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Heilserwartungen an die Islamische Theologie

Mit der Institutionalisierung des Islam in Deutschland werden die Bedürfnisse von Muslimen zunehmend zum Spielball zweier politischer Apparate: dem deutschen Staat und dem organisierten Islam mit seinen Verbänden.

Ein Kommentar von Eren Güvercin

Schavan bei der Eröffung des Zentrums für Islamische Theologie in Tübingen  (Foto: Uni Tübingen)

Schavan bei der Eröffnung des Zentrums für Islamische Theologie in Tübingen (Foto: Uni Tübingen)

Früher war die religiöse Unterweisung der Jugend Sache der Eltern, Kirchen und Religionsgemeinschaften, sie lief über die sonntägliche Predigt und fand in Jugendvereinen statt. Heute hat sich die Lage ein wenig geändert: Zumindest viele christliche Eltern kümmern sich nicht mehr sorgfältig um die religiöse Erziehung ihrer Kinder und überlassen sie dem Staat. Ein Kind wächst aber in erster Linie über die häusliche Umgebung in eine Religion hinein, über das Beispiel der Eltern, Verwandten und Freunde, über Gespräche und gemeinschaftliches Beisammensein. Dieses Umfeld gibt es nur noch selten. Wer freilich nicht mit seiner Religion von frühester Jugend an vertraut gemacht wird, dem entgleitet sie meist, bevor er sie überhaupt besessen hat.

Noch ist die Meinung verbreitet, dass bei Muslimen die familiären Verhältnisse weiterhin ‘intakt’ seien und die Weitergabe des Glaubens über die Gemeinschaft der Gläubigen vorerst noch halbwegs gesichert sei. Doch der Schein trügt. Immer mehr muslimische Eltern erkennen, wie schwierig es ist, in einem religionsfeindlichen Klima ihren Kindern noch Wissen über ihren Glauben zu vermitteln, um sie einerseits vor extremistischen Bewegungen wie den Salafismus zu schützen und andererseits nicht in einen inhaltsleeren, ja fast schon esoterischen Islam abdriften zu lassen. Doch mit der Institutionalisierung des Islam in Deutschland werden die religiösen Bedürfnisse von muslimischen Eltern zunehmend zum Spielball zweier politischer Apparate: dem deutschen Staat und dem organisierten Islam mit seinen Verbänden.

Schutz vor “Aberglaube und Irrglaube”?

Die Augen der ehemaligen Bundesbildungsministerin Annette Schavan funkelten, wenn sie von den neu etablierten Lehrstühlen für Islamische Theologie redete. Hier sollen künftig Imame und Lehrer für den islamischen Religionsunterricht ausgebildet werden. Die Heilserwartungen der Politik an die Islamische Theologie und an den islamischen Religionsunterricht sind immens: Wie Schavan sagte, sollen die Zentren für Islamische Theologie und der islamische Religionsunterricht die Muslime “vor Aberglaube und Irrglaube” schützen. Für Muslime ist es vollkommen irrelevant, was Frau Schavan für Aberglaube oder Irrglaube hält. Viel wichtiger ist die Frage, was Muslime für einen Religionsunterricht wollen.

Der Religionsunterricht, sowohl der christliche als auch der islamische, soll im Sinne der Gläubigen in erster Linie den Kindern und Heranwachsenden Wissen über ihren Glauben vermitteln, sowohl theoretisches Grundlagenwissen als auch die religiöse Praxis.

Dies steht aber im Widerspruch zu den Erwartungen des Staates, der zunehmend den Religionsunterricht und die islamische Theologie zu einem staatlichen Instrument in seiner Integrationspolitik degradiert: Der islamische Religionsunterricht solle die Muslime wirksam vor Extremismus “immunisieren”.

Schaut man jedoch in die Verfassung, dann ist eines aber sehr deutlich: Nur die jeweilige Religionsgemeinschaft hat die Befugnis, über den Inhalt des Religionsunterrichtes zu bestimmen. Sowohl die Lehrpläne als auch das Lehrpersonal müssen mit den Religionsgemeinschaften abgestimmt werden. Alles andere liefe auf einen Staatsislam hinaus, der nicht im Interesse der Gläubigen, aber auch nicht im Sinne unseres Grundgesetzes sein kann. Der Religionsunterricht ist für die Gläubigen da und muss ihre Bedürfnisse abdecken, und nicht die eines Staates.

Die Interessen der Politik sorgten bereits für Ärger bei den konfessionellen Beiräten an den Lehrstühlen für Islamische Theologie. In Münster etwa wurde die “Verfassungstreue” eines Mitglieds in Frage gestellt, der vom Koordinationsrat der Muslime vorgeschlagen wurde, so dass er in den Beirat nicht berufen werden konnte. Das Bundesforschungsministeriun unter Schavan hatte ansonsten damit gedroht, die Gelder, die für Münster vorgesehen waren, einzufrieren. Das sonderbare an der ganzen Sache ist, dass dieselbe Person längst Mitglied des Beirates für den islamischen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen war. Die Landesregierung in NRW hatte im Gegensatz zum Bundesministerium keinen Zweifel hinsichtlich der Verfassungstreue.

Politische Instrumentalisierung

Ein muslimischer Denker sagte einmal, dass der islamische Glaube zwar korrupte Politiker überlebe, nicht aber korrupte Theologen. Das fasst die Bedenken der Gläubigen in der deutsch-muslimischen Gemeinschaft sehr gut zusammen. Die Islamdebatten der letzten Jahre zeigen, dass es vielfach nicht nur um Erziehung geht, sondern um die Etablierung eines politisch-genehmen Islams. Erfüllungsgehilfen mit einem gewissen vorauseilendem Gehorsam lassen sich dabei ganz schnell finden im Markt der ‘Berufsmuslime’, aber Anklang an der Basis finden sie nicht.Wie schon Patrick Bahners letztes Jahr in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schrieb, kann der auf Religionsfreiheit verpflichtete Staat nicht eine freisinnige Koranauslegung gegenüber einer bewahrenden bevorzugen. Bahners gab zu Recht zu Protokoll, dass es keine Garantie dafür gebe, dass eine “liberale” Theologie politisch verträgliche Ergebnisse produzieren werde.

Insbesondere die muslimischen Verbände legen es seit Jahrzehnten darauf an, einen den Kirchen ähnlichen Status zu erlangen. Aber ist dies wirklich der Königsweg für die Muslime in Deutschland, obwohl kirchliche Strukturen dem Islam fremd sind? Macht die Verstaatlichung von religiöser Ausbildung in dieser Form noch Sinn?

Zurzeit sind zwei politische Apparate – auf der einen Seite der Staat und auf der anderen Seite der organisierte Islam mit seinen Verbänden – dabei, die Etablierung der Islamischen Theologie und des Islamischen Religionsunterrichts für ihre Zwecke zu instrumentalisieren: Während der Staat einer politisch genehmen Theologie den Weg ebnet, sind die muslimischen Verbände darauf fokussiert, über den Islamischen Religionsunterricht ihre Anerkennung als Körperschaft des Öffentlichen Rechts zu erreichen.

Was die deutschen Muslime allerdings brauchen ist keine politische Ausnutzung ihrer religiösen Bedürfnisse. Sie brauchen unabhängige Einrichtungen, die eine authentische Unterweisung ihrer Kinder in den Glauben gewährleisten, jenseits von einem Staatsislam oder einem Islamverständnis, der nur Muslime mit einer bestimmten Herkunft anspricht.

Eren Güvercin ist freier Journalist und Autor. Er wurde kürzlich in den konfessionellen Beirat des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster berufen. 2012 erschien im Herder Verlag sein Buch “Neo-Moslems – Porträt einer deutschen Generation”.

„Deutschland macht sich lächerlich“

Die Beschneidung ist eine Prophetenvorgabe und damit nicht verhandelbar: Feridun Zaimoglu plädiert entschieden für die Straffreiheit dieses jüdischen und muslimischen Rituals.

Zaimoglu: "Die heutigen Akteure der Religionskritik sind Profilneurotiker. Sie wollen abschaffen, verfolgen, zerstören, verunglimpfen, zensieren." (© Bettina Fürst-Fastré)

Zaimoglu: “Die heutigen Akteure der Religionskritik sind Profilneurotiker. Sie wollen abschaffen, verfolgen, zerstören, verunglimpfen, zensieren.” (© Bettina Fürst-Fastré)

Sind Sie traumatisiert? Als deutscher Muslim, der – wie Sie selbst sagen – von seinen Eltern eine „preußisch-osmanische Erziehung“ bekommen hat, sind Sie doch sicherlich im Kindesalter beschnitten worden, so wie es der Islam vorschreibt.

Am Vortag der Beschneidung nahm mich meine Mutter bei der Hand und ging mit mir durch die Straßen unseres Viertels. Ich steckte in einem weißen Prinzenkostüm. Kinder kamen herbeigelaufen, berührten mich. Junge Frauen und reife Damen lächelten mich an, streichelten mir über Wangen und Haar. Sie sprachen mir weder Mut zu, noch feuerten sie mich an. Sie strahlten, und ich himmelte sie an. Ich bekam kleine Geschenke: ein Netz voller Murmeln, nach Veilchen duftende Stofftaschentücher, Kamm und Schnürsenkel.

Am nächsten Tag, gegen Abend, kam der Beschneider. Er sprach mit mir wie mit einem kleinen Mann. Ich saß auf einem Stuhl, ein Onkel mütterlicherseits stand zu meiner Linken. Rechts von mir stand ein Onkel väterlicherseits – er rief meiner Mutter im Türrahmen beruhigende Worte zu. Es ging blitzschnell; ehe ich mich versah, saß ich auf den Schultern meiner Mutter. Die Verwandten und Freunde klatschten und riefen: „Vorbei und beendet – gelobt sei Gott!“ Ich war vom unbeschnittenen zum beschnittenen Muslim verwandelt.

Ärzte, Juristen und andere Fachleute melden sich nun zu Wort, die in der Beschneidung von Kindern eine Körperverletzung sehen und die Bedeutung der Kinderrechte unterstreichen. Verletzen muslimische, jüdische und andere Eltern, die ihre Kinder beschneiden lassen, die Rechte ihrer Kinder?

Experten unserer Tage deuten lediglich – das darf man auch in diesem Fall nicht vergessen. Wir erinnern uns an die Kopftuchdebatte: Rechtskonservative bemühten die Frauenrechte. Für den, der den Muslim hasst, ist jedes Mittel recht. Gestern Feminist, heute Jäger der verlorenen Vorhaut. Himmel, es geht um das Stückchen Penisspitzenummantelung. Schnippschnapp, Läppchen weg, Knabe im Eimer? Blöde wäre es, das zu glauben.

Wie weit darf das Recht der Eltern, ihre Kinder der eigenen Religion gemäß zu erziehen, denn gehen? Immerhin handelt es sich hier doch um einen wenn auch kleinen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit eines Kleinkindes?

Viele fromme Irre verkrüppeln im Namen eines Glaubens ihre Kinder. Man muss sie ihrer Obhut entreißen. Alkoholikern, gewalttätigen Männern und jungen überforderten Müttern nimmt man schließlich auch die Kinder weg. Die Beschneidung ist aber keine Genitalverstümmelung, keine Amputation und keine Kastration. Der Staat hat sich nicht zu überdehnen. Sonst kämen die Gläubigen auf die Idee, dem Kaiser vorzuenthalten, was des Kaisers ist.

Die Bewegung gegen Beschneidung kommt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten. Bereits 1997 hat dort Ronald Goldman in seinen Büchern die Beschneidung als „hidden trauma“ entlarven wollen. Seitdem sind die Beschneidungen in Amerika rapide zurückgegangen. Nur noch 55 Prozent der amerikanischen Männer sind beschnitten, immerhin aber die Mehrheit. Was werden hierzulande die Auswirkungen der Debatte sein?

Was geschah nach der Debatte um das Kopftuch frommer junger Frauen? Nichts. Die Blechaufklärer, die mit Islamschelte Geld verdienen, bekamen Verdienstspangen. Jetzt schnüffeln diese Damen und Herren am Unterleib der Männer. Ein Aufklärer landet früher oder später im Schlafzimmer anderer Leute. Ich werde öfter von unbedarften Bürgern angesprochen. Sie können zwar keinen richtigen deutschen Satz aufsagen, plappern aber alles nach. Jetzt fragen sie mich, ob ich beschnitten sei. Deutschland macht sich lächerlich.

Bisweilen wird in der Berichterstattung über diese Diskussion auch ein religionsfeindlicher Diskurs vermutet. Dazu gehöre auch etwa die Kampagne, Kinder der Aufsicht ihrer Eltern zu entziehen und den Staat zum Erziehungsberechtigten zu machen, um das Kind der religiösen Gemeinschaft zu entziehen. Wie sehen Sie als deutscher Muslim diese Debatte über jahrhundertealte religiöse Traditionen in unserer säkularen Gesellschaft?

Die Vollstrecker des Zeitgeistes hören es nicht gern: Der Gläubige hat sich gegen die Verfemung immunisiert. Für fünf Minuten Ruhm tut ein Glaubensfeind fast alles. Die Anbetung des Herrn ist in seiner Welt nicht vorgesehen. Sein Konzept: Raumhygiene. Seine Waffen: das giftgeifernde Wort, die Unterstellung, die bloße Behauptung, Selbstbesoffenheit. Die heutigen Akteure der Religionskritik sind Profilneurotiker. Sie wollen abschaffen, verfolgen, zerstören, verunglimpfen, zensieren. In einem säkularen Staat dürfen keine Partei und keine Anschauungsschule den Unfrieden wagen. Die Beschneidung ist eine Prophetenvorgabe und damit nicht verhandelbar. Der Gläubige glaubt. Der Liberale biegt und beugt, bis die Gottesliebe zur bloßen Ideentapete verkommt.

Kann man hier von einem Kulturkampf zwischen Säkularismus und Religion sprechen?

Ich rate zur Gelassenheit: Geschwätz und Gerüchte dürfen uns beunruhigen, aber gegen die Schwätzer und Einflüsterer Front zu machen wäre ein Fehler. Seltsam ist das schon: Der Staat belohnt oft die Krawallschwestern, von denen es heißt, sie würden im Kampf ein hohes Risiko eingehen. Ich sehe aber streitsüchtige keifende Frauen, die wie die Wildsau durchs Unterholz krachen. Sie maskieren sich als Kulturkämpfer, als Humanisten. Sie können Feinheit und Menschenliebe nicht buchstabieren. Von Rüpeln halte man sich fern.

Der Grünen-Politiker Volker Beck sprach jüngst davon, dass auch der Atheismus fundamentalistische Züge annehmen könne. Was bedeutet das für gläubige Menschen in Deutschland? Wie sollten sie auf diese Entwicklung reagieren?

Dem Gläubigen ist die Liebe des Herrn versprochen. Und doch hat er sich der Welt nicht entfremdet. Er steht als lächerliche Figur nicht selten im Speichelregen des Spotts. Was kann er tun? Gott anbeten. Grinsen, wenn man in ihm einen Schurkenbürger sieht.

Die Fragen stellte Eren Güvercin.

Quelle: F.A.Z.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/feridun-zaimoglu-im-gespraech-deutschland-macht-sich-laecherlich-11832954.html

Porträt einer deutschen Generation

Er ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat einen deutschen Pass und spricht perfekt Deutsch. Eren Güvercin ist ein typischer “Neo-Moslem”. So zumindest bezeichnet der Journalist die Generation junger deutscher Muslime, der er selbst angehört und die sich diesem Land längst zugehörig fühlt.

Eren Güvercin lässt in seinem Buch mit dem Titel „Neo-Moslems – Porträt einer deutschen Generation“, das im April im Herder Verlag erscheint, vor allem junge deutsche  Muslime zu Wort kommen und zeigt deren Lebenswirklichkeit auf. Der Autor, geboren 1980 als Sohn türkischer Eltern in Köln, hat die negativen Etikettierungen bezüglich seiner Herkunft und Religion satt.

“Es gibt immer diese Zuschreibungen, wie etwa die jungen türkischstämmigen oder arabischstämmigen Deutschen haben Identitätsprobleme, sitzen zwischen zwei Kulturen. Das ist meiner Meinung nach ziemlicher Schwachsinn. Wir sind Teil dieser Gesellschaft, fühlen uns hier wohl und lieben die deutsche Kultur.” Eren Güvercin

Deutscher und zugleich Muslim sein – Selbstverständlich

Warum sich diese Erkenntnis nicht  längst schon in den politischen und medialen Debatten durchgesetzt hat , kann Eren Güvercin nicht verstehen. Noch immer würden dort Muslime, egal aus welchem Land ihre Vorfahren kämen, pauschal über einen Kamm geschoren, bemängelt der Autor. “Der Islam” sei weder eine Ethnie noch türkische oder arabische Kultur und könne deshalb auch problemlos in einem  europäischen Kulturraum  integriert  werden. Doch leider sei das bisher kaum kritisch reflektiert worden. Denn sowohl in Dialogveranstaltungen als auch auf Konferenzen, wie dem Islam-, oder Integrationsgipfel würden seit zehn Jahren  die gleichen muslimischen Verbandsfunktionäre eingeladen, die ihre Standardsätze abspulen, kritisiert Eren Güvercin. Er fordert einen Wandel in den Medien und in der Politik. Zugleich appelliert er an die jungen Muslime öffentlich nicht mehr nur  auf Zuschreibungen zu reagieren, sondern auch zu agieren.

“Zu selten trauen sich junge Muslime die Bilder zu brechen und auch mal Position zu beziehen zu Themen, die alle Menschen hier in Deutschland oder Europa beschäftigen, wie zum Beispiel die Finanzkrise. Also ganz normale Themen, die nicht auf das Muslimsein reduziert werden, bei denen man als Muslim vielleicht eine andere Sicht auf die Dinge hat, die auch für alle anderen Menschen relevant sein kann.” Eren Güvercin

Neue Ansätze in der Integrationsdebatte

Nicht trotz sondern gerade wegen ihres Migrationshintergrundes könne die junge muslimische Generation das Land positiv verändern, meint Eren Güvercin. Er schlägt eine “Alternative Islamkonferenz” vor, in der sich nur Muslime in einer geschützten Zone treffen, in der sie untereinander sein und über alles reden können. In seinem Buch “Neo-Moslems” sucht Eren Güvercin nicht nur Antworten auf viele offene Fragen, sondern zeigt auch, mal ernst, mal polemisch und witzig, warum die üblichen Abgrenzungsreflexe nicht mehr funktionieren.

“Wann hört denn der Migrationshintergrund auf? Werden auch meine Enkel noch einen Migrationshintergrund haben? Lasst uns doch einfach mal über den Vordergrund reden, Hintergründe sind doch langweilig.” Eren Güvercin

http://www.br.de/radio/b5-aktuell/sendungen/interkulturelles-magazin/neo-moslems102.html

“Ohne die globalen Medien hätte es Al Qaida niemals gegeben.”

Unabhängig davon wie man die Gestalt Bin Ladens – satanischer Terrorfürst, revolutionärer Staatsfeind der einzig verbliebenen Weltmacht oder am Ende doch nur ein fernsehender Kleinbürger in einer pakistanischen Vorortvilla – bewertet, lohnt sich trotz des Zwangs zur permanenten Aktualität ein erneuter, genauer Blick auf die symbolische Figur des Al Qaida-Gründers und die Auswirkungen seines Todes.

Hierzu befragte ich Olivier Roy. Der Franzose ist Autor, Politologe und Professor mehrerer französischer Hochschulen. Roy setzt sich seit Langem in fachkundigen Büchern mit dem Terrorismus in der muslimischen Welt, der Globalisierung und aktuellen Konflikten und Kriegen auseinander. Olivier Roy hebt sich wohltuend von massenmedialen Kommentatoren ab, die nicht willens oder nicht fähig sind, hinter die Fassade landläufiger Ansichten zu blicken. Dabei verfällt er auch nicht dem üblichen Irrtum, Bin Laden und die von ihm inspirierten Terrorgruppen stünden in Verbindung zu einem traditionellen Verständnis des Islam. Vielmehr seien sie und der – für Muslime wie Nichtmuslime verheerende – von ihnen ausgehende Terror vor allem ein Produkt der Moderne.

Olivier Roy zeigt in seinen Büchern, dass der islamische Fundamentalismus selbst ein Produkt der Verwestlichung ist. Nur wer die Krise des globalisierten, kulturell entwurzelten Islam begreife, werde gesellschafts- und sicherheitspolitisch erfolgreich handeln können.

Olivier Roy zeigt in seinen Büchern, dass der islamische Fundamentalismus selbst ein Produkt der Verwestlichung ist. Nur wer die Krise des globalisierten, kulturell entwurzelten Islam begreife, werde gesellschafts- und sicherheitspolitisch erfolgreich handeln können.

Bin Laden, der meist gesuchte Terrorist der Welt, wurde von US-Spezialeinheiten im pakistanischen Abbottabad getötet. Ist die Welt dadurch zu einem sicheren Ort geworden?

Olivier Roy: Die Welt ist zweifellos zu einem sichereren Ort geworden, selbst wenn es wieder zu Terroranschlägen kommen sollte. Aber dies liegt ausschließlich daran, dass Al Qaida seinen politischen Einfluss verloren hat.

Al Qaida spielte keinerlei Rolle in den demokratischen Ereignissen des Nahen Ostens. Sein Diskurs steht im vollkommenen Gegensatz zu den Forderungen der dortigen Demonstranten – virtuelle Umma versus Nation, Terrorismus versus Gewaltlosigkeit, individueller Heldenmut versus kollektiver Handlung etc. Bereits zuvor wurde Al Qaida praktisch aus dem Nahen Osten verdrängt und beschränkte sich auf Randgebiete wie die Stammesgebiete Pakistans oder der Sahelzone. Zuletzt kamen die meisten Rekruten aus Europa oder waren Konvertiten, die keine wirklichen politischen Wurzeln haben – weder unter westlichen Muslimen, noch im Nahen Osten. Es ist wahrscheinlich, dass einige Militante Terrorangriffe versuchen werden. Deren strategische Folgen werden aber minimal sein, selbst wenn sie blutig ausfallen sollten.

Welche Konsequenzen hat der Tod Bin Ladens langfristig für Afghanistan, den dortigen Krieg und den „Kampf gegen den Terror“?

Olivier Roy: Der „Krieg gegen den Terror“ ist ein vollkommen sinnentleertes Konstrukt. Al Qaida, Hisbollah, den Iran und die Hamas unter einen allgemein verbindlichen Sammelbegriff zusammenfassen zu wollen, hat keinen Sinn.

Ich denke, es wird zur faktischen Anerkennung kommen, dass wir es hier mit zwei unterschiedlichen Dingen zu tun haben: Einerseits, die Handhabung räumlich begrenzter, politischer Bewegungen – wie die der Taliban oder der Hamas – durch eine Mischung aus Druck und Verhandlungen, sowie der Kampf gegen entgrenzte terroristische Netzwerke mit Hilfe von Polizei, Geheimdiensten und Spezialeinheiten.

In Afghanistan ermöglicht der Tod Osama bin Ladens die Trennung des Krieges gegen den Terror vom Kampf gegen die Taliban. Die Taliban haben aufgehört, Osama bin Laden zu unterstützten; einfach nur deshalb, weil er gestorben ist. Es gibt keine strategischen Gründe mehr, warum man die Taliban mit aller Macht daran hindert müsste, die Macht in Afghanistan zu übernehmen. Die faktische Spaltung von Taliban und Al Qaida ermöglicht die Verhandlung mit ihnen, aber auch einen Abzug aus Afghanistan, ohne dabei das Gesicht zu verlieren.

Osama bin Laden agierte als quasi mythischer Führer einer Terrorbewegung. Welche Art Mensch rekrutierte er für sein Netzwerk?

Olivier Roy: Dabei handelt es sich um junge Rebellen, die auf der Suche nach einer Sache sind, für die sie sich einsetzen konnten. Die meisten von ihnen haben eine globale Ausrichtung: geboren in einem Land, radikalisiert in einem zweiten und aktiv in einem dritten. Eine erheblicher Bestandteil von ihnen sind Konvertiten (zwischen zehn und zwanzig Prozent). Die meisten haben keinerlei vorangegangene religiöse Ausbildung, waren keine Führungspersonen in ihrem gemeinschaftlichen Umfeld oder gar politisch militant.

Die meisten Rekruten Al Qaida kamen aus dem einen oder anderen Grenzgebiet. Dabei handelte es sich entweder um soziale Grenzgebiete (zerrüttete Nachbarschaften) oder geografische: die Randzonen des Nahen Ostens (von Pakistan nach Ostafrika), von den Inseln der Karibik ganz zu schweigen, die einen beachtlichen Teil des Personals stellten. Üblicherweise radikalisieren sie sich im Rahmen eines begrenzten Kreises von Gleichgesinnten: Studenten, Nachbarn oder lokale Banden ehemaliger Kleinkrimineller.

Hat die Ideologie von Al Qaida etwas mit dem traditionellen Islam zu tun? Steht sie für diesen oder ist sie vielmehr eine Bewegung wie es beispielsweise die Rote Armee Fraktion (RAF) war?

Olivier Roy: Wenn wir über die Ideologie von Al Qaida sprechen, ziehe ich den Begriff des „Narrativ“ vor. Osama Bin Ladens Diskurs war niemals sehr ausgereift in der Formulierung dessen, wie eine islamische Gesellschaft in seinen Augen aussehen soll. Dabei handelte es sich um einen Mischmasch, der sich aus zwei Quellen speiste. Die erste ist die ultraradikale Linke des Westens; radikale Netzwerke, die einen weltweiten Kampf gegen die übermächtige Supermacht der Vereinigten Staaten führten. Ihren Anfang fanden sie in den Taten der Anarchisten des späten 19. Jahrhunderts. Aber das beste Erklärungsmodell hierfür ist die Baader-Meinhof-Gruppe, die ihre Mitglieder zu Trainingslagern in den Libanon entsandte. Sie versuchte, eine globale Revolution loszutreten und entwickelte das Mittel der simultanen Flugzeugentführungen. Und es waren die zeitgenössischen italienischen Roten Brigaden, die die plakative Hinrichtung ihrer Geiseln erfanden.

Die Bühne ist exakt die gleiche. Der „globale Dschihad“ bedeutet, der weltweiten Revolution der 1960er Jahre ein religiöses Etikett aufzukleben. Das damalige Konzept – das heißt, die „Schaffung von zwei, drei Vietnams“ – wurde von Osama Bin Laden übernommen. Seine Quintessenz lautete: Die US-Truppen in möglichst viele lokale Konflikte zu verwickeln.

Die andere Quelle waren radikale Jünger von Said Qutb. Geprägt wurden sie von seinem tiefen Zweifel über die Möglichkeit zur Verbesserung der muslimischen Gesellschaften und Qutbs Vorstellung, dass die westliche Kultur den Islam infiltriert hatte. Hinzu kam ein Konzept des Takfir, das heißt, dass man andere Muslime töten dürfe, wenn diese sich weigerten, die Ungläubigen zu bekämpfen. Zwei weitere Kennzeichen sind das Verlangen, Reinheit durch den Tod zu erlangen, sowie das komplette Fehlen jeglicher Konzepte, wie eine wirklich islamische Gesellschaft gestaltet werden kann.

Bin Laden und das mit ihm in Verbindung stehende Phänomen scheinen sehr archaisch und puritanisch zu sein. Sind Al Qaida und vergleichbare Organisation nicht vielmehr ein modernes Phänomen?

Olivier Roy: Ja, das stimmt. Es hat in der Vergangenheit keine vergleichbaren Organisationen gegeben. Der einzige, wenn auch lose Vergleich ließe sich zu den Assassinen [ismailitisch-schiitische Mordsekte des 11., 12. und 13. Jahrhunderts] herstellen. Einer der Gründe dafür ist, dass Al Qaida auf modernen Erscheinungen aufbaute: Individualismus, Inszenierung in den Medien und Globalisierung. Der einsame, individuelle Held ist an die Globalisierung gekoppelt. Der von ihm genutzte Raum ist global und das Al Qaida-Mitglied ist darauf angewiesen, dass sein Handeln augenblicklich von den Medien reflektiert, verstärkt und verbreitet wird. Ohne die globalen Medien hätte es Al Qaida niemals gegeben.

Wird der Tod des Osama bin Ladens einen Einfluss auf die Revolte der arabischen Welt haben? Ist die Mehrheit der Muslime erleichtert über sein Ableben?

Olivier Roy: Es ist in der Tat so, dass sie das ganze nicht mehr kümmert. Vor einigen Jahren wäre es wahrscheinlich zu Demonstrationen gekommen, um gegen die Tötung Bin Ladens zu protestieren. Heute geschieht nichts dergleichen. Dies erklärt sich aus der Diskrepanz zwischen den Mitteln und Zielen von Al Qaida – Gewalt und globaler Dschihad gegen die Vereinigten Staaten – und den Mitteln und Zielen der Demonstranten im Nahen Osten – friedliche Aktion gegen lokale Diktatoren, die durch eine Demokratie im westlichen Stil ersetzt werden sollen.

Osama Bin Laden brauchte das Denkmuster eines „Zusammenpralls der Kulturen“. Diese Weltanschauung aber ist längst tot; außer natürlich in den Köpfen der westlichen Populisten, die die Auswirkungen der Veränderungen im Nahen Osten immer noch nicht verstanden haben.

Lieber Olivier Roy, vielen Dank für das Interview.

Die arabischen Diktatoren ähneln Kernkraftwerken

Rafik Schami hat lange ein düsteres Bild seines Heimatlandes gezeichnet. Jetzt ist der Schriftsteller überrascht, wütend und doch voller Hoffnung. Endlich sei der politische Frühling für Syrien angebrochen.

Rafik Schami: "Jetzt begleitet mich eine ängstliche Hoffnung jeden Tag."

Rafik Schami: "Jetzt begleitet mich eine ängstliche Hoffnung jeden Tag."

Herr Schami, Sie leben seit langem im deutschen Exil. Wie groß ist der Einfluss von Schriftstellern und Kulturschaffenden auf die Demokratisierung Syriens?

Literatur und Kunst üben selten direkten Einfluss aus. Wenn sie es dennoch versuchen, hat das oft katastrophale Folgen für sie selbst. Die Rolle der Kunst und der Literatur, der Intellektuellen überhaupt, ist es, die Diskussion während der Revolution zu vertiefen, die Menschen zu ermutigen, einen humanen Weg einzuschlagen und die Hand auch den einstigen Feinden zu reichen. Sicher, unabhängige Gerichte müssen für eine gerechte Bestrafung jener Verbrechen sorgen, die die gestürzten Herrscher begingen. Aber nicht als Racheakt, sondern im Sinne eines demokratischen Reifungsprozesses.

Gibt es Künstler, die sich politisch engagieren?

Sicher, die meisten syrischen Künstler im Exil und auch einige im Land selbst sind gegen die Diktatur. Es gibt aber auch jene, die grundsätzlich mit Diktatoren liebäugeln und deren Subventionen kassieren. Dieselben Leute findet man später auf den Unterschriftenlisten der Umstürzler wieder. Jetzt veröffentlichen die Revolutionäre die Namen dieser korrupten Kriecher. Die arabischen Diktatoren ähneln Kernkraftwerken: Sie versprechen viel und verseuchen jeden, der mit ihnen in Berührung kommt. Es sind aber nicht nur Araber, die den Diktatoren dienten. Auch Deutsche und Europäer verführte das Geld, und sie wurden zu Handlangern von Saud, Assad, Gaddafi und Saddam Hussein. Bald, so hoffe ich, werden auch ihre Namen veröffentlicht. Ich kenne sie, aber ich habe Geduld zu warten, bis ihre Namen offiziell bekanntgegeben werden.

Baschar al Assad gehört der alewitischen Minderheit Syriens an. Kann Assad noch auf die Unterstützung durch die Alewiten setzen?

Er spielt diese Karte gern aus und erpresst damit eine Minderheit, aus deren Reihen viele Freiheitskämpfer, Philosophen, Widerständler, Dichter und Schriftsteller kommen. Nein, im Gegenteil, viele seiner mörderischen Helfer und Handlanger sind Sunniten, Kurden, Christen, Tscherkessen, einfach charakterlose Syrer. Deshalb ist jeder Hass gegen die Alewiten dumm und gefährlich, weil er die radikale berechtigte Kritik in eine rassistische Hetze verwandelt.

Gibt es auch unter den Alewiten demokratische Bestrebungen?

Sicher, und viele von ihnen saßen und sitzen im Gefängnis. Sie wurden immer härter bestraft, weil sie Alewiten sind, weil sie dem Herrscher nicht den Gefallen getan haben, sein konfessionelles Spiel mitzuspielen.

Der türkische Ministerpräsident Erdogan pflegt seit Jahren sehr gute Beziehungen zu Baschar al Assad. Für wie realistisch halten Sie es, dass Erdogan in Syrien vermittelt, so dass demokratische Reformen auf friedliche Weise eingeleitet werden können?

Wenn Präsident Assad auf Erdogans Ratschläge hört, wäre die Mehrheit der Syrer zufrieden, aber Assad ist gefangen in seinem eigenen System. Man kann nicht zwanzig Millionen Syrer gefangen halten und selbst frei sein. Er hat sich spezialisiert auf die Außenpolitik, das Innere aber überließ er einer Hydra von fünfzehn Geheimdiensten, die mit Angst für Friedhofsruhe sorgte. Die Wirtschaft überließ er einer kleinen Gruppe von Verwandten, die wie eine Mafia das Land verwaltet. Wo gibt es ein Land, dessen Präsident einem Cousin die gesamten Erträge der Telekommunikationsbranche zuschustert? Milliarden gehen dem syrischen Volk verloren, deshalb haben die Revolutionäre der heroischen Stadt Daraa symbolisch drei Gebäude in Brand gesetzt: das Gericht, weil die Justiz fehlte; das Baath-Gebäude, weil diese Partei der Bevölkerung nur Elend brachte; und den Sitz der Telekommunikationsbranche, die eben jenem korrupten Cousin des Präsidenten namens Rami Machlouf gehört.

In Libyen sind die Gegner Gaddafis auf dem Vormarsch und kontrollieren bereits wichtige Ölquellen, dank der Unterstützung Frankreichs und anderer Nato-Staaten. Aber man weiß immer noch nicht, wer die Rebellen sind. Wer steht in Syrien hinter den Unruhen?

Erlauben Sie mir, das Wort Unruhen zu korrigieren. Es ist ein Aufstand, eine großartige Revolution! Allerdings müssen wir diesen Prozess in Arabien als eine völlig neue Art von Revolution verstehen: Ein unbewaffnetes Volk stürzt friedlich einen Despoten samt seiner Geheimdienste. Die Zeit der Umstürze von Lenin, Stalin, Trotzki und Castro ist vorbei. Deshalb ist die erste Reaktion verständlich: Man ist verwirrt, fragt, wer steckt dahinter? Die Antwort lautet: das Volk! Keine Gruppe, keine Kaderpartei, einfach das Volk. Die arabischen Parteien wurden alle, auch die oppositionelle, überrascht und überrannt. Sie hecheln nun der Entwicklung hinterher. Sicher birgt das Gefahren, aber fest steht, dass, historisch gesehen, Kaderparteien für Utopien immer einen Rückschlag darstellten.

Wie beurteilen Sie die Umwälzungen in der arabischen Welt insgesamt? Es heißt, neben der Forderung nach demokratischen Reformen seien es vor allem die politischen und wirtschaftlichen Interessen des Westens, die nun durchgesetzt werden.

Die arabischen Diktatoren selbst haben diese Idee verbreitet und damit nur die Feigen im Westen beeindruckt. Das Konzept lautet: Entweder, ihr haltet euch an mich, oder die Islamisten übernehmen. Sicher birgt jede Revolution die Gefahr, ihre Kinder zu fressen. Aber die Zukunft einer Revolution ist nicht schicksalsgegeben, sondern das Werk von Menschen. Werden die demokratischen Kräfte heute von uns allen unterstützt, haben die Fanatiker keine Chance. In Syrien beispielsweise sind die Muslimbrüder absolut unbeliebt. Sie werden nicht einmal fünf Prozent der Stimmen bekommen. Der Westen hatte seit fünfzig Jahren leichtes Spiel mit den korrupten Herrschern. Er bestach sie und verkaufte ihnen Waffen, um gerade jene zu unterdrücken, die sich jetzt aufrichten. Gaddafi war ein Extrembeispiel. Er deponierte im Westen über 150 Milliarden Dollar, die er mit seinen Söhnen dem libyschen Volk geraubt hat, und spielte den Polizisten für Berlusconi, mit dem er übrigens sehr eng befreundet war, bis zur Grenze der gemeinsamen Hurerei. Niemand kann mir erzählen, dass britische Politiker nicht wussten, was Gaddafi mit dem weltweit verbotenen Tränengas vorhatte, das er aus Großbritannien importierte. Und kein deutscher Politiker der regierenden Koalition kann mir erzählen, er wüsste nicht, dass Gaddafi mit seinen Söldnern kurz vor der heroischen Stadt Benghasi stand, um sie dem Erdboden gleichzumachen, als Exempel, so wie der Vater des jetzigen Assad 1982 vor den Augen der feigen Welt Hama in Mittelsyrien bombardieren ließ und annähernd 30 000 Menschen umbrachte. In dieser Situation hat die deutsche Regierung einen historischen Fehler gemacht. Sie zog sich aus der Verantwortung. Der Westen reagierte, ohne Deutschland, spät, aber, Gott sei Dank, nicht zu spät. Wäre Benghasi gefallen, hätte man die ägyptische und dann die tunesische Revolution erstickt. Sollten Frau Merkel oder Herr Westerwelle behaupten, sie hätten das nicht gewusst, empfehle ich die sofortige Auflösung des deutschen Geheimdienstes.

Im Gegensatz zu seinem Vater hat Baschar al Assad einige Reformen eingeleitet, auch wenn sie nur kosmetischer Natur waren. Würden Sie die These unterstützen, dass der Flächenbrand in der arabischen Welt auf Syrien übergegriffen hat, oder gab es in Syrien spezifische Gründe für die Unruhen?

Die Syrer rebellierten aus drei Gründen: einmal, weil die Demütigung durch die Geheimdienste unerträglich wurde. Zweitens lebten die Syrer lange über ihre Verhältnisse dank Milliarden-Zuwendungen, die die Emigranten nach Hause schickten. Ich nenne das die „Beste syrische Industrie“. Sie ist umweltfreundlich, bringt nur Nettogelder ins Land und verursacht keine Verluste. Doch die zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit und die Krisen in Europa und Amerika ließen diese Subventionen schrumpfen. Außerdem nagten Teuerung und Globalisierung zunehmend am Einkommen der Menschen, darunter viele junge arbeitslose Akademiker. So bekam die volkswirtschaftliche Tarnung Risse. Auch die Angst vor dem Geheimdienst löste sich allmählich auf, spätestens, als man sah, wie das Volk in Ägypten und Tunesien die Herrscher besiegte. Drittens die neue Kommunikation über Facebook, Internet und Handy gab den Rebellen technische Möglichkeiten an die Hand, gegen die der Geheimdienst nur wenig ausrichten konnte. Ein Massaker war zwar immer möglich, aber nicht mehr so leicht zu verstecken.

Gibt es in Syrien überhaupt eine funktionierende Opposition, die regierungsfähig wäre?

Nein, die Opposition als Partei ist zerschlagen worden durch eine Repression, die seit über fünfzig Jahren das Volk erstickt. Aber Syrien verfügt über genügend Frauen und Männer, die imstande sind, qualifiziert das Land zu führen. Über eine halbe Million Akademiker, Techniker, Ärzte, Philosophen, Architekten, Regisseure, Zeitungsmacher und Schriftsteller leben im Exil. Sie werden zurückkehren und Syrien eine Blüte der Kultur ermöglichen.

Sie waren lange Zeit pessimistisch, dass es in Syrien eine politische Wende geben könnte. Wurden Sie durch die jüngsten Ereignisse überrascht?

Ich wurde überrascht, wie viele andere Menschen in der Welt auch. Seit über vierzig Jahren lebe ich im deutschen Exil. Eine Veränderung in Syrien schien unmöglich. Und dann kam der Frühling. Er hat fünfzig Jahre gebraucht, bis er gekommen ist, aber nun ist er da, mit einer in der Geschichte einmaligen Schönheit. Jetzt begleitet mich eine ängstliche Hoffnung jeden Tag.

Das Gespräch führte Eren Güvercin.

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„Der Orient ist bei der Suche nach Glück viel weiter“

Jürgen Todenhöfer war fast zwei Jahrzehnte CDU-Bundestagsabgeodneter und noch einmal genau so lang Vizechef des Burda-Verlages. Als Privatier blieb er seinen Auffassungen treu – und fand Zeit und Muse, sich neue Horizonte zu erschließen.

Jürgen Todenhöfer mit afghanische Waisenkindern im Sommer 2009

Jürgen Todenhöfer mit afghanische Waisenkindern im Sommer 2009

Ihr neues Buch “Teile Dein Glück” ist ein sehr persönliches Buch, in dem Sie sehr viel von sich preisgeben. Bisher hatten Sie eher politische Bücher geschrieben. Wieso jetzt ein solch persönliches intimes Buch?

Jürgen Todenhöfer: Es ist die Summe meiner persönlichen Lebenserfahrungen. Ich glaube, dass manche dieser Erfahrungen auch für andere wichtig sein können. Die fröhlichen genauso wie die traurigen.

Sie gehören zu den heftigsten Kritikern der Kriege im Irak und in Afghanistan. Ist Ihr neues Buch auch ein Ergebnis Ihrer Erfahrungen, die Sie auf ihren zahlreichen Reisen in die Kriegsgebiete gemacht haben?

Todenhöfer: Es ist ein Buch über alle Bereiche eines Lebens. Natürlich auch über die westliche Außenpolitik. Zwischen dem, was wir öffentlich als Menschenrechte postulieren, und der praktizierten Außenpolitik des Westens besteht ein himmelschreiender Unterschied, den wir nicht wahrnehmen wollen. Wir sehen immer nur den Splitter im Auge der anderen, vor allem der Muslime, aber nie den Balken im eigenen Auge.

Sie schreiben, Sie seien nie ein richtiger Politiker gewesen. Was hat Ihnen denn gefehlt zum richtigen Politiker?

Todenhöfer: Es gibt Dinge, bei denen ich nie Kompromisse gemacht habe und machen werde, z.B. wenn es um die Würde von Menschen und um Menschenleben in Kriegen geht. Oder um die Herabsetzung von Minderheiten in unserem Land. Da konnte ich nie Kompromisse schließen. Das war manchmal äußerst karrierehinderlich. Aber es hat mich letztlich nie gestört, weil es eine viel wichtigere Form der Karriere gibt, die darin besteht, dass man seinen eigenen Weg konsequent zu Ende geht.

Was kann der Westen von den Menschen etwa im Irak oder Afghanistan lernen, die uns durch die Medien nicht selten als Barbaren präsentiert werden?

Todenhöfer: Über die Kriege im Irak und Afghanistan wird fast ausschließlich von embedded journalists berichtet, das heißt von Journalisten, die mit Militärs durch das Land fahren. Die entscheiden dann für sie, wohin sie kommen, was sie sehen und wen sie treffen. Die Einheimischen, mit denen sie sprechen, werden angesichts der auf sie gerichteten Maschinenpistolen nie die volle Wahrheit erzählen.

Ähnlich ist das natürlich auch mit Politikern, die embedded „nach Afghanistan reisen“, dann in einer Kaserne landen, die durch Panzer, Raketen und meterdicke Betonmauern geschützt ist, und deren Luftraum gesperrt ist. Sie behaupten anschließend, sie seien in Afghanistan gewesen. Der Ort, an dem Sie waren, aber hat mit dem wahren Afghanistan nichts zu tun. Sie könnten eigentlich hier bleiben, in eine deutsche Kaserne gehen und hier mit aus Afghanistan zurückgekehrten Soldaten sprechen.

Unsere Politiker und Medien zeigen uns fast immer nur die eine Seite der Medaille. Mehr haben sie ja auch nicht gesehen. Ein Beispiel: In Afghanistan sterben pro Tag zwei bis drei Menschen. Haben Sie je etwas drüber gelesen? Wir lesen lange Artikel, wenn ein deutscher Soldat stirbt. Zu Recht! Wir lesen jedoch nur selten etwas, wenn ein afghanischer Mensch stirbt. Und es sterben viel mehr afghanische Zivilisten als deutsche Soldaten. Wir bekommen nur die eine Seite der Wahrheit präsentiert. Zum Beispiel wenn wie im Fall der Reise des Ehepaars Guttenberg zwei schöne Menschen Krieg spielen.

Hinzu kommt, dass Szenen, in denen im westlichen Fernsehen randalierende, anti-westliche Slogans schreiende Menschenmassen gezeigt werden, häufig von den westlichen Fernsehteams arrangiert sind. Ich habe in Bagdad ein Jahr vor dem Krieg erlebt, wie auf zwei Lastwagen Menschen herbeigekarrt wurden, die auf ein Zeichen des westlichen Kameramanns anfingen anti-amerikanische und anti-israelische Slogans zu schreien. Das konnte man dann abends im deutschen Fernsehen sehen und sich empören.

Einmal habe ich im persischen Isfahan gesehen, wie jemand in der Ecke eines riesigen Platzes eine Rede hielt. Er hatte kaum Zuhörer, vielleicht 50 Leute. Aber es war eine westliche Fernsehkamera dabei, die darauf wartete, dass er irgendetwas anti-westliches von sich gab. Auf dem großen Platz in Isfahan wurde es fast nicht beachtet. Aber Millionen Menschen im Westen wurde er als iranische Realität vorgesetzt. Wir schaffen uns oft selbst die Zerrbilder, über die wir uns dann empören.

In Deutschland wird in der letzten Zeit oft über Werte und eine Leitkultur debattiert. Welche zentralen Werte möchten Sie mit Ihrem Buch vermitteln?

Todenhöfer: Die Werte, die in unserer Verfassung stehen! Ich hatte in jungen Jahren einen Lehrauftrag im Staatsrecht und habe damals versucht, jungen Studenten beizubringen, was in unserer Verfassung steht. Sie beginnt mit der Würde des Menschen, die unantastbar ist. Unsere Verfassung fordert, dass niemandem ohne ein ordentliches Gerichtsverfahren die Freiheit entzogen werden darf. Wo aber wird die Würde der Afghanen respektiert? Wo werden gefangene afghanische Kämpfer vor ein ordentliches Gericht gestellt? Sie saßen und sitzen noch immer in einem der schlimmsten Löcher Afghanistans, in Bagram, in der Nähe von Kabul. Sie werden wie Tiere behandelt. Keine Anwälte. Nichts.

Einer der zentralen Werte, auf die wir uns alle immer wieder berufen, gerade wenn wir von der sogenannten christlichen Leitkultur sprechen, ist die Nächstenliebe. Wo ist die Nächstenliebe des Westens in Afghanistan und im Irak? Haben Sie einmal festgestellt, dass ein führender deutscher Politiker auf einer seiner PR-Reisen nach Afghanistan einen Tag oder eine Nacht in das Dorf bei Kunduz gegangen wäre, in dem wir 140 Menschen zu Asche verbrannt haben? Dort leben jetzt Dutzende afghanischer Waisen. Ich baue gerade in Kabul für sie ein Waisenhaus. Der deutsche Verteidigungsminister verleiht Tapferkeitsmedaillen, und ich darf dann Waisenhäuser bauen.

Kann man den seelischen Zustand einer Gesellschaft daran erkennen, wie es mit den Schwächsten und Ärmsten umgeht?

Todenhöfer: Ich glaube, dass eine Gesellschaft viele Aufgaben hat, und das nur eine von ihnen ist. Aber sie ist eine wichtige, zentrale Aufgabe. Da können wir von den östlichen und orientalischen Ländern viel lernen, weil sie ihre alten Menschen nicht ausspucken, sondern in ihren Familien halten, von ihnen lernen und ihnen bis ans Lebensende etwas zurückgeben.

Haben Sie auf Ihren Reisen die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die sehr wenig haben, eher bereit sind zu teilen, als wir hier in der Überflussgesellschaft?

Todenhöfer: Ja, vor allem in muslimischen, aber auch in hinduistischen und buddhistischen Ländern. In der Frage der Nächstenliebe sind wir selbst noch ein Entwicklungsland.

Sie berichten in Ihrem Buch von Ihrem Geburtstag, den Sie alleine in einem New Yorker Imbiss verbracht haben, und schildern ihre Einsamkeit, während Sie aber auf ihren Reisen in den Irak und Afghanistan von wildfremden Leuten, die nichts hatten, freundlich empfangen wurden und das bekommen haben, was Sie hier nicht bekamen.

Todenhöfer: Ich bin nicht immer einsam. Nur manchmal. In den muslimischen Ländern habe ich stets eine überwältigende Hilfsbereitschaft erfahren. Die Menschen haben häufig sogar ihr Leben für mich riskiert. Seit ich 18 war und während des Algerienkrieges Nordafrika bereiste, hat man mich auf all meinen Reisen immer gefragt, ob und wie man mir helfen könne. Ich habe immer Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit erlebt. Die muslimischen Menschen schenkten mir fast immer ein Lächeln. Das war manchmal viel wert.

Als ich das Buch „Teile dein Glück“ geschrieben habe, bin ich nochmals vier Monate durch Asien gereist und vier Wochen durch Amerika. Deswegen endet mein Buch auch mit dem Appell „Mach viel aus Deinen Talenten“, das ist sehr westlich, und „Teile Dein Glück“, das ist östlich. Der Orient ist bei der Suche nach Glück und beim Teilen von Glück viel weiter.

Für mich ist ein Bild symbolisch, das ich gesehen habe, als ich im Februar letzten Jahres zum Khaybar-Pass fuhr. In eine Region, in die man als Ausländer eigentlich gar nicht mehr fahren darf, weil dort ständig Kämpfe stattfinden. Es ist eine finstere und gefährliche Gegend. Als wir dort wegen eines Staus langsam fahren mussten, kam uns auf der anderen Straßenseite ein strahlender etwa 12-jähriger pakistanischer Junge entgegen. Er trug auf seinem Rücken einen etwa gleichaltrigen gelähmten Jungen.

Ich bin ausgestiegen und habe ihn gefragt, warum er so strahle. Er erzählte mir, dass er jeden Tag zwei Stunden lang seinen gelähmten Bruder spazieren trage. Staunend habe ich gesagt: „Aber der ist doch schwer…“ Er antwortete: „Aber er ist mein Bruder“ und ging strahlend weiter. Er hat sein Glück geteilt, obwohl er keins hatte. Beim Nachdenken bin ich dann irgendwann darauf gekommen, dass er das Glück geteilt hat, gesund zu sein. Auch ich hatte vergessen, welch ein Glück das ist.

Viel wird in der letzten Zeit über die Zuwanderung gesprochen. Sarrazin hat hier eine Debatte angestoßen, die von einigen politischen Gruppen und Medien in eine bedenkliche Richtung gelenkt werden. Wie bewerten Sie die Art und Weise der Debatte? Sind die hier lebenden Muslime eine Gefahr für Deutschland?

Todenhöfer: Wir haben in Deutschland wie viele Industrieländer ein ernstes Problem mit Immigranten. Das müssen wir mit Weitsicht, Klugheit, Beharrlichkeit und Fairness regeln. Aber nicht mit Hass.

Das Buch Sarrazins, das ich gelesen habe, ist leider voll Hass und teilweise ziemlich töricht. Ich glaube, dass die von ihm in die Welt gesetzte These über die angebliche Minderwertigkeit muslimischer Menschen viele unserer muslimischen Mitbürger tief verletzt und verunsichert. Und dass sie unseren Ruf als weltoffenes Land gefährdet.

Die Äußerungen Sarrazins sind nicht nur rassistisch, sondern auch unchristlich. Ich möchte in keiner Kultur leben, die von Menschen wie Sarrazin geprägt ist. Es ist erstaunlich, dass man 75 Jahre nach der deutschen Katastrophe wieder mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus Millionär werden kann. Für mich sind unsere muslimischen Mitbürger grundsätzlich eine Bereicherung unserer Kultur.

Mit der Islamkritik können „sehr stark Emotionen mobilisiert werden“

Mit seinem Buch „Die Panikmacher“ hat der Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Patrick Bahners, nicht nur ein Buch zur real existierenden Islamkritik geschrieben. Er vertritt damit auch ein Segment der deutschen Intelligenz, die sich bisher nur kaum hörbar kritisch mit einer von Panik getriebenen Kritik am Islam und an den Muslimen zu Wort meldete.
Bahners bleibt nicht bei der Kritik des beteiligten Personals, sondern setzt sich auch mit den ideologischen Grundlagen von Islamkritik auseinander. Dabei zieht er auch Parallelen zur Kommunistenhatz unter US-Senator Joseph McCarthy und zum deutschen Anti-Katholizismus des 19. Jahrhunderts.

In Ihrem neuen Buch „Die Panikmacher“ setzen Sie sich intensiv mit der Berufssparte der Islamkritiker auseinander. Wieso ist der Islam für bestimmte Kreise das bestimmende Thema unserer Zeit? Ist das Verhältnis zum Islam die wichtigste „Überlebensfrage“ unserer Demokratie?

Patrick Bahners: Mir erscheint es, dass mit der Islamkritik sehr stark Emotionen mobilisiert werden können. Die große Beliebtheit der Islamkritik scheint mit einem großen Misstrauen gegenüber dem politischen System im Allgemeinen und insbesondere gegen den Eliten zu tun zu haben. Dann gibt es auch eine Vorstellung, dass es fast eine Verschwörung oder ein Zusammenwirken von Politikern und den Medien gibt. Manchmal werden auch Wirtschaftsspitzen dazu genommen, wenn es etwa um den Beitritt der Türkei in die EU geht, wo es ein ablehnendes Grundgefühl bei den Leuten gibt.

Bei diesen Themen besteht der Verdacht, dass man übers Ohr gehauen wird. Ohne dass ich jetzt leugnen würde, dass der Islamismus eine politische Gefahr und der Terror selbstverständlich eine Sicherheitsgefährdung ist, und dass es auch ernste Fragen gibt, wie man jetzt dauerhaft den hier präsenten Islam in unser System des Religionsrechts einfügt. Trotzdem sehe ich für diese große Intensität dieser Diskussion – eine richtige Passion, mit der diese Themen aufgenommen werden – doch nicht die Gründe im Islam in Deutschland selbst, sondern ich muss mir irgendwie helfen, es anders zu erklären.

Ich meine, dass das Misstrauen über Eliten, wie wir das etwa aus Amerika als ein Grundmoment der Politik dort kennen, dass Leidenschaft mobilisieren kann mit der Parole „Ihr werdet über das Ohr gehauen!“ Das scheint mir aber sehr stark, wenn man sich etwa die Sarrazin-Diskussion ansieht. Ich glaube, dass es im Falle Sarrazins für viele Leute leicht war, sich für ihn zu engagieren und sich zu ihm zu bekennen, wenn explizit gesagt wird: „Ich teile die Thesen nicht unbedingt, aber wie dem Mann mitgespielt seitens der Spitzenpolitiker und der Bundesregierung wurde, ist nicht in Ordnung.“

Welche Gesinnung steckt hinter dieser Bewegung? Ist es eine neue Art der Ausländerfeindlichkeit, oder eine Abneigung gegenüber Religion allgemein?

Patrick Bahners: Ich glaube nicht, dass es eine einheitliche Gesinnung gibt. Auch bei den Autoren, mit denen ich mich beschäftigt habe, gibt es ideologische Motive oder auch zum Teil persönliche Beweggründe, die man gar nicht auf einen Nenner bringen kann. Was mir nur wichtig scheint, ist, dass die größere Öffentlichkeit manchmal die Intensität dieser jeweiligen Beweggründe eben unterschätzt. Bei Necla Kelek sehe ich eine Mischung aus allgemein religionskritischen Motiven und einer Sehnsucht nach einem starken republikanischen Staat, der sich auch gegen die Religion definiert. Hier scheinen mir dann Motive einfach wieder zu kehren, die sie aus ihrer Kindheitswelt der säkularen, kemalistischen Türkei kennt.

Da vermute ich, dass viele Leute, die ihre Bücher lesen und auf ihren Veranstaltungen begeistert sind, unterschätzen, dass bei ihren sehr sympathisch klingenden und auch mir selbst durchaus sympathischen republikanischen Plädoyers, was da für Ideologie – eben nicht als versteckte Agenda – bei ihr eher naiv in einer mitgetragenen Agenda dahinter steht. Wenn man die Leute fragen würde, ob sie denn auch so weit gehen würden, dass wie in der Türkei ein Kopftuchverbot für Studentinnen geben sollte, viele Leute dies in Deutschland ablehnen.

So gibt es auch bei anderen Islamkritikern spezifische ideologische Motive. Ich habe im Buch auch etwas polemisch und im eher religions-soziologischen Sinne von sektiererischen Motiven gesprochen. Es gibt starke ideologische Interessen. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist die linke Fraktion von Marxisten und radikalen Säkularisten, die auch immer schon gegen das Christentum in Deutschland gewandt haben. Das sind ja auch sehr diskutierenswerte Argumente, aber das sind auch im emotionalem Sinne starke Argumente eines im Grunde geschlossenen religionskritischen Milieus.

Da gehört jemand wie Hartmut Kraus dazu, der das Buch „Feindbild Islamkritik“ herausgebracht hat. Auch da gilt wieder: Die Figuren und Formeln sind allgemeiner Natur, und formulieren eine allgemeine Kritik am Islam, die im Prinzip sehr diskutierenswert sind. Nur wenn man dann erklären will, warum die Leute mit einer solchen Leidenschaft Vortrag über Vortrag halten, Buch über Buch schreiben, so haben sie eben ihre eigene Agenda, die man auch in einem ganz neutralen Sinne, weltanschaulich typologischem Sinne auch als Ideologie bezeichnen kann, ohne das abwertend zu meinen. Genauso gibt es einen rechten Flügel der Islamkritik, die dann mit einem eher altmodischen deutschen Nationalismus und eine eher starke, wehrhafte Integrität des deutschen Staates aus sind, die dann eben so dieses Thema angehen.

Es ist erschreckend, wie hysterisch diese Debatte geführt wird, was zur Folge hat, dass ein Bin Laden in dieselbe Schublade getan wird wie der türkische Gemüsehändler um die Ecke, der regelmäßig in die Moschee geht. Das ähnelt schwer an eine paranoide Grundhaltung…

Patrick Bahners: Ich fand, dass man mit diesem paranoiden Stils sehr weit kommt, wie das der Historiker Richard Hofstadter in den Vereinigten Staaten in den 60er Jahren definiert unter dem Eindruck der McCarthy-Verschwörungstheorie hat. Hier wurde der kommunistische Agent, den es wirklich gegeben hat, gleichgesetzt mit Linksliberalen, die ganz normal als Journalisten gearbeitet haben oder die in einem ganz anderen bürgerlichen Beruf tätig gewesen sind, und überhaupt keine Meinung produzierten. Hofstadter beschreibt den Typus einer Weltanschauung, die sich bedroht glaubt, und die die eigenen Gewissheiten durch Modernisierung bedroht sieht – also einem radikal beschleunigten Wandel.

Diese Gefahr wird gespürt, geahnt oder sogar gefürchtet, und dann werden dafür Sündenböcke und einfache Erklärungen gesucht – also Agenten dieser beunruhigenden Veränderung identifiziert. Da hat er verschiedene Beispiele über den Antikommunismus hinaus.

Er geht in der amerikanischen Geschichte zurück, und beschreibt auch andere Phänomene aus der Kulturgeschichte, wo auch schon eine Religion eine solche Art von Verdacht auf sich gezogen hat. Im amerikanischen Kontext ist das klassische Beispiel der Antikatholizismus im Vergleich zu dem hier in Deutschland heiklen Antisemitismus. Da würde ich auch sagen: Man muss sich da gar nicht auf den Antisemitismus als Beispiel fixieren, weil eben auch der Antikatholizismus ebenfalls durch diese Struktur des Verdachts ausgeprägt war. Hier hat man auch eine global agierende Religion und ist auch als polemische und hauptberufliche Antikatholik von der Geschlossenheit dieser Religion überzeugt. Dem einfachen, volksfrommen irischen Katholiken, der einfach nur sehr fromm ist und regelmäßig in die Messe geht, wird unterstellt, er möchte ja eigentlich genauso dogmatisch (hier die ganze amerikanische Welt oder im deutschen Kulturkampf im 19. Jahrhundert) die ganze liberale deutsche Welt umkrämpeln. Beim deutschen Kulturkampf sagt man im Rückblick, dass sehr viel an diesen Verdächtigungen an den einfachen katholischen Gläubigen übertrieben war. Das war wirklich paranoid, sie als innere Feinde zu betrachten. Aber immerhin war es ja damals der Papst, der selber gesagt hat, wir dulden das zwar, aber eigentlich wollen wir die Religionsfreiheit abschaffen.

Da muss man dann zumindest in Deutschland bei aller Kritik an den muslimischen Verbänden sagen, dass es so etwas nicht gibt.

Um auf Necla Kelek zurückzukommen; wenn man sich die Doktorarbeit von Necla Kelek anschaut, sieht man einen gewaltigen Unterschied zu ihren späteren Büchern. Damals war für sie der Islam kein Integrationshindernis, ganz im Gegenteil. Als sie kurze Zeit später mit ihren Büchern aber auf die öffentliche Bühne trat, hat sich ihre Position sehr gewandelt. War das einfach besser zu vermarkten, oder steckt da eine persönliche Abrechnung dahinter, aufgrund der Erlebnisse mit ihrer Familie?

Patrick Bahners: Ich habe in dem Buch versucht, der biographischen Spur nachzugehen. Es wäre mir zu billig, ihr einfach nur vorzuwerfen, das sei purer Opportunismus. Frau Kelek ist ja auch Autorin bei uns im Feuilleton der FAZ, und wenn ich jetzt Anhaltspunkte hätte, dass es nur ein zynisches Kalkül wäre, dann würde ich auch nicht Texte von ihr annehmen. Sie verkauft natürlich ihre Bücher, aber sie macht auf mich selbstverständlich den Eindruck, dass sie auch sehr überzeugt ist von ihrer Sache. Deswegen ist es eher für mich eine Konversionsbiographie als eine Geschichte des Opportunismus. Da waren auch die Migrationsforscher, die einmal in einer Petition gegen sie formiert hatten. Sie haben es sich – so glaube ich – auch zu leicht mit diesem Opportunismusvorwurf gemacht.

Ich wiederum meine es mir nicht leicht zu machen, wenn ich da gewisse Indizien aus ihren Büchern zusammentrage, was da in einen biographischen Hintergrund mit hineinspielen könnte. Sie hat mir nun vorgeworfen, dass ich sie verletzen würde und mich mit ihr nicht auf der Sachebene auseinandersetzen würde. Da möchte ich aber umgekehrt sagen, dass ich da wirklich frappiert bin, denn für mich ist es eben rätselhaft, wie man so eine interessante und intelligente Dissertation zu diesem Thema schreiben kann, und so genau und unfanatisch diese Mechanismen der Öffentlichkeit, dieser Verbreitung von Klischees analysieren kann.

Drei Jahre später beteiligt man sich dann selber an der Verbreitung der Klischees. Ich möchte da nicht sagen, sie hat dann gemerkt, dass sie ihre Bücher besser verkaufen kann. Das ist mir einfach zu banal. Da muss etwas anderes passiert sein, aber nicht im Sinne einer Traumatisierung oder so. Bei allem Respekt, sie hat nicht so eine schreckliche Kindheit gehabt wie Ayaan Hirsi Ali. Sie hat eine unglückliche Kindheit gehabt. Ihr Vater ist dann in die Türkei zurückgegangen, da er es hier nicht mehr ausgehalten hat. Sie nimmt ihre Biographie und macht es zu einem Muster für das, was Einwanderer hier erlebt haben.

Und an diesem Punkt erlaube ich es mir zu fragen, wie eine so intelligente Wissenschaftlerin dann den Schalter so plötzlich umgelegt hat. Ich habe das Wort von der intellektuellen Regression gebraucht, wobei ich da von der Autorin spreche. Also es ist keine Aussage über die Person Necla Kelek. Das maße mich mir selbstverständlich nicht an. Das ist eine Aussage, die ich als Journalist, als Kritiker und als jemand, der sich beruflich mit Büchern beschäftigt, treffe. Wenn ich die Doktorarbeit und die populären Bücher nebeneinander lege, muss ich sagen, dass es ein Niveau- und Registerwechsel ist. Es ist ein Rückschritt im Niveau. Das muss ich erklären, aber nicht in dem Sinne, dass etwas über sie gekommen ist, oder dass sie dümmer geworden wäre. Aber da ist anscheinend ein anderes Interesse als das wissenschaftliche Interesse der Doktorarbeit bei ihr durchgebrochen.

An diesem Punkt habe ich mir das Spekulative erlaubt, und eine Psychologin zitiert, die in einem vorsichtig aber auch genau argumentierendem Aufsatz die Vermutung geäußert hat, dass diese Geschichte mit dem Vater als Muster der Erfahrungsbewältigung im Hintergrund steht. Es wird ja Frau Kelek vorgehalten, wenn sie eine radikale Abkehr aller Muslime von den überlieferten Formen einer muslimischen Frömmigkeit fordert, wie man denn so etwas erwarten könne, dass es so einen kompletten Wandel gibt. Die Brücke, die ich da versuche zu bauen, ist die Frage, wie denn so ein Haushalt von Gedanken aussehen muss, wo so etwas plausibel ist. Vielleicht, weil man das in der eigenen Lebenswelt so erlebt hat, wo von heute auf morgen sich alles ändern kann, wenn sozusagen so ein Druck abgezogen wird, wenn eine Macht, die die ganze Kindheit da war, dann à la Gorbatschow verzichtet, diese Macht auszuüben. So erzählt Kelek ja die Geschichte von ihrem Vater. Deswegen habe ich es mir erlaubt, in meinem Buch auf diesen Gedanken zulaufen zu lassen, nicht um sie bloß zu stellen, sondern es ist eine Erklärung, die ich anbiete. Kann das sein, dass sie sich unbewusst vorstellt, so müsste es eigentlich sein? Dass sie sich denkt, genauso wie ich glücklich geworden bin, als mein Vater aus dem Leben meiner Familie verschwand, könnten auch die Muslime glücklich werden, wenn sie einmal mit offenen Augen den Koran lesen würden und einsehen, dass sie den Übervater Allah nicht mehr brauchen.

Zur Verteidigung dieser biographischen Erklärung: Sie ist es ja, die diese psychologische Lesart des Islam anbietet, und die sie auch als Hauptlinie ihrer pathologischen Deutung macht. Wenn ich dann die – ich betone – Autorenbiographie mit diesem psychologisch-pathologischem Muster lese, dann übernehme ich nur das, was sie selber ja gegenüber einer Milliarde von Muslimen, die die Welt nicht so sehen wie sie, auch als pathologisches Muster anbietet, weil sie eben sagt: Islam heißt Unterwerfung. Islam heißt, man kann nicht aufrecht gehen und unterwirft sich unter dem Übervater. Da ist es nicht abwegig und übergriffig, die Frage umzukehren, und zu sagen: Könnte es bei Ihnen auch nicht so sein, dass eben ihre konkrete Geschichte mit ihrem Vater das beeinflusst, was sie allen anderen Muslimen als verkorkste Psychogeschichte vorhalten?

Sie haben vorhin von der naiven Staatsgläubigkeit von Kelek gesprochen. Eberhard Straub, von dem das interessante Buch „Zur Tyrannei der Werte“ stammt, schreibt: „Der Türke oder der dämonisierte Islamist kann den Deutschen, die in ihrer Privatheit nicht reglementiert werden wollen, dabei helfen, sich vor Gleichschaltung in jeder Beziehung zu schützen.“ Braucht der Deutsche, wenn er seine eigene Freiheit verteidigen will, auch die Verteidigung der Freiheit der Muslime?

Patrick Bahners: Ja, das ist ein mir sehr sympathischer Gedanke von Straub, der ja im Grunde genommen so ein Art anarchistischer Konservativer ist. Ein Staat, der als moralische Lehranstalt auftritt, ist ihm suspekt. Er knüpft an einen alteuropäischen Konservatismus an, der sagt, dass es in einer Gesellschaft eine Vielfalt von Lebensordnungen gibt und auch die einzelnen Berufe ihren eigenen Ethos haben. Das sind Dinge, die in unserer total individualisierten egalitären Gesellschaft als Sozialmodell gar nicht mehr realistisch sind. Aber es sind schon Gedanken, die man für das liberale politische Denken doch auch wieder aktualisieren kann.

Mich beunruhigt in der Tat genau wie Eberhard Straub, dass die Leute bei uns in Deutschland vor lauter Stolz auf den Rechtsstaat unterschätzen, was es da auch an Hybris gibt. Ich kenne Straub mittlerweile seit vielen Jahren, er war ja auch einmal bei uns Redakteur. Er ironisiert immer diese Formulierung von dem „freiheitlichsten Staat, den es je auf deutschem Boden gegeben hat“. Er ironisiert das nicht, weil er es auch nicht so sehen würde. Wenn wir ihn fragen würden, dann würde er natürlich auch sagen, dass das Grundgesetz als elaborierte Grundrechtsschutzordnung de facto viel freier ist, als was wir vorher hatten. Aber in diesem Eigenlob steckt eine Blindheit drin, eine Selbstzufriedenheit und Überhebung, die dann die Sache wieder gefährdet.

Die Islamkritiker sind ja erstaunlich gut untereinander vernetzt. Sie verfügen über erheblichen Einfluss nicht nur in den Medien, sondern auch in staatlichen Einrichtungen und politischen Stiftungen. Wie groß ist wirklich der Einfluss der Islamkritiker, also Autoren wie Kelek, Broder und Raddatz, aber auch etwa von Johannes Kandel bei der Friedrich Ebert Stiftungen, der ironischerweise Leiter des „interkulturellen Dialogs“ ist?

Patrick Bahners: Es ist sehr schwer, das einzuschätzen. Was diese Publizisten angeht, ist etwa Broder ein großer Stratege. Er überlegt sich genau, welche Themen er jetzt in einem der diversen Medien aufgreift. Er führt auch teilweise die Vernetzung der Leute herbei, allerdings in dem er mit ganz offenem Visier kämpft. Trotz unterschiedlicher Hintergründe gibt es bei diesen Leuten eine sachliche Übereinstimmung. Das finde ich völlig legitim und genauso interessant finde ich, dass auf der religionsfreundlichen Seite zwischen Leuten wie Carolin Emcke als Linkslibertäre und eher konservativen Leuten auf der kirchlichen Seite Übereinstimmungen gibt.

Insofern sehe ich das relativ gelassen und habe mir in dem Buch auch den Spaß gemacht, Herr Kandel ist ja ein fleißiger Autor, mal zu schauen, ob er mir die Ehre erweist, vielleicht auch eine Rezension dazu zu schreiben. Denn ich habe mir den Spaß gemacht, ihn als so eine Art „graue Eminenz“ zu bezeichnen, der aus dieser Art Halböffentlichkeit heraus agiert. Dass er nicht so eine öffentliche Figur ist, wie Broder, liegt auch in der Natur seiner Tätigkeit. Er veröffentlicht ja auch Artikel, er ist jetzt keine graue Eminenz in dem Sinne, dass er sich jetzt absichtlich im Hintergrund hält, um irgendwelche Intrigen zu spinnen. Überhaupt nicht.

Aber ich glaube schon, dass man einfach darauf hinweisen kann, dass Leute, die an bestimmten Stellen über eine Position verfügen – das gilt ja für mich als einen Redakteur in einer großen Zeitung auch – und damit über einen Einfluss eigener Art. Wie stark der Einfluss der Leute ist, das ist natürlich schwer einzuschätzen. Aber auch da würde ich es jetzt eher gelassen bewerten. Ich habe jetzt gelesen, dass der Imam Idriz aus Pensberg in seinem Buch, was er jetzt veröffentlicht hat, doch leider sehr verbittert schreibt, dass er den Eindruck habe, die Islamkritik sei in den Staatsapparat eingedrungen.

Im Staatsapparat gibt es Kräfte, die unterwandernd, wie er schreibt, gegen Leute wie ihn und gegen den Islam arbeiten. Dass er das nun so nach seinen Erfahrungen mit dem Verfassungsschutz in Bayern sieht, kann ich wiederum gut verstehen. Aber ich hoffe doch, dass es doch zu düster gesehen ist. Denn wenn man sich die Islamkonferenz ansieht, würde ich vorsichtig optimistisch die Prämisse wagen, auch der neue Innenminister wird es sich nicht leisten können, das abzublasen. Trotz seiner Äußerungen mit seiner Kritik an Wulff, weiß man von ihm, dass er kein zum Scharfmachen neigender Politiker ist.

Man hat in der Islamkonferenz und in den Bundesländern beim islamischem Religionsunterricht gesehen, dass überall, wenn es um pragmatische Fragen geht, die Politiker sich gegen die Parolen durchsetzen. Das ist natürlich frustrierend für Leute wie Kelek. Der politische, pragmatische Verstand von Beamten und Berufspolitikern setzt sich dann auch gegen diese Parolen durch, weil aus den Parolen wiederum ja wenig folgt. Dass Leute wie Broder versuchen, diese Dinge ins Zwielicht zu ziehen, hat bisher nicht funktioniert.

Wird es eine Art Gegenbewegung dazu gegen, oder gibt es diese schon?

Patrick Bahners: So wie ich mich in das Thema hineingedacht habe, dann neige ich natürlich dazu, das so zu beschreiben, dass auf der Seite der Islamkritik die Unvernunft und eine so starke Passion steht, sodass sie jedenfalls sehr unvernünftig wirkt. Die Unvernunft und das Extreme engagiert und formiert sich, und die Vernunft tut sich damit schwerer.

Insofern rechne ich jetzt nicht damit, dass sich eine Organisation oder Gegennetzwerk gibt. Aber jedenfalls gibt es schon eine verbreitete Stimmung. Ich erlebe es ja jetzt mit meinem Buch, dass ich auch Leute treffe, die mir zurufen, dass es Zeit wurde, so etwas endlich zu machen. Und zwar auch von Leuten, die nicht durch eigenes Engagement festgelegt sind. Diese Leute finden es gut, dass in der Öffentlichkeit jetzt auch mal ein etwas anderer Ton kommt. Das finde ich sehr erfreulich.

Die ganze Gutmenschen-Propaganda geht einfach nicht mehr auf, dass man sagt, das sind Dummköpfe, das sind Illusionisten. Das reden sie sich natürlich weiter ein bei PI, und Broder verbreitet das natürlich mit Kalkül weiter.

Lieber Herr Bahners, vielen Dank für das Interview.

Gewalt in Kunst verwandeln

Neco Çelik ist als Sohn türkischer Gastarbeiter in Berlin-Kreuzberg groß geworden. Seine Biographie liest sich wie ein Film: vom Gangmitglied zum Film- und Theaterregisseur. Die US-amerikanische Zeitschrift “Vanity Fair” bezeichnete ihn gar als den “Spike Lee Deutschlands”. Neco Çelik ist ein Vorbild für viele Jugendliche, die von Integrationsexperten gerne als perspektivlos bezeichnet werden. Trotz seines erstaunlichen Werdegangs vergisst Çelik seine Jungs (und Mädels) nicht und arbeitet immer noch ehrenamtlich im Kreuzberger Jugendzentrum Naunyn Ritze. Seine Eltern kamen 1967 als Gastarbeiter nach Deutschland. Als zweitjüngster von fünf Geschwistern wuchs er in Kreuzberg auf. Über seine Kindheit sagt er: “Hier wächst man in einer türkischen Umgebung auf. Es war zu jener Zeit eine kaputte Gegend, direkt an der Berliner Mauer. Für uns Kinder war das eine aufregende Zeit, für die Erwachsenen ist es ein armes Leben gewesen. In so einer Umgebung hat die Schule keine große Rolle für mich gespielt.”

Neco Celik (links): ""Arbeiten und arbeiten und diese Hoffnung hegen, wir werden zurückkehren und dann unser wahres Leben leben. Bullshit!"

Neco Celik (links): "Arbeiten und arbeiten und diese Hoffnung hegen, wir werden zurückkehren und dann unser wahres Leben leben. Bullshit!"

Er beobachtete die “Gastarbeitergeneration” und entwickelte Unbehagen gegenüber einem Leben, das für ihn in vielerlei Hinsicht falsch “eingerichtet” zu sein schien: “Ich konnte es nicht glauben. Ich bin extra mit meinen Eltern zu den Nachbarn, zu denen ich nie gehen wollte, und habe geguckt, ob sie dieselben Möbel hatten. Sie hatten den beschissenen selben Schrank und den beschissenen selben Teppich. Die, die sich davon lösen konnten, haben erstmal begriffen, was Leben bedeutet”, sagt Neco Çelik. Sie seien nur mit ihrem Leben beschäftigt gewesen: “Arbeiten und arbeiten und diese Hoffnung hegen, wir werden zurückkehren und dann unser wahres Leben leben. Bullshit! Man war sozusagen in einem sozialen Gefängnis, so eine Herde von Schafen, die bloß nicht ausscheren durften, um etwas zu verändern.” Er brach die Schule ab und wurde Mitglied in der berüchtigten Straßengang 36 Boys, deren Anführer er auch war. “Das hatte etwas mit Haltung zu tun, mit Intelligenz – und mit einem Talent zur Schauspielerei. 90 Prozent hier auf dem Kiez sind Schauspielerei, Effekthascherei und MTV.” Sie seien damals Jugendliche gewesen, die mit sich nichts anfangen konnten und jede Menge Energie hatten. “Wir lungerten an den Ecken herum und waren der Meinung, dass wir besser sind als die anderen, die ebenfalls an den Ecken rumlungerten. Wir haben uns als intellektuelle Kriminelle gesehen. Es gab unter uns auch Gedichteschreiber!”

Bald begann Neco Çelik durch Graffiti und Rap seine Wut in Kunst zu verwandeln. Dies sei einfach gewesen, da laut Çelik Gewalt und Kreativität sehr nah beieinander lägen. Er holte seinen Schulabschluss nach und machte im Jugendzentrum Naunyn Ritze eine Ausbildung zum Medienpädagogen. Das Filmhandwerk brachte er sich selber bei. Im Jahr 2003 drehte er seinen ersten SpielfilmUrban Guerillas , der die Wut und die Träume der “Ghetto-Kids” behandelt. Fast alle Schauspieler in diesem Film waren Laien, alte Freunde von der Straße. “Ich nehme sie mit auf meinen Weg”, sagt Çelik.

Mittlerweile hat er drei Spielfilme gedreht und Erfahrung als Theaterregisseur gesammelt. “Ein Theaterstück zu inszenieren, war für mich schon immer ein geheimer Wunsch gewesen. Als man mir Feriduns Stück Schwarze Jungfrauen angeboten hat, habe ich sofort ‘ja’ gesagt.” Zu seiner Theaterpremiere hatte Çelik damit ein Stück zu inszenieren, das es in sich hat; es schockierte viele Theaterbesucher. “Der Inhalt des Textes ist extrem, extrem stark”, führt Neco Çelik an. “Die Leute sind wirklich von ihren Stühlen gefallen. Sie konnten nicht glauben, dass jemand so etwas sagen kann. Sie sind von diesen Frauen erschüttert. Das beweist, dass das, was sie sagen, in der Öffentlichkeit überhaupt nicht vorkommt.”

Dieses Theaterstück ist ein ausgesprochen böses Echo aus muslimischer Sicht auf die zunehmende Islam-Hysterie der hiesigen Gesellschaft. Es handelt von zehn jungen muslimischen Frauen: “Diese jungen Frauen sind keine Ja-Sager, keine Ängstlichen, keine Ungebildeten, keine Gutmensch-Frauen. Sie sind zornige, starke, coole, witzige und mutige Musliminnen, die das Wort ergreifen, ohne Punkt und Komma im Angesicht des Publikums ihre persönlichen Geschichten oder Meinungen vortragen. Manchmal ist es vulgär, manchmal radikal kompromisslos. Und das ist gut so.”

Mittlerweile hat Neco Çelik im Ballhaus Naunynstraße schon bei einigen Theaterstücken Regie geführt. Künstlerische Leiterin des Ballhauses ist Shermin Langhoff. Im November 2008 wurde das Ballhaus mit dem Theaterfestival Dogland wiedereröffnet. Initiator und Träger des neuen Konzepts an der kommunalen Spielstätte ist der Verein “kulturSPRÜNGE”, ein Netzwerk von Kulturschaffenden der zweiten und dritten Migrantengeneration, das Langhoff 2003 initiierte und zu dessen Unterstützern und Protagonisten Fatih Akin, Neco Çelik, Feridun Zaimolu, die Schauspielerin Idil Üner, der Rapper Ceza und viele andere Kulturschaffende gehören. “Diese Spielstätte ist aus der Feststellung entstanden, dass es hier ein kulturelles Kapital gibt, das überhaupt nicht gefördert wird”, betont Langhoff. “Mein Anspruch ist es, vor allem migrantischen Künstlern aus der zweiten und dritten Generation ein Forum zu geben, um neue Geschichten aus neuen Perspektiven zu erzählen.”

Durch junge Talente wie dem Regisseur Neco Çelik oder dem Schauspieler Erhan Emre hat das Ballhaus Möglichkeiten, die sich andere Theater erst mühsam aufbauen müssen: Durch Çeliks Tätigkeit in der Jugendeinrichtung Naunyn Ritze (direkt gegenüber des Ballhauses) eröffnen sich etwa Möglichkeiten für Projekte zur kulturellen Bildung der Jugendlichen in Kreuzberg. Aber die kulturelle Bildung ist nur ein Teil der Arbeit: “Wir wollen zwar soziale Fragestellungen einbeziehen, aber über die soziokulturellen Momente des klassischen Migrationstheaters hinausgehen und neue Wege einschlagen”, erklärt Langhoff. Sie bezeichnet das Ballhaus als “postmigrantisch”. Postmigrantisch umfasse dabei vor allem die Geschichten und Perspektiven derer, die selbst nicht mehr migriert seien, den Migrationshintergrund aber als Wissen mitbringen. “Man bewegt sich mit diesen Selbst- und Fremdzuschreibungen natürlich immer auf einer Grenzlinie. Aber wir brauchen diese Titelagen – auch um zu provozieren und damit wir uns gemeinsam weiterentwickeln können. Denn als ‘junge Deutsche’ werden wir einfach nicht gesehen. Ich glaube, dass jede gebrochene Biografie, sei es durch Migration oder andere Umstände, ein gewisses Potenzial birgt.”

Für Neco Çelik ist diese Arbeit nicht nur für Kreuzberg wichtig. Es entstehe eine Paranoia, weil der Minderwertigkeitskomplex groß sei. “Was sieht einer von hier, wenn er in die ‘Bild’ schaut oder ins Fernsehen? Er sieht: Alle sind gegen mich.” Viele fühlten sich von der Mehrheitsgesellschaft verachtet. “Da staut sich was Krasses an”, warnt er, “das macht manche der Jungs so paranoid, dass sie nur noch denken: Ich will auf keinen Fall Opfer sein, die anderen sollen Opfer sein. Und wenn es die eigenen Leute sind.” Dem will er entgegenwirken, beispielsweise mit dem ProjektStreetunivercity, durch das die speziellen Stärken und Fähigkeiten der Jugendlichen entdeckt und entwickelt werden, also Gewalt in Kunst verwandelt werden soll.

http://www.bpb.de/publikationen/3QNA9T,2,0,Ein_Teil_Deutschlands_mit_etwas_mehr_Farbe.html#art2

Wie hast du’s mit der Religion, Europa?

Der französische Politologe Olivier Roy zählt zu den herausragendsten Islamexperten in Europa. Sein neues Buch, «Heilige Einfalt – Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen», erscheint demnächst auf Deutsch. Eren Güvercin befragte ihn zu aktuellen Themen in der Debatte um den Islam.
Heilige Einfalt von Olivier Roy

Heilige Einfalt von Olivier Roy

Die Mehrheit der Schweizer Wähler hat sich unlängst für ein Minarettverbot ausgesprochen; in Frankreich und Belgien diskutiert man das Verbot von Burkas; auch in Deutschland ist der Islam ein Dauerthema. Was irritiert die Europäer so sehr an religiösen Symbolen oder «fremden» Religionen?

Olivier Roy: Die Debatte in Europa hat sich in den letzten 25 Jahren vom Thema Immigration auf die sichtbaren Symbole des Islam verlagert. Das bedeutet, dass sogar die Gegner der Immigration mittlerweile zugestehen, dass die zweite oder dritte Einwanderergeneration sich hier auf Dauer niedergelassen hat und dass damit auch der Islam in Europa Wurzeln schlägt. Die diesbezügliche Diskussion hat nun eine merkwürdige Wendung genommen: Während die Polemik gegen die Immigration in erster Linie von der konservativen Rechten kam, wird der Islam von rechter wie linker Seite her angegriffen, allerdings mit sehr unterschiedlicher Begründung. Die Rechte findet, dass Europa christlich ist und der Islam als eine zwar tolerierte, aber inferiore Religion behandelt werden sollte. Man gesteht – eher widerwillig – zu, dass der Islam aufgrund der verfassungsmässig garantierten Religionsfreiheit nicht verboten werden kann, nimmt aber Möglichkeiten wahr, seine Sichtbarkeit einzuschränken; so hat sich etwa der Europäische Menschenrechtsgerichtshof nicht gegen das Kopftuchverbot in Frankreich ausgesprochen. Die Linke dagegen plädiert für Säkularismus, Frauenrechte und gegen religiösen Fundamentalismus; man kritisiert die Verschleierung, nicht weil sie zum Islam gehört, sondern weil man sie als Verstoss gegen die Rechte der Frau empfindet. Deshalb verbirgt sich hinter der Islamdebatte eine wesentlich komplexere Problematik – die Frage nämlich nach der Beschaffenheit einer europäischen Identität und nach der Rolle des Religiösen in Europa. Und obwohl die Rechte und die Linke in dieser Hinsicht sehr unterschiedliche Positionen vertreten, sehen wir nun neue populistische Bewegungen – etwa Geert Wilders’ Freiheitspartei in den Niederlanden –, in denen sich die beiden Denkweisen vermischen; es sind Parteien, die grundsätzlich der Rechten zuneigen, aber linke Argumente verwenden.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass ein Fundamentalismus, wie ihn al-Kaida vertritt, mit der islamischen Tradition nichts zu tun habe. Aber in Europa sieht man die fundamentalistische Ideologie nachgerade als Essenz eines traditionsgebundenen Denkens. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?

Roy: Der Terrorismus, den al-Kaida praktiziert, ist in der islamischen Geschichte ebenso unbekannt wie in der christlichen. Das ist auf jeden Fall ein neues Phänomen. Und wenn wir seine Manifestationen betrachten – Selbstmordattentate, die Ermordung von Geiseln, das Töten von Zivilisten –, dann sind das Methoden, die in jüngerer Zeit andere Organisationen noch vor al-Kaida zur Anwendung brachten: Die Tamil Tigers etwa verübten Selbstmordattentate, italienische Rechtsextreme waren für die Bombenattentate in Bologna vom August 1980 verantwortlich; und in den Videoaufnahmen von der Ermordung ausländischer Geiseln durch die Kaida im Irak gleicht die «Inszenierung» bis ins Detail der Ermordung Aldo Moros durch die Roten Brigaden: Banner und Logo der Organisation im Hintergrund, die Geisel gefesselt und mit verbundenen Augen, die Durchführung einer «Gerichtsverhandlung» durch die Militanten, dann die Verhängung des «Urteils» und die Exekution. Der Modus Operandi und die Organisationsform von al-Kaida, das zentrale Feindbild des amerikanischen Imperialismus wie auch die auf junge, im Westen ausgebildete Muslime und auf Konvertiten ausgerichtete Rekrutierungspraxis – all das verweist darauf, dass al-Kaida nicht einfach Ausdruck eines traditionellen, ja nicht einmal eines fundamentalistischen Islam ist; sondern vielmehr eine neue Auffassung des Islam im Kleid westlicher, revolutionärer Ideologien.

Wie erklären Sie den Erfolg solcher radikaler Bewegungen oder Ideologien? Ist er wirklich auf Armut und Marginalisierung zurückzuführen?

Roy: Nein. Sämtliche Untersuchungen zeigen, dass keine Korrelation zwischen Armut und Radikalisierung existiert: In den radikalen islamistischen Bewegungen sind viel mehr Saudiaraber aktiv als Bangalen – de facto gibt es kaum Militante aus Bangladesh. Ich halte den gegenwärtigen Konflikt für eine Fortsetzung der alten Konfrontation zwischen antiimperialistischen, von der Dritten Welt ausgehenden Bewegungen, die sich gegen den Westen und spezifisch gegen die USA richten. Bin Ladin sagt vergleichsweise wenig über Religion, aber er spricht von Che Guevara, von Kolonialismus, Klimaveränderung . . . Zudem ist al-Kaida ganz klar eine Art Jugendbewegung – sie wird von jungen Leuten getragen, die sich von ihren Familien und ihrem gesellschaftlichen Umfeld abgesetzt haben und nicht einmal an ihrem Herkunftsland interessiert sind. Es gibt eine erstaunlich grosse Zahl von Konvertiten unter den Kaida-Mitgliedern; das ist mittlerweile eine anerkannte Tatsache, der aber zu wenig Beachtung geschenkt wird. Die Konvertiten sind Rebellen ohne Ziel und Orientierung, die sich vor 30 Jahren vielleicht der RAF oder den Roten Brigaden angeschlossen hätten; heute wenden sie sich einfach der erfolgreichsten Bewegung auf dem antiimperialistischen Markt zu. Sie stehen immer noch in der Tradition eines mehrheitlich westlichen revolutionären Millenarismus, der sich von der Utopie einer neuen, gerechten Gesellschaft weitgehend abgewandt hat. Die neuen Bewegungen sind zutiefst skeptisch im Blick auf die Möglichkeit, ein ideales Gesellschaftsmodell zu verwirklichen – daher ihre suizidale Dimension, die man auch bei der RAF findet.

Manche Europäer sind der Ansicht, dass im Blick auf das christliche Fundament des Abendlandes alles Islamische in Europa problematisch und artfremd sei. Was halten Sie von dieser Auffassung?

Roy: Sie wird zu einem Zeitpunkt geäussert, da anderseits Papst Benedikt XVI., wie vor ihm schon Johannes Paul II., darüber klagt, dass Europa seine christlichen Wurzeln verleugne und ignoriere. Die Debatte über sexuelle Freiheit, Abtreibung, Gleichberechtigung für Homosexuelle ist keine Konfrontation zwischen Europäern und Muslimen, sondern zwischen Säkularisten – die es auch auf muslimischer Seite gibt – und konservativen Gläubigen, seien sie nun Muslime, Katholiken oder orthodoxe Juden. Europa ist de facto geteilter Meinung über seine eigene Kultur: Die Säkularisten sehen die Aufklärung und damit verbundene Ideale wie Menschenrechte, Freiheit und Demokratie als eigentliche Geburtsurkunde Europas, während gewisse christlich orientierte Faktionen der Ansicht sind, dass auch Kommunismus, Atheismus und sogar der Nationalsozialismus direkte Folgen der Aufklärung seien.

Droht die Islamfeindlichkeit zu einer europäischen Realität zu werden?

Roy: Auch da stellt sich zunächst die Frage, wie wir den Begriff definieren. Ist Islamfeindlichkeit lediglich eine weitere Form des Rassismus, die sich spezifisch gegen Menschen mit muslimischen Namen richtet – ungeachtet ihres Glaubensverständnisses? Oder ist es die Ablehnung einer Religion? Es gibt militante Antirassisten, die gegen den Schleier sind – etwa unter Feministinnen; und es gibt Rassisten, denen der Schleier egal ist, weil sie die Muslime ohnehin für grundsätzlich anders halten. Das ist insofern heikel, als zwischen den beiden Faktoren – ethnische Zugehörigkeit und Religion – in der Regel nicht klar genug differenziert wird. Natürlich stammt die grosse Mehrzahl der europäischen Muslime ursprünglich aus anderen Kulturen, aber der Konnex zwischen Herkunft und Religion beginnt sich aufzulösen: Es gibt Europäer, die zum Islam, und Muslime, die zum Christentum konvertieren, es gibt atheistische «Araber» und «Türken»; immer mehr Muslime in Europa wollen zwar als Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft wahrgenommen, aber nicht mehr einer aussereuropäischen Herkunftskultur zugeordnet werden. Wir müssten zwischen ethnischen und religiösen Gemeinschaften differenzieren, denn dies sind unterschiedliche Phänomene, mit denen auch auf unterschiedliche Weise umgegangen werden muss.

Und wie soll sich die Politik gegenüber diesen aus ihrem kulturellen Umfeld ausgegliederten, «globalisierten» Religionen verhalten?

Roy: Ich denke, dass gerade diese Religionen – und nicht etablierte Institutionen wie die katholische Kirche – derzeit am erfolgreichsten sind; so hat es auch wenig Sinn, dagegen anzukämpfen, insbesondere in Ländern, wo die Religionsfreiheit ein verfassungsmässiges Recht ist. Hingegen müsste die Trennung von Staat und Religion dahingehend verstärkt werden, dass man allen Religionen völlige Rechtsgleichheit garantiert. Dies allerdings nicht im Sinn eines religiösen «Multikulturalismus», sondern im Blick auf die Konditionen, unter denen eine Glaubensgemeinschaft ihre Rechte ausüben kann – auf eine neutrale und genau definierte Form der Religionsfreiheit im Rahmen der geltenden Gesetze.

In den Medien wird häufig die Dialektik von «liberalem» contra «radikalem» Islam ins Feld geführt. Was ist von dieser Terminologie und der damit verbundenen Wertung zu halten?

Roy: Ich glaube nicht recht daran, dass ein Gläubiger eine «liberale» Auffassung seiner Religion vertreten muss, um ein guter Staatsbürger zu sein. Auch die Forderung nach einer «Reformation» des Islam überzeugt mich nicht. Die Leute, die nach einem «muslimischen Luther» rufen, haben Luther nie gelesen: Er war keineswegs liberal und obendrein ein erklärter Antisemit. Die Einpassung der Muslime in den westlichen Kontext hat nichts mit Theologie zu tun, sondern vielmehr mit der Lebenspraxis und den Anstrengungen jedes Einzelnen. Sie versuchen, ihre Praktiken mit dem westlichen Umfeld in Einklang zu bringen, und das Umfeld bietet ihnen entsprechende Möglichkeiten – sie können beispielsweise lernen, ihre Normen im Kontext moderner Wertvorstellungen neu zu denken. Das kann über kurz oder lang zu einer Art Reform des theologischen Denkens führen, aber grundsätzlich scheint es mir nicht sinnvoll, Modernität mit theologischem Liberalismus in eins zu setzen. So zu denken, hiesse, entweder die Geschichte misszuverstehen oder sich reinem Wunschdenken hinzugeben.

http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/wie_hast_dus_mit_der_religion_europa_1.5493885.html

“Die jungen Muslime heute holen sich die Informationen über ihren Glauben von Shaykh Google!”

Alle sprechen zwar von Scharia und manchen Auswüchsen des islamischen Rechts wie den harten Strafen, der Diskriminierung der Frauen und den zahllosen Verhaltensvorschriften. Wirklich bekannt ist das vielfältige, uneinheitliche, durch viele Schulen gekennzeichnete islamische Recht hierzulande aber nicht. Prof. Dr. [extern] Mathias Rohe, Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung an der Universität Erlangen-Nürnberg, gilt als einer der besten Kenner des islamischen Rechts in Deutschland. Mit seinem Buch [extern] Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart hat er eine umfassende Darstellung des islamischen Rechts vorgelegt.

Herr Prof. Rohe, wenn die Menschen heute den Begriff Scharia hören, denken viele an drakonische Körperstrafen und ähnliches. Was genau ist Scharia? Ist Scharia das islamische Recht, oder muss man da differenzieren?

Prof. Mathias Rohe: Ich denke die Übersetzung als Islamisches Recht ist verkürzt. Scharia ist mehr als das, jedenfalls nach dem Verständnis vieler Muslime, die einen weiten Begriff anlegen, und die unter Scharia alle religiösen und rechtlichen Normen des Islam verstehen, einschließlich der Methoden, wie man sie zu interpretieren hat, und das wird ein sehr komplexes Gebäude. Das sind Dinge wie Vertragsrecht, wie Fasten, wie Bekenntnis zu dem einen Gott, dann aber auch Strafrecht und ähnliche Dinge mehr. Es gibt ein engeres Verständnis, das sich mehr auf die problematischen Anteile konzentriert, wie wir sie in der traditionellen Scharia haben, wie etwa diese drakonischen Körperstrafen, wie Ungleichbehandlung der Geschlechter und ähnliche Dinge mehr, wie wir sie auch in der abendländischen Rechtskultur früher kannten.

Wie hat sich das islamische Recht herausgebildet? Auf welche Quellen basiert es?

Rohe: Über das erste Entstehungsjahrhundert wissen wir herzlich wenig. Erst so ab dem zweiten Jahrhundert bildet sich so allmählich eine strukturierte Rechtswissenschaft heraus. Die stützt sich dann natürlich vor allem erstmal auf den Koran, soweit da überhaupt rechtliche Dinge drinstehen. Das ist sehr wenig dort. Sie stützt sich zusehends auch auf Überlieferungen des Propheten des Islam Muhammed, wobei da die große Schwierigkeit war und ist, die gefälschten von den echten zu unterscheiden. Die meisten sind nicht echt. Das weiß auch die muslimische Tradition. Da hat sich noch so eine ganze Reihe zusätzlicher Methoden entwickelt: Konsensbeschlüsse der Gelehrten, wo sehr fraglich ist, wie die gebildet werden, oder wie lange die zu gelten haben; Analogieschlüsse und ähnliche Dinge mehr. Also auch da ein ganz breites Repertoire. Im zehnten, elften Jahrhundert hatte sich das im wesentlich herausgebildet und sich dann eigentlich verfestigt bis ins 19. Jahrhundert hinein, wo wir dann die ersten großen Reformen erleben.

Was für Auswirkungen hatten diese Reformbewegungen auf das islamische Recht?

Rohe: Es hat sich gründlich – ja wenn man so will – modernisiert. Viele Gelehrte damals haben das so empfunden, dass eine Erstarrung über die Jahrhunderte eingetreten ist, dass man dem eigenständigen freien Nachdenken und Interpretieren nicht mehr genügend Raum gelassen hatte, dass dieses eigenständige Interpretieren – das sogenannte Idschtihad – wieder mit neuem Leben erfüllt werden müsse. Und ganz konkret geht es dann sehr häufig um Reformen oder Neuinterpretationen im Sinne von Frauen, also Verbesserung von Frauenrechten, Verbesserung von Kindesrechten und in einem gewissen Umfang die Verbesserung der Rechtsstellung von nichtmuslimischen Minderheiten und ähnliches.

Was für eine Relevanz hat das islamische Recht noch heute in der islamischen Welt?

Rohe: Das ist sehr unterschiedlich. Einige wenige mehrheitlich von Muslimen bewohnte Staaten haben das ganz abgeschafft, die Türkei schon seit über 80 Jahren, die Staaten des Balkan. Dann gibt es andere große muslimische Staaten, in denen es nur in einzelnen Facetten gibt, wie Indonesien, Malaysia, Pakistan, Indien. In vielen Staaten der islamischen Welt hat sich noch gehalten, vor allem im Bereich des Familienrechts, Personenstandrechts, des Erbrechts, und in einigen wenigen auch diese drakonischen Körperstrafen, die natürlich ganz große Probleme machen.

Es existieren im Islam vier große Rechtsschulen. Sind diese noch vorhanden, oder haben sich diese im Laufe der Modernisierung mehr oder weniger aufgelöst?

Rohe: Es hat sich im Rechtsbereich weitgehend aufgelöst dadurch, dass es für zulässig erachtet wurde, dass man mehr und mehr auch aus den Meinungen anderer Rechtsschulen geschöpft hat, und diese Meinung nun zum Gesetzt gemacht hat, so dass wir zum Beispiel in Ägypten eine Mischform von shafiitischem, hanefitischem und malekitischem Recht haben. In einigen Staaten ist es noch so, dass wenn es keine bestimmten Gesetze gibt, dass man dann auf die Ansichten einer bestimmten Rechtsschule zurückgreifen solle. Aber insgesamt muss man sagen, diese Schulen haben sich noch mehr gehalten im religiösen Bereich, wo es zum Beispiel Unterschiede gibt, wie ganz genau man sich körperlich verhalten soll beim Gebet oder ähnliches mehr, während sie im Rechtsbereich eigentlich weitgehend ihre Bedeutung eingebüßt haben.

Mit seinem Buch hat Prof. Rohe eine umfassende Darstellung des islamischen Rechts vorgelegt.

Mit seinem Buch hat Prof. Rohe eine umfassende Darstellung des islamischen Rechts vorgelegt.

Wenn man sich die heutigen islamistischen Ideologen anschaut, die etwa Terror als legitimes Mittel ansehen, lehnen die Rechtsschulen als unerlaubte Neuerung ab. Kann eine Ablehnung der traditionellen Rechtsschulen zu solch einer Radikalisierung führen?

Rohe: Das sagen manche der Traditionellen, die die Gewalt sehr stark ablehnen, dass sie gerade der Garant dafür sind, dass die Religion nicht aus dem Ruder läuft. Nur ich muss sagen, ich glaube nicht an diese stabilisierende Wirkung irgendwelcher Schulen im Moment. Wenn wir ansehen, woher holen die Radikalen ihre Ansichten? Woher holt eine junge Muslimin, ein junger Muslim heute die Informationen, wenn sie irgendetwas über ihren Glauben wissen wollen? Shaykh Google! Also man geht ins Internet. Man guckt, was man da für Botschaften findet. Und da gibt es keine Websites irgendwelcher Rechtsschulen, sonder von vielleicht irgendwelcher charismatischer Figuren, irgendwelcher Exzentrikern oder Extremisten, irgendwelcher Reformer. Da ist das ganze Repertoire zu holen im Grunde. Die Globalisierung hat auch vor dem Islam nicht Halt gemacht, und es ist noch völlig unausgelotet, wohin eigentlich in dieser Hinsicht die Reise gehen wird.

Was für eine Rolle spielt das islamische Recht für die in Deutschland lebenden Muslime?

Rohe: Es kann eine Rolle spielen soweit das deutsche Recht das vorschreibt oder zumindest zulässt. Eins muss klar sein – man hat verbreitete Ängste vor einer Islamisierung Europas oder Deutschlands, diese Ängste sind aus Rechtssicht vollkommen unbegründet, denn es gilt alleine deutsches Recht in Deutschland. Das ist ein internationaler Grundsatz, dass das nationale Recht gilt. Aber: das deutsche Recht sieht in bestimmten Fällen vor, dass wir ausländisches Recht, sei es nun französisches oder jordanisches oder brasilianisches Recht anwenden in bestimmten Fällen privater Beziehungen, wo wir davon ausgehen, dass die Menschen unter der Geltung fremden Rechts ihre Verhältnisse geordnet haben, eine Ehe geschlossen haben, zwanzig Jahre gelebt haben, Ehegüter und ähnliches mehr erworben haben, und dass sie dann wenn sie nach Deutschland kommen, nicht auf einmal deutschem Familienrecht unterliegen sollen, dass sie inhaltlich vielleicht gar nicht kennen, und dass ihre Erwartungen enttäuschen würde. Also in diesen Fällen ist unser Recht der Auffassung, die anderen sind näher dran, und wir wenden deswegen dieses fremde Recht an. Aber auch das hat eine Grenze, die heißt, ordre publique, und das heißt, wenn das Ergebnis der Anwendung dieses fremden Rechts mit unseren Rechtsvorstellungen so über Kreuz liegt, dass es für uns unerträglich wäre, dann sagen wir, wir sind nicht bereit diese fremden Normen in diesem Fall anzuwenden, d.h. wir behalten uns auch da die Souveränität vor uns zu entscheiden, ob und wie weit wir diese fremden Normen anwenden. Da kommt noch ein weiteres Feld hinzu, nämlich das so genannten dispositive Recht, Bürgerliches Recht. Dort, wo man zum Beispiel Verträge selber gestalten kann – mittlerweile gibt es islamische Investments und ähnliche Dinge mehr, das ist rechtlich gesehen zulässig. Es gibt Ökobanking, es gibt christliche Investments, warum soll es keine islamische Investments geben? Wenn das seriös betrieben wird, die Leute nicht über den Tisch gezogen werden, was leider manchmal auch vorkommt, dann ist das zulässig, auch wiederum im Rahmen des deutschen Rechts.

Was sagt das islamische Recht über die Muslime aus, die in einer nichtmuslimischen Rechtsordnung leben?

Rohe: Es gibt eine 1000 Jahre alte Tradition im islamischen Recht, die so ungefähr besagt, dass der Muslim, der sich im nichtislamischen Ausland aufhält, die dortigen Gesetze respektieren muss, einhalten muss, dann, wenn er dort genug Sicherheit hat, und wenn er nicht seinen Glauben aufgeben muss. Wenn er unter Bedrohung kommt, dann soll er wieder auswandern. D.h. es ist nach dieser alten Lehre eine Pflicht des ordentlichen Muslim die Gesetze dort einzuhalten, nicht nur weil sie selber das verlangen, sondern auch aus seinen religiösen Gründen. Man muss allerdings auch sagen, diese alte Lehre rührt aus einer Zeit, in der sich die Lager sich oft feindselig gegenüber standen, und man ahnt so etwas von einem Geist dieser Konfrontation, die wir von beiden Seiten aus hatten. Deswegen sagen sehr viele Gelehrte heute, das sei ein veraltetes Konzept. Das steht auch nicht im Koran, sondern das haben die Juristen so entwickelt. Sie sagen, heute leben wir alle auf einer Erde und nicht mehr in zwei verschiedenen Lagern, dass es deswegen auch wichtig sei, dass sich als Staatsbürger in den Staaten zu engagieren, egal ob Muslim, Jude, Christ, Atheist oder was auch immer, und das als gemeinsame Aufgabe ansieht. D.h. im Grunde sehen die auch in einem Land wie Deutschland oder Frankreich als islamisches Land an, weil man dort nämlich auch die Religion des Islam frei praktizieren kann im Rahmen der Religionsfreiheit.

Oft wird das islamisches Recht als veraltet dargestellt. Gibt es überhaupt moderne Ansätze?

Rohe: Die gibt es durchaus. Wenn wir uns heute das Szenario des islamischen Rechts anschauen, zum Beispiel im Familienrecht oder Erbrecht, das ist der Bereich, in dem islamische Traditionen noch am stärksten vorhanden sind, dann stellen wir immense Unterschiede fest etwa zwischen Marokko und Tunesien auf der einen Seite, Saudi-Arabien und anderen sehr traditionellen Staaten auf der anderen Seite, obwohl die alle von sich sagen, dass sie auf der Basis der Scharia, der islamischen Normenlehre ihre Normen geschaffen hätten. Woher kommt das? Nun, weil die Quellen unterschiedlich gelesen werden. Wer sich sehr stark an den Wortlaut eines Korantextes orientiert, der wird beispielsweise diese patriarchalische Grundstruktur im Geschlechterverhältnis beibehalten. Wer – wie andere Gelehrte das tun – eine dynamische Lektüre bevorzugt, wer nach Sinn und Zweck dieser Regelungen fragt, der wird sagen, die Antwort des 7. Jahrhunderts kann eine andere sein als eine im 21. Jahrhunderts, und prüft eben, welches sind die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts. Der Islam hat in seiner Geschichte einigen Erfolg gehabt, weil und soweit es ihm gelungen ist, sich an die jeweiligen örtlichen und zeitlichen Verhältnisse auch anzupassen. Ein gewisse Kernbestand des Glaubens ist unantastbar, Bekenntnis zu dem einen Gott und die fünf Säulen, die wir so kennen, aber in allen anderen Bereichen gibt es eine sehr sehr hohes Maß an Flexibilität, hat es gegeben und gibt es auch nach wie vor. Von daher muss man schon sagen, das Bild ist sehr bunt geworden.

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32070/1.html