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Umweltkrise als spirituelle Krise

Der “Öko-Islam” kann Impulse setzen

Seit einigen Jahren gibt es seitens europäischer Muslime einen Umweltdiskurs, der ökologische Themen mit einer islamischen Ethik verbindet. Doch inwiefern kann man aus dem Islam Handlungsanweisungen für ökologische Nachhaltigkeit ableiten? Muslimische NGOs in Großbritannien könnten hier für die islamische Welt eine Vorbildsfunktion einnehmen.

In der islamischen Welt ist das Bewusstsein für Umweltthemen nicht sehr ausgeprägt oder besser gesagt gar nicht vorhanden. Ob man nun in Kairo, Istanbul oder Islamabad ist, das Thema Umweltschutz ist oft unbekannt, obwohl die daraus resultierenden Probleme immer gravierender werden. Dies umfasst nicht nur die mangelhafte Umweltpolitik vieler muslimischer Staaten, sondern auch den Alltag der Menschen. Der UN-Bericht zur Arab Human Development (siehe [local] Die arabische Welt gefangen im unaufhörlichen Mittelalter-Loop?) dokumentiert diese Rückständigkeit in der islamischen Welt in all ihren Facetten. Der arabische Autor Rami G. Khouri, der sich mit den Ergebnissen dieses Berichts auseinandergesetzt hat, sieht in der Art und Weise, wie die Menschen in der arabischen Welt mit der Umwelt und den Ressourcen umgehen, ein großes Problem. Es sei alles in allem ein “schmerzhaftes Gesamtbild”.

Großbritannien ist weiter: Prinz Charles, Islam und Umweltschutz

Beunruhigend ist vor allem der Trend, dass besonders in den Städten das Bevölkerungswachstum sehr hoch ist. Während 1970 38% der arabischen Bevölkerung in den Städten lebte, sollen es 2020 60% werden. Umweltprobleme wie verschmutztes Wasser, Wassermangel, Wüstenbildung und Anstieg des Meeresspiegels wie etwa in der Nil-Deltaregion werden vielerorts zu einer prekären Situation führen.

Auch wenn einige Prestigeprojekte geplant sind, wie etwa das Großprojekt der Öko-Stadt [extern] Masdar-City, auf den Alltag und das Handeln der Bevölkerung wird es keinen großen Einfluss haben. Ein Blick auf die Aktivitäten der europäischen Muslime könnte hier jedoch zeigen, wie es funktionieren könnte, die Bevölkerung für ökologische Themen zu sensibilisieren.

In Großbritannien ist es längst nichts außergewöhnliches, wenn im Zusammenhang mit Umweltschutz und ökologischer Nachhaltigkeit auch vom Islam die Rede ist. Erst im Juni hielt Prinz Charles im Sheldonien Theatre in Oxford einen [extern] Vortrag zum Thema “Islam und Umweltschutz”.

Darin setzte sich der britische Thronfolger mit dem Konzept des “Öko-Islams” auseinander, der aus den islamischen Quellen heraus Handlungsanweisungen für ökologische Nachhaltigkeit ableitet. In seiner Rede lobte Prinz Charles auch den Einsatz und die Arbeit der muslimischen NGO’s auf diesem Gebiet und sicherte diesen auch seine weitere Unterstützung zu.

Eine der bekanntesten Organisationen ist die britische Islamic Foundation for Ecology and Environmental Sciences, kurz [extern] IFEES. Sie ist eine bei der UNO registrierte NGO und eine Schwesterorganisation der international tätigen [extern] Alliance of Religions and Conservation (ARC), mit der sie zusammen Küstenschutzmaßnahmen im afrikanischen Raum entwickelt hat. In Sansibar hat sie etwa das erreicht, was viele Organisationen davor nicht erreicht konnten: die Beendigung der Dynamitfischerei.

Erst als die IFEES gemeinsam mit islamischen Gelehrten den Fischern deutlich machten, was die ökologische Ethik des Korans aussagt, konnten sie überzeugt werden. “In Sansibar haben wir durch den Koran das Verhalten der Menschen verändert”, sagt Fazlun Khalid, Vorsitzender der IFEES. “Diese haben die Korallenriffe mit Dynamit befischt. Durch unser Training wurde den Menschen bewusst, dass sie – wie das Meer, die Fische und die Korallen – auch Teil von Allahs Schöpfung sind. Als Khalifa sind sie die Sachwalter von Allahs Schöpfung und müssen sie bewahren. Dieses Bewusstsein war sehr wichtig. Kurz nach dieser Trainingssitzung hörte das Fischen mit Dynamit in den Korallenriffen auf.”

 

Welche Umweltkonzepte lassen sich aus dem Islam ableiten?

Die Arbeit der IFEES ist auf diesem Gebiet vorbildlich. Über ihre Initiativen in Großbritannien hat sie ein medienwirksames Bild eines Öko-Islams entworfen. Ihr Newsletter EcoIslam zeigt eine eindrucksvolle Synthese von islamischen Diskursen und Umweltdiskursen. Gekonnt werden Informationen auch über globale Zusammenhänge und praktische Maßnahmen für den Alltag vermittelt. IFEES ist mit anderen lokalen britischen Organisationen, die in den letzten Jahren entstanden sind, vernetzt. Gemessen daran stellt sich Deutschland bislang noch als ein Entwicklungsland dar. Doch welche Umweltkonzepte lassen sich aus dem Islam ableiten?

Die Soziologin Sigrid Nökel hat sich mit diesem Thema intensiv beschäftigt. Für die Stiftung Interkultur [extern] verfasste sie eine Untersuchung zum Thema Islam, Umweltschutz und nachhaltiges Handeln, die 2009 in der Reihe “Stiftung Interkultur – Skripte zu Migration und Nachhaltigkeit” erschienen ist. Bestimmte koranische Begriffe prägen dabei das Umweltkonzept des Islam. “In diesen Zusammenhang”, so Sigrid Nökel gegenüber Telepolis, “gehören Begriffe wie fitra – die Schöpfung – als ursprüngliche natürliche Ordnung; tawhid – die Einheit der Schöpfung, wonach alle Dinge der Welt miteinander in Beziehung stehen und, weil sie alle gleichermaßen Zeichen Gottes sind, alle gleich bedeutsam, wertvoll und bewahrenswert sind; mizan, die Balance, also der Zustand einer wohl geregelten Schöpfung, den es zu erhalten bzw. wiederherzustellen gilt.” Aus früheren Zeiten seien auch Regelungen bekannt, die man als Instrumente eines Natur- und Artenschutzes bezeichnen kann und die man heute versucht wiederzubeleben.

Dazu zählen so genannte Harim- und Hima-Zonen. Darunter fallen Schutzzonen um Quellen und Wasserläufe, die z.B. nicht besiedelt werden durften, um das Wasser nicht zu verunreinigen. “Oder es gab Wiesen- oder Waldbereiche, die nur zu bestimmten Zeiten, z.B. nach der Pollenernte oder wenn Trockenzeiten drohten und zu bestimmten Zwecken zur Nutzung freigegeben waren. Diese Maßnahmen gerieten im Zuge der Privatisierung des Bodens, der Intensivierung der Landwirtschaft und der zunehmenden Bebauung in Vergessenheit. Seit einigen Jahren versucht man, sie im Zuge von Wasser-, Ufer- und Artenschutzprojekten wieder einzuführen.”

Sehr konservativ und sehr aktuell

Seyyid Hussein Nasr, ein 1939 geborener muslimischer Philosoph und Theologe, hat eine Art Öko-Theologie erarbeitet. Nach seinem Ansatz stellen Natur, Mensch, Gott bzw. Himmel und Erde ein ursprünglich wohl ausbalanciertes Ordnungsgebilde dar. Seiner Ansicht nach verleugnen die Menschen diese Ordnung aber seit der europäischen Aufklärung und haben an ihre Stelle eine anthropozentrische Ordnung gesetzt, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und ihm mangels Bindung an eine höhere Ordnung freie Bahn gibt für die Ausbeutung der Natur.

Nasr zufolge ist der Mensch ein grenzenlos egoistisches und gieriges, aber gleichzeitig nach Transzendenz strebendes Wesen, das ohne kosmologische Verankerung aber keine wirkliche Befriedigung findet und daher in stetig gesteigertem Konsum und in perfektionierter Technik ein Ventil sucht. Die Umweltkrise ist für ihn eine spirituelle Krise. Diese Diagnose betrifft auch den Islam und die Muslime, die wieder zu ihrem ursprünglichen Weg zurückfinden müssten.

“Nasr setzt, in der Sufi-Tradition, vor allem am einzelnen Menschen an, der die kosmologischen Gesetze erkennen und sich in sie einfügen müsse”, erklärt Nökel. Die Orientierung am Spirituellen würde dann die Orientierung am Konsum ersetzen. “Das ist gleichzeitig sehr konservativ, aber auch sehr aktuell, wenn man an die allgegenwärtigen Forderungen in Richtung Konsumverzicht und Änderung des Lebensstils denkt”, betont Nökel. Es scheint, dass den Menschen in der islamischen Welt der Zusammenhang zwischen Religion und Umweltschutz nicht bewusst ist: “Wie es scheint, müssen Muslime sich erst noch über den Zusammenhang von Religion und Umwelt klar werden. Für viele sind das zwei völlig verschiedene Zusammenhänge, die sie bislang nicht zusammengeführt haben. Möglicherweise kann eine Idee wie der “Öko-Islam” Impulse setzen, sich mit dem Umweltthema zu identifizieren, sich und seinen Lebensstil wie seine Alltagsgewohnheiten im Hinblick darauf zu reflektieren.

 

Über Moscheegemeinden und islamische Gruppen würde man eine große Gruppe von Menschen erreichen, die sich sonst nicht angesprochen fühlen. Umweltdiskurse könnten hier verankert werden. Durch Vernetzungen mit anderen Umweltgruppen und -organisationen wäre die Umweltbewegung einen Schritt weiter.

Das Beispiel Großbritannien zeigt, dass man sehr wohl die Muslime für dieses wichtige Thema sensibilisieren kann, und welch’ großes Potential vorhanden ist. Fazlun Khalid von der IFEES betont, dass Muslime wie Nichtmuslime auf diesem Gebiet zusammenarbeiten müssen: “Wir haben keine andere Wahl, denn dies ist unser gemeinsamer Planet. Wir bereisen die gleichen Straßen, gehen in die gleichen Geschäfte, essen von den gleichen Bäumen und fällen die gleichen Bäume, von denen wir alle profitieren. Wenn ein Muslim einen Baum in seinem Garten pflanzt, könnte ein Christ oder ein Hindu, der irgendwo in Indien lebt, davon Nutzen ziehen.”

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33087/1.html

 

„Die Umweltkrise ist auch eine spirituelle Krise“

Seit einigen Jahren gibt es einen global geführten Umweltdiskurs, der ökologische Themen mit einer islamischen Ethik verbindet. Doch inwiefern kann man aus dem Islam Handlungsanweisungen für ökologische Nachhaltigkeit ableiten? Darüber sprach Eren Güvercin mit der Expertin Sigrid Nökel.

Seyyid Hussein Nasr

Der Theologe Seyyid Hussein Nasr stellt die Frage des ökologischen Gleichgewichts in den Kontext der Religion.

Frau Nökel, Sie haben in der Reihe “Stiftung Interkultur – Skripte zu Migration und Nachhaltigkeit” das Thema “Islam, Umweltschutz und nachhaltiges Handeln” behandelt. Es ist eher ungewöhnlich, dass der Islam im Zusammenhang mit Umweltschutz erwähnt wird. Welche Umweltkonzepte lassen sich auf Basis der islamischen Quellen ableiten?

Frau Dr. Nökel: Die Umweltprobleme, die wir kennen, resultieren aus der Industrialisierung und dem Kapitalismus und sind damit relativ jung. Die islamischen Quellen sind vor mehr als tausend Jahren in einem völlig anderen Kontext entstanden. Da kann man keine Hinweise erwarten, die auch nur halbwegs genau auf das zielen was wir heute als Umweltproblem wahrnehmen. Worauf man sich stützen kann, sind Vorstellungen genereller Art über die (wünschenswerte) Beziehung zwischen Mensch – Mitwelt – Umwelt. Auch die sind nicht ausführlich dargelegt, sondern konstruierbar aus einzelnen ‚Figuren’, die der Text, das heißt der Koran, und seine systematische Auslegung bieten. Zu den wichtigsten Eckpunkten, aus denen sich eine pointiert islamische Perspektive entwickeln lässt, gehören Begriffe wie: fitra’ – die Schöpfung als ursprüngliche natürliche Ordnung; ‚tauhid’ – die Einheit der Schöpfung, wonach alle Dinge der Welt miteinander in Beziehung stehen und, weil sie alle gleichermaßen Zeichen Gottes sind, alle gleich bedeutsam, wertvoll und bewahrenswert sind; ‚mizan’, die Balance, bezeichnet den Zustand einer wohlgeregelten Schöpfung, den es zu erhalten bzw. wiederherzustellen gilt. ‚Khilafa’ schließlich bezieht sich auf die Rolle des Menschen als Sachwalter der Schöpfung. Der Mensch, so heißt es, habe die Aufgabe, die Ordnung der Schöpfung zu erhalten. Er darf die Früchte der Erde genießen, aber er darf ihre Ressourcen nicht verschwenderisch ausbeuten. Zwar sei er gegenüber seinen Mitgeschöpfen privilegiert durch seine Intelligenz und seine Willensfreiheit, aber eben deshalb trage er Verantwortung für sie.

Eine zweite Quelle ist die Sunna, eine Überlieferungen der Worte und Taten des Propheten und der frühen Muslime, die Beispielcharakter haben für die späteren Generationen. Hier lassen sich etwa Beispiele dafür finden, dass man sparsam und umsichtig mit den natürlichen Ressourcen umgehen und dass man Tiere gut versorgen soll. Auch gibt es Hinweise für einen persönlichen genügsamen Lebensstil des Propheten, der als vorbildhaft gilt.

Kurz: was heute im Zentrum des Natur-, Umwelt- und Klimaschutzes steht – sparsamer Umgang mit Ressourcen, kontrollierter Konsum, Beachtung des ökologischen Gleichgewichts – wird aus dem Islam heraus begründet.

Gibt es in der islamischen Traditionen bestimmte Grundkonzepte, die dem Umweltschutz dienen?

Aus den islamischen Regionen sind Regelungen aus früheren Zeiten bekannt, die man als Instrumente eines Natur- und Artenschutzes bezeichnen kann und die man heute versucht wiederzubeleben. Dazu zählen sogenannte Harim- und Hima-Zonen. Darunter fallen Schutzzonen um Quellen und Wasserläufe, die z.B. nicht besiedelt werden durften, um das Wasser nicht zu verunreinigen. Oder es gab, ähnlich der Allmende im europäischen Bereich, Wiesen- oder Waldbereiche, die nur zu bestimmten Zeiten, z.B. nach der Pollenernte oder wenn Trockenzeiten drohten und zu bestimmten Zwecken zur Nutzung freigegeben waren. Diese Maßnahmen gerieten im Zuge der Privatisierung des Bodens, der Intensivierung der Landwirtschaft und der zunehmenden Bebauung in Vergessenheit. Seit einigen Jahren versucht man, sie im Zuge von Wasser-, Ufer- und Artenschutzprojekten wieder einzuführen.

In ihrer Arbeit schreiben sie von der Öko-Theologie Seyyid Hussein Nasrs. Was versteht man unter dieser Öko-Theologie?

Seyyid Hussein Nasr stellt, wie auch einige christliche Theologen, die Frage des ökologischen Gleichgewichts in den Kontext der Religion. Zugrunde legt er eine kosmologische Sicht der Welt, bei der Natur, Mensch, Gott bzw. Himmel und Erde ein ursprünglich wohl ausbalanciertes Ordnungsgebilde darstellen. Seiner Ansicht nach verleugnen die Menschen diese Ordnung aber seit der europäischen Aufklärung und haben an ihre Stelle eine anthropozentrische Ordnung gesetzt, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und ihm mangels Bindung an eine höhere Ordnung freie Bahn gibt für die Ausbeutung der Natur. Nasr zufolge ist der Mensch ein grenzenlos egoistisches und gieriges, aber gleichzeitig nach Transzendenz strebendes Wesen, das ohne kosmologische Verankerung aber keine wirkliche Befriedigung findet und daher in stetig gesteigertem Konsum und in perfektionierter Technik ein Ventil sucht. Die Umweltkrise ist für ihn eine spirituelle Krise. Diese Diagnose betrifft auch den Islam und die Muslime, die wieder zu ihrem ursprünglichen Weg zurückfinden müssten. Nasr setzt, in der Sufi-Tradition, vor allem am einzelnen Menschen an, der die kosmologischen Gesetze erkennen und sich in sie einfügen müsse. Die Orientierung am Spirituellen würde dann die Orientierung am Konsum ersetzen. Das ist gleichzeitig sehr konservativ, aber auch sehr aktuell, wenn man an die allgegenwärtigen Forderungen in Richtung Konsumverzicht und Änderung des Lebensstils denkt.

Im öffentlichen Diskurs zum Umweltschutz sind bisher die Muslime nicht allzusehr aufgefallen. Wo könnten dort die Gründe liegen? Wie kann man ein verstärktes Umweltbewusstsein unter den Muslime entfalten?

In öffentlichen Diskursen wie auch in Organisationen sind in Deutschland Muslime generell kaum vertreten, höchstens sehr vereinzelt als ‚Migranten’. Die religiöse Haltung wird als Privatsache verstanden, über die man sich nicht öffentlich äußert um sich nicht zu kompromittieren. Das ist sozusagen ein Tabu-Thema.

Den meisten Muslimen ist der Zusammenhang zwischen Religion und Umweltschutz nicht systematisch bewusst, obwohl sie ihn unbestimmt sehen. Die Stiftung Interkultur führt gerade im Rahmen der Interkulturellen Gärten eine kleine Untersuchung dazu durch. Dabei ist bisher zu Tage getreten, dass Muslime, die die Religion ernst nehmen, die Ansicht äußern, die Religion gebiete „Respekt gegenüber der Natur“, was sie dann in ihrem Alltag z.B. dazu veranlasst Grünzonen zu schützen und andere dazu anzuhalten, sparsam mit Wasser oder Nahrungsmitteln umzugehen oder sich Gedanken über ihren Konsum zu machen, und die sich auch bemühen ihren Kindern im urbanen Kontext ein Verständnis von Natur jenseits von Fernseher und PC zu vermitteln. Einzelne Moscheegemeinden setzen sich punktuell mit Umweltfragen auseinander. Aber bislang haben sich keine Diskurse entfaltet, die in einen größeren Kommunikationsrahmen eingebettet sind.

Es gibt keine Studien über das Umweltbewusstsein von Muslimen, und nur wenige, die Migranten insgesamt oder Migranten mit islamischem Hintergrund einbeziehen. Man hat sie bisher nicht als relevante Gruppe in diesem Kontext wahrgenommen bzw. sie als unerreichbar für diesen Themenkomplex eingestuft, sei es wegen sprachlicher oder kultureller Barrieren, oder weil sie, wie Nicht-Migranten der unteren sozialen Schichten auch, nicht als Kunden eines zumeist aufwändigeren ökologisch orientierten Lebensstil in Frage kommen. Erst in jüngster Zeit, unter dem Eindruck von Klimawandel, der Wahrnehmung Deutschlands als Einwanderungsland und der Revivalisierung des Islams ist Umweltschützern ins Bewusstsein gerückt, dass Muslime (ob man das will oder nicht) einen Teil unserer Gesellschaft bilden und auch in Zukunft bilden werden. Wobei auf der anderen Seite die Umweltkrise auch den Gedanken fördert, dass „wir alle in einem Boot sitzen“, dass wir aufeinander angewiesen sind und dass es auf jeden ankommt. Man wird sehen, ob sich hier nicht eine neue Plattform für interkulturellen Dialog herausbildet. Vielleicht gibt es Muslimen auch einen Auftrieb, wenn sie merken, dass sie zwar ‚die Anderen’ sind, aber durchaus Ressourcen haben, die der Allgemeinheit nutzen.

Was könnte der Beitrag der Muslime zu diesem heute sehr diskutiertem Thema “Umweltschutz” sein?

Wie es scheint, müssen Muslime sich erst noch über den Zusammenhang von Religion und Umwelt klar werden. Für viele sind das zwei völlig verschiedene Zusammenhänge, die sie bislang nicht zusammengeführt haben. Möglicherweise kann eine Idee wie der „Öko-Islam“ Impulse setzen, sich mit dem Umweltthema zu identifizieren, sich und seinen Lebensstil wie seine Alltagsgewohnheiten im Hinblick darauf zu reflektieren. Was Nasr nahe legt, ist, dass der Islam sich nicht in der Befolgung von Riten erschöpft, sondern eine persönliche Verantwortung für die Welt, jenseits konfessioneller Grenzen, fordert. Jeder hat in dieser Hinsicht an sich selbst zu arbeiten. Umwelt- und Klimaschutz wird, jenseits aller Moden, zu einer Angelegenheit von spirituellem Rang. Über Moscheegemeinden und islamische Gruppen würde man eine große Gruppe von Menschen erreichen, die sich sonst nicht angesprochen fühlen. Umweltdiskurse könnten hier verankert werden. Vernetzungen mit anderen Umweltgruppen und –organisationen wären möglich. Die Umweltbewegung wäre damit einen Schritt weiter.

Die IFEES informiert in ihrem Newsletter "ecoIslam" regelmäßig seine Mitglieder über aktuelle Umweltprojekte.

Die IFEES informiert in ihrem Newsletter "ecoIslam" regelmäßig seine Mitglieder über aktuelle Umweltprojekte.

Gibt es in Europa Projekte oder Initiativen eines “Öko-Islams”? Inwiefern arbeiten diese mit anderen NGO’s zusammen?

Wenn man über Initiativen redet, muss man sich im Klaren sein, dass es eine Spannbreite gibt von halbwegs stabilen Organisationen bis hin zu flüchtigen Gebilden, die lokal und kurzfristig wirken und wenig Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Eine der bekanntesten Organisationen ist die britische Islamic Foundation for Ecology and Environmental Sciences, kurz IFEES. Sie ist eine bei der UNO registrierte NGO und eine Schwesterorganisation der international tätigen Alliance of Religions and Conservation (ARC), mit der zusammen sie Küstenschutzmaßnahmen im afrikanischen Raum entwickelt hat. Darüber sowie über ihre Initiativen in Großbritannien hat sie ein medienwirksames Bild eines Öko-Islams entworfen. Ihr professionell anmutender Newsletter EcoIslam zeigt eine eindrucksvolle Synthese von islamischen Diskursen und Umweltdiskursen. Gekonnt werden Informationen auch über globale Zusammenhänge und praktische Maßnahmen für den Alltag vermittelt. IFEES ist mit anderen lokalen britischen Organisationen, die in den letzten Jahren entstanden sind, vernetzt. Gemessen daran stellt sich Deutschland bislang als ein Entwicklungsland dar.

Interview: Eren Güvercin

© Qantara.de 2009

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