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Der alte Rasismus in neuem Gewand?

November 3, 2009 · 2 Kommentare

Kay Sokolowsky über das „Feindbild Moslem“, die Medien und die Hassprediger von PI

Gerade hat der Prozess um den Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini begonnen. Was lehrt uns dieser Mord über gesellschaftliche Konflikte in Deutschland?

Kay Sokolowsky: Daß sie in gewissen Fällen gern verharmlost werden. Daß in gewissen Fällen das Entsetzen vor einem Mord nicht so schwer wiegt wie die Sorge, der alltägliche, allgegenwärtige Rassismus in Deutschland könnte zur Sprache kommen. Viele dieser gewissen Fälle betreffen in jüngster Zeit vor allem das Verhältnis der alteingesessenen Deutschen zu Mitbürgern aus dem islamischen Kulturkreis. Der Mann, der Marwa El-Sherbini erstochen hat, wurde laut Staatsanwaltschaft von blankem Haß auf Muslime geleitet. Mit diesem Haß ist der Täter leider nicht allein. Es gibt sehr viele Menschen in Deutschland, die verstehen und sogar rechtfertigen, warum Alex W. eine schwangere Frau getötet und beinahe auch ihren Mann ums Leben gebracht hat, die diesen Messerstecher geradezu für einen Helden halten. Marwa El-Sherbini sei selbst schuld, heißt es dann, sie hätte ja auf ihre Anzeige gegen den Rassisten verzichten können. Sie habe ihn durch diese Anzeige ja überhaupt erst gereizt. Und was bilde so eine Fremde sich eigentlich ein, solch eine Kopftuchträgerin zumal?! So und noch viel schlimmer tönen User-Kommentare auf den muslimfeindlichen Websites. Diese grauenhafte Tat ist Ausdruck eines Hasses, der sich in Deutschland breitgemacht hat wie eine Epidemie. Doch über diesen Haß und über seine Verbreitung möchte man lieber nicht reden.

Kay Sokolowsky: "Über diesen Haß und über seine Verbreitung möchte man lieber nicht reden." (Foto: Martina Bendler)

Kay Sokolowsky: "Über diesen Haß und über seine Verbreitung möchte man lieber nicht reden." (Foto: Martina Bendler)

Im Rotbuch Verlag ist Ihr Buch „Feindbild Moslem“ soeben erschienen. Sie schildern in diesem Buch die Lage der Muslime in Deutschland und stellen fest, dass sich besonders seit dem 11. September antimuslimische Ressentiments verbreiten. Was sind die Gründe dieses Antiislamismus? Wer sind die Wortführer?

Sokolowsky: Der Antiislamismus ist nur ein Vorwand, eine Ausrede, um rassistische Hetze und migrantenfeindliche Bösartigkeit auszutoben. Die Muslimhasser diffamieren „die Muslime“ und meinen damit jeden Menschen, der in erster, zweiter oder dritter Generation aus dem islamischen Kulturraum stammt. Es ist dabei ganz gleichgültig, ob die Menschen, die diskriminiert werden, tatsächlich Muslime sind. Die Muslimfeinde unterstellen kurzerhand jedem Menschen mit türkischen oder arabischen Eltern, er sei ein Muslim. Das ist bereits blanker Rassismus. Niemand wird durch seine Geburt ein Muslim, sondern allein durch das Glaubensbekenntnis. Aber genau das bestreiten die Islamfeinde. Für sie steht jeder Migrant aus einem islamischen Land, der nicht öffentlich auf den Koran schimpft, stehen alle Kinder dieser Migranten im Verdacht, fanatische Muslime zu sein und deshalb Ehrenmörder, Zwangsverheirater, Parallelgesellschafter, Selbstmordattentäter, Massenmörder.

Wer Jude sei, bestimme er, sagte Hermann Göring einmal. Die Muslimhasser definieren auf die gleiche Art, wer Muslim ist. Sie bauen sich ein Feindbild, um alle zu Feinden des Menschengeschlechts erklären zu können, denen sie feindselige Gefühle entgegenbringen. Auch das ist rassistische Praxis in Reinkultur. Mit Religionskritik und Aufklärung im seriösen Sinn hat das nichts, überhaupt nichts zu tun. Aber indem die Muslimhasser erregt mit dubiosen Koranstellen wedeln und auf die Brandprediger zeigen, die es ja leider gibt, erscheint ihr rassistisches Gerede gedeckt durch den Anspruch der Aufklärung, mantelt es sich auf als „Verteidigung unserer westlichen Grundwerte“. Von den Imamen, die ihre Gläubigen zu Toleranz und Friedfertigkeit ermahnen, will der Muslimhasser entweder nichts wissen oder er unterstellt diesen Predigern, sie würden lügen. Aus der hermetischen Wahnwelt der Rassisten gibt es kein Entrinnen. Weder für die Objekte dieses Wahns noch für die, die von ihm besessen sind.

Im Kern ist den Islamfeinden nicht der Islam verhaßt, sondern der Türke, der Araber, der Fremde an sich. Es ist ja auch völlig unmöglich, etwas so Abstraktes wie eine Religion zu hassen. Haß kann sich nur gegen Menschen richten, nicht gegen Abstraktionen. „Die Muslime“ sind verhaßt aus dem schlichten Grund, daß sie Muslime sind – oder weil sie im Verdacht stehen, Muslime zu sein. Der bloße Verdacht genügt dem Rassisten schon, um menschenfeindlich zu hetzen. Rassismus ist eine Ideologie des Verdachts und der Unterstellung.

Für die Islamfeindlichkeit, die wir heute erleben, haben die Attentate vom 11. September 2001 wie eine Initialzündung gewirkt. In den Staaten des Westens haben sich vorher die wenigsten darum geschert, was militante Islamisten anrichten. Die Verbrechen der Taliban, die Brutalität der Pasdaran, die Massaker in Somalia oder Algerien waren vor „9/11″ kein großes Thema in der westlichen Öffentlichkeit. Schließlich handelte es sich bei den Opfern „nur“ um irgendwelche Einwohner der Dritten Welt. Erst als der militante Islamismus seine Gewalt auch gegen die Metropolen des Westens entfesselte, entdeckten wir Ignoranten den Islam als Schreckgespenst des 21. Jahrhunderts. Die Angst, die Al-Qaida verbreitet, ist der Nährboden für die Ideologie der Muslimhasser. Plötzlich sind Moscheebauten und Kopftücher zu Politika geworden, und gewisse Publizisten haben sich fulminante Karrieren aufbauen können, indem sie der diffusen Furcht vor dem Islam Futter gaben.

Echte Wortführer – wie etwa den Rechtspopulisten Geert Wilders in den Niederlanden – hat die Islamfeindschaft in Deutschland nicht. Aber viele prominente Stichwortgeber. Dazu zählen etwa der Orientalist Hans-Peter Raddatz, der Journalist Udo Ulfkotte, die Soziologin Necla Kelek, die Bundesverdienstkreuzträgerin Alice Schwarzer und ganz besonders die Publizisten Henryk M. Broder und Ralph Giordano. Aus deren bösen Stichworten eine rassistische Ideologie zu erarbeiten, haben sich Tausende anonyme Hetzer in Internet-Blogs und -Foren auf die Fahne geschrieben.

Was für eine Rolle spielen die sogenannten „Islamkritiker“ darin?

Sokolowsky: Promovierte Autoren wie Raddatz oder Kelek geben dem muslimfeindlichen Gerede den Anstrich wissenschaftlicher Seriosität. Broder und zumal Giordano, die selber Zielscheiben antisemitischer Hetze sind, scheinen über den Verdacht erhaben, rassistische Ressentiments zu verbreiten. Die Haß-Blogger berufen sich nur zu gern auf solche Autoren, um von ihren eigenen rassistischen Motiven und von ihrem Wahn abzulenken. Deshalb habe ich in meinem Buch überprüft, wie glaubwürdig Kelek, Broder oder Giordano argumentieren. Das Resultat ist, um es zurückhaltend auszudrücken, wenig schmeichelhaft für die Autoren. Als Kronzeugen für die Islamfeindlichkeit sind sie nur so lange Gold wert, wie der Großteil des deutschen Publikums nicht merkt, daß diese Kronzeugen vor allem Blech reden. Ich hoffe, daß mein Buch dazu beiträgt, das Image dieser Stichwortgeber zu korrigieren.

In den ersten Tagen und Wochen wurde der Mord an der Muslimin El-Sherbini in den Medien nur am Rande wahrgenommen. Erst nach Protesten im Ausland wurde diesem Verbrechen mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Warum war der Tod einer Kopftuchträgerin, die nicht Opfer eines Ehrenmords wurde, eine Woche lang nur eine kurze Meldung in den Nachrichtenagenturen?

Sokolowsky: Es ist seit vielen Jahren deutsche Tradition, Rassismus zu verharmlosen, kleinzureden und ins Vermischte zu verbannen. Der Fall der armen Frau El-Sherbini hat das wieder vorgeführt: Die Bundeskanzlerin hatte anfangs nicht mal ein Wort des Mitleids für die Familie übrig. Und der damalige Innenminister Schäuble, der sonst hinter jeder Facebook-Seite eine islamistische Terrorzelle vermutete, bekam den Mund nicht auf, um diesen eindeutig terroristischen Akt zu verurteilen. Statt dessen fürchtete man sich allenthalben vor den Reaktionen der bekanntlich völlig unberechenbaren Muslime. Das Dresdener Gericht, in das Alex W. am Tag der Tat problemlos ein 18 Zentimeter langes Messer einschmuggeln konnte, ist heute ein Hochsicherheitstrakt, inklusive Scharfschützen – aus lauter Angst vor muslimischer Vergeltung. Auf Nachfrage mußte das LKA Sachsen übrigens einräumen, es gebe für die Scharfschützen auf dem Dach keinen konkreten Anlaß.

Dahinter steckt dasselbe paranoide Denken, das einen Gerichtspolizisten bewegte, auf den blutenden, am Boden liegenden Mann von Marwa El-Sherbini zu schießen statt auf den Täter Alex W. Der Muslim an sich, der Fremde aus dem Orient ist eine Gefahr: So denken sehr viel Deutsche, und so denken die Sicherheitsbehörden – nicht nur die in Sachsen. Zu Prozeßbeginn war es vielen Berichterstattern wichtiger, über eine höchstwahrscheinlich gefakete Morddrohung „aus islamistischen Kreisen“ gegen Alex W. zu berichten, als sich endlich einmal mit der ausgeprägten Muslimfeindschaft zu befassen, die in Deutschland herrscht. Zum Glück nicht allen Berichterstattern. Doch bestürzend vielen.

Wie weit verbreitet sind antimuslimische Ressentiments in der deutschen Gesellschaft?

Sokolowsky: Auf jeden Fall weiter verbreitet als promuslimische. Wer auch immer wagt, den Islamhaß als neue Form des Rassismus zu benennen und vor den Muslimhassern zu warnen, sieht sich sofort einer breiten Front von Entrüsteten gegenüber, die „Ehrenmord“ schreien und „Zwangsheirat“, „Al-Qaida“ oder „Ahmanidejad“. Kaum spricht einer aus, daß Islamkritik sehr vielen Rassisten als Vorwand dient, um hemmungslos gegen türkische und arabische Migranten zu hetzen, fordern die Kritiker von ihm ein, er solle erst mal was über den Glaubensterror in Saudi-Arabien sagen, bevor er sich über den muslimfeindlichen Rassismus beklagt. Ich erlebe das seit Veröffentlichung meines Buchs ständig. Broder, Kelek und Giordano behaupten ja sehr gern, daß sie gegen eine überwältigende Meinungsdominanz von „Gutmenschen“ in den Medien und der Politik anschreiben. Das ist absoluter Blödsinn. Es gehört in Deutschland kein bißchen Courage dazu, auf Muslime zu schimpfen. Man ist da ganz sicher auf der Seite der Mehrheitsmeinung, und man darf sich darauf verlassen, für das Angstschüren vor den Muslimen mit guten Plazierungen auf der „Spiegel“-Bestsellerliste und mit allerlei Literaturpreisen belohnt zu werden. Die Diffamierung der Muslime – und derer, die man dafür hält – ist ein erheblich einträglicheres Geschäft als die Abwehr dieser Diffamierung.

Laut einer Studie des amerikanischen Pew Research Center aus dem vergangenen Jahr ist jeder zweite Deutsche negativ gegenüber Muslimen eingestellt. Nicht nur gegen radikale, fanatisierte Islamisten, sondern gegen alle Muslime. Untersuchungen deutscher Institute – etwa der Friedrich-Ebert-Stiftung – kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Dabei ist auch klar geworden, daß die Vorurteile gegen Muslime untrennbar verbunden sind mit älteren fremdenfeindlichen Ressentiments. Im Rahmen des Langzeitprojekts „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, das seit 2002 von der Universität Hannover durchgeführt wird, wurden 2008 knapp 1.800 Menschen befragt, ob sie folgender Aussage zustimmen könnten: „Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land.“ 34,9 Prozent der Interviewten pflichteten dem Satz bei. Ich bin sicher, daß die meisten dieser Leute in Gegenden wohnen, wo weit und breit kein Muslim zu Hause ist. So wie der Antisemit keine Juden kennen muß, um die Juden zu hassen, braucht der Antiislamist noch nie einem Muslim begegnet zu sein und weiß trotzdem, daß alle Muslime Schurken sind. Übrigens hat das Pew Research Center auch herausgefunden, daß die meisten Muslimfeinde zugleich überzeugte Antisemiten sind.

Nachdem der Bundesbanker Thilo Sarrazin in „Lettre International“ gegen Türken und Araber gepöbelt hatte, gaben ihm in einer Emnid-Umfrage 51 Prozent der Befragten in allen Punkten recht. Sarrazin hatte es nicht einmal nötig, explizit darauf hinzuweisen, welchem Glauben viele dieser Migranten anhängen. Das antimuslimische und das allgemein fremdenfeindliche Vorurteil sind längst eins.

Was für eine Rolle spielen die sogenannten Prangerwebseiten wie etwa Politically Incorrect? Wer sind die Betreiber von Politically Incorrect, und was ist ihre Motivation?

Sokolowsky: Was bei PI gehetzt wird, das sickert hinaus in zahllose andere Weblogs und Internetforen, das findet sich in den Leserkommentarspalten sämtlicher Online-Ausgaben seriöser deutscher Zeitungen wieder – also nicht nur bei „Bild“, sondern auch bei der „Süddeutschen“ oder der „FAZ“ und immer häufiger auf den Digitalseiten der multikulturellen „Taz“. Die Autoren und Hardcore-User von PI sind die Avantgarde des Muslimhasses. Sie tummeln sich überall, wo das Web 2.0 ihnen die Möglichkeit gibt, ihr Gift zu verspritzen und den nicht ganz so fanatischen Fremdenfeind mit Angst- und Haßargumenten zu bestücken. Was Thilo Sarrazin und Henryk M. Broder erzählen, das ist bei PI vorgedacht worden – nicht umgekehrt.

Dabei glaube ich nicht, daß Sarrazin PI jemals angeklickt hat. Aber die stille Post funktioniert in Zeiten des Internet besser denn je, und die wichtigste Strategie von PI ist eben die stille Post. Diese Seite ist die fette Spinne in einem Netzwerk der Fremdenfeindlichkeit. Jede Halbwahrheit und jede Gemeinheit, die hier steht, wird binnen kurzer Zeit Gemeingut vieler Millionen Menschen. Die übrigens meistens gar nicht wissen, woher die Diffamierungen stammen, die sie nachbeten. Wahrscheinlich wären sie zutiefst angeekelt, wenn sie die Hetztiraden auf PI einmal ungefiltert lesen würden. Und ihre eventuell gute Meinung über Broder könnte sich rasch ändern, wenn sie wüßten, wie die Autoren und User von PI hetzen. Denn Broder hat die systematische Hetzerei von PI nicht nur verharmlost, sondern sogar verteidigt.

Gegründet wurde PI von dem Sportlehrer Stefan Herre. Über seine Motivation hat Herre der rechtsradikalen „Jungen Freiheit“ erzählt, er wolle „die Öffentlichkeit über die schleichende Islamisierung Europas informieren und alles Erdenkliche dafür tun, daß auch in Zukunft bei uns das Grundgesetz und nicht die Scharia gilt“. Wer aber glaubt, Europa drohe zu einem islamischen Gottesstaat zu werden, der hat nicht nur nicht alle Tassen im Schrank, der hat auch keine Beweise für seine Behauptung aufzubieten außer solchen, die er sich zurechtbiegt und -lügt. Der will auch nicht das Grundgesetz schützen, von wegen. PI ist voll von demokratiefeindlichen Ergüssen. Es gehört zum täglichen Geschäft dieser Website, gegen die Unabhängigkeit der Justiz zu pöbeln, das „dumme Wahlvolk“, das leider schon wieder nicht rechtsradikal abgestimmt hat, zu verunglimpfen, und die verfassungsrechtlich garantierten Freiheitsrechte all denen abzusprechen, die nicht so ticken wie Stefan Herre und seine Volksgenossen. Daß Migranten auf ihre Bürgerrechte bestehen, erscheint diesen ach-so-grundgesetzloyalen Haßpredigern als ungeheurer Skandal. Ginge es nach Herre und PI, wäre das Grundgesetz längst abgeschafft worden. Wenn Sie nachprüfen wollen, ob ich nicht vielleicht übertreibe geben Sie einfach mal in die Suchmaske dieses Hetzblogs die Stichworte „Kuscheljustiz“ oder „Dhimmitum“ ein.

Von Kay Sokolowsky ist gerade das Buch "Feindbild Moslem" im Rotbuch Verlag erschienen.

Von Kay Sokolowsky ist gerade das Buch "Feindbild Moslem" im Rotbuch Verlag erschienen.

Man findet oft diffamierende Pauschalisierungen etwa im „Spiegel“ oder in der „Welt“. Schlüsselfigur zur Verallgemeinerung dieses besonderen Rassismus war der Publizist Henryk M. Broder mit seinem Bestseller „Hurra, wir kapitulieren!“. Wie weit tragen die Medien und Journalisten wie Broder eine Mitschuld an der giftigen antimuslimischen Atmosphäre?

Sokolowsky: Ich kann diese Mitschuld nicht quantifizieren. Ich kann nur feststellen, daß der „Spiegel“ unter seinem Chefredakteur Stefan Aust keine Bedenken hatte, solch eine Atmosphäre zu fördern. Seit Austs Entlassung hat der „Spiegel“ zum Glück seine langjährige Kampagne gegen die deutschen Muslime eingestellt – eine Kampagne, die ihren Höhepunkt mit der „Spiegel“-Ausgabe 13/2007 fand. Die Coverzeile lautete: „Mekka Deutschland – Die stille Islamisierung“. Titel und Titelgeschichte sind das Infamste, was seriösen deutschen Medien jemals zum Thema „Islam in Deutschland“ eingefallen ist. In „Feindbild Moslem“ habe ich die Demagogie dieser Coverstory Punkt für Punkt analysiert. Ich habe keine empirischen Befunde, wie viele „Spiegel“-Leser auf diese Demagogie hereingefallen sind. Ich nehme aber an, daß es bei sechs Millionen Lesern mehr als eine Handvoll waren.

Auch über die Mitschuld Herrn Broders kann ich nur Vermutungen anstellen. Ich weiß aber, daß er keine Gelegenheit ausläßt, über „die Muslime“ in einer Art zu reden und zu schreiben, die man nur dann für Polemik oder gar Satire statt für übelste Migrantendiskriminierung halten kann, wenn man es auch lustig findet, zu einem schwarzen Menschen „Brikett“ zu sagen. Noch erschreckender als die antimuslimischen Tiraden Broders finde ich allerdings die Wertschätzung, die er für sein übles Geschwätz erfährt. Er wird durch sämtliche Polit-Talkshows gereicht, kassiert Ehrungen noch und noch und gilt als Fachmann für sämtliche Fragen der Integration. Dabei ist er allenfalls ein Experte für angewandte Segregation. Daß seine islamfeindlichen Texte von ziemlich wenig Sachkenntnis, aber sehr viel bösem Willen geprägt sind, habe ich in „Feindbild Moslem“ auf 16 Buchseiten nachgewiesen (dieses Kapitel kann auf der Website des Rotbuch Verlags kostenlos abgerufen werden). Die Talkshow-Redakteure, die Broder so gern einladen, scheinen jedoch gerade auf das undifferenzierte Gepöbel Broders scharf zu sein. Der Mann bringt ja Stimmung in die Runde, und solches Getöse wiederum bringt Quote. Welch potentiell verheerende Folgen Broders Geifereien für das Zusammenleben von muslimischen Migranten und alteingesessenen Deutschen haben, ist offenbar schnurzegal. Ich wäre froh, wenn ich mit meinem Buch dazu beitragen könnte, die genannten Redakteure etwas nachdenklicher und verantwortungsbewußter werden zu lassen.

Was müsste von politischer Seite gegen diese neue Form des Rassismus getan werden?

Sokolowsky: Die Politik müßte zunächst einmal erkennen, daß der Islamhaß eine Form des Rassismus ist. Davon sind die meisten Politiker – und zwar bei allen Parteien – jedoch meilenweit entfernt. Es wäre freilich illusorisch zu erwarten, daß die Volksvertreter klüger sind als das Volk, das sie vertreten.

Deshalb sollten alle, die das muslimfeindliche Gehetze nicht mehr ertragen, die erkannt haben, wie gefährlich diese Ideologie ist, sich weniger auf die Politik als auf ihr eigenes Wort verlassen. Nicht nur Rassisten können das Web 2.0 für ihre Zwecke nutzen. Je energischer man den Hetzern widerspricht, je beharrlicher man ihnen nachweist, daß sie mit lauter Lügen, Spekulationen, Übertreibungen und Gerüchten hantieren, desto schwerer wird es ihnen fallen, den Diskurs zu bestimmen. Ich beobachte leider eine gewisse Resignation bei denen, die guten Willens sind, vor der Macht und der Hartnäckigkeit der rassistischen Hetzer.

Ich kann mir übrigens auch nicht so recht erklären, warum bislang außer „Jungle World“ und „Konkret“ keine einzige nennenswerte Zeitung mein Buch erwähnen mochte. Bei meinen früheren Büchern war die Aufmerksamkeit der Rezensenten jedenfalls erheblich größer. Der Mainstream der Medien scheint das Problem der Islamfeindschaft als Problem immer noch nicht wahrnehmen zu wollen. Dabei ist es spätestens seit dem Tod Marwa El-Sherbinis und den „Kopftuchmädchen“-Schwadronniereien Thilo Sarrazins offensichtlich. Und es verschwindet keineswegs, indem es unter den Teppich gekehrt wird. Zumal den Muslimhassern nichts besser in den Kram paßt als eine Öffentlichkeit, die sich um diese Explosion von Fremdenfeindlichkeit und Menschenverachtung nicht kümmert, die so tut, als seien die Muslime selbst schuld, wenn sie aufs gemeinste und ekelhafteste diffamiert werden.

© telepolis.de

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31419/1.html

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„Schule als Lernort für alle Religionen“

September 24, 2009 · Kommentar schreiben

Das Bistum Osnabrück plant ein bundesweit einmaliges interreligiöses Schulprojekt. In Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde und islamischen Organisationen will die Diözese eine Grundschule für alle Religionen betreiben. Darüber hat sich Eren Güvercin mit Winfried Verburg, Leiter der Schulabteilung im Bischöflichen Generalvikariat Osnabrück, unterhalten.

Herr Dr. Verburg, vor kurzem hat das Bistum Osnabrück in einer Pressekonferenz die Öffentlichkeit über das Projekt Ihrer Schulstiftung informiert, in der eine Grundschule der Stadt Osnabrück so gestaltet werden soll, dass Kinder der drei abrahamischen Religionen gemeinsam „lernen und leben“. Wie ist diese Idee entstanden?

Winfried Verburg: Die Idee ist uns schon vor einigen Jahren gekommen. Zunächst Mal nehmen wir natürlich wahr, dass die Gesellschaft – auch in unserem Bistum, wozu die Städte Bremen, Emden und Osnabrück gehören – selbstverständlich nicht mehr ein Ort ist, in dem ausschließlich Christen leben, sondern dass wir in unserem Gebiet eine Gesellschaft haben, die multireligiös ist. Darauf wollen und müssen wir reagieren. Als Bistum sind wir für den katholischen Religionsunterricht mitverantwortlich, und haben natürlich daher auch ein Interesse, dass Religion in der Schule einen hohen Stellenwert einnimmt.

Die Schule soll nach Darstellung von Winfried Verburg ein Gemeinschaftsprojekt der Schulstiftung im Bistum Osnabrück mit der jüdischen Gemeinde und mit islamischen Organisationen sein.

Die Schule soll nach Darstellung von Winfried Verburg ein Gemeinschaftsprojekt der Schulstiftung im Bistum Osnabrück mit der jüdischen Gemeinde und mit islamischen Organisationen sein.

Mit wem werden Sie kooperieren, um dieses Projekt zu realisieren?

Verburg: Wir haben das Gespräch mit der jüdischen Gemeinde in Osnabrück, die etwa 1.000 Mitglieder umfasst und inzwischen größer ist als vor dem 2. Weltkrieg, und mit der „Schura Niedersachsen“ gesucht. Die Schura ist der Dachverband eines Großteils der Moscheevereine und Verbände in Niedersachsen.

Welche Einrichtungen werden für den islamischen Religionsunterricht zuständig sein?

Verburg: Für den islamischen Religionsunterricht sind wir im Gespräch mit dem Lehrstuhl an der Universität Osnabrück, mit Professor Ucar. Da hatten wir bereits gute Erfahrungen gemacht in der Zusammenarbeit mit dem Projekt „Islamischer Religionsunterricht in Papenburg“, einer Haupt- und Realschule – der erste Versuch eines islamischen Religionsunterrichts in Niedersachsen im Bereich der Sekundarstufe. Es gibt sonst nur einen Versuch in der Primarstufe.

In enger Kooperation mit dem Lehrstuhl wollen wir den islamischen Religionsunterricht anbieten. Im Moment sind ja dort die ersten Studierenden dabei, sich zu qualifizieren, um islamischer Religionslehrer zu werden.

Wie wird die Schule strukturell gestaltet sein? Und wie sind die Religionsgemeinschaften vertreten?

Verburg: Das können wir im Moment noch nicht genau sagen. Das ist ja eine Angebotsschule. Niemand ist verpflichtet, auf diese Schule zu gehen. Es gibt auch keinen festen Schuleinzugsbezirk, wo man sagen könnte, da leben so und so viele jüdische Familien mit so und so vielen Kindern, muslimischen und christlichen Familien, sondern es ist ein Angebot an alle Eltern, die dies auch wünschen. Von daher können wir nicht im Vorfeld sagen, dass wir eine bestimmte Anzahl islamischer, jüdischer oder christlicher Kinder haben werden. Das hängt auch davon ab, wie dieses Angebot von den Eltern der jeweiligen Religionen angenommen wird.

Wir haben natürlich im Vorgespräch mit den Religionsvertretern auch darauf Wert gelegt zu sagen: Wir sind auf Euch angewiesen, dass Ihr in den Gemeinden auch sagt, dass dies etwas Gutes ist und Ihr deshalb Eure Kinder dorthin schickt.

Wer wird die Lehrpläne für den Religionsunterricht erstellen?

Verburg: Für den katholischen Religionsunterricht und auch für den evangelischen Religionsunterricht gibt es ja zwischen dem Land Niedersachsen und den jeweiligen Kirchen abgestimmte Lehrpläne – die gelten selbstverständlich an der Schule.

Gleiches gibt es auch für den jüdischen Religionsunterricht, der im Moment noch in den Räumen der jüdischen Gemeinde erteilt wird. Beim islamischen Religionsunterricht gibt es einen Lehrplan, der im Schulversuch – ich glaube im Moment in 37 Schulen im Land – ausprobiert wird. Den kann man sicherlich als Basis nehmen, aber wir werden ihn sicherlich auch mit dem Lehrstuhl noch mal ansehen, überarbeiten und den Eltern vorstellen.

Wir haben das gleiche Problem, was die Bundesländer haben, nämlich dass es keinen offiziellen Ansprechpartner gibt, der für alle Muslime sprechen könnte. In Papenburg haben wir das so geregelt, dass wir gesagt haben, die katholische Schule ist sozusagen subsidiär, unterstützend zum Erziehungsauftrag der Eltern tätig, und haben den Lehrplan, der mit dem Lehrstuhl von Professor Ucar hier erarbeitet worden ist, den Eltern vorgestellt, und die Eltern haben gesagt, ja so stellen wir uns religiöse Erziehung an dieser Schule vor. So können wir im Moment einen offiziellen Ansprechpartner sozusagen ersetzen, wohl wissend, dass es für alle öffentlichen Schulen im Land so nicht geht.

Kann dieses Schulprojekt auch über das Land hinaus als Modell dienen?

Verburg: Ich scheue mich, das Wort Modell in den Mund zu nehmen. Es ist ein Lernort. Das gefällt mir besser. Es ist ein Lernort nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Lehrerinnen und Lehrer, die Eltern, die Familien, die daran hängen. Es wird auch ein Lernort für die drei Religionsgemeinschaften sein.

Wie wird das Zusammenleben gelingen? Da sind ja viele Fragen zu berücksichtigen, z.B. die religiösen Symbole. Wir stellen uns nicht die weiße Wand vor, sondern – im Sinne der Toleranz -, dass die Religionen auch ihre Symbole und Gepflogenheiten untereinander akzeptieren. Das geht bis zum gemeinsamen Essen, wo ja auch Speisevorschriften zu beachten sind.

Mit welchen Angeboten und Aktivitäten wollen Sie diesen Lernort bereichern?

Verburg: Wir gehen davon aus, dass es einen jeweils eigenen Religionsunterricht geben wird. Etwa einmal im Halbjahr soll ein vergleichbares Thema in allen drei Religionsunterrichten zeitgleich behandelt werden und in einem Projekttag münden, in dem die Schülerinnen und Schüler die Ergebnisse aus ihrem Religionsunterricht den Schülerinnen und Schüler vorstellen, die am anderen Religionsunterricht teilnehmen. So lernen sie auch über ihre unterschiedlichen religiösen Überzeugungen, Riten, Gebräuche miteinander ins Gespräch zu kommen, damit sie dialogfähig werden.

Soll diese Schule auch eine Ganztagsschule sein?

Verburg: Wir haben uns klar entschieden, dieses Projekt als eine gebundene Ganztagsschule zu führen, d.h. es gibt nicht nur eine Betreuung am Nachmittag. Zum einen setzt dieses ehrgeizige Projekt, dass Kinder verschiedener Religionen, teilweise auch natürlich anderer kultureller Herkunft, Zeit brauchen werden, um miteinander zu leben. Die Unterrichtszeit ist dafür zu knapp. Sie sollen auch die Zeit finden, außerhalb des Unterrichtes gemeinsam zu leben.

Der zweite Grund für die Form der gebundenen Ganztagsschule ist, dass wir davon überzeugt sind, dass diese Schule geeignet ist, Benachteiligungen von Kindern aus so genannten bildungsfernen Elternhäusern zu minimieren. Dabei stellen wir uns vor, dass wir in dieser Schule Bildungsangebote im Bereich von Sport, Musik und Kunst integrieren können, die nicht Bestandteil des Unterrichts sind, so dass auch Kinder, die von ihren Eltern nicht zu einer Musikschule gebracht werden, die Chance erhalten, in diesem Bereich ihre Fähigkeiten weiter zu entwickeln.

Und es gibt noch einen dritten Grund: Eine gebundene Ganztagsschule – gerade im Grundschulbereich – hat den Vorteil, dass man die Lernzeiten und die Zeiten von Entspannung und Bewegung eher dem Lebensrhythmus, dem Biorhythmus von Kindern anpassen kann, als in einem Raster, wo man von 8 bis 13 Uhr lernen muss, und dann andere Dinge macht.

Steht schon ein Zeitpunkt fest, wann die Schule eröffnet werden soll?

Verburg: Der früheste mögliche Zeitpunkt für den Beginn wäre der 1. August 2011, weil die Anmeldungen für das kommende Schuljahr zum 1. August 2010 jetzt schon erfolgt sind, damit die Kinder auch eine Sprachförderung bekommen können.

Interview: Eren Güvercin

© Qantara.de 2009
http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-1101/i.html

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Eine Gesellschaft des Verdachts

November 14, 2008 · 2 Kommentare

In seinem neuen Roman erzählt John le Carré, Ex-Agent und Großmeister des Spionageromans, von zunehmender Überwachung, Terror-Paranoia und der Macht internationaler Geheimdienste. Ein desillusionierender Roman, so Eren Güvercin.

http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-975/i.html

Sein Name lautet David Cornwell. Der 77-Jährige wurde aber unter seinem Pseudonym John le Carré ein weltberühmter Schriftsteller. Nach seinem Germanistikstudium in Bern und Oxford wurde er zunächst Anfang der 60er Jahre vom britischen Secret Service rekrutiert. Schon während seiner Agententätigkeit begann er zu schreiben. John le Carré prägte das Genre des Spionageromans maßgeblich mit.
Soeben ist sein neuer Roman „Marionette“ erschienen. Das Buch handelt von der gesellschaftlichen Angst vor dem islamistischem Terror. Einer der Helden der Geschichte ist der junge Tschetschene Issa, der sich als Rebellion gegen seinen russischen Vater den tschetschenischen Rebellen anschließt. Er kommt über die Türkei und Dänemark illegal nach Hamburg, und bittet eine türkischen Familie um Hilfe. Schnell gerät Issa unter Terrorverdacht und wird zum Spielball der verschiedenen rivalisierenden Geheimdienste. Die deutsche Menschenrechtsanwältin Annabel ist Idealistin und setzt sich für den gefolterten und verfolgten Issa ein. Mit „Marionettenf“ liefert John le Carré einen meisterhaft komponierten Roman über unsere Gesellschaft des Verdachts nach 9/11. Mit diesem desillusionierendem Roman zeigt John le Carré, wie im „Krieg gegen den Terror“ die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen.

John le Carré in der Nähe von seinem Landsitz in Cornwall

John le Carré in der Nähe seines Landsitzes in Cornwall

Es ist kein Zufall, dass John le Carré diese Geschichte in Deutschland und vor allem in Hamburg spielen lässt. Anfang der 60er Jahre arbetete er zunächst an der Britischen Botschaft in Bonn, später dann als Konsul in Hamburg, wo er sich dann von der Geheimdienstarbeit verabschiedete und sich ganz dem Schreiben widmete.
Deutschland sei auch ein hervorragendes Spiegelbild für die Veränderung, die seine Heimat schon durchlebt habe, mein John le Carré. „Ich hatte das Gefühl, Deutschland würde sich immer noch nachhaltig dagegen wehren, dem amerikanischen Weg zu folgen, den hohen Level von Überwachung zu akzeptieren.“ Mittlerweile habe er das Gefühl, dass Deutschland absolut vor einem Scheideweg stehe. „Deutschland hat mehr geschützte Bürgerrechte als jedes andere europäische Land“, hebt le Carré hervor. „Die Frage ist nun, wie viel davon aufs Spiel gesetzt wird bei dem, was sich leicht als eine kolonialistische Haltung bezeichnen ließe, die offiziell aber „War on terror“ genannt wird.“

John le Carré, der sich mehrmals für seine Recherchen mit Murat Kurnaz traf, hat schon lange vor seinem neuem Buch den so genannten „Krieg gegen den Terror“ heftig kritisiert. Unter Georg W. Bush sei Amerika in die schlimmste Phase historischen Wahnsinns eingetreten. Die Wahl Obamas bezeichnet er als historischen Moment wie einst den Fall der Berliner Mauer: „Wir wollen jetzt wissen, was will Obama wirklich, wer ist er.“ Er fordert von ihm etwa die Schließung der geheimen Gefängnisse, in denen bis zu 27 000 Menschen ohne Rechtsgrundlage schmoren.
John le Carré gibt zu, dass er in den letzten Jahren politischer geworden sei, und vor allem wütender. Die Täuschung der Gesellschaft durch Politik und Medien habe einen Grad erreicht, der höchst gefährlich sei. In seinem vorletzten Roman „Der ewige Gärtner“ geht es etwa um die Machenschaften der Pharmaindustrie in der dritten Welt. Die Ausbeutung der dritten Welt, die dadurch verursachte Armut und Unterdrückung könne auch zum Terror führen. „Aber wer das behauptet, wird noch wie ein Ketzer behandelt“, so le Carré.
Anfang der 80er Jahre verbrachte John le Carré einige Wochen in einem Palästinenser-Lager, als er an seinem Roman „Die Libelle“ schrieb. Nach dem Ende des Kalten Krieges sei die amerikanische Ideologie-Maschinerie sofort auf den Islam als neuen Feind umgeschwenkt. Daran könne er sich aber nicht beteiligen. Er habe sich mit dem Islam beschäftigt, und habe auch viele muslimische Freunde. „Wenn man mal in die Krisengebiete geht und sich in die Lage eines palästinensischen Kindes versetzt, versteht man vieles besser“. Die Ohnmacht und Erniedrigung, die diese Menschen täglich erfahren, führe fast zwangsläufig zu einer Psychose. In den palästinensischen Flüchtlingscamps habe er Leute getroffen, die alte Papiere hervorzogen, in denen geschrieben stand, wie ihre alten Grundstücke durch eine britische Verfügung den Israelis überschrieben wurden. „Diese Leute wurden von uns belogen.“ Auch in Iran haben die amerikanischen und britischen Geheimdienste die liberale islamische Bewegung unter Mossadegh bekämpft, den Schah an die Macht gehievt, was indirekt die schiitische Revolution letztlich auslöste: „Wir stoppten also den Liberalismus und waren letztendlich die Architekten dieser Radikalisierung.“
Trotz seiner 77 Jahren ist John le Carré angetrieben von der Wut, von der Wut darüber, dass in der Gesellschaft so wenig Empörung herrscht darüber, was mit unserer Gesellschaft passiert. „Wir sind unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in einen Krieg getrieben worden, wir werden in einer Atmosphäre der Panik unserer Freiheitsrechte beraubt“, konsterniert le Carré. „Unsere Anwälte gehen eben nicht auf die Straße, wie es die Anwälte in Pakistan etwa getan haben.“

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© Qantara.de 2008

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„Ich bin kein Anhänger der Aufklärung.“

September 29, 2008 · 5 Kommentare

Eren Güvercin im Gespräch mit Feridun Zaimoglu (© Nimet Seker)

Herr Zaimoglu, Sie sind ja doppelter Studienabbrecher. Sie sagten einmal, Sie entsprächen einem ,typischen Versager‘. Wie kamen Sie dann zur Literatur?

Eigentlich nennt man so etwas wie mich einen Angehörigen der bildungsfernen Schichten. Es wurden bei uns vor allem türkische Videos angeschaut, dann bei uns Bild und Hürriyet, die auflagenstarke türkische Zeitung, gelesen, und ansonsten war im obersten Regal, in oberster Höhe – nichts durfte es überragen – das heilige Buch, der Koran. Und darin wurde auch gelesen. Aber eigentlich schwebte es mir nie vor zu schreiben. Ich sah es nicht so als meine Aufgabe an.

Lesen kam viel später, aber vor allen Dingen – so muss man es verstehen, wenn ich sage, ich bin kein Literat, ich bin ein Geschichtenerzähler – die wirkliche Prägung, die wirkliche Hinwendung zur Literatur geschah in deutschen Fußgängerzonen. Es ging darum, sich so treu wie möglich zu präsentieren, um die Langeweile um einen herum und in einem selber zu brechen. Dann habe ich dem Wunsch meiner Eltern entsprochen und Medizin studiert. Das klappte nicht! Also habe ich Kunst studiert und bin zweimal rausgeflogen. Klappte auch nicht! Dann habe ich elf Jahre lang versucht, meinen Lebensunterhalt als Maler zu verdienen. Eigentlich kann ich sagen, dass es ein Jahr vor Kanak Sprak, also 1993, anfing. Da fing ich an zu schreiben. Am Anfang standen Gespräche, Wutausbrüche, und ich dachte, genau das mache ich, nämlich diese Stilett-Stakkato, diese melancholisch angewehten Rhapsodien, in meine Kunstsprache zu übersetzen.

Auf Ihr erstes Buch Kanak Sprak folgten ausschließlich negative Kritiken und Reaktionen. Ihnen wurde einige Zeit eine literarische Relevanz abgesprochen. Wie war diese Zeit für Sie?

Ich bin da ja sozusagen eingebrochen; Ich wusste gar nicht, dass es einen Literatursektor gibt. Man mag mich als naiv bezeichnen. Ich bin allerdings hinein gekommen, und im Grunde genommen war das die Fortsetzung des wütenden Fußgängerbengels, nur mit anderen. Ich habe auch gedacht, na ja gut, ich habe ja auch gar nicht vor ein zweites oder ein drittes Buch zu schreiben. Also hat mich das erst einmal wirklich nicht interessiert. Im Kultursektor sind die Ausscheidungs- und Verteilungskämpfe genauso hart wie im wirklichen Leben. Als ich dann gemerkt habe, dass man dieses Kriterium als Maßstab, als Werkzeug nimmt, wer dazu gehört und wer nicht, habe ich gedacht, jetzt erst recht!

Sie wurden nicht nur von der Literaturschickeria heftig kritisiert, sondern auch von türkischstämmigen Menschen, von denen man eigentlich erwartet hätte, dass sie mit Ihnen sympathisieren. Sie haben diese Leute als ,Assimil-Zombis‘ beschimpft. Wieso wurden Sie überhaupt von ihnen angegriffen?

"Die Aufklärung hat die Magie zum Zerplatzen gebracht." (© Nimet Seker)

"Die Aufklärung hat die Magie zum Zerplatzen gebracht." (© Nimet Seker)

Ich habe ja immer gedacht: ,Na, das ist aber eine Vorstellung von Integration!‘ Der integrierte Türke ist ein Zombie, nämlich einer, der diese öde, furchtbar banale Kleinbürgerexistenz anstrebt. Und tatsächlich habe ich rechts und links geguckt und gesehen, dass diese Türkischstämmigen – sie mögen sich als Akademiker bezeichnen – im Grunde genommen auf so eine einfache Art und Weise zu den Primitiven der Moderne geworden sind. Ich dachte, ,Gestern Türke, heute Bananenpflücker‘, also auf den Plantagen der Moderne haben sich diese Leute herumgetrieben. Ich weiß ganz genau, was sie hören, ich weiß ganz genau, wohin sie in Urlaub fahren, ich weiß ganz genau, wofür sie schwärmen. Und vor allem weiß ich ganz genau, was das ist: die öde Kleinbürgerhölle. Und das habe ich in dieser Deutlichkeit auch gesagt. Ich wurde ja zu solchen Veranstaltungen eingeladen, und ich wurde niedergemacht. Ich bin kein Masochist, aber ich war der Ansicht, ich müsse es auch vor denjenigen sagen, die ich meine. Es gab heftige Gefechte. Ich bin ein Unterschichtler, ich vergesse es nicht. Aber eins vergesse ich auch nicht: Ich gehöre der Gegenaufklärung an. Ich bin kein Anhänger der Aufklärung. Und wenn ich diese armen Seelen im Fegefeuer der Aufklärung sehe, finde ich das mindestens sehr bedauernswert.

Es hat lange gedauert, bis Sie vom Feuilleton ernst genommen wurden. Spätestens seit Ihrem Erfolgsroman Leyla gehören Sie zu den Starliteraten der gegenwärtigen deutschen Literatur. Sie waren auch für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert. Wie schätzen Sie den Einfluss Ihrer Literatur ein, und was leistet die Literatur für Sie persönlich?

Jeder, der unter 50 ist, wird in Deutschland als junger Schreiber angesehen. Insofern habe ich noch sieben Jahre, bis ich nicht mehr jung bin. Dann bin ich Schriftsteller. Ich gehörte, wie es immer so ist, lange Jahre zu den Talenten. Aber ich muss auch in einer Selbstkritik sagen, dass ich ein bisschen länger als notwendig gebraucht habe, um zu sehen, dass ich nicht vom Fleck komme. Das eine ist, herumzuwüten. Das andere ist, dass zum Erzählen mehr gehört als nur Wut. Wenn ich jetzt nach meinem Einfluss gefragt werde, muss ich mich natürlich in Bescheidenheit üben. Dazu kann ich sehr schlecht etwas sagen. Gestern war ich der holpernde Salonhooligan, heute bin ich der deutsche Dichter. Ich freue mich immer, wenn ein Buch angenommen wird. Deswegen schreibe ich auch.

Solche Leute wie ich sind nicht ganz sauber. Ich kann nicht stillstehen. Ich kenne das Gefühl von Zufriedenheit nicht, ich will es auch nicht. Die Leute sind glücklich, schön. Ich bin nicht unglücklich, ich weiß, was Glück bedeutet, und da ich das in diesem Leben nicht bekommen werde, bin ich, na wie soll ich sagen, etwas melancholisch. Das Schreiben ist für mich eine Art Entgiftung. Menschen wie ich müssen immer wieder entgiften. Ich muss die Bilder in meinem Kopf loswerden. Der eine oder andere wird mir den Vogel zeigen, und sagen: ,Du kannst nicht loslassen.‘. Na ja, losgelassen habe ich in der Sekunde meiner Geburt, wie wir alle. Aber natürlich hat es was mit einer Illusion zu tun, die schöne Illusion, etwas am Zipfel zu packen. Ich weiß, was das Glück ist, ich weiß, dass man es sich auch verdienen muss. Das Schreiben ist für mich elementar und eine Herzensangelegenheit. Es wird so weiter gehen, solange mir die Ideen nicht ausgehen.

In Ihrem aktuellem Buch Liebesbrand geht es um die romantische Liebe. Wie stark ist der autobiografische Bezug in diesem Buch?

Die Geschichte ist erfunden. Sie ist ein Produkt meiner Phantasie. Was den Ich-Erzähler anbelangt, den ehemaligen Börsenmakler, seine Talfahrten, sein romantisches Ausdrucksgefühl, das hasserfüllte, wütende, brennende Verlangen, kann ich schon sagen, das ist mein authentischstes Buch. Ich muss noch 30 bis 40 Seiten schreiben, bis ich mit meinem neuen Roman fertig werde. Da gehe ich, glaube ich, noch einen Schritt weiter. In ihm geht es um die große Sehnsucht und wohin es einen führt, wenn man sich nicht vorsieht, und man sieht sich nie vor.

In einem Interview haben Sie einmal gesagt, dass die Liebe ,hochreaktionär‘ sei. Was meinen Sie genau damit?

Ich bin nicht geneigt, wie man aus dem Gesagten schon heraushört, den Pinschern der Moderne irgendeine Leistung zuzubilligen. Die Aufklärung hat die Magie zum Zerplatzen gebracht. Sie haben die Träume zerstört. Sie haben versucht, den Glauben zu zerstören. Einige haben Gott für verrückt erklärt, sind aber selber verrückt geworden. (lacht) Wie kommt denn das nur? (lacht) Sie haben also versucht, ein riesiges Loch mit Bildern zu füllen. Es sind aber künstliche Bilder, nicht jene Traumbilder, nicht jene magischen Bilder, nicht die Glaubensextrakte, die seit Bestehen des Menschen, seit seiner Erschaffung Bestand haben. Wenn ich sage, die Liebe ist hochreaktionär, dann ist das eine ganz bestimmte Erfasstheit von einer Trauer, die wir nie loswerden können, solange wir leben, aber auch von großer Freude, von Auf- und Abschwüngen. Mich interessiert nur die Liebe zwischen Mann und Frau, alles andere finde ich uninteressant. In der Liebe zwischen Mann und Frau ist ja nur ein einziger gemeint. Ausschließlichkeit und Ausschluss spielt eine große Rolle in der Liebe. Wenn das nicht reaktionär ist – und ich meine das Wort reaktionär positiv – dann weiß ich nicht, was sonst reaktionär sein soll.

Sie nehmen ja auch an aktuellen politischen Debatten teil. Sie waren zeitweise auch Mitglied der Islam-Konferenz. Wie bewerten Sie die Lage der Muslime und Deutschland im Hintergrund des ,Anti-Islamisierungskongresses‘ in Köln?

Zum Antiislamisierungskongress in Köln: Da kommen faschistische Pinscher daher, und glauben doch tatsächlich, dass sie den Glauben verkläffen können. Es gab in der Vergangenheit immer wieder törichte Personen, die diesen völlig sinnlosen Versuch unternommen haben. Sie werden kommen, sie werden kläffen, aber die Karawane zieht weiter.

Was die Entwicklung hier betrifft, bin ich sehr gut gelaunt. Ich bin deswegen sehr gut gelaunt, weil wir trotz der Versuche, gläubige Muslime in Verruf zu bringen, trotz dieser Störmanöver von Profilneurotikerinnen und –neurotikern, gesehen haben, dass es einen organischen Zuwachs gibt. Der Innenminister hat einmal was Gutes gesagt, der Islam ist ein Teil dieses Landes. Ich würde noch dazu sagen, dass auch die Muslime ein Teil dieses Landes sind. Es ist eine Entwicklung, die nicht aufzuhalten ist. Ich sehe natürlich viele falsche Propheten viele falsche Verkünder, die mit dem Feuer spielen. Ich sehe andererseits aber auch einen großen Strom von Menschen, die sich nicht von irgendwelchen Appellen aufhalten lassen, ihren Glauben bitte schön auszuleben. Und ob das nun Antiislamisierungquatsch heißt, oder Anti-Islam-Quatsch, es gibt ja immer diese Saisonarbeiter der Aufklärer. Sie kommen und werden auch wieder gehen. Ich habe allen Grund zu großer Heiterkeit. Die Karawane zieht weiter. Viel später wird man dann die Skelette der Hunde in der Wüste zählen.

Zu Beginn der Islam-Konferenz haben Sie ja bemängelt, dass ausschließlich nur sogenannte Islam-KritikerInnen eingeladen waren. In einer öffentlichkeitswirksamen Aktion haben Sie dann Ihren Platz für eine gläubige Muslimin angeboten. Wie war die Reaktion auf diese Aktion von Ihnen?

Selbsterklärte Feministinnen und Islam-Skeptikerinnen – keine Ahnung was das heißen soll – haben mich natürlich angegriffen. Sie haben mit Lügen, mit Unwahrheiten, mit Verdrehungen und Manipulation gearbeitet. Sie haben versucht, den Eindruck zu erwecken, als wäre das für mich eine Show. Komischerweise hat auf deutscher Seite bis auf eine Ausnahme kein Zweifel bestanden, dass ich es wirklich ernst meine. Dutzende und aber Dutzende gläubige Muslima haben sich gemeldet, und sagten, wir haben uns vor der Konstitution der Islam-Konferenz selber gemeldet, also es gab die Möglichkeit, das kam dann auch raus. Aber auf sie wurde nicht eingegangen. Jetzt gibt es den Versuch, mich wieder zurückzuholen. Aber solange dort keine gläubige Muslimin ist, die Verleumdungen und Lügen begegnen kann, habe ich dort nichts zu suchen.

Die Türkei ist ja Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Welche türkischen Schriftsteller mögen Sie am meisten? Mit welchen pflegen Sie am meisten Austausch?

Von Austausch kann ich leider nicht reden. Mit meinem Türkisch ist es leider nicht so gut bestellt. Ich habe nicht dasselbe Lesevergnügen, wenn ich türkische Bücher lese. Das ist eine Frage der Sprache, und auch eine Frage der Liebe zu einer Sprache. Ich muss sagen, Sprachverlust und Sprachverfall ist immer sehr schade. Unabhängig von formellen Sprachfragen ist es auch so, dass ich sehr selten in die Türkei komme, und dass auch selten türkische Autoren nach Deutschland kommen. Jetzt werden einige Autoren, ich glaube einige Hundert, nach Frankfurt kommen. Ich muss fast schon auf meine Unkenntnis hinweisen, was moderne gegenwärtige türkische Literatur anbetrifft. Necip Fazil Kisakürek zum Beispiel mag ich sehr gerne.

Ich lese ja fast nur Krimis. Und ich lese Celil Oker, seine Istanbul-Krimis. Ich warte und warte und warte, dass er endlich mit einem neuen kommt. Der letzte war vor vier Jahren. Ich sagte, ,Celil Abi, etme eyleme. Mein Vater wartet, ich warte‘. ,Ja‘, sagte er, ,ich danke dir, und hör auf, meine Hand zu küssen.‘. (lacht) Es ist einfach schwer, ich kriege den Fall nicht gelöst. Ich bitte ihn ständig, endlich weiterzumachen (lacht).

Viele türkische und deutsche Autoren werden auf der Frankfurter Buchmesse sein. Welche Chancen und Gelegenheiten sehen Sie dabei? Was darf man auf  keinen Fall verpassen?

Also ich bekomme meinen Lese- und Terminplan für die Buchmesse erst in den kommenden Tagen. Dann weiß ich so etwa, was ich zu tun habe. Ich weiß aber, dass ich am Sonntag mit der Schriftstellerin Elif Shafak zusammen auftrete. Es hat für mich eine sehr emotionale Bedeutung, dass die Türkei Gastland wird. Das bedeutet mir wegen meiner Eltern natürlich sehr viel. Ich werde auch wie jeder, der da herum geht, in der freien Zeit auf das Angebot schauen. Das meiste werde ich vor Ort entscheiden.

Sie haben vorhin von Ihrem neuen Buch gesprochen. Worum wird es da gehen? Wie viel dürfen Sie uns schon vorab verraten?

Ich darf nicht viel verraten, aber es wird um die Sehnsucht gehen. Wenn man bei Liebesbrand sagen kann, dass es die Liebe ist, wird man beim nächsten Buch – Titel steht fest, aber ich darf es nicht verraten – schon sagen, dass Männer und Frauen miteinander in seltsamen Begebenheiten verkettet sind, natürlich auf der Suche nach Erfüllung. Das ist jetzt sehr abstrakt, ich kann nur sagen, Schauplätze sind Ankara, Istanbul, Berlin, der Norden, wieder Prag und Budapest. Und es wird immer darum gehen, dass in das Leben der Menschen das Alte einbricht. Entweder bricht Gott ein, oder es bricht das Alte ein, das Weggelegte, das Abgelegte. Und es geht darum, wie sich die Männer und Frauen darum gruppieren.

Herr Zaimoglu, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

© Qantara.de 2008
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Wohin geht die Türkei?

September 10, 2008 · 1 Kommentar

Der ausgewiesene Türkeikenner Rainer Hermann bricht mit seinem neuen Buch unser einseitiges Bild von der Türkei. In der Türkei geht es nach Hermann, der seit 17 Jahren in Istanbul lebt,  um die Spaltung des Landes in eine abgehobenee urbane Staatselite und eine demographische Mehrheit, die sich nicht länger bevormunden lassen wolle, und weniger um den Gegensatz zwischen Islamisten und Laizisten.

Die Türkei als das Land auf zwei Kontinenten wird oft als „Brücke zum Osten“ bezeichnet. Dabei wird es von beiden Enden der Brücke her, von Europa wie aus der arabisch-islamischen Welt, sehr misstrauisch beobachtet. Besonders in den letzten zwei Jahrzehnten erlebt die Türkei eine enormen gesellschaftlichen Wandel. Das Land hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert, das Land ist in Bewegung. Sowohl in der Türkei als auch in Europa haben jedoch nicht wenige Journalisten und Meinungsmacher einen verengten, gar ideologisch-verwässerten Blick auf diese Entwicklung. In Zusammenhang mit bestimmten gesellschaftlichen Prozessen ist dabei oft die Rede von der „schleichenden Islamisierung“.

Der Islamwissenschaftler und Volkswirt Rainer Hermann legt mit seinem Buch „Wohin geht die türkische Gesellschaft? – Kulturkampf in der Türkei“ eine Gesamtdarstellung von Geschichte und Gegenwart dieses Landes vor, dessen Zukunft auch für Europa erst Recht nach den jüngsten Vorkommnissen auf dem Kaukasus von großer Bedeutung ist. Rainer Hermann schildert in seinem Buch den gesellschaftlichen Wandel, und stellt klar, dass der Impuls hierfür von der Gesellschaft selber ausgeht. Die türkische Gesellschaft entdeckt nun ihre Vielfalt und drängt den für lange Zeit als allmächtig gehaltenen Staat immer mehr zurück.

Das Buch beschreibt diesen Wandel, und geht der Frage nach, wie dieser Wandel die Politik, die Wirtschaft und die Kultur verändert. Hermann profitiert dabei von seiner profunden und tiefgehenden Kenntnis über dieses Land und seiner Menschen. Dem Leser entgeht bei der Lektüre nicht, dass Rainer Hermann, der seit 1991 mit seiner Familie in Istanbul lebt, vieles, was er schreibt, als Augenzeuge oder in Begegnungen selbst erlebt hat.

Die Türkei wurde regelmäßig in seiner jungen Geschichte von Fieberschüben erfasst. 1960, 1971 und 1980 putschte jeweils das Militär und setzte die vom Volk gewählten Regierungen ab. Auch die AKP-Regierung unter Premierminister Erdogan musste und muss gegen Entmachtungsversuche bestimmter Kreise ankämpfen.

Die Behauptungen sind immer dieselben. Die säkulare Ordnung der Türkei stünde auf dem Spiel. Hermann stellt fest, dass in der Türkei weder der Säkularismus in Gefahr sei, noch drohe irgendeine Version von Islamismus. „Die Konfliktlinien verlaufen nicht zwischen Säkularismus und politischem Islam“, so Hermann. Die Bruchstelle sei eine ganz andere. „Ein Lager will jegliche Religiosität aus der öffentlichen Sichtbarkeit fernhalten, das andere bekennt sich auch in der Öffentlichkeit zum Islam als einem Teil seiner kulturellen Identität.“ Die Türkei habe sich seit 1997 verändert, die Gesellschaft sei auf Kosten des Staats stärker geworden. „Vielfalt hat sich gegen den Monopolanspruch der Staatsdoktrin Platz verschafft“, folgert Hermann, „und bei diesen Prozessen wandelte sich auch der wichtigste Flügel des politischen Islams zu einer demokratischen Reformpartei“.

Die Türkei sei nun freiheitlicher und demokratischer geworden, die Gesellschaft breche aus dem Korsett der Staatsideologie aus. Die urbane Staatselite gestehe sich diese Umkehrung der Verhältnisse noch nicht ein. „In den vergangenen Jahren musste sie zunehmend erkennen, dass sie eine Minderheit ist und nicht länger dem Land ihren Willen aufdrücken kann“, analysiert Hermann. Anatolien hat seine eigene Elite hervorgebracht und fordert nun seinen Platz in der Regierung, und zunehmend auch im Staat. Die anatolische Elite stellt nun der am Westen orientierten Kultur der urbanen Staatselite seine Kultur gegenüber, die beansprucht, modern zu sein und seine Identität auch aus dem Islam abzuleiten.

Symbolfiguren dieser anatolischen Elite sind vor allem der aus Kayseri stammende Staatspräsident Abdullah Gül, und Premierminister Recep Tayyip Erdogan. Erdogan ist zwar in der Großstadt Istanbul geboren, aber in einem anderen Istanbul als etwa dem ehemaligem Ministerpräsidenten Bülent Ecevit. Ecevit wuchs im feinen Istanbul auf. Sein Vater war Professor, und er besuchte ein englischsprachiges Gymnasium der Elite. Erdogan dagegen wurde als Sohn eines einfachen Seemanns im Hafenviertel Kasimpasa geboren. Erdogan war ein begnadeter Fussballspieler in seinem Viertel und wurde von seinen Fans als „Imam Beckenbauer“ gerufen. Der Traditionsverein Fenerbahce Istanbul wollte ihn sogar verpflichten.

Erdogan entschied sich jedoch für ein Studium. Wegen seiner bescheidenen Verhältnisse war es für ihn kein leichter Unterfangen zu studieren, und gleichzeitig zu arbeiten und die Familie zu unterstützen. Seine Herkunft und sein Überlebenskampf in jungen Jahren prägten Erdogan. „Ein Teil von Erdogans Erfolg ist auch darauf zurückzuführen“, sagt Hermann. In seinem Verhalten als verantwortungsvoller Führer schimmere gelegentlich noch das Temperament des aufbrausenden Straßenjungen von damals durch. „Mit Erdogan drängte einer der anatolischen Habenichtse nach oben“, schreibt Hermann, „einer von jenen, die aus der Peripherie sind und endlich auch im Zentrum ankommen, endlich menschenwürdig behandelt werden wollten.“ Das Establishment habe alles getan, wenn auch vergeblich, ihm den Weg nach oben zu verbarrikadieren. Hermann beschreibt Erdogan als „muslimischen Demokraten“, er habe erkannt, dass praktische Probleme nur mit einer pragmatischen Politik zu lösen sein, nicht mit frommen Sprüchen. Der Islam ist für Erdogans persönliche Moral wichtig, nicht aber für die praktische Politik.

Die Wandlung in der Türkei ist noch nicht abgeschlossen, im Gegenteil, sie ist im vollem Gang. Seit langer Zeit war in der Türkei die Rede vom „tiefen Staat“, ohne dass bisher etwas konkretes ins Tageslicht kam, geschweige denn Schritte gegen diesen „tiefen Staat“ unternommen wurden. Aber auch auf diesem Felde ist ein Umdenken zu erkennen. Mit der Aufdeckung der paramilitärischen Bande „Ergenekon“ wird nun auch der „tiefe Staat“ seitens der Regierung entmachtet. Dabei wird auch vor ehemaligen und aktiven Militärs, die bisher einen fast schon heiligen Status hatten, kein Halt gemacht. Es bleibt also weiter spannend, wohin die türkische Gesellschaft geht. Die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Folgen dieses Wandels sind für uns alle in Europa und in der vorderasiatischen Nachbarschaft von prägender Bedeutung. Rainer Hermann erschließt uns mit seinem Buch diese faszinierende Entwicklung und ist ein unersetzlicher Wegweiser.

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Tibets Schicksalsgenossen

August 8, 2008 · Kommentar schreiben

Die Unterdrückung der Tibeter sollte uns auch für die Unterdrückung weiterer ethnischer Gruppen in China sensibilisieren – doch wird diese im öffentlichen Diskurs meist ausgeblendet. Das erschütterndste Beispiel ist die Lage der Uiguren in Ostturkestan.

Viel wird in den letzten Wochen über die Menschenrechtslage in China diskutiert. Forderungen nach einem Boykott der Olympischen Spiele in Peking werden laut. Prominente weltweit setzen sich medienwirksam für die Tibeter ein, die seit Jahrzehnten vom kommunistischen Regime in Peking unterdrückt werden. Wie berechtigt und richtig diese Debatte auch ist, ist es schon eigenartig, dass das Tibetproblem klar angesprochen wird, aber mindestens ebenso massive Menschenrechtsverletzungen an anderen Minderheiten in China gar nicht zur Sprache kommen. Als objektiver Beobachter wird man den Eindruck nicht los, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird.

Man muss lange suchen, um in den Medien Berichte über die Repressalien gegen die Uiguren in China zu finden. Wie in Tibet versucht die chinesische Regierung in der Provinz Xinjiang im Nordwesten des Landes die Uigurische Bevölkerung durch „Umsiedlungsmaßnahmen“ zu assimilieren. Offiziell wird Ostturkestan, wo die meisten muslimischen Uiguren leben, als „Autonome Uigurische Region Xianjiang“ bezeichnet, allerdings existiert keinerlei Uigurische Selbstverwaltung. Seit Jahrzehnten werden systematisch Han-Chinesen in Ostturkestan angesiedelt, um so die Uigurische Bevölkerung zu dezimieren und die Provinz in eine rein chinesische zu verwandeln. 1949 lebten gerade mal 300.000 Chinesen in Xianjiang, heute sind es fast 10 Millionen. Ein Ergebnis der so genannten „Umsiedlungsmaßnahmen“. Die systematische Ansiedlung von Han-Chinesen stößt bei der seit Jahrhunderten ansässigen Bevölkerung in der Autonomen Region Xinjiang, die die Uiguren selbst als Ostturkestan bezeichnen, auf immer mehr Ablehnung und Kritik. Schon heute ähneln die Städte Ostturkestans und Tibets mit ihren breiten Straßen und modernen Häuserblocks architektonisch immer mehr chinesischen Städten und verlieren ihren besonderen kulturellen Charakter. Ihr architektonischer Niedergang ist symptomatisch für die wachsende Bedrohung der traditionellen Kultur ihrer einheimischen Völker.

Die chinesische Regierung führt bei den muslimischen Uiguren auch eine strenge Geburtenkontrolle durch, um so das natürliche Anwachsen der Uigurischen Bevölkerung aufzuhalten. Menschenrechtsorganisationen berichten auch von zahlreichen erzwungenen Abtreibungen und sogar von Todesfällen in diesem Zusammenhang. Nach einem Bericht der Gesellschaft für bedrohte Völker werden Moscheen und Koran-Schulen willkürlich geschlossen, religiös und kulturell bedeutende Schriften und Bücher öffentlich verbrannt, das Feiern muslimischer Feste wird untersagt, Imame werden zur Teilnahme an Umerziehungskursen der Kommunistischen Partei gezwungen.

Ausrottung einer Kultur

Auch die ökologische Lage in Ostturkestan ist katastrophal. Das chinesische Militär führt auf dem Versuchsgelände in Lop Nor in Ostturkestan unverändert Atomtests durch. Seit 1964 wurden dort über 45 Atomversuche durchgeführt. Beobachter sprechen von gesundheitlichen Problemen aufgrund dieser Atomversuche und von zahlreichen Toten.

Die Lage in Ostturkestan ist sehr angespannt, besonders zwischen den einheimischen Uiguren und den zugewanderten Han-Chinesen kommt es häufiger zu Unruhen. Willkürliche Festnahmen und Deportationen sind an der Tagesordnung. Jegliche religiöse und kulturelle Aktivitäten von Uiguren werden unterbunden. Im Fastenmonat Ramadan wurden 1997 hunderte junge muslimische Gläubige von chinesischen Sicherheitskräften festgenommen, weil sie sich zum gemeinsamen Fastenbrechen und Gebet versammelt hatten. Es kam zu heftigen Protesten seitens der Bevölkerung, die die Freilassung der jungen Uiguren forderten. Die chinesische Polizei reagierte mit „harter Hand“. Die Gesellschaft für bedrohte Völker berichtet von über 100 Toten und zahlreichen Verletzten. Mindestens 52 Uiguren wurden aufgrund ihrer mutmaßlichen Beteiligung an den Unruhen zum Tode verurteilt und hingerichtet. In Schnellverfahren oder in Schauprozessen, die allen rechtsstaatlichen Grundsätzen eines Gerichtsverfahrens widersprachen, wurden die Urteile gegen die Angeklagten verhängt. Die Vollstreckung der Todesurteile gegen fünf weitere Personen wurde aufgeschoben, mindestens 90 Uiguren wurden zu meist langjährigen Haftstrafen verurteilt. Bis zu 14 Inhaftierte starben aufgrund der Folter in der Haft. Den Angehörigen der Folteropfer, Hingerichteten und Erschossenen wurde die Herausgabe der Leichen und eine angemessene Bestattung ihrer Toten verweigert.

Per Erlass wurde die Bevölkerung unter Androhung drakonischer Strafen aufgefordert, absolutes Stillschweigen über den Verlauf der Unruhen zu wahren. Wer dagegen verstieß und Journalisten Informationen über den tatsächlichen Hergang des Massakers zur Verfügung stellte, wurde zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Willkürliche Gewalt

Laut der Gesellschaft für bedrohte Völker ist keine andere ethnische Gruppe in China so massiver und willkürlicher Gewalt der Sicherheitskräfte ausgesetzt wie die Uiguren. „So wurden seit Mitte der 90er-Jahre im Rahmen der ,Schlag hart zu’- Kampagne der Sicherheitskräfte mehr als 700 Todesurteile aus politischen Gründen gegen Uiguren verhängt und vollstreckt. Im gleichen Zeitraum wurde in Tibet ein Tibeter zum Tode verurteilt“, stellt die GfbV fest.

Die willkürliche Gewalt richtet sich nicht gegen Einzelpersonen, sondern gegen die gesamte Bevölkerungsgruppe der Uiguren. So werden in Xinjiang Menschen allein aufgrund ihrer ethnischen Abstammung verfolgt, und nicht nur aufgrund konkreter Straftatbestände. Wer sich für die Bewahrung der traditionellen Kultur und für Menschenrechte in Ostturkestan einsetzt, gilt als Unterstützer des „Terrorismus“ und wird mit jahrelanger Haft oder sogar mit der Hinrichtung bestraft. Dies gilt auch für Uiguren, die im Ausland um politisches Asyl ersuchten oder sich für Menschenrechte für Uiguren einsetzten. Mehrfach wurden seit dem Jahr 2004 uigurische Flüchtlinge, die aus zentralasiatischen Staaten oder Pakistan nach China abgeschoben worden waren, in unfairen Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Laut der GfbV versucht China seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 seine blutige Repression in Xinjiang als Chinas Beitrag zum weltweiten Kampf gegen den Terrorismus darzustellen. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, viele Regierungen in aller Welt und Menschenrechtsorganisationen haben diese Darstellung jedoch zurückgewiesen und China vorgeworfen, den Antiterror-Kampf für seine eigenen politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Es seien hausgemachte Probleme, die China in Xinjiang habe, die keinen Bezug zum Erstarken des internationalen Terrorismus hätten, betonen Experten.

Trotz der massiven Repression seitens chinesischer Sicherheitskräfte gibt es Uigurische Menschenrechtler, welche versuchen, die Welt auf die Lage ihrer Landsleute aufmerksam zu machen. Die bekannteste ist die Menschenrechtlerin und Autorin Rebiya Kadeer. Sie saß einige Jahre in chinesischen Gefängnissen wegen „Verrats von Staatsgeheimnissen“ und lebt seit ihrer Haftentlassung 2005 im Exil. Sie wurde drei Mal in Folge für den Friedensnobelpreis nominiert. Kadeer ist einer der wenigen Personen, die es geschafft haben, der Weltöffentlichkeit die Lage der Uiguren zu zeigen. Ihr Buch Die Himmelstürmerin war ein Bestseller. Der World Uigur Congress hat zusammen mit Rabeya Kadeer einen Boykott der Olympischen Spiele befürwortet, „da das menschen- und menschenrechtsverachtende Vorgehen der diktatorischen chinesischen Regierung wider den olympischen Geist von Frieden und friedlicher Zusammenkunft sei“.

veröffentlicht: Zukunft, Mai-Ausgabe, http://www.z-zukunft.eu/?2008-05,politik,021,2

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