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Gauck setzt auf die Märkte

Gespräch mit dem Bestseller-Autor und Mitherausgeber der NachDenkSeiten Albrecht Müller über sein neues Buch „Der falsche Präsident – Was Pfarrer Gauck noch lernen muss, damit wir glücklich mit ihm werden“. Albrecht Müller, der Willy Brandts Wahlkampf 1972 und die Planungsabteilung unter Brandt und Schmidt leitete, teilt die Hoffnung einiger nicht, in Gauck nun den richtigen Bundespräsidenten gefunden zu haben. Denn Gauck nehme die aktuellen, großen Bedrohungen unserer Freiheit nicht ernst genug, nämlich die Macht der Finanzwirtschaft, den Abbau der sozialen Sicherheit und die Erosion der Demokratie

Albrecht Müller: "Mein Eindruck ist, dass einige Vertreter großer Interessen und mächtige Medienmacher sich Joachim Gauck ausgeguckt haben, um damit einen Bundespräsidenten zu bekommen, der immer wieder Zuckerguss über die Probleme und Schattenseiten unseres Landes kippt und damit den Eindruck erweckt, als sei eine Alternative zur jetzigen Politik und Ideologie nicht nötig."

Albrecht Müller: "Mein Eindruck ist, dass einige Vertreter großer Interessen und mächtige Medienmacher sich Joachim Gauck ausgeguckt haben, um damit einen Bundespräsidenten zu bekommen, der immer wieder Zuckerguss über die Probleme und Schattenseiten unseres Landes kippt und damit den Eindruck erweckt, als sei eine Alternative zur jetzigen Politik und Ideologie nicht nötig."

Herr Müller, Sie behaupten, dass Joachim Gauck der falsche Präsident ist. Aber die Mehrheit der Bevölkerung scheint hinter Gauck zu stehen und er wurde auch mit großer Mehrheit gewählt. Was sind ihre Gründe dafür, in Gauck den falschen Präsidenten zu sehen?

Albrecht Müller: Zum Zeitpunkt der Wahl des neuen Bundespräsidenten wussten die meisten Menschen nichts Genaues von Joachim Gauck. Das fand ich bei Diskussionen und Gesprächen immer wieder bestätigt. Dass Gauck bei Umfragen dennoch gut abschnitt, ist nicht verwunderlich. Alle etablierten Parteien haben sich für seine Nominierung ausgesprochen. Da liegt es nahe, dass die überwiegende Mehrheit der Sympathisanten dieser fünf Parteien CDU, SPD, CSU, FDP und Grüne ihre Parteisympathien auch auf den Kandidaten dieser Parteien übertragen. Außerdem haben nahezu alle Medien – von der Bild-Zeitung bis zum Spiegel – Reklame für Joachim Gauck gemacht. Dennoch bleibt ein gewaltiges Defizit an Kenntnissen über das neue Staatsoberhaupt. Deshalb habe ich das kleine Buch geschrieben. Ich habe dort viele seiner bisherigen Äußerungen dokumentiert und diese Texte erläutert und kommentiert. Einige der Rezensionen meines Buches sehen schon darin einen großen Gewinn: wer das Büchlein liest, ist besser informiert über die Gedanken von Joachim Gauck. Dies gilt unabhängig davon, ob eine Leserin oder ein Leser auch meinen kritischen Fragen und Anmerkungen folgt. Die meisten, die sich näher mit unserem neuen Bundespräsidenten beschäftigen, können meine kritischen Fragen allerdings gut nachvollziehen.

An Pfarrer Gauck gibt es einiges zu kritisieren. Die wichtigsten Defizite sind aus meiner Sicht: Er kann sich nicht in die Lage von Menschen versetzen, denen es wirtschaftlich und gesellschaftlich nicht besonders gut geht; er beschönigt die Lage unseres Landes, weil er zum Beispiel vom gehetzten Leben einer Alleinerziehenden oder vom Stress eines Arbeiters am Fließband oder vom Frust jener jungen Menschen, die sich von Praktikum zu Praktikum hangeln, wenig weiß. Niedriglohnsektor, Leiharbeit, Überschuldung – das sind Lebenswelten, die unserem neuen Bundespräsidenten leider fremd sind.

Es wäre zu wünschen, wenn er im Amt noch lernen würde, die reale Welt dieses beachtlich großen Teils unseres Volkes noch wahrzunehmen.

Was muss Gauck tun, um noch die Kurve zu kriegen? Es ist doch erstaunlich, wenn Gauck die “Freiheit” zu seinem Thema macht, aber zur Finanzkrise kaum ernst zunehmende Worte von sich gibt…

Albrecht Müller: Wahrscheinlich hat er nicht verstanden, oder will es nicht wahrhaben, wie sehr die von ihm gepriesene Demokratie und Freiheit von einer übermächtigen Finanzwirtschaft ausgehebelt und bedroht wird. Viele politische Entscheidungen der letzten Jahre und Jahrzehnte sind nur zu verstehen, wenn man in Rechnung stellt, dass die Interessen der Finanzwirtschaft die Hand der Politikerinnen und Politiker führt: dass zum Beispiel so viele öffentliche Unternehmen – von der Bundesdruckerei über die Autobahn-Raststätten bis zu Wasserwerken und Kliniken – privatisiert worden sind, kann man nur verstehen, wenn man das Interesse von Banken und großen Geldgebern an den Schnäppchen aus öffentlichem Eigentum erkennt. – Ohne mit der Wimper zu zucken, wurde bei uns jede Bank gerettet; uns Steuerzahlern wurden damit die Wettschulden der Zocker im Finanzcasino aufgebürdet; 10 Milliarden mindestens für die kleine Bank IKB in Düsseldorf, vermutlich schon weit über 100 Milliarden für die Münchner Bank HRE, 18,2 Milliarden für 25 % der Commerzbank usw. – unglaubliche Vorgänge, die die Abhängigkeit der entscheidenden Politiker von der Finanzwirtschaft zeigen. – Die Altersvorsorge wird privatisiert und mit öffentlichem Geld, mit dem Geld von uns Steuerzahlern subventioniert – völlig unnötigerweise. Mit einer gesetzlichen Rente, deren Leistungsfähigkeit man durchaus erhalten könnte, würden wir alle sehr viel besser fahren.

Pfarrer Gauck weiß leider nicht oder er verschließt die Augen davor, dass bei uns politische Korruption inzwischen üblich geworden ist. Einzelne verdienen an der Privatisierung öffentlicher Unternehmen, andere verdienen an Riester-Rente und Rürup-Rente; die Investmentbanker verdienen an maßlosen Spekulationen, für deren Risiken wir Steuerzahler am Ende bürgen. Dass wir jetzt einen Bundespräsidenten haben, der diese Machenschaften nicht kennt, ist schon bedrückend.

Wenn wir heute von Freiheit sprechen, geht es da nicht in erster Linie um ökonomische Freiheit? Wie kann dann Gauck über Freiheit dozieren, wenn er die Auswüchse des entfesselten Kapitalismus ignoriert?

Albrecht Müller: Wenn ich Pfarrer Gauck über Freiheit reden höre, dann beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Es ist zu aufgesetzt. Er weiß offenbar auch nichts davon, wie sehr die Freiheit von uns Menschen in der Wirklichkeit von unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage mitbestimmt wird. Erst die soziale Sicherheit gibt vielen Menschen wirkliche Freiheit. Das wissen viele Menschen offenbar besser als er. Wenn ein Schüler in einem einigermaßen ordentlichen Gymnasium im Abituraufsatz so über Freiheit sprechen würde, ohne den Spannungsbogen zur Sozialen Sicherheit und Gerechtigkeit zu würdigen, dann würde er mit Recht schlecht benotet.

Joachim Gauck setzt auf die Märkte. Er weiß, so muss man leider aus seinen Texten und Reden schließen, nichts davon, dass es Marktversagen gibt, dass also die Marktwirtschaft der gezielten Rahmensetzung bedarf. Ich habe deshalb in meinem Buch konkret an Hand von acht Punkten beschrieben, wo Marktversagen korrigiert werden müsste – von der Sicherung des Wettbewerbs bis zur Notwendigkeit staatlicher Konjunkturpolitik. Dies alles kommt im Weltbild des neuen Bundespräsidenten bisher nicht vor. Hoffentlich macht er den Versuch, sich wirtschaftspolitisch etwas fortzubilden. Wenn er meine 64 Seiten lesen würde, dann hätte er schon ein ganzes Stück gewonnen. Noch mehr gewönne er, wenn er sich mit den amerikanischen Ökonomen Krugman und Galbraith oder ihren deutschen Kollegen Flassbeck, Bofinger und Horn beschäftigen würde.

Auch in der Sarrazin-Debatte attestierte Gauck Sarrazin “Mut”, und sorgte in Teilen der Bevölkerung für Irritationen. Sollte da ein Bundespräsident nicht sensibler sein?

Albrecht Müller: Unbedingt. Jemanden, der aktive Volksverhetzung betreibt, mutig zu nennen, ist das Gegenteil dessen, was wir von führenden Personen unseres Landes verlangen müssen. Es wäre gut, Gauck würde seine Fehleinschätzung korrigieren. Das müsste eigentlich zumindest ein Teilthema einer seiner nächsten Reden sein.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Gauck zum TINA-Präsidenten werden kann: “There is no alternative.” Gerade in diesen so “alternativlosen” Zeiten brauchen wir doch einen Präsidenten, der unbequem ist und auch mit den Regierenden und Mächtigen streitet. Aber er scheint sein Fokus eher woanders zu sehen…

Albrecht Müller: Mein Eindruck ist, dass einige Vertreter großer Interessen und mächtige Medienmacher sich Joachim Gauck ausgeguckt haben, um damit einen Bundespräsidenten zu bekommen, der immer wieder Zuckerguss über die Probleme und Schattenseiten unseres Landes kippt und damit den Eindruck erweckt, als sei eine Alternative zur jetzigen Politik und Ideologie nicht nötig. Wir bräuchten aber einen Bundespräsidenten, der Anstöße zum kritischen Denken liefert und prinzipiell verstanden hat, dass Demokratie nur dann leben und blühen kann, wenn die regierenden mit der Ablösung durch eine Alternative rechnen müssen. Andernfalls sind sie nicht genötigt, sich anzustrengen und Fehler zu vermeiden. Ohne Alternativen, ohne die Drohung mit Alternativen, stirbt die Demokratie. Das sollte der Lehrer der Demokratie, wie Gauck sich nennen lässt, sehr schnell verinnerlichen.

Die Flucht in die beliebigen Werte

Die Debatten um Werte haben seit einigen Jahren Hochkonjunktur. Eberhard Straub misstraut der Werte-Inflation in seinem neuen Buch „Zur Tyrannei der Werte“, denn hinter jedem sogenannten Wert stehe ein Interessent mit seinen eigenwilligen Absichten und Zwecken, der, getreu seinem ökonomischen Urbild, danach strebe, seinem Moralprodukt eine beherrschende Stellung auf dem Markt der Meinungen zu verschaffen. Eren Güvercin sprach mit Eberhard Straub über die europäischen Werte, die vermeintliche Werteordnung unserer Verfassung und die Rolle der Muslime in dem Kampf um die Werte.

Eberhard Straub: "Die westliche Polemik gegen den Islam ist eine Polemik gegen Religion überhaupt."

Eberhard Straub: "Die westliche Polemik gegen den Islam ist eine Polemik gegen Religion überhaupt."

Die Europäische Union oder die auch die NATO bezeichnen sich selber als Wertegemeinschaften. Im Lissaboner Vertrag heißt es, die europäischen Werte würden das christliche Abendland ausmachen, die griechische Philosophie oder die Aufklärung. Wenn zum Beispiel die Europäische Gemeinschaft sagt, sie sei eine Wertegemeinschaft – warum ärgert Sie das?

Eberhard Straub: Ich störe mich deswegen daran, weil dieser Begriff Wert aus der Ökonomie kommt. Der Wert gehört schlicht und einfach zur kapitalistischen Wirtschaft. Der Begriff Wert kommt nur ganz gelegentlich im 17. oder 18. Jahrhundert vor. Insgesamt kommt die Inflation der Wertbegriffe erst mit dem Kapitalismus. Das christliche Abendland, die griechische Philosophie und die Aufklärung sind im Grunde genommen Redensarten – kein Mensch weiß heute noch, was überhaupt das Christentum ist in einem sich entchristlichenden Europa.

In der letzten Zeit wird auch oft von der „jüdisch-christlichen Tradition“ Europas geredet, gerade wenn es um die Integration der Muslime in Europa geht…

Eberhard Straub: Das ist auch wieder eine verlegene Redensart, die jetzt in Deutschland aufgekommen ist. Selbstverständlich gehört das Alte Testament zur christlichen Religion dazu. Wer sich dagegen wehrt und behauptet, dass das Judentum und das Alte Testament angeblich nichts mit dem Christentum zu tun hat, ist nach der katholischen Lehre zumindest seit dem 3. Jahrhundert ein Häretiker. Aber das, was die Christen unter dem Judentum verstehen, ist eine christliche Interpretation des Alten Testaments, die auf den kommenden Messias Jesus Christus hindeutet. Dagegen wehren sich die Juden zu Recht. Insofern gibt es natürlich immer große Differenzen, wie Juden und Christen das Alte Testament auffassen.

Es wird viel über die Aufklärung geredet, aber wenn man sich die wundersame Geldvermehrung des Kapitalismus und ihre Logik der ewigen Verschuldung anschaut, hat sich das ökonomische Feld jedoch erfolgreich der Aufklärung und der Vernunft entzogen.

Eberhard Straub: Das wirtschaftliche Leben ist ja – im Gegensatz zu dem, was die Nationalökonomen behaupten – ein durch und durch irrationales Gebiet. Ein Ökonom weiß doch gar nicht, was in der nächsten Zukunft passieren wird. Die Ökonomen sind genauso überrascht von der im Grunde kaum zu beherrschenden Finanzkrise wie alle übrigen Menschen. Auch das gehört zu diesen Redensarten in Europa, dass die Ökonomie etwas Rationales sei oder mit der Aufklärung etwas zu tun hätte. Die Ökonomie folgt den subjektiven Bedürfnissen, was der Konsument erwartet, was er sich wünscht, oder wozu er überredet wird. Das sind eigentlich psychologische Dinge, die im Grunde nichts mit der klaren Vernunft zu tun haben.

Ist das Gerede über Werte also ein Ersatz für etwas anderes?

Eberhard Straub: Ja, ich sage, dass die Werte seit dem 19. Jahrhundert ein Ersatz sein sollen. Nietzsche fing ja mit der „Umwertung aller Werte“ damit an. Die Werte dienten als ein Ersatz dafür, was man früher Metaphysik oder Religion nannte. Im 19. Jahrhundert hat sich all das als historisch erwiesen, was wir bislang als ewige Grundüberzeugungen, als Tugenden, als Idee wie bei Platon uns vorgestellt haben. Wir stellten fest, dass alles zeitbedingt ist, dass es in der Geschichte ein Auf und Ab gibt, und da sollten nun plötzlich die Werte ein Ersatz sein für alles das, was uns verloren gegangen ist, damit die Leute im Pluralismus einen Halt finden.

Sie schreiben, dass die Werte sich erst im Zeitalter des Kapitalismus entwickelt haben. Was haben Werte konkret mit dem Kapitalismus zu tun?

Eberhard Straub: Werte haben etwas mit Kapitalismus zu tun, weil wir auch von einer Umwertung, Aufwertung oder Abwertung sprechen, wenn es um Geld geht. Entsprechend können wir auf dem Markt Produkte abwerten, die überholt sind. Daher kommt die Tyrannei der Werte. Das neue Produkt soll das bessere, aufregendere Produkt sein, das das andere ersetzt. Insofern wird die ständige Konkurrenz des Marktes in die Konstruktion des Wertesystems hineingezogen. Hinter den Werten steht immer irgend jemand, der diesen Werten Geltung verschaffen will, und zwar eine Höchstgeltung. Der Philosoph Nicolai Hartmann hat schon in den 20er Jahren erläutert, dass der höhere Wert den niederen Wert verdrängt. So gibt es immer einen Kampf der Werte um ihr Dasein, um sich dann als wichtigster oder höchster Wert durchzusetzen.

Sie begegnen auch mit Skepsis, dass die Verfassung zu einer Werteordnung stilisiert wird. Denn in dem Moment, wo Rechte zu Werten werden, würden sie nicht sicherer, sondern sie kämen in den ganzen Prozess der Wertediskussion hinein, und dann würde der Rechtsstaat unsicherer.

Eberhard Straub: Der Höchstwert ist im Augenblick die Sicherheit. Und der Sicherheit zuliebe wird alles untergeordnet und geopfert. Es werden jetzt auf einmal rechtsstaatliche Freiheiten, die wir seit dem 19. Jahrhundert haben, durchbrochen. Das sind alles gefährliche Tendenzen, die eigentlich den liberalen Rechtsstaat, den wir aus dem 19. Jahrhundert geerbt haben, aushöhlen und gefährden. Da sieht man, wie sich die Tyrannei dieses Wertes schädlich bemerkbar macht, wenn er auf einmal die Freiheit des Menschen bedroht. Das Recht kann nur durch Recht gesichert werden und nicht durch geisteswissenschaftlichem Schmuck, wie es die angeblichen Wertesysteme sind. Übrigens ist das Bundesverfassungsgericht längst davon abgekommen, das völlig neutrale Grundgesetz als eine Werteordnung zu verstehen. Recht wird eben durch Recht und nicht durch geisteswissenschaftliche Rhetorik verteidigt.

Auch die Freiheit ist nicht sicher vor dem „Verwertungsverfahren“?

Eberhard Straub: Wenn die Freiheit ein Wert ist, dann kann die Freiheit aufgewertet, abgewertet und umgewertet werden. Dann ist man in diesem ganzen Verwertungsverfahren drin. Dann gerät die Freiheit, die unmittelbar zur Menschenwürde gehört – die ja angeblich unantastbar ist – ins Schwanken und in die Diskussion. Die Werte sind dann dem ganzen modernen Subjektivismus ausgeliefert.

Ist Ihre Kritik an der „Tyrannei der Werte“ letzten Endes auch eine Form der Kapitalismuskritik?

Eberhard Straub: Sicherlich. Wir sind dazu verdonnert, in einem kapitalistischen System zu leben. Wir sehen jetzt auf einmal, dass es seit dem Zusammenbruch des Kommunismus nun einen Neo-Kapitalismus gibt, der viel radikaler ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg bemühte sich der Westen unter dem Druck des Kommunismus, den Kapitalismus sozial verträglich zu gestalten. Jetzt auf einmal sind wir mit einem völlig entfesselten Kapitalismus konfrontiert, bei dem ein reines Wettbewerbs-, Erfolgs- und Leistungsdenken vorherrscht.

Sie sagen, dass Werte ihrer politischen Funktion nach Kampfparolen seien. Öffentliche Wertedebatten vollziehen sich regelmäßig nicht in der zivilisierten Form eines ewigen Gesprächs des liberalen Bürgers mit seinesgleichen, sondern nach Maßgabe eines Freund-Feind-Schemas. Wie bewerten Sie denn – gerade jetzt nach der jüngsten Zuspitzung durch Sarrazin – die öffentliche Forderung an die Muslime, sich den zentralen Werten Europas oder der Aufklärung unterzuordnen?

Eberhard Straub: Da macht man wieder diesen seltsamen Fehler, dass man soziale Fragen, wie die Einwanderung eine ist, zu einer religiösen oder gar einer kulturellen Frage hochstilisiert. In Deutschland herrscht Religionsfreiheit. Jeder darf seinem Glauben nachgehen. Das ist verfassungsmäßig garantiert. Auch ein Muslim hat das Recht, völlig nach seiner Kultur und seinen religiösen Bedürfnissen zu leben. Er muss nur den Verfassungsrahmen des Grundgesetzes anerkennen, der nun unabhängig von der Religion für alle gilt. Das Grundgesetz beruht eben nicht auf Werten, sondern auf das Recht. Und wenn man jetzt einzelnen Ausländergruppen vorwirft, sie würden sich nicht integrieren oder assimilieren, sind das Vorwürfe, die schon vor Hundert Jahren gegen die Ostjuden erhoben wurden. Das gehört zum klassischen Programm des Antisemitismus. Gleichzeitig gehört es zur europäischen Tradition, dass es immer Parallelgesellschaften gegeben hat. Man braucht sich nur die Hugenotten in Berlin anzuschauen. Sie hatten ihr französisches Gymnasium, ihren französischen Friedhof und heirateten auch nur unter sich.

Sie schrieben in einem Beitrag: „Der Türke oder der dämonisierte Islamist können Deutschen, die in ihrer Privatheit nicht reglementiert werden wollen, dabei helfen, sich vor Gleichschaltung in jeder Beziehung zu schützen.“

Eberhard Straub: Die Deutschen haben in der Regel gar keine Ahnung vom Christentum oder vom Islam. Auf der einen Seite reden sie von ihrer Religion, dem Christentum, das sie nicht kennen, und nun versuchen sie damit eine andere Religion, nämlich den Islam, anzugreifen, von dem sie noch weniger Ahnung haben. Die Probleme, die es mit Muslimen gibt, sind Probleme, die auch jede andere religiöse Minderheit haben kann. Es sind in erster Linie soziale und keine religiösen Probleme. Es gibt Religionsfreiheit, und keiner darf in seiner Religionsausübung eingeschränkt oder behindert werden. Es kann auch nicht die Aufgabe von deutschen Parlamenten, Regierungen oder Institutionen sein, den Islam zu kontrollieren oder sich einzumischen, auf welche Art die Muslime nun ihre Religion erklärt bekommen. Das wäre alles unrechtmäßig. Insofern braucht auch der Deutsche, wenn er seine eigene Freiheit verteidigen will, durchaus die Verteidigung der Freiheit der Muslime hier in diesem Lande, wo sie nun einmal rechtmäßig leben.

Braucht der sogenannte freie Markt überhaupt freie Bürger?

Eberhard Straub: Der freie Markt braucht eben keine Bürger, er braucht nur Kunden. Es ist erstaunlich, wie sehr das Wort „Kunde“ auch in der politischen Diskussion den Begriff „Bürger“ verdrängt hat. Wenn der Markt der höchste Wert geworden ist, dann ist nicht mehr der freie Bürger oder der selbstbestimmende Demokrat ausschlaggebend, sondern der zufriedene Kunde. Das bestätigt uns, dass das ökonomische Denken mittlerweile längst das juristische und politische Denken unterhöhlt hat.

Ernst Jünger, der die verschiedenen Epochen des 20. Jahrhunderts als “Seismograf” begleitete, sagte kurz vor seinem Tod: „Die alten Werte gelten nicht mehr, und die neuen Werte, die sind noch nicht da.” Aus welcher Richtung oder aus welchem “Ereignis” heraus könnten neue Werte entstehen?

Eberhard Straub: Mir sind die alten Werte suspekt, weil zur Ökonomisierung aller Lebensbezüge gehörig, neue und andere kann ich mir wiederum im Kapitalismus gar nicht vorstellen. Die Griechen sprachen von arete, die Römer von virtus, die Christen von Tugend, was alles ähnliches meint. Ich weiß nicht, wie das arabische oder persische Wort dafür lautet. Es wird das gleiche meinen. Die Tugenden sind stärker als die wie Börsenkurse flottierenden Werte. Ich denke, über Tugenden kann man sich schnell in unserer Alten Welt untereinander verständigen, wenn man endlich bereit ist, Orient und Okzident als eine große, spannungsvolle Einheit seit Assur und Babylon zu sehen, seit dreitausend Jahren, statt vom Westen zu raunen und von der ganz jungen Atlantischen Gemeinschaft. Aber die Tugend wird von den westlichen Wertegemeinschaftlern verdächtigt, weil sie immer mit der Religion zusammenhängt! Und vor der haben die ratlosen Europäer eine Angst – deswegen ihre Flucht in die beliebigen Werte und ihre Wut auf die Muslime, die an ihrer Religion festhalten wollen, aber auch aus Angst vor der Prognose, an die Papst Johannes Paul intensiv erinnerte: Das 21. Jahrhundert wird ein religiöses Jahrhundert werden. Die westliche Polemik gegen den Islam ist eine Polemik gegen Religion überhaupt.

Lieber Herr Straub, vielen Dank für das Gespräch!

 

“Die Abschaffung des staatlichen Geldmonopols ist unsere wichtigste Forderung”

Oliver Janich ist freier Journalist und schrieb u.a. für die Financial Times, die Süddeutsche Zeitung und Focus Money. Vor kurzem setzte Focus Money die Zusammenarbeit mit Janich aus. Janich ist auch Vorsitzender der [extern] Partei der Vernunft (PDV). Eren Güvercin sprach mit ihm über sein neues Buch mit dem provokativen Titel “Das Kapitalismus-Komplott” und das Parteiprogramm der PDV, die “sozialer als SPD und die Linke, grüner als die Grünen und christlicher als CDU/CSU” sein soll.

 

"Die Islam-Debatte ist für mich Teil der uralten "Teile und Herrsche"-Strategie. Hier werden Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufgehetzt."

"Die Islam-Debatte ist für mich Teil der uralten "Teile und Herrsche"-Strategie. Hier werden Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufgehetzt."

In Ihrem Buch “Das Kapitalismus-Komplott” bezeichnen Sie das Papiergeldsystem als die wahre Ursache der Finanzkrise. Was ist das Papiergeldsystem, und inwiefern ist dieses System die Ursache für die Finanzkrise?

Oliver Janich: Unser Geld ist an keinen Wert gebunden. Wenn Sie mit dem Papierschein zur Zentralbank gehen, bekommen Sie denselben Schein wieder zurück. Besser wäre es, der Schein würde – wie früher – zum Bezug einer Ware wie etwa Gold berechtigen. Da das nicht der Fall ist, kann diese Art von Geld beliebig vermehrt werden, was auch tatsächlich geschieht. Das staatliche Geldmonopol im Verbund mit den gesetzlich geschützten Geschäftsbanken erschafft Geld durch einfache Buchungen aus der Luft. Wird mehr Geld produziert als Waren, kommt es zu Preissteigerungen. Diese Inflation enteignet gerade die Schwächsten einer Gesellschaft wie Rentner oder Bezieher fester Einkommen, weil sie das neue geschaffene Geld als letztes erhalten. Das aus dem Nichts produzierte Geld floss beispielsweise in den Immobiliensektor, was zu der Blase führte, die im Zuge der Finanzkrise geplatzt ist.

Wie kommt es, dass die Bevölkerung das Papiergeldsystem überhaupt nicht hinterfragt?

Oliver Janich: Der Bürger unterliegt der Illusion, dass sein Geld etwas wert ist, weil er jeden Tag die Erfahrung macht, dass er damit bezahlen kann. Die Preissteigerungen schiebt er auf die Unternehmen beziehungsweise nimmt sie als praktisch “gottgegeben” hin. Die österreichische Schule der Nationalökonomie, die diese Zusammenhänge eindeutig erklärt, wird weder an staatlichen Schulen noch an staatlichen Universitäten gelehrt, obwohl ihr prominentester Vertreter, Friedrich August von Hayek, sogar den Nobelpreis dafür bekam.

Es wird oft vom “freien Markt” gesprochen. Wieso gilt der freie Markt nicht auch für das Geld? Wieso können die Marktteilnehmer nicht selber darüber bestimmen, ob etwa Papiergeld oder aber Gold als Währung benutzt wird? Barclays-Chefsvolkswirt Thorsten Polleit forderte kürzlich, dass “in einem freien Marktgeldsystem die Marktakteure selbst entscheiden, durch Angebot und Nachfrage, was Geld ist”.

Oliver Janich: Das ist der entscheidende Punkt: Ausgerechnet im wichtigsten Markt der Welt, dem Geldmarkt, greift der Staat massiv ein. Er überträgt einer einzigen Institution das Monopol. Die Zentralbank legt den Preis und die ursprüngliche Menge des Gutes, die Geldmenge, per Dekret fest. Die Geschäftsbanken dürfen mit staatlicher Erlaubnis Geld aus dem Nichts erzeugen. Das wäre in einem freien Markt unmöglich, weil die Kunden, wenn sie die Wahl hätten, mehrheitlich nur nicht beliebig vermehrbares Geld akzeptieren würden. Über die Jahrtausende waren dies stets Gold und Silber. Planwirtschaft funktioniert in keinem Markt, weder im Gesundheits-, Transport- oder Fernmeldesektor und erst recht nicht im Finanzmarkt, wo jede Sekunde Entscheidungen von Millionen von Marktteilnehmern getroffen werden. Die zentrale Stelle kann niemals die notwendigen Informationen dafür beschaffen, selbst wenn die gesamte Bevölkerung bei der Stasi arbeite würde.

Werden Sie nicht gern als Verschwörungstheoretiker abgehandelt, wenn Sie so etwas Selbstverständliches in Frage stellen?

Oliver Janich: Also wegen dem Geldsystem sicher nicht. Aber ich widerlege ja in meinem Buch auch wissenschaftlich die Verschwörungstheorien zum Klima (die Menschen sollen schuld sein) oder zum 11. September (Osama bin Laden soll von einer Höhle in Afghanistan die gesamte Luftabwehr der USA ausgeschaltet und drei Wolkenkratzer in die Luft gesprengt haben). Seltsamerweise werden investigative Journalisten, die solche haltlosen Theorien widerlegen, ihrerseits als Verschwörungstheoretiker bezeichnet, obwohl sie das genaue Gegenteil tun. Wir leben nun mal in einer Orwellschen Welt, in der das Wahre falsch und das Falsche wahr ist.

Sie waren Redakteur für Focus Money, wurden aber vor kurzem beurlaubt. Wurden Sie aufgrund Ihrer Positionen für die Redaktion zu unbequem?

Oliver Janich: Naja, beurlaubt kann man nicht sagen. Ich bin ja freier Journalist und habe meine wöchentliche Kolumne sogar umsonst geschrieben. Man bekommt einfach keine Aufträge mehr, so ist es vor mir ja schon Journalisten wie Gerhard Wisnewski, Christoph Hörstel oder Frieder Wagner gegangen. Es liegt natürlich auf der Hand, dass das mit unseren investigativen Geschichten zu tun hat. Beweisen können sie das nie, denn wenn ihnen das bestätigt würde, könnten sie vor Gericht klagen.

Der Spiegel hat Ihnen gegenüber in einer Meldung zu Ihrer Entlassung harte Vorwürfe gegen Sie erhoben. Sie hätten in Ihren Artikeln etwa Werbung für die von Ihnen gegründete PDV gemacht. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?

Oliver Janich: Ach, das ist einfach die von mir im Buch angekündigte Rufmordkampagne. Ich bin eher etwas enttäuscht, dass ich nicht eine mehrseitige Geschichte bekommen habe. Ich habe ja dem Spiegel und anderen Medien ein Wortlaut-Interview angeboten. Dabei einigt man sich auf eine bestimmte Länge, aber es muss eben der komplette Wortlaut abgedruckt werden, damit es nicht möglich is, aus dem Zusammenhang zu zitieren. Das haben bisher alle diese Medien abgelehnt, weil ihnen offensichtlich nicht an Aufklärung, sondern an Rufmord gelegen ist. In meinem Buch greife ich ja den Spiegel scharf an, weil er an vorderster Front steht, wenn es darum geht, wissenschaftlich widerlegte Propagandamärchen zum Klima oder zum 11. September zu verbreiten.

Was sind die Kernpunkte Ihrer Partei?

Oliver Janich: Die Abschaffung des staatlichen Geldmonopols ist unsere wichtigste Forderung. Wir könnten alle ein Vielfaches verdienen oder einen Bruchteil der heutigen Zeit arbeiten. Die Inflation frisst die Früchte des technischen Fortschritts wieder auf und belastet die Schwächsten am härtesten. Es kommt zu einer Umverteilung von unten nach oben, weil Reiche sich mit dem Papiergeld Sachwerte wie Immobilien, Aktien oder Rohstoffe kaufen. Dem Normalbürger bleibt dazu nicht genug Geld und er durchschaut das Spiel in der Regel nicht. Es würden ohne das Geldmonopol gar keine sozialen Probleme entstehen, die dann wieder der Staat vorgibt, mit Zwangsmaßnahmen zu lösen.

Wir wollen dass sich der Staat auf hoheitliche Aufgaben beschränkt. Für innere und äußere Sicherheit gibt der Staat 3 Prozent des Bruttosozialproduktes aus, das wäre auch ein fairer Steuersatz. Wer auch noch Bildung (4%), Straßen und Kindergärten (zusammen knapp 2%) staatlich finanzieren will, für den reicht eine Besteuerung von zehn Prozent aus. Wir haben aber eine reale Abgabenquote von 70%. Ohne diese Abgaben könnten wir also alle das Dreifache verdienen und uns komfortabel privat sozial absichern. Alle Maßnahmen zum “Klimaschutz” würden wir sofort stoppen. CO2 ist ein Spurengas, das nur zu 0,038 % in der Atmosphäre enthalten ist, der menschliche Einfluss auf das Klima ist gleich null.

Wie bewerten Sie die momentane Diskussion um die sogenannte Integration und den Islam in Deutschland? Woran mangelt diese Debatte?

Oliver Janich: Die Islam-Debatte ist für mich Teil der uralten “Teile und Herrsche”-Strategie. Hier werden Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufgehetzt. In Wirklichkeit wollen die meisten Menschen einfach nur in Frieden und glücklich leben. Wenn es aber beispielsweise ein Land wie Deutschland gibt, in dem ich ohne Arbeit mehr verdienen kann als in meiner Heimat mit Arbeit, dann besteht natürlich ein hoher Anreiz hierherzukommen. Darüberhinaus hat jemand, der nicht arbeitet, auch viel Zeit, darauf zu achten, ob seine Tochter ein Kopftuch trägt oder nicht. Aber die überwiegende Mehrheit der Muslime arbeitet ja hier und ist folglich auch integriert. Der politische Islam – und ich bin hier kein Experte – mag durchaus eine totalitäre Ideologie sein, aber die bekämpft man nicht durch Sondergesetze. Im Gegenteil, Gesetze müssen stets so geschrieben werden, dass sie für alle gelten. Wer die Freiheit des Einzelnen schützt, schützt automatisch die Freiheit aller. Das ist unser Programm und unser moralischer Imperativ.

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33605/1.html

Wir essen, was uns die Industrie auftischt

Warum wir so unglaublich viel Essen in den Müll werfen und den Konsumenten in fettmachenden Umgebungen der qualitätsvolle Umgang mit Nahrungsmittel beinahe vollständig verloren gegangen ist. Ein Gespräch mit Tanja Busse

Das Ziel muss sein, eine möglichst große Ernährungssouveränität zu erreichen, individuell, wie gemeinschaftlich, dafür plädiert Tanja Busse, die 2006 den aufgeklärten Konsumenten als “gesellschaftliche Macht” [extern] beschrieb. Nun hat sich Busse, die gelegentlich auch eine Hommage an Weinkorken für Greenpeace [extern] verfasst, die [extern] “Ernährungsdiktatur” vorgeknöpft.

"Die Ernährungsdiktatur" von Tanja Busse

"Die Ernährungsdiktatur" von Tanja Busse

Der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, sagt, dass ein Kind, das in einer Welt, die genug Lebensmittel produziert, an Hunger stirbt, ermordet wird. Obwohl wir heute mehr Lebensmittel produzieren als je zuvor in der Geschichte der Menschheit, haben aber auch noch nie so viele gehungert wie heute. Wie kann das überhaupt sein?

Tanja Busse: Es ist eine Menschheitskatastrophe, erstens, dass wir den Hunger zulassen und zweitens, dass es uns in den reichen Ländern kaum kümmert, dass Jahr für Jahr Millionen Menschen elendig zu Grunde gehen. Die Gründe liegen unter anderem in der Dominanz der Ökonomie vor den Menschenrechten. Den Akteuren aus der Wirtschaft ist es in den letzten Jahrzehnten gut gelungen, ihre Interessen politisch durchzusetzen, zum Beispiel durch Freihandelsabkommen etc. Die Menschenrechte aber haben nicht so eine finanzstarke Lobby: Sie gelten nur formal, können aber nicht eingeklagt werden.

Das ändert sich nur ganz langsam, durch den beständigen Druck von Organisationen wie zum Beispiel [extern] FIAN. Die Gründe für den Hunger sind vielfältig, und in vielen Fällen muss man auch den Regierungen der armen Länder eine Teilschuld zuweisen. Doch Korruption oder Misswirtschaft in Entwicklungsländern dürfen nicht als Entschuldigung für unsere Untätigkeit gelten.

Die Industrieländer sind Mitverursacher des Hungers in den armen Ländern: Durch die Spekulation mit Agrarrohstoffen, durch massive Importe von Futtermitteln aus Ländern, in denen gehungert wird, durch die Förderung von Mais und Palmöl als Energiepflanzen, durch die Unterstützung korrupter Regierungen aus politischen Gründen, durch die erzwungene Einbindung der Landwirtschaft in das WTO-Regelwerk. Das alles wird sich in den kommenden Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach noch verstärken, weil der Klimawandel ausgerechnet denen, am meisten schaden wird, die ihn am wenigsten verursacht haben.

Preissprünge bei Lebensmitteln können künftig zum Sicherheitsproblem werden

Wie kann man diese Krankheit des Systems den Menschen bewusst machen? Besonders den Menschen im Westen, die von den Schattenseiten des Weltwirtschaftssystems direkt nicht betroffen sind?

Tanja Busse: Es gibt ja eine Reihe von Büchern, die auf diesen Zusammenhang hinweisen. Und es gibt viele Aktivisten aus der Umwelt- oder Menschenrechtsbewegung, die immer wieder auf diese Ungerechtigkeit hinweisen. Das Problem ist, dass die übliche Darstellung für uns leichter zu ertragen ist. “Die armen Kinder in Afrika haben Hunger und wir sind so gütig und helfen ihnen mit Spenden!”, dieser Gedanke fühlt sich natürlich besser an als die traurige Wahrheit: “Auch wir sind in diese Ungerechtigkeit verstrickt, wir essen den Armen den Teller leer!” Das ist nur schwer zu ertragen – vor allem, wenn man nicht recht weiß, was man dagegen tun soll.

Aber einigen Prognosen zufolge könnte sich das schnell ändern, dass wir in den reichen Ländern von den Schattenseiten nicht betroffen sind. Der Klimawandel wird vermutlich viele Menschen aus ihrer Heimat vertreiben und zu Flüchtlingen machen. Und die erwarteten Preissprünge bei Lebensmitteln werden auch zum Sicherheitsproblem werden. Das heisst, langfristig werden auch wir diese Schattenseiten zu spüren bekommen. Die Finanzkrise – eine Folge der politischen Unfähigkeit, funktionierende Regeln zu schaffen – hat uns ja gezeigt, wie verwundbar wird sind, wenn die Politik vor der Wirtschaft in die Knie geht.

Hat man als Konsument überhaupt die Wahl?

In dem Untertitel Ihres Buches “Ernährungsdiktatur” heißt es, dass wir nicht länger essen dürfen, was uns die Industrie auftischt. Hat man als Konsument überhaupt die Wahl? Wie kann man konkret etwas unternehmen?

Tanja Busse: Man kann einen eigenen Gemüsegarten anlegen und versuche, sich selbst zu versorgen! Das klingt wie ein lustiges kleines Experiment angesichts der bedrohlichen Lage, aber ich meine das durchaus ernst: Denn wer auch nur auf einer winzigen Fläche eine winzige Menge Gemüse produziert, versteht, wie wertvoll Lebensmittel sind und wie viel Ressourcen dafür nötig sind, Boden, Wasser, Arbeitskraft. Dieser Respekt ist uns im Überfluss der Konsumgesellschaft verloren gegangen. Deshalb werfen wir so unglaublich viel Essen in den Müll.

Was man sonst noch tun kann: Weniger Fleisch (und Milchprodukte) essen, denn Fleischproduktion und Rinderhaltung verstärken den Klimawandel. Und der Anbau von Futtermitteln für das Vieh steht in Konkurrenz zum Anbau von Lebensmitteln. Und die Klassiker: Regional, saisonal und ökologisch essen! Mehr kochen und weniger Fertigessen kaufen – um die Nahrungskompetenz nicht an große Konzerne zu verlieren!

Etikettenschwindel und die Macht des Einzelnen

Sie klagen den Etikettenschwindel in den Supermärkten an, und versuchen durch E-Mails die Lebensmittelindustrie bloß zu stellen. Hat dies überhaupt Erfolg? Kann man dadurch etwas erreichen gegen die große Marketingmaschinerie der Konzerne?

Tanja Busse: Ja, in einem Fall ist es mir gelungen: Der Milchkonzern Campina hat eine Rote Grütze ohne Früchte verkauft, was laut Deutschem Lebensmittelgesetzbuch nicht geht. Das habe ich dem zuständigen Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt mitgeteilt, das mir erst antwortete, nein, das Etikett gehe in Ordnung, weil der Becher durchsichtig sei: Der Verbraucher könne also sehen, dass keine Früchte im Becher seien. Das kam mir doch sehr absurd vor – warum gibt es denn dann ein Irrreführungsverbot, wenn man sich doch auf den Augenschein verlassen muss? Das habe ich die Behörde gefragt – und bekam die überraschende Antwort: Campina muss das Etikett ändern (mehr dazu [extern] hier).

Das zeigt, dass wir als Konsumenten durchaus etwas erreichen können! Wir müssen uns nur wehren und den Behörden zeigen, dass wir uns nicht anlügen lassen wollen! Je mehr Leute Protest-E-Mails schrieben, desto eher reagieren die Kontrolleure.

Fettmachende Umgebung

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass nicht nur nie so viele gehungert haben wie heute, sondern dass auch nie so viele Menschen an Fettleibigkeit litten wie heute. Ist es da nicht zu einfach, wenn man sagt, dass das die alleinige Schuld der Lebensmittelindustrie ist?

Tanja Busse: Ja, das ist zu einfach. Im Buch erläutere ich deshalb den Begriff “obesogenic environment”. Das ist der Fachbegrifff der amerikanischen Fettleibigkeitsforscher für unsere fettmachende Umgebung. Dabei kommen viele Faktoren zusammen: die genetische Veranlagung, die Lebensumstände und die emotionale Lage des Einzelnen, aber auch sein Umfeld und das Nahrungsangebot. Wenn ich jemandem ständig Zuckerriegel und Chipstüten unter die Nase halte, wird er sehr viel eher so dick, dass er krank wird, als wenn er drei Mal am Tag gesunde Mahlzeiten bekäme, am Tisch mit Familie oder Freunden. Die Lebensmittelindustrie aber hat ein ökonomisches Interesse daran, uns günstige Zutaten für viel Geld zu verkaufen, und das sind nun mal Dinge wie Snacks oder lange haltbare Fertigprodukte.

Unsere Gesellschaft hat leider entschieden, dass wir so gut wie überall von Werbung belästigt werden dürfen, das bringt besonders Kinder dazu, Plastikessen für etwas Leckeres, Tolles zu halten und ihr Geld dafür auszugeben. Auch das verstärkt den Verfall.

Doch eigentlich könnte es anders gehen

Kann die Politik etwas gegen die “Ernährungsdiktatur” unternehmen?

Tanja Busse: Klar könnte sie. Wenn sie wollte.Zum Beispiel das Irreführungsverbot in der Werbung durchsetzen. Oder am besten gleich Werbung für ungesundes und überflüssiges Zeugs verbieten. Überhaupt: Man könnte Kinder vor dem Kaufzwang schützen. Dass Kinderfilme für Werbung unterbrochen werden, ist ein Kulturverlust, an den sich alle schon so gewöhnt haben, dass niemand etwas dagegen unternimmt.

Doch eigentlich könnte es anders gehen. Eigentlich müssten Kinder die Chance haben, ihren eigenen Geschmack zu entwickeln, ohne dass ihnen ständig jemand vorsagt, dass sie Buntes, Eingepacktes und Aromatisiertes aus der Plastiktüte bevorzugen sollen, wenn sie cool sein wollen. Weiter: Kantinen für Schulen, Kindergärten und andere öffentliche Einrichtungen fördern und dort regionales, saisonales Essen aus Bio-Anbau anbieten. Und sie müsste die externen Kosten auf die Preise schlagen: Wenn die ökologischen Schäden, die die industrialisierte Landwirtschaft anrichtet, auf die Preise aufgeschlagen würden, wären Bio-Lebensmittel nicht mehr teurer als die sogenannten “konventionellen”.

Dann gäbe es einen faireren Wettbewerb. Die Politik müsste auch das Tierschutzgesetz durchsetzen: Wenn ein privater Tierhalter seine Tiere nicht füttert und tränkt, bekommt er sofort eine Strafe. Viele Amtstierärzte stellen immer wieder fest, dass in der sogenannten Intensivgeflügelmast bis zu drei Prozent der Tiere so schnell gemästet werden, dass sie am Ende ihrer Mast nicht mehr zum Wasser und zum Futter laufen können – vor Schmerzen. Das widerspricht dem gesetzlichen Verbot, Tiere zu quälen – und wird dennoch toleriert. Und natürlich gibt es politischen Handlungsbedarf auf der globalen Ebene: Die Spekulation mit Agrargütern muss verboten werden, die Agrarstruktur muss in allen Ländern so ausgerichtet sein, dass zunächst die Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden müssen. Erst danach darf für den Export angebaut werden. Das Ziel muss sein, eine möglichst große Ernährungssouveränität zu erreichen – wie das gehen könnte, steht im Weltagrarbericht, den die Bundesregierung aber nicht einmal unterzeichnen möchte.

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32902/1.html

Gibt es ein Leben nach der Demokratie?

Mit Leidenschaft und einer poetischen Sprache schreibt Arundhati Roy in ihrem neuen Buch “Aus der Werkstatt der Demokratie” (S. Fischer Verlag) über religiöse und politische Ausgrenzung, über kulturelle und wirtschaftliche Missstände und über den Zustand der Demokratie.

In was für einer Demokratie leben wir heute eigentlich? Was für Auswirkungen hat der ungezügelte Kapitalismus auf unsere Demokratie? Schon der Philosoph Peter Sloterdijk hat dies in seinem Buch „Weltinnenraum des Kapitals“ behandelt. Er beschreibt darin den sich abzeichnenden Veränderungsdruck des globalen Kapitals auf die nationalen Demokratien. Die Freiheitsspielräume, so Sloterdijk, gehen zunehmend verloren, und wir erleben nichts anderes als den Übergang zu postliberalen Formen: „Man hat die Wahl zwischen einem eher parteidiktatorischen Modus wie in China, einem staatsdiktatorischen Modus wie in der Sowjetunion, einem stimmungsdiktatorischen Modus wie in den USA und schließlich einem mediendiktatorischen Modus wie in Berlusconis Italien. Der Berlusconismus ist der europäische Testballon der neo-autoritären Wende.“

Arundhati Roy: „Kann etwas, was mutiert, wieder werden, was es einmal war?“

Arundhati Roy: „Kann etwas, was mutiert, wieder werden, was es einmal war?“

Mit der Frage, in was für einer Demokratie wir heute überhaupt leben, beschäftigt sich Arundhati Roy in ihrem neuen Buch „Aus der Werkstatt der Demokratie“. Die Frage nach einem Leben nach der Demokratie richte sich an alle, die bereits in einer Demokratie lebten oder in Ländern, die vorgeben, demokratisch zu sein. Diese Frage, so Roy, ziehe nicht darauf ab, dass wir auf ältere, verrufene Modelle totalitärer oder autoritärer Staatsführung zurückgreifen sollen. Sie soll vielmehr darauf hinweisen, dass das System repräsentativer Demokratie strukturelle Anpassungen bedarf.

In ihrem Essayband analysiert Arundhati Roy die wirklichen Verhältnisse in Indien, der „Lieblingsdemokratie der Welt“. Sie spricht über die religiöse und politische Ausgrenzung, über kulturelle wie wirtschaftliche Missstände im Subkontinent. Die Demokratie und die freie Martkwirtschaft sei heute zu einem einzigen Raubtier verschmolzen, dessen dürftige, beschränkte Phantasie nahezu ausschließlich um die Frage der Profitmaximierung kreise. „Kann etwas, was mutiert, wieder werden, was es einmal war?“, fragt Roy.

„Was wir heute brauchen, damit unser Planet überlebt“, schreibt Roy, „sind langfristige Visionen. Sind Regierungen, deren eigenes Überleben abhängig ist von sofortigem, kurzfristigem Gewinn, dazu in der Lage? Kann es sein, dass die Demokratie sich als das Endspiel der menschlichen Rasse erweisen wird?“

Die Aufsätze in diesem Buch enthalten keine Antworten auf diese Fragen, sondern demonstrieren nur die Tatsache, dass es so aussieht, als würde das Leuchtfeuer erloschen und die Demokratie vielleicht nicht länger jener verlässliche Garant für Gerechtigkeit und Stabilität sein, den wir uns erträumt haben, so Roy.

Die Aufsätze wurden über die Jahre geschrieben als dringliche Verlautbarungen zu kritischen Zeitpunkten in Indien, wie etwa während des vom Staat gedeckten Genozids an Muslimen in Gujarat. Die Aufsätze handeln nicht von bedauerlichen Anomalien oder Verirrungen des demokratischen Systems, sondern sie handeln von den Folgen von und für die Demokratie. Sie sind ein detaillierter Blick von unten auf spezifische Ereignisse, von dem Roy hoffe, das er einige Funktionsweisen der größten Demokratie der Welt bloßlege.

Indien war eins eine führende Nation der Bewegung der Blockfreien Staaten. Sehr schnell veränderte sie aber ihren Kurs und schloss sich rückhaltlos den Vereinigten Staaten an, „dem Monarchen der neuen unipolaren Welt“ (Arundhati Roy).

Die Hauptakteure dieser „neuen Weltordnung“ ändern nach Roy auch die Sprache, in dem bestimmte Terminologien oder Begriffe heute eine neue Bedeutung bekommen und die gezielt zu bestimmten Zwecken eingesetzt werden. „Freiheit“ etwa bedeute heute „Wahlfreiheit“. Sie habe weniger mit geistiger Freiheit zu tun als mit verschiedenen Deodorantmarken. „Markt“ sei nicht mehr der Ort, zu dem man geht, um einzukaufen. Der „Markt“ sei ein Raum ohne Territorium, in dem gesichtslose Konzerne Geschäfte machten. „Gerechtigkeit“ sei jetzt gleichbedeutend mit „Menschenrechten“, und davon, so Roy, reichten ein paar wenige. Dieser Sprachdiebstahl, diese Technik, sich Wörter anzueignen, um die eigenen Absichten zu verschleiern, sie so zu benutzen, dass sie das Gegenteil von dem bedeuteten, was sie traditionellerweise bedeutet hatten, sei nach Roy der brillianteste strategische Sieg der Zaren des neuen Zeitalters gewesen. Durch diesen Sprachraub habe man ihre Gegner marginalisiert, ihnen die Sprache weggenommen, in der sie ihre Kritik hätten vorbringen können. Vielmehr würden diese Gegner als „fortschrittfeindlich“, „wachstumsfeindlich“, „reformfeindlich“ und als „antinational“ abgestempelt.

Die Entwicklungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten habe in Indien eine große Mittelschicht geschaffen, die vollkommen berauscht sei von ihrem plötzlichem Wohlstand und dem damit einhergehenden unerwarteten Respekt. Arundhati Roy beschreibt die Kehrseite dieser Medaille. Sie schreibt von den Millionen Menschen, die enteignet wurden, und ihr Land infolge von Überschwemmungen, Dürren und Wüstenbildung verlassen mussten. Diese sind, betont Roy, die Folgen willkürlicher Umweltzerstörung und massiver Infrastrukturprojekte, wie etwa der Bau von Staudämmen, Förderanlagen für Bodenschätze und Sonderwirtschaftszonen. Das Argument, dass dies alles angeblich zugunsten der Armen erfolge, seit schlichtweg falsch. Vielmehr bediene es die steigende Nachfrage der neuen Aristokratie.

Es herrscht ein regelrechter Kampf um das Land in Indien. Der derzeitige Finanzminister Indiens, Chidambaram, verfolgt die Vision, dass 85 Prozent der indischen Bevölkerung in den Städten leben sollten. Woher diese „Vision“ kommt, ist unschwer zu erraten: Bevor Chidambaram Finanzminister wurde, war er Anwalt von Enron und Mitglied des Aufsichtsrats von Vedanta, eines multinationalen Bergbaukonzerns, der im Augenblick, so Roy, die Niyamgiri-Hügelkette in Orissa zerstöre. Nach Roy haben die Prozesse bereits eingesetzt, um die Vision zu verwirklichen. Indien verwandele sich immer mehr zu einem Polizeistaat, in dem Menschen, die ihr Land nicht freiwillig aufgeben, mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen werden. Dieser Vision liege das Vorhaben zugrunde, weite Landstriche und die gesamten natürlichen Ressourcen Indiens zur Plünderung durch Privatfirmen freizugeben. In Indien könne man von einem „Ökozid“ sprechen, schreibt Roy. Das Oberste Gerichtshof habe neulich angeordnet, dass Indiens Flüsse miteinander verbunden werden müssten wie ein künstliches Bewässerungssystem. Das Gericht begründet dieses Vorhaben mit der absurden Annahme, dass ein ins Meer fließender Fluss eine Verschwendung von Wasser sei. Arundhati Roy weist darauf hin, dass der Richter, der diese Entscheidung fällte, nach seiner Pensionierung – wie es der Zufall so will – Mitglied des Umweltrats von Coca-Cola wurde.

Besonders die indischen Bauern leiden unter dieser Situation. Da die landwirtschaftlichen Anbauflächen immer mehr unfruchtbar werden, geraten die Kleinbauern schnell in eine Schuldenfalle. Die Selbstmordrate unter den Bauern hat erschreckende Dimensionen erreicht. In den letzten Jahren sollen über 180 000 indische Bauern Selbstmord begangen haben. Obwohl die staatlichen Kornspeicher übervoll sein und Indien ein stabiles Wirtschaftswachstum vorweise, nähern sich die Zahlen der Hungertoten und Unterernährten denen von Schwarzafrika. Die auf Feudalismus und Kastenwesen basierende alte Gesellschaft Indiens, würde in diesem Vorgang der letzten Jahre durchgeschüttelt, so Roy. Dieser Vorgang habe allerdings die meisten der Ungleichheiten verstärkt und nicht beseitigt.

Arundhati Roy beschreibt in ihren Essays die zeigenössische Korrelation zwischen Einheit und Fortschritt, oder auch als Nationalismus und Wachstum bezeichnet. Dieser Zusammenhang zwischen „Einheit“ und „Fortschritt“ bezeichnet sie als die „unantastbaren Zwillingstürme der modernen Demokratie und der freien Marktwirtschaft. Die extremen Folgen davon könne man sehr gut an der rechtsgerichteten Bharatiya Janata Patei (BJP) in Indien festmachen. Die BJP viel Anfang der 90er Jahre durch ihre giftige Kampagne für den Hindu-Nationalismus auf. Sie hetzte etwa 1993 in Mumbai gezielt die Bevölkerung gegen die Muslime auf. Tausende Muslime kamen dabei ums Leben. Das war jedoch kein Einzelfall. In anderen Landesteilen kam es zu ähnlichen Unruhen. Nachdem die BJP 1998 die Regierung übernahm, stürzte sich die BJP begeistert auf die freie Marktwirtschaft und stellte sich mit ihrem ganzen Gewicht hinter riesige Firmen wie Enron, so Roy, obwohl sie im Wahlkampf die wirtschaftlichen Reformen der Vorgängerregierung als Akte der „Plünderung durch Liberalisierung“ dargestellt habe. Roy betont, dass es kein Zufall gewesen sei, dass die nationalistische Hindutva-Bewegung in dem historischen Augenblick erfolgreich war, als Amerika den Kommunismus als Erzfeind aufgab und mit dem Islam ersetzte.

In dem nicht erklärten Bürgerkrieg in Indien sind in erster Linie die indischen Muslime betroffen, aber zunehmend werden auch Christen und andere religiöse und politische Minderheiten verfolgt. In ihrer Eröffnungsrede für das 9. Literaturfestival in Berlin warnte kürzlich Arundhati Roy vor einer weiteren Eskalation der Lage. Neue Gesetze kriminalisierten jegliche – auch friedliche – Opposition. Zahlreiche Menschen seien bereits in Haft.

Wenn es uns nicht gelingt, diesen Bürgerkrieg zu stoppen“, so Arundhati Roy, „ werden zwei unterschiedliche Arten von Krieg konvergieren, die seit Jahrzehnten in Indien geführt werden: der „Antiterrorkrieg“ der indischen Armee gegen die Völker von Kaschmir, Nagaland und Manipur und der Krieg um Rohstoffe und natürliche Ressourcen, ein Prozess, der auch gern als „Fortschritt“ bezeichnet wird.“

© Eren Güvercin

Diese Manager erhalten keine Boni

Der Freitag: Herr Abdal Hakim Murad, Sie sind ein muslimischer Gelehrter, haben aber auch eine moderne Ausbildung genossen. Sie haben sich mit der westlichen Geistesgeschichte und Zivilisation auseinandergesetzt. Der Islam wird stets mit Terrorismus und Extremismus in Zusammenhang gebracht. Nun aber erlebt das kapitalistische System eine Krise. Welche Haltung nimmt der Islam auf dem Gebiet der Ökonomie ein?

Abdal Hakim Murad: Alle Religionen, nicht nur der Islam, wenden sich gegen die Habgier. In dem Maße wie die moderne Ökonomie davon ausgeht, dass Wohlstand aus der Förderung eines auf Habgier basierenden Wettbewerbs erwächst, befindet sich die Moderne im Widerspruch zum Glauben. In einem gewissen Sinne kommt in diesem Spannungsverhältnis die tiefe Unvereinbarkeit von der religiösen Vorstellung des Menschen als ethischem Wesen mit dem Menschenbild derjenigen zum Ausdruck, die uns als das erfolgreiche Resultat eines Jahrtausende langen, brutalen, von Eigeninteressen diktierten Wettbewerbs betrachten. Der Islam und andere religiöse Glaubensrichtungen stellen auf ihre je eigene Art und Weise die kapitalistische Apotheose der Habgier in Frage, prophetisch und radikal.

"Nach traditionellem muslimischem Verständnis umfasst Reichtum alles, was Menschen wertschätzen, also auch immaterielle Güter. Nach diesem Verständnis ist Geld allerdings Gold und Silber."

"Nach traditionellem muslimischem Verständnis umfasst Reichtum alles, was Menschen wertschätzen, also auch immaterielle Güter. Nach diesem Verständnis ist Geld allerdings Gold und Silber."

Welche Rolle spielt Geld im Islam?

Heutzutage gibt es in keiner muslimischen Gesellschaft eine islamische Ökonomie. Die nationalen Eliten und die Logik der Globalisierung stehen einer Wiedergeburt eines ursprünglichen, auf Ethik basierenden Wirtschaftens entgegen. Banken, die sich nach den islamischen Vorstellungen richten, sind die Ausnahme. Nach traditionellem muslimischem Verständnis umfasst Reichtum alles, was Menschen wertschätzen, also auch immaterielle Güter. Nach diesem Verständnis ist Geld allerdings Gold und Silber. Das soll heißen, es hat einen Wert, der sich aus natürlicher Knappheit ergibt. Dies schließt übertriebene und irreale Spekulation und eine Anhäufung von Reichtum aus, die allein auf Versprechen beruht. So wird die Möglichkeiten eines auf Kredit basierenden, raschen ökonomischen Wachstums gemindert. Man reduziert aber gleichzeitig auch die Möglichkeiten plötzlicher und unkontrollierter Wertschwankungen, da das Geld eine statische Größe besitzt und nicht potentiell unendlich ist.

Wie sehen Sie die Rolle der Islamischen Bank?

Wenn überhaupt, richten sich nur wenige islamische Banken nach den klassischen Regeln der Sharia. Praktisch sind sie alle in das globale Finanzsystem eingebunden, das ihren Handlungsspielraum drastisch einschränkt und ihnen die Interpretation des Geldes als willkürlichem Zeichen aufdrängt. Dennoch spielen diese Institutionen eine wertvolle Rolle, wenn es darum geht sicherzustellen, dass muslimische Einlagen in ethischer Weise investiert werden, d.h. also z.B., nicht in den Handel mit Alkohol oder in der Glücksspielindustrie fließen. Insgesamt belaufen sich diese Anlagen heute auf 600 Milliarden US-Dollar. Sie erlauben der muslimischen Welt so eine partielle Unabhängigkeit und gewährleisten eine gewisse Basis für ethische Investitionen.

Wie stehen diese Banken in der Krise da?

Trotz ihrer teilweisen Komplizenschaft mit den Vorgehensweisen kapitalistischer Banken, blieben ihnen die schlimmsten Folgen der gegenwärtigen Krise erspart, weil sie sich nicht an dem Wucher mit Hypothekenkrediten beteiligt und sich, um dies auszugleichen, anderer spekulativer Transaktionen auf dem Finanzmarkt bedient haben. Zum Teil half ihnen hierbei auch, dass ihre führenden Manager keine Boni auf Spekulationsgewinne erhalten.

Im Koran und dem Islamischen Recht gibt es zahlreiche Bezugnahmen auf Wirtschaft und Handel. Was können wir aus diesen Quellen lernen?

Insofern der Teil der Sharia, der sich mit dem Geldwesen befasst, im Koran verwurzelt und erfolgreich ist, kann man sagen, dass die offenbarten Quellen von unmittelbarer Bedeutung sind. Religiöse Finanzsysteme werden beim Establishment allerdings immer Widerstand und Zynismus hervorrufen, weil für die Eliten nur die westlichen Werte zählen und alles andere irrelevant ist. Das mag auch darin liegen, dass der Kapitalismus scheinbar ein Modell nachhaltigen und massiven ökonomischen Wachstums bereitstellen konnte. Die Vision des Koran wird dem Mainstream der Banker und Investoren, die auf hohe Gewinne aus sind, niemals schmackhaft gemacht werden können, ebenso wenig wie andere radikale und ethisch alternative Vorstellungen des Wirtschaftens.

Wie bereits erwähnt sind Sie muslimischer Gelehrter und haben die Ursprünge von Selbstmordattentaten sowie moderner Organisationen in der muslimischen Welt analysiert. Welche Position nimmt der traditionelle Islam in dieser Frage ein?

Der traditionelle Islam ist heute nicht so leicht zu finden. In meinem Buch Bombing without Moonlight versuche ich Selbstmordattentate als Konsequenz der Modernisierung und zugleich als Reaktion auf sie zu beschreiben. Traditionell würde man es bid’a’ nennen – eine verwerfliche Innovation. Bei einer strikten Anwendung der klassischen Rechtsmethodik käme man zu diesem Rechtsurteil (Fatwa). Wenn man sich ansieht, was in heutigen Fatwas von Takfiris (Takfir machen= andere Muslime zu Ungläubigen erklären, die Red.) und Autoren der Muslim-Bruderschaft über Selbstmordattentate geschrieben wird, ist man erstaunt über die sich dort offenbarende Unkenntnis der traditionellen juristischen Methodik. Die hässliche Fratze des Terrorismus ist ein eindeutiges Zeichen des Niedergangs der juristischen Mechanismen, die viele moderne Muslime anwenden.

Welche Rolle spielt der Wahhabismus? Hat die wahhabitische Ideologie den Terrorismus befördert? Kann man das verallgemeinern, oder gibt es da verschiedene Richtungen?

Der Wahhabismus ist keine einheitliche Bewegung. Wie alle Fundamentalismen neigt er leicht zu Spaltungen. Seinem Wesen nach handelt es sich um eine Art des reformierten Islam: Er hält an der wortgetreuen Bedeutung des Koran fest und richtet sich gegen die islamische Theologie, den Aberglauben und die Mystik. Im Grunde kommt keines dieser zentralen wahhabitschen Prinzipien dem Terrorismus entgegen. Und tatsächlich lehnt der offizielle saudische Wahhabismus Selbstmordattentate und al-Qaida strikt ab. Das Problem besteht darin, dass, vergleichbar mit der europäischen Reformation, eine relativ homogene Tradition sich plötzlich in viele miteinander konkurrierende Richtungen aufsplitterte. Der reformierte Islam lässt sich schwer festlegen: Er führt nicht notwendigerweise zum Terrorismus, aber man kann beobachten, dass praktisch alle „islamistischen Terroristen“ der ein oder anderen Form der wahhabitischen Religion angehören. Trotzdem sollten Salafiten und Wahhabiten nicht von vorneherein als Leute stigmatisiert werden, die Gewalt gegen Zivilisten unterstützen – sehr oft entspricht dies einfach nicht der Wahrheit. Angesichts der Feindseligkeit, die gegenwärtig gegenüber Muslimen herrscht und der Tatsache, dass stets einfache Erklärungen gesucht werden, müssen wir unbedingt klar zwischen Untergruppen differenzieren.

Das Interview führte Eren Güvercin.

http://www.freitag.de/kultur/0943-abdal-hakim-murad-interview

© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG

„Angesichts der Finanzkrise hat die Kirche ihren religiösen Auftrag verfehlt.“

“Ou Topos – Die Suche nach dem Ort, den es geben müßte” heißt das neue Buch von Heiner Geißler. In seinem Buch erweist sich Heiner Geißler, CDU-Politiker und Attac-Mitglied, als einer der aufregendsten Denker im heutigen Deutschland. Eren Güvercin sprach mit ihm über die Wege und Suche nach einer vollendeten Welt.

"Das Evangelium ist eben nicht zu reduzieren auf eine Gebrauchsanweisung für fromme Leute, um möglichst senkrecht und schnell in den Himmel zu kommen."

"Das Evangelium ist eben nicht zu reduzieren auf eine Gebrauchsanweisung für fromme Leute, um möglichst senkrecht und schnell in den Himmel zu kommen."

Herr Dr. Geißler, „Ou Topos – Die Suche nach dem Ort, den es geben müsste“ heißt Ihr neues Buch. Wie sieht dieser Ort in Ihren Vorstellungen aus?

Heiner Geißler: Eine Gesellschaft der Menschen auf dieser Erde, wo die Menschen untereinander in Frieden leben, aber auch in Frieden mit der Umwelt, in Frieden mit den Tieren. Eine friedliche Gesellschaft, das wäre eigentlich der Ort, den es geben müsste.

Was für eine Rolle spielt die Religion bei der Suche nach diesem Ort?

Geißler: Eine zwiespältige, denn die Religion ist auf der einen Seite die Kraft, die den Menschen vom Diesseits ins Jenseits verweist, und infolge dessen eben unter Umständen mit dazu beiträgt, dass die Menschen sich mit dem Elend, dem Leid, mit dem Bösen abfinden, sich vertrösten lassen. Dadurch wird die Religion zum Opium für das Volk, wie Marx es sagt, und dann eine mächtige Waffe in der Hand der Mächtigen, der Herrschenden, um diejenigen klein zu halten, denen es schlecht geht, die ungerecht behandelt werden, mit dem Hinweis darauf, dass das eigentliche Leben erst nach dem Tode beginnt, damit die Leute ja keine Revolution machen. Auf der anderen Seite ist es so, dass die Menschen ohne Religion auch nur sehr schwer friedlich und glücklich leben können, denn gerade deswegen, weil die Religionen auf das Jenseits verweisen, behalten die Menschen die Hoffnung, dass es ihnen eines Tages besser gehen könnte. Und so ist auch die ganze Weltgeschichte – soweit sie auch Kirchengeschichte gewesen ist – zu erklären. Ohne Kirchen hätte es keine Hexenverbrennung gegeben, wahrscheinlich auch keine Verfolgung Andersdenkender, aber wenn wir keine Religion gehabt hätten oder keine Religionen, dann gäbe es auch keine Caritas, keine Diakonie. Es gäbe nicht den großartigen Einsatz der Kirchen auch für den Frieden auf dieser Erde.

Was für eine Bedeutung hat Religion für Sie persönlich?

Geißler: Religion ist immer verbunden mit der Frage nach Gott. Und ob Gott existiert, kann ich nicht beurteilen, und halte es ohnehin für eine Anmaßung. Ob Gott existiert, ist eine Frage des Glaubens. Da begegnet mir die Existenz Gottes natürlich mit erheblichen Zweifeln. Aber wahrscheinlich ist dies für jeden denkenden Menschen fast zwangsläufig, dass er angesichts des Leides und des Elendes auf dieser Erde so wie Hiob eben an der Existenz Gottes zweifelt und verzweifelt. Und es gibt ja auch keine befriedigende Antwort auf diese elementare Frage. Deswegen befinde ich mich eigentlich in einem Zustand des permanenten Zweifels.

Sie heben in Ihren Büchern immer die Bedeutung des Evangeliums hervor. Kann das Evangelium Anregungen für eine humanere Weltordnung anbieten?

Geißler: Also davon bin ich überzeugt, so sehr ich Zweifel habe, ob Gott existiert, so sehr bin ich überzeugt von diesem Menschen Jesus, der eine gewaltige Botschaft verkündet hat, und die größte Volksbewegung in Gang brachte, die es in der Menschheitsgeschichte gegeben hat, immerhin hören zwei Milliarden Menschen auf seinen Namen. Und diese Botschaft ist tatsächlich überzeugend. Wenn diese Menschen diese Botschaft zur Grundlage zunächst einmal ihres Denkens, ihres Bewusstseins und dann ihres Handelns machen würden, dann wären wir dem Ziel „Ou Topos“, ein Ort, eine Gesellschaft zu finden, in den es Frieden und Gerechtigkeit gibt, sehr nahe.

Heute herrscht ein anderes Bild von Jesus. Wie Sie auch in Ihrem Buch schreiben, wird Jesus oft als „feminisierte Gestalt mit Locken bis auf die Schultern“ dargestellt, der unpolitisch ist, fast schon esoterisch. Wie würde Jesus sich heute verhalten, in einer Zeit der Finanzkrisen und Abgründen des entfesselten Kapitalismus?

Geißler: Die so denken, haben von Jesus keine Ahnung. Das kann man so nicht denken, das sind Gebilde, die der menschlichen Phantasie entsprechen. Jesus ist ein hochpolitischer Mensch gewesen. Es gibt ja kaum ein Kapitel in den Evangelien, in denen nicht geschildert wird, dass er sich mit den Mächtigen der damaligen Zeit angelegt hat, und zwar aus menschlichen, sozialen und damit auch politischen Gründen. Er stand an der Seite der Schwachen, der Unterdrückten, derjenigen, die von dem mosaischen Gesetz benachteiligt worden sind. Er stand an der Seite der Frauen, er war im Grunde genommen der erste Vertreter einer auf der Gleichberechtigung basierenden Emanzipation. Diese Auseinandersetzung, dieser ständige Streit mit den Mächtigen der damaligen Zeit hat ja letztendlich dazu geführt, dass sie ihn umgebracht haben. Das Evangelium hat eindeutig eine politische Dimension, und die ist eben nicht zu reduzieren auf eine Gebrauchsanweisung für fromme Leute, um möglichst senkrecht und schnell in den Himmel zu kommen, ist aber eben auch nicht Valium oder Opium für das Volk, sondern er ist eine ganz klare Aussage, wie das Leben der Menschen, das Zusammenleben der Menschen aussehen sollte. Und deswegen haben alle diejenigen – die Esoteriker wie die Spiritualisten, die es auch in den Kirchen gibt –eben ein falsches Jesusbild.

Wie bewerten Sie die Reaktion der Kirche auf die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise? Müssten Sie nicht konkretere Alternativen aufzeigen?

Geißler: Die Reaktion der Kirchen auf die wirtschaftliche Entwicklung ist in der Tat sehr enttäuschend, im Gegensatz zu der Zeit vor 60 Jahren, als die soziale Marktwirtschaft entworfen worden ist, die erfolgreichste Wirtschafts- und Sozialphilosophie, die die Wirtschaftsgeschichte überhaupt kennt, und die zustande gekommen ist durch ein geistiges Bündnis des Ordoliberalismus und der katholischen Soziallehre und evangelischen Sozialethik. Im Gegensatz zu der damaligen Zeit fallen die Kirchen angesichts dieser Weltwirtschafts- und Finanzkrise als Ideengeber völlig aus oder jedenfalls spielen sie längst keine entscheidende Rolle. Sie verfehlen dadurch ihren religiösen Auftrag. Ganz im Gegenteil sie haben sich sogar anstecken lassen. Die evangelische Kirche war mal der Auffassung, dass die Agenda 2010 etwas Gutes gewesen sei, und die katholische Kirche hat einen Bischofswort herausgegeben mit dem Titel „Das Soziale neu denken“, als ob man die Bergpredigt neu denken könnte. Richtiger wäre es gewesen zu formulieren „Das neue Sozialdenken“, „Das neue Gestalten im Lichte des Evangeliums“, und das ist genau das, was wir eigentlich von den Kirchen erwarten müssen.

Was sind die Gründe, dass die Kirchen sich von ihren ursprünglichem „religiösem Auftrag“, wie Sie sagen, entfernt haben? Vom Wucherverbot ist ja lange nicht mehr die Rede.

Geißler: Es kommt auf die Prinzipien an, die in den Evangelien in den Vordergrund treten. Das sind nicht einzelne Fragen des Wuchers, über konkrete Finanzfragen kann man immer unterschiedlicher Meinung sein. Aber das Evangelium hat zwei absolut durchschlagende Grundsätze, nämlich die absolute Anerkennung der Menschenwürde, und zweitens die Nächstenliebe, aber nicht im Sinne des Gutmenschentums, das hat Jesus nie vertreten, sondern wie ja aus der Geschichte mit dem Samariter eindeutig hervorgeht, ist Nächstenliebe eine sehr harte Angelegenheit, nämlich die Pflicht eines jeden Menschen, denjenigen zu helfen, die in Not sind. Das steht nicht im Belieben der Menschen, sondern jeder Mensch hat die Pflicht, dem anderen zu helfen, der in Not ist. Und auf der Grundlage dieser Erkenntnis – es sind gemessen an der Zeit revolutionäre Forderungen gewesen – gemessen daran, ist natürlich die moderne Wirtschafts- und Sozialpolitik geradezu gegenläufig. Denn aus diesen Prinzipien, die ich genannt habe, geht klar hervor, dass das Kapital nicht etwas Schlechtes ist. Geld zu haben, ist nicht schlecht, aber das Kapital hat eine dienende Funktion, und das Kapital hat den Menschen zu dienen, und nicht die Menschen zu beherrschen. Heute ist es genau umgekehrt, das Kapital beherrscht die Menschen, und die Menschen haben den Kapitalinteressen zu dienen. Das ist im Grunde genommen die Todsünde des heutigen Wirtschaftssystems.

Es ist ja oft die Rede von einem humaneren Kapitalismus. Findet wirklich ein Umdenken statt?

Geißler: Die Wirtschaftskrise hat viele Schleier zerrissen, und auch die falsche Argumentation der Wirtschaftswissenschaften bloßgelegt. Und in Folge dessen ist man zu dem grundsätzlichen Ergebnis gekommen, dass wir wieder einen geordneten Wettbewerb brauchen, und dass man nicht alles dem Markt überlassen kann. Es sind ja auch entsprechende Beschlüsse gefasst worden für eine geordnete Finanzmarktordnung. Leider ist es bisher bei den Beschlüssen geblieben. Was die G20-Staaten vor drei Monaten beschlossen haben in London, steht bislang fast nur auf dem Papier, und muss jetzt sofort umgesetzt werden, wenn nicht eine weitere Krise kommen soll.

Herr Dr. Geißler, vielen Dank für das Gespräch.