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Krieg der Provokateure

Es tobt in Deutschland ein Kulturkampf, ein Krieg der Provokateure, die Metzgern mit stumpfen Ausbeinmessern gleichen, sie schneiden und stechen, sie reißen und zerren. Es ist an der Zeit, zu einer Ideologiekritik anzusetzen. Wir leben in einer Zeit, in der rechte Feministinnen, gewendete Altlinke, orthodoxe Klassenkämpfer, Kulturpapisten und Rechtskonservative die Meinungshegemonie beanspruchen. Sie alle berufen sich auf das Recht der freien Rede, das ihnen niemand streitig macht, und doch schlagen sie viel Lärm, um, wie sie ihr Publikum glauben machen wollen, gegen das Kartell der Politisch-Korrekten anzukommen.“

Feridun Zaimoglu, 28.06.2007 auf der Konferenz „Integration braucht Rechte und Chancen“ im Deutschen Bundestag

Feridun Zaimoglu: "Sie alle berufen sich auf das Recht der freien Rede, das ihnen niemand streitig macht, und doch schlagen sie viel Lärm..."

Feridun Zaimoglu: "Sie alle berufen sich auf das Recht der freien Rede, das ihnen niemand streitig macht, und doch schlagen sie viel Lärm..."

Nach der harschen Kritik von Claudius Seidl und Thomas Steinfeld an den so genannten Islamkritikern vergeht kein Tag, in der nicht der Oberguru der Islamkritiker Henryk M. Broder oder eine seiner Gesinnungsgenossinnen sich zu Wort melden. Die Scharfmacher hüllen sich in den Mantel der Islamkritik und können dabei kaum etwas inhaltlich und argumentativ Neues liefern. Im Grunde genommen wiederholen sie seit Jahren ihre Parolen mit der Hoffnung, dass die Menschen es irgendwann ernst nehmen.

Die Scharfmacher in den deutschen Feuilletons als auch die handvoll religiös beschleunigten Ideologen auf muslimischer Seite haben kein Interesse an einem Austausch von Argumenten. Ihnen geht es nur um den Aufbau eines möglichst einfach gestrickten Feindbilds “Islam” bzw. “Westen”. Der Gegner dient zur Schaffung eigener Identität und Wichtigkeit und hilft nur dem Übertünchen eigener Bedeutungslosigkeit.

Ehrenmord, Zwangsheirat, Terrorbomben: Die so genannten Islamkritiker suchen sich extreme Einzelfälle heraus, um diese zur pauschalen Diffamierung der Mehrheit zu nutzen. Einige treten gar als „Experten“ auf und schreiben ohne wissenschaftliche Skrupel die anerkannten Regeln des Islam einfach um. In der ganzen Diskussion wird gar nicht danach gefragt, was denn der Kern des Islam überhaupt ist. Man reduziert sein Feindbild lieber auf Zerrbilder von einer zur Gewalt aufrufenden Religion.

In dieser Debatte hat sich schnell eine durchweg fragwürdige Terminologie um den Islam etabliert. Dies zeigt sich schon in der Bezeichnung „Moslems“ (ein Schimpfwort aus der guten alten Zeit der Kolonialherren) oder der wenig durchsichtigen Logik des „Islamismus“.

Eines aber wird sehr deutlich: Zwischen Islam und Islamismus sowie auch zwischen gewaltbereitem und nicht gewaltbereitem Islamismus zumindest muss sorgfältig unterschieden werden. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Terrorist Bin Ladin und einige islamische Organisationen in Deutschland bereits ohne große Widerstände in gleicher Weise als “islamistisch” bezeichnet werden.

Doch was heißt “Islamismus” eigentlich? Oft meint man nur die einfache Sorge um eine mögliche Ideologisierung von Muslimen. Doch zu schnell und unreflektiert ist daraus ein Kampfbegriff geworden, der ziemlich alle bekennenden Muslime und eine gewaltbereite Minderheit in einen Topf wirft. Ist ein Muslim bereits ein Islamist wenn er täglich zur Moschee geht? Ist ein Muslim, der den Koran rezitiert und daran glaubt, dass der Koran das Wort Gottes ist, ein Islamist? Muss ein Muslim aus einem „Koranlight“ rezitieren, ohne Prügelverse und so, um als „guter“ Muslim anerkannt zu werden? Den ideologischen Gegnern des Islam scheint es wichtig zu sein, die Trennlinie zwischen dem Islam mit seiner traditionellen Lebenspraxis und Modernismus als ideologischer Parteiung aufzulösen. Die unscharfe Definition und beliebige Verwendung des Begriffs spielt den polarisierenden “Islamkritikern” geradezu den Ball zu.

Die Herkunft des Islamismus ist heute greifbarer als ihr eigentliches Wesen. Islamismus ist ein Überbegriff für verschiedene ideologische Strömungen, der Ende des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Vorher war meist von Islamischem Fundamentalismus die Rede. Der französische Soziologe und Politikwissenschaftler Gilles Kepel widmete der Geschichte dieses Phänomens, das vor einem Vierteljahrhundert vor allem in Folge der damaligen Krise des arabischen Nationalismus entstand, eine detailreiche Arbeit.

Gerade weil Kepel kein Muslim ist, gibt das Buch für Muslime recht interessante, man könnte sagen tabufreie Hinweise darauf, den arabischen Modernismus zu hinterfragen. Kepel versteht, dass die unheilvolle Reduktion des Islam auf eine politische Bewegung ein im Grunde neues Phänomen darstellt. Der Islam wird nun von „politischen Brandreden gegen den Feind“ bestimmt. Wenn man sich die Chefideologen wie etwa Sayyid Qutb oder Maududianschaut, auf die sich die heutigen Islamisten jeglicher Couleur berufen, waren diese keine islamischen Gelehrten, sondern Journalisten und Pädagogen. Sayyid Qutb’s Wissen über den Islam beruht auf ein Bücherstudium. Interessant ist es zu sehen, dass die heutigen Vordenker der Dschihadisten fast ausnahmslos Ingenieure sind und den Islam nicht studiert haben. Vielmehr treten diese mit ihrem naturwissenschaftlich-technischem Denken an den Islam heran, und bedienen sich aus dem Koran wie aus einem Werkzeugkasten. Der Islamwissenschaftler und Koranübersetzer Ahmad Milad Karimi betont, dass der Koran offen sei, und gerade weil Koran Begrifflichkeiten verwende, die mehrdeutig sind, könne man daraus sehr viel machen. „Das wurde in der Geschichte oft genug gemacht. Man hat auch im Namen der Bibel und des Kreuzes Kriege geführt, wohl gemeint für eine Religion der Liebe.“ „Wenn die Einstellung politisch ist,“ so Karimi, „dann ist schon Vorsicht geboten. Der Koran ist kein Politikum.“

Ahmad Milad Karimi: Im Herder Verlag ist seine neue Koranübersetzung erschienen.

Ahmad Milad Karimi: Im Herder Verlag ist seine neue Koranübersetzung erschienen.

Die Dschihad-Ideologie der Islamisten mit dem Dschihad-Begriff im Koran nichts zu tun hat. Die Idee des gerechten, im Ergebnis also totalen Krieges ist keine islamische Erfindung. Nach der Logik des gerechten Krieges gibt es eines – wenn auch recht fernen – Tages eine gerechte und gute Weltherrschaft, die jedenfalls nach der koranischen Offenbarung weder Ziel noch Mission des Islam darstellt. Der Islam verlegt das Paradies ins Jenseits. Die globale Herrschaft über den Weltraum und die moderne Idee des Weltstaates sind nicht im islamischen Denken begründet . Das Konzept des „Dschihad“ als rechtliches Phänomen ist in Wirklichkeit eine Begrenzung des Krieges und wird gerade von den modernen „Islamisten“ – falls sie dieses Recht überhaupt kennen – in ihrer Ideologie offensichtlich kaum beachtet.

Der Begriff „Dschihad“ wir im Koran an über 30 Stellen verwendet. „Aber an keiner Stelle“, so der Koranübersetzer Karimi, „ist der Begriff als “heiliger Krieg”, bellum sacrum oder bellum sanctum zu verstehen; noch nicht einmal als bellum iustum im Augustinischen Sinne. Djihad heißt wesentlich im Koran: sich abmühen, sich bemühen, sich anstrengen, sich einsetzen, ja eher im Sinne von studere.“

Der moderne Islamismus wird also deswegen zum Problem, weil er eine kranke Mischform zwischen westlich-politischem Denken und Islam darstellt.Das Bestreben der heutigen „Islamisten“ kann man daher etwa mit dem vergeblichen Versuch einiger extremistischer Gruppen wie etwa der RAF in Deutschland und der Roten Brigaden in Italien vergleichen, die durch Terrorakte versuchten, dem Niedergang der kommunistischen Ideologie Einhalt zu gebieten. Das für gewöhnlich gezeichnete Bild vom Islam ist das einer rücksichtslos homogenen muslimischen Gemeinschaft, welche die westlichen Werte ablehnt und die Konflikte des Nahen und Mittleren Ostens ins Zentrum Europas hineinträgt.

Fundamentalistische Strömungen wie der Wahhabismus, aber auch der protestantische Evangelikalismus, sind nicht etwa Produkte traditioneller Kulturen. Im Gegenteil: Sie sind Erzeugnisse einer tiefen Krise von traditionellen Kulturen, von De-Kultivierung und Globalisierung. In diesem Sinne sind sie “modern”. Religiöse Spannungen verweisen stets auf Krisen traditioneller Kulturen – und sind nicht deren Ausprägung. Der französische Politikwissenschaftler und Islamexperte Olivier Roy betont, dass die Religion keine besondere Rolle in dem Prozess individueller Radikalisierung spiele. „Es gibt einige „Neugeborene“, so Roy, „welche die Vorstellung einer entkultivierten fundamentalistischen Marke des Islam fasziniert, der die traditionellen muslimischen Kulturen – die Kultur ihrer Vorfahren – in ähnlicher Weise kritisiert, wie sie es mit westlichen Kulturen praktizieren.“ Nach Roy ist der Fundamentalismus ein permanenter Trend in jeder Religion. Es mache keinen Sinn von außen einen „guten Islam“ zu befördern: „Die Aufgabe ist, Raum zu schaffen für einen glaubwürdigen Hauptstrom Islam, der die religiösen Ansprüche der Masse der Muslime erfüllt.“

Es ist ein bedauerlicher Umstand, dass unter den Staubwolken des Terrors der Islam selbst kaum mehr erkennbar ist. In den öffentlichen Islamdebatten erscheint es so, als gäbe es im Islam nur hirnrissigen Fundamentalismus oder banale Esoterik. Die Denunziation der Muslime hat heute erschreckende Ausmaße angenommen. Aber auch auf der muslimischen Seite braucht es nun eine ernsthafte kritische Auseinandersetzung mit der Ideologie des islamischen Modernismus. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Islamismus ist für Muslime von entscheidender Bedeutung. Hierzu gehört die Entschiedenheit der Muslime, sich durch niemanden ideologisieren zu lassen. Denn wie der Wahhabismus schon zeigt, ist die Hochzeit von Ideologie und islamischer Lebenspraxis eindeutig gefährlich.

Eine gekürzte Version dieses Artikels erschien in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Freitag:

http://www.freitag.de/kultur/1005-islam-islamismus-olivier-roy-gilles-kepel-dschihad

“Ein Schlag ins Gesicht”

Der Bostoner Islamwissenschaftler Jonathan Bloom über die Geschichte des Minaretts und seine kulturhistorische Bedeutung

Der Freitag: Minarette sind das charakteristische Symbol des Islam geworden. Was ist der Ursprung des Minaretts?

Jonathan M. Bloom: Die ersten Moscheen aus dem siebten Jahrhundert hatten keine Minarette. Es wird davon ausgegangen, dass sie im späten achten oder frühen neunten Jahrhundert „erfunden“ wurden. Es gibt verschiedene Theorien über den Ursprungs des Minaretts: Manche sagen, sie seien Kirchtürmen nachempfunden, andere halten Wachtürme, Leuchttürme, Stellwerke oder Siegessäulen für Vorbilder.

Bloom: "Das Minarett ist, ähnlich wie das Kuppeldach der Moschee eine der charakteristischsten Ausprägungen der islamischen Architektur."

Bloom: "Das Minarett ist, ähnlich wie das Kuppeldach der Moschee eine der charakteristischsten Ausprägungen der islamischen Architektur."

Und was ist Ihre Meinung in dieser Frage?

Keine dieser Varianten ist richtig. Meine Forschungen haben ergeben, dass die ersten Minarette nicht der Funktion dienten, zum Gebet aufzurufen. Ich gehe deshalb davon aus, dass sie schon damals die gleiche Funktion wie heute hatten: Sie waren Zeichen für die Präsenz einer Moschee und damit Symbole des Islam. Erst später bekamen diese Türme ihre Bedeutung als Ort, von dem aus der Gebetsruf erfolgt.

Sie sagen, dass das Minarett historisch betrachtet nicht mit dem Gebetsruf in Zusammenhang steht?

Der Gebetsruf wird bereits seit der Zeit des Propheten praktiziert, das Minarett entstand erst später. Der Überlieferung zufolge träumte ein Weggefährte des Propheten, Abd Allah ibn Zayd, er habe gesehen, wie jemand vom Dach der Moschee die Männer zum Gebet gerufen habe. Nachdem er dem Propheten von seinem Traum erzählt hatte, erkannte Mohammed darin eine Vision Gottes. Er wies Bilal, einen freigelassenen abessinischen Sklaven, der einer der ersten Konvertiten zum Islam war, an: „Steh auf, Bilal, und rufe alle zum Gebet zusammen!“ Bilal, der für seine schöne Stimme bekannt war, tat, wie ihm geheißen war, und wurde so der erste Muezzin.

Liegt in dieser Zeit auch der Ursprung des Minaretts?

Nein. Gemäß der islamischen Tradition riefen Bilal und seine Nachfolger von einem hoch gelegenen oder öffentlichen Platz zum Gebet, etwa von einem der Stadttore oder vom Dach der Moschee, von einem hohen benachbarten Gebäude oder sogar von der Stadtmauer aus, niemals aber von einem hohen Turm. Es ist sogar überliefert, Ali ibn Abi Talib, Cousin und Schwiegersohn des Propheten, habe angeordnet, ein hoher mi’dhana, ein Platz von dem aus der Muezzin zum Gebet rief, solle abgetragen werden, da der Muezzin von dort in die Häuser rund um die Moschee schauen konnte. Ali war der Ansicht, der Gebetsruf solle nicht von einem Gebäude aus erfolgen, das höher als das Dach der Moschee sei.

Welche symbolische Bedeutung hat das Minarett überhaupt?

Das Minarett ist, ähnlich wie das Kuppeldach der Moschee eine der charakteristischsten Ausprägungen der islamischen Architektur. Der Klang des Gebetsrufs gehört zu Kairo, Istanbul oder Riad wie der Klang der Glocken zu Rom. Weltweit sind die Minarette inzwischen ein derart unverwechselbares Symbol des Islam geworden, dass politische Karikaturisten sie als Kürzel verwenden, wenn sie eine Szene im Nahen Osten oder in islamisch geprägten Gegenden verorten wollen.

Sind die Minarette auch Symbole der politischen Macht des Islam?

Ob die Minarette nun aktiv genutzt werden, um die Gläubigen zum Gebet zu rufen oder nicht, sie bleiben mächtige Symbole des Islam und wurden dementsprechend als solche immer wieder ins Visier genommen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Während des Bürgerkriegs im Kosovo etwa platzierten die serbischen Truppen häufig Sprengstoff in den Minaretten. Sie taten dies nicht nur, um die Türme zu zerstören, sondern auch, damit die angrenzende Moschee beim Einsturz ebenfalls zerstört wurde. Durch diese Zerstörung wollten die serbischen Truppen, die überwiegend christlich-orthodox geprägt waren, die sichtbarsten Symbole des Islam von der Bildfläche tilgen. Ein solcher Zusammenprall zwischen unterschiedlichen visuellen Kulturen ist unglücklicherweise nicht erst ein Phänomen der Neuzeit, auch wenn moderne Waffen und Sprengstoffe die Folgen verheerend machen.

Gibt es auch Fälle, in denen Minarette errichtet wurden um islamischen Machtanspruch auszudrücken?

Ja. Nachdem der ottomanische Sultan Fatih Mehmet die byzantinische Stadt Konstantinopel im Mai 1453 erobert hatte, war eine seiner ersten Amtshandlungen, dass er auf der 900 Jahre alten Kirche Hagia Sophia ein hölzernes Minarett errichten ließ, um ihre Umwidmung zu einer Moschee zu kennzeichnen. Das hölzerne Minarett wurde bald durch ein steinernes ersetzt und zudem wurden noch drei weitere gebaut. Als Mehmet und seine Nachfolger weitere Moscheen in ihrer neuen Hauptstadt bauten, wurde die Silhouette Istanbuls nach und nach von dutzenden schlanken, pfeilförmigen Minaretten unterbrochen, die der ottomanischen Metropole nach und nach ihr charakteristisches Aussehen gaben. Es signalisierte, dass sie nicht länger die Hauptstadt des christlichen Byzanz, sondern die neue Hauptstadt des islamischen Weltreichs war.

Gibt es in der islamischen Geschichte auch Überlieferungen von Moscheen ohne Minarett?

In weiten Teilen der muslimischen Welt, wie etwa in Malaysia, Kaschmir und Ost-Afrika, waren Minarette bis zur Neuzeit so gut wie unbekannt. Im 20. Jahrhundert jedoch führte die Ausdehnung der modernen Kommunikation und der Reisemöglichkeiten zu einer Vereinheitlichung der regionalen architektonischen Ausprägungen zu „islamischen“ Normen mit Kuppeln und den in die Höhe ragenden Türmen. Nichtsdestotrotz erklärte Mohamad Tajuddin bin Mohamad Rasdi von der Technischen Universität in Malaysia unlängst, moderne Architekten und ihre Kunden, die monumentale Moscheen mit ausgefallenen Minaretten und Kuppeln bauten, würden die Lehren des Propheten ignorieren.

In der Schweiz wurden die Minarette nun verboten, weil sie für die Mehrheit ein Symbol der Islamisierung sind.

Ironischerweise war einer der ersten Gelehrten, die den Ursprung und die Geschichte des Islam studierten, vor über einem Jahrhundert der Schweizer Arabist Max van Berchem. Die Minarette sind zwar genau genommen kein notwendiger Bestandteil einer Moschee, aber sie werden weithin für erstrebenswert erachtet. Das Verbot, Minarette zu bauen, ist deshalb ein Schlag ins Gesicht für die muslimische Gemeinde in der Schweiz. Können Sie sich vorstellen, was gewesen wäre, wenn die Schweiz entschieden hätte, dass der Bau von Glockentürmen auf Kirchen verboten wird?

Ist diese Ablehnung der Minarette ein neues Phänomen?

Nein, sie kann bis ins mittelalterliche Spanien zurückverfolgt werden, als Muslime und Christen um die architektonische Vorherrschaft in den Städten kämpften. In jüngerer Zeit wiederum gab es in Oxford Streit um den Bau eines Minaretts, das höher als die legendären Turmspitzen der Stadt gewesen wäre. Dieselbe Diskussion gab es in Frederick, Maryland.

Das Interview führte Eren Güvercin

Hintergrund

Jonathan Bloom ist Professor am Boston College. Er hält den Lehrstuhl für Islamische und Asiatische Kunst

der Freitag Artikel-URL: http://www.freitag.de/wochenthema/0950-ein-schlag-ins-gesicht-der-muslimischen-gemeinde

Der alte Rassismus in neuem Gewand?

Kay Sokolowsky über das “Feindbild Moslem”, die Medien und die Hassprediger von PI

Gerade hat der Prozess um den Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini begonnen. Was lehrt uns dieser Mord über gesellschaftliche Konflikte in Deutschland?

Kay Sokolowsky: Daß sie in gewissen Fällen gern verharmlost werden. Daß in gewissen Fällen das Entsetzen vor einem Mord nicht so schwer wiegt wie die Sorge, der alltägliche, allgegenwärtige Rassismus in Deutschland könnte zur Sprache kommen. Viele dieser gewissen Fälle betreffen in jüngster Zeit vor allem das Verhältnis der alteingesessenen Deutschen zu Mitbürgern aus dem islamischen Kulturkreis. Der Mann, der Marwa El-Sherbini erstochen hat, wurde laut Staatsanwaltschaft von blankem Haß auf Muslime geleitet. Mit diesem Haß ist der Täter leider nicht allein. Es gibt sehr viele Menschen in Deutschland, die verstehen und sogar rechtfertigen, warum Alex W. eine schwangere Frau getötet und beinahe auch ihren Mann ums Leben gebracht hat, die diesen Messerstecher geradezu für einen Helden halten. Marwa El-Sherbini sei selbst schuld, heißt es dann, sie hätte ja auf ihre Anzeige gegen den Rassisten verzichten können. Sie habe ihn durch diese Anzeige ja überhaupt erst gereizt. Und was bilde so eine Fremde sich eigentlich ein, solch eine Kopftuchträgerin zumal?! So und noch viel schlimmer tönen User-Kommentare auf den muslimfeindlichen Websites. Diese grauenhafte Tat ist Ausdruck eines Hasses, der sich in Deutschland breitgemacht hat wie eine Epidemie. Doch über diesen Haß und über seine Verbreitung möchte man lieber nicht reden.

Kay Sokolowsky: "Über diesen Haß und über seine Verbreitung möchte man lieber nicht reden." (Foto: Martina Bendler)

Kay Sokolowsky: "Über diesen Haß und über seine Verbreitung möchte man lieber nicht reden." (Foto: Martina Bendler)

Im Rotbuch Verlag ist Ihr Buch “Feindbild Moslem” soeben erschienen. Sie schildern in diesem Buch die Lage der Muslime in Deutschland und stellen fest, dass sich besonders seit dem 11. September antimuslimische Ressentiments verbreiten. Was sind die Gründe dieses Antiislamismus? Wer sind die Wortführer?

Sokolowsky: Der Antiislamismus ist nur ein Vorwand, eine Ausrede, um rassistische Hetze und migrantenfeindliche Bösartigkeit auszutoben. Die Muslimhasser diffamieren “die Muslime” und meinen damit jeden Menschen, der in erster, zweiter oder dritter Generation aus dem islamischen Kulturraum stammt. Es ist dabei ganz gleichgültig, ob die Menschen, die diskriminiert werden, tatsächlich Muslime sind. Die Muslimfeinde unterstellen kurzerhand jedem Menschen mit türkischen oder arabischen Eltern, er sei ein Muslim. Das ist bereits blanker Rassismus. Niemand wird durch seine Geburt ein Muslim, sondern allein durch das Glaubensbekenntnis. Aber genau das bestreiten die Islamfeinde. Für sie steht jeder Migrant aus einem islamischen Land, der nicht öffentlich auf den Koran schimpft, stehen alle Kinder dieser Migranten im Verdacht, fanatische Muslime zu sein und deshalb Ehrenmörder, Zwangsverheirater, Parallelgesellschafter, Selbstmordattentäter, Massenmörder.

Wer Jude sei, bestimme er, sagte Hermann Göring einmal. Die Muslimhasser definieren auf die gleiche Art, wer Muslim ist. Sie bauen sich ein Feindbild, um alle zu Feinden des Menschengeschlechts erklären zu können, denen sie feindselige Gefühle entgegenbringen. Auch das ist rassistische Praxis in Reinkultur. Mit Religionskritik und Aufklärung im seriösen Sinn hat das nichts, überhaupt nichts zu tun. Aber indem die Muslimhasser erregt mit dubiosen Koranstellen wedeln und auf die Brandprediger zeigen, die es ja leider gibt, erscheint ihr rassistisches Gerede gedeckt durch den Anspruch der Aufklärung, mantelt es sich auf als “Verteidigung unserer westlichen Grundwerte”. Von den Imamen, die ihre Gläubigen zu Toleranz und Friedfertigkeit ermahnen, will der Muslimhasser entweder nichts wissen oder er unterstellt diesen Predigern, sie würden lügen. Aus der hermetischen Wahnwelt der Rassisten gibt es kein Entrinnen. Weder für die Objekte dieses Wahns noch für die, die von ihm besessen sind.

Im Kern ist den Islamfeinden nicht der Islam verhaßt, sondern der Türke, der Araber, der Fremde an sich. Es ist ja auch völlig unmöglich, etwas so Abstraktes wie eine Religion zu hassen. Haß kann sich nur gegen Menschen richten, nicht gegen Abstraktionen. “Die Muslime” sind verhaßt aus dem schlichten Grund, daß sie Muslime sind – oder weil sie im Verdacht stehen, Muslime zu sein. Der bloße Verdacht genügt dem Rassisten schon, um menschenfeindlich zu hetzen. Rassismus ist eine Ideologie des Verdachts und der Unterstellung.

Für die Islamfeindlichkeit, die wir heute erleben, haben die Attentate vom 11. September 2001 wie eine Initialzündung gewirkt. In den Staaten des Westens haben sich vorher die wenigsten darum geschert, was militante Islamisten anrichten. Die Verbrechen der Taliban, die Brutalität der Pasdaran, die Massaker in Somalia oder Algerien waren vor “9/11″ kein großes Thema in der westlichen Öffentlichkeit. Schließlich handelte es sich bei den Opfern “nur” um irgendwelche Einwohner der Dritten Welt. Erst als der militante Islamismus seine Gewalt auch gegen die Metropolen des Westens entfesselte, entdeckten wir Ignoranten den Islam als Schreckgespenst des 21. Jahrhunderts. Die Angst, die Al-Qaida verbreitet, ist der Nährboden für die Ideologie der Muslimhasser. Plötzlich sind Moscheebauten und Kopftücher zu Politika geworden, und gewisse Publizisten haben sich fulminante Karrieren aufbauen können, indem sie der diffusen Furcht vor dem Islam Futter gaben.

Echte Wortführer – wie etwa den Rechtspopulisten Geert Wilders in den Niederlanden – hat die Islamfeindschaft in Deutschland nicht. Aber viele prominente Stichwortgeber. Dazu zählen etwa der Orientalist Hans-Peter Raddatz, der Journalist Udo Ulfkotte, die Soziologin Necla Kelek, die Bundesverdienstkreuzträgerin Alice Schwarzer und ganz besonders die Publizisten Henryk M. Broder und Ralph Giordano. Aus deren bösen Stichworten eine rassistische Ideologie zu erarbeiten, haben sich Tausende anonyme Hetzer in Internet-Blogs und -Foren auf die Fahne geschrieben.

Was für eine Rolle spielen die sogenannten “Islamkritiker” darin?

Sokolowsky: Promovierte Autoren wie Raddatz oder Kelek geben dem muslimfeindlichen Gerede den Anstrich wissenschaftlicher Seriosität. Broder und zumal Giordano, die selber Zielscheiben antisemitischer Hetze sind, scheinen über den Verdacht erhaben, rassistische Ressentiments zu verbreiten. Die Haß-Blogger berufen sich nur zu gern auf solche Autoren, um von ihren eigenen rassistischen Motiven und von ihrem Wahn abzulenken. Deshalb habe ich in meinem Buch überprüft, wie glaubwürdig Kelek, Broder oder Giordano argumentieren. Das Resultat ist, um es zurückhaltend auszudrücken, wenig schmeichelhaft für die Autoren. Als Kronzeugen für die Islamfeindlichkeit sind sie nur so lange Gold wert, wie der Großteil des deutschen Publikums nicht merkt, daß diese Kronzeugen vor allem Blech reden. Ich hoffe, daß mein Buch dazu beiträgt, das Image dieser Stichwortgeber zu korrigieren.

In den ersten Tagen und Wochen wurde der Mord an der Muslimin El-Sherbini in den Medien nur am Rande wahrgenommen. Erst nach Protesten im Ausland wurde diesem Verbrechen mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Warum war der Tod einer Kopftuchträgerin, die nicht Opfer eines Ehrenmords wurde, eine Woche lang nur eine kurze Meldung in den Nachrichtenagenturen?

Sokolowsky: Es ist seit vielen Jahren deutsche Tradition, Rassismus zu verharmlosen, kleinzureden und ins Vermischte zu verbannen. Der Fall der armen Frau El-Sherbini hat das wieder vorgeführt: Die Bundeskanzlerin hatte anfangs nicht mal ein Wort des Mitleids für die Familie übrig. Und der damalige Innenminister Schäuble, der sonst hinter jeder Facebook-Seite eine islamistische Terrorzelle vermutete, bekam den Mund nicht auf, um diesen eindeutig terroristischen Akt zu verurteilen. Statt dessen fürchtete man sich allenthalben vor den Reaktionen der bekanntlich völlig unberechenbaren Muslime. Das Dresdener Gericht, in das Alex W. am Tag der Tat problemlos ein 18 Zentimeter langes Messer einschmuggeln konnte, ist heute ein Hochsicherheitstrakt, inklusive Scharfschützen – aus lauter Angst vor muslimischer Vergeltung. Auf Nachfrage mußte das LKA Sachsen übrigens einräumen, es gebe für die Scharfschützen auf dem Dach keinen konkreten Anlaß.

Dahinter steckt dasselbe paranoide Denken, das einen Gerichtspolizisten bewegte, auf den blutenden, am Boden liegenden Mann von Marwa El-Sherbini zu schießen statt auf den Täter Alex W. Der Muslim an sich, der Fremde aus dem Orient ist eine Gefahr: So denken sehr viel Deutsche, und so denken die Sicherheitsbehörden – nicht nur die in Sachsen. Zu Prozeßbeginn war es vielen Berichterstattern wichtiger, über eine höchstwahrscheinlich gefakete Morddrohung “aus islamistischen Kreisen” gegen Alex W. zu berichten, als sich endlich einmal mit der ausgeprägten Muslimfeindschaft zu befassen, die in Deutschland herrscht. Zum Glück nicht allen Berichterstattern. Doch bestürzend vielen.

Wie weit verbreitet sind antimuslimische Ressentiments in der deutschen Gesellschaft?

Sokolowsky: Auf jeden Fall weiter verbreitet als promuslimische. Wer auch immer wagt, den Islamhaß als neue Form des Rassismus zu benennen und vor den Muslimhassern zu warnen, sieht sich sofort einer breiten Front von Entrüsteten gegenüber, die “Ehrenmord” schreien und “Zwangsheirat”, “Al-Qaida” oder “Ahmanidejad”. Kaum spricht einer aus, daß Islamkritik sehr vielen Rassisten als Vorwand dient, um hemmungslos gegen türkische und arabische Migranten zu hetzen, fordern die Kritiker von ihm ein, er solle erst mal was über den Glaubensterror in Saudi-Arabien sagen, bevor er sich über den muslimfeindlichen Rassismus beklagt. Ich erlebe das seit Veröffentlichung meines Buchs ständig. Broder, Kelek und Giordano behaupten ja sehr gern, daß sie gegen eine überwältigende Meinungsdominanz von “Gutmenschen” in den Medien und der Politik anschreiben. Das ist absoluter Blödsinn. Es gehört in Deutschland kein bißchen Courage dazu, auf Muslime zu schimpfen. Man ist da ganz sicher auf der Seite der Mehrheitsmeinung, und man darf sich darauf verlassen, für das Angstschüren vor den Muslimen mit guten Plazierungen auf der “Spiegel”-Bestsellerliste und mit allerlei Literaturpreisen belohnt zu werden. Die Diffamierung der Muslime – und derer, die man dafür hält – ist ein erheblich einträglicheres Geschäft als die Abwehr dieser Diffamierung.

Laut einer Studie des amerikanischen Pew Research Center aus dem vergangenen Jahr ist jeder zweite Deutsche negativ gegenüber Muslimen eingestellt. Nicht nur gegen radikale, fanatisierte Islamisten, sondern gegen alle Muslime. Untersuchungen deutscher Institute – etwa der Friedrich-Ebert-Stiftung – kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Dabei ist auch klar geworden, daß die Vorurteile gegen Muslime untrennbar verbunden sind mit älteren fremdenfeindlichen Ressentiments. Im Rahmen des Langzeitprojekts “Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit”, das seit 2002 von der Universität Hannover durchgeführt wird, wurden 2008 knapp 1.800 Menschen befragt, ob sie folgender Aussage zustimmen könnten: “Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land.” 34,9 Prozent der Interviewten pflichteten dem Satz bei. Ich bin sicher, daß die meisten dieser Leute in Gegenden wohnen, wo weit und breit kein Muslim zu Hause ist. So wie der Antisemit keine Juden kennen muß, um die Juden zu hassen, braucht der Antiislamist noch nie einem Muslim begegnet zu sein und weiß trotzdem, daß alle Muslime Schurken sind. Übrigens hat das Pew Research Center auch herausgefunden, daß die meisten Muslimfeinde zugleich überzeugte Antisemiten sind.

Nachdem der Bundesbanker Thilo Sarrazin in “Lettre International” gegen Türken und Araber gepöbelt hatte, gaben ihm in einer Emnid-Umfrage 51 Prozent der Befragten in allen Punkten recht. Sarrazin hatte es nicht einmal nötig, explizit darauf hinzuweisen, welchem Glauben viele dieser Migranten anhängen. Das antimuslimische und das allgemein fremdenfeindliche Vorurteil sind längst eins.

Was für eine Rolle spielen die sogenannten Prangerwebseiten wie etwa Politically Incorrect? Wer sind die Betreiber von Politically Incorrect, und was ist ihre Motivation?

Sokolowsky: Was bei PI gehetzt wird, das sickert hinaus in zahllose andere Weblogs und Internetforen, das findet sich in den Leserkommentarspalten sämtlicher Online-Ausgaben seriöser deutscher Zeitungen wieder – also nicht nur bei “Bild”, sondern auch bei der “Süddeutschen” oder der “FAZ” und immer häufiger auf den Digitalseiten der multikulturellen “Taz”. Die Autoren und Hardcore-User von PI sind die Avantgarde des Muslimhasses. Sie tummeln sich überall, wo das Web 2.0 ihnen die Möglichkeit gibt, ihr Gift zu verspritzen und den nicht ganz so fanatischen Fremdenfeind mit Angst- und Haßargumenten zu bestücken. Was Thilo Sarrazin und Henryk M. Broder erzählen, das ist bei PI vorgedacht worden – nicht umgekehrt.

Dabei glaube ich nicht, daß Sarrazin PI jemals angeklickt hat. Aber die stille Post funktioniert in Zeiten des Internet besser denn je, und die wichtigste Strategie von PI ist eben die stille Post. Diese Seite ist die fette Spinne in einem Netzwerk der Fremdenfeindlichkeit. Jede Halbwahrheit und jede Gemeinheit, die hier steht, wird binnen kurzer Zeit Gemeingut vieler Millionen Menschen. Die übrigens meistens gar nicht wissen, woher die Diffamierungen stammen, die sie nachbeten. Wahrscheinlich wären sie zutiefst angeekelt, wenn sie die Hetztiraden auf PI einmal ungefiltert lesen würden. Und ihre eventuell gute Meinung über Broder könnte sich rasch ändern, wenn sie wüßten, wie die Autoren und User von PI hetzen. Denn Broder hat die systematische Hetzerei von PI nicht nur verharmlost, sondern sogar verteidigt.

Gegründet wurde PI von dem Sportlehrer Stefan Herre. Über seine Motivation hat Herre der rechtsradikalen “Jungen Freiheit” erzählt, er wolle “die Öffentlichkeit über die schleichende Islamisierung Europas informieren und alles Erdenkliche dafür tun, daß auch in Zukunft bei uns das Grundgesetz und nicht die Scharia gilt”. Wer aber glaubt, Europa drohe zu einem islamischen Gottesstaat zu werden, der hat nicht nur nicht alle Tassen im Schrank, der hat auch keine Beweise für seine Behauptung aufzubieten außer solchen, die er sich zurechtbiegt und -lügt. Der will auch nicht das Grundgesetz schützen, von wegen. PI ist voll von demokratiefeindlichen Ergüssen. Es gehört zum täglichen Geschäft dieser Website, gegen die Unabhängigkeit der Justiz zu pöbeln, das “dumme Wahlvolk”, das leider schon wieder nicht rechtsradikal abgestimmt hat, zu verunglimpfen, und die verfassungsrechtlich garantierten Freiheitsrechte all denen abzusprechen, die nicht so ticken wie Stefan Herre und seine Volksgenossen. Daß Migranten auf ihre Bürgerrechte bestehen, erscheint diesen ach-so-grundgesetzloyalen Haßpredigern als ungeheurer Skandal. Ginge es nach Herre und PI, wäre das Grundgesetz längst abgeschafft worden. Wenn Sie nachprüfen wollen, ob ich nicht vielleicht übertreibe geben Sie einfach mal in die Suchmaske dieses Hetzblogs die Stichworte “Kuscheljustiz” oder “Dhimmitum” ein.

Von Kay Sokolowsky ist gerade das Buch "Feindbild Moslem" im Rotbuch Verlag erschienen.

Von Kay Sokolowsky ist gerade das Buch "Feindbild Moslem" im Rotbuch Verlag erschienen.

Man findet oft diffamierende Pauschalisierungen etwa im “Spiegel” oder in der “Welt”. Schlüsselfigur zur Verallgemeinerung dieses besonderen Rassismus war der Publizist Henryk M. Broder mit seinem Bestseller “Hurra, wir kapitulieren!”. Wie weit tragen die Medien und Journalisten wie Broder eine Mitschuld an der giftigen antimuslimischen Atmosphäre?

Sokolowsky: Ich kann diese Mitschuld nicht quantifizieren. Ich kann nur feststellen, daß der “Spiegel” unter seinem Chefredakteur Stefan Aust keine Bedenken hatte, solch eine Atmosphäre zu fördern. Seit Austs Entlassung hat der “Spiegel” zum Glück seine langjährige Kampagne gegen die deutschen Muslime eingestellt – eine Kampagne, die ihren Höhepunkt mit der “Spiegel”-Ausgabe 13/2007 fand. Die Coverzeile lautete: “Mekka Deutschland – Die stille Islamisierung”. Titel und Titelgeschichte sind das Infamste, was seriösen deutschen Medien jemals zum Thema “Islam in Deutschland” eingefallen ist. In “Feindbild Moslem” habe ich die Demagogie dieser Coverstory Punkt für Punkt analysiert. Ich habe keine empirischen Befunde, wie viele “Spiegel”-Leser auf diese Demagogie hereingefallen sind. Ich nehme aber an, daß es bei sechs Millionen Lesern mehr als eine Handvoll waren.

Auch über die Mitschuld Herrn Broders kann ich nur Vermutungen anstellen. Ich weiß aber, daß er keine Gelegenheit ausläßt, über “die Muslime” in einer Art zu reden und zu schreiben, die man nur dann für Polemik oder gar Satire statt für übelste Migrantendiskriminierung halten kann, wenn man es auch lustig findet, zu einem schwarzen Menschen “Brikett” zu sagen. Noch erschreckender als die antimuslimischen Tiraden Broders finde ich allerdings die Wertschätzung, die er für sein übles Geschwätz erfährt. Er wird durch sämtliche Polit-Talkshows gereicht, kassiert Ehrungen noch und noch und gilt als Fachmann für sämtliche Fragen der Integration. Dabei ist er allenfalls ein Experte für angewandte Segregation. Daß seine islamfeindlichen Texte von ziemlich wenig Sachkenntnis, aber sehr viel bösem Willen geprägt sind, habe ich in “Feindbild Moslem” auf 16 Buchseiten nachgewiesen (dieses Kapitel kann auf der Website des Rotbuch Verlags kostenlos abgerufen werden). Die Talkshow-Redakteure, die Broder so gern einladen, scheinen jedoch gerade auf das undifferenzierte Gepöbel Broders scharf zu sein. Der Mann bringt ja Stimmung in die Runde, und solches Getöse wiederum bringt Quote. Welch potentiell verheerende Folgen Broders Geifereien für das Zusammenleben von muslimischen Migranten und alteingesessenen Deutschen haben, ist offenbar schnurzegal. Ich wäre froh, wenn ich mit meinem Buch dazu beitragen könnte, die genannten Redakteure etwas nachdenklicher und verantwortungsbewußter werden zu lassen.

Was müsste von politischer Seite gegen diese neue Form des Rassismus getan werden?

Sokolowsky: Die Politik müßte zunächst einmal erkennen, daß der Islamhaß eine Form des Rassismus ist. Davon sind die meisten Politiker – und zwar bei allen Parteien – jedoch meilenweit entfernt. Es wäre freilich illusorisch zu erwarten, daß die Volksvertreter klüger sind als das Volk, das sie vertreten.

Deshalb sollten alle, die das muslimfeindliche Gehetze nicht mehr ertragen, die erkannt haben, wie gefährlich diese Ideologie ist, sich weniger auf die Politik als auf ihr eigenes Wort verlassen. Nicht nur Rassisten können das Web 2.0 für ihre Zwecke nutzen. Je energischer man den Hetzern widerspricht, je beharrlicher man ihnen nachweist, daß sie mit lauter Lügen, Spekulationen, Übertreibungen und Gerüchten hantieren, desto schwerer wird es ihnen fallen, den Diskurs zu bestimmen. Ich beobachte leider eine gewisse Resignation bei denen, die guten Willens sind, vor der Macht und der Hartnäckigkeit der rassistischen Hetzer.

Ich kann mir übrigens auch nicht so recht erklären, warum bislang außer “Jungle World” und “Konkret” keine einzige nennenswerte Zeitung mein Buch erwähnen mochte. Bei meinen früheren Büchern war die Aufmerksamkeit der Rezensenten jedenfalls erheblich größer. Der Mainstream der Medien scheint das Problem der Islamfeindschaft als Problem immer noch nicht wahrnehmen zu wollen. Dabei ist es spätestens seit dem Tod Marwa El-Sherbinis und den “Kopftuchmädchen”-Schwadronniereien Thilo Sarrazins offensichtlich. Und es verschwindet keineswegs, indem es unter den Teppich gekehrt wird. Zumal den Muslimhassern nichts besser in den Kram paßt als eine Öffentlichkeit, die sich um diese Explosion von Fremdenfeindlichkeit und Menschenverachtung nicht kümmert, die so tut, als seien die Muslime selbst schuld, wenn sie aufs gemeinste und ekelhafteste diffamiert werden.

© telepolis.de

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31419/1.html

“Die rechte Szene hat sich für die Popkultur geöffnet”

Bis zu 30 Prozent der Bevölkerung scheinen anfällig für Neonazismus zu sein. Ein Gespräch mit Toralf Staud

Interview: Eren Güvercin
Haben Sie bei bei den Recherchen für »Das Buch gegen Nazis« herausgefunden, wie weit der Rechtsextremismus in Deutschland wirklich verbreitet ist?

Wenn man sich der Interpretation dieses Begriffes durch Sozialwissenschaftler anschließt, kann man auf Grundlage von Umfragen sagen, daß bis zu 30 Prozent der Bevölkerung regelmäßig rechtsextremistisches Gedankengut von sich geben: Ausländerfeindliches, Rassistisches und Antisemitisches.

Neonazis konnte man früher leicht anhand der Springerstiefel und der Bomberjacke identifizieren. Seit ein paar Jahren kann man sie aber oft kaum noch von Autonomen unterscheiden …

Die rechtsextremistische Jugendszene hat sich seit gut zehn Jahren grundlegend gewandelt. Springerstiefel und Bomberjacken gibt es zwar immer noch – sie repräsentieren jedoch nicht mehr die Hauptströmung. Gerade das Ruhrgebiet ist eine Hochburg der sogenannten »autonomen Nationalisten«, die sich wie Angehörige der linksautonomen Szene kleiden. Sie kopieren sogar häufig deren Logos, Bekleidungsstile und Auftreten – haben im Kern aber eine neonazistische Ideologie. Auf NPD-Parteitagen fällt auf, daß sich viele Kader sehr bürgerlich geben. Denen sieht man nicht mehr an, daß sie Rechtsextremisten sind.

 

Toralf Staud

Toralf Staud bei der Vorstellung seines Buches in der Buchhandlung Ludwig in Köln

Ist das eine neue Strategie, um mit einer anderen Jugendkultur mehr junge Menschen zu erreichen?

Strategen der rechten Szene haben schon vor 15, 20 Jahren gefordert, die Szene müsse ihr Äußeres ändern, sich für die Popkultur öffnen und unterschiedliche Stile anbieten. Diese Strategen haben die Entwicklung zwar nicht gesteuert, aber diese Szene ist wie in einer lebendigen Jugendkultur immer größer geworden und hat sich ausdifferenziert. Rechte Segmente findet man heute in den unterschiedlichsten Musikrichtungen – bei Heavy Metal, in der Hardcore-Szene, bei den Liedermachern, beim HipHop.

Konzentriert sich rechtsextreme Ideologie besonders auf soziale Brennpunkte? Oder auf die sogenannte Unterschicht?

Bei den Wählern ist es in der Tat so, daß junge und männliche Wähler mit geringer Bildung überproportional rechte Einstellungen haben. Aber es gibt auch Akademiker, die NPD wählen. Wenn man sich die Gruppe der Parteimitglieder oder auch die der rechtsextremen Gewalttäter anschaut, findet man nicht nur Arbeitslose – die meisten sind kleinere Handwerker, Gewerbetreibende, Arbeiter, manche sogar Studenten. Auf letztere trifft man jetzt auch immer häufiger in der NPD-Jugend.
Die Partei betreibt es sehr geschickt, sich im vorpolitischen Raum zu verankern. Sie versucht, in die Freiwillige Feuerwehr einzusickern oder in Sportvereine, mitunter werden gar eigene Clubs gegründet. In der Sächsischen Schweiz zum Beispiel macht die NPD Freizeitangebote für Jugendliche: Bergwanderungen, Klettern usw. In manchen Gemeinden ist sie es, die das alte Kriegerdenkmal von Unkraut befreit oder sich für längere Öffnungszeiten von Jugendclubs einsetzt. NPD-Mitglieder kandidieren in Schulen für die Elternvertretungen oder versuchen, Schöffe zu werden. Auf allen gesellschaftlichen Ebenen versuchen Rechtsextreme, sich zu verankern und beliebt zu machen, bevor sie sich outen.

Kurz vor der Bundestagswahl kam erneut die Diskussion über ein NPD-Verbot auf. Was brächte das Ihrer Ansicht nach?

Ich glaube nicht, daß ein Verbot etwas bringen würde – viele NPD-Kader bringen Erfahrung dafür mit, sie waren zuvor schon in verbotenen Organisationen. Es würde die Partei nur für kurze Zeit irritieren und nicht die rechtsextremen Einstellungen beseitigen. Es gibt eben eine Nachfrage danach, wenn man es marktwirtschaftlich ausdrücken würde. Diese Nachfrage würde nach einem Verbot der NPD von anderen Organisationen bedient. Es wäre also viel wichtiger, die Ursachen des Rechtsextremismus anzugehen.

Ist es richtig, daß unter den rechtsextremistischen Organisationen eine zunehmende Islamophobie grassiert?

Rechtsextremisten versuchen in der Tat seit ein paar Jahren, Abneigungen und Vorurteile gegen den Islam zu instrumentalisieren. Das hat aber wohl keinen flächendeckenden Erfolg – in der breiten Bevölkerung scheint die Islamophobie nicht zuzunehmen. Aber ich finde es fast besorgniserregender, wenn in demokratischen Parteien und im Mainstream Vorurteile gegen den Islam oder gegen die Muslime gepflegt werden. Also da wäre bei so manchem konservativen Politiker finde ich eine andere Einstellung, eine andere Offenheit doch wichtig, gerade um zu zeigen, wenn man Ressentiments gegen Muslime predigt, dann ist man ein Rechtsextremist. Da sind die Grenzen – gerade auf kommunaler Ebene – manchmal fließend.

Toralf Staud/Holger Kulick: Das Buch gegen Nazis. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 304 Seiten, 12,95 Euro

http://www.jungewelt.de/2009/10-05/049.php