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Der Terrorist und sein Klon

Interview mit dem amerikanischen Schriftsteller und Theoretiker W.J. Mitchell über den Terror, das Klonen und die fatale Macht der Bilder.
Jenseits der religiösen Dimension dürfen wir nicht vergessen, dass unsere moderne Welt insbesondere heute durch die enorme Macht von allgemeinen Bildern dominiert wird. Die wurde in den letzten zehn Jahren durch den Terror und durch den gegen diesen geführten „Krieg“ verkörpert. Wie viele andere Ereignisse und Entwicklungen kulminierten beide Seiten der gleichen Medaille in symbolische Bilder. Dadurch nehmen sie nicht nur unbewussten Einfluss auf uns. Ihre Form verhindert auch ein wirkliches Nachdenken über die Wirklichkeit, für die sie angeblich stehen.
Zu dem Thema sprachen wir mit dem US-amerikanischen Autor William J. Thomas Mitchell. Er vergleicht die Gestalt des Terroristen mit der des Klons, und kommt dabei zu erstaunlichen Einsichten. Beides seien Symbole unserer Zeit, so Mitchell. Er ist Professor für Englisch und Kunstgeschichte an der Universität Chicago, Herausgeber von „Critical Inquiry“ und Gastdozent am Karlsruher ZKM. Sein Buch „The Last Dinosaur Book“ war für den Pulitzer-Preis nominiert.

Mitchell: "Der Satz „Das Klonen und der Terror“ - der Titel meines Buches - wurde zu einem Ausdruck, um die Art und Weise zu beschreiben, wie der Krieg gegen den Terror immer neue Terroristen hervorbrachte."
Mitchell: “Der Satz „Das Klonen und der Terror“ – der Titel meines Buches – wurde zu einem Ausdruck, um die Art und Weise zu beschreiben, wie der Krieg gegen den Terror immer neue Terroristen hervorbrachte.”

Professor Mitchell, in ihrem Buch „Das Klonen und der Terror (engl. Cloning Terror)“ reflektieren sie über die Beziehung zwischen Klonen und Terror. Was haben die beiden, verschiedenen Dinge denn gemeinsam?

William J. Thomas Mitchell: Zuerst einmal fallen das Zeitalter des Terrors und die Ära des Klonens (oder, was ich auch als „Bio-Kybernetik“ bezeichne) zusammen. Das Klonen ist die heraufziehende Reproduktionstechnologie unserer Tage, genauso wie es die mechanische Vervielfältigung in der Zeit [des Philosophen] von Walter Benjamin war. Der Terror ist das neue Antlitz des Krieges in unserer Zeit. Er ist dezentralisiert, anonym, ohne Vorder- oder Rückseite oder einen staatlichen Sponsor. Und die westliche Reaktion auf ihn – der so genannte „Krieg gegen den Terror“ – ist eine große Neuerung in militärischen Angelegenheiten. Terror ist eine sehr alte Taktik, aber die Vorstellung eines globalen Krieges dagegen ist etwas sehr neues. Mein Buch bemüht sich um die Entdeckung der Überschneidung beider neuen Entwicklungen: einerseits in der Techno-Wissenschaft und andererseits auf dem Gebiet des Krieges.

Sehen sie Ähnlichkeiten zwischen der Gestalt des Terroristen und der des Klons?

Mitchell: Beide – der Terrorist und der Klon – sind Schreckensfiguren. Sie gehören der endlosen Duplikation identischer Lebensformen an. Beides sind Figuren der Anonymität und der Gesichtslosigkeit. Dies belegt ihre Darstellung als maskierte und vermummte Gestalten. Die Armee der Klone (aus dem „Krieg der Sterne“) repräsentiert die neue Masse gleichförmiger Schocktruppen. Alle sind gewillt, sich in Selbstmordkommandos zu opfern. Sowohl der Klon, als auch der Terrorist unterstreichen die Reduktion des Kriegers auf das nackte, instrumentalisierte Leben – ohne Individualität, Heroismus oder Werte. Dies ist natürlich ein Blick von Außen: Terroristen sehen sich selbst als Helden und Märtyrer. Und Erzählungen von menschlichen Klonen beschreiben sie als Individuen mit einer Seele wie alle anderen Menschen auch. Es handelt sich hierbei um eine Frage des Standpunktes.

Sie äußerten, dass es eine sprachliche Übertragung in den Debatten um den Terror und das Klonen gibt?

Mitchell: Ja, das betrifft insbesondere die Sprache der Biotechnologie. Beinahe unausweichlich wird der Terrorismus in der Sprache von ansteckenden Krankheiten oder Autoimundefekten beschrieben – als Virus, Krebs oder Seuche. Komplett mit „Schläferzellen“. Oft gilt der Terror auch als führerlose Erscheinung, die über keine zentrale Befehlsgewalt oder Autorität verfügt.
Der Satz „Das Klonen und der Terror“ – der Titel meines Buches – wurde zu einem Ausdruck, um die Art und Weise zu beschreiben, wie der Krieg gegen den Terror immer neue Terroristen hervorbrachte. Es scheint, als ob die „Heilung“ die Wirkung hatte, das Fortschreiten der Krankheit noch zu beschleunigen.

Sie sprechen von neuen Technologien der Bilderzeugung und -verbreitung, die den Antiterrorkrieg begleiten und bezeichneten diese als „biodigitale Bilder“. Was ist damit gemeint?

Mitchell: Das Klonen wird zum führenden Gleichnis für die Bildwiedergabe unserer Zeit. Bei Photoshop gibt es gar ein „Klon-Werkzeug“, mit dem ein bestimmter Bildausschnitt genau dupliziert werden kann. Das digitale Bild ist auf einer Ebene genauso wie der Klon; beides sind „tiefe Kopien“. Sie reproduzieren nicht nur die scheinbare Oberfläche, sondern auch den ihnen zu Grunde legenden Code, der das Bild bestimmt. Wie die in der DNS enthaltenden Anweisungen, die die Nachbildung eines Organismus steuert, enthält ein digitales Bild heute Metadaten mit Anweisungen für seine Vervielfältigung. So werden die Verdopplung und Übertragung von Bildern enorm beschleunigt. Heute ist es möglich, dass sich ein Bild in den sozialen Netzwerken ausbreiten kann und mit bemerkenswerter Geschwindigkeit weltweit zugänglich ist. Das Klonen wird so zum Gleichnis für die moderne Schaffung von Bildern. Aber es handelt sich dabei auch um eine sprichwörtliche Realität. Die Umsetzung des antiken Traums von der Anfertigung – nicht nur einer Kopie -, sondern einer lebendigen funktionsfähigen Kopie, eines lebendigen Dings. Warum sich mit einem Foto der verstorbenen Mutter begnügen, wenn man sie klonen könnte? Das ist das Schreckgespenst einer neuen, heraufziehenden Reproduktionsweise, das unsere Zeit heimsucht.

Wir alle kennen die berüchtigten Bilder aus Abu Ghraib. Warum wurden sie derart “populär“ und warum reproduzieren die Medien sie immer wieder?

Mitchell: Ich würde sie nicht „populär“ nennen. Es wurden anfangs große Bemühungen unternommen, sie zu unterdrücken. Die meisten Menschen fanden sie abstoßend und verstörend. Aber sie hatten eine wichtige Wirkung in der Offenlegung der eigentlichen Vorgänge und Dinge, die unter dem Etikett der „verschärften Verhörtechniken“ in geheimen US-Gefängnissen vor sich gehen. Das zentrale Bild aus Abu Ghraib, das zum Symbol des gesamten Skandals wurde, war der vermummte Mann auf der Kiste. Jenes Bild machte die virtuelle Runde und wurde zu einer allgemeinen Ikone des Protestes gegen die US-Invasion des Iraks, sowie gegen den Anti-Terrorkrieg im Allgemeinen. In meinem Buch schreibe ich einiges über die Wirkung dieses Bildes. Wegen seines formalen, symmetrischen Charakters ist es sofort wiedererkennbar – wie ein Unternehmenslogo. Es ist ein unheimlicher Widerhall der christlichen Passion. All diese Faktoren kommen zusammen und brennen dieses Bild in unser Gedächtnis ein.

Welche Folge hatten der 11. September 2011 und der Krieg gegen den Terror auf die Welt der Bilder?

Mitchell: Der 11. September 2011 war natürlich ein wichtiges Ereignis in der Geschichte der visuellen Kultur. Es war eine globale Zuspitzung, die – in der Mediengeschichte – ihr größtes Publikum im Fernsehen fand. Der Krieg gegen den Terror war, vom Standpunkt des „Spektakels“ betrachtet, eher eine bedrückende Angelegenheit. Es gab viele Versuche, ein monumentales Bild des Sieges zu schaffen – der Fall von Statuen Saddam Husseins oder das Foto von George W. Bush in Pilotenmontur vor dem Banner „Auftrag ausgeführt (Mission Accomplished)“. Aber sie hatten nur eine geringe Wirkung, oder provozierten gar Spott. Der Krieg gegen den Terror hat wenige spektakuläre und unwiderstehliche Bilder des Erfolgs hervorgebracht. Das liegt daran, dass ein komplettes Scheitern ein kolossaler Fehler ist. Dies wird sofort deutlich, wenn man über den gleichnishaften Charakter der Satzung „Krieg gegen den Terror“ nachdenkt. Wie kann man Krieg gegen eine Emotion führen? Wäre es sinnvoll, Krieg gegen Nervosität zu führen? Ich denke, dass es symptomatisch ist, dass das Bild des „Endsieges“ in diesem Krieg – namentlich das Bild des toten Usama bin Laden – unterdrückt wurde. Der große „Sieg“ in diesem endlosen Krieg bleibt unsichtbar. Alle beeindruckenden Bilder sind solche der Niederlage – die mit Flaggen datierten Särge von US-Soldaten, tote Dorfbewohner nach einem US-Drohnenangriff oder die verstümmelten beziehungsweise geköpften Körper von Geiseln. Der Krieg gegen den Terror war in diesem Sinne ein Triumph der kollektiven Blindheit und der abwesenden Kultur. Hier handelt es sich um die Weigerung, genau hinzuschauen, sowie um den Versuch, das, was in unserem Namen getan wurde, hinter diesem monströsen Gleichnis zu verbergen.

In einem Interview beschrieben sie, was ein junger Taliban über die zerstörten Statuen in Bamiyan erzählte. Er sagte, dass man sie nicht zerstört habe, weil man sie gehasst hätte, sondern „weil ihr sie so sehr liebt. Gebt uns fünf Millionen Dollar, damit wir unsere Kinder ernähren können, und wir behalten die Statuen“. Illustriert diese Geschichte den verbreiteten Glauben an Bilder?

Mitchell: Sie sagt uns viel über Bilder, und den Glauben, der sich um sie ballt. Götzendienst, die Anbetung von Bildern, scheint etwas zu sein, was wir unseren Feinden zuschreiben. Die Taliban waren sich bewusst, dass die Statuen von Bamiyan von Buddhisten nicht als Idole benutzt wurden. Aber sie betrachteten sie als Götzen anderer Natur – als Idole „westlicher Werte“, die steinerne Statuen über lebendige Kinder erheben. Von ihrem Standpunkt aus betrachtet war dies einleuchtend, obwohl ich denke, dass sie besser beraten gewesen wären, wegen der Statuen um ein Lösegeld zu verhandeln. So viel haben sie ja nicht gefordert. Diese Geschichte illustriert auch die Nutzlosigkeit der eingesetzten, irrationalen Gewalt. Wir zerstörten die Statuen von Saddam Hussein im Irak, um spektakuläre Zeichen des „Sieges“ zu produzieren. Diese Zerstörung hat keinen realen Effekt. Und – in einem Fall – war die Verhüllung einer Statue mit der amerikanischen Fahne die unbequeme Enthüllung, dass die amerikanische Mission der Eroberung und Kolonisierung diente. Meiner Meinung nach sollten wir die Bilder in Ruhe lassen. Der Versuch ihrer Zerstörung hat oft zur Folge, dass sie noch stärker werden.

Lieber Herr Professor Mitchell, vielen Dank für das Interview.

“Man braucht Guantanamo nicht, um Attentäter vor Gericht zu stellen”

Nach dem gescheiterten Anschlag in Detroit gab es Meldungen darüber, dass die Drahtzieher ehemalige Guantanamo-Häftlinge seien. In den Vereinigten Staaten haben sich prompt Republikaner und auch Demokraten dafür ausgesprochen, Guantanamo doch nicht zu schließen. Roger Willemsen, der sich seit langem für die Schließung Guantanamos einsetzt, kritisiert dies scharf. Er hatte persönlich ehemalige Guantanamo-Häftlinge getroffen und für sein Buch „Hier spricht Guantanamo“ (2006) interviewt.

Die USA erwägen nun Guantanamo doch nicht zu schließen, da laut Geheimdienstinformationen die Drahtzieher des gescheiterten Anschlags in Detroit ehemalige Guantanamohäftlinge sein sollen. Sind die Häftlinge, oder ehemaligen Häftlinge ein Sicherheitsrisiko?

Roger Willemsen: Man braucht Guantanamo nicht, um Attentäter vor Gericht zu stellen. Man raucht Guantanamo, um an einem solcher Verfahren vorbei zu kommen. Zunächst bezweifle ich, dass ehemalige Häftlinge beteiligt waren. Wir haben solche eklatanten Desinformationen durch die US Administration erhalten, dass es keinen Grund gibt, diese Aussage zu glauben. Was würde besser passen in eine Situation, in der man das Lager offenbar gegen alle Versprechen nicht schließen will, als einen Grund zu simulieren, es nicht zu schließen? Abgesehen davon wäre es geradezu märchenhaft, wenn die Erfahrung im Lager Häftlinge nicht gegen die USA agitiert hätte.

Roger Willemsen mit afghanischen Kindern in Kabul (Foto: Christian Irrgang)

Roger Willemsen mit afghanischen Kindern in Kabul (Foto: Christian Irrgang)

Sie haben Ex-Häftlinge getroffen und für Ihr Buch “Hier spricht Guantanamo” interviewt. Was hatten Sie für einen Eindruck von ihnen? Können die Erlebnisse, die diese in Guantanamo hatten, zu einer Radikalisierung geführt haben?

Willemsen: Eben, so könnte es sein. Aber nach meiner Erfahrung und nach allen Recherchen, die wir über amnesty und andere Organisationen geführt haben, ist die Selbstbeherrschung der Ex-Häftlinge erstaunlich. Sie wollen in der Regel nichts anderes als einen Prozess, ein gerechtes, völkerrechtlich abgesichertes Verfahren. Und vergessen wir nicht: Es handelte sich bei ihrer Gefangennahme fast ausschließlich um unbescholtene Bürger, deren Unschuld auch von den USA eingestanden wurde, sonst hätte man sie nicht aus dem Lager entlassen – oder wer glaubt wirklich, die USA hätten Häftlinge entlassen, die sie als tickende Zeitbomben eingestuft hätten?

Wie beurteilen Sie Obamas Politik? Er hatte versprochen Guantanamo binnen einen Jahres zu schließen…

Willemsen: Wir wussten, dass er uns alle enttäuschen würde, aber an die Schließung von Guantanamo und den entsprechenden Lagern Baghram und Kandahar habe ich doch geglaubt. Dass er uns jetzt so enttäuscht, hängt auch mit dem inneramerikanischen Druck zusammen. Er wird ungestraft mit Hakenkreuz abgebildet oder als Affe. Eine vergleichbare Kampagne gegen einen Präsidenten hat es in der Geschichte der USA nicht gegeben. Das erhöht seine Angst vor unpopulären Maßnahmen.

Sind Sie noch in Kontakt mit den Guantanamo-Insassen, die sie getroffen hatten? Was ist aus Ihnen geworden? Wie haben diese Guantanamo verarbeitet? Haben sie den Übergang in den Alltag geschafft?

Willemsen: Die beiden russischen Häftlinge sind gleich wieder inhaftiert und gefoltert worden, weil man sie für einen Anschlag verantwortlich machte, den sie nicht begangen haben können, weil sie zur gefragten Zeit im Lager waren. Die Situation der Häftlinge ist trostlos. Sie leben unter dem Existenzminimum, haben keine Unterstützung, keine Kompensation, können ihre Familien nicht ernähren und leben teilweise getrennt von dienen aus Angst vor Sippenhaft.

Haben sie Rachegfühle gegen die USA oder gegen den Westen gehabt aufgrund des Unrechts, der ihnen wiederfahren ist?

Willemsen: Das war zunächst das Verblüffendste: Kein lautes Wort, keine Polemik, kein Hass, ein beharrliches Insistieren darauf, nach internationalem Recht behandelt zu werden, das war’s. Und das sollte für einen deklarierten Rechtsstaat ja wohl das Mindeste sein, dass er seine Beschuldigten einer juristisch einwandfreien Institution in einem einwandfreien Verfahren unterwirft!


Eine Gesellschaft des Verdachts

In seinem neuen Roman erzählt John le Carré, Ex-Agent und Großmeister des Spionageromans, von zunehmender Überwachung, Terror-Paranoia und der Macht internationaler Geheimdienste. Ein desillusionierender Roman, so Eren Güvercin.

http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-975/i.html

Sein Name lautet David Cornwell. Der 77-Jährige wurde aber unter seinem Pseudonym John le Carré ein weltberühmter Schriftsteller. Nach seinem Germanistikstudium in Bern und Oxford wurde er zunächst Anfang der 60er Jahre vom britischen Secret Service rekrutiert. Schon während seiner Agententätigkeit begann er zu schreiben. John le Carré prägte das Genre des Spionageromans maßgeblich mit.
Soeben ist sein neuer Roman „Marionette“ erschienen. Das Buch handelt von der gesellschaftlichen Angst vor dem islamistischem Terror. Einer der Helden der Geschichte ist der junge Tschetschene Issa, der sich als Rebellion gegen seinen russischen Vater den tschetschenischen Rebellen anschließt. Er kommt über die Türkei und Dänemark illegal nach Hamburg, und bittet eine türkischen Familie um Hilfe. Schnell gerät Issa unter Terrorverdacht und wird zum Spielball der verschiedenen rivalisierenden Geheimdienste. Die deutsche Menschenrechtsanwältin Annabel ist Idealistin und setzt sich für den gefolterten und verfolgten Issa ein. Mit „Marionettenf“ liefert John le Carré einen meisterhaft komponierten Roman über unsere Gesellschaft des Verdachts nach 9/11. Mit diesem desillusionierendem Roman zeigt John le Carré, wie im „Krieg gegen den Terror“ die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen.

John le Carré beim "Zeit Forum Kultur" in Hamburg

John le Carré beim "Zeit Forum Kultur" in Hamburg

Es ist kein Zufall, dass John le Carré diese Geschichte in Deutschland und vor allem in Hamburg spielen lässt. Anfang der 60er Jahre arbetete er zunächst an der Britischen Botschaft in Bonn, später dann als Konsul in Hamburg, wo er sich dann von der Geheimdienstarbeit verabschiedete und sich ganz dem Schreiben widmete.
Deutschland sei auch ein hervorragendes Spiegelbild für die Veränderung, die seine Heimat schon durchlebt habe, mein John le Carré. „Ich hatte das Gefühl, Deutschland würde sich immer noch nachhaltig dagegen wehren, dem amerikanischen Weg zu folgen, den hohen Level von Überwachung zu akzeptieren.“ Mittlerweile habe er das Gefühl, dass Deutschland absolut vor einem Scheideweg stehe. „Deutschland hat mehr geschützte Bürgerrechte als jedes andere europäische Land“, hebt le Carré hervor. „Die Frage ist nun, wie viel davon aufs Spiel gesetzt wird bei dem, was sich leicht als eine kolonialistische Haltung bezeichnen ließe, die offiziell aber „War on terror“ genannt wird.“

John le Carré, der sich mehrmals für seine Recherchen mit Murat Kurnaz traf, hat schon lange vor seinem neuem Buch den so genannten „Krieg gegen den Terror“ heftig kritisiert. Unter Georg W. Bush sei Amerika in die schlimmste Phase historischen Wahnsinns eingetreten. Die Wahl Obamas bezeichnet er als historischen Moment wie einst den Fall der Berliner Mauer: „Wir wollen jetzt wissen, was will Obama wirklich, wer ist er.“ Er fordert von ihm etwa die Schließung der geheimen Gefängnisse, in denen bis zu 27 000 Menschen ohne Rechtsgrundlage schmoren.
John le Carré gibt zu, dass er in den letzten Jahren politischer geworden sei, und vor allem wütender. Die Täuschung der Gesellschaft durch Politik und Medien habe einen Grad erreicht, der höchst gefährlich sei. In seinem vorletzten Roman „Der ewige Gärtner“ geht es etwa um die Machenschaften der Pharmaindustrie in der dritten Welt. Die Ausbeutung der dritten Welt, die dadurch verursachte Armut und Unterdrückung könne auch zum Terror führen. „Aber wer das behauptet, wird noch wie ein Ketzer behandelt“, so le Carré.
Anfang der 80er Jahre verbrachte John le Carré einige Wochen in einem Palästinenser-Lager, als er an seinem Roman „Die Libelle“ schrieb. Nach dem Ende des Kalten Krieges sei die amerikanische Ideologie-Maschinerie sofort auf den Islam als neuen Feind umgeschwenkt. Daran könne er sich aber nicht beteiligen. Er habe sich mit dem Islam beschäftigt, und habe auch viele muslimische Freunde. „Wenn man mal in die Krisengebiete geht und sich in die Lage eines palästinensischen Kindes versetzt, versteht man vieles besser“. Die Ohnmacht und Erniedrigung, die diese Menschen täglich erfahren, führe fast zwangsläufig zu einer Psychose. In den palästinensischen Flüchtlingscamps habe er Leute getroffen, die alte Papiere hervorzogen, in denen geschrieben stand, wie ihre alten Grundstücke durch eine britische Verfügung den Israelis überschrieben wurden. „Diese Leute wurden von uns belogen.“ Auch in Iran haben die amerikanischen und britischen Geheimdienste die liberale islamische Bewegung unter Mossadegh bekämpft, den Schah an die Macht gehievt, was indirekt die schiitische Revolution letztlich auslöste: „Wir stoppten also den Liberalismus und waren letztendlich die Architekten dieser Radikalisierung.“
Trotz seiner 77 Jahren ist John le Carré angetrieben von der Wut, von der Wut darüber, dass in der Gesellschaft so wenig Empörung herrscht darüber, was mit unserer Gesellschaft passiert. „Wir sind unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in einen Krieg getrieben worden, wir werden in einer Atmosphäre der Panik unserer Freiheitsrechte beraubt“, konsterniert le Carré. „Unsere Anwälte gehen eben nicht auf die Straße, wie es die Anwälte in Pakistan etwa getan haben.“

http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-975/i.html

© Qantara.de 2008

Zusammenfluss der Kulturen

“Kulturen bekämpfen sich nicht, sie fließen zusammen” – mit ihrem Buch “Kampfabsage” belegen der Bestseller-Autor Ilija Trojanow und der indische Dichter und Kulturkritiker Ranjit Hoskoté die vielen Verknüpfungen zwischen den Kulturen und ihre gegenseitige Bereicherung.

Das Schlagwort vom “Kampf der Kulturen” prägt seit dem Ende des Kalten Krieges die Welt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion musste ein neues Feindbild her. Der “Kampf der Kulturen” füllte die Lücke und schürte damit Konflikte. In ihrem neuen Buch “Kampfabsage” entlarven der Bestseller-Autor Ilija Trojanow (“Der Weltensammler”) und der indische Dichter und Kulturkritiker Ranjit Hoskoté anhand vieler Beispiele die Unsinnigkeit der Kulturkampfthese. Die These vom “Clash of Civilizations” wird oft mit Huntington in Verbindung gebracht. Ursprünglich wurde diese These jedoch vom Islamwissenschaftler Bernard Lewis geprägt, bei dem sich -so Trojanow – einfühlsames Interesse im Lauf seiner Karriere in gehässige Verbitterung gegenüber den Menschen, der Religion und den Gesellschaften gewandelt habe. “Er glaubt heute, eine Art Demokratie von oben, aufgezwungen in einer Art und Weise, die Sheriff Wyatt Earp gefallen hätte, sei die beste Lösung für die Probleme der islamischen Gesellschaft.” Diese Lösung wurde zur offiziellen Richtlinie der Regierung Bush in Afghanistan und im Irak. Die These von Lewis wurde erst später von Huntington aufgegriffen und zum Schlagwort, mit dem man den Krieg gegen den Terror rechtfertigte.

Die Lewis-Huntington-These unterteilt dabei die Menschheit willkürlich in “acht oder neun Kulturkreise” und betont die Verwerfungslinien zwischen diesen “Kulturen”, die aufgrund tiefgreifender unterschiedlicher Werte in einem Zustand des Konflikts leben würden. Trojanow und Hoskoté zeigen in ihrem Buch anhand von Beispielen und historischen Fakten humorvoll wie Huntingtons Darstellung unzusammenhängend und in sich widersprüchlich ist. Typische westliche Errungenschaften sind laut Huntington Christentum, Demokratie, Pluralismus, Individualismus und Rechtsstaatlichkeit. Trojanow und Hoskoté stellen aber fest, “wo die philosophischen Quellen, die persönlichen Beispiele, die mythische Infrastruktur und das Grundgerüst dafür liegen – nämlich im Mittelmeerraum, in al-Andalus, im arabischen Aristotelismus und in den Gedanken, Geschichten und Manuskripten, die unbeschwert von einer Gesellschaft in die andere wechseln, ohne Rücksicht auf die angeblich absoluten Verwerfungslinien zwischen den kulturellen Blöcke zu nehmen”.

Auch wird in “Kampfabsage” die Behauptung, das Abendland sei durch seine jüdisch-christliche Tradition geprägt, widerlegt. Trojanow und Hoskoté zeigen, dass der Ursprung der wichtigsten westlichen Werte, Technologien und kulturellen Errungenschaften im Mittelmeerraum des 9. bis. 15. Jahrhunderts zu finden seien, vor allem im muslimischen Herrschaftsgebiet al-Andalus und im arabisierten normannischen Königreich Sizilien. “Ibn Sina und Ibn Rushd”, so Trojanow, “versahen zusammen mit Aristoteles und Platon die unabhängigen Denker der Christenheit mit dem intellektuellen und moralischen Rüstzeug, sich gegen die erdrückende Orthodoxie der Kirche zu wenden; eine Befreiungsbewegung, die schließlich in der Renaissance mündete.”

Die beiden Autoren stellen aber auch klar, dass ihnen kein naives pazifistisches Ideal vorschwebe, sie behaupten nicht, dass der Zusammenfluss ein friedlicher Prozess sei. “Wenn unterschiedliche Lebenswelten aufeinander treffen, kommt es unausweichlich zu Konflikten.” Aber es gibt darin keine Sieger und keine Besiegten, sondern nur das große Erbe der Gemeinsamkeiten.

Nach Trojanow hat die Wirklichkeit mehr mit der unterschiedlichen wirtschaftlichen und politischen Machtverteilung zu tun als mit fundamentalen kulturellen Unterschieden. Zivilisationen seien nie reine, in sich geschlossene Einheiten gewesen, sondern erstaunliche Mischformen. Historisch gesehen entwickelten sie sich durch Austausch und Synthese, durch Begegnung verschiedener Rassen, Religionen und Philosophie, so die Feststellung von Trojanow und Hoskoté. “Bei der Betrachtung von Zivilisationen und Kulturkreisen sind die Unterschiede, die die Menschen trennen, bei weiten nicht so wichtig wie das Erbe, das die Menschen über Grenzen hinweg verbindet. Haltbarer als die These vom “Kampf der Kulturen” ist die Sichtweise, dass die Fronten quer durch unsere Gesellschaften und nicht zwischen Kulturkreisen und Nationalstaaten verlaufen.” Die alte Trennung zwischen “uns” und “den Anderen” könne nur zur Grausamkeit gegen das Andere führen, zur Brutalisierung des Selbst und zur beiderseitigen Bereitschaft zur gegenseitigen Vernichtung.

Den Zusammenfluss der Kulturen betrachten Trojanow und Hoskoté heute durch die verschiedenen Kräfte der Ausgrenzung und Abschottung als gefährdet. Mit Terror und der Verweigerung des Dialogs versuchten diese Kräfte, den Zusammenfluss zu verhindern. In diesem Denken ähneln sich die christlichen Rechten, die Neokonservativen, die radikalen Islamisten und etwa auch die Hindutva-Bewegung in Indien, die den Hinduismus vor seinem “historischen Feind”, dem Islam, beschützen will. “Der Kreuzzug von US-Präsident Bush”, schreibt Trojanow, “ist gegenüber den verschiedenen Schattierungen der Vielfalt so blind wie Bin Laden. Sie sind Zwillinge des Terrors, Spiegelbilder in dem Wunsch, die kulturelle Schaffenskraft einzuschränken.”

Trojanow und Hoskoté betonen, dass es moralisch und strategisch höchste Zeit sei zu akzeptieren, dass es nur eine Regel für uns alle gebe, nämlich die Regel des gegenseitiges Mitgefühls und Verständnisses.

In ihrem Buch suchen die beiden Autoren nach Verbindungen, die manchmal untergegangen sind, “die jedoch Menschen über die so genannten Verwerfungslinien zwischen Zivilisationen und Kulturen hinweg zusammengeführt haben”, und zeigen, dass Zivilisationen miteinander verwoben sind, und eben nicht in Konflikt miteinander liegen, sondern zusammenfließen. “Deswegen”, so Trojanow, “müssen wir uns gegen all jene wehren, die uns im Namen des Unterschieds gegeneinander aufbringen und uns für die globale Kriegsmaschinerie rekrutieren wollen.”

Veröffentlicht in: http://www.z-zukunft.eu/?2008-04,titel-cover,024

Ilija Trojanw, Ranjit Hoskoté

Kampfabsage

Kulturen bekämpfen sich nicht, sie fließen zusammen

Übersetzt von Heike Schlatterer

Gebundenes Buch, 240 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-89667-363-3
€ 17,95 [D] | € 18,50 [A]| SFr 31,90 (UVP)Unverbindliche Preisempfehlung

Verlag: Blessing

Erscheinungstermin: September 2007