grenzgängerbeatz

Hilal Sezgin

„Selber zu Wort kommen lassen“

Hilal Sezgin, geboren 1970, ist die Tochter des renommierten türkischstämmigen Islamwissenschaftlers Prof. Fuat Sezgin und der deutschen Muslimin Dr. Ursula Sezgin. Seit ihrem Philosophiestudium arbeitet sie als Schriftstellerin und freie Journalistin. 1999 erschien ihr historischer Kriminalroman „Tod eines Maßschneiders“. Ihr jüngster veröffentlichter Titel ist „Typisch Türkin?“, in dem Sezgin die neue Generation der türkischstämmigen deutschen Frauen porträtiert. Bis 2006 war sie Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau. Im Juni 2005 erhielt Hilal Sezgin den Nachwuchspreis des Journalistinnenbundes.

Eren Güvercin: Liebe Frau Sezgin, könnten Sie sich zunächst kurz unseren Lesern vorstellen?

Hilal Sezgin: Ich bin 1970 in Frankfurt geboren. Ich bin die Tochter einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters, wobei meine Mutter Muslima ist und auch schon war, bevor sie meinen Vater kennen lernte. Ich bin in der Nähe von Frankfurt aufgewachsen und habe Philosophie studiert. Nach meinem Studium habe ich angefangen, als Journalistin zu arbeiten, und habe auch einen Krimi geschrieben. Heute arbeite ich als freie Journalistin, vor allem für Zeitungen und Zeitschriften.

Eren Güvercin: In Ihrem neuen Buch „Typisch Türkin? Portrait einer neuen Generation“ haben Sie die Lebenswelten von türkischen Frauen zwischen 20 und 40 Jahren aufgezeichnet. Was war Ihre Motivation für dieses Buch?

Hilal Sezgin: Zunächst muss ich erst einmal zugeben, dass es nicht meine Idee war, sondern die des Verlags, der diese Idee entwickelt hat, und die mir auf Anhieb gefallen hat. Sie wissen ja, dass in den letzten Jahren viele Bücher erschienen sind, in der die türkischen Frauen in einer extremen Opferhaltung erscheinen. Und ich fand dies sehr traurig. Natürlich muss man über Themen wie sexuelle Gewalt sprechen, aber die Art, wie über diese Frauen berichtet wurde, hat mir nicht gefallen. Und was mir auch nicht gefällt ist, dass man über Integrationsprobleme spricht und nicht über die Individuen, die dahinter stehen. Es leben Millionen von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, und das sind nicht nur Problemträger. Mir war es wichtig, ein Buch zu schreiben, in dem man von diesen Menschen ganz normal erzählt – nicht als Problemfall, sondern mit all ihren Aufs und Abs.

Eren Güvercin: Kann man dieses Buch als Antwort auf die sehr einseitigen Beiträge von Necla Kelek verstehen?

Hilal Sezgin: Ja, in diesem Sinne schon. Necla Kelek ist für viele Türken natürlich ein wunder Punkt. Es ist wichtig, dass man über sexuelle Gewalt spricht. Das ist alles legitim, sogar notwendig. Irgendwie haben es Necla Kelek und die deutsche Öffentlichkeit aber geschafft, es so zu drehen, dass die Gruppe der türkischstämmigen Frauen sich nicht ermutigt oder freier fühlt, sondern eher bemitleidet und schlecht behandelt.

Eren Güvercin: Feridun Zaimoglu bezeichnet die Einwanderung als „Erfolgsgeschichte“ und vergleicht die türkischen Frauen der ersten Generation mit den Trümmerfrauen nach dem 2. Weltkrieg. Er sagte einmal, man müsse diese Frauen aus dem historischen Dunkel als die „wahren Heldinnen“ der Einwanderung herausstellen. Kann man Ihr Buch als Beitrag verstehen, endlich diejenigen zu Wort kommen zu lassen, über die ständig geredet wird? Und wie bewerten Sie die gegenwärtige Diskussion um die türkische beziehungsweise muslimische Frau?

Hilal Sezgin: Ja, selber zu Wort kommen lassen, dass finde ich ganz wichtig. Und die Lebensgeschichte derjenigen zu erzählen finde ich auch sehr wichtig, nicht nur Klischees und soziale Typen. Zu dem Begriff der „Heldinnen“: Feridun hat schon recht. Da sind bewundernswerte Momente in den Biographien der so genannten „Gastarbeiterfamilien“. Etwa die Umstellung, die die Leute gemacht haben. Sie waren wahnsinnig flexibel. Man wirft ihnen ja immer vor, sie seien so unflexibel, aber in Wahrheit haben sie wahnsinnige Änderungen in ihrem Leben gemacht und durchgestanden. Trotzdem möchte ich mich gar nicht auf solche Begriffe wie „Heldinnen“ oder „Erfolgsgeschichte“ fixieren. Mein Gott, Leute haben auch das Recht auf Unglück. Man muss ja nicht so tun, als seien alle glücklich und erfolgreich. Man soll auch von seinem Leben erzählen können, wenn es auch seine Tiefen hat. Das geht mir manchmal bei diesen Heldengeschichten etwas unter.

Eren Güvercin: Vor einigen Tagen fiel Bundesinnenminister Schäuble mit negativen Äußerungen gegenüber deutschen Muslimen auf. Er bezeichnete die „Konvertiten“ indirekt als potenzielle Gefahr. Wie haben Sie diese Äußerung wahrgenommen, als jemand dessen eigene Mutter deutsche Muslimin ist?

Hilal Sezgin: Ich habe schon sehr viele konvertierte Muslime kennen gelernt. Genau wie man auch von der orientalischen muslimischen Frau ein Klischeebild hat, hat man auch von den Konvertiten ein Bild. Man muss nur mal mit diesen Konvertiten reden, dann merkt man, dass diese sehr unterschiedlich sind, sehr unterschiedliche Vorstellungen von ihrem Glauben haben. Einige sind sehr überzeugt und orthodox. OK, das ist ihr gutes Recht. Andere sind es aber gar nicht. Es gibt auch innerhalb der Konvertiten große Unterschiede. Und ich kann nicht verstehen, was daran schlecht sein soll, wenn sich jemand etwas geistig Neues aneignet und sich inspirieren lässt. Ich finde es unter Niveau, dies zu kritisieren.

Eren Güvercin: Ihr Vater ist ein renommierter Islamwissenschaftler, und auch Ihre Mutter ist Islamwissenschaftlerin. Was für eine Rolle hat der Islam in Ihrem Leben gespielt?

Hilal Sezgin: Meine Eltern sind nicht in dem Sinne Islamwissenschaftler, dass sie sich mit Theologie beschäftigen. Sie haben sich mehr mit den arabischen Wissenschaften beschäftigt. Ich habe eine muslimische Erziehung genossen, man hat mir beigebracht, wie man betet, und man hat mir bestimmte Grundüberzeugungen vermittelt. Ich bin da wie viele andere Türkischstämmige erzogen worden. Man bekommt beigebracht, wie es so läuft, sage ich mal. Ich wollte vieles wissen, man hat es mir dann erklärt, aber was ich dann mache, wurde mir selber überlassen. Und bei meinem Glauben, das kann ich ruhig erzählen, gab es natürlich auch Aufs und Abs. Und bestimmte Dinge werden auch so hervorgehoben, dass es anfängt, absurd zu werden. Wenn man etwa mit einer Frau redet, die ein Kopftuch trägt, kommt man ganz schnell zu den wirklich wichtigen Sachen. Deren Leben dreht sich nicht nur ums Kopftuch, auf das man ja in der Debatte so fokussiert ist. Andererseits kenne ich auch viele, die darüber diskutieren, wie man die Füße beim Gebet halten soll. Das wird zum großen Thema gemacht. Sind die verrückt? Man soll die Leute ermutigen, in die Moschee zu gehen, und nicht ihnen das Gefühl geben, dass sie blöd oder schlechte Muslime sind, weil sie ihre Füße vermeintlich falsch halten.

Eren Güvercin: In einer Radiosendung sagten Sie, dass Sie nach dem 11. September „noch mehr Muslima“ geworden sind. Was meinen Sie damit?

Hilal Sezgin: Ich glaube, der 11. September hat uns gezwungen, uns mehr mit dem Glauben zu beschäftigen. Man beschäftigt sich mehr damit, weil man von Außen damit konfrontiert wird, und man versucht auch sich selber mehr Klarheit zu verschaffen. Und als Journalistin habe ich dann beschlossen, zu diesem Thema zu arbeiten. Ich wollte nicht nur die Beiträge von anderen, nichtmuslimischen Deutschen darüber lesen, die überhaupt keine Ahnung haben, also beschäftige ich mich nun mehr damit. Auf dem Weg bin ich dann auch ein gutes Stück gläubiger geworden. Ich weiß noch nicht, was ich von dieser Entwicklung halten soll, auf so einem Umweg gläubiger zu werden.

Eren Güvercin: Sie haben für einige Zeitungen gearbeitet, unter anderem für die Frankfurter Rundschau. Wie bewerten Sie die Berichterstattung über den Islam in den Medien?

Hilal Sezgin: Es ist völlig normal geworden, dass der Islam primär mit etwas Verdächtigem gleichgesetzt wird. Es gibt aber auch viele Deutsche, denen bewusst ist, dass diese Sicht nicht stimmt. Man hört oft Aussagen wie: „Es ist doch gar nicht so.“ Trotzdem hat sich der Diskurs insgesamt so entwickelt, dass der Islam erst einmal in die Nähe von Terrorismus und Borniertheit gerückt wird. Das ist zur ganz normalen Ideologie geworden. Die Leute sind teilweise gar nicht so bösartig. Man ist da halt irgendwie drin, völlig unbedacht. Diese Sicht auf den Islam ist völlig banal geworden. Es ist völlig normal geworden, Magazine oder Sendungen zu produzieren, in denen man dann fragt: „Darf man den Muslimen noch trauen?“ Das ist eine ganz schlimme Suggestivfrage.

Eren Güvercin: Liebe Frau Sezgin, vielen Dank für das Gespräch.

Kommentar schreiben

0 Antworten bis hierher ↓

  • Bis jetzt noch kein Kommentar ... Bring die Sache ins Rollen, und füll das untere Formular aus.

Kommentar schreiben