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„Man braucht Guantanamo nicht, um Attentäter vor Gericht zu stellen“

Januar 6, 2010 · 2 Kommentare

Nach dem gescheiterten Anschlag in Detroit gab es Meldungen darüber, dass die Drahtzieher ehemalige Guantanamo-Häftlinge seien. In den Vereinigten Staaten haben sich prompt Republikaner und auch Demokraten dafür ausgesprochen, Guantanamo doch nicht zu schließen. Roger Willemsen, der sich seit langem für die Schließung Guantanamos einsetzt, kritisiert dies scharf. Er hatte persönlich ehemalige Guantanamo-Häftlinge getroffen und für sein Buch „Hier spricht Guantanamo“ (2006) interviewt.

Die USA erwägen nun Guantanamo doch nicht zu schließen, da laut Geheimdienstinformationen die Drahtzieher des gescheiterten Anschlags in Detroit ehemalige Guantanamohäftlinge sein sollen. Sind die Häftlinge, oder ehemaligen Häftlinge ein Sicherheitsrisiko?

Roger Willemsen: Man braucht Guantanamo nicht, um Attentäter vor Gericht zu stellen. Man raucht Guantanamo, um an einem solcher Verfahren vorbei zu kommen. Zunächst bezweifle ich, dass ehemalige Häftlinge beteiligt waren. Wir haben solche eklatanten Desinformationen durch die US Administration erhalten, dass es keinen Grund gibt, diese Aussage zu glauben. Was würde besser passen in eine Situation, in der man das Lager offenbar gegen alle Versprechen nicht schließen will, als einen Grund zu simulieren, es nicht zu schließen? Abgesehen davon wäre es geradezu märchenhaft, wenn die Erfahrung im Lager Häftlinge nicht gegen die USA agitiert hätte.

Roger Willemsen mit afghanischen Kindern in Kabul (Foto: Christian Irrgang)

Roger Willemsen mit afghanischen Kindern in Kabul (Foto: Christian Irrgang)

Sie haben Ex-Häftlinge getroffen und für Ihr Buch „Hier spricht Guantanamo“ interviewt. Was hatten Sie für einen Eindruck von ihnen? Können die Erlebnisse, die diese in Guantanamo hatten, zu einer Radikalisierung geführt haben?

Willemsen: Eben, so könnte es sein. Aber nach meiner Erfahrung und nach allen Recherchen, die wir über amnesty und andere Organisationen geführt haben, ist die Selbstbeherrschung der Ex-Häftlinge erstaunlich. Sie wollen in der Regel nichts anderes als einen Prozess, ein gerechtes, völkerrechtlich abgesichertes Verfahren. Und vergessen wir nicht: Es handelte sich bei ihrer Gefangennahme fast ausschließlich um unbescholtene Bürger, deren Unschuld auch von den USA eingestanden wurde, sonst hätte man sie nicht aus dem Lager entlassen – oder wer glaubt wirklich, die USA hätten Häftlinge entlassen, die sie als tickende Zeitbomben eingestuft hätten?

Wie beurteilen Sie Obamas Politik? Er hatte versprochen Guantanamo binnen einen Jahres zu schließen…

Willemsen: Wir wussten, dass er uns alle enttäuschen würde, aber an die Schließung von Guantanamo und den entsprechenden Lagern Baghram und Kandahar habe ich doch geglaubt. Dass er uns jetzt so enttäuscht, hängt auch mit dem inneramerikanischen Druck zusammen. Er wird ungestraft mit Hakenkreuz abgebildet oder als Affe. Eine vergleichbare Kampagne gegen einen Präsidenten hat es in der Geschichte der USA nicht gegeben. Das erhöht seine Angst vor unpopulären Maßnahmen.

Sind Sie noch in Kontakt mit den Guantanamo-Insassen, die sie getroffen hatten? Was ist aus Ihnen geworden? Wie haben diese Guantanamo verarbeitet? Haben sie den Übergang in den Alltag geschafft?

Willemsen: Die beiden russischen Häftlinge sind gleich wieder inhaftiert und gefoltert worden, weil man sie für einen Anschlag verantwortlich machte, den sie nicht begangen haben können, weil sie zur gefragten Zeit im Lager waren. Die Situation der Häftlinge ist trostlos. Sie leben unter dem Existenzminimum, haben keine Unterstützung, keine Kompensation, können ihre Familien nicht ernähren und leben teilweise getrennt von dienen aus Angst vor Sippenhaft.

Haben sie Rachegfühle gegen die USA oder gegen den Westen gehabt aufgrund des Unrechts, der ihnen wiederfahren ist?

Willemsen: Das war zunächst das Verblüffendste: Kein lautes Wort, keine Polemik, kein Hass, ein beharrliches Insistieren darauf, nach internationalem Recht behandelt zu werden, das war’s. Und das sollte für einen deklarierten Rechtsstaat ja wohl das Mindeste sein, dass er seine Beschuldigten einer juristisch einwandfreien Institution in einem einwandfreien Verfahren unterwirft!


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Opposition verliert wichtige Symbolfigur

Dezember 21, 2009 · 1 Kommentar

Nach langer Krankheit ist Großayatollah Hussein Ali Montaseri im Alter von 87 Jahren in Ghom gestorben. Mit ihm starb nicht nur einer wichtigsten religiösen Autoritäten in Iran, sondern auch einer der gefährlichsten Kritiker des iranischen Regimes.

Hussein Ali Montaseri war der bekannteste regimekritische Geistliche des Irans. Er starb im Alter von 87 Jahren.

Hussein Ali Montaseri war der bekannteste regimekritische Geistliche des Irans. Er starb im Alter von 87 Jahren.

Er gehörte nicht nur zu den härtesten Kritikern des Präsidenten Mahmud Ahmedinedschad. Schon vor 20 Jahren kritisierte er die Entwicklung Irans. Montaseri galt lange Zeit als der eigentliche Nachfolger von Revolutionsführer Chomeini. Als er Zweifel an der Fatwa gegen Rushdi mit den Worten äußerte, man solle das Buch verurteilen, aber seinen Verfasser dürfe man nicht zum Apostaten erklären, und nach seiner Kritik an den Massenhinrichtungen in den iranischen Gefängnissen im Jahre 1989, wurde Montaseri aller Ämter enthoben. Seine Söhne wurden mehrmals verhaftet, und einige seiner Anhänger wurden umgebracht.

Obwohl das politische Establishment damit versuchte, ihn politisch mundtot zu machen, hatte Montaseri hohes Ansehen als Theologe. Neben Großayatollah Sistani im Irak gehörte er zu den angesehensten religiösen Autoritäten der schiitischen Welt. Ungeachtet seiner oppositionellen Haltung galt er als Mardschae Taghlid, eine „Quelle der Nachahmung“. Nicht nur viele Gläubige, auch viele junge Theologen sahen in ihm einen Vorbild. Seine Vorlesungen in den religiösen Hochschulen Ghoms waren sehr beliebt. Durch seine kompromisslose Haltung hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass eine moderate und dem Regime durchaus kritisch eingestellte Theologengeneration hervorgegangen ist.

Während der Präsidentschaft des Reformers Chatami rief er den religiösen Führer des Landes Ayatollah Chamenei auf, sich den religiösen Angelegenheiten zu widmen, und sich aus der Politik herauszuhalten.

Montaseri war nicht nur Theologe, sondern verfasste auch Werke zur politischen Philosophie, in denen er direkt das Regime und die Entwicklungen nach der Islamischen Revolution 1979 anprangerte. In seinem Buch „Traktat über die Rechte“ sprach er sich dafür aus, dass die Regierung nicht in einer Hand konzentriert sein dürfe. Denn die iranische Revolution von 1979 habe nichts anderes gewollt, als die Freiheit und Unabhängigkeit der Bevölkerung sowie eine demokratische und islamische Regierung. In einem Brief an den Islamwissenschaftler Navid Kermani, der im Mai 2000 in der FAZ veröffentlicht wurde, verteidigte er die Revolution, dessen Absichten gut seien und immer noch sind. Aber er rechnete in diesem Brief radikal mit dem Regime ab, und warf ihr vor, die Ideale der Revolution verraten zu haben. Das iranische Volk habe sich im Laufe seiner Geschichte immer wieder gegen Usurpatoren und Marodeure zur Wehr gesetzt. Jetzt ertrage sie schwere Lasten, um die Reformen, nach denen es verlange, zu verwirklichen und den Staub, der sich auf die Revolution gesetzt habe, zu entfernen.

Für Montaseri war Islam und Demokratie kein Widerspruch. Die unrichtigen Taten mancher muslimischer Herrscher sowie jener, die heute behaupten, im Namen des Islams zu sprechen, dürfe nicht der Religion an sich zugeschrieben werden, womit er indirekt das iranische Regime meinte.

Seine Forderungen wurden mit der Zeit immer radikaler. Er war der erste ranghohe Geistliche, der gefordert hat, dass auch der Minderheit der Bahai, die im Iran immer noch nicht anerkannt ist, alle Rechte gewährleistet werden. Die Bahai dürften nicht als Bürger zweiter Klasse behandelt werden.

Nach der umstrittenen Wiederwahl Ahmedinedschads im Juni diesen Jahres stellte er sich mit einer Fatwa hinter die Opposition. In dieser Fatwa schreibt Montaseri, dass die junge Generation unter der von ihrer Obrigkeit im Namen des Islam begangenen Grausamkeiten leide. In dieser Fatwa warf er Chamenei vor, das Vertrauen des Volkes missbraucht zu haben, und forderte seine Absetzung. Auch in den letzten Wochen versuchte der schwer kranke Geistliche durch Erklärungen die Opposition zu unterstützen. Er verurteilte das gewaltsame Vorgehen gegen Demonstranten, und sprach dem Regime seine Legitimation ab. Die islamische Republik stehe für ihn am Abgrund, sage er.

Aus Angst vor Demonstrationen während der Beisetzung versuchen die staatlichen Medien im Iran den Tod Montaseris herunterzuspielen. Nur mit einer kurzen Meldung wurde in den staatlichen Medien der Tod Montaseris verkündet. Sein religiöser Rang als Großayatollah sowie seine wichtige Rolle in der islamischen Revolution von 1979 wurden nicht erwähnt.

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„Ein Schlag ins Gesicht“

Dezember 16, 2009 · 1 Kommentar

Der Bostoner Islamwissenschaftler Jonathan Bloom über die Geschichte des Minaretts und seine kulturhistorische Bedeutung

Der Freitag: Minarette sind das charakteristische Symbol des Islam geworden. Was ist der Ursprung des Minaretts?

Jonathan M. Bloom: Die ersten Moscheen aus dem siebten Jahrhundert hatten keine Minarette. Es wird davon ausgegangen, dass sie im späten achten oder frühen neunten Jahrhundert „erfunden“ wurden. Es gibt verschiedene Theorien über den Ursprungs des Minaretts: Manche sagen, sie seien Kirchtürmen nachempfunden, andere halten Wachtürme, Leuchttürme, Stellwerke oder Siegessäulen für Vorbilder.

Bloom: "Das Minarett ist, ähnlich wie das Kuppeldach der Moschee eine der charakteristischsten Ausprägungen der islamischen Architektur."

Bloom: "Das Minarett ist, ähnlich wie das Kuppeldach der Moschee eine der charakteristischsten Ausprägungen der islamischen Architektur."

Und was ist Ihre Meinung in dieser Frage?

Keine dieser Varianten ist richtig. Meine Forschungen haben ergeben, dass die ersten Minarette nicht der Funktion dienten, zum Gebet aufzurufen. Ich gehe deshalb davon aus, dass sie schon damals die gleiche Funktion wie heute hatten: Sie waren Zeichen für die Präsenz einer Moschee und damit Symbole des Islam. Erst später bekamen diese Türme ihre Bedeutung als Ort, von dem aus der Gebetsruf erfolgt.

Sie sagen, dass das Minarett historisch betrachtet nicht mit dem Gebetsruf in Zusammenhang steht?

Der Gebetsruf wird bereits seit der Zeit des Propheten praktiziert, das Minarett entstand erst später. Der Überlieferung zufolge träumte ein Weggefährte des Propheten, Abd Allah ibn Zayd, er habe gesehen, wie jemand vom Dach der Moschee die Männer zum Gebet gerufen habe. Nachdem er dem Propheten von seinem Traum erzählt hatte, erkannte Mohammed darin eine Vision Gottes. Er wies Bilal, einen freigelassenen abessinischen Sklaven, der einer der ersten Konvertiten zum Islam war, an: „Steh auf, Bilal, und rufe alle zum Gebet zusammen!“ Bilal, der für seine schöne Stimme bekannt war, tat, wie ihm geheißen war, und wurde so der erste Muezzin.

Liegt in dieser Zeit auch der Ursprung des Minaretts?

Nein. Gemäß der islamischen Tradition riefen Bilal und seine Nachfolger von einem hoch gelegenen oder öffentlichen Platz zum Gebet, etwa von einem der Stadttore oder vom Dach der Moschee, von einem hohen benachbarten Gebäude oder sogar von der Stadtmauer aus, niemals aber von einem hohen Turm. Es ist sogar überliefert, Ali ibn Abi Talib, Cousin und Schwiegersohn des Propheten, habe angeordnet, ein hoher mi’dhana, ein Platz von dem aus der Muezzin zum Gebet rief, solle abgetragen werden, da der Muezzin von dort in die Häuser rund um die Moschee schauen konnte. Ali war der Ansicht, der Gebetsruf solle nicht von einem Gebäude aus erfolgen, das höher als das Dach der Moschee sei.

Welche symbolische Bedeutung hat das Minarett überhaupt?

Das Minarett ist, ähnlich wie das Kuppeldach der Moschee eine der charakteristischsten Ausprägungen der islamischen Architektur. Der Klang des Gebetsrufs gehört zu Kairo, Istanbul oder Riad wie der Klang der Glocken zu Rom. Weltweit sind die Minarette inzwischen ein derart unverwechselbares Symbol des Islam geworden, dass politische Karikaturisten sie als Kürzel verwenden, wenn sie eine Szene im Nahen Osten oder in islamisch geprägten Gegenden verorten wollen.

Sind die Minarette auch Symbole der politischen Macht des Islam?

Ob die Minarette nun aktiv genutzt werden, um die Gläubigen zum Gebet zu rufen oder nicht, sie bleiben mächtige Symbole des Islam und wurden dementsprechend als solche immer wieder ins Visier genommen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Während des Bürgerkriegs im Kosovo etwa platzierten die serbischen Truppen häufig Sprengstoff in den Minaretten. Sie taten dies nicht nur, um die Türme zu zerstören, sondern auch, damit die angrenzende Moschee beim Einsturz ebenfalls zerstört wurde. Durch diese Zerstörung wollten die serbischen Truppen, die überwiegend christlich-orthodox geprägt waren, die sichtbarsten Symbole des Islam von der Bildfläche tilgen. Ein solcher Zusammenprall zwischen unterschiedlichen visuellen Kulturen ist unglücklicherweise nicht erst ein Phänomen der Neuzeit, auch wenn moderne Waffen und Sprengstoffe die Folgen verheerend machen.

Gibt es auch Fälle, in denen Minarette errichtet wurden um islamischen Machtanspruch auszudrücken?

Ja. Nachdem der ottomanische Sultan Fatih Mehmet die byzantinische Stadt Konstantinopel im Mai 1453 erobert hatte, war eine seiner ersten Amtshandlungen, dass er auf der 900 Jahre alten Kirche Hagia Sophia ein hölzernes Minarett errichten ließ, um ihre Umwidmung zu einer Moschee zu kennzeichnen. Das hölzerne Minarett wurde bald durch ein steinernes ersetzt und zudem wurden noch drei weitere gebaut. Als Mehmet und seine Nachfolger weitere Moscheen in ihrer neuen Hauptstadt bauten, wurde die Silhouette Istanbuls nach und nach von dutzenden schlanken, pfeilförmigen Minaretten unterbrochen, die der ottomanischen Metropole nach und nach ihr charakteristisches Aussehen gaben. Es signalisierte, dass sie nicht länger die Hauptstadt des christlichen Byzanz, sondern die neue Hauptstadt des islamischen Weltreichs war.

Gibt es in der islamischen Geschichte auch Überlieferungen von Moscheen ohne Minarett?

In weiten Teilen der muslimischen Welt, wie etwa in Malaysia, Kaschmir und Ost-Afrika, waren Minarette bis zur Neuzeit so gut wie unbekannt. Im 20. Jahrhundert jedoch führte die Ausdehnung der modernen Kommunikation und der Reisemöglichkeiten zu einer Vereinheitlichung der regionalen architektonischen Ausprägungen zu „islamischen“ Normen mit Kuppeln und den in die Höhe ragenden Türmen. Nichtsdestotrotz erklärte Mohamad Tajuddin bin Mohamad Rasdi von der Technischen Universität in Malaysia unlängst, moderne Architekten und ihre Kunden, die monumentale Moscheen mit ausgefallenen Minaretten und Kuppeln bauten, würden die Lehren des Propheten ignorieren.

In der Schweiz wurden die Minarette nun verboten, weil sie für die Mehrheit ein Symbol der Islamisierung sind.

Ironischerweise war einer der ersten Gelehrten, die den Ursprung und die Geschichte des Islam studierten, vor über einem Jahrhundert der Schweizer Arabist Max van Berchem. Die Minarette sind zwar genau genommen kein notwendiger Bestandteil einer Moschee, aber sie werden weithin für erstrebenswert erachtet. Das Verbot, Minarette zu bauen, ist deshalb ein Schlag ins Gesicht für die muslimische Gemeinde in der Schweiz. Können Sie sich vorstellen, was gewesen wäre, wenn die Schweiz entschieden hätte, dass der Bau von Glockentürmen auf Kirchen verboten wird?

Ist diese Ablehnung der Minarette ein neues Phänomen?

Nein, sie kann bis ins mittelalterliche Spanien zurückverfolgt werden, als Muslime und Christen um die architektonische Vorherrschaft in den Städten kämpften. In jüngerer Zeit wiederum gab es in Oxford Streit um den Bau eines Minaretts, das höher als die legendären Turmspitzen der Stadt gewesen wäre. Dieselbe Diskussion gab es in Frederick, Maryland.

Das Interview führte Eren Güvercin

Hintergrund

Jonathan Bloom ist Professor am Boston College. Er hält den Lehrstuhl für Islamische und Asiatische Kunst

der Freitag Artikel-URL: http://www.freitag.de/wochenthema/0950-ein-schlag-ins-gesicht-der-muslimischen-gemeinde

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„Eine durch Angst und Hysterie erzeugte Kopflosigkeit“

Dezember 9, 2009 · 1 Kommentar

Herr Baum, Sie waren Bundesinnenminister während der Zeit, als die RAF aktiv war. In Ihrem neuen Buch „Rettet die Grundrechte!“ sprechen Sie sich vehement gegen den Sicherheitswahn aus. Gibt es eine Parallele zwischen der derzeitigen Stimmung und den 70er Jahren?

Gerhart Baum: Ja, eine durch Angst und Hysterie erzeugte Kopflosigkeit. Es wird ein Ausnahmezustand beschworen, in den rechtsstaatliche Schranken weggeräumt werden. Damals sind wir fast an den Rand der Verfassung gegangen – später haben wir einiges revidiert.

Gerhart Baum: "Es wird ein Ausnahmezustand beschworen, in den rechtsstaatliche Schranken weggeräumt werden."

Gerhart Baum: "Es wird ein Ausnahmezustand beschworen, in den rechtsstaatliche Schranken weggeräumt werden."

Wie konkret sind die Grundrechte bedroht? Übertreiben Sie nicht etwas mit dem Titel Ihres Buches?

Baum: Ich übertreibe nicht. Die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit ist aus dem Lot. Auch wenn sich jetzt ein Richtungswechsel mit Frau Leutheusser-Schnarrenberger in der neuen Koalition ankündigt, bleibt dieser Befund. Unbescholtene Bürger werden zu beliebigen Datenlieferanten. Grundlegende rechtsstaatliche Prinzipien, wie Trennung zwischen Polizei und Nachrichtendiensten werden verletzt. Die Grundrechte sind immer stärker auch durch ausufernde private Datenverarbeitung in Gefahr – ein neues Datenschutzrecht ist dringend geboten!

Droht der Notstand zum Normalfall zu werden in Zeiten der Terrorhysterie?

Baum: Ja. Im Strafrecht propagiert eine Minderheit das sog. Feindstrafrecht, mit dem Kriminalitätsbekämpfung zum Krieg wird, und Vorbeugehaft und Rettungsfolter möglich wird. Karlsruhe wehrt sich vehement gegen diese Positionen. In der Bevölkerung finden sie Zustimmung.

Was sagen Sie zu dem Argument, dass ungewöhnliche Maßnahmen notwendig seien, um den global aktiven Terror effektiv zu bekämpfen, da der Terror unsere Sicherheit und Freiheit bedrohe?

Baum: Freiheit ist ohne Unsicherheit nicht zu haben. Lassen wir uns auf unbegrenzte Prävention oder gar auf ein Grundrecht auf Sicherheit ein, das es nicht gibt, geben wir das fundamentale sittliche Prinzip unserer Verfassung, die Menschenwürde preis, ohne in jedem Fall mehr Sicherheit zu gewinnen.

Welche Auswirkungen haben die immer radikaleren Forderungen im Kampf gegen den Terror für unsere Gesellschaft?

Baum: Wir gewöhnen uns an einen seit Jahren schleichenden Prozess der Erosion der Grundrechte. Es ist ein gefährliches Gebräu aus Angst, Unsicherheit, Gleichgültigkeit und der immer perfekteren Techniken der Datenerfassung und -verarbeitung entstanden.

Wird die Situation auch bewusst von der Politik ausgenutzt, wird bewusst Angst unter der Bevölkerung verbreitet, um bestimmte Ziele zu erreichen?

Baum: Ja. Angst wird instrumentalisiert. Diejenigen, die mit der „Lust am antizipierten Ausnahmezustand“ Politik machen, sind dann auch die selbsternannten Retter, die verschweigen, dass sie das Risiko allenfalls mindern, aber nicht beseitigen können.

Herr Baum, die neue Regierung aus FDP und Union will die Online-Durchsuchung erschweren und die Vorratsdatenspeicherung beschränken – geht Ihnen das weit genug?

Baum: Diese Absichten sind gut. Man wird sehen, wie konkret die Umsetzung sein wird. Im übrigen: nicht nur im Sicherheitsbereich, z.B. auch im Sozialbereich sind Grundrechte gefährdet.

Sie haben ja auch gegen die Vorratsdatenspeicherung vor dem Verfassungsgericht geklagt. Worin besteht denn die konkrete Grundrechtsgefahr bei der Vorratsdatenspeicherung? Werden Sie an Ihrer Beschwerde gegen das BKA-Gesetz festhalten?

Baum: Die Speicherung aller Kommunikationsdaten aller Büger ist ein nicht gerechtfertigter Grundrechtseingriff. Wir halten an unserer Beschwerde fest. Am 15.12. ist der Termin für die mündliche Verhandlung. Dieses Gesetz ermöglicht eine Rundumüberwachung auch Unbeteiligter in bisher nicht gekannter Intensität durch eine Art deutsches FBI. Der Schutz des Kernbereichs privater Lebensgestaltung ist unzureichend. Berufsgeheimnisträger wie Ärzte und Journalisten sind unzureichend geschützt.

Wieso reagieren die Bürger so verhalten, oder sogar gar nicht auf diese Einschnitte in Ihre Grundrechte?

Baum: Das ist mir ein Rätsel. Allerdings haben die Bespitzelungen in großen deutschen Firmen mobilisiert, ebenso das Gesetz, mit dem angeblich Kinderpornographie bekämpft werden soll. Der digitale Wandel darf nicht zu Internetzensur missbraucht werden – das geschieht hier. Die Piratenpartei ist die Antwort darauf.

Vermissen Sie einen Aufschrei bei der FDP? Dem erweiterten Lauschangriff hat sie auch zugestimmt…

Baum: Warten Sie mal ab, wie die neue Justizministerin, die ja auch aus Überzeugung aus diesem Amt schon einmal zurückgetreten ist, ihre Vorstellungen umsetzt. Lauschangriff und Online-Durchsuchung werden im FDP-Programm abgelehnt.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Die Ursachen des Terrors bekämpfen

Dezember 9, 2009 · 3 Kommentare

Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland und Direktor des Zentrums für Europäische Studien an der IDC-Privatuniversität Herzliya, erklärt im Gespräch mit Eren Güvercin, wie dem islamischen Extremismus am effektivsten der Nährboden entzogen werden kann.

Herr Primor, in Ihrem Buch „Mit dem Islam gegen den Terror“ werben Sie dafür, den Krieg gegen den Terror gemeinsam mit den Muslimen zu führen. Wie soll das konkret aussehen?

Avi Primor: Erstens müssen wir verstehen, dass wenn wir von Islamismus, Fundamentalismus oder Terror sprechen, dies nicht bedeutet, dass das unbedingt mit der islamischen Religion, der islamischen Bevölkerung oder mit islamischen Idealen verbunden ist. Das ist die erste Sache, die wir verstehen müssen, und nicht jeder Mensch versteht das heute. Zweitens muss man verstehen, woher das kommt. Warum gibt es diesen Terror?

Natürlich existieren solche Fundamentalisten und Terroristen, die man überhaupt nicht überzeugen kann. Aber es gibt auch Menschen, die sich dem Terror anschließen, weil sie hoffnungslos und frustriert sind, weil sie keine Aussicht haben und deshalb falschen Propheten folgen. Man muss daher sehen, wie man das Problem der Bevölkerung lösen kann, weil die Bevölkerung letzten Endes der Nährboden der Terroristen ist, selbst wenn die Bevölkerung nicht den Terror unterstützt und diesen ablehnt.

Avi Primor: "Erst durch eine umfassende Lösung der Probleme der Zivilbevölkerung in der islamischen Welt können Terroristen isoliert und damit effizienter bekämpft werden"

Avi Primor: "Erst durch eine umfassende Lösung der Probleme der Zivilbevölkerung in der islamischen Welt können Terroristen isoliert und damit effizienter bekämpft werden"

Könnte man nicht gemeinsam mit muslimischen Geistlichen oder anderen Repräsentanten gemeinsam diesen Terror bekämpfen?

Primor: Ich glaube, dass man den Terror nicht nur mit muslimischen Geistlichen bekämpfen kann, sondern auch mit den meisten muslimischen Politikern, Schriftstellern, Denkern sowie solchen Personen, die Einfluss auf die Bevölkerung haben.

Man muss jedoch grundsätzlich erkennen, dass die Bevölkerung ein Problem hat. Die islamische Bevölkerung leidet seit geraumer Zeit an einem Gefühl der Demütigung, das nicht erst seit heute existiert. Es stammt aus dem 16. Jahrhundert, aber vor allem aus dem 19. und 20. Jahrhundert – die Jahrhunderte des Kolonialismus.

Darüber hinaus leidet der größte Teil dieser Bevölkerung unter schwierigen Lebensbedingungen, sie lebt im Elend. Und wenn diese Menschen keine Perspektive haben, dann bilden sie einen Nährboden für die Terroristen. Man kann diese Probleme nur dadurch lösen, indem man sich mit der Bevölkerung beschäftigt, und nicht nur ausschließlich gezielt mit den Terroristen, wie man es heute macht.

Man muss versuchen, die Probleme der Bevölkerung zu lösen, oder ihr zumindest Hoffnung geben – das ist das Wichtigste. Wenn die Leute Hoffnung schöpfen, selbst wenn sich ihre Lebensbedingungen nicht geändert haben, wenn sie wissen, dass eine Verbesserung irgendwann eintritt, dann wird eine völlig andere Situation eintreten.

Sie werden wegen Ihrer Auffassungen allerdings von einigen Experten kritisiert und mitunter als blauäugig oder naiv bezeichnet. Vereinfachen Sie die Situation denn nicht etwas?

Primor: Ich möchte gerne erfahren, was meine Kritiker eigentlich im Sinn haben. Wie wollen sie denn das Problem lösen? Glauben sie wirklich, dass wenn sie die Terroristen besiegen, das Problem damit gelöst ist? Was diesen Lösungsweg angeht, so haben wir ja inzwischen genügend Erfahrung bei der Bekämpfung von Terroristen gemacht.

Israel ist das Land, das die effizientesten Methoden im Kampf gegen den Terrorismus angewandt hat. Nur können wir diesen Krieg nie gewinnen. Wir bekämpfen Terroristen, verhaften und besiegen sie – doch es kommen immer wieder neue nach. Warum? Weil wir die grundsätzlichen Probleme der Bevölkerung nicht lösen. Dadurch haben wir rein gar nichts gewonnen. Es ist nicht eine Frage der Blauäugigkeit, sondern der Effizienz. Erst durch die Beseitigung des Elends der Zivilbevölkerung können die Terroristen isoliert und damit effizienter bekämpft werden.

Sie gehen in Ihrem Buch auch auf die historische Entwicklung des Fundamentalismus ein. Sie schildern die Entstehung des Wahabismus und bestimmter Ausformungen des Islams. Was ist das ideologische Fundament der heutigen terroristischen Gruppen?

Primor: Im Grunde genommen handelt es sich dabei um eine Theorie. Die Leute glauben, dass sie die absolute Wahrheit besitzen, dass nur ihre Religion richtig ist und sie das Ziel und auch die Pflicht haben, die anderen davon zu überzeugen oder zu zwingen, sich ihrer „wahren Religion“ anzuschließen. Und wenn das nicht mit Überzeugungsarbeit geht, dann mit Gewalt. Wenn man diesen Gedanken weiter verfolgt, kommt man schließlich auf Al-Qaida.

Wie schätzen Sie die gegenwärtige Entwicklung im Nahostkonflikt ein? Sollte Israel mit der Hamas sprechen? Vor einigen Monaten ist die Hamas gegen einen Ableger der Al-Qaida im Gazastreifen massiv vorgegangen. Könnte ein politischer Prozess, an dem die Hamas auch beteiligt ist, die Organisation wirklich verändern?

Primor: Das ist sehr interessant, was sich zwischen der Hamas und Al-Qaida abgespielt hat. Warum? Die Hamas ist zwar genauso extremistisch, fundamentalistisch und fanatisch eingestellt. Aber der Unterschied zwischen der Hamas und Al-Qaida besteht darin, dass die Hamas letzten Endes doch eine nationale, palästinensische Bewegung darstellt. Sie will nicht global wie Al-Qaida agieren.

Und weil die Hamas heute eine Regierung stellt, die eine Bevölkerung zu versorgen hat, die über ein eigenes Territorium verfügt, hat sie auch Interessen, so wie alle Nationen und Regierungen auch. Wenn man diese Interessen in Betracht zieht, dann kann man vielleicht einen gemeinsamen Nenner finden. Das haben wir mit der Hamas in der Vergangenheit schon mehrfach erreicht, aber das waren sehr gezielte Angelegenheiten. Zum Beispiel haben wir den Abzug aus dem Gazastreifen hinter den Kulissen mit der Hamas ausgehandelt, also im Einklang mit der Hamas und im Einverständnis beider Seiten.

Während die Fatah das Westjordanland kontrolliert, herrscht die radikal-islamische Hamas seit einem blutigen Putsch vom Juni 2007 im Gazastreifen. Beide Regierungen erkennen sich gegenseitig nicht an. Ich glaube aber nicht, dass wir heute im Stande sind – oder Interesse daran hätten -, mit der Hamas zu verhandeln. Ich glaube, der erste Schritt, die Hamas tatsächlich am politischen Prozess zu beteiligen, muss darin bestehen, dass sich die beiden Kontrahenten, das heißt die palästinensische Regierung in Ramallah und die Fatah-Bewegung einerseits und die Hamas im Gaza andererseits, aufeinander zu bewegen, damit sie einen gemeinsamen Nenner finden können, der dann auch Verhandlungen mit Israel eher ermöglichen könnte.

Diese Dinge müssen sich schrittweise entwickeln. Aber irgendwann muss es soweit sein, weil uns mit der Hamas nur zwei Möglichkeiten offen bleiben: Entweder beseitigen wir die Hamas oder aber wir müssen irgendeinen Kompromiss mit der Hamas finden. Beseitigen können wir die Hamas aber nicht.

Könnte die islamisch-konservative AKP-Regierung in der Türkei ein Vorbild auch für die arabische Welt sein, da sie versucht, einerseits demokratische Reformen durchzusetzen, andererseits ihre islamische Identität zu bewahren scheint?

Primor: Wenn Sie sich mit der modernen Geschichte der Türkei beschäftigen, dann ist es nicht so einfach, die Türkei zum Vorbild für andere Staaten zu erklären. Zunächst wollten die Modernisierer die Religion wenn nicht ganz beseitigen, so doch komplett vom Staat trennen. Wie wir heute feststellen können, ist ihnen das nicht ganz gelungen. Die Religion kehrt inzwischen wieder zurück, und heute haben wir es mit einer Regierung zu tun, die sich zum Islam bekennt und von der man nicht genau weiß, wohin sie mit ihrer Religion steuert.

Ich glaube daher, dass die Araber kein Vorbild benötigen. Sie müssen schlicht und einfach in die Entwicklung ihrer Länder investieren, vor allem in die Bildung. Und wenn ich von Erziehung spreche, dann meine ich moderne Formen der Erziehung und nicht die Erziehung der „Madrasas“, wie das etwa in Ländern wie Pakistan der Fall ist.

Interview: Eren Güvercin

http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-468/_nr-1279/i.html

© Qantara.de 2009

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„Die Kombination aus Lobbyismus und systematischer Meinungsmache gefährdet die Demokratie“

Dezember 6, 2009 · 12 Kommentare

Albrecht Müller ist als Journalist, Autor sowie Politik- und Unternehmensberater tätig. Gemeinsam mit Wolfgang Lieb betreibt er den politischen Weblog „NachDenkSeiten“ – eine der populärsten Politik-Blogs Deutschlands. Außerdem veröffentlichte Müller Bücher wie „Die Reformlüge“ (2004), „Machtwahn“ (2006) und zuletzt „Meinungsmache“ (2009), in denen er die politischen Entwicklungen der Republik kritisch analysiert.

In seinem neuen Buch "Meinungsmache" schreibt Albrecht Müller, wie Wirtschaft Politik und Medien den Menschen das Denken abgewöhnen wollen.

In seinem neuen Buch "Meinungsmache" schreibt Albrecht Müller, wie Wirtschaft, Politik und Medien den Menschen das Denken abgewöhnen wollen.

Wie und von wem wird die öffentliche Meinung manipuliert? Können Sie es an einem Beispiel erläutern?

Albrecht Müller: Es gibt viele Beispiele. In meinem Buch „Meinungsmache“ sind Dutzende beschrieben und dokumentiert. – Die teuerste und aktuellste Manipulation hat uns alle zu Gefangenen der Finanzindustrie und der dort tätigen Spekulanten gemacht: Die Spitzen der Finanzindustrie und die Bundeskanzlerin haben uns immer wieder erzählt, die Finanzkrise komme aus den USA; der ehemalige Finanzminister Steinbrück sprach sogar davon, sie habe ihn wie ein Springinsfeldteufel angesprungen.

Stimmt das nicht?

Das war frei erfunden. Schon in den neunziger Jahren wackelten Banken bei uns. Im Februar 2003 trafen sich die Spitzen der Bundesregierung und der Finanzwirtschaft zu Beratungen über eine so genannte Bad Bank, in die faule Forderungen ausgelagert werden sollten. Dies alles wurde mit dem Hinweis, die Krise sei aus den USA über uns gekommen, wegmanipuliert. Damit waren die bei uns Verantwortlichen von Mittätern zu Unschuldslämmern geworden und wir glaubten ihnen dann auch noch, jede Bank in Deutschland sei „systemrelevant“. So konnten sie auf unsere Kosten einen Bankenrettungsschirm von 480 Milliarden € aufspannen. Noch unsere Enkel werden für diese Manipulation zahlen müssen.

Sind die Banken nicht alle systemrelevant? Der Zusammenbruch von Lehman Brothers deutet doch darauf hin?

Das hat einige Banken, Versicherungen und andere Anleger viel Geld gekostet, manchen einzelnen Personen auch ihr gesamtes Angespartes. Aber: wo ist denn dabei das System zusammengebrochen? So traurig der Verlust für manche ist, es kann nicht Aufgabe der Allgemeinheit sein, dafür zu zahlen, dass sich Einzelne von Banken und Finanzdienstleistern Lehmann-Zertifikate haben aufschwätzen lassen.

Auch die private Industriekreditbank (IKB) in Düsseldorf, für die der Staat rund 8 Milliarden € gezahlt hat, um sie dann hinterher für lächerliche 150 Millionen an die amerikanische Finanzgruppe Lonestar zu verkaufen, war nicht systemrelevant. Im übrigen sehen Sie an diesem Fall auch, dass auch im Kleinen manipuliert wird: Die IKB wurde in der Öffentlichkeit systematisch und immer wieder als „öffentliche“ Bank dargestellt, obwohl sie privat war und die Spitzen der deutschen Wirtschaft in ihrem Aufsichtsrat saßen. Deshalb wurde sie auch mit Staatsgeld gerettet. Um unseren Spitzenmanagern eine Blamage zu ersparen.

Auch die bisher teuerste Rettungsaktion, die schon über 80 Milliarden an staatlichen Leistungen zur Rettung der Hypo Real Estate, der HRE, in München, kann nicht mit Systemrelevanz begründet werden. Aus der Liste der Gläubiger der HRE, die wir gerettet haben, geht hervor: über 40 Milliarden deutscher staatlicher Gelder des Bankenrettungsfonds flossen an ausländische Anleger; die anderen Milliarden dann in vielen einzelnen Beträgen im Millionen- und im kleinen Milliardenbereich an inländische Gläubiger. Die Beträge zeigen, dass man kaum davon sprechen kann, dass unser System zusammengebrochen wäre, wenn der Bund nicht eingesprungen wäre: mit rund 2 Milliarden haben wir die Deutsche Bank vor Verlusten bewahrt. Sie wäre nicht eingegangen, wenn sie und nicht wir diesen Verlust hätten tragen müssen. Die HRE stand mit über 2 Milliarden bei der Bayerischen Landesbank in der Kreide, mit 190 Million bei der katholischen Kirche, mit 35 bei der Stadt Frankfurt, mit 418 Millionen bei der Stadt München, mit 147 Millionen beim WDR. Das sind fünf Beispiele aus einer langen, von der Deutschen Bundesbank zusammen gestellten Liste, die der Tagesspiegel am 13. September 2009 veröffentlichte. Keiner dieser Gläubiger wäre zusammengebrochen, wenn der Staat nicht die Schulden der HRE übernommen hätte.

In Deutschland hat man übrigens auch nicht einmal im Ansatz und ernsthaft darüber nachgedacht, wie man einzelne Banken in die Insolvenz begleitet und begleiten könnte, um dabei die Mehrheit der kleineren Gläubiger einigermaßen glimpflich davonkommen zu lassen und gleichzeitig die dort Beschäftigten aufzufangen, so weit es geht. In den USA werden solche Vorschläge diskutiert – den Vorschlag von Professor James Galbraith haben wir in den NachDenkSeiten präsentiert. Aber eine wirklich öffentliche Diskussion gab es nicht. Die war in der professionell gut gemachten Kampagne schlicht wegmanipuliert.

Wer steuert diese Kampagnen?

Das ist kein Geheimnis. Im konkreten Fall gab es ein gemeinsames Interesse von Finanzwirtschaft und den politisch Verantwortlichen, die Wahrheit unter der Decke zu halten. Für die Finanzwirtschaft, für die Banken und Versicherungen und Finanzdienstleister, ist es ausgesprochen angenehm, wenn die Öffentlichkeit die Wettschulden bezahlt und für die Verluste aus Spekulationsgeschäften aufkommt. Da die politisch Verantwortlichen die riskanten Geschäfte durch Änderung der Regeln und vor allem durch Deregulierung erleichtert hatten, saßen sie mit im Boot. Also hatten auch sie, namentlich der frühere Finanzminister Steinbrück und sein Staatssekretär Asmussen (SPD) wie auch die Bundeskanzlerin (CDU) ein großes Interesse daran, die Banken und Versicherungen und all die andern Großanleger mit unserem Geld zu retten.

Albrecht Müller Meinungsmache - Wie Wirtschaft Politik und Medien uns das Denken abgewöhnen wollen 448 Seiten EUR (D) 19,95 ISBN 978-3-426-27458-3

Albrecht Müller, Meinungsmache Wie Wirtschaft Politik und Medien uns das Denken abgewöhnen wollen, 448 Seiten, EUR (D) 19,95, ISBN 978-3-426-27458-3

Ist die hier erkennbare Steuerung der Meinungs- und Entscheidungsbildung kein Einzelfall?

Nein. Bei einer anderen und ebenso eindrucksvollen Manipulation liegen die Steuerung und das dahinter steckende finanzielle Interesse offen zu Tage: Seit über 10 Jahren läuft die totale Manipulation beim Themenkomplex „Demographie und Rente“. Die Versicherungskonzerne, die Finanzdienstleister und die Banken haben sich offensichtlich schon in den neunziger Jahren ausgerechnet: Wenn es ihnen gelingt, auch nur 10 % der bisherigen Rentenversicherungsbeiträge von der staatlichen gesetzlichen Rente auf die Privatvorsorge, also auf Lebensversicherungen und andere Sparformen umzuleiten, dann erreichen sie einen Umsatzzuwachs von ungefähr 15 Milliarden €. Das ist hoch attraktiv und versprach riesige Gewinne. Also haben sie sich eine Kampagne mit einer doppelten Botschaft ausgedacht: Die gesetzliche Rente reicht nicht mehr, jetzt hilft nur noch Privatvorsorge.

Diese Botschaften haben sie mit einem Riesenaufwand für Werbung und Public Relations unter die Leute gebracht. Schon beim Wahlkampf 1998 waren wir fast täglich von ganzseitigen schwarz-grünen Anzeigen der Versicherungen und Banken konfrontiert. Später gab es dann unentwegt Serien in der Bild-Zeitung und in nahezu allen anderen Medien. Die Bild-Zeitung hat mit der Allianz Versicherungs AG direkt zusammengearbeitet. Redaktionelle Beiträge wurden reihenweise von der Lobby der Versicherungswirtschaft geschrieben und bebildert. Das Vertrauen in die gesetzliche Rente wurde systematisch zerstört, erstens durch Propaganda und zweitens durch politische Entscheidungen, die die Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Rente systematisch verringerte, und damit wieder die Propaganda glaubwürdiger machte. Der eklatanteste Schachzug ist die Erhöhung des Renteneintrittsalters. Damit wurde den Jüngeren signalisiert: Wenn ihr fürchtet, mit 65 abgearbeitet zu sein und nicht mehr weiter arbeiten zu können, dann müsst ihr einen Abzug von zweimal 3,6 % bei eurer gesetzlichen Rente hinnehmen. Also sorgt bitte privat vor.

Und der Clou vom ganzen: gleichzeitig hat man uns Steuerzahler genötigt, die Privatvorsorge mit Staatsgeld zu fördern, durch Zulagen wie bei der Riester-Rente und durch Steuervergünstigungen wie bei der Rürup- und Riester-Rente. Ein Meisterstück, genauer gesagt mehrere Meisterstücke der Lobby.

Gefährdet der Lobbyismus die Demokratie in Deutschland?

So ist es. Die Kombination aus Lobbyismus und systematischer Meinungsmache ist tödlich. Von demokratischer Willensbildung und demokratischer Entscheidungsfindung kann man nicht mehr sprechen, wenn die entscheidenden Meinungsbildungsprozesse und damit die Entscheidungen von denen bestimmt werden, die über viel Geld und publizistische Macht verfügen. Dann herrschen die großen Interessen und die Oberschicht. Und den Satz, alle Gewalt gehe vom Volke aus, können wir schlicht begraben.

Früher hatte man in Deutschland Medien, die diese Art von Meinungsmache kritisch begleitet hat. Diese sind aber geschrumpft. Woran liegt das? Sind Journalisten zu unkritisch geworden?

Früher war nicht alles besser. Das sei vorweg klargestellt. Aber wir hatten schon bessere Zeiten, was unsere Medien betrifft. Wir hatten mehr Pluralität; jetzt haben wir es in vielen Regionen nur noch mit einer einzigen Zeitung zu tun. Oft besitzen die gleichen Medienkonzerne auch noch den Hörfunk in der Region oder sogar lokales Fernsehen. – Dann werden wir anders als noch vor 25 Jahren von unzähligen Fernsehprogrammen und noch dazu kommerziellen Programmen überflutet. Viele Menschen sind damit ausreichend beschäftigt und interessieren sich nicht mehr für Politik. Was man kritisches Bürgertum nennen könnte, ist geschrumpft. Hinzu kommt ein Schrumpfungsprozess bei ehedem kritischen Medien. Die gibt es fast nicht mehr. Der Spiegel zum Beispiel ist heute über weite Strecken ein Teil des Kampagnenjournalismus. Dort ist die Propaganda für die neoliberalen – so genannten – Reformen massiv gelaufen. Auch andere Medien wie etwa die Süddeutsche Zeitung oder Die Zeit haben an kritischem Biss eingebüßt. Die Fähigkeit zur Kritik, die Fähigkeit zum Zweifel ist aber wichtig, um gute politische Entscheidungen zu erreichen. Wenn Kritik ausfällt, dann können die Herrschenden machen, was sie wollen. Das ist dann nicht nur der Tod der Demokratie, sondern auch der Tod der Vernunft.

Sie sagen, dass die Sanktionierung in Deutschland nicht mehr funktioniert, gerade im Hinblick auf die Finanzkrise. Wer uns schade, müsse nicht mit Strafe rechnen, wenn er nur die Meinungsmache zu seinen Gunsten organisiere. Sie beklagen das Fehlen von demokratischen Verhältnissen. Übertreiben Sie da nicht?

Sind Angela Merkel, der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück und sein Staatssekretär Asmussen dafür bestraft worden, dass wir mit Milliarden zusätzlichen Schulden für die Wettschulden unserer Banken und anderer Anleger bezahlen müssen? Im Gegenteil. Angela Merkel ist wieder zur Bundeskanzlerin gewählt worden. Sie hat vor der Wahl schon erklärt, dass sie Peer Steinbrück nach dessen verlorener Wahl einen guten Job besorgen will, jedenfalls ihm das gönnt. Und seinen Staatssekretär von der SPD, der wesentlich an der Entstehung des Finanzkasinobetriebs in Deutschland beteiligt war, hat Angela Merkel persönlich dem christdemokratischen Finanzminister Schäuble zur Weiterbeschäftigung empfohlen.

Auch in anderen Bereichen funktioniert die Sanktionierung nicht. Nehmen Sie das Beispiel Konjunkturprogramme. Jahrelang haben uns die rechts-konservativen und neoliberalen Kräfte in Deutschland und auch schon Rot und Grün erzählt, Konjunkturprogramme seien Strohfeuer, Keynes sei out. Deshalb hat Deutschland auf die Ankurbelung der Binnenkonjunktur spätestens seit 1992 verzichtet. Deshalb ist viel möglicher Wohlstand nicht geschaffen worden, deshalb sind Millionen von Menschen arbeitslos geworden und darüber in Verzweiflung geraten, deshalb sind 100 tausende gewerblicher Existenzen in den Konkurs getrieben worden, deshalb sind die Staatsschulden viel mehr gestiegen, als nötig gewesen wäre. – im Herbst 2008 hat man dann erkannt, dass man doch Konjunkturprogramme braucht und dass „Keynes in“ ist. So ließen sich die Leute verlauten, die vorher noch das Gegenteil behauptet haben. Aber sie wurden für diese Wetterwendigkeit nicht bestraft. Das Ganze wurde mit einem neuen Schwung an Meinungsmache überlagert. Wenn Sie meinen, ich würde übertreiben, dann müsste ich Ihnen noch ein paar Dutzend anderer Beispiele nennen. Oder sie müssen sich einfach mein Buch anschauen.

Können zum Beispiel Rechtsradikale politisches Kapital aus dieser Situation schlagen?

Sie könnten daraus Kapital schlagen. Wenn es bei uns einen so smarten Typ wie Jörg Haider gäbe, dann würde das nach österreichischem Modell vermutlich auch hierzulande funktionieren.

Sie betreiben das Blog NachDenkSeiten. Kann man gerade durch kritische Blogs etwas gegen diese Meinungsmache unternehmen? Was können wir sonst noch dagegen tun?

Wir versuchen ein Stück Gegenöffentlichkeit zum herrschenden großen Strom der Meinungen aufzubauen. Das zielt nicht auf die Journalisten. Die hätten wir gerne als Partner. Viele sehen das schon heute so. Sie sind selbst Opfer der Medienkonzentration und ihrer Kommerzialisierung.

Wir überschätzen unsere NachDenkSeiten nicht. Wir sind ein Kleinbetrieb, nicht vergleichbar den großen Medienkonzernen wie Bertelsmann oder Springer. Aber wir fühlen uns ein bisschen wie David gegen Goliath und haben vor allem die Unterstützung von vermutlich inzwischen einigen 100 tausend, wenn nicht sogar von Millionen von Menschen. Im Monat wird unsere Internetseite über 5 Millionen Mal angeklickt.

Die besondere Wirksamkeit der NachDenkSeiten wie auch meiner Bücher beruht darauf, dass wir unseren Lesern helfen, wieder zweifeln zu lernen. Wir sägen sozusagen am Stamm der Glaubwürdigkeit jener, die uns heute im großen Strom der Meinungsmache ihr Heil verkünden. Wer einmal gelernt hat, dass er von den herrschenden Kreisen in Politik und Medien oft belogen wird, der wird immun. Mehr und mehr Menschen zu helfen, immun zu werden gegen die tägliche Manipulation, das ist unser Ziel. Wir streiten für Gedankenfreiheit. Deshalb wird unsere Arbeit von vielen Menschen mit hoher Sympathie begleitet.

Herr Müller, vielen Dank für das Gespräch.

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Gebeugt vor Gott

November 25, 2009 · 1 Kommentar

Ahmad Milad Karimi hat den Koran neu ins Deutsche übersetzt. Augenmerk lag auf der poetischen Dimension der heiligen Schrift des Islam.

Herr Karimi, es gibt ja mehrere Übersetzungen des Koran ins Deutsche, etwa von Paret oder Khoury. Welchen Sinn kann eine neue Übersetzung ins Deutsche haben? Was unterscheidet Ihre Übersetzung von den anderen?

Ahmad Milad Karimi: Zunächst muss man sagen, dass jede Zeit ihre neue Übersetzung braucht. Das ist grundsätzlich festzuhalten. Auf der anderen Seite hat meine Übersetzung im Unterschied zu den schon vorhandenen Übersetzungen, die philologisch sehr genau sind, das erklärte Ziel auch die Form des Koran in die deutsche Sprache zu vermitteln, sozusagen darauf hin zu schauen, in welcher Form der koranische Text oder die koranische Botschaft vorgetragen ist.

Karimi: "Der Koran ist nicht Koran im echten Sinne, wenn er auf dem Bücherregal liegt, sondern erst dann, wenn er vorgetragen wird."

Karimi: "Der Koran ist nicht Koran im echten Sinne, wenn er auf dem Bücherregal liegt, sondern erst dann, wenn er vorgetragen wird."

Sie haben in Ihrer Übersetzung darauf Wert gelegt, das Poetische und Atmosphärische des Korans in den Vordergrund zu stellen. Wie ist das Ihnen gelungen? Wie sind Sie vorgegangen bei der Übersetzung?

Ich habe hörend übersetzt, so dass ich mir die einzelnen Verse immer wieder angehört habe, um überhaupt in die Atmosphäre hineinzukommen, und dann habe ich versucht den Rhythmus herauszufinden, und dann habe ich versucht rhythmisch und so fern es ging auch in Reimformen, die einzelnen Verse zu übersetzen, in dem ich auch versucht habe, die Wortstellung nachzuahmen. Das heißt, wenn Adjektive im Arabischen nachgestellt sind, habe ich soweit es ging das ins Deutsche ebenso übertragen.

Das mag merkwürdig klingen, aber das hat auch einen theologischen Sinn. Der Koran ist voller Spannungen. Wenn da z.B. gesagt ist: „Leite uns recht auf dem geraden Weg“, dann ist dieser Satz unglaublich langweilig. Der Satz hat keine Spannung, kein Reiz. Aber wenn sie den Satz auf arabisch hören, dann würde es so heißen: „Leite uns recht auf dem Weg, den Geraden.“ Man hat also eine Situation von Sprecher und Zuhörer, der erst mal hört, „leite uns recht auf dem Weg“, und dann ist eine Atempause, und dann „dem Weg, dem Geraden“. In dieser Form versuche ich, dem Poetischen gerecht zu werden.

Sie sagen, dass der Koran kein Lesebuch sei. Was meinen Sie damit?

Der Koran ist eigentlich etwas vorzutragendes, zu singendes, zu hörendes. So wurde der Koran auch offenbart. Der Koran ist nicht Koran im echten Sinne, wenn er auf dem Bücherregal liegt, sondern erst dann, wenn er vorgetragen wird. In diesem Augenblick ereignet sich die Gegenwart Gottes. Es ist der Gott, der durch mich hindurch spricht. Und dieser Augenblick ist der Augenblick der Offenbarung. Die Muslime rezitieren deswegen den Koran gerne, weil sie nichts anderes machen, als sich diese eigene Offenbarungssituation zu vergegenwärtigen, so dass der Koran immer ewig bleibt.

Wie alt waren Sie, als Sie den Koran lesen lernten?

Als sechsjähriger habe ich in Afghanistan in einer Moschee, in einer Koranschule bewusst den Korangesang kennen gelernt.

Wie wurde es vermittelt? Bei Koranschulen denken viele Menschen an etwas anderes, als dass Kinder dort den Korangesang lernen…

Das ist eigentlich sehr witzig, während heute die Koranschulen in Verruf geraten sind, muss man wirklich darauf hinweisen, dass diese Schulen eigentlich etwas ganz anderes wollen. Sie wollen gar nicht den Inhalt vermitteln. Das ist gar nicht deren Aufgabe. Sie müssen sich das so vorstellen, als wäre das im profanen Sinne eine Art Gesangsunterricht. Man geht hin, man fragt nicht, was bedeutet dieser Vers, sondern man lernt erstmal Singen.

Das ist Tajwid, das ist die Lehre der Schönmachung. Deswegen ist es auch so, dass der Imam oder der Lehrer vorträgt, und alle sprechen nach. Und wenn jemand etwas falsch gemacht hat, müssen es alle wiederholen, wie in einem Chor. Genau so haben wir erst einmal dort den Korangesang gelernt, um dann später im Religionsunterricht den Inhalt vermittelt zu bekommen. Zunächst ging es überhaupt nicht um den Inhalt.

Viele Muslime rezitieren den Koran, ohne dass sie ein Wort Arabisch können. Wie können diese Gläubigen denn Zugang zu der koranischen Offenbarung haben?

Das ist doch eigentümlich, was sie hier ansprechen, nicht wahr? Die meisten Muslime heute in der ganzen Welt, die Mehrheit der Muslime sind der arabischen Sprache nicht mächtig, und dennoch werden sie nicht nur von der Stunde ihrer Geburt bis zum Tode vom Koran begleitet, sondern sie sind gerührt und berührt vom Koran. Ja, warum? Deshalb, weil der Wundercharakter des Koran zunächst nicht darin liegt, was dort steht, wie merkwürdig das auch klingen mag, sondern es ist das Koranische, das Bewegende.

Wenn sie so wollen, der Islam ist eine ganz eigenwillige Weltreligion, der seine Wurzel, sein Fundament in der Poesie und Ästhetik hat. Das kann keine wirkliche Weltreligion für sich in Anspruch nehmen. Wenn sie dies im Kopf haben, und all die Bilder, die wir heute vom Islam vermittelt bekommen, dann hat man einen krassen Widerspruch. Wie kann eine so gewalttätige, Frauen unterdrückende Religion, eine so inhumane und nicht aufgeklärte Religion überhaupt mit Poesie in Verbindung gebracht werden? Islam heißt nicht Friede im Sinne von passiv sein, sondern aktiv, und zwar aktiv und beweglich in einem poetischen Sinne. So verstehe ich den Islam und versuche für einen modernen Islam durch meine Übersetzung auch gerade in der deutschen Gesellschaft, gerade für die, die kein Arabisch können, ein Art Schattenwerk darzulegen, das gemeinsam mit dem eigentlichen Koran die moderne Gesellschaft mitgestaltet.

Was für eine Rolle kann überhaupt eine Koranübersetzung beim besseren Verständnis des Islam spielen?

Karimi: Die türkischen Mitbürger etwa lesen den Koran auf arabisch. Was machen sie, wenn sie in der Schule sind? Wie können sie über Religion reden, oder über diese Ästhetik und Poesie des Koran? Sie können das gar nicht, weil sie das gar nicht vermitteln können. Mein Versuch ist es, dass sie durch diese Übersetzung darüber reden können. Das ist nicht adäquat, aber sie können darauf hinweisen, schau mal, so kann sich das anhören. Das heißt keine Parallelwelt mehr weiterführen, sondern versuchen die Parallele zu durchbrechen, in dem sie ihnen sozusagen durch die deutsche Sprache hindurch, die sehr kraftvoll und schön sein kann, die reine Religiosität selbst verstehen und vermitteln können.

Es gibt ja Passagen oder bestimmte Begriffe, über die immer diskutiert wird, die oft als problematisch gesehen werden. Wie sind Sie mit diesen Stellen umgegangen?

Karimi: Es ist eigentlich eine ganz eigentümliche Sache, weil ich nichts anderes gemacht habe, als philologisch genau zu sein. Philologisch genau bedeutet, genau hin zu schauen, was da steht, wie zum Beispiel – es ist auch verblüffend für mich selbst – das Wort „die Ungläubigen“ kommt als Substantiv im Koran nicht einmal vor, wie auch der Begriff „Heiliger Krieg“.

Waren die bisherigen Übersetzungen in diesem Punkt dann falsch oder zu ungenau?

Auf der einen Seite tendenziös, und auf der anderen Seite vielleicht auch bestimmt durch eine ganz bestimmte Atmosphäre. Wenn Sie gerade die Paretsche, ja bahnbrechende Übersetzung sich anschauen, für Dschihad steht da wirklich der „heilige Krieg“. Er spricht auch von Heiden. Was sollen denn Heiden sein? Oder andere Übersetzungen sprechen von Polytheisten. Man könnte natürlich den Begriff „Heiliger Krieg“ ins Arabische übersetzen, das würde harb ul-makaddas heißen, aber das ist in keiner Weise Dschihad.

Ich habe keinen etwa Koranlight zusammengestellt, ohne Prügelverse und so, sondern ich habe genau hingeschaut, was da steht. Wäre der Koran eine Art Werkzeugkasten, so dass man Instrumente daraus nehmen könnte, was man gerade braucht, dann schon. Man kann so den Koran interpretieren und politisieren, aber nur dann wenn man den Koran nicht poetisch-ästhetisch versteht.

Wie können dann bestimmte Ideologien, die es ja unter den Muslimen gibt, ihre gewalttätige und unterdrückende Gesinnung durch Verweise auf den Koran stützen?

Das machen die meisterhaft. Gerade weil der Koran offen ist, gerade weil der Koran Begrifflichkeiten verwendet, die mehrdeutig sind, kann man daraus sehr viel machen. Man kann jedes Werk, wenn ich das so sagen kann, pervertieren. Das wurde in der Geschichte oft genug gemacht. Man hat auch im Namen der Bibel und des Kreuzes Kriege geführt, wohl gemeint für eine Religion der Liebe. Wenn die Einstellung politisch ist, dann ist schon Vorsicht geboten. Der Koran ist kein Politikum. Der Koran ist auch kein Gesetzbuch.

Nur acht Prozent der Verse kann man rechtlich relevant deuten. Diese sind aber auch sehr offen und wiederholend. Was sind 92 Prozent sonst? Das sind Geschichten, Allegorien, das sind Sprachbilder, Metaphern und philosophische Gedanken, theologische Gedanken, Religionsgespräche. Also ganz wunderbare Sachen, die man auch alltäglich rezitieren und genießen kann.

Was die Ideologen machen, ist sehr gravierend. Sie erheben den Anspruch, genau zu wissen, was im Koran steht. Das ist der Fehler, und das ist ein islamischer Fehler. Denn man darf nicht Schirk betreiben, also nicht neben Gott etwas anderes stellen. Und wenn man sicheres Wissen behauptet, dann behauptet man ein Wissen, was nichts neben sich sein lässt. Die spielen Gott, und verfehlen ihre Religiosität darin, dass sie genau zu wissen meinen, was da steht, und was Gott von einem will. Es ist gerade koranisch, nichts zu sagen ohne Vorbehalt. Deswegen sagen wir Muslime immer Inscha’allah, wenn Gott will. Nichts geschieht, kein Blatt rührt sich, wenn nicht Gott will, aber auch mein Verständnis vom Koran und vom Islam. Allein schon ob es den einen Gott gibt: Inscha’allah gibt es den einen Gott. Denn zu meinen, ich weiß etwas sicher wie Gott selbst, dann habe ich mich neben Gott gestellt. Der Islam ist nicht ohne Grund eine Religion der Bescheidenheit. Der Muslim ist gebeugt, gebeugt vor Gott. Das finde ich schön.

http://www.freitag.de/kultur/0946-koran-uebersetzung-interview

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„Ich greife den Papst an, weil der die Aufklärung angreift“

November 16, 2009 · 1 Kommentar

Herr Posener, warum hassen Sie die Kirche?

Alan Posener: Was für eine schwachsinnige Frage. Ich hasse die Kirche gar nicht. Ich stehe auf dem guten, alten preußischen Standpunkt, dass jeder nach seiner Facon selig werden soll – der Christ, der Muslim, der Jude, der Atheist. Wer mich in Ruhe lässt, den lasse ich in Ruhe.

Sie sind ja bekannt für Ihre Frontalangriffe. In Ihrem neuen Buch „Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft“ greifen Sie den Papst an. Ist Papst Benedikt ein Gegner von Demokratie und Aufklärung? Woran machen Sie es fest?

Posener: Was Frontalangriffe angeht, so sind sie wohl besser als Dolchstöße in den Rücken, meinen Sie nicht auch? Ich greife den Papst an, weil er die Demokratie und plurale Gesellschaft angreift. Er diffamiert sie als „Diktatur des Relativismus“ und fordert nicht nur das Recht, etwa die Homosexualität als „objektive Ordnungsstörung im Aufbau der menschlichen Existenz“ zu verurteilen, sondern eine Art Wächterrat, der die Entscheidungen des demokratischen Staates auf ihre Übereinstimmung mit der Moral überprüfen soll – eine Forderung, bei der er sich mit den Pius-Brüdern und den Teheraner Mullahs einig weiß. Ich greife den Papst an, weil er die Aufklärung angreift. Er sieht den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, wie es Kant formulierte, als Verfallserscheinung an und fordert die „Reinigung der Vernunft“ durch den Glauben – was wiederum bedeutet: ich, Ratzinger, entscheide, was vernünftig ist und was nicht. Um es klar zu sagen: ich habe nichts dagegen, wenn der Papst sagt: Homosexualität ist eine Sünde. Bittesehr, das sollen die schwulen Katholiken, von denen es gerade in der Priesterschaft jede Menge gibt, mit ihm und ihrem Gewissen ausmachen. Das liegt auf der gleichen Linie wie das Verbot, Schweinefleisch zu essen bei Juden und Muslimen. So lange sie mir nicht verbieten, Schweinebraten und Schinken zu essen, ist es ihr Problem, wenn sie sich den Genuss entgehen lassen. Wenn aber gesagt würde, Schweinefleisch zu essen sei eine „objektive Ordnungsstörung“, dann habe ich ein Problem. Ich habe nichts dagegen, wenn der Papst sagt, wir setzen den Glauben über die Vernunft. Bittesehr, das sollen die mündigen Katholiken mit ihm und ihrem Gewissen ausmachen. Aber wenn er versucht, den Begriff Vernunft selbst so umzudeuten, dass er Glaube bedeutet, dann habe ich ein Problem.

Die Aufhebung der Exkommunizierung der Pius-Brüder und des Holocaust-Leugners Williamson wurden in der Öffentlichkeit als eine Panne des Papstes dargestellt, der in diesem Fall einfach schlecht beraten gewesen sei. War das ein Versehen, oder steht dahinter eine bestimmte Haltung?

Posener: Der Versuch, die Affäre um Williamson und die Pius-Brüder als Panne abzutun, war ein dummer Schachzug der Benedikt-Verteidiger. Denn wenn der Papst nicht weiß, was er tut, ist er als Papst ungeeignet. Ratzinger weiß aber natürlich sehr genau, was er tut. Er war schon als Chef der Glaubenskongregation mit der Frage der Pius-Brüder befasst und kennt ihre Schriften. Um es deutlich zu sagen: die Pius-Bruderschaft ist keine konservative, sondern eine offen reaktionäre Vereinigung, die den kirchlichen Antijudaismus konserviert, die also mehr oder weniger institutionell antisemitisch ist. Die Bruderschaft befürwortet eine Abschaffung des weltlichen Staats und ihre Ersetzung durch eine Theokratie ähnlich der im Iran, die Drogen, Prostitution, Pornographie, Blasphemie, Homosexualität und so weiter verbieten und die Todesstrafe wieder einführen würde. Das weiß Benedikt, und trotzdem betreibt er die Annäherung an diese Leute und kommt ihnen weit entgegen, zum Beispiel mit der Aufwertung der lateinischen Liturgie, deren Abschaffung durch das Zweite Vatikanische Konzil vordergründig zur Abspaltung der Pius-Brüder von der Kirche geführt hat. In Wirklichkeit jedoch passte den Pius-Brüdern die ganze Richtung des Konzils nicht. Und sie passt Benedikt auch nicht.

Von kirchlicher Seite wird Ihnen vorgeworfen, dass Sie einen „atheistischen Fundamentalismus“ vertreten würden, und somit jede andere Einstellung als böswillig hinstellen. Manfred Lütz sagt, dass der Papst ein „brillianter Intellektueller“ sei und den Islam herausfordere. Ist das ein persönlicher Kreuzzug von Ihnen gegen die Kirche? Oder basieren Ihre Analysen auf Dokumente?

Posener: Ich bin zwar getaufter Anglikaner, zugleich aber Atheist, ja. Worin ein „atheistischer Fundamentalismus“ bestehen soll, weiß ich nicht. Auf mich jedenfalls trifft diese Bezeichnung nicht zu. Ich stelle doch nicht jede andere Einstellung als böswillig hin, und wer mir das unterstellt, kennt mich nicht. Ich habe bekanntlich ein Buch über die Jungfrau Maria, die Mutter Jesu, geschrieben, das von allen Katholiken, die ich kenne, mein Freund Manfred Lütz eingeschlossen, gelobt wird – und in dem ich übrigens Joseph Ratzinger zustimmend zitiere. Ich habe nicht den geringsten Grund, einen „Kreuzzug gegen die Katholische Kirche“ zu führen, was ohnehin ein Widerspruch in sich wäre, obwohl wir Anglikaner, wie Sie wissen, seit Heinrich VIII. unsere Probleme mit Rom gehabt haben. Ich greife an keinem Punkt die Kirche als solche an. Meine Analyse der Ansichten und Absichten Benedikts stützt sich mit seinen 274 Anmerkungen auf Reden, Schriften und Interviews von Joseph Ratzinger. Also auf öffentlich zugängliches Material.
Hat sich durch Papst Benedikt der Ton gegenüber den Juden verändert? Es gab ja heftige Kritik auf seine Rede in Ausschwitz…

Posener: Nun ja, es gab auch Lob für diese Rede von jüdischer Seite, zum Beispiel von Henryk M. Broder. Er hat Benedikt dafür gelobt, das er vom „Bösen“ gesprochen hat, was allerdings jeder Christ tut, wenn er das Vaterunser spricht. Und Auschwitz war eben nicht Ausdruck des „Bösen“  schlechthin, sondern einer konkreten Ideologie, der Ideologie des Rassismus und Antisemitismus. Wobei der moderne Antisemitismus seinerseits auf einer zweitausendjährigen antijüdischen Tradition der Christenheit basiert. Davon allerdings hat Benedikt in Auschwitz ebensowenig gesprochen wie von der Schuld des Papstes Pius XII, der zum Holocaust schwieg, oder der Deutschen, die Hitler zur Macht verhalfen. Stattdessen stellte er die Deutschen als Opfer einer „kleinen Schar von Verbrechern“ dar, und die Katholische Kirche als Bollwerk gegen den Nationalsozialismus. Hier wird Geschichte umgeschrieben. Benedikt ist kein Antisemit, aber er leugnet die Verbindung von Antijudaismus und Antisemitismus, er ist blind und taub gegenüber der Kritik von jüdischer Seite, etwa an der Seligsprechung von Pius XII oder an der neuen lateinischen Karfreitagsfürbitte, in der die Katholiken für die Bekehrung der Juden zum Christentum beten. Er ist das personifizierte gute Gewissen der Deutschen seiner Generation – er ist ja aufgewachsen in einer Atmosphäre der Verdrängung und Verleugnung, und sie hat ihn geprägt.

Ist diese Feindschaft gegen die Moderne eine neuere Entwicklung unter Papst Benedikt, oder war diese auch unter Papst Johannes Paul II. Vorhanden?

Posener: Johannes Paul II. war – im Gegensatz zu Benedikt XVI. – ein großer Mann. Er gehört, zusammen mit seinem Landsmann Lech Walesa, mit Ronald Reagan, Maggie Thatcher und – vor allem – Michail Gorbatschow, zu den Persönlichkeiten, die das reaktionäre System des Kommunismus zu Fall gebracht haben. Aber für den polnischen Papst war das westliche System nur das kleinere Übel. Von Wojtila sagte man, er wolle zwei Revolutionen rückgängig machen – die russische und die französische. Dabei war er jedoch, vielleicht wegen seiner Erfahrungen mit dem Kommunismus, nicht so radikal wie Ratzinger, den er allerdings gefördert hat. Johannes Paul II. hat Galileo Galilei rehabilitiert und den Darwinismus anerkannt. Benedikt hat den Prozess der Inquisition gegen Galileo verteidigt und propagiert die unwissenschaftliche Lehre des „Intelligent Design“ gegen den Darwinismus. In einer Zeit, die ohnehin von Wissenschaftsskepsis und Halbwissen geprägt ist, bedeutet Benedikts Abkehr von der Vernunft eine Katastrophe.

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31468/1.html

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Der alte Rassismus in neuem Gewand?

November 3, 2009 · 2 Kommentare

Kay Sokolowsky über das „Feindbild Moslem“, die Medien und die Hassprediger von PI

Gerade hat der Prozess um den Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini begonnen. Was lehrt uns dieser Mord über gesellschaftliche Konflikte in Deutschland?

Kay Sokolowsky: Daß sie in gewissen Fällen gern verharmlost werden. Daß in gewissen Fällen das Entsetzen vor einem Mord nicht so schwer wiegt wie die Sorge, der alltägliche, allgegenwärtige Rassismus in Deutschland könnte zur Sprache kommen. Viele dieser gewissen Fälle betreffen in jüngster Zeit vor allem das Verhältnis der alteingesessenen Deutschen zu Mitbürgern aus dem islamischen Kulturkreis. Der Mann, der Marwa El-Sherbini erstochen hat, wurde laut Staatsanwaltschaft von blankem Haß auf Muslime geleitet. Mit diesem Haß ist der Täter leider nicht allein. Es gibt sehr viele Menschen in Deutschland, die verstehen und sogar rechtfertigen, warum Alex W. eine schwangere Frau getötet und beinahe auch ihren Mann ums Leben gebracht hat, die diesen Messerstecher geradezu für einen Helden halten. Marwa El-Sherbini sei selbst schuld, heißt es dann, sie hätte ja auf ihre Anzeige gegen den Rassisten verzichten können. Sie habe ihn durch diese Anzeige ja überhaupt erst gereizt. Und was bilde so eine Fremde sich eigentlich ein, solch eine Kopftuchträgerin zumal?! So und noch viel schlimmer tönen User-Kommentare auf den muslimfeindlichen Websites. Diese grauenhafte Tat ist Ausdruck eines Hasses, der sich in Deutschland breitgemacht hat wie eine Epidemie. Doch über diesen Haß und über seine Verbreitung möchte man lieber nicht reden.

Kay Sokolowsky: "Über diesen Haß und über seine Verbreitung möchte man lieber nicht reden." (Foto: Martina Bendler)

Kay Sokolowsky: "Über diesen Haß und über seine Verbreitung möchte man lieber nicht reden." (Foto: Martina Bendler)

Im Rotbuch Verlag ist Ihr Buch „Feindbild Moslem“ soeben erschienen. Sie schildern in diesem Buch die Lage der Muslime in Deutschland und stellen fest, dass sich besonders seit dem 11. September antimuslimische Ressentiments verbreiten. Was sind die Gründe dieses Antiislamismus? Wer sind die Wortführer?

Sokolowsky: Der Antiislamismus ist nur ein Vorwand, eine Ausrede, um rassistische Hetze und migrantenfeindliche Bösartigkeit auszutoben. Die Muslimhasser diffamieren „die Muslime“ und meinen damit jeden Menschen, der in erster, zweiter oder dritter Generation aus dem islamischen Kulturraum stammt. Es ist dabei ganz gleichgültig, ob die Menschen, die diskriminiert werden, tatsächlich Muslime sind. Die Muslimfeinde unterstellen kurzerhand jedem Menschen mit türkischen oder arabischen Eltern, er sei ein Muslim. Das ist bereits blanker Rassismus. Niemand wird durch seine Geburt ein Muslim, sondern allein durch das Glaubensbekenntnis. Aber genau das bestreiten die Islamfeinde. Für sie steht jeder Migrant aus einem islamischen Land, der nicht öffentlich auf den Koran schimpft, stehen alle Kinder dieser Migranten im Verdacht, fanatische Muslime zu sein und deshalb Ehrenmörder, Zwangsverheirater, Parallelgesellschafter, Selbstmordattentäter, Massenmörder.

Wer Jude sei, bestimme er, sagte Hermann Göring einmal. Die Muslimhasser definieren auf die gleiche Art, wer Muslim ist. Sie bauen sich ein Feindbild, um alle zu Feinden des Menschengeschlechts erklären zu können, denen sie feindselige Gefühle entgegenbringen. Auch das ist rassistische Praxis in Reinkultur. Mit Religionskritik und Aufklärung im seriösen Sinn hat das nichts, überhaupt nichts zu tun. Aber indem die Muslimhasser erregt mit dubiosen Koranstellen wedeln und auf die Brandprediger zeigen, die es ja leider gibt, erscheint ihr rassistisches Gerede gedeckt durch den Anspruch der Aufklärung, mantelt es sich auf als „Verteidigung unserer westlichen Grundwerte“. Von den Imamen, die ihre Gläubigen zu Toleranz und Friedfertigkeit ermahnen, will der Muslimhasser entweder nichts wissen oder er unterstellt diesen Predigern, sie würden lügen. Aus der hermetischen Wahnwelt der Rassisten gibt es kein Entrinnen. Weder für die Objekte dieses Wahns noch für die, die von ihm besessen sind.

Im Kern ist den Islamfeinden nicht der Islam verhaßt, sondern der Türke, der Araber, der Fremde an sich. Es ist ja auch völlig unmöglich, etwas so Abstraktes wie eine Religion zu hassen. Haß kann sich nur gegen Menschen richten, nicht gegen Abstraktionen. „Die Muslime“ sind verhaßt aus dem schlichten Grund, daß sie Muslime sind – oder weil sie im Verdacht stehen, Muslime zu sein. Der bloße Verdacht genügt dem Rassisten schon, um menschenfeindlich zu hetzen. Rassismus ist eine Ideologie des Verdachts und der Unterstellung.

Für die Islamfeindlichkeit, die wir heute erleben, haben die Attentate vom 11. September 2001 wie eine Initialzündung gewirkt. In den Staaten des Westens haben sich vorher die wenigsten darum geschert, was militante Islamisten anrichten. Die Verbrechen der Taliban, die Brutalität der Pasdaran, die Massaker in Somalia oder Algerien waren vor „9/11″ kein großes Thema in der westlichen Öffentlichkeit. Schließlich handelte es sich bei den Opfern „nur“ um irgendwelche Einwohner der Dritten Welt. Erst als der militante Islamismus seine Gewalt auch gegen die Metropolen des Westens entfesselte, entdeckten wir Ignoranten den Islam als Schreckgespenst des 21. Jahrhunderts. Die Angst, die Al-Qaida verbreitet, ist der Nährboden für die Ideologie der Muslimhasser. Plötzlich sind Moscheebauten und Kopftücher zu Politika geworden, und gewisse Publizisten haben sich fulminante Karrieren aufbauen können, indem sie der diffusen Furcht vor dem Islam Futter gaben.

Echte Wortführer – wie etwa den Rechtspopulisten Geert Wilders in den Niederlanden – hat die Islamfeindschaft in Deutschland nicht. Aber viele prominente Stichwortgeber. Dazu zählen etwa der Orientalist Hans-Peter Raddatz, der Journalist Udo Ulfkotte, die Soziologin Necla Kelek, die Bundesverdienstkreuzträgerin Alice Schwarzer und ganz besonders die Publizisten Henryk M. Broder und Ralph Giordano. Aus deren bösen Stichworten eine rassistische Ideologie zu erarbeiten, haben sich Tausende anonyme Hetzer in Internet-Blogs und -Foren auf die Fahne geschrieben.

Was für eine Rolle spielen die sogenannten „Islamkritiker“ darin?

Sokolowsky: Promovierte Autoren wie Raddatz oder Kelek geben dem muslimfeindlichen Gerede den Anstrich wissenschaftlicher Seriosität. Broder und zumal Giordano, die selber Zielscheiben antisemitischer Hetze sind, scheinen über den Verdacht erhaben, rassistische Ressentiments zu verbreiten. Die Haß-Blogger berufen sich nur zu gern auf solche Autoren, um von ihren eigenen rassistischen Motiven und von ihrem Wahn abzulenken. Deshalb habe ich in meinem Buch überprüft, wie glaubwürdig Kelek, Broder oder Giordano argumentieren. Das Resultat ist, um es zurückhaltend auszudrücken, wenig schmeichelhaft für die Autoren. Als Kronzeugen für die Islamfeindlichkeit sind sie nur so lange Gold wert, wie der Großteil des deutschen Publikums nicht merkt, daß diese Kronzeugen vor allem Blech reden. Ich hoffe, daß mein Buch dazu beiträgt, das Image dieser Stichwortgeber zu korrigieren.

In den ersten Tagen und Wochen wurde der Mord an der Muslimin El-Sherbini in den Medien nur am Rande wahrgenommen. Erst nach Protesten im Ausland wurde diesem Verbrechen mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Warum war der Tod einer Kopftuchträgerin, die nicht Opfer eines Ehrenmords wurde, eine Woche lang nur eine kurze Meldung in den Nachrichtenagenturen?

Sokolowsky: Es ist seit vielen Jahren deutsche Tradition, Rassismus zu verharmlosen, kleinzureden und ins Vermischte zu verbannen. Der Fall der armen Frau El-Sherbini hat das wieder vorgeführt: Die Bundeskanzlerin hatte anfangs nicht mal ein Wort des Mitleids für die Familie übrig. Und der damalige Innenminister Schäuble, der sonst hinter jeder Facebook-Seite eine islamistische Terrorzelle vermutete, bekam den Mund nicht auf, um diesen eindeutig terroristischen Akt zu verurteilen. Statt dessen fürchtete man sich allenthalben vor den Reaktionen der bekanntlich völlig unberechenbaren Muslime. Das Dresdener Gericht, in das Alex W. am Tag der Tat problemlos ein 18 Zentimeter langes Messer einschmuggeln konnte, ist heute ein Hochsicherheitstrakt, inklusive Scharfschützen – aus lauter Angst vor muslimischer Vergeltung. Auf Nachfrage mußte das LKA Sachsen übrigens einräumen, es gebe für die Scharfschützen auf dem Dach keinen konkreten Anlaß.

Dahinter steckt dasselbe paranoide Denken, das einen Gerichtspolizisten bewegte, auf den blutenden, am Boden liegenden Mann von Marwa El-Sherbini zu schießen statt auf den Täter Alex W. Der Muslim an sich, der Fremde aus dem Orient ist eine Gefahr: So denken sehr viel Deutsche, und so denken die Sicherheitsbehörden – nicht nur die in Sachsen. Zu Prozeßbeginn war es vielen Berichterstattern wichtiger, über eine höchstwahrscheinlich gefakete Morddrohung „aus islamistischen Kreisen“ gegen Alex W. zu berichten, als sich endlich einmal mit der ausgeprägten Muslimfeindschaft zu befassen, die in Deutschland herrscht. Zum Glück nicht allen Berichterstattern. Doch bestürzend vielen.

Wie weit verbreitet sind antimuslimische Ressentiments in der deutschen Gesellschaft?

Sokolowsky: Auf jeden Fall weiter verbreitet als promuslimische. Wer auch immer wagt, den Islamhaß als neue Form des Rassismus zu benennen und vor den Muslimhassern zu warnen, sieht sich sofort einer breiten Front von Entrüsteten gegenüber, die „Ehrenmord“ schreien und „Zwangsheirat“, „Al-Qaida“ oder „Ahmanidejad“. Kaum spricht einer aus, daß Islamkritik sehr vielen Rassisten als Vorwand dient, um hemmungslos gegen türkische und arabische Migranten zu hetzen, fordern die Kritiker von ihm ein, er solle erst mal was über den Glaubensterror in Saudi-Arabien sagen, bevor er sich über den muslimfeindlichen Rassismus beklagt. Ich erlebe das seit Veröffentlichung meines Buchs ständig. Broder, Kelek und Giordano behaupten ja sehr gern, daß sie gegen eine überwältigende Meinungsdominanz von „Gutmenschen“ in den Medien und der Politik anschreiben. Das ist absoluter Blödsinn. Es gehört in Deutschland kein bißchen Courage dazu, auf Muslime zu schimpfen. Man ist da ganz sicher auf der Seite der Mehrheitsmeinung, und man darf sich darauf verlassen, für das Angstschüren vor den Muslimen mit guten Plazierungen auf der „Spiegel“-Bestsellerliste und mit allerlei Literaturpreisen belohnt zu werden. Die Diffamierung der Muslime – und derer, die man dafür hält – ist ein erheblich einträglicheres Geschäft als die Abwehr dieser Diffamierung.

Laut einer Studie des amerikanischen Pew Research Center aus dem vergangenen Jahr ist jeder zweite Deutsche negativ gegenüber Muslimen eingestellt. Nicht nur gegen radikale, fanatisierte Islamisten, sondern gegen alle Muslime. Untersuchungen deutscher Institute – etwa der Friedrich-Ebert-Stiftung – kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Dabei ist auch klar geworden, daß die Vorurteile gegen Muslime untrennbar verbunden sind mit älteren fremdenfeindlichen Ressentiments. Im Rahmen des Langzeitprojekts „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, das seit 2002 von der Universität Hannover durchgeführt wird, wurden 2008 knapp 1.800 Menschen befragt, ob sie folgender Aussage zustimmen könnten: „Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land.“ 34,9 Prozent der Interviewten pflichteten dem Satz bei. Ich bin sicher, daß die meisten dieser Leute in Gegenden wohnen, wo weit und breit kein Muslim zu Hause ist. So wie der Antisemit keine Juden kennen muß, um die Juden zu hassen, braucht der Antiislamist noch nie einem Muslim begegnet zu sein und weiß trotzdem, daß alle Muslime Schurken sind. Übrigens hat das Pew Research Center auch herausgefunden, daß die meisten Muslimfeinde zugleich überzeugte Antisemiten sind.

Nachdem der Bundesbanker Thilo Sarrazin in „Lettre International“ gegen Türken und Araber gepöbelt hatte, gaben ihm in einer Emnid-Umfrage 51 Prozent der Befragten in allen Punkten recht. Sarrazin hatte es nicht einmal nötig, explizit darauf hinzuweisen, welchem Glauben viele dieser Migranten anhängen. Das antimuslimische und das allgemein fremdenfeindliche Vorurteil sind längst eins.

Was für eine Rolle spielen die sogenannten Prangerwebseiten wie etwa Politically Incorrect? Wer sind die Betreiber von Politically Incorrect, und was ist ihre Motivation?

Sokolowsky: Was bei PI gehetzt wird, das sickert hinaus in zahllose andere Weblogs und Internetforen, das findet sich in den Leserkommentarspalten sämtlicher Online-Ausgaben seriöser deutscher Zeitungen wieder – also nicht nur bei „Bild“, sondern auch bei der „Süddeutschen“ oder der „FAZ“ und immer häufiger auf den Digitalseiten der multikulturellen „Taz“. Die Autoren und Hardcore-User von PI sind die Avantgarde des Muslimhasses. Sie tummeln sich überall, wo das Web 2.0 ihnen die Möglichkeit gibt, ihr Gift zu verspritzen und den nicht ganz so fanatischen Fremdenfeind mit Angst- und Haßargumenten zu bestücken. Was Thilo Sarrazin und Henryk M. Broder erzählen, das ist bei PI vorgedacht worden – nicht umgekehrt.

Dabei glaube ich nicht, daß Sarrazin PI jemals angeklickt hat. Aber die stille Post funktioniert in Zeiten des Internet besser denn je, und die wichtigste Strategie von PI ist eben die stille Post. Diese Seite ist die fette Spinne in einem Netzwerk der Fremdenfeindlichkeit. Jede Halbwahrheit und jede Gemeinheit, die hier steht, wird binnen kurzer Zeit Gemeingut vieler Millionen Menschen. Die übrigens meistens gar nicht wissen, woher die Diffamierungen stammen, die sie nachbeten. Wahrscheinlich wären sie zutiefst angeekelt, wenn sie die Hetztiraden auf PI einmal ungefiltert lesen würden. Und ihre eventuell gute Meinung über Broder könnte sich rasch ändern, wenn sie wüßten, wie die Autoren und User von PI hetzen. Denn Broder hat die systematische Hetzerei von PI nicht nur verharmlost, sondern sogar verteidigt.

Gegründet wurde PI von dem Sportlehrer Stefan Herre. Über seine Motivation hat Herre der rechtsradikalen „Jungen Freiheit“ erzählt, er wolle „die Öffentlichkeit über die schleichende Islamisierung Europas informieren und alles Erdenkliche dafür tun, daß auch in Zukunft bei uns das Grundgesetz und nicht die Scharia gilt“. Wer aber glaubt, Europa drohe zu einem islamischen Gottesstaat zu werden, der hat nicht nur nicht alle Tassen im Schrank, der hat auch keine Beweise für seine Behauptung aufzubieten außer solchen, die er sich zurechtbiegt und -lügt. Der will auch nicht das Grundgesetz schützen, von wegen. PI ist voll von demokratiefeindlichen Ergüssen. Es gehört zum täglichen Geschäft dieser Website, gegen die Unabhängigkeit der Justiz zu pöbeln, das „dumme Wahlvolk“, das leider schon wieder nicht rechtsradikal abgestimmt hat, zu verunglimpfen, und die verfassungsrechtlich garantierten Freiheitsrechte all denen abzusprechen, die nicht so ticken wie Stefan Herre und seine Volksgenossen. Daß Migranten auf ihre Bürgerrechte bestehen, erscheint diesen ach-so-grundgesetzloyalen Haßpredigern als ungeheurer Skandal. Ginge es nach Herre und PI, wäre das Grundgesetz längst abgeschafft worden. Wenn Sie nachprüfen wollen, ob ich nicht vielleicht übertreibe geben Sie einfach mal in die Suchmaske dieses Hetzblogs die Stichworte „Kuscheljustiz“ oder „Dhimmitum“ ein.

Von Kay Sokolowsky ist gerade das Buch "Feindbild Moslem" im Rotbuch Verlag erschienen.

Von Kay Sokolowsky ist gerade das Buch "Feindbild Moslem" im Rotbuch Verlag erschienen.

Man findet oft diffamierende Pauschalisierungen etwa im „Spiegel“ oder in der „Welt“. Schlüsselfigur zur Verallgemeinerung dieses besonderen Rassismus war der Publizist Henryk M. Broder mit seinem Bestseller „Hurra, wir kapitulieren!“. Wie weit tragen die Medien und Journalisten wie Broder eine Mitschuld an der giftigen antimuslimischen Atmosphäre?

Sokolowsky: Ich kann diese Mitschuld nicht quantifizieren. Ich kann nur feststellen, daß der „Spiegel“ unter seinem Chefredakteur Stefan Aust keine Bedenken hatte, solch eine Atmosphäre zu fördern. Seit Austs Entlassung hat der „Spiegel“ zum Glück seine langjährige Kampagne gegen die deutschen Muslime eingestellt – eine Kampagne, die ihren Höhepunkt mit der „Spiegel“-Ausgabe 13/2007 fand. Die Coverzeile lautete: „Mekka Deutschland – Die stille Islamisierung“. Titel und Titelgeschichte sind das Infamste, was seriösen deutschen Medien jemals zum Thema „Islam in Deutschland“ eingefallen ist. In „Feindbild Moslem“ habe ich die Demagogie dieser Coverstory Punkt für Punkt analysiert. Ich habe keine empirischen Befunde, wie viele „Spiegel“-Leser auf diese Demagogie hereingefallen sind. Ich nehme aber an, daß es bei sechs Millionen Lesern mehr als eine Handvoll waren.

Auch über die Mitschuld Herrn Broders kann ich nur Vermutungen anstellen. Ich weiß aber, daß er keine Gelegenheit ausläßt, über „die Muslime“ in einer Art zu reden und zu schreiben, die man nur dann für Polemik oder gar Satire statt für übelste Migrantendiskriminierung halten kann, wenn man es auch lustig findet, zu einem schwarzen Menschen „Brikett“ zu sagen. Noch erschreckender als die antimuslimischen Tiraden Broders finde ich allerdings die Wertschätzung, die er für sein übles Geschwätz erfährt. Er wird durch sämtliche Polit-Talkshows gereicht, kassiert Ehrungen noch und noch und gilt als Fachmann für sämtliche Fragen der Integration. Dabei ist er allenfalls ein Experte für angewandte Segregation. Daß seine islamfeindlichen Texte von ziemlich wenig Sachkenntnis, aber sehr viel bösem Willen geprägt sind, habe ich in „Feindbild Moslem“ auf 16 Buchseiten nachgewiesen (dieses Kapitel kann auf der Website des Rotbuch Verlags kostenlos abgerufen werden). Die Talkshow-Redakteure, die Broder so gern einladen, scheinen jedoch gerade auf das undifferenzierte Gepöbel Broders scharf zu sein. Der Mann bringt ja Stimmung in die Runde, und solches Getöse wiederum bringt Quote. Welch potentiell verheerende Folgen Broders Geifereien für das Zusammenleben von muslimischen Migranten und alteingesessenen Deutschen haben, ist offenbar schnurzegal. Ich wäre froh, wenn ich mit meinem Buch dazu beitragen könnte, die genannten Redakteure etwas nachdenklicher und verantwortungsbewußter werden zu lassen.

Was müsste von politischer Seite gegen diese neue Form des Rassismus getan werden?

Sokolowsky: Die Politik müßte zunächst einmal erkennen, daß der Islamhaß eine Form des Rassismus ist. Davon sind die meisten Politiker – und zwar bei allen Parteien – jedoch meilenweit entfernt. Es wäre freilich illusorisch zu erwarten, daß die Volksvertreter klüger sind als das Volk, das sie vertreten.

Deshalb sollten alle, die das muslimfeindliche Gehetze nicht mehr ertragen, die erkannt haben, wie gefährlich diese Ideologie ist, sich weniger auf die Politik als auf ihr eigenes Wort verlassen. Nicht nur Rassisten können das Web 2.0 für ihre Zwecke nutzen. Je energischer man den Hetzern widerspricht, je beharrlicher man ihnen nachweist, daß sie mit lauter Lügen, Spekulationen, Übertreibungen und Gerüchten hantieren, desto schwerer wird es ihnen fallen, den Diskurs zu bestimmen. Ich beobachte leider eine gewisse Resignation bei denen, die guten Willens sind, vor der Macht und der Hartnäckigkeit der rassistischen Hetzer.

Ich kann mir übrigens auch nicht so recht erklären, warum bislang außer „Jungle World“ und „Konkret“ keine einzige nennenswerte Zeitung mein Buch erwähnen mochte. Bei meinen früheren Büchern war die Aufmerksamkeit der Rezensenten jedenfalls erheblich größer. Der Mainstream der Medien scheint das Problem der Islamfeindschaft als Problem immer noch nicht wahrnehmen zu wollen. Dabei ist es spätestens seit dem Tod Marwa El-Sherbinis und den „Kopftuchmädchen“-Schwadronniereien Thilo Sarrazins offensichtlich. Und es verschwindet keineswegs, indem es unter den Teppich gekehrt wird. Zumal den Muslimhassern nichts besser in den Kram paßt als eine Öffentlichkeit, die sich um diese Explosion von Fremdenfeindlichkeit und Menschenverachtung nicht kümmert, die so tut, als seien die Muslime selbst schuld, wenn sie aufs gemeinste und ekelhafteste diffamiert werden.

© telepolis.de

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31419/1.html

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Oktober 26, 2009 · Kommentar schreiben

Der Freitag: Herr Abdal Hakim Murad, Sie sind ein muslimischer Gelehrter, haben aber auch eine moderne Ausbildung genossen. Sie haben sich mit der westlichen Geistesgeschichte und Zivilisation auseinandergesetzt. Der Islam wird stets mit Terrorismus und Extremismus in Zusammenhang gebracht. Nun aber erlebt das kapitalistische System eine Krise. Welche Haltung nimmt der Islam auf dem Gebiet der Ökonomie ein?

Abdal Hakim Murad: Alle Religionen, nicht nur der Islam, wenden sich gegen die Habgier. In dem Maße wie die moderne Ökonomie davon ausgeht, dass Wohlstand aus der Förderung eines auf Habgier basierenden Wettbewerbs erwächst, befindet sich die Moderne im Widerspruch zum Glauben. In einem gewissen Sinne kommt in diesem Spannungsverhältnis die tiefe Unvereinbarkeit von der religiösen Vorstellung des Menschen als ethischem Wesen mit dem Menschenbild derjenigen zum Ausdruck, die uns als das erfolgreiche Resultat eines Jahrtausende langen, brutalen, von Eigeninteressen diktierten Wettbewerbs betrachten. Der Islam und andere religiöse Glaubensrichtungen stellen auf ihre je eigene Art und Weise die kapitalistische Apotheose der Habgier in Frage, prophetisch und radikal.

"Nach traditionellem muslimischem Verständnis umfasst Reichtum alles, was Menschen wertschätzen, also auch immaterielle Güter. Nach diesem Verständnis ist Geld allerdings Gold und Silber."

"Nach traditionellem muslimischem Verständnis umfasst Reichtum alles, was Menschen wertschätzen, also auch immaterielle Güter. Nach diesem Verständnis ist Geld allerdings Gold und Silber."

Welche Rolle spielt Geld im Islam?

Heutzutage gibt es in keiner muslimischen Gesellschaft eine islamische Ökonomie. Die nationalen Eliten und die Logik der Globalisierung stehen einer Wiedergeburt eines ursprünglichen, auf Ethik basierenden Wirtschaftens entgegen. Banken, die sich nach den islamischen Vorstellungen richten, sind die Ausnahme. Nach traditionellem muslimischem Verständnis umfasst Reichtum alles, was Menschen wertschätzen, also auch immaterielle Güter. Nach diesem Verständnis ist Geld allerdings Gold und Silber. Das soll heißen, es hat einen Wert, der sich aus natürlicher Knappheit ergibt. Dies schließt übertriebene und irreale Spekulation und eine Anhäufung von Reichtum aus, die allein auf Versprechen beruht. So wird die Möglichkeiten eines auf Kredit basierenden, raschen ökonomischen Wachstums gemindert. Man reduziert aber gleichzeitig auch die Möglichkeiten plötzlicher und unkontrollierter Wertschwankungen, da das Geld eine statische Größe besitzt und nicht potentiell unendlich ist.

Wie sehen Sie die Rolle der Islamischen Bank?

Wenn überhaupt, richten sich nur wenige islamische Banken nach den klassischen Regeln der Sharia. Praktisch sind sie alle in das globale Finanzsystem eingebunden, das ihren Handlungsspielraum drastisch einschränkt und ihnen die Interpretation des Geldes als willkürlichem Zeichen aufdrängt. Dennoch spielen diese Institutionen eine wertvolle Rolle, wenn es darum geht sicherzustellen, dass muslimische Einlagen in ethischer Weise investiert werden, d.h. also z.B., nicht in den Handel mit Alkohol oder in der Glücksspielindustrie fließen. Insgesamt belaufen sich diese Anlagen heute auf 600 Milliarden US-Dollar. Sie erlauben der muslimischen Welt so eine partielle Unabhängigkeit und gewährleisten eine gewisse Basis für ethische Investitionen.

Wie stehen diese Banken in der Krise da?

Trotz ihrer teilweisen Komplizenschaft mit den Vorgehensweisen kapitalistischer Banken, blieben ihnen die schlimmsten Folgen der gegenwärtigen Krise erspart, weil sie sich nicht an dem Wucher mit Hypothekenkrediten beteiligt und sich, um dies auszugleichen, anderer spekulativer Transaktionen auf dem Finanzmarkt bedient haben. Zum Teil half ihnen hierbei auch, dass ihre führenden Manager keine Boni auf Spekulationsgewinne erhalten.

Im Koran und dem Islamischen Recht gibt es zahlreiche Bezugnahmen auf Wirtschaft und Handel. Was können wir aus diesen Quellen lernen?

Insofern der Teil der Sharia, der sich mit dem Geldwesen befasst, im Koran verwurzelt und erfolgreich ist, kann man sagen, dass die offenbarten Quellen von unmittelbarer Bedeutung sind. Religiöse Finanzsysteme werden beim Establishment allerdings immer Widerstand und Zynismus hervorrufen, weil für die Eliten nur die westlichen Werte zählen und alles andere irrelevant ist. Das mag auch darin liegen, dass der Kapitalismus scheinbar ein Modell nachhaltigen und massiven ökonomischen Wachstums bereitstellen konnte. Die Vision des Koran wird dem Mainstream der Banker und Investoren, die auf hohe Gewinne aus sind, niemals schmackhaft gemacht werden können, ebenso wenig wie andere radikale und ethisch alternative Vorstellungen des Wirtschaftens.

Wie bereits erwähnt sind Sie muslimischer Gelehrter und haben die Ursprünge von Selbstmordattentaten sowie moderner Organisationen in der muslimischen Welt analysiert. Welche Position nimmt der traditionelle Islam in dieser Frage ein?

Der traditionelle Islam ist heute nicht so leicht zu finden. In meinem Buch Bombing without Moonlight versuche ich Selbstmordattentate als Konsequenz der Modernisierung und zugleich als Reaktion auf sie zu beschreiben. Traditionell würde man es bid’a’ nennen – eine verwerfliche Innovation. Bei einer strikten Anwendung der klassischen Rechtsmethodik käme man zu diesem Rechtsurteil (Fatwa). Wenn man sich ansieht, was in heutigen Fatwas von Takfiris (Takfir machen= andere Muslime zu Ungläubigen erklären, die Red.) und Autoren der Muslim-Bruderschaft über Selbstmordattentate geschrieben wird, ist man erstaunt über die sich dort offenbarende Unkenntnis der traditionellen juristischen Methodik. Die hässliche Fratze des Terrorismus ist ein eindeutiges Zeichen des Niedergangs der juristischen Mechanismen, die viele moderne Muslime anwenden.

Welche Rolle spielt der Wahhabismus? Hat die wahhabitische Ideologie den Terrorismus befördert? Kann man das verallgemeinern, oder gibt es da verschiedene Richtungen?

Der Wahhabismus ist keine einheitliche Bewegung. Wie alle Fundamentalismen neigt er leicht zu Spaltungen. Seinem Wesen nach handelt es sich um eine Art des reformierten Islam: Er hält an der wortgetreuen Bedeutung des Koran fest und richtet sich gegen die islamische Theologie, den Aberglauben und die Mystik. Im Grunde kommt keines dieser zentralen wahhabitschen Prinzipien dem Terrorismus entgegen. Und tatsächlich lehnt der offizielle saudische Wahhabismus Selbstmordattentate und al-Qaida strikt ab. Das Problem besteht darin, dass, vergleichbar mit der europäischen Reformation, eine relativ homogene Tradition sich plötzlich in viele miteinander konkurrierende Richtungen aufsplitterte. Der reformierte Islam lässt sich schwer festlegen: Er führt nicht notwendigerweise zum Terrorismus, aber man kann beobachten, dass praktisch alle „islamistischen Terroristen“ der ein oder anderen Form der wahhabitischen Religion angehören. Trotzdem sollten Salafiten und Wahhabiten nicht von vorneherein als Leute stigmatisiert werden, die Gewalt gegen Zivilisten unterstützen – sehr oft entspricht dies einfach nicht der Wahrheit. Angesichts der Feindseligkeit, die gegenwärtig gegenüber Muslimen herrscht und der Tatsache, dass stets einfache Erklärungen gesucht werden, müssen wir unbedingt klar zwischen Untergruppen differenzieren.

Das Interview führte Eren Güvercin.

http://www.freitag.de/kultur/0943-abdal-hakim-murad-interview

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