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Auszug aus der Frühjahrsvorschau 2012 des Herder Verlages: Nicht Sarrazin. Güvercin! Die Rettung des Abendlandes. – Ein realistischer Blick auf die deutschen Muslime – Porträt einer Aufsteigergeneration, die unser Land positiv verändert – Vorwort von Feridun Zaimoglu – Streitschrift jenseits … Weiterlesen

“Entsäkularisierte Islamisierung der Integrationsdebatte”

Seit Jahren wurde über eine Einführung des Islamischen Religionsunterrichts und eine Islamische Theologie an deutschen Universitäten diskutiert, ohne wirkliche Fortschritte zu machen. Doch in den letzten Monaten ist ein auffälliger Aktionismus seitens des Staates zu erkennen. Binnen kürzester Zeit sollen an verschiedenen Standorten Professuren für Islamische Theologie entstehen, die zukünftige Theologen und Religionslehrer ausbilden sollen. Der Islamwissenschaftler Rainer Brunner, der an der Universität Freiburg arbeitet und am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) in Paris forscht, wirft im Gespräch mit Eren Güvercin einen kritischen Blick auf diese Entwicklung.

Nach den Empfehlungen des Wissenschaftsrates an deutschen Hochschulen Zentren für islamisch-theologische Forschung zu etablieren, wird nun von staatlicher Seite in atemberaubendem Tempo verschiedene Standorte mit beträchtlichen Geldern ausgestattet, um die Islamische Theologie einzuführen. Wie bewerten Sie als Islamwissenschaftler diese Entwicklung?

Rainer Brunner: Die gesamte Debatte scheint mir überhaupt erst einmal den politischen Umständen geschuldet zu sein. Mit dem Artikel 7 Absatz 3 des Grundgesetzes, das den bekenntnisgebundenen Religionsunterricht vorschreibt, wird die Notwendigkeit für gewisse Voraussetzungen wie etwa Lehrerausbildung und letzten Endes natürlich auch Theologenausbildung geschaffen.

Die Gründung der islamischen Theologie scheint mir politisch gewollt zu sein. Das hat in Verbindung mit verschiedenen anders gelagerten politischen Debatten der letzten zehn Jahre – etwa über die Sicherheitspolitik – eine, wie ich finde, geradezu groteske Überforderung und auch Erwartungshaltung der Politik zur Folge. Man will hier sozusagen einen aufgeklärten Islam europäischen Zuschnitts etablieren, ohne dass es dafür im Augenblick sichtbar irgendwelche strukturellen und personellen Voraussetzungen gibt. Auf der anderen Seite aber will man auch so etwas wie Sozialarbeiter ausbilden, Integrationslotsen im weiteren Sinne.

Man betreibt so, wie ich meine, eine ziemlich weitgehend entsäkularisierte Islamisierung der Integrationsdebatte. Über viele Jahre hinweg hat man gesagt, Integrationsprobleme seien vielfältiger Natur, also sozialer, wirtschaftlicher und bildungspolitischer Natur. Das halte ich auch für richtig. Umso alarmierender finde ich, wenn es doch irgendwie alles eingeschränkt wird auf den Islam. Die Imam-Ausbildung, die hier angestrebt wird, soll ja zu nichts anderem führen als zu einem muslimischen Sozialarbeiter, was dann letzten Endes zu einer Islamisierung der Muslime führt.

Christian Walter, Professor für Öffentliches Recht an der Universität Münster, sprach im Zusammenhang mit der Einrichtung islamisch-theologischer Zentren auch von einem “legitimem Zähmungsinteresse” des Staates.

Rainer Brunner: Diese Äußerung von einem “legitimen Zähmungsinteresse” läuft natürlich darauf hinaus, dass man sagt, man möchte dem Fundamentalismus entgegenwirken. Das ist im Prinzip durchaus ehrenwert. Ich halte es allerdings aus zwei Gründen für ein bisschen problematisch. Die Durchsetzung eines aufgeklärten Islams, der nach Frau Schavan vor Aberglaube oder Irrglaube schützen soll, ist nicht Aufgabe des Staates. Es gehört nicht zu den Aufgaben eines Staates zu beurteilen, was Aberglaube oder Irrglaube ist. Was in dieser islamischen Theologie, wenn sie einmal eines Tages kommen sollte, dann irgendwann gelehrt wird, das ist Sache der Muslime selbst.

Was das “Zähmungsinteresse” betrifft, so halte ich es da eher mit dem französischen Islamwissenschaftler Olivier Roy, der die These vertritt, die Entkoppelung der Religion – er spricht dabei nicht nur von einer Religion, sondern von Religion allgemein – von der umgebenden Kultur sei ein Hauptmotiv oder ein Hauptgrund für die Radikalisierung von Religionen. Wenn man dieser These folgt, der ich einiges abgewinnen kann, dann scheint mir jedenfalls der Versuch, über eine staatlich protegierte Theologie eine Religion zähmen zu wollen, dem Versuch ähnlich zu sein, wieder den Senf in die Tube zurück zu drücken.

In diesem rasanten Tempo, mit dem die Etablierung einer Islamischen Theologie von statten geht, ist auffällig, dass die Basis, also die muslimischen Gemeinschaften, die ja schließlich die Abnehmer der zukünftigen Theologen sein werden, kaum in diesen Prozess eingebunden sind.

Rainer Brunner: Ich wüsste nicht, wie die Basis tatsächlich konsultiert werden könnte. Letzten Endes geht es hier natürlich um Repräsentationskämpfe. Wer spricht für die Muslime?

Nach allem, was man weiß, vertreten die muslimischen Dachverbände ohnehin nur 20 bis 25 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime, treten aber mit dem Anspruch auf, für die Muslime zu sprechen. Deswegen scheint es mir auch völlig klar zu sein, wenn dann von Verbandsseite, sprich von den Beiräten, die für die Berufungsverhandlungen eingerichtet werden sollen, Einsprüche kommen. Dann wird es mit der Akzeptanz schwierig. Das Beiratsmodell stößt ja allenthalben auf große Kritik, weil auch überhaupt nicht klar ist, aufgrund welcher Autorität und welcher Grundlage überhaupt gegenbenenfalls Einspruch erhoben werden soll oder kann.

Auf diese Grenzziehung, die zweifellos eines Tages stattfinden wird, bin ich sehr gespannt, wenn es dann nämlich heißt, die wissenschaftliche Entscheidung, die wissenschaftliche Qualifikation sei natürlich ausschließlich Sache der Universität. Die Beiräte hätten nur ein Mitspracherecht in Sachen der religiösen Lebensführung. Ich kann mir nicht so wirklich vorstellen, wo da eines Tages eine Grenze gezogen werden soll. Ich bin da mal sehr gespannt darauf.


http://www.heise.de/tp/artikel/35/35165/1.html

Castingshow der Werte

Traditionell, säkular, radikal: In der Islamdebatte wird viel mit liberalen oder konservativen Etiketten hantiert – das wird den Muslimen nicht gerecht

Die Vertreter eines „liberalen“ Islam stellen eine neue Variante des politischen Islam dar.

Die Vertreter eines „liberalen“ Islam stellen eine neue Variante des politischen Islam dar. (Illustration: Otto)

Der Islam gründet sich auf fünf Säulen: das Glaubensbekenntnis, das rituelle Gebet, das Fasten im Monat Ramadan, die Zakat (verpflichtende Sozialabgabe) und die Pilgerfahrt nach Mekka. Aber kann man auf „liberale“ oder „konservative“ Art das rituelle Gebet verrichten oder die Zakat zahlen? Zumindest stellt sich diese Frage im Diskurs um einen gemäßigten Islam.

Denn verschiedene Akteure bieten sich unter dem Etikett „liberal“ und „säkular“ der Politik und den Medien als Gesprächspartner an. Sie erklären sich selbst zum Sprecher für eine angeblich „schweigende Mehrheit von Muslimen“. Doch handelt es sich dabei um ein schwaches Konstrukt, das wohl hauptsächlich dazu dienen soll, sich selbst als Repräsentant eines vorgeblich zeitgemäßen Islam im umkämpften Markt der Berufsmuslime zu legitimieren. Denn genaue Zahlen über die „schweigende Mehrheit“ existieren nicht.

Mehr noch: Während man sich mit lautem Getöse von den großen Verbänden rhetorisch abgrenzt und diese als Vertreter von „Radikalen“ oder „Islamisten“ stigmatisiert, bleiben die eigenen Ideen doch ziemlich blass. Außer einem Bekenntnis zum deutschen Grundgesetz und der Abgrenzung zu Nicht-Liberalen finden sich kaum zukunftsfähige Ideen, die Themen aus der Lebenswirklichkeit insbesondere junger Muslime aufgreifen. In der Konfrontation mit der Gruppe der angeblich Schweigenden zeigt sich dann manchmal ihr wahres Gesicht: Zwar geben die Sprecher der Liberalen vor, die schweigende Mehrheit der Muslime vor islamfeindlichen Angriffen rhetorisch schützen zu wollen. Doch verfallen sie bei Kritik durch Muslime, die kein Marken­label mit sich herumtragen, schnell in einen unsachlichen Ton. Und benutzen dann jene Rhetorik, die sie im Lager der Islamkritiker selbst bemängeln.

Die Vertreter eines „liberalen“ Islam stellen eine neue Variante des politischen Islam dar. Denn sie spielen in der öffentlichen Debatte eine bestimmte Rolle, und werden auch von Medien, Stiftungen und staatlichen Institutionen hofiert und gezielt eingesetzt. Zwar ist es wichtig, dass auch diese Muslime sich organisieren. Das steht nicht zur Diskussion. Jedoch wird die Rhetorik, die die „liberale“ Fraktion in der Öffentlichkeit verwendet, von vielen jungen Muslimen, die sich weder durch die großen islamischen Verbände, noch durch diesen neuen politischen Islam vertreten fühlen, mit großer Skepsis verfolgt. Denn viele junge deutsche Muslime verorten sich jenseits der Label „liberal“ oder „konservativ“. Auch wenn sie sich als gläubige Muslime bezeichnen – sie verweigern sich aus ihrem Selbstbewusstsein heraus diesen Zuordnungen.

Keine Lust auf Labels

Gerade in den vergangenen Jahren, in denen immer intensiver und leider auch hysterischer über den Islam debattiert wurde, wird der Begriff „liberaler Islam“ geradezu inflationär gebraucht. Einige religiös-beschleunigte Ideologen haben versucht, den Islam zu politisieren. Nun tun die Liberalen es ihnen nach, obgleich sie sich an eine nichtreligiöse Öffentlichkeit richten.

Dennoch ist die Resonanz an der Basis dürftig. Der neue Diskurs wird zwar medial aufgebauscht, aber die kritische Haltung der muslimischen Community zur politischen Instrumentalisierung – egal ob aus „liberalem“ oder „konservativem“ Lager – führt dazu, dass diese neuen Ettiketen nicht fruchten.

Interessant ist auch, dass die liberalen Sprecher immer wieder versuchen, sich als Antipoden zu der Islam-Kritikerin Necla Kelek oder zu Thilo Sarrazin zu profilieren. Nur bleibt den jungen Muslimen nicht verborgen, dass sich erstaunlicherweise die Positionen manch „liberaler“ Muslime und die von Islam-Kritikern wie Necla Kelek immer mehr annähern. Das ist der öffentliche Druck, der diese Entwicklung mit sich bringt. Und es ist das Wesen der Dialektik. Denn wenn man die eigene Position dadurch definiert, dass man ständig etwas ablehnt, ähnelt man am Ende immer mehr der Haltung, gegen die man anfänglich angetreten ist.

Auf der öffentlichen Bühne präsentieren sich die Wortführer dieses „liberalen“ Islams gerne als modern, fortschrittlich und kritisch, aber gegenüber Nachfragen, was denn nun eigentlich unter einem „liberalen“ Islam zu verstehen sei, kommen vor allem verstörende Reaktionen. Denn die zur Schau gestellte Toleranz ist oft leider nur ein Lippenbekenntnis, die sachliche Kritik wird nicht selten als Anzeichen einer radikalen Gesinnung gesehen, persönliche Diffamierungen sind die Folge und jede Kritik an der Methodik wird in Misskredit gebracht.

Doch die Realität besteht eben nicht aus gegensätzlich gepolten Menschen. Die Mehrheit der deutschen Muslime sind gegen jegliche Art von Etikettierung. Sie definieren sich nicht über solche Labels, sondern formulieren ihre Positionen aus eigenem Selbstbewusstsein heraus, und machen sie nicht davon abhängig, welche Position sich medial besser verkaufen lässt.

Bis jetzt gibt es zumindest keine zufriedenstellende Definition des „liberalen Islam“. Viele Muslime in den großen Verbänden stehen einer Vielzahl von Fragen tolerant gegenüber, gleichzeitig sind sie in anderen Fragen konservativ. Vor allem Frauen mit Kopftuch werden automatisch als konservativ eingestuft. Wenn sie dann ihre Meinung äußern, sind viele irritiert, weil sie nicht in die vorgefertigten Schablonen passt. Genau da liegt der Punkt: Menschen kann man nicht in Schubladen einordnen. Erst recht nicht wegen eines Kopftuchs.

Ein neues Forum

Jürgen Wertheimer, Professor für Literatur in Tübingen, hat kürzlich zutreffend analysiert, dass die Politik immer noch in Werte-Kategorien denkt, die in der Gesellschaft kaum noch eine Rolle spielen. Begriffe wie konservativ oder liberal haben aus Sicht des Akademikers in den Augen der Bürger längst ihren Inhalt verloren. „Menschen denken heute nicht mehr in solchen Werte-Kategorien wie konservativ oder liberal, sondern wollen über konkrete Sachverhalte reden und entscheiden“. Der Rückgriff auf traditionelle Wertesysteme sei für Politiker vor allem von strategischer Bedeutung: „Für sie sind Wertekategorien so ungeheuer faszinierend, weil sie eine klare Aussage zu beinhalten scheinen.“

Wenn man also sagt: „Ich bin für Freiheit!“, „Ich bin für soziale Gerechtigkeit!“ oder „Ich bin für einen liberalen Islam!“ dann wird niemand widersprechen. Aber zugleich weiß jeder, dass damit inhaltlich nur sehr wenig ausgesagt wird. Wenn sich Parteien heute auf den Konservatismus, den Liberalismus oder den Sozialismus berufen, sei das nichts anderes als eine „Castingshow der Werte“, sagt Wertheimer.

Im Rahmen der Deutschen Islamkonferenz hat der Staat versucht, mit den deutschen Muslimen ins Gespräch zu kommen. Auch wenn die anfängliche Euphorie, die es noch zu Zeiten von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble gab, mit seinem Nachfolger Hans-Peter Friedrich nun endgültig verflogen ist, besteht immer noch die Möglichkeit eines fruchtbaren Dialogs. Dieser kann aber erst dann Wirklichkeit werden, wenn sich auch unter den Muslimen eine Streitkultur etabliert hat. Bisher gab es kein Forum, in dem die ganze bunte Gruppe der deutschen Muslime – seien es nun Vertreter der Verbände oder Einzelpersonen – zusammenkommen und über Grundsatzfragen miteinander diskutieren. Erst die Debatte untereinander kann eine Dynamik entwickeln, die für neue Impulse in der Islamkonferenz sorgt.

Alternative Islamkonferenz

Ansätze für solch ein Forum gibt es bereits. Unter dem Namen „Alternative Islamkonferenz“ versucht eine Gruppe junger Muslime, die Grabenkämpfe zwischen den verschiedenen Fraktionen zu überwinden und einen Diskussionsprozess in Gang zu setzen. Ehemalige Teilnehmer der Islamkonferenz finden diesen Schritt sinnvoll, da sie gerade aus diesem Grund aus der Islamkonferenz ausgestiegen sind, wie etwa der Schriftsteller Feridun Zaimoglu. Er sieht einen großen Bedarf einer solchen Debattenplattform und unterstützt deshalb diese Initiative.

Die Etablierung einer innermuslimischen Streitkultur könnte nicht nur ein wichtiger Schritt sein, um die Dialektik zwischen einem „liberalen“ und „konservativen“ Islam zu überwinden, sondern auch ein produktiver Beitrag für die Islamdebatte sein.

Aber in der letzten Zeit gibt es seitens der Politik immer wieder die Klage, dass der Dialog so schwer falle, weil es keine Einrichtung gebe, die mit Autorität für alle sprechen könne. Der Staat lechzt aus Angst vor der Freiheit, die seine Verfassung verspricht, nach Funktionären, die mit ihresgleichen verhandeln und Verträge schließen. Aber die meisten Muslime wollen ganz einfach ihre Religion leben, die kein politisches oder kulturelles Bekenntnis bedeutet.


http://www.freitag.de/positionen/1125-castingshow-der-werte

Eine Replik auf meinen Freitag-Beitrag von der Vorsitzenden des Liberal-Islamischen Bundes, Lamya Kaddor, in der Süddeutschen Zeitung:


http://www.sueddeutsche.de/karriere/islamischer-religionsunterricht-in-nrw-muslimisch-jung-konservativ-1.1129037

Islamische Studien als intellektuelle Herausforderung

Peter Strohschneider, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, über die Empfehlung, an deutschen Hochschulen Zentren für Islamische Studien einzurichten und Religionsgelehrte auszubilden

Nach den [extern] Empfehlungen des Wissenschaftsrats “zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen” sollen an zwei bis drei Hochschulen Zentren für islamisch-theologische Forschung aufgebaut werden. Ausdrücklich fordert der Wissenschaftsrat, Islamstudien und Forschung sowie die “fundierte Ausbildung von Religionsgelehrten” an staatlichen Hochschulen vorzunehmen – und nicht Privat-Einrichtungen zu überlassen. Prof. Dr. [extern] Peter Strohschneider ist Ordinarius für Germanistische Mediävistik an der Universität München und der Vorsitzende und Generalsekretär des Wissenschaftsrats.

"Es wird die Stimme der Muslime in der nach wie vor christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft vernehmbarer, vielfältiger und auch artikulationsfähiger machen."

"Es wird die Stimme der Muslime in der nach wie vor christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft vernehmbarer, vielfältiger und auch artikulationsfähiger machen."

Der Wissenschaftsrat fordert in seinen Empfehlungen, dass staatliche Hochschulen künftig Studiengänge für Imame und muslimische Geistliche anbieten. Der Studiengang “Islamische Studien”, sagen Sie, sei eine Disziplin mit intellektueller Herausforderung. Inwiefern?

Peter Stroschneider: Islamische Studien, in dem Sinne einer wissenschaftlichen, theologischen Selbstreflexion islamischer Frömmigkeit und islamischer Religion, ist eine Herausforderung, und zwar glaube ich sowohl für die Universität und die in der Universität bereits etablierten wissenschaftlichen Disziplinen, wie auch für die Islamischen Studien in diesem genannten Sinne selbst. Die Herausforderung besteht einfach darin, dass – wie soll ich sagen – religiöse, intellektuelle, kulturelle und sprachliche Differenz selbstverständlich eine entscheidende Frage für den Islam ist, dass Differenz intellektuell bearbeitet werden muss. Herausforderung wäre dann ein sehr positiv wertender Begriff.

Wissenschaft lebt von intellektuellen Herausforderungen und von der Fähigkeit, sich irritieren zu lassen, und zwar gegenseitig sich irritieren zu lassen. Und in diesem Sinne ist die Institutionalisierung einer islamischen Theologie an deutschen Universitäten nicht nur für die intellektuelle Selbstreflexion der Muslime eine wichtige Geschichte, nicht nur ein integrationspolitisch wichtiges Projekt, sondern auch für die Universität ein intellektuell, strukturell wichtiges Projekt.

Was für Auswirkungen könnte dies auf die Islamwissenschaft haben? Da gibt es ja seitens der Islamwissenschaftler einige Bedenken…

Peter Stroschneider: Der Unterschied in dem Wortgebrauch, den wir vorgeschlagen haben und der durchaus mit Risiken verbunden ist, z.B. schon dann, wenn man es ins Englische übersetzt, denn dann wäre Islamic Studies genau das, was wir in Deutschland auf Deutsch Islamwissenschaften nennen im Unterschied zu den Islamischen Studien. Deren Differenz wird dadurch markiert, dass Islamische Studien als theologisches Fach – jetzt verwende ich wieder einen Begriff der christlichen Tradition, von dem ich weiß, dass er nicht einer der islamischen Tradition ist, aber die deutsche Sprache stellt in dieser Weise nur christliche geprägte Begrifflichkeiten oder Begriffe mit christlichen Traditionshintergründen zur Verfügung – an ein Bekenntnis zum Islam gebunden sind, die Islamwissenschaften sind dies jedoch nicht. Sie sind eine bekenntnisungebundene Wissenschaft, so wie dies auch Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft sind. Islamische Studien sind eine bekenntnisgebundene Wissenschaft in dem strukturellen Sinne, in dem evangelische Theologie und katholische Theologie bekenntnisgebundene Wissenschaften sind.

Um die dazu erforderliche Zusammenarbeit zwischen Staat und muslimischer Glaubensgemeinschaft auf eine verlässliche Grundlage zu stellen, schlägt der Wissenschaftsrat vor, an den entsprechenden Studiengängen anbietenden Hochschulen theologisch kompetente Beiräte für Islamische Studien einzurichten. In den Beiräten sollen auch die islamischen Verbände vertreten sein. Aber es gibt auch einige Kritiker, die in einem solchen Beiratsmodell die Verbände zu stark vertreten sehen.

Peter Stroschneider: Diese Problematik ist uns klar. Die haben wir auch im Wissenschaftsrat von Anfang an gesehen. Wir machen auch nicht einen Vorschlag für den Beirat auf der Ebene, auf der festzulegen wäre, wer konkret wen vertreten soll, sondern wir wollen das Prinzip deutlich machen. Und das Prinzip lautet, dass in diesem Beirat drei Gruppen vertreten sein sollen. Erstens Repräsentanten muslimischer Verbände. Diese haben keinen Kirchenstatus, sie bemühen sich zum Teil um den Rechtsstatus einer Religionsgemeinschaft, das sind aber umstrittene Angelegenheiten. Hier gibt es auch zwischen den Muslimen heftige gesellschaftliche, sozio-kulturelle Monopolkämpfe. Gleichwohl sind sie eine wichtige Stimme der Muslime in Deutschland, sie können nicht einfach ignoriert werden.

In dem Beirat sollen zweitens muslimische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sein, denn ein großer Teil der deutschen Muslime ist nicht in den Verbänden organisiert, und drittens Theologen. Das können deutsche, das werden – vermute ich – wahrscheinlich auch ausländische Theologen sein, denn der Parallelfall wäre die Beteiligung von Kirchen. Wenn Sie Kirchenvertreter in ein ähnliches Gremium einladen, dann haben Sie theologische Kompetenz immer schon dabei, weil alle Kirchenvertreter Theologie studiert haben. Das ist in den Verbänden anders, weil sozusagen das Verhältnis zwischen der gemeindlichen und der theologischen Ebene des Islam im Islam eben anders ist als unter den Bedingungen christlicher Kirchenverfassungen.

Die Funktion der Beiräte ist, dass der bekenntnisneutrale Staat nicht inhaltlich in die Frage der Gestaltung der Curricula eingreifen darf und dass er die Frage nicht prüfen darf, ob aus religiösen Gründen gegen Lehrende, also Professorinnen und Professoren, Einwände bestehen. Diese Einwände müssen nach unserer Religionsverfassung Kirchen- und Religionsgemeinschaften aber geltend machen können. Insofern braucht der Staat einen Adressaten für diese Zusammenarbeit, und diesen Adressat kann nach Lage der Dinge nur durch ein solches Beiratsmodell in der einen oder anderen Weise, je nach konkreter lokaler Ausgestaltung, organisiert werden.

Welche gesellschaftlichen Auswirkungen kann dieses Projekt haben?

Peter Stroschneider: Wenn das eintritt, was man sich wünscht, nämlich dass Islamische Studien als Theologie an deutschen Universitäten sich gut entwickeln, dann werden sie einerseits für den islamischen Diskurs in Deutschland eine wichtige Rolle spielen, weil es dann das gibt, was man eine Sprache, auch eine deutsche Sprache für die intellektuelle Selbstreflexion islamischen Glaubens nennen kann. Es wird ganz bestimmt einen Effekt haben auf die Universitäten insgesamt. Darüber haben wir gerade schon gesprochen. Und es wird die Stimme der Muslime in der nach wie vor christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft vernehmbarer, vielfältiger und auch artikulationsfähiger machen, als es in dem einen oder anderen Fall gegenwärtig gegeben ist. Das würde ich doch auch in, ich würde nicht sagen integrationspolitischer, aber in gesellschaftspolitischer Hinsicht für einen sehr erwünschten und notwendigen Effekt in einer zunehmend pluraler werdenden Gesellschaft halten.


http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33003/1.html