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“Die Sprachhygieniker können uns Schreiber mal.”

Seit einigen Tagen läuft eine Debatte über die insbesondere in Kinderbüchern verwendete Sprache. Nach Beschwerden hat der Thienemann Verlag beschlossen den Kinderbuchklassiker “Kleine Hexe” von Preußler zu modernisieren. Ganz zufällig sprach ich gestern mit meinem Freund Feridun Zaimoglu u.a. auch über dieses Thema, und wie er als Schriftsteller zu dieser Frage steht. Spontan kam dann dieses Interview zustande.

"Das politisch korrekte Sprechen ist eine Sprachstellung der bürgerlichen Verklemmungen."

“Das politisch korrekte Sprechen ist eine Sprachstellung der bürgerlichen Verklemmungen.”

Lieber Feridun, Du bist ja ein Freund der klaren, rauen Sprache. Gerade in Deinen ersten Büchern ging es oft heiß her. Gab es damals Beschwerden über Deine Sprache?

Zaimoglu: Erst sah man in mir den Rüpel aus der Abseite, dann den Salonartisten. Ich scheue nicht das offen Wort; ich bin, wenn es denn die Geschichte mir abverlangt, nicht verlegen, eine Figur in Nachahmung ihrer Wirklichkeit sprechen zu lassen. Lehrer und Kulturkonservative waren entsetzt. Manch ein Buchhändler lud mich als die Attraktion der Saison ein. Nach der Lesung wurde ich aber kühl entlassen. Mein Fehler: Ich nannte den Deutschländer beim Namen. Sehr schnell, schneller als erwartet, wurde aus der Verdammungsvokabel ‘Kanake’ das Modewort der Salonlinken. Man suchte meine Nähe, ich schleuderte Mauldreck heraus, ich galt als radikal schick. Bald aber wandten sich die Dauerempörten anderen Kulturen und Krisen zu.

Ich erinnere mich noch an die fast schon legendäre Auseinandersetzung zwischen Dir und Heidi Simonis in einer Talkshow zur Anfangszeit Deiner Laufbahn als Autor. Simonis hatte Dich damals in harschen Worten angegangen, weil Du  erstmals in Deinem Buch „Kanak Sprak“ über Dinge geschrieben hattest, die sich bis dahin niemand getraut hatte. Wie ist das, wenn man aufgrund der verwendeten Sprache ins moralische Abseits gestellt wird?

Zaimoglu: Oft bemerke ich, dass man manche Einheimische zum Deutschkurs für Muttersprachler verpflichten müsste. Aus mir spricht kein Streber. Oft wollen Muttersprachler die Fremddeutschen belehren. Ein Politiker spricht nicht richtiges Deutsch, noch kann er wirklich sagen, was er meint. Ich wurde von Abgeordneten, Ministern und Präsidenten fast immer zurechtgewiesen. Sie zweifelten meine Verstandesbegabung an. Sie nannten mich, in feinen Worten, einen Schwindler und moralisch korrumpierten Lumpen. Wer sich nicht an die Etikette hält, gilt als verdorben. Seltsam: Ich halte Literaturkurse ab, man sucht meinen Rat als Lektor und Korrektor.

Mekonnen Meshgena vom Referat „Migration & Diversity“ der Heinrich-Böll-Stiftung fand die „Kleine Hexe“ beim Vorlesen so „rassistisch“, dass er den Verlag alarmierte. Nun hat der Verlag angekündigt Otfried Preußlers Buch sprachlich zu modernisieren. Wie bewertest Du als Autor diesen aktuellen Sprachstreit?

Zaimoglu: Das politisch korrekte Sprechen ist eine Sprachstellung der bürgerlichen Verklemmungen. Das ersetzte Unwort erzeugt eine Leerstelle. Das ‘richtige’ Ersatzwort besteht aus Pappe, Hirn und Spucke. Es stammt aus dem Fachjargon der Gebildeten und Gelehrten: kein Feuer, keine Entflammungsgefahr, ödes Zeug. Die dunklen Worte – gekappt, verboten, verfemt – setzen sich im Gedächtnis der unteren Volksmassen fest. Ein Dicker heißt nunmehr Bürger mit molligem Hintergrund – man darf ihn nicht mehr als Fettsack bezeichnen. Der von Bildungsingrimm befeuerte Ausländer tilgt das Rauhe und Ruppige. Alle wollen alles verbieten – was soll der Blödsinn? Ich fange gleich mal mit einem kleinen Regelverstoß an: Ficken ist schön.

Muss man als Autor jetzt drei Mal überlegen, was man wie ausdrückt, um niemanden zu verletzen?

Zaimoglu: Ein Autor, der sich vorsieht, wird am Ende nur ein Theorietraktat verfasst haben. Das ist ja das Elend der vertrottelten Fraktion der Kulturelite: Sie füllen die Näpfe mit Trockenfutter. Die Sprachhygieniker können uns Schreiber mal. Wenn wir schreiben, nähern wir uns dem Leben. Wenn wir ein gutes Buch vorlegen, dann haben wir darin auch das Schlammige, Ungeklärte und Verfluchte eingefangen. Wir wollen es so, die Leser wollen es so, und auf die Sprachhygieniker verzichten wir gerne.

Diejenigen, die Du als Sprachhygieniker bezeichnest, kommen aber mit dem Argument, dass man besonders in Kinderbüchern auf die verwendete Sprache achten sollte, um eine tendenziell rassistische Sprache zu verhindern.

Zaimoglu: Ein fanatisierter Korrektor hält den Finger über die Löschtaste. Sein Selbstverständnis: Er gehört zu den Guten. Er begradigt, er berichtigt, und bezähmt damit die Bestie Mensch. Er skandalisiert das unbehagliche Leben. Er retuschiert die Bilder der Entstellung und der Verzerrung. Ein Selbstbetrug. Meist ist der Retuscheur ein Kindskopp mit abgeschlossenem Studium. Die Niedlichkeit ist ein Abschlussfirnis. Er bekämpft nicht das Übel, er dämpft und fälscht.

Auch Du bist ja nicht gerade zimperlich in Deinen Büchern. Würdest Du Dir durch ‘Sprachpolizisten’ ins Handwerk fuschen lassen?

Zaimoglu: Ich reiche jedesmal ein Manuskript ein; wenn mein Lektor es für anständig befindet, wird es gedruckt. In Deutschland ist der Schreiber sehr frei – er darf schreiben, was er will. Ich wurde noch nie zensiert, von meinen Kolleginnen und Kollegen weiß ich Gleiches zu berichten. Was verbiete ich mir aus Überzeugung? Die Verherrlichung des Faschisten, des Vergewaltigers, des Kinderschänders, des elenden Rassisten. Diese Leute können mich am Arsch lecken.

Liberaler vs. konservativer Islam?

Am Kern oder den Grundwahrheiten einer Religion festzuhalten, hat nichts mit konservativ zu tun. Liberal ist heute ein genauso substanzloser Begriff wie konservativ. Der Unterschied ist allein: liberal wird positiv aufgefasst und konservativ negativ.

Eren Güvercin: "Die beiden Ausformungen des politischen Islam, in Form einer „liberalen“ und „konservativen“ Ausrichtung, spiegeln in keiner Weise die Lebenswirklichkeit der Muslime in Deutschland wider."

Eren Güvercin: "Die beiden Ausformungen des politischen Islam, in Form einer „liberalen“ und „konservativen“ Ausrichtung, spiegeln in keiner Weise die Lebenswirklichkeit der Muslime in Deutschland wider." (Foto: Volker Hackmann)

Es sind nur Schlagworte, mit denen man freilich kräftig zuschlagen kann. Eine Religion sollte doch aus ihren eigenen Wahrheiten zu Selbstbestimmungen gelangen. Denn ihre Wahrheit hat es nicht mit den schwankenden und leicht veränderlichen Mutmaßungen oder Wünschbarkeiten des gesellschaftlichen oder politischen Lebens zu tun. Von heute auf morgen kann die CDU in der Frage der Nutzung der Atomkraft zu völlig neuen Entschlüssen gelangen. Eine Partei beruht nicht unbedingt auf Prinzipien, sie kann ihre Grundsätze so hoch halten, dass man bequem darunter hinweg laufen kann.

Religionen reden von der Wahrheit, die nicht der Zeit und der Aktualität unterworfen sind, die vielmehr den in den wechselnden Zeiten Lebenden Halt und Orientierung geben können. Zeiten, in denen nur noch mit stets überholbaren Wissensbeständen auf einem Markt der Möglichkeiten gerechnet wird, empfinden den Wahrheitsanspruch als Herausforderung. In einer auch geistig vollendeten Marktwirtschaft, die neuwertige Angebote verlangt, täglich frisch auf den Tisch, ist die dauernde Wahrheit ein Skandal. Eine Religion, die sich dazu entschließt, Meinungen und Möglichkeiten in bunter Vielfalt anzubieten, um Kunden zufriedenzustellen, verfehlt ihre Aufgabe. Bei aller Vielfalt in zweitrangigen Sachen – eine Einheit muss die Vielfalt schon zusammenhalten, ein Band, das viele Blüten umschlingt und sie damit zu einem Strauß macht und die Vielen geeint beieinander hält.

Sowohl der sogenannte „liberale“ als auch der „konservative“ Islam, der sich in der aktuellen Islamdebatte kristallisiert, sind Ausformungen eines politischen Islam. Bisher hatten immer äußere Faktoren dazu geführt, dass mal die eine und mal die andere Form des ideologischen Islams Hochkonjunktur hatte. Der von der herrschenden Meinung kritisierte „konservative“ politische Islam ist vor allem in Folge der Krise des arabischen Nationalismus entstanden. Der französischer Politikwissenschaftler Gilles Kepel etwa sieht zurecht in der Reduktion des Islam auf eine politische Bewegung ein neues Phänomen, mit einer Mischform westlich-politischen Denkens und Islam. In der deutschen Islamdebatte versuchen beide Formen des politischen Islam, in Form einer „liberalen“ und „konservativen“ Ausrichtung, den alleinigen Vertretungsanspruch geltend zu machen. Während „konservative“ Verbände wie etwa Milli Görüş stolz auf ihre zahlreichen Moscheen und Mitgliederzahlen verweisen, betonen die Vertreter eines ‚liberalen‘ Islam wie etwa der Liberal-Islamischer Bund (LIB), dass sie die „schweigende Mehrheit“ der Muslime vertreten würden, die sich eben nicht durch die ‚konservativen‘ Verbände angesprochen fühlen. Wie viel Mitglieder der LIB in Wirklichkeit hat, ist nicht bekannt.

Die Lebenswirklichkeit der Muslime
Diese beiden Ausformungen des politischen Islam spiegeln jedoch in keiner Weise die Lebenswirklichkeit der Muslime wider. Den Muslimen ist aus ihrer Geschichte heraus ein durchorganisierter Islam mit Mitgliederverzeichnissen und Vereinsstrukturen eher fremd. Vielmehr haben zivilgesellschaftliche Initiativen wie etwa die Stiftungen (Awqaf) eine wichtige Rolle gespielt. In den Stiftungen geht es nicht wie bei den Verbänden mit ihrem Vertretungsanspruch um den Willen zur Macht, sondern es geht um eine zivilgesellschaftliche Beteiligung. Lokale Einrichtungen wie etwa die Moscheen, Märkte und Stiftungen haben das gesellschaftliche Leben ausgemacht und waren spiritueller, sozialer und ökonomischer Natur. Der politische Islam – egal welcher Couleur – löst eben diese gemeinschaftliche Lebenspraxis auf. Dabei kopiert der politische Islam westliche Vorbilder und die Idee, dass Macht organisierter Wille sei. Gerade heute spielt etwa die Etablierung von Stiftungen als eine Ausprägung authentisch islamischer Gemeinschaftsstrukturen eine wichtige Rolle, um schlussendlich einen Mittelweg zwischen Individualismus und Verbandskultur zu finden. Denn Stiftungen sind mehr als nur Politik oder Kultur.

Hier kann die neue Initiative junger Muslime mit dem Namen „Alternative Islamkonferenz“, die von dem Schriftsteller und ehemaligen Teilnehmer der Islamkonferenz Feridun Zaimoğlu unterstützt wird, einen fruchtbaren Impuls geben. Denn es ist höchste Zeit, dass die deutschen Muslime die ewige Dialektik zwischen einem „liberalen“ und „konservativen“ Islam überwinden und eine Debattenkultur etablieren, um die relevanten Fragen unserer Zeit auch kontrovers zu diskutieren. Statt nur in der Öffentlichkeit übereinander zu sprechen und dabei durch die Verwendung von Labels wie „liberal“ oder „konservativ“ die Dialektik zu vertiefen, muss mehr miteinander debattiert werden.

Politisierung der Lehre
Bisher hat sowohl der von Politik und Medien geförderte „liberale“ politische Islam als auch der sich ethnisch abgrenzende „konservative“ politische Islam die freie islamische Zivilgesellschaft verhindert und durch Kontrolle ersetzt. Der natürliche Feind der Stiftung ist der Verbandsfunktionär, denn der politische Islam stellt mit seinem Willen zur Macht die Politik über das Recht und gefährdet somit auch die Unabhängigkeit der Lehre. Ein muslimischer Denker sagte einmal, dass der Islam korrupte Politiker überlebe, nicht aber korrupte Ulama (Theologen). Diese Politisierung der islamischen Lehre mündet in dem Denken, dass jemand, der nur einmal in der Woche das islamische rituelle Gebet verrichtet – überspitzt formuliert – als „liberal“ und „aufgeklärt“ gilt, wohingegen jemand, der das Gebet gemäß der Orthodoxie praktiziert als „konservativ“ oder „nicht aufgeklärt“ markiert wird.

Diese von außen seitens der Politik und Gesellschaft aufgezwungene Dialektik wird bewusst oder unbewusst von den „liberalen“ Vertretern des politischen Islams bedient. Der entscheidende Punkt ist aber, dass man weder „liberal“ noch „konservativ“ beten kann, weswegen sich auch die Muslime gegen die Politisierung ihrer über Jahrhunderte unumstrittenen Riten der islamischen Lebenspraxis wehren. Der öffentliche Druck, der einen „guten Islam“, also einen relativierenden Islam schaffen will, findet an der Basis keine Resonanz.

Aber auch unter deutschen Islamwissenschaftlern melden sich immer mehr kritische Stimmen, die sich gegen diese Politisierung richten. Der Islamwissenschaftler Dr. Rainer Brunner, der am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) in Paris forscht, beobachtet mit einer gewissen Ambivalenz die Etablierung der Lehrstühle für Islamische Theologie an deutschen Universitäten. „Die ganze Angelegenheit einer Gründung der islamischen Theologie scheint mir politisch gewollt zu sein. Das hat natürlich dann wiederum in Verbindung mit verschiedenen anders gelagerten politischen Debatten der letzten zehn Jahre – etwa die Sicherheitspolitik – eine wie ich finde geradezu groteske Überforderung und auch Erwartungshaltung der Politik zur Folge“, so Brunner. Man wolle hier einen aufgeklärten Islam europäischen Zuschnitts etablieren, ohne dass es dafür im Augenblick sichtbar irgendwelche strukturellen und personellen Voraussetzungen gebe, betont Brunner. An deutschen Universitäten sollen zukünftig nicht nur Imame ausgebildet werden, sondern gleichzeitig auch Kompetenzen in Sozial- und Integrationsarbeit den zukünftigen Imamen vermittelt werden. Dadurch betreibe man – und das ist Brunners Hauptkritikpunkt – eine weitgehende „entsäkularisierte Islamisierung der Integrationsdebatte“.

Zähmungsinteresse des Staates
Erst kürzlich sprach der Münsteraner Jurist, Christian Walter, im Zusammenhang mit der Einrichtung islamisch-theologischer Zentren von einem „legitimen Zähmungsinteresse“ des Staates. Diese Herangehensweise ist aber mehr als bedenklich. Denn es gehört nicht zu den Aufgaben eines Staates, was für eine Theologie gelehrt wird oder nicht. Das ist allein die Aufgabe der Muslime selbst. Auch wenn die Bundesbildungsministerin Annette Schavan darauf hinweist, dass ein aufgeklärter Islam die Muslime vor Aberglaube oder Irrglaube schützen solle, ist es nicht Aufgabe des Staates zu beurteilen, was nun Aberglaube oder Irrglaube ist. Von einem wie auch immer gearteten Zähmungsinteresse des Staates hält Brunner wenig: „Was nun diese Erwartung anbelangt ein ‘Zähmungsinteresse’ zu haben, halte ich es da eher mit dem französischen Islamwissenschaftler Olivier Roy, der die These vertritt, die Entkoppelung der Religion – er spricht dabei nicht nur von einer Religion, sondern von Religion allgemein – von der umgebenden Kultur sei ein Hauptmotiv oder ein Hauptgrund für die Radikalisierung von Religionen.“ Wenn man dieser These folge, so Brunner, dann mute ihm der Versuch über eine staatlich protegierte Theologie, eine Religion zähmen zu wollen, eher wie dem Versuch den Senf wieder in die Tube zurückzudrücken.

Auch den gläubigen Christen ist dies sehr vertraut, da viele katholische Christen und noch mehr die protestantischen vor dem Anspruch der Politiker, alles zu politisieren, kapituliert haben.

Von Carl Schmitt weißt man, dass man alle Lebensbereiche politisieren, ideologisch – politisch durchdringen kann. Religiöse und nicht politische Christen – ein Unterschied, den der Kirchenrechtler Hans Barion machte – kämpfen um einen Freiraum in der Gesellschaft und auch in ihrer Kirche, in dem sie unbelästigt von politischer Manipulation und gesellschaftlicher Indoktrination ihrem Glauben mit Glaubensgenossen leben können.

Ohne Etikette
Manche muslimischen Gemeinschaften machen die gleichen Fehler wie schon längst die Christen. Ein liberaler oder konservativer Islam ist eine ähnlich inhaltslose Ärgerlichkeit, wie ein liberales oder konservatives Christentum. Sowohl im Islam wie im Christentum geht es um die Wahrheit, die den Einzelnen aufruft und verpflichtet. Sie steht jenseits und über den wechselnden politischen Konstellationen.

Immer wieder gibt es die Klage deutscher Politiker, dass der Dialog mit den Muslimen so schwer falle, weil keine Einrichtung wie die Kirche mit Autorität für alle sprechen könne. Der Staat lechzt aus Angst vor der Freiheit, die seine Verfassung verspricht, nach Funktionären, die mit ihresgleichen, eben mit Funktionären verhandeln und Verträge schließen. Der Staat denkt in Apparaten und will, dass Glaubensgemeinschaften in diesem Sinne funktionieren. Die meisten Muslime wollen ganz einfach ihre Religion leben, die kein politisches oder kulturelles Bekenntnis bedeutet. Auch Christ zu sein, bedeutet keineswegs, sich zu einer Leitkultur zu bekennen.

Im Grunde geht es in beiden Fällen um die Freiheit. Keiner hat das Recht, jemanden vorzugeben, wie er seine Freiheitsrechte lebt, übrigens auch nicht die Funktionärskirche, die teilweise dem Leben so entrückt ist, wie der staatliche Verwaltungsapparat. Ein Mensch muss Muslim oder Christ sein können, ohne weitere politische Etikette, die seinen Glauben verzerren oder ihm entschieden widersprechen.

http://www.migazin.de/2011/08/15/liberaler-vs-konservativer-islam/

Castingshow der Werte

Traditionell, säkular, radikal: In der Islamdebatte wird viel mit liberalen oder konservativen Etiketten hantiert – das wird den Muslimen nicht gerecht

Die Vertreter eines „liberalen“ Islam stellen eine neue Variante des politischen Islam dar.

Die Vertreter eines „liberalen“ Islam stellen eine neue Variante des politischen Islam dar. (Illustration: Otto)

Der Islam gründet sich auf fünf Säulen: das Glaubensbekenntnis, das rituelle Gebet, das Fasten im Monat Ramadan, die Zakat (verpflichtende Sozialabgabe) und die Pilgerfahrt nach Mekka. Aber kann man auf „liberale“ oder „konservative“ Art das rituelle Gebet verrichten oder die Zakat zahlen? Zumindest stellt sich diese Frage im Diskurs um einen gemäßigten Islam.

Denn verschiedene Akteure bieten sich unter dem Etikett „liberal“ und „säkular“ der Politik und den Medien als Gesprächspartner an. Sie erklären sich selbst zum Sprecher für eine angeblich „schweigende Mehrheit von Muslimen“. Doch handelt es sich dabei um ein schwaches Konstrukt, das wohl hauptsächlich dazu dienen soll, sich selbst als Repräsentant eines vorgeblich zeitgemäßen Islam im umkämpften Markt der Berufsmuslime zu legitimieren. Denn genaue Zahlen über die „schweigende Mehrheit“ existieren nicht.

Mehr noch: Während man sich mit lautem Getöse von den großen Verbänden rhetorisch abgrenzt und diese als Vertreter von „Radikalen“ oder „Islamisten“ stigmatisiert, bleiben die eigenen Ideen doch ziemlich blass. Außer einem Bekenntnis zum deutschen Grundgesetz und der Abgrenzung zu Nicht-Liberalen finden sich kaum zukunftsfähige Ideen, die Themen aus der Lebenswirklichkeit insbesondere junger Muslime aufgreifen. In der Konfrontation mit der Gruppe der angeblich Schweigenden zeigt sich dann manchmal ihr wahres Gesicht: Zwar geben die Sprecher der Liberalen vor, die schweigende Mehrheit der Muslime vor islamfeindlichen Angriffen rhetorisch schützen zu wollen. Doch verfallen sie bei Kritik durch Muslime, die kein Marken­label mit sich herumtragen, schnell in einen unsachlichen Ton. Und benutzen dann jene Rhetorik, die sie im Lager der Islamkritiker selbst bemängeln.

Die Vertreter eines „liberalen“ Islam stellen eine neue Variante des politischen Islam dar. Denn sie spielen in der öffentlichen Debatte eine bestimmte Rolle, und werden auch von Medien, Stiftungen und staatlichen Institutionen hofiert und gezielt eingesetzt. Zwar ist es wichtig, dass auch diese Muslime sich organisieren. Das steht nicht zur Diskussion. Jedoch wird die Rhetorik, die die „liberale“ Fraktion in der Öffentlichkeit verwendet, von vielen jungen Muslimen, die sich weder durch die großen islamischen Verbände, noch durch diesen neuen politischen Islam vertreten fühlen, mit großer Skepsis verfolgt. Denn viele junge deutsche Muslime verorten sich jenseits der Label „liberal“ oder „konservativ“. Auch wenn sie sich als gläubige Muslime bezeichnen – sie verweigern sich aus ihrem Selbstbewusstsein heraus diesen Zuordnungen.

Keine Lust auf Labels

Gerade in den vergangenen Jahren, in denen immer intensiver und leider auch hysterischer über den Islam debattiert wurde, wird der Begriff „liberaler Islam“ geradezu inflationär gebraucht. Einige religiös-beschleunigte Ideologen haben versucht, den Islam zu politisieren. Nun tun die Liberalen es ihnen nach, obgleich sie sich an eine nichtreligiöse Öffentlichkeit richten.

Dennoch ist die Resonanz an der Basis dürftig. Der neue Diskurs wird zwar medial aufgebauscht, aber die kritische Haltung der muslimischen Community zur politischen Instrumentalisierung – egal ob aus „liberalem“ oder „konservativem“ Lager – führt dazu, dass diese neuen Ettiketen nicht fruchten.

Interessant ist auch, dass die liberalen Sprecher immer wieder versuchen, sich als Antipoden zu der Islam-Kritikerin Necla Kelek oder zu Thilo Sarrazin zu profilieren. Nur bleibt den jungen Muslimen nicht verborgen, dass sich erstaunlicherweise die Positionen manch „liberaler“ Muslime und die von Islam-Kritikern wie Necla Kelek immer mehr annähern. Das ist der öffentliche Druck, der diese Entwicklung mit sich bringt. Und es ist das Wesen der Dialektik. Denn wenn man die eigene Position dadurch definiert, dass man ständig etwas ablehnt, ähnelt man am Ende immer mehr der Haltung, gegen die man anfänglich angetreten ist.

Auf der öffentlichen Bühne präsentieren sich die Wortführer dieses „liberalen“ Islams gerne als modern, fortschrittlich und kritisch, aber gegenüber Nachfragen, was denn nun eigentlich unter einem „liberalen“ Islam zu verstehen sei, kommen vor allem verstörende Reaktionen. Denn die zur Schau gestellte Toleranz ist oft leider nur ein Lippenbekenntnis, die sachliche Kritik wird nicht selten als Anzeichen einer radikalen Gesinnung gesehen, persönliche Diffamierungen sind die Folge und jede Kritik an der Methodik wird in Misskredit gebracht.

Doch die Realität besteht eben nicht aus gegensätzlich gepolten Menschen. Die Mehrheit der deutschen Muslime sind gegen jegliche Art von Etikettierung. Sie definieren sich nicht über solche Labels, sondern formulieren ihre Positionen aus eigenem Selbstbewusstsein heraus, und machen sie nicht davon abhängig, welche Position sich medial besser verkaufen lässt.

Bis jetzt gibt es zumindest keine zufriedenstellende Definition des „liberalen Islam“. Viele Muslime in den großen Verbänden stehen einer Vielzahl von Fragen tolerant gegenüber, gleichzeitig sind sie in anderen Fragen konservativ. Vor allem Frauen mit Kopftuch werden automatisch als konservativ eingestuft. Wenn sie dann ihre Meinung äußern, sind viele irritiert, weil sie nicht in die vorgefertigten Schablonen passt. Genau da liegt der Punkt: Menschen kann man nicht in Schubladen einordnen. Erst recht nicht wegen eines Kopftuchs.

Ein neues Forum

Jürgen Wertheimer, Professor für Literatur in Tübingen, hat kürzlich zutreffend analysiert, dass die Politik immer noch in Werte-Kategorien denkt, die in der Gesellschaft kaum noch eine Rolle spielen. Begriffe wie konservativ oder liberal haben aus Sicht des Akademikers in den Augen der Bürger längst ihren Inhalt verloren. „Menschen denken heute nicht mehr in solchen Werte-Kategorien wie konservativ oder liberal, sondern wollen über konkrete Sachverhalte reden und entscheiden“. Der Rückgriff auf traditionelle Wertesysteme sei für Politiker vor allem von strategischer Bedeutung: „Für sie sind Wertekategorien so ungeheuer faszinierend, weil sie eine klare Aussage zu beinhalten scheinen.“

Wenn man also sagt: „Ich bin für Freiheit!“, „Ich bin für soziale Gerechtigkeit!“ oder „Ich bin für einen liberalen Islam!“ dann wird niemand widersprechen. Aber zugleich weiß jeder, dass damit inhaltlich nur sehr wenig ausgesagt wird. Wenn sich Parteien heute auf den Konservatismus, den Liberalismus oder den Sozialismus berufen, sei das nichts anderes als eine „Castingshow der Werte“, sagt Wertheimer.

Im Rahmen der Deutschen Islamkonferenz hat der Staat versucht, mit den deutschen Muslimen ins Gespräch zu kommen. Auch wenn die anfängliche Euphorie, die es noch zu Zeiten von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble gab, mit seinem Nachfolger Hans-Peter Friedrich nun endgültig verflogen ist, besteht immer noch die Möglichkeit eines fruchtbaren Dialogs. Dieser kann aber erst dann Wirklichkeit werden, wenn sich auch unter den Muslimen eine Streitkultur etabliert hat. Bisher gab es kein Forum, in dem die ganze bunte Gruppe der deutschen Muslime – seien es nun Vertreter der Verbände oder Einzelpersonen – zusammenkommen und über Grundsatzfragen miteinander diskutieren. Erst die Debatte untereinander kann eine Dynamik entwickeln, die für neue Impulse in der Islamkonferenz sorgt.

Alternative Islamkonferenz

Ansätze für solch ein Forum gibt es bereits. Unter dem Namen „Alternative Islamkonferenz“ versucht eine Gruppe junger Muslime, die Grabenkämpfe zwischen den verschiedenen Fraktionen zu überwinden und einen Diskussionsprozess in Gang zu setzen. Ehemalige Teilnehmer der Islamkonferenz finden diesen Schritt sinnvoll, da sie gerade aus diesem Grund aus der Islamkonferenz ausgestiegen sind, wie etwa der Schriftsteller Feridun Zaimoglu. Er sieht einen großen Bedarf einer solchen Debattenplattform und unterstützt deshalb diese Initiative.

Die Etablierung einer innermuslimischen Streitkultur könnte nicht nur ein wichtiger Schritt sein, um die Dialektik zwischen einem „liberalen“ und „konservativen“ Islam zu überwinden, sondern auch ein produktiver Beitrag für die Islamdebatte sein.

Aber in der letzten Zeit gibt es seitens der Politik immer wieder die Klage, dass der Dialog so schwer falle, weil es keine Einrichtung gebe, die mit Autorität für alle sprechen könne. Der Staat lechzt aus Angst vor der Freiheit, die seine Verfassung verspricht, nach Funktionären, die mit ihresgleichen verhandeln und Verträge schließen. Aber die meisten Muslime wollen ganz einfach ihre Religion leben, die kein politisches oder kulturelles Bekenntnis bedeutet.

http://www.freitag.de/positionen/1125-castingshow-der-werte

Eine Replik auf meinen Freitag-Beitrag von der Vorsitzenden des Liberal-Islamischen Bundes, Lamya Kaddor, in der Süddeutschen Zeitung:

http://www.sueddeutsche.de/karriere/islamischer-religionsunterricht-in-nrw-muslimisch-jung-konservativ-1.1129037

“Ich bin ein gut gelaunter Deutscher!”

Feridun Zaimoglu: "Ich bestehe darauf, dass man die Männer und Frauen der ersten Generation - der goldenen Generation - bitte schön mit Respekt behandeln mag."

Feridun Zaimoglu: "Ich bestehe darauf, dass man die Männer und Frauen der ersten Generation - der goldenen Generation - bitte schön mit Respekt behandeln mag."

Eren Güvercin: Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 hieß es, dass die deutsche Nationalmannschaft mit Spielern wie Mesut Özil, Jérôme Boateng und Sami Khedira zum ersten Mal die gesamte Gesellschaft widerspiegele. Ist tatsächlich angekommen, dass Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft ist?

Feridun Zaimolu: Zunächst einmal: Fußball ist Fußball. Ich bin etwas ratlos, wenn ich die Schriften der Euphoriker lese, die sagen, früher war der deutsche Fußball hölzern, und jetzt ist alles anders und besser. Seltsam, dass Deutschland in der Vergangenheit dennoch so viele Pokale mit nach Hause gebracht hat. So hölzern kann dieser Fußball ja dann nicht gewesen sein. Wir erinnern uns, vor zehn oder zwölf Jahren fing das Lamento an: Der deutsche Fußball sehe nicht die Zeichen der Zeit und setze nicht auf Nachwuchskräfte. Das hat der Deutsche Fußballbund (DFB) nun getan. Denn es geht nicht darum, dass herkunftsfremde Deutsche jetzt auf dem Fußballplatz mitspielen dürfen, sondern selbstverständlich um gute Fußballer. Dieses Mal hatte man auf gute Nachwuchskräfte gesetzt, sowohl auf herkunftsfremde Deutsche als auch auf junge deutschstämmige Deutsche. Ich bin ein glühender Deutschlandfan. Als Salonhooligan bin ich es mir schuldig, und als solcher habe ich auf dem Fußballfeld bis auf das Spiel gegen Serbien und das wirklich krachend enttäuschende Spiel gegen Spanien guten Fußball und gute Fußballer gesehen. Natürlich freue ich mich, wenn darunter gute Leute sind, die hier geboren und aufgewachsen sind. Das weist natürlich nur in eine gute Richtung. Aber ich bitte darum, das mit der Repräsentationspolitik nicht zu übertreiben.

Sie werden oft als Beispiel einer gelungenen Integration genannt. Wieso lief es bei Ihnen so gut?

Ich bin ein Schreiber. Wenn man von Erfolg und Ankunft im Zusammenhang mit mir spricht, dann darf man die Verzweiflung und Erfolglosigkeit meiner Jahre, bevor das mit den Büchern anfing, natürlich nicht verschweigen. Ich bin ein doppelter Studienabbrecher, ich habe keine Ausbildung, und ich bin ganz sicher kein glänzendes Vorbild für andere Menschen. Außerdem ist es eine Frage des Taktes, dass man sich nicht ins Spiel bringt, um dann zu sagen: Seht her, ich habe es anders gemacht, und wenn ihr auf meinen Spuren wandelt, so wird euch auch alles gelingen. Ich bin eher ein Paradebeispiel dafür, wie alles misslingen kann, dass man eben nicht Menschen mit technischen Begriffen beikommen kann. Das Wort “Integration” stammt aus dem Technokraten-Jargon, und ich kann damit herzlich wenig anfangen. Wofür ich stattdessen eintrete ist, dass man bitte schön nicht zu feige sein soll, um von Deutschland als seiner Heimat zu sprechen.

Auf der einen Seite haben wir bedauernswerte Populisten, die (Überfremdungs-)-Ängste schüren. Schwätzer von diesem Schlage wird es auch in Zukunft geben. Ich bestehe aber darauf, dass die Geschichte der Einwanderung in Deutschland eine Erfolgsgeschichte ist. Ich bestehe darauf, dass man die Männer und Frauen der ersten Generation – der goldenen Generation – bitte schön mit Respekt behandeln mag. Ich bestehe darauf, dass Populisten und Menschen, die abfällig daher reden und auch noch von sich behaupten, dass sie mutig seien, mit Verachtung gestraft werden.

Ich bestehe aber auch darauf, weil es die Realitäten Deutschlands widerspiegelt, dass herkunftsfremde Deutsche, die hier aufgewachsen sind, doch bedenken mögen, dass Deutschland ihr Land und ihre Heimat ist. Im Grunde genommen sind sie auch Deutsche. Die kurdisch-, türkisch- und anderen fremdstämmigen Deutschen brauchen kein Vorbild. Sie sind zu klug, um sich an den Realitäten und Fakten des Lebens zu orientieren, und nicht an einem Filmemacher, Schriftsteller oder einer Nachrichtensprecherin. Das haben sie gar nicht nötig.

Sind Begriffe wie Multikulturalismus oder Integration längst überholte Begriffe, wie der Migrationsforscher Mark Terkessidis in seinem Buch “Interkultur” ausführt? Sie beispielsweise wurden zu Anfang Ihrer Schriftstellerlaufbahn der “Migrantenliteratur” zugeordnet.

Es ist mir eine große Freude zu sehen, dass die Technokraten, die das Leben ideologisch verkrümmen, und die Populisten und Hysteriker der Wirklichkeit hinterher hecheln. Man kann es natürlich tun. Man kann in seiner warmen Stube hocken und auf eine bestimmte Klientel schielen, und dann anfangen zu fluchen. Man kann Menschen, die sich zunächst einmal nicht wehren können, denunzieren. Das ist eine Frage des Niveaus und sei jedem freigestellt.

Heißt das, man muss sich von dieser Terminologie lösen, um die Debatte in eine andere, positivere Richtung zu lenken?

Es ist tatsächlich so, dass die jungen Männer und Frauen nicht nur aufgehört haben, Migranten zu sein, sondern dass man bei ihnen die Zuschreibung “herkunftsfremd” auch streichen kann. Man darf einen Fehler nicht begehen: Man darf nicht versuchen, mit den Begriffen aus dem Soziologie-Seminar und den Redaktionsstuben Phänomene der sogenannten Unterschicht begreifen zu wollen. Das ist ein großer Fehler, und ich sehe seit 20 Jahren, dass dieser Fehler bewusst oder unbewusst begangen wird, um zu bestimmten Schlüssen zu kommen.

Was sind das für Schlüsse? Die Türken können nichts! Wenn man von Ausländern spricht, dann meint man eigentlich die Türken. In den vergangenen Jahren wurde das Fremde mit dem Begriff “Moslem” kodiert. Also man meint den Türken oder Moslem, wenn man Ausländer sagt. Dann sagt man, diese Leute sind nicht angekommen, diese Leute können nichts, sie seien dumm und wollten sich abschotten. In jeder Szene und Schicht der deutschen Gesellschaft, in jeder Klasse gibt es Menschen, die sich abschotten. Wenn man von Abschottungspolitik spricht, dann sollte man sich nicht an die fremdstämmigen Deutschen halten, sondern eher an die Großbürger, also an die Spitzen der Gesellschaft. Da lernt man, was Abschottungspolitik ist. Auf die einfachen Menschen, das einfache Volk einzudreschen, hat eine lange Tradition. Ich bin nicht willens darauf einzugehen. Tatsächlich sollte man auch nicht mehr versuchen, mit den alten Dickköpfen zu sprechen. Das langweilt mich, und das langweilt vor allem die Menschen da draußen. Es ist so oft gesagt worden: Es ist ein soziales Problem und kein kulturelles. Wenn man, statt auf die eigentlichen ökonomischen und sozialen Probleme Deutschlands hinzuweisen, die Diskussion kulturalisiert, dann ist das lumpig. Deutschland ist viel weiter.

Sie bezeichnen sich als Deutscher und Kiel als Ihre Heimat. Vor kurzem wurden Sie von einem Schriftstellerkollegen als “Ärmelschonerliterat” bezeichnet: Sie würden sogar Gartenzwerge sammeln, damit man bloß nicht auf die Idee komme, dass Sie kein Deutscher sind.

Als ich das las, war ich sehr erschrocken, weil bei mir in der Küche ein Mehlsack umfiel. Es ist seltsam, dass ich in der Vergangenheit ausgerechnet von Menschen, von denen man eine gewisse Einsicht erhofft, heftige Nackenschläge bekam. Es geht hier um mein Selbstverständnis, es geht mir nicht darum, mich zu verkleiden, um dann in den Augen der Menschen besser dazustehen. Im Grunde genommen lache ich nur noch darüber. Das ist ja nicht das erste Mal, dass man es mit einer Denunziation versucht und glaubt, mich treffen zu wollen. Ich grinse nur, und das ist keine Koketterie. Ich sage da nur, jeder kann machen, was er will. Man kann das lustig finden, man kann das lächerlich finden, man kann sogar mich als eine lächerliche Figur ansehen, nur Fakt bleibt: Ich bin ein gut gelaunter Deutscher!

http://www.bpb.de/publikationen/3QNA9T,0,0,Ein_Teil_Deutschlands_mit_etwas_mehr_Farbe.html#art0

Krieg der Provokateure

Es tobt in Deutschland ein Kulturkampf, ein Krieg der Provokateure, die Metzgern mit stumpfen Ausbeinmessern gleichen, sie schneiden und stechen, sie reißen und zerren. Es ist an der Zeit, zu einer Ideologiekritik anzusetzen. Wir leben in einer Zeit, in der rechte Feministinnen, gewendete Altlinke, orthodoxe Klassenkämpfer, Kulturpapisten und Rechtskonservative die Meinungshegemonie beanspruchen. Sie alle berufen sich auf das Recht der freien Rede, das ihnen niemand streitig macht, und doch schlagen sie viel Lärm, um, wie sie ihr Publikum glauben machen wollen, gegen das Kartell der Politisch-Korrekten anzukommen.“

Feridun Zaimoglu, 28.06.2007 auf der Konferenz „Integration braucht Rechte und Chancen“ im Deutschen Bundestag

Feridun Zaimoglu: "Sie alle berufen sich auf das Recht der freien Rede, das ihnen niemand streitig macht, und doch schlagen sie viel Lärm..."

Feridun Zaimoglu: "Sie alle berufen sich auf das Recht der freien Rede, das ihnen niemand streitig macht, und doch schlagen sie viel Lärm..."

Nach der harschen Kritik von Claudius Seidl und Thomas Steinfeld an den so genannten Islamkritikern vergeht kein Tag, in der nicht der Oberguru der Islamkritiker Henryk M. Broder oder eine seiner Gesinnungsgenossinnen sich zu Wort melden. Die Scharfmacher hüllen sich in den Mantel der Islamkritik und können dabei kaum etwas inhaltlich und argumentativ Neues liefern. Im Grunde genommen wiederholen sie seit Jahren ihre Parolen mit der Hoffnung, dass die Menschen es irgendwann ernst nehmen.

Die Scharfmacher in den deutschen Feuilletons als auch die handvoll religiös beschleunigten Ideologen auf muslimischer Seite haben kein Interesse an einem Austausch von Argumenten. Ihnen geht es nur um den Aufbau eines möglichst einfach gestrickten Feindbilds “Islam” bzw. “Westen”. Der Gegner dient zur Schaffung eigener Identität und Wichtigkeit und hilft nur dem Übertünchen eigener Bedeutungslosigkeit.

Ehrenmord, Zwangsheirat, Terrorbomben: Die so genannten Islamkritiker suchen sich extreme Einzelfälle heraus, um diese zur pauschalen Diffamierung der Mehrheit zu nutzen. Einige treten gar als „Experten“ auf und schreiben ohne wissenschaftliche Skrupel die anerkannten Regeln des Islam einfach um. In der ganzen Diskussion wird gar nicht danach gefragt, was denn der Kern des Islam überhaupt ist. Man reduziert sein Feindbild lieber auf Zerrbilder von einer zur Gewalt aufrufenden Religion.

In dieser Debatte hat sich schnell eine durchweg fragwürdige Terminologie um den Islam etabliert. Dies zeigt sich schon in der Bezeichnung „Moslems“ (ein Schimpfwort aus der guten alten Zeit der Kolonialherren) oder der wenig durchsichtigen Logik des „Islamismus“.

Eines aber wird sehr deutlich: Zwischen Islam und Islamismus sowie auch zwischen gewaltbereitem und nicht gewaltbereitem Islamismus zumindest muss sorgfältig unterschieden werden. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Terrorist Bin Ladin und einige islamische Organisationen in Deutschland bereits ohne große Widerstände in gleicher Weise als “islamistisch” bezeichnet werden.

Doch was heißt “Islamismus” eigentlich? Oft meint man nur die einfache Sorge um eine mögliche Ideologisierung von Muslimen. Doch zu schnell und unreflektiert ist daraus ein Kampfbegriff geworden, der ziemlich alle bekennenden Muslime und eine gewaltbereite Minderheit in einen Topf wirft. Ist ein Muslim bereits ein Islamist wenn er täglich zur Moschee geht? Ist ein Muslim, der den Koran rezitiert und daran glaubt, dass der Koran das Wort Gottes ist, ein Islamist? Muss ein Muslim aus einem „Koranlight“ rezitieren, ohne Prügelverse und so, um als „guter“ Muslim anerkannt zu werden? Den ideologischen Gegnern des Islam scheint es wichtig zu sein, die Trennlinie zwischen dem Islam mit seiner traditionellen Lebenspraxis und Modernismus als ideologischer Parteiung aufzulösen. Die unscharfe Definition und beliebige Verwendung des Begriffs spielt den polarisierenden “Islamkritikern” geradezu den Ball zu.

Die Herkunft des Islamismus ist heute greifbarer als ihr eigentliches Wesen. Islamismus ist ein Überbegriff für verschiedene ideologische Strömungen, der Ende des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Vorher war meist von Islamischem Fundamentalismus die Rede. Der französische Soziologe und Politikwissenschaftler Gilles Kepel widmete der Geschichte dieses Phänomens, das vor einem Vierteljahrhundert vor allem in Folge der damaligen Krise des arabischen Nationalismus entstand, eine detailreiche Arbeit.

Gerade weil Kepel kein Muslim ist, gibt das Buch für Muslime recht interessante, man könnte sagen tabufreie Hinweise darauf, den arabischen Modernismus zu hinterfragen. Kepel versteht, dass die unheilvolle Reduktion des Islam auf eine politische Bewegung ein im Grunde neues Phänomen darstellt. Der Islam wird nun von „politischen Brandreden gegen den Feind“ bestimmt. Wenn man sich die Chefideologen wie etwa Sayyid Qutb oder Maududianschaut, auf die sich die heutigen Islamisten jeglicher Couleur berufen, waren diese keine islamischen Gelehrten, sondern Journalisten und Pädagogen. Sayyid Qutb’s Wissen über den Islam beruht auf ein Bücherstudium. Interessant ist es zu sehen, dass die heutigen Vordenker der Dschihadisten fast ausnahmslos Ingenieure sind und den Islam nicht studiert haben. Vielmehr treten diese mit ihrem naturwissenschaftlich-technischem Denken an den Islam heran, und bedienen sich aus dem Koran wie aus einem Werkzeugkasten. Der Islamwissenschaftler und Koranübersetzer Ahmad Milad Karimi betont, dass der Koran offen sei, und gerade weil Koran Begrifflichkeiten verwende, die mehrdeutig sind, könne man daraus sehr viel machen. „Das wurde in der Geschichte oft genug gemacht. Man hat auch im Namen der Bibel und des Kreuzes Kriege geführt, wohl gemeint für eine Religion der Liebe.“ „Wenn die Einstellung politisch ist,“ so Karimi, „dann ist schon Vorsicht geboten. Der Koran ist kein Politikum.“

Ahmad Milad Karimi: Im Herder Verlag ist seine neue Koranübersetzung erschienen.

Ahmad Milad Karimi: Im Herder Verlag ist seine neue Koranübersetzung erschienen.

Die Dschihad-Ideologie der Islamisten mit dem Dschihad-Begriff im Koran nichts zu tun hat. Die Idee des gerechten, im Ergebnis also totalen Krieges ist keine islamische Erfindung. Nach der Logik des gerechten Krieges gibt es eines – wenn auch recht fernen – Tages eine gerechte und gute Weltherrschaft, die jedenfalls nach der koranischen Offenbarung weder Ziel noch Mission des Islam darstellt. Der Islam verlegt das Paradies ins Jenseits. Die globale Herrschaft über den Weltraum und die moderne Idee des Weltstaates sind nicht im islamischen Denken begründet . Das Konzept des „Dschihad“ als rechtliches Phänomen ist in Wirklichkeit eine Begrenzung des Krieges und wird gerade von den modernen „Islamisten“ – falls sie dieses Recht überhaupt kennen – in ihrer Ideologie offensichtlich kaum beachtet.

Der Begriff „Dschihad“ wir im Koran an über 30 Stellen verwendet. „Aber an keiner Stelle“, so der Koranübersetzer Karimi, „ist der Begriff als “heiliger Krieg”, bellum sacrum oder bellum sanctum zu verstehen; noch nicht einmal als bellum iustum im Augustinischen Sinne. Djihad heißt wesentlich im Koran: sich abmühen, sich bemühen, sich anstrengen, sich einsetzen, ja eher im Sinne von studere.“

Der moderne Islamismus wird also deswegen zum Problem, weil er eine kranke Mischform zwischen westlich-politischem Denken und Islam darstellt.Das Bestreben der heutigen „Islamisten“ kann man daher etwa mit dem vergeblichen Versuch einiger extremistischer Gruppen wie etwa der RAF in Deutschland und der Roten Brigaden in Italien vergleichen, die durch Terrorakte versuchten, dem Niedergang der kommunistischen Ideologie Einhalt zu gebieten. Das für gewöhnlich gezeichnete Bild vom Islam ist das einer rücksichtslos homogenen muslimischen Gemeinschaft, welche die westlichen Werte ablehnt und die Konflikte des Nahen und Mittleren Ostens ins Zentrum Europas hineinträgt.

Fundamentalistische Strömungen wie der Wahhabismus, aber auch der protestantische Evangelikalismus, sind nicht etwa Produkte traditioneller Kulturen. Im Gegenteil: Sie sind Erzeugnisse einer tiefen Krise von traditionellen Kulturen, von De-Kultivierung und Globalisierung. In diesem Sinne sind sie “modern”. Religiöse Spannungen verweisen stets auf Krisen traditioneller Kulturen – und sind nicht deren Ausprägung. Der französische Politikwissenschaftler und Islamexperte Olivier Roy betont, dass die Religion keine besondere Rolle in dem Prozess individueller Radikalisierung spiele. „Es gibt einige „Neugeborene“, so Roy, „welche die Vorstellung einer entkultivierten fundamentalistischen Marke des Islam fasziniert, der die traditionellen muslimischen Kulturen – die Kultur ihrer Vorfahren – in ähnlicher Weise kritisiert, wie sie es mit westlichen Kulturen praktizieren.“ Nach Roy ist der Fundamentalismus ein permanenter Trend in jeder Religion. Es mache keinen Sinn von außen einen „guten Islam“ zu befördern: „Die Aufgabe ist, Raum zu schaffen für einen glaubwürdigen Hauptstrom Islam, der die religiösen Ansprüche der Masse der Muslime erfüllt.“

Es ist ein bedauerlicher Umstand, dass unter den Staubwolken des Terrors der Islam selbst kaum mehr erkennbar ist. In den öffentlichen Islamdebatten erscheint es so, als gäbe es im Islam nur hirnrissigen Fundamentalismus oder banale Esoterik. Die Denunziation der Muslime hat heute erschreckende Ausmaße angenommen. Aber auch auf der muslimischen Seite braucht es nun eine ernsthafte kritische Auseinandersetzung mit der Ideologie des islamischen Modernismus. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Islamismus ist für Muslime von entscheidender Bedeutung. Hierzu gehört die Entschiedenheit der Muslime, sich durch niemanden ideologisieren zu lassen. Denn wie der Wahhabismus schon zeigt, ist die Hochzeit von Ideologie und islamischer Lebenspraxis eindeutig gefährlich.

Eine gekürzte Version dieses Artikels erschien in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Freitag:

http://www.freitag.de/kultur/1005-islam-islamismus-olivier-roy-gilles-kepel-dschihad

Vom “educated Kanakster” zum Starliteraten

Porträt Feridun Zaimoglu

Es war ein langer Kampf für Feridun Zaimoglu, bis er vom Feuilleton als deutscher Schriftsteller ernst genommen wurde: Nun erhielt der Autor und Sprachjongleur den internationalen Buchpreis “Corine” für seinen Roman “Liebesbrand”. Eren Güvercin zeichnet seinen Weg von den Anfängen mit “Kanak Sprak” bis heute nach.

Feridun Zaimoglu (© Nimet Seker)

Feridun Zaimoglu (© Nimet Seker)



Feridun Zaimoglu sitzt auf einem einfachen Holzstuhl, vor ihm ein kleiner runder Tisch. Darauf ein Glas Wasser und sein Roman “Liebesbrand.” Zaimoglu beginnt zu lesen. Er spricht den Text wie ein Schauspieler. Es ist als würde er eintauchen in den Roman, in die fiktive Welt seiner Figuren.

Schaut man bei dieser Lesung in Köln nicht auf den Namen des Schriftstellers, könnte man ihn für einen gewöhnlichen deutschen Autor halten. Doch Zaimoglu musste kämpfen – um als Deutscher akzeptiert zu werden, als deutscher Schriftsteller anerkannt zu werden – und auch um die deutsche Sprache musste er kämpfen. Seine Behauptung, dass er ein Deutscher mit türkischen Eltern sei, sorgte am Anfang seiner schriftstellerischen Karriere in den Feuilletons für Verwirrung und auch Empörung.

Zaimoglu kam als Säugling mit seinen Eltern nach Deutschland. Sein Vater arbeitete bei BASF, seine Mutter als Putzfrau. Nach dem Abitur studierte er zunächst Medizin, später Malerei. Kurz vor dem Examen gab er das Medizinstudium auf, trotz bester Noten. Die Zeit vor seinem Debütwerk “Kanak Sprak” beschreibt er so: “Nach Jahren des Malens, Jobbens und Studierens fand ich mich in einer Massenschlachtung, wo ich den Tieren für die Schächtung die Kehle durchgeschnitten habe. Ich entsprach voll dem Typus des Versagers, hatte keinen Plan. Ich war ein melancholischer Idiot.”

“Bürgerschreck der deutschen Literaturszene”

Über die Wut auf die eigene elende Situation kam Zaimoglu zum Schreiben. In “Kanak Sprak – 24 Misstöne vom Rande der Gesellschaft” verarbeitete er die Wutmonologe von Freunden in eine kämpferisch-spielerische Kunstsprache. “Kanak Sprak” von 1995 ist bis heute prägend geblieben und Zaimoglus wohl bekanntestes Werk. Feridun Zaimoglu, der sich als “educated Kanakster” – einen gebildeten Jugendlichen mit Migrationshintergrund – bezeichnete, verlieh damit den Kindern von türkischen “Gastarbeitern” eine Stimme.

Doch das Feuilleton stellte Zaimoglu als einen Satiriker, Soziologen oder gar als Sozialarbeiter dar, als “Bürgerschreck der deutschen Literaturszene”. Es kursierten Zuschreibungen wie “der Malcolm X der Türken” oder “der Rudi Dutschke der Deutschländer”. Die Lesungen von Kanak Sprak waren regelrechte Underground-Revolten. Sie fanden nicht in Literaturhäusern statt, sondern an Orten wie Jugendhäusern, Schulen und Universitäten.

“Meine Heldinnen und Helden sind Nicht-Bürgerliche. Das kommt daher, dass ich das Spannende, das Gärende, das wild Wachsende eben nicht im deutschen Bürgertum, bei den Bürgerlichen sehe”, sagt Zaimoglu rückblickend über diese Zeit. Für ihn habe der diskrete, dekadente Charme der Bourgeoisie keine Bedeutung, und daran habe sich auch heute nichts geändert.

Sprachrohr eines einzigartigen Idioms

Zaimoglu ließ sich davon nicht beeindrucken, dass ihm die Feuilletons anfangs eine gewisse literarische Relevanz absprachen. Er entwickelte sich zum Sprachrohr eines Idioms, das man so in der deutschen Literatur noch nicht gekannt hatte. Für seinen Lektor Olaf Petersenn zeichnet sich Zaimoglus Werk durch “einen unmittelbaren Gegenwartsbezug” aus, nah an der gesprochenen Sprache, mit viel Witz und Ironie, offen für alle Formen von Eindrücken.

Mit seinem Erfolgsroman “Leyla” (2006) schließlich sorgte er für große Überraschung, weil man einen ganz anderen Zaimoglu erlebte. Spätestens jetzt kam das Feuilleton nicht darum herum, die ihm zugesprochene Außenseiterrolle als “Milieu-Literat” aufzugeben. Auch bei den Lesungen zu “Leyla” waren die Säle bis auf den letzten Platz gefüllt.

“Leyla” basiert im Wesentlichen auf der Geschichte von Zaimoglus Mutter, eine Frau der ersten Generation von Türken in Deutschland. Mit einer bilderreichen Sprache beschreibt Zaimoglu die schwierigen Verhältnisse, in der diese Frauen in der Türkei aufwuchsen.

“Heute fällt es schwer, die Aufbruchstimmung des großen goldenen Anfangs zu begreifen”, sagt Zaimoglu, “aber wenn denn den Trümmerfrauen nach dem Krieg zu Recht großer Respekt gezollt wird, ist es auch an der Zeit, diesen großartigen Türkinnen der ersten Stunde den Platz zuzuweisen, den sie verdienen.”

Zaimoglu schildert in “Leyla” die besondere Leistung dieser Frauen, die bisher sprachlos geblieben waren. In mühsamer Kleinarbeit zeichnete Zaimoglu die Geschichte seiner Mutter auf Tonkassetten auf, und hörte auch anderen Frauen der ersten Generation aufmerksam zu, um auch deren Geschichten in seinem Roman zu verarbeiten.

Anfeindungen von Frauenrechtsaktivistinnen

Missbrauch, bestimmte Bräuche und Traditionen werden dabei nicht unter den Teppich gekehrt. Trotzdem aber blieben Anfeindungen und Proteste von Frauenrechtsaktivistinnen nicht aus. “Leyla” ging ihnen nicht weit genug. Zaimoglu hält das Bestreben dieser “Eiferer” und “Euro-Feministinnen”, die den Islam als Ganzes attackieren, für “lächerlich und völlig vergeblich”.

Nicht nur bei diesem Thema beteiligt sich Zaimoglu leidenschaftlich an aktuellen Debatten. Als geladenes Mitglied der Deutschen Islamkonferenz räumte er kurze Zeit später seinen Platz für eine gläubige Muslimin. Bereits am Anfang der Islamkonferenz wies er darauf hin, dass hier einerseits über die muslimische Frau diskutiert werde, andererseits ausschließlich so genannte “Islamkritikerinnen” am Tisch säßen:

“Ich finde es schade, dass die beteiligten Frauen eher säkular, liberal und islamkritisch sind, was immer das auch heißen mag, dass aber keine gläubige Frau anwesend ist”, so Zaimoglu. Das sei ein großer Mangel, betonte er. Es könne nicht sein, dass Frauen, die den Islam als ihren Glauben und Lebenskern achten, ausgeschlossen würden.

Massiv und sendungsbewusst wehrt sich Zaimoglu gegen die Stimmen, die in apokalyptischen Farben den Untergang des Abendlandes an die Wand malen und eine überhaupt nicht existierende Integration der Einwanderer unterstellen.

Auch wenn er in seinem jüngsten Roman “Liebesbrand” – wofür er mit dem internationalen Buchpreis “Corine” ausgezeichnet wurde – wieder ganz andere Töne anschlägt, bleibt Zaimoglu ein Autor, an dem sich die Geister scheiden, der keine Auseinandersetzung scheut und dem das Unbequemsein zur zweiten Natur geworden ist. Für die an polarisierenden Künstlern arme Literaturszene Deutschlands bleibt Zaimoglu wahrscheinlich noch lange ein rauer und stürmischer Glücksfall.

Eren Güvercin

© Qantara.de 2008

http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-299/_nr-615/i.html

“Ich bin kein Anhänger der Aufklärung.”

Eren Güvercin im Gespräch mit Feridun Zaimoglu (© Nimet Seker)

Herr Zaimoglu, Sie sind ja doppelter Studienabbrecher. Sie sagten einmal, Sie entsprächen einem ,typischen Versager‘. Wie kamen Sie dann zur Literatur?

Eigentlich nennt man so etwas wie mich einen Angehörigen der bildungsfernen Schichten. Es wurden bei uns vor allem türkische Videos angeschaut, dann bei uns Bild und Hürriyet, die auflagenstarke türkische Zeitung, gelesen, und ansonsten war im obersten Regal, in oberster Höhe – nichts durfte es überragen – das heilige Buch, der Koran. Und darin wurde auch gelesen. Aber eigentlich schwebte es mir nie vor zu schreiben. Ich sah es nicht so als meine Aufgabe an.

Lesen kam viel später, aber vor allen Dingen – so muss man es verstehen, wenn ich sage, ich bin kein Literat, ich bin ein Geschichtenerzähler – die wirkliche Prägung, die wirkliche Hinwendung zur Literatur geschah in deutschen Fußgängerzonen. Es ging darum, sich so treu wie möglich zu präsentieren, um die Langeweile um einen herum und in einem selber zu brechen. Dann habe ich dem Wunsch meiner Eltern entsprochen und Medizin studiert. Das klappte nicht! Also habe ich Kunst studiert und bin zweimal rausgeflogen. Klappte auch nicht! Dann habe ich elf Jahre lang versucht, meinen Lebensunterhalt als Maler zu verdienen. Eigentlich kann ich sagen, dass es ein Jahr vor Kanak Sprak, also 1993, anfing. Da fing ich an zu schreiben. Am Anfang standen Gespräche, Wutausbrüche, und ich dachte, genau das mache ich, nämlich diese Stilett-Stakkato, diese melancholisch angewehten Rhapsodien, in meine Kunstsprache zu übersetzen.

Auf Ihr erstes Buch Kanak Sprak folgten ausschließlich negative Kritiken und Reaktionen. Ihnen wurde einige Zeit eine literarische Relevanz abgesprochen. Wie war diese Zeit für Sie?

Ich bin da ja sozusagen eingebrochen; Ich wusste gar nicht, dass es einen Literatursektor gibt. Man mag mich als naiv bezeichnen. Ich bin allerdings hinein gekommen, und im Grunde genommen war das die Fortsetzung des wütenden Fußgängerbengels, nur mit anderen. Ich habe auch gedacht, na ja gut, ich habe ja auch gar nicht vor ein zweites oder ein drittes Buch zu schreiben. Also hat mich das erst einmal wirklich nicht interessiert. Im Kultursektor sind die Ausscheidungs- und Verteilungskämpfe genauso hart wie im wirklichen Leben. Als ich dann gemerkt habe, dass man dieses Kriterium als Maßstab, als Werkzeug nimmt, wer dazu gehört und wer nicht, habe ich gedacht, jetzt erst recht!

Sie wurden nicht nur von der Literaturschickeria heftig kritisiert, sondern auch von türkischstämmigen Menschen, von denen man eigentlich erwartet hätte, dass sie mit Ihnen sympathisieren. Sie haben diese Leute als ,Assimil-Zombis‘ beschimpft. Wieso wurden Sie überhaupt von ihnen angegriffen?

"Die Aufklärung hat die Magie zum Zerplatzen gebracht." (© Nimet Seker)

"Die Aufklärung hat die Magie zum Zerplatzen gebracht." (© Nimet Seker)

Ich habe ja immer gedacht: ,Na, das ist aber eine Vorstellung von Integration!‘ Der integrierte Türke ist ein Zombie, nämlich einer, der diese öde, furchtbar banale Kleinbürgerexistenz anstrebt. Und tatsächlich habe ich rechts und links geguckt und gesehen, dass diese Türkischstämmigen – sie mögen sich als Akademiker bezeichnen – im Grunde genommen auf so eine einfache Art und Weise zu den Primitiven der Moderne geworden sind. Ich dachte, ,Gestern Türke, heute Bananenpflücker‘, also auf den Plantagen der Moderne haben sich diese Leute herumgetrieben. Ich weiß ganz genau, was sie hören, ich weiß ganz genau, wohin sie in Urlaub fahren, ich weiß ganz genau, wofür sie schwärmen. Und vor allem weiß ich ganz genau, was das ist: die öde Kleinbürgerhölle. Und das habe ich in dieser Deutlichkeit auch gesagt. Ich wurde ja zu solchen Veranstaltungen eingeladen, und ich wurde niedergemacht. Ich bin kein Masochist, aber ich war der Ansicht, ich müsse es auch vor denjenigen sagen, die ich meine. Es gab heftige Gefechte. Ich bin ein Unterschichtler, ich vergesse es nicht. Aber eins vergesse ich auch nicht: Ich gehöre der Gegenaufklärung an. Ich bin kein Anhänger der Aufklärung. Und wenn ich diese armen Seelen im Fegefeuer der Aufklärung sehe, finde ich das mindestens sehr bedauernswert.

Es hat lange gedauert, bis Sie vom Feuilleton ernst genommen wurden. Spätestens seit Ihrem Erfolgsroman Leyla gehören Sie zu den Starliteraten der gegenwärtigen deutschen Literatur. Sie waren auch für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert. Wie schätzen Sie den Einfluss Ihrer Literatur ein, und was leistet die Literatur für Sie persönlich?

Jeder, der unter 50 ist, wird in Deutschland als junger Schreiber angesehen. Insofern habe ich noch sieben Jahre, bis ich nicht mehr jung bin. Dann bin ich Schriftsteller. Ich gehörte, wie es immer so ist, lange Jahre zu den Talenten. Aber ich muss auch in einer Selbstkritik sagen, dass ich ein bisschen länger als notwendig gebraucht habe, um zu sehen, dass ich nicht vom Fleck komme. Das eine ist, herumzuwüten. Das andere ist, dass zum Erzählen mehr gehört als nur Wut. Wenn ich jetzt nach meinem Einfluss gefragt werde, muss ich mich natürlich in Bescheidenheit üben. Dazu kann ich sehr schlecht etwas sagen. Gestern war ich der holpernde Salonhooligan, heute bin ich der deutsche Dichter. Ich freue mich immer, wenn ein Buch angenommen wird. Deswegen schreibe ich auch.

Solche Leute wie ich sind nicht ganz sauber. Ich kann nicht stillstehen. Ich kenne das Gefühl von Zufriedenheit nicht, ich will es auch nicht. Die Leute sind glücklich, schön. Ich bin nicht unglücklich, ich weiß, was Glück bedeutet, und da ich das in diesem Leben nicht bekommen werde, bin ich, na wie soll ich sagen, etwas melancholisch. Das Schreiben ist für mich eine Art Entgiftung. Menschen wie ich müssen immer wieder entgiften. Ich muss die Bilder in meinem Kopf loswerden. Der eine oder andere wird mir den Vogel zeigen, und sagen: ,Du kannst nicht loslassen.‘. Na ja, losgelassen habe ich in der Sekunde meiner Geburt, wie wir alle. Aber natürlich hat es was mit einer Illusion zu tun, die schöne Illusion, etwas am Zipfel zu packen. Ich weiß, was das Glück ist, ich weiß, dass man es sich auch verdienen muss. Das Schreiben ist für mich elementar und eine Herzensangelegenheit. Es wird so weiter gehen, solange mir die Ideen nicht ausgehen.

In Ihrem aktuellem Buch Liebesbrand geht es um die romantische Liebe. Wie stark ist der autobiografische Bezug in diesem Buch?

Die Geschichte ist erfunden. Sie ist ein Produkt meiner Phantasie. Was den Ich-Erzähler anbelangt, den ehemaligen Börsenmakler, seine Talfahrten, sein romantisches Ausdrucksgefühl, das hasserfüllte, wütende, brennende Verlangen, kann ich schon sagen, das ist mein authentischstes Buch. Ich muss noch 30 bis 40 Seiten schreiben, bis ich mit meinem neuen Roman fertig werde. Da gehe ich, glaube ich, noch einen Schritt weiter. In ihm geht es um die große Sehnsucht und wohin es einen führt, wenn man sich nicht vorsieht, und man sieht sich nie vor.

In einem Interview haben Sie einmal gesagt, dass die Liebe ,hochreaktionär‘ sei. Was meinen Sie genau damit?

Ich bin nicht geneigt, wie man aus dem Gesagten schon heraushört, den Pinschern der Moderne irgendeine Leistung zuzubilligen. Die Aufklärung hat die Magie zum Zerplatzen gebracht. Sie haben die Träume zerstört. Sie haben versucht, den Glauben zu zerstören. Einige haben Gott für verrückt erklärt, sind aber selber verrückt geworden. (lacht) Wie kommt denn das nur? (lacht) Sie haben also versucht, ein riesiges Loch mit Bildern zu füllen. Es sind aber künstliche Bilder, nicht jene Traumbilder, nicht jene magischen Bilder, nicht die Glaubensextrakte, die seit Bestehen des Menschen, seit seiner Erschaffung Bestand haben. Wenn ich sage, die Liebe ist hochreaktionär, dann ist das eine ganz bestimmte Erfasstheit von einer Trauer, die wir nie loswerden können, solange wir leben, aber auch von großer Freude, von Auf- und Abschwüngen. Mich interessiert nur die Liebe zwischen Mann und Frau, alles andere finde ich uninteressant. In der Liebe zwischen Mann und Frau ist ja nur ein einziger gemeint. Ausschließlichkeit und Ausschluss spielt eine große Rolle in der Liebe. Wenn das nicht reaktionär ist – und ich meine das Wort reaktionär positiv – dann weiß ich nicht, was sonst reaktionär sein soll.

Sie nehmen ja auch an aktuellen politischen Debatten teil. Sie waren zeitweise auch Mitglied der Islam-Konferenz. Wie bewerten Sie die Lage der Muslime und Deutschland im Hintergrund des ,Anti-Islamisierungskongresses‘ in Köln?

Zum Antiislamisierungskongress in Köln: Da kommen faschistische Pinscher daher, und glauben doch tatsächlich, dass sie den Glauben verkläffen können. Es gab in der Vergangenheit immer wieder törichte Personen, die diesen völlig sinnlosen Versuch unternommen haben. Sie werden kommen, sie werden kläffen, aber die Karawane zieht weiter.

Was die Entwicklung hier betrifft, bin ich sehr gut gelaunt. Ich bin deswegen sehr gut gelaunt, weil wir trotz der Versuche, gläubige Muslime in Verruf zu bringen, trotz dieser Störmanöver von Profilneurotikerinnen und –neurotikern, gesehen haben, dass es einen organischen Zuwachs gibt. Der Innenminister hat einmal was Gutes gesagt, der Islam ist ein Teil dieses Landes. Ich würde noch dazu sagen, dass auch die Muslime ein Teil dieses Landes sind. Es ist eine Entwicklung, die nicht aufzuhalten ist. Ich sehe natürlich viele falsche Propheten viele falsche Verkünder, die mit dem Feuer spielen. Ich sehe andererseits aber auch einen großen Strom von Menschen, die sich nicht von irgendwelchen Appellen aufhalten lassen, ihren Glauben bitte schön auszuleben. Und ob das nun Antiislamisierungquatsch heißt, oder Anti-Islam-Quatsch, es gibt ja immer diese Saisonarbeiter der Aufklärer. Sie kommen und werden auch wieder gehen. Ich habe allen Grund zu großer Heiterkeit. Die Karawane zieht weiter. Viel später wird man dann die Skelette der Hunde in der Wüste zählen.

Zu Beginn der Islam-Konferenz haben Sie ja bemängelt, dass ausschließlich nur sogenannte Islam-KritikerInnen eingeladen waren. In einer öffentlichkeitswirksamen Aktion haben Sie dann Ihren Platz für eine gläubige Muslimin angeboten. Wie war die Reaktion auf diese Aktion von Ihnen?

Selbsterklärte Feministinnen und Islam-Skeptikerinnen – keine Ahnung was das heißen soll – haben mich natürlich angegriffen. Sie haben mit Lügen, mit Unwahrheiten, mit Verdrehungen und Manipulation gearbeitet. Sie haben versucht, den Eindruck zu erwecken, als wäre das für mich eine Show. Komischerweise hat auf deutscher Seite bis auf eine Ausnahme kein Zweifel bestanden, dass ich es wirklich ernst meine. Dutzende und aber Dutzende gläubige Muslima haben sich gemeldet, und sagten, wir haben uns vor der Konstitution der Islam-Konferenz selber gemeldet, also es gab die Möglichkeit, das kam dann auch raus. Aber auf sie wurde nicht eingegangen. Jetzt gibt es den Versuch, mich wieder zurückzuholen. Aber solange dort keine gläubige Muslimin ist, die Verleumdungen und Lügen begegnen kann, habe ich dort nichts zu suchen.

Die Türkei ist ja Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Welche türkischen Schriftsteller mögen Sie am meisten? Mit welchen pflegen Sie am meisten Austausch?

Von Austausch kann ich leider nicht reden. Mit meinem Türkisch ist es leider nicht so gut bestellt. Ich habe nicht dasselbe Lesevergnügen, wenn ich türkische Bücher lese. Das ist eine Frage der Sprache, und auch eine Frage der Liebe zu einer Sprache. Ich muss sagen, Sprachverlust und Sprachverfall ist immer sehr schade. Unabhängig von formellen Sprachfragen ist es auch so, dass ich sehr selten in die Türkei komme, und dass auch selten türkische Autoren nach Deutschland kommen. Jetzt werden einige Autoren, ich glaube einige Hundert, nach Frankfurt kommen. Ich muss fast schon auf meine Unkenntnis hinweisen, was moderne gegenwärtige türkische Literatur anbetrifft. Necip Fazil Kisakürek zum Beispiel mag ich sehr gerne.

Ich lese ja fast nur Krimis. Und ich lese Celil Oker, seine Istanbul-Krimis. Ich warte und warte und warte, dass er endlich mit einem neuen kommt. Der letzte war vor vier Jahren. Ich sagte, ,Celil Abi, etme eyleme. Mein Vater wartet, ich warte‘. ,Ja‘, sagte er, ,ich danke dir, und hör auf, meine Hand zu küssen.‘. (lacht) Es ist einfach schwer, ich kriege den Fall nicht gelöst. Ich bitte ihn ständig, endlich weiterzumachen (lacht).

Viele türkische und deutsche Autoren werden auf der Frankfurter Buchmesse sein. Welche Chancen und Gelegenheiten sehen Sie dabei? Was darf man auf  keinen Fall verpassen?

Also ich bekomme meinen Lese- und Terminplan für die Buchmesse erst in den kommenden Tagen. Dann weiß ich so etwa, was ich zu tun habe. Ich weiß aber, dass ich am Sonntag mit der Schriftstellerin Elif Shafak zusammen auftrete. Es hat für mich eine sehr emotionale Bedeutung, dass die Türkei Gastland wird. Das bedeutet mir wegen meiner Eltern natürlich sehr viel. Ich werde auch wie jeder, der da herum geht, in der freien Zeit auf das Angebot schauen. Das meiste werde ich vor Ort entscheiden.

Sie haben vorhin von Ihrem neuen Buch gesprochen. Worum wird es da gehen? Wie viel dürfen Sie uns schon vorab verraten?

Ich darf nicht viel verraten, aber es wird um die Sehnsucht gehen. Wenn man bei Liebesbrand sagen kann, dass es die Liebe ist, wird man beim nächsten Buch – Titel steht fest, aber ich darf es nicht verraten – schon sagen, dass Männer und Frauen miteinander in seltsamen Begebenheiten verkettet sind, natürlich auf der Suche nach Erfüllung. Das ist jetzt sehr abstrakt, ich kann nur sagen, Schauplätze sind Ankara, Istanbul, Berlin, der Norden, wieder Prag und Budapest. Und es wird immer darum gehen, dass in das Leben der Menschen das Alte einbricht. Entweder bricht Gott ein, oder es bricht das Alte ein, das Weggelegte, das Abgelegte. Und es geht darum, wie sich die Männer und Frauen darum gruppieren.

Herr Zaimoglu, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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