Islam als ihren Glauben und Lebenskern achten, ausgeschlossen würden.

Massiv und sendungsbewusst wehrt sich Zaimoglu gegen die Stimmen, die in apokalyptischen Farben den Untergang des Abendlandes an die Wand malen und eine überhaupt nicht existierende Integration der Einwanderer unterstellen.

Auch wenn er in seinem jüngsten Roman “Liebesbrand” – wofür er mit dem internationalen Buchpreis “Corine” ausgezeichnet wurde – wieder ganz andere Töne anschlägt, bleibt Zaimoglu ein Autor, an dem sich die Geister scheiden, der keine Auseinandersetzung scheut und dem das Unbequemsein zur zweiten Natur geworden ist. Für die an polarisierenden Künstlern arme Literaturszene Deutschlands bleibt Zaimoglu wahrscheinlich noch lange ein rauer und stürmischer Glücksfall.

Eren Güvercin

© Qantara.de 2008

http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-299/_nr-615/i.html

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Enttäuschender Ehrengast

Oktober 17, 2008 · Kommentar schreiben

Die Erwartungen auf die diesjährige Frankfurter Buchmesse waren besonders unter den in Deutschland lebenden Türken sehr groß. Denn in diesem Jahr ist die Türkei Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Unter dem Motto „Türkei – Faszinierend farbig“ steht die Türkei im Mittelpunkt. Der Auftritt der Türkei war eine einmalige Gelegenheit, die gesamte Bandbreite türkischer Literatur, das historische Kulturerbe sowie die modernen Facetten des Landes einem breiten Publikum zu präsentieren, denn mit mehr als 7000 Ausstellern aus über 100 Ländern ist die Frankfurter Buchmesse die größte Buchmesse der Welt.

Die Pressemitteilung der Organisatoren hatte Hoffnung auf vieles gemacht. Es war von einer Präsentation auf einer Fläche von 4000 Quadratmetern die Rede, und von rund 100 türkischen Verlagen. Die Ehrenpräsentation habe das Ziel, das in vielen Teilen noch unbekannte historische Erbe und die Potenziale der modernen Türkei international bekannter zu machen.

Orhan Pamuk mit Staatspräsindent Gül und Außenminister Steinmeier (© Frankfurter Buchmesse)

Orhan Pamuk mit dem türkischen Staatspräsidenten Gül und Bundesaußenminister Steinmeier (© Frankfurter Buchmesse)

Nach einem Besuch der Buchmesse muss man aber feststellen, dass dies nicht gerade gelungen ist. Zwar sind zahlreiche Verlage aus der Türkei auf der Buchmesse vertreten. Die Stände der unterschiedlichsten Verlage präsentieren sich nur sehr ungenügend. Im Vergleich zu Verlagen aus Italien oder dem asiatischen Raum, fällt die der Verlage aus der Türkei sehr dürftig aus. Die türkischen Verlage haben sich sowohl inhaltlich als auch optisch schlecht präsentiert. Die Präsentation als Ehrengast der Buchmesse im Forum Ebene 1 wirkt ideenlos und inhaltsarm. In einer Ausstellung werden lediglich die bekanntesten türkischen Autoren kurz vorgestellt, und einige Bücher konnten als Ausstellungsstücke eingesehen werden.

Interessanter ist jedoch das Rahmenprogramm begleitend zur Buchmesse. Im Gegensatz zum Auftritt der türkischen Verlage, bietet das Rahmenprogramm dem Besucher interessante Einblicke in verschiedene Aspekte der Türkei. Dabei werden auch die Probleme der Gegenwart in der türkischen Gesellschaft zum Ausdruck gebracht. Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk etwa beklagte die fortdauernde Behinderung schriftstellerischer Tätigkeit in seiner Heimat. Heute noch werde trotz zahlreicher Reformen Druck auf Autoren und Journalisten ausgeübt. „Der Hang des Staates zu bestrafen, hält immer noch an“, so Pamuk zur Eröffnung der Buchmesse. Der türkische Staatspräsident Gül, der zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse anwesend war, bedankte sich bei Orhan Pamuk für seine Bücher. Er hob in seiner Rede zur Eröffnung hervor, dass „unsere Diversität uns stärker macht“. Staatspräsident Gül sagte, Einschränkungen und Druck, denen Schriftsteller und Bücher ausgesetzt gewesen seien, „haben mit der Zeit abgenommen oder sind gänzlich verschwunden“. Die Türkei habe dank der in den letzten Jahren beschleunigten wirtschaftlichen und politischen Reformen „die Kriterien der Europäischen Union auf den Gebieten der Meinungs- und Redefreiheit sowie der Achtung der kulturellen Vielfalt in großem Maße verwirklicht“.

Die diesjährige Buchmesse ist vor allem für die zahlreichen deutschen Autoren mit türkischem Hintergrund etwas besonderes. Für den in Kiel lebenden Schriftsteller Feridun Zaimoglu zum Beispiel ist es etwas ganz besonderes. „Es hat für mich eine sehr emotionale Bedeutung, dass die Türkei Gastland wird. Das bedeutet mir wegen meiner Eltern natürlich sehr viel.“

Der Buchmesse-Auftritt der Türkei wird von Zaimoglu jedoch kritisiert. „Ich sehe hinter der Präsentation, hinter der Oberfläche nichts“, sagte der 43-Jährige in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. „Hier hat ein Land, also die Türkei, versucht, bloß nicht den Eindruck zu erwecken, dass man vielleicht orientalisch ist.“ Man könne sich die kulturelle Präsentation auf der Messe ansehen oder es auch sein lassen.

Von den „Festreden“, wie die von Orhan Pamuk oder dem Staatspräsidenten Gül, solle man sich nicht beeindrucken lassen. Die Einladung von Gastländern sei „eine Art touristische Maßnahme“, meinte der Autor. „Egal welches Land Gastland ist, man muss einfach mal auf den Völkerverständigungsquatsch verzichten.“ Auf die Frage, ob die Einladung der Türkei zur Integration der Türken in Deutschland beitragen könne, sagte Zaimoglu, der Beitrag sei gleich „null“. „Wer das Gegenteil behauptet, ist ein Traumtänzer und redet groben Unfug daher.
Seine Favoritin unter den türkischen Schriftstellern ist Elif Shafak, sie schreibe die interessantesten Istanbul-Romane überhaupt: „Man kann das pralle Leben gewissermaßen bebildern, indem man – wie in ‘Bonbonpalast’ (Shafaks jüngstem Roman) – die Menschen, diese normalen skurrilen Menschen, diese normalen skurrilen Begebenheiten zu Papier bringt.

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“Ich bin kein Anhänger der Aufklärung.”

September 29, 2008 · 5 Kommentare

Eren Güvercin im Gespräch mit Feridun Zaimoglu (© Nimet Seker)

Herr Zaimoglu, Sie sind ja doppelter Studienabbrecher. Sie sagten einmal, Sie entsprächen einem ,typischen Versager‘. Wie kamen Sie dann zur Literatur?

Eigentlich nennt man so etwas wie mich einen Angehörigen der bildungsfernen Schichten. Es wurden bei uns vor allem türkische Videos angeschaut, dann bei uns Bild und Hürriyet, die auflagenstarke türkische Zeitung, gelesen, und ansonsten war im obersten Regal, in oberster Höhe – nichts durfte es überragen – das heilige Buch, der Koran. Und darin wurde auch gelesen. Aber eigentlich schwebte es mir nie vor zu schreiben. Ich sah es nicht so als meine Aufgabe an.

Lesen kam viel später, aber vor allen Dingen – so muss man es verstehen, wenn ich sage, ich bin kein Literat, ich bin ein Geschichtenerzähler – die wirkliche Prägung, die wirkliche Hinwendung zur Literatur geschah in deutschen Fußgängerzonen. Es ging darum, sich so treu wie möglich zu präsentieren, um die Langeweile um einen herum und in einem selber zu brechen. Dann habe ich dem Wunsch meiner Eltern entsprochen und Medizin studiert. Das klappte nicht! Also habe ich Kunst studiert und bin zweimal rausgeflogen. Klappte auch nicht! Dann habe ich elf Jahre lang versucht, meinen Lebensunterhalt als Maler zu verdienen. Eigentlich kann ich sagen, dass es ein Jahr vor Kanak Sprak, also 1993, anfing. Da fing ich an zu schreiben. Am Anfang standen Gespräche, Wutausbrüche, und ich dachte, genau das mache ich, nämlich diese Stilett-Stakkato, diese melancholisch angewehten Rhapsodien, in meine Kunstsprache zu übersetzen.

Auf Ihr erstes Buch Kanak Sprak folgten ausschließlich negative Kritiken und Reaktionen. Ihnen wurde einige Zeit eine literarische Relevanz abgesprochen. Wie war diese Zeit für Sie?

Ich bin da ja sozusagen eingebrochen; Ich wusste gar nicht, dass es einen Literatursektor gibt. Man mag mich als naiv bezeichnen. Ich bin allerdings hinein gekommen, und im Grunde genommen war das die Fortsetzung des wütenden Fußgängerbengels, nur mit anderen. Ich habe auch gedacht, na ja gut, ich habe ja auch gar nicht vor ein zweites oder ein drittes Buch zu schreiben. Also hat mich das erst einmal wirklich nicht interessiert. Im Kultursektor sind die Ausscheidungs- und Verteilungskämpfe genauso hart wie im wirklichen Leben. Als ich dann gemerkt habe, dass man dieses Kriterium als Maßstab, als Werkzeug nimmt, wer dazu gehört und wer nicht, habe ich gedacht, jetzt erst recht!

Sie wurden nicht nur von der Literaturschickeria heftig kritisiert, sondern auch von türkischstämmigen Menschen, von denen man eigentlich erwartet hätte, dass sie mit Ihnen sympathisieren. Sie haben diese Leute als ,Assimil-Zombis‘ beschimpft. Wieso wurden Sie überhaupt von ihnen angegriffen?

"Die Aufklärung hat die Magie zum Zerplatzen gebracht." (© Nimet Seker)

"Die Aufklärung hat die Magie zum Zerplatzen gebracht." (© Nimet Seker)

Ich habe ja immer gedacht: ,Na, das ist aber eine Vorstellung von Integration!‘ Der integrierte Türke ist ein Zombie, nämlich einer, der diese öde, furchtbar banale Kleinbürgerexistenz anstrebt. Und tatsächlich habe ich rechts und links geguckt und gesehen, dass diese Türkischstämmigen – sie mögen sich als Akademiker bezeichnen – im Grunde genommen auf so eine einfache Art und Weise zu den Primitiven der Moderne geworden sind. Ich dachte, ,Gestern Türke, heute Bananenpflücker‘, also auf den Plantagen der Moderne haben sich diese Leute herumgetrieben. Ich weiß ganz genau, was sie hören, ich weiß ganz genau, wohin sie in Urlaub fahren, ich weiß ganz genau, wofür sie schwärmen. Und vor allem weiß ich ganz genau, was das ist: die öde Kleinbürgerhölle. Und das habe ich in dieser Deutlichkeit auch gesagt. Ich wurde ja zu solchen Veranstaltungen eingeladen, und ich wurde niedergemacht. Ich bin kein Masochist, aber ich war der Ansicht, ich müsse es auch vor denjenigen sagen, die ich meine. Es gab heftige Gefechte. Ich bin ein Unterschichtler, ich vergesse es nicht. Aber eins vergesse ich auch nicht: Ich gehöre der Gegenaufklärung an. Ich bin kein Anhänger der Aufklärung. Und wenn ich diese armen Seelen im Fegefeuer der Aufklärung sehe, finde ich das mindestens sehr bedauernswert.

Es hat lange gedauert, bis Sie vom Feuilleton ernst genommen wurden. Spätestens seit Ihrem Erfolgsroman Leyla gehören Sie zu den Starliteraten der gegenwärtigen deutschen Literatur. Sie waren auch für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert. Wie schätzen Sie den Einfluss Ihrer Literatur ein, und was leistet die Literatur für Sie persönlich?

Jeder, der unter 50 ist, wird in Deutschland als junger Schreiber angesehen. Insofern habe ich noch sieben Jahre, bis ich nicht mehr jung bin. Dann bin ich Schriftsteller. Ich gehörte, wie es immer so ist, lange Jahre zu den Talenten. Aber ich muss auch in einer Selbstkritik sagen, dass ich ein bisschen länger als notwendig gebraucht habe, um zu sehen, dass ich nicht vom Fleck komme. Das eine ist, herumzuwüten. Das andere ist, dass zum Erzählen mehr gehört als nur Wut. Wenn ich jetzt nach meinem Einfluss gefragt werde, muss ich mich natürlich in Bescheidenheit üben. Dazu kann ich sehr schlecht etwas sagen. Gestern war ich der holpernde Salonhooligan, heute bin ich der deutsche Dichter. Ich freue mich immer, wenn ein Buch angenommen wird. Deswegen schreibe ich auch.

Solche Leute wie ich sind nicht ganz sauber. Ich kann nicht stillstehen. Ich kenne das Gefühl von Zufriedenheit nicht, ich will es auch nicht. Die Leute sind glücklich, schön. Ich bin nicht unglücklich, ich weiß, was Glück bedeutet, und da ich das in diesem Leben nicht bekommen werde, bin ich, na wie soll ich sagen, etwas melancholisch. Das Schreiben ist für mich eine Art Entgiftung. Menschen wie ich müssen immer wieder entgiften. Ich muss die Bilder in meinem Kopf loswerden. Der eine oder andere wird mir den Vogel zeigen, und sagen: ,Du kannst nicht loslassen.‘. Na ja, losgelassen habe ich in der Sekunde meiner Geburt, wie wir alle. Aber natürlich hat es was mit einer Illusion zu tun, die schöne Illusion, etwas am Zipfel zu packen. Ich weiß, was das Glück ist, ich weiß, dass man es sich auch verdienen muss. Das Schreiben ist für mich elementar und eine Herzensangelegenheit. Es wird so weiter gehen, solange mir die Ideen nicht ausgehen.

In Ihrem aktuellem Buch Liebesbrand geht es um die romantische Liebe. Wie stark ist der autobiografische Bezug in diesem Buch?

Die Geschichte ist erfunden. Sie ist ein Produkt meiner Phantasie. Was den Ich-Erzähler anbelangt, den ehemaligen Börsenmakler, seine Talfahrten, sein romantisches Ausdrucksgefühl, das hasserfüllte, wütende, brennende Verlangen, kann ich schon sagen, das ist mein authentischstes Buch. Ich muss noch 30 bis 40 Seiten schreiben, bis ich mit meinem neuen Roman fertig werde. Da gehe ich, glaube ich, noch einen Schritt weiter. In ihm geht es um die große Sehnsucht und wohin es einen führt, wenn man sich nicht vorsieht, und man sieht sich nie vor.

In einem Interview haben Sie einmal gesagt, dass die Liebe ,hochreaktionär‘ sei. Was meinen Sie genau damit?

Ich bin nicht geneigt, wie man aus dem Gesagten schon heraushört, den Pinschern der Moderne irgendeine Leistung zuzubilligen. Die Aufklärung hat die Magie zum Zerplatzen gebracht. Sie haben die Träume zerstört. Sie haben versucht, den Glauben zu zerstören. Einige haben Gott für verrückt erklärt, sind aber selber verrückt geworden. (lacht) Wie kommt denn das nur? (lacht) Sie haben also versucht, ein riesiges Loch mit Bildern zu füllen. Es sind aber künstliche Bilder, nicht jene Traumbilder, nicht jene magischen Bilder, nicht die Glaubensextrakte, die seit Bestehen des Menschen, seit seiner Erschaffung Bestand haben. Wenn ich sage, die Liebe ist hochreaktionär, dann ist das eine ganz bestimmte Erfasstheit von einer Trauer, die wir nie loswerden können, solange wir leben, aber auch von großer Freude, von Auf- und Abschwüngen. Mich interessiert nur die Liebe zwischen Mann und Frau, alles andere finde ich uninteressant. In der Liebe zwischen Mann und Frau ist ja nur ein einziger gemeint. Ausschließlichkeit und Ausschluss spielt eine große Rolle in der Liebe. Wenn das nicht reaktionär ist – und ich meine das Wort reaktionär positiv – dann weiß ich nicht, was sonst reaktionär sein soll.

Sie nehmen ja auch an aktuellen politischen Debatten teil. Sie waren zeitweise auch Mitglied der Islam-Konferenz. Wie bewerten Sie die Lage der Muslime und Deutschland im Hintergrund des ,Anti-Islamisierungskongresses‘ in Köln?

Zum Antiislamisierungskongress in Köln: Da kommen faschistische Pinscher daher, und glauben doch tatsächlich, dass sie den Glauben verkläffen können. Es gab in der Vergangenheit immer wieder törichte Personen, die diesen völlig sinnlosen Versuch unternommen haben. Sie werden kommen, sie werden kläffen, aber die Karawane zieht weiter.

Was die Entwicklung hier betrifft, bin ich sehr gut gelaunt. Ich bin deswegen sehr gut gelaunt, weil wir trotz der Versuche, gläubige Muslime in Verruf zu bringen, trotz dieser Störmanöver von Profilneurotikerinnen und –neurotikern, gesehen haben, dass es einen organischen Zuwachs gibt. Der Innenminister hat einmal was Gutes gesagt, der Islam ist ein Teil dieses Landes. Ich würde noch dazu sagen, dass auch die Muslime ein Teil dieses Landes sind. Es ist eine Entwicklung, die nicht aufzuhalten ist. Ich sehe natürlich viele falsche Propheten viele falsche Verkünder, die mit dem Feuer spielen. Ich sehe andererseits aber auch einen großen Strom von Menschen, die sich nicht von irgendwelchen Appellen aufhalten lassen, ihren Glauben bitte schön auszuleben. Und ob das nun Antiislamisierungquatsch heißt, oder Anti-Islam-Quatsch, es gibt ja immer diese Saisonarbeiter der Aufklärer. Sie kommen und werden auch wieder gehen. Ich habe allen Grund zu großer Heiterkeit. Die Karawane zieht weiter. Viel später wird man dann die Skelette der Hunde in der Wüste zählen.

Zu Beginn der Islam-Konferenz haben Sie ja bemängelt, dass ausschließlich nur sogenannte Islam-KritikerInnen eingeladen waren. In einer öffentlichkeitswirksamen Aktion haben Sie dann Ihren Platz für eine gläubige Muslimin angeboten. Wie war die Reaktion auf diese Aktion von Ihnen?

Selbsterklärte Feministinnen und Islam-Skeptikerinnen – keine Ahnung was das heißen soll – haben mich natürlich angegriffen. Sie haben mit Lügen, mit Unwahrheiten, mit Verdrehungen und Manipulation gearbeitet. Sie haben versucht, den Eindruck zu erwecken, als wäre das für mich eine Show. Komischerweise hat auf deutscher Seite bis auf eine Ausnahme kein Zweifel bestanden, dass ich es wirklich ernst meine. Dutzende und aber Dutzende gläubige Muslima haben sich gemeldet, und sagten, wir haben uns vor der Konstitution der Islam-Konferenz selber gemeldet, also es gab die Möglichkeit, das kam dann auch raus. Aber auf sie wurde nicht eingegangen. Jetzt gibt es den Versuch, mich wieder zurückzuholen. Aber solange dort keine gläubige Muslimin ist, die Verleumdungen und Lügen begegnen kann, habe ich dort nichts zu suchen.

Die Türkei ist ja Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Welche türkischen Schriftsteller mögen Sie am meisten? Mit welchen pflegen Sie am meisten Austausch?

Von Austausch kann ich leider nicht reden. Mit meinem Türkisch ist es leider nicht so gut bestellt. Ich habe nicht dasselbe Lesevergnügen, wenn ich türkische Bücher lese. Das ist eine Frage der Sprache, und auch eine Frage der Liebe zu einer Sprache. Ich muss sagen, Sprachverlust und Sprachverfall ist immer sehr schade. Unabhängig von formellen Sprachfragen ist es auch so, dass ich sehr selten in die Türkei komme, und dass auch selten türkische Autoren nach Deutschland kommen. Jetzt werden einige Autoren, ich glaube einige Hundert, nach Frankfurt kommen. Ich muss fast schon auf meine Unkenntnis hinweisen, was moderne gegenwärtige türkische Literatur anbetrifft. Necip Fazil Kisakürek zum Beispiel mag ich sehr gerne.

Ich lese ja fast nur Krimis. Und ich lese Celil Oker, seine Istanbul-Krimis. Ich warte und warte und warte, dass er endlich mit einem neuen kommt. Der letzte war vor vier Jahren. Ich sagte, ,Celil Abi, etme eyleme. Mein Vater wartet, ich warte‘. ,Ja‘, sagte er, ,ich danke dir, und hör auf, meine Hand zu küssen.‘. (lacht) Es ist einfach schwer, ich kriege den Fall nicht gelöst. Ich bitte ihn ständig, endlich weiterzumachen (lacht).

Viele türkische und deutsche Autoren werden auf der Frankfurter Buchmesse sein. Welche Chancen und Gelegenheiten sehen Sie dabei? Was darf man auf  keinen Fall verpassen?

Also ich bekomme meinen Lese- und Terminplan für die Buchmesse erst in den kommenden Tagen. Dann weiß ich so etwa, was ich zu tun habe. Ich weiß aber, dass ich am Sonntag mit der Schriftstellerin Elif Shafak zusammen auftrete. Es hat für mich eine sehr emotionale Bedeutung, dass die Türkei Gastland wird. Das bedeutet mir wegen meiner Eltern natürlich sehr viel. Ich werde auch wie jeder, der da herum geht, in der freien Zeit auf das Angebot schauen. Das meiste werde ich vor Ort entscheiden.

Sie haben vorhin von Ihrem neuen Buch gesprochen. Worum wird es da gehen? Wie viel dürfen Sie uns schon vorab verraten?

Ich darf nicht viel verraten, aber es wird um die Sehnsucht gehen. Wenn man bei Liebesbrand sagen kann, dass es die Liebe ist, wird man beim nächsten Buch – Titel steht fest, aber ich darf es nicht verraten – schon sagen, dass Männer und Frauen miteinander in seltsamen Begebenheiten verkettet sind, natürlich auf der Suche nach Erfüllung. Das ist jetzt sehr abstrakt, ich kann nur sagen, Schauplätze sind Ankara, Istanbul, Berlin, der Norden, wieder Prag und Budapest. Und es wird immer darum gehen, dass in das Leben der Menschen das Alte einbricht. Entweder bricht Gott ein, oder es bricht das Alte ein, das Weggelegte, das Abgelegte. Und es geht darum, wie sich die Männer und Frauen darum gruppieren.

Herr Zaimoglu, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

© Qantara.de 2008
 http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-299/_nr-633/i.html

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