Aus der Deckung

Ibrahim Abu Nagie bekommt als Initiator der Koran-Verteilung eine Menge PR und bringt sogar die Islamkonferenz in Wallung. Doch die Aufregung ist übertrieben

Noch vor wenigen Tagen war Ibrahim Abu Nagie den meisten Menschen in Deutschland kein Begriff. Selbst viele Muslime hatten von ihm noch nichts gehört. Die auf ihn zurückgehende kostenlose Koran-Verteilung in vielen Städten hat ihn nun – mit Hilfe der Medien – deutschlandweit bekannt gemacht.

Als vergangenes Wochenende etwa in Berlin Salafisten an einem Stand Korane an die Passanten abgeben wollten, hatte man das Gefühl, dass sich eigentlich kaum einer dafür interessierte. Man kennt das von den Zeugen Jehovas, für die man schon fast Mitleid hat, wenn sie verbissen versuchen, einem ihre Heftchen unterzujubeln. Man lächelt den Damen und Herren einfach zu und geht weiter. Bei Abu Nagie sah die Sache anders aus. In Berlin und in vielen anderen Städten umlagerten Fotografen und Kameraleuten die Stände seiner Aktion, so dass er die Aufmerksamkeit bekam, die er wollte.

Geld aus Saudi-Arabien

Bis dahin kannten den 47-jährigen Prediger, der palästinensischer Herkunft ist und in den achtziger Jahren in die Bundesrepublik übersiedelte, fast nur seine Jünger und die Leute, die sich mit salafistischen Strömungen beschäftigen. Er selbst erzählt Medienberichten zufolge über sich, er sei mit 18 Jahren aus dem Gaza-Streifen nach Iserlohn gekommen, um Elektrotechnik zu studieren, und habe später als Geschäftsmann Millionen verdient.

Allerdings wird auch kolportiert, der Vater dreier Kinder lebe nun schon seit Jahren von Hartz IV und wohne in der Nähe von Köln in einem Reihenhaus. Wie er die angekündigte Verteilung von 25 Millionen Koranexemplaren finanziert, ist unklar. Angeblich werden die Kosten aus Spenden gedeckt. Experten nehmen aber an, dass unter anderem aus Saudi-Arabien Geld an Salafisten in Deutschland fließt, damit diese ihre Version des „wahren Islam“ unter die Leute bringen können.

Abu Nagies Predigten auf Youtube und in Moscheen brachten ihm vor allem unter jungen Muslimen eine gewisse Gefolgschaft. Er selbst sagt über sich, vor etwa zehn Jahren habe er zur „wahren Religion“ gefunden. Seitdem widmet sich der graubärtige Prediger der Verbreitung einer streng fundamentalistischen Auslegung des Koran. Einer seiner Weggefährten ist der deutsche Konvertit Pierre Vogel, der sich aber inzwischen von Abu Nagie distanziert hat, weil dieser ihm zu radikal geworden ist.

“Für ewig in die Hölle”

2.500 bis 5.000 Salafisten soll es derzeit in Deutschland geben. Der Verfassungsschutz beobachtet sie seit Jahren. Abu Nagie selbst unterstellen die Behörden ein zwiespältiges Verhältnis zur Gewalt, unter anderem wegen solcher Zitate wie „Möge Allah uns alle als Märtyrer sterben lassen“ und der düsteren Prophezeihung, alle Andersgläubigen kämen „für ewig in die Hölle“. Innenpolitiker wie der CSU-Experte Hans-Peter Uhl meinen, „die Lage hat sich verschärft“. Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann verlangt sogar einen „Pakt gegen den Salafismus in Deutschland“ und versuchte vor der Islamkonferenz im Donnerstag deshalb die Tagesordnung umzuwerfen.

Doch haben die dramatischen Warnungen über einen angeblichen Vormarsch der Strömung unter den insgesamt vier Millionen Muslimen in Deutschland mit der Realität wohl nicht sehr viel zu tun. Auch die Behörden räumen ein, dass nur eine Minderheit der Salafisten mit Gewalt liebäugelt. Bei den meisten Jugendlichen, die Abu Nagie folgen, handelt es sich wohl nur um eine Episode, die nach der Pubertät schnell vorüber geht.

Islamische Verbände wie der Koordinierungsrat der Muslime haben sich von der Koran-Verteilung distanziert, bei der vor allem junge Männer die edel gebundene Schrift mit der Aufforderung „Lies!“ unters Volk bringen. Das heilige Buch dürfe nicht als Werbung für eine bestimmte Gruppe instrumentalisiert werden. Andere Muslime warnen, die in den Fußgängerzonen verschenkten Exemplare könnten schnöde im Altpapier landen.

Gegenpropaganda mit der Bibel

Viele Gläubige, denen die winzige fundamentalistische Minderheit suspekt ist, dürften auch mit Sorge sehen, dass die PR-Aktion der Salafisten gleichzeitig anti-islamische Gruppen auf die Straßen lockt. So postierte sich bei der Verteilung am Potsdamer Platz in Berlin auch die islamfeindliche Partei Die Freiheit mit Gegenpropaganda. In Hannover tummelten sich gleichzeitig die rechtspopulistischen Hannoveraner und die christliche Initiative Bürger für Dialog und Wahrheit, die Bibeln und Grundgesetze verteilte.

Andererseits behauptet trotz der medialen Aufregung niemand, dass die Verteilaktion strafbar oder nicht vom Grundgesetz gedeckt sei. Missionieren ist in einem Land mit Religionsfreiheit nicht verboten. Religionsgemeinschaften dürfen für ihren Glauben werben, so wie die Parteien für ihre Programme, Verlage für ihre Bücher und damit Ideen. Es ist das Recht der Gläubigen, ihren Glauben in der Öffentlichkeit zu bekennen. Atheisten steht es ebenso frei, für ihre Lehre öffentlich Anhänger zu suchen. Voraussetzung ist, dass alle immer darauf achten, nicht den öffentlichen Frieden zu verletzen und Andersdenkende nicht zu kriminalisieren. Gedanken sind ist vor staatlicher und gesellschaftlicher Kontrolle geschützt. Darauf beruht der liberale Rechtsstaat. Deutschland hat es jahrzehntelang ausgehalten, dass Zeugen Jehovas oder Mormonen ihre Broschüren in den Innenstädten verteilen. Nun sollte man auch die Wanderprediger, die den Koran verteilen, nicht wichtiger machen, als sie sind.

http://www.freitag.de/politik/1216-aus-der-deckung

Gauck setzt auf die Märkte

Gespräch mit dem Bestseller-Autor und Mitherausgeber der NachDenkSeiten Albrecht Müller über sein neues Buch „Der falsche Präsident – Was Pfarrer Gauck noch lernen muss, damit wir glücklich mit ihm werden“. Albrecht Müller, der Willy Brandts Wahlkampf 1972 und die Planungsabteilung unter Brandt und Schmidt leitete, teilt die Hoffnung einiger nicht, in Gauck nun den richtigen Bundespräsidenten gefunden zu haben. Denn Gauck nehme die aktuellen, großen Bedrohungen unserer Freiheit nicht ernst genug, nämlich die Macht der Finanzwirtschaft, den Abbau der sozialen Sicherheit und die Erosion der Demokratie

Albrecht Müller: "Mein Eindruck ist, dass einige Vertreter großer Interessen und mächtige Medienmacher sich Joachim Gauck ausgeguckt haben, um damit einen Bundespräsidenten zu bekommen, der immer wieder Zuckerguss über die Probleme und Schattenseiten unseres Landes kippt und damit den Eindruck erweckt, als sei eine Alternative zur jetzigen Politik und Ideologie nicht nötig."

Albrecht Müller: "Mein Eindruck ist, dass einige Vertreter großer Interessen und mächtige Medienmacher sich Joachim Gauck ausgeguckt haben, um damit einen Bundespräsidenten zu bekommen, der immer wieder Zuckerguss über die Probleme und Schattenseiten unseres Landes kippt und damit den Eindruck erweckt, als sei eine Alternative zur jetzigen Politik und Ideologie nicht nötig."

Herr Müller, Sie behaupten, dass Joachim Gauck der falsche Präsident ist. Aber die Mehrheit der Bevölkerung scheint hinter Gauck zu stehen und er wurde auch mit großer Mehrheit gewählt. Was sind ihre Gründe dafür, in Gauck den falschen Präsidenten zu sehen?

Albrecht Müller: Zum Zeitpunkt der Wahl des neuen Bundespräsidenten wussten die meisten Menschen nichts Genaues von Joachim Gauck. Das fand ich bei Diskussionen und Gesprächen immer wieder bestätigt. Dass Gauck bei Umfragen dennoch gut abschnitt, ist nicht verwunderlich. Alle etablierten Parteien haben sich für seine Nominierung ausgesprochen. Da liegt es nahe, dass die überwiegende Mehrheit der Sympathisanten dieser fünf Parteien CDU, SPD, CSU, FDP und Grüne ihre Parteisympathien auch auf den Kandidaten dieser Parteien übertragen. Außerdem haben nahezu alle Medien – von der Bild-Zeitung bis zum Spiegel – Reklame für Joachim Gauck gemacht. Dennoch bleibt ein gewaltiges Defizit an Kenntnissen über das neue Staatsoberhaupt. Deshalb habe ich das kleine Buch geschrieben. Ich habe dort viele seiner bisherigen Äußerungen dokumentiert und diese Texte erläutert und kommentiert. Einige der Rezensionen meines Buches sehen schon darin einen großen Gewinn: wer das Büchlein liest, ist besser informiert über die Gedanken von Joachim Gauck. Dies gilt unabhängig davon, ob eine Leserin oder ein Leser auch meinen kritischen Fragen und Anmerkungen folgt. Die meisten, die sich näher mit unserem neuen Bundespräsidenten beschäftigen, können meine kritischen Fragen allerdings gut nachvollziehen.

An Pfarrer Gauck gibt es einiges zu kritisieren. Die wichtigsten Defizite sind aus meiner Sicht: Er kann sich nicht in die Lage von Menschen versetzen, denen es wirtschaftlich und gesellschaftlich nicht besonders gut geht; er beschönigt die Lage unseres Landes, weil er zum Beispiel vom gehetzten Leben einer Alleinerziehenden oder vom Stress eines Arbeiters am Fließband oder vom Frust jener jungen Menschen, die sich von Praktikum zu Praktikum hangeln, wenig weiß. Niedriglohnsektor, Leiharbeit, Überschuldung – das sind Lebenswelten, die unserem neuen Bundespräsidenten leider fremd sind.

Es wäre zu wünschen, wenn er im Amt noch lernen würde, die reale Welt dieses beachtlich großen Teils unseres Volkes noch wahrzunehmen.

Was muss Gauck tun, um noch die Kurve zu kriegen? Es ist doch erstaunlich, wenn Gauck die “Freiheit” zu seinem Thema macht, aber zur Finanzkrise kaum ernst zunehmende Worte von sich gibt…

Albrecht Müller: Wahrscheinlich hat er nicht verstanden, oder will es nicht wahrhaben, wie sehr die von ihm gepriesene Demokratie und Freiheit von einer übermächtigen Finanzwirtschaft ausgehebelt und bedroht wird. Viele politische Entscheidungen der letzten Jahre und Jahrzehnte sind nur zu verstehen, wenn man in Rechnung stellt, dass die Interessen der Finanzwirtschaft die Hand der Politikerinnen und Politiker führt: dass zum Beispiel so viele öffentliche Unternehmen – von der Bundesdruckerei über die Autobahn-Raststätten bis zu Wasserwerken und Kliniken – privatisiert worden sind, kann man nur verstehen, wenn man das Interesse von Banken und großen Geldgebern an den Schnäppchen aus öffentlichem Eigentum erkennt. – Ohne mit der Wimper zu zucken, wurde bei uns jede Bank gerettet; uns Steuerzahlern wurden damit die Wettschulden der Zocker im Finanzcasino aufgebürdet; 10 Milliarden mindestens für die kleine Bank IKB in Düsseldorf, vermutlich schon weit über 100 Milliarden für die Münchner Bank HRE, 18,2 Milliarden für 25 % der Commerzbank usw. – unglaubliche Vorgänge, die die Abhängigkeit der entscheidenden Politiker von der Finanzwirtschaft zeigen. – Die Altersvorsorge wird privatisiert und mit öffentlichem Geld, mit dem Geld von uns Steuerzahlern subventioniert – völlig unnötigerweise. Mit einer gesetzlichen Rente, deren Leistungsfähigkeit man durchaus erhalten könnte, würden wir alle sehr viel besser fahren.

Pfarrer Gauck weiß leider nicht oder er verschließt die Augen davor, dass bei uns politische Korruption inzwischen üblich geworden ist. Einzelne verdienen an der Privatisierung öffentlicher Unternehmen, andere verdienen an Riester-Rente und Rürup-Rente; die Investmentbanker verdienen an maßlosen Spekulationen, für deren Risiken wir Steuerzahler am Ende bürgen. Dass wir jetzt einen Bundespräsidenten haben, der diese Machenschaften nicht kennt, ist schon bedrückend.

Wenn wir heute von Freiheit sprechen, geht es da nicht in erster Linie um ökonomische Freiheit? Wie kann dann Gauck über Freiheit dozieren, wenn er die Auswüchse des entfesselten Kapitalismus ignoriert?

Albrecht Müller: Wenn ich Pfarrer Gauck über Freiheit reden höre, dann beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Es ist zu aufgesetzt. Er weiß offenbar auch nichts davon, wie sehr die Freiheit von uns Menschen in der Wirklichkeit von unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage mitbestimmt wird. Erst die soziale Sicherheit gibt vielen Menschen wirkliche Freiheit. Das wissen viele Menschen offenbar besser als er. Wenn ein Schüler in einem einigermaßen ordentlichen Gymnasium im Abituraufsatz so über Freiheit sprechen würde, ohne den Spannungsbogen zur Sozialen Sicherheit und Gerechtigkeit zu würdigen, dann würde er mit Recht schlecht benotet.

Joachim Gauck setzt auf die Märkte. Er weiß, so muss man leider aus seinen Texten und Reden schließen, nichts davon, dass es Marktversagen gibt, dass also die Marktwirtschaft der gezielten Rahmensetzung bedarf. Ich habe deshalb in meinem Buch konkret an Hand von acht Punkten beschrieben, wo Marktversagen korrigiert werden müsste – von der Sicherung des Wettbewerbs bis zur Notwendigkeit staatlicher Konjunkturpolitik. Dies alles kommt im Weltbild des neuen Bundespräsidenten bisher nicht vor. Hoffentlich macht er den Versuch, sich wirtschaftspolitisch etwas fortzubilden. Wenn er meine 64 Seiten lesen würde, dann hätte er schon ein ganzes Stück gewonnen. Noch mehr gewönne er, wenn er sich mit den amerikanischen Ökonomen Krugman und Galbraith oder ihren deutschen Kollegen Flassbeck, Bofinger und Horn beschäftigen würde.

Auch in der Sarrazin-Debatte attestierte Gauck Sarrazin “Mut”, und sorgte in Teilen der Bevölkerung für Irritationen. Sollte da ein Bundespräsident nicht sensibler sein?

Albrecht Müller: Unbedingt. Jemanden, der aktive Volksverhetzung betreibt, mutig zu nennen, ist das Gegenteil dessen, was wir von führenden Personen unseres Landes verlangen müssen. Es wäre gut, Gauck würde seine Fehleinschätzung korrigieren. Das müsste eigentlich zumindest ein Teilthema einer seiner nächsten Reden sein.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Gauck zum TINA-Präsidenten werden kann: “There is no alternative.” Gerade in diesen so “alternativlosen” Zeiten brauchen wir doch einen Präsidenten, der unbequem ist und auch mit den Regierenden und Mächtigen streitet. Aber er scheint sein Fokus eher woanders zu sehen…

Albrecht Müller: Mein Eindruck ist, dass einige Vertreter großer Interessen und mächtige Medienmacher sich Joachim Gauck ausgeguckt haben, um damit einen Bundespräsidenten zu bekommen, der immer wieder Zuckerguss über die Probleme und Schattenseiten unseres Landes kippt und damit den Eindruck erweckt, als sei eine Alternative zur jetzigen Politik und Ideologie nicht nötig. Wir bräuchten aber einen Bundespräsidenten, der Anstöße zum kritischen Denken liefert und prinzipiell verstanden hat, dass Demokratie nur dann leben und blühen kann, wenn die regierenden mit der Ablösung durch eine Alternative rechnen müssen. Andernfalls sind sie nicht genötigt, sich anzustrengen und Fehler zu vermeiden. Ohne Alternativen, ohne die Drohung mit Alternativen, stirbt die Demokratie. Das sollte der Lehrer der Demokratie, wie Gauck sich nennen lässt, sehr schnell verinnerlichen.

Porträt einer deutschen Generation

Er ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat einen deutschen Pass und spricht perfekt Deutsch. Eren Güvercin ist ein typischer “Neo-Moslem”. So zumindest bezeichnet der Journalist die Generation junger deutscher Muslime, der er selbst angehört und die sich diesem Land längst zugehörig fühlt.

Eren Güvercin lässt in seinem Buch mit dem Titel „Neo-Moslems – Porträt einer deutschen Generation“, das im April im Herder Verlag erscheint, vor allem junge deutsche  Muslime zu Wort kommen und zeigt deren Lebenswirklichkeit auf. Der Autor, geboren 1980 als Sohn türkischer Eltern in Köln, hat die negativen Etikettierungen bezüglich seiner Herkunft und Religion satt.

“Es gibt immer diese Zuschreibungen, wie etwa die jungen türkischstämmigen oder arabischstämmigen Deutschen haben Identitätsprobleme, sitzen zwischen zwei Kulturen. Das ist meiner Meinung nach ziemlicher Schwachsinn. Wir sind Teil dieser Gesellschaft, fühlen uns hier wohl und lieben die deutsche Kultur.” Eren Güvercin

Deutscher und zugleich Muslim sein – Selbstverständlich

Warum sich diese Erkenntnis nicht  längst schon in den politischen und medialen Debatten durchgesetzt hat , kann Eren Güvercin nicht verstehen. Noch immer würden dort Muslime, egal aus welchem Land ihre Vorfahren kämen, pauschal über einen Kamm geschoren, bemängelt der Autor. “Der Islam” sei weder eine Ethnie noch türkische oder arabische Kultur und könne deshalb auch problemlos in einem  europäischen Kulturraum  integriert  werden. Doch leider sei das bisher kaum kritisch reflektiert worden. Denn sowohl in Dialogveranstaltungen als auch auf Konferenzen, wie dem Islam-, oder Integrationsgipfel würden seit zehn Jahren  die gleichen muslimischen Verbandsfunktionäre eingeladen, die ihre Standardsätze abspulen, kritisiert Eren Güvercin. Er fordert einen Wandel in den Medien und in der Politik. Zugleich appelliert er an die jungen Muslime öffentlich nicht mehr nur  auf Zuschreibungen zu reagieren, sondern auch zu agieren.

“Zu selten trauen sich junge Muslime die Bilder zu brechen und auch mal Position zu beziehen zu Themen, die alle Menschen hier in Deutschland oder Europa beschäftigen, wie zum Beispiel die Finanzkrise. Also ganz normale Themen, die nicht auf das Muslimsein reduziert werden, bei denen man als Muslim vielleicht eine andere Sicht auf die Dinge hat, die auch für alle anderen Menschen relevant sein kann.” Eren Güvercin

Neue Ansätze in der Integrationsdebatte

Nicht trotz sondern gerade wegen ihres Migrationshintergrundes könne die junge muslimische Generation das Land positiv verändern, meint Eren Güvercin. Er schlägt eine “Alternative Islamkonferenz” vor, in der sich nur Muslime in einer geschützten Zone treffen, in der sie untereinander sein und über alles reden können. In seinem Buch “Neo-Moslems” sucht Eren Güvercin nicht nur Antworten auf viele offene Fragen, sondern zeigt auch, mal ernst, mal polemisch und witzig, warum die üblichen Abgrenzungsreflexe nicht mehr funktionieren.

“Wann hört denn der Migrationshintergrund auf? Werden auch meine Enkel noch einen Migrationshintergrund haben? Lasst uns doch einfach mal über den Vordergrund reden, Hintergründe sind doch langweilig.” Eren Güvercin

http://www.br.de/radio/b5-aktuell/sendungen/interkulturelles-magazin/neo-moslems102.html

Luschen fahren Karren an die Wand

Nach der Jugend-Studie: Ein Kommentar von Eren Güvercin über die Wehleidigkeit unbewusster Verteidigungsreflexe

Wer kennt das nicht? Man sitzt in der Bahn und wird von jungen Möchtegerngangstern gestört. Oft dröhnt dumpfe HipHop-Musik aus den schicken Handys, der Boden ist übersät mit Sohnenblumenkernen. Nicht selten werden Mädels angepöbelt oder die übrigen Fahrgäste durch das asoziale Verhalten dieser Halbstarken gestört.

Die Reaktion der Menschen darauf sind entweder ein völliges Ignorieren dieser Witzfiguren beziehungsweise Angst davor, man könnte sich durch das eigene Eingreifen größeren Ärger einhandeln. Oder aber man hört ein Gemurmel wie „Diese Moslems mal wieder…“.

Natürlich, nicht nur junge Muslime fallen mit solch asozialem Verhalten auf, aber auffällig sind die reflexhaften Reaktionen von Muslimen, die ­dieses Verhalten eigentlich gar nicht guthei­ßen. Gerade in der aufgehitzten Debat­te der letzten Jahre fällt auf, dass Muslime den Hang haben, jeden Blödsinn und jedes dämliche Verhalten der „eigenen Leute“ zunächst einmal zu verteidigen. In der Wagenburg der eigenen Gewissheiten lebt es sich halt einfach bequemer…

Verwirrend an diesem unbewussten Verteidigungsreflex ist, dass er gegen sämtliche Eigeninteressen der deutschen Muslime funktioniert. Weder nützt der (laut der aktuellen Jugend-Studie) schlecht integrierte Anteil der nächsten Genera­tion oder jene Jugendlichen, die sich wie in Duisburg im Wandalismus gegen eine Kirchengemeinde ergehen, der muslimischen Community. Noch kann das Verhalten dieser asozialen Jungmänner auf einen Nenner mit den muslimischen Grundlagen gebracht werden.

Asoziales Verhalten bleibt aber ­asoziales Verhalten. Man tut weder diesen Jugendlichen noch den Muslimen einen Gefallen, wenn man nicht in der Lage ist, darüber kritisch zu reflektieren. Es zeugt von einem seltsamen Selbstverständnis, wenn man versucht, diese hohlen Zeitgenossen in Schutz zu nehmen. In diesem Sinne Jungs, ihr seid ­armselig und voll die Luschen. Macht nicht ­einen auf Opfer und jault nicht sofort los, wenn man auch mal auf seine ­ethnische Herkunft reduziert wird und rassistische Sprüche als Reaktion auf asoziales Benehmen ‘reingedrückt bekommt.

Klar sind diese Art der Reaktion auf euer Verhalten mindestens genauso dumm. Aber die Welt ist ein Spiegel, was den eigenen Zustand reflektiert. Schaut erst einmal auf euch, statt euch in eine ­Opferhaltung zu flüchten. Mit dieser Gangs­terpose fährt ihr voll vor die Wand.

“Die Krise der Finanztechnik ist finanztechnisch unlösbar.”

Ein Gespräch mit Alfred Denker über das Werk des Philosophen Martin Heidegger und die Aktualität seines Denkens.

Martin Heidegger

Martin Heidegger

Martin Heidegger sorgt heute immer noch für viele Irritationen und Polarisierungen. Die einen lieben ihn, andere wiederum halten ihn für einen Nazi-Philosophen. Aber sowohl Kritiker und Verteidiger Heideggers geben zu, dass man an ihm als Philosophen des letzten Jahrhunderts nicht vorbeikommt. Sein Hauptwerk “Sein und Zeit” ist für jeden, der sich mit der Philosophie beschäftigt, eine Pflichtlektüre. Wieso polarisiert ein Denker wie Heidegger heute immer noch die Menschen?

Alfred Denker: Mit Wittgenstein ist Heidegger der einflussreichste Philosoph des 20. Jahrhunderts. Selbst wenn man seine Philosophie für bedeutungslos halten würde, kann man die Geschichte der Philosophie des 20. Jahrhunderts ohne sein Denken nicht verstehen. Seine Philosophie war in ganz verschiedenen Bereichen einflussreich. Neben der Philosophie vor allem in der Theologie, Psychiatrie, Literaturwissenschaft oder der Ökologie, und selbst Naturwissenschaftler wie Heisenberg und von Weizsäcker hat sein Denken angeregt. Gerade in Frankreich hat er einen ungeheuren Einfluss gehabt: von Sartre und Levinas zu Ricoeur und Foucault. Im Lichte von Heideggers Rektorat stellt sich die Frage, ob und inwieweit er im Nationalsozialismus verstrickt war und welche Folgen das für die von Heidegger inspirierte Philosophie hat. Dazu kommt, dass er in bestimmter Hinsicht ein Existentialist „avant la lettre“ war und als Person höchst interessant ist. Denken Sie nur an die Liebschaft mit Hannah Arendt. Er ist einer der Menschen, die man hasst oder liebt. Deshalb polarisiert er auch heute die Menschen.

Sie haben sich sehr intensiv mit dem Philosphen Martin Heidegger beschäftigt. Jüngst ist Ihr Buch “Unterwegs in Sein und Zeit” erschienen. Es ist eine Art Einführung in die Person und das Denken Heideggers. Wie stehen Sie zu den Vorwürfen, dass Heidegger in den Nationalsozialismus verstrickt gewesen sei? Der französische Philosoph Emmanuel Faye bezeichnet ihn ja sogar als Vordenker des Nationalsozialismus.

Alfred Denker: Erstens muss jeder, der sich ernsthaft mit Heidegger befasst, die Vorwürfe ernst nehmen. Dazu kommt zweitens, dass ich den Nationalsozialismus verabscheue und mich nicht so intensiv mit Heidegger befassen würde, wenn er tatsächlich ein Nazi gewesen wäre. Es ist wichtig, genau zu untersuchen, wie Heidegger sich in die Nähe des Nationalsozialismus bewegt und wo er sich wieder kritisch davon trennt. Wir können so auch verstehen lernen, warum der Nationalsozialismus so viele Menschen begeistert hat. Es ist ganz schwer sich in die Lage von 1933 zurück zu versetzen. Die Behauptung, dass Heidegger ein Vordenker des Nationalsozialismus gewesen sei, ist leicht zu widerlegen. Selbst wenn Hitler Heidegger gelesen hat, hätte er nur politisch völlig uninteressante Texte lesen können. Von Heideggers Dissertation, Habilitationsschrift und Sein und Zeit gibt es keinen Weg zu Mein Kampf.

In seinen späteren Werken reflektierte Heidegger über das Wesen der Technik. Was für einen Bezug oder Beitrag kann Heideggers Spätwerk auf das Verständnis einer sich immer mehr als Einheit zeigenden neuen Welt, zwischen der Raserei der Globalisierung und der Quasi-Offenbarung des Internet, haben?

Alfred Denker: Der Beitrag, den Heideggers Denken immer leisten kann, ist das Fragen. Er stellt das für uns Selbstverständliche in Frage. Ein gutes Beispiel ist seine Behauptung, dass die Wissenschaft nicht denken kann. Damit meint er, dass für die Wissenschaft die existentiellen Fragen des menschlichen Lebens unlösbar sind. Meine Berufswahl, ob ich heirate oder nicht, usw. sind keine wissenschaftlichen Probleme. Es ist wunderbar, dass wir heute in einer Sekunde unendliche Informationen abrufen können. Heidegger würde aber sagen, dass Information keine Erkenntnis ist. Was wir von Heidegger auch lernen können, ist, dass die Globalisierung ein Prozess ist, der nicht vom Menschen gesteuert wird und dass dieser sich unserer Macht entzieht. Dies bedeutet, dass es keine einfache Lösung geben kann, was für Politiker schade ist, da sie alle Probleme innerhalb von vier Jahren lösen müssen.

Kann jemand, der Heideggers Werk studiert, überhaupt noch ein “blinder Parteigänger” sein? Immerhin sieht er die Lösung der Grundfragen unserer Zeit eben nicht in alten politischen Ideologien. Im legendären Spiegel-Interview von 1976 sagte er: “Nur noch ein Gott kann uns retten.”

Alfred Denker: Was ich Heidegger abnehme, ist, dass ich als Philosoph immer weiter fragen soll und immer wieder das Selbstverständliche in Frage stellen soll. Eine Ideologie ist eine nicht mehr in Frage gestellte Theorie und deshalb gefährlich. Einfache Lösungen gibt es leider nicht und ein Rezept für den Himmel auf Erden auch nicht. Tod und Krankheit gehören zur menschlichen Existenz. Ewig leben können wir als Menschen nicht. Die Aussage „Nur noch ein Gott kann uns retten“ ist m.E. unglücklich, weil sie nicht ausgewiesen werden kann. Dazu kommt, dass wir in unserer Zeit die Gefahr von religiösen Ideologien kennen gelernt haben. Von „Nur noch ein Gott kann uns retten“ zu „Nur dieser Gott kann uns retten“ ist es ein kleiner Schritt. Ich würde lieber sagen (und das wäre m.E. Heideggers Gedanke): „Kein Mensch kann uns retten“. Nur wir endliche Menschen in unserem Zusammenleben können versuchen, diese Problemen zu lösen. Das ist nicht viel, aber zumindest etwas.

Kann man in Zeiten der größten Finanzkrise, die wir gerade erleben, Heideggers Technikanalyse in Zusammenhang mit den modernen Abgründen der Finanztechnik bringen? Wenn man sich die Auswüchse der globalen Finanztechnik betrachtet, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass “nicht wir die Technik in der Hand haben, sondern sie hat uns in der Hand”, um mit Heidegger zu sprechen…

Alfred Denker: Es ist eine wichtige Aufgabe, Heideggers Denken aufzugreifen, uns weiter zu entwickeln in Richtungen, die Heidegger nicht gegangen ist. Die Finanztechnik könnte als neue Erscheinung des „Gestells“ gedeutet werden. Vielleicht könnten wir dann sagen, dass das Geld vom Mittel zum Zweck geworden ist und gerade deshalb sein Wesen verfehlt. Heidegger würde sagen, dass die Krise der Finanztechnik finanztechnisch unlösbar ist. Die Versuche, Griechenland finanztechnisch vom Bankrott zu retten, belegen dies. Dies würde bedeuten, dass eine Systemänderung notwendig wäre, und diese könnte nur politisch durchgesetzt werden.

Der Widerspenstigen Zähmung

Hierzulande werden nun Imame ausgebildet. Doch ob sie in den Moscheen auch Gehör finden werden, ist noch längst nicht sicher

Das erste Zentrum für Islamische Theologie wurde an der Universität Tübingen feierlich eröffnet.

Das erste Zentrum für Islamische Theologie wurde an der Universität Tübingen feierlich eröffnet.

Nach den Empfehlungen des Wissenschaftsrates sollen in Deutschland an vier Standorten Zentren für Islamische Theologie gegründet werden. Vergangene Woche wurde das erste an der Universität Tübingen feierlich eröffnet. Schon seit Anfang des Wintersemesters wird dort das Fach Islamische Theologie gelehrt mit derzeit 36 Bachelorstudenten. Neben dem In-stitutsleiter, dem Koranwissenschaftler Omar Hamdan, sind vier weitere Professuren vorgesehen. An den Zentren für Islamische Theologie sollen in erster Linie Imame und Religionslehrer ausgebildet werden.

Die Etablierung einer deutschsprachigen und in Deutschland verorteten eigenständigen Islamischen Theologie ist längst fällig. Bisher kamen die Imame meist aus der Türkei und dann auch nur für wenige Jahre. Die überwiegende Mehrheit der Imame beherrscht die deutsche Sprache kaum. Sie können auch daher keine wirklich effektive Gemeindearbeit leisten. Besonders für die jungen Muslime hat das negative Auswirkungen. Sie werden am meisten davon profitieren, wenn in Zukunft die Imame ihre Predigten auch auf Deutsch halten.

Viel wurde in den letzten Monaten über die Rolle der Beiräte diskutiert. Die Professoren werden nach den jeweiligen Landeshochschulgesetzen durch Berufungskommissionen ausgewählt. Nach Abschluss des Auswahlverfahrens ist ähnlich wie bei den christlich-theologischen Fakultäten die Zustimmung des Beirates einzuholen. In diesen Beiräten werden meist Vertreter der großen muslimischen Verbände sitzen. Einige Kritiker befürchten, dass diese über die Beiräte versuchen werden, Einfluss zu nehmen. Einige äußern die Befürchtung, dass dadurch ein zu traditionelles oder orthodoxes Islamverständnis an den Universitäten gelehrt werden könnte. Die Frage, die man sich dann stellt, ist: Wenn nun nicht die größten Verbände ein Mitspracherecht in bekenntnisrelevanten Fragen haben dürfen, wer dann? Da der bekenntnisneutrale Staat nicht inhaltlich in die Frage der Gestaltung der Curricula eingreifen darf und er die Frage nicht prüfen darf, ob aus religiösen Gründen gegen Lehrende, Einwände bestehen, können nur die muslimischen Selbstorganisationen diese Aufgabe erfüllen.

Eine viel zu wenig diskutierte Problematik in der Etablierung der Islamischen Theologie in Deutschland ist aber vor allem die Frage, wie eigentlich die muslimische Basis zu dieser Entwicklung steht. Denn Hauptabnehmer der ausgebildeten Theologen werden über kurz oder lang die Moscheegemeinden sein. Zwar sehnen sich insbesondere viele junge Muslime deutschsprachige Imame herbei, die auch in Deutschland sozialisiert sind. Aber sie blicken auch kritisch auf diesen auffälligen Aktionismus des Staates.

Aberglaube und Irrglaube

Den Stimmen gegen den vermeintlichen negativen Einfluss der Verbände wird in der medialen Öffentlichkeit Gehör verschafft. Aber dass in der muslimischen Community ebenfalls Bedenken vorhanden sind, wird kaum wahrgenommen. Juristen wie Christian Walter sprechen im Zusammenhang mit der Einrichtung islamisch-theologischer Zentren von einem „legitimem Zähmungsinteresse“ des Staates. Bundesforschungsministerin Annette Schavan betont die Bedeutung eines aufgeklärten Islams, der vor Aber- oder Irrglaube schützen solle, und erhofft sich sogar von der Theologie einen wichtigen Beitrag für die Integration. Was nun jedoch Aberglaube oder Irrglaube ist, ist nach Ansicht vieler Muslime eben nicht Entscheidung der Politik, sondern in erster Linie ist dies eine Sache der Muslime selber. Es ist nicht Aufgabe der Politik, ob ein Glaube der Klärung oder Aufklärung bedarf. Für Gläubige, egal ob es um Christen oder Muslime geht, ist jede Einmischung der Politik in die inneren Belange der Glaubensverkündigung nicht hinnehmbar.

Es geht darum, die rechtliche Freiheit, die die christlichen Kirchen und auch das Judentum haben, dem Islam zu sichern. Hierfür braucht man aber vor allem unabhängige und freie Theologen. Unabhängig von den muslimischen Verbänden – aber auch unabhängig von der deutschen Politik. Denn was die deutschen Muslime gar nicht brauchen, ist eine politische Theologie, die eine dem Staat genehme Lehre verbreitet. Auch aus der Wissenschaft gibt es kritische Stimmen. Der Islamwissenschaftler Rainer Brunner spricht sogar von einer „entsäkularisierten Islamisierung der Integrationsdebatte“. Die Gründung der islamischen Theologie scheint für Brunner politisch gewollt zu sein: „Das hat in Verbindung mit verschiedenen anders gelagerten politischen Debatten der letzten zehn Jahre – etwa über die Sicherheitspolitik – eine, wie ich finde, geradezu groteske Überforderung und auch Erwartungshaltung der Politik zur Folge.“ Man wolle hier sozusagen einen aufgeklärten Islam europäischen Zuschnitts etablieren, ohne dass es dafür die strukturellen und personellen Voraussetzungen gäbe.

Wie sich die Theologie in den nächsten Jahren entwickeln wird, wird von der muslimischen Community genau beobachtet werden. Der Tübinger Institutsleiter Omar Hamdan formjulierte es so: „Ich bin Theologe, kein Politiker.“

http://www.freitag.de/politik/1203-der-widerspenstigen-z-hmung

Dubiose Machenschaften des Verfassungsschutzes sind nichts Neues

V-Männer des Verfassungsschutzes sind nicht nur in der Neonazi-Szene in zweifelhaften Rollen aufgefallen

Deutschland erlebt momentan einen seiner größten Geheimdienstskandale seiner Geschichte. Die politischen Verantwortlichen sind um Schadensbegrenzung bemüht. Es ist aber fraglich, ob sie das Vertrauen der Bürger in die Institutionen wieder herstellen können. Einige Politiker faseln – wie immer wenn es um Terror geht – von der Vorratsdatenspeicherung und einem NPD-Verbot. Es ist die übliche Pawlowsche Reaktion, die man immer wieder zu hören bekommt, wenn es etwa um den islamistischen Terrorismus geht.

Die Richtung, die die derzeitige Debatte um den Verfassungsschutz nimmt, führt aber an der eigentlichen Problematik vorbei. Schon werden der Öffentlichkeit Bauernopfer in Form einiger zwielichtiger Beamten beim Verfassungsschutz geliefert, deren Fehlverhalten und bedenkliche Gesinnung zu diesem Supergau geführt habe. Das Grundproblem liegt aber woanders.

Denn V-Männer des Verfassungsschutzes spielen nicht nur in der Neonazi-Szene eine dubiose Rolle. Wenn wir uns die spektakulären Fälle “islamistischer Zellen” in den letzten Jahren vergegenwärtigen, spielten V-Männer immer eine besondere Rolle.

V-Männer in Islamistenszenen

Der Mentor der Sauerland-Gruppe etwa war ein gewisser Yehia Yousif, der mittlerweile in Saudi-Arabien lebt und eine Schlüsselrolle in der Radikalisierung der Mitglieder dieser Gruppe spielte. Yehia Yousif war zwischen 1995 bis 2002 im Dienste des baden-württembergischen Verfassungsschutzes. Interessant ist, dass bei einer Hausdurchsuchung in der Wohnung von Yehia Yousifs Sohn, Omar Yousif, Unterlagen für die Herstellung des Flüssigsprengstoffs TATP gefunden wurden, mit dem später die Sauerland-Gruppe auf dilettantische Weise experimentiert hatte. Seltsamerweise wurde sowohl gegen Yehia Yousif als auch seinen Sohn kein Auslieferungsantrag gestellt, nachdem sie sich 2004 nach Saudi-Arabien abgesetzt hatten.

Wieso wird in den Mainstream-Medien bisher die Rolle des Hasspredigers Yousif, der gleichzeitig auch Informant des Verfassungsschutzes war, nicht hinterfragt? Yousif hatte entscheidend zum Erstarken salafitischer Gruppen beigetragen. Gleichzeitig war er aber auch Lohnempfänger des Verfassungsschutzes.

V-Mann wird vor Gericht geschont

Erst im April diesen Jahres sorgte in einem weiteren Islamisten-Prozess in München ein V-Mann für Aufsehen. Acht mutmaßliche Terrorhelfer wurden beschuldigt, mit Videos von Selbstmordattentaten in Deutschland für den Terror geworben zu haben. Den Angeklagten wurde vorgeworfen, Teil der “Globalen Islamischen Medienfront” (GIMF) zu sein.

Während des Gerichtsverfahrens kam aber heraus, dass der Anführer dieser Gruppe ein V-Mann des Verfassungsschutzes war. Die Bundesanwaltschaft hatte dies dem Gericht nicht mitgeteilt, obwohl sie davon unterrichtet war.

Der V-Mann Irfan P. habe aktiv die anderen Angeklagten “angeschoben”, so die Verteidigung. Die Mitläufer mussten sich vor Gericht verantworten; Irfan P. als Anführer dagegen wurde erst gar nicht angeklagt. Der 22 Jahre alte GIMF-Führer und mutmaßliche V-Mann soll monatlich 2500 bis 3000 Euro bekommen haben, seine Wohnung sei vom Verfassungsschutz bezahlt worden.

Laut dem Bundesanwalt sei P. erst nach seiner Zeit bei der Islamischen Medienfront als V-Mann aktiv gewesen, daher treffe der Vorwurf nicht zu. In welchem konkreten Zeitraum P. als V-Mann eingesetzt war, konnte der Ankläger jedoch nicht sagen. Das Gericht entschied daraufhin, dass diese Frage “momentan nicht verfahrensrelevant” sei. So verschonte man Irfan P. davor, im Zeugenstand Rede und Antwort zu stehen (Terroristen und Sicherheitsbehörden).

Das sind nur zwei Beispiele aus den letzten Jahren dafür, wie V-Männer eben nicht lediglich Informationen für den Verfassungsschutz sammelten, sondern tragende Rollen einnahmen und aktiv ihren Beitrag zur Radikalisierung von Muslimen leisteten.

Durch eine Vorratsdatenspeicherung und damit einer weiteren Aushöhlung des Rechtsstaates wird man das Vertrauen des Bürgers in den Rechtsstaat nicht wiedergewinnen. Dafür ist vor allem eins nötig: eine lückenlose Aufarbeitung der dubiosen Machenschaften des Verfassungsschutzes.

http://www.heise.de/tp/blogs/8/150854