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Aus der Deckung

Ibrahim Abu Nagie bekommt als Initiator der Koran-Verteilung eine Menge PR und bringt sogar die Islamkonferenz in Wallung. Doch die Aufregung ist übertrieben

Noch vor wenigen Tagen war Ibrahim Abu Nagie den meisten Menschen in Deutschland kein Begriff. Selbst viele Muslime hatten von ihm noch nichts gehört. Die auf ihn zurückgehende kostenlose Koran-Verteilung in vielen Städten hat ihn nun – mit Hilfe der Medien – deutschlandweit bekannt gemacht.

Als vergangenes Wochenende etwa in Berlin Salafisten an einem Stand Korane an die Passanten abgeben wollten, hatte man das Gefühl, dass sich eigentlich kaum einer dafür interessierte. Man kennt das von den Zeugen Jehovas, für die man schon fast Mitleid hat, wenn sie verbissen versuchen, einem ihre Heftchen unterzujubeln. Man lächelt den Damen und Herren einfach zu und geht weiter. Bei Abu Nagie sah die Sache anders aus. In Berlin und in vielen anderen Städten umlagerten Fotografen und Kameraleuten die Stände seiner Aktion, so dass er die Aufmerksamkeit bekam, die er wollte.

Geld aus Saudi-Arabien

Bis dahin kannten den 47-jährigen Prediger, der palästinensischer Herkunft ist und in den achtziger Jahren in die Bundesrepublik übersiedelte, fast nur seine Jünger und die Leute, die sich mit salafistischen Strömungen beschäftigen. Er selbst erzählt Medienberichten zufolge über sich, er sei mit 18 Jahren aus dem Gaza-Streifen nach Iserlohn gekommen, um Elektrotechnik zu studieren, und habe später als Geschäftsmann Millionen verdient.

Allerdings wird auch kolportiert, der Vater dreier Kinder lebe nun schon seit Jahren von Hartz IV und wohne in der Nähe von Köln in einem Reihenhaus. Wie er die angekündigte Verteilung von 25 Millionen Koranexemplaren finanziert, ist unklar. Angeblich werden die Kosten aus Spenden gedeckt. Experten nehmen aber an, dass unter anderem aus Saudi-Arabien Geld an Salafisten in Deutschland fließt, damit diese ihre Version des „wahren Islam“ unter die Leute bringen können.

Abu Nagies Predigten auf Youtube und in Moscheen brachten ihm vor allem unter jungen Muslimen eine gewisse Gefolgschaft. Er selbst sagt über sich, vor etwa zehn Jahren habe er zur „wahren Religion“ gefunden. Seitdem widmet sich der graubärtige Prediger der Verbreitung einer streng fundamentalistischen Auslegung des Koran. Einer seiner Weggefährten ist der deutsche Konvertit Pierre Vogel, der sich aber inzwischen von Abu Nagie distanziert hat, weil dieser ihm zu radikal geworden ist.

“Für ewig in die Hölle”

2.500 bis 5.000 Salafisten soll es derzeit in Deutschland geben. Der Verfassungsschutz beobachtet sie seit Jahren. Abu Nagie selbst unterstellen die Behörden ein zwiespältiges Verhältnis zur Gewalt, unter anderem wegen solcher Zitate wie „Möge Allah uns alle als Märtyrer sterben lassen“ und der düsteren Prophezeihung, alle Andersgläubigen kämen „für ewig in die Hölle“. Innenpolitiker wie der CSU-Experte Hans-Peter Uhl meinen, „die Lage hat sich verschärft“. Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann verlangt sogar einen „Pakt gegen den Salafismus in Deutschland“ und versuchte vor der Islamkonferenz im Donnerstag deshalb die Tagesordnung umzuwerfen.

Doch haben die dramatischen Warnungen über einen angeblichen Vormarsch der Strömung unter den insgesamt vier Millionen Muslimen in Deutschland mit der Realität wohl nicht sehr viel zu tun. Auch die Behörden räumen ein, dass nur eine Minderheit der Salafisten mit Gewalt liebäugelt. Bei den meisten Jugendlichen, die Abu Nagie folgen, handelt es sich wohl nur um eine Episode, die nach der Pubertät schnell vorüber geht.

Islamische Verbände wie der Koordinierungsrat der Muslime haben sich von der Koran-Verteilung distanziert, bei der vor allem junge Männer die edel gebundene Schrift mit der Aufforderung „Lies!“ unters Volk bringen. Das heilige Buch dürfe nicht als Werbung für eine bestimmte Gruppe instrumentalisiert werden. Andere Muslime warnen, die in den Fußgängerzonen verschenkten Exemplare könnten schnöde im Altpapier landen.

Gegenpropaganda mit der Bibel

Viele Gläubige, denen die winzige fundamentalistische Minderheit suspekt ist, dürften auch mit Sorge sehen, dass die PR-Aktion der Salafisten gleichzeitig anti-islamische Gruppen auf die Straßen lockt. So postierte sich bei der Verteilung am Potsdamer Platz in Berlin auch die islamfeindliche Partei Die Freiheit mit Gegenpropaganda. In Hannover tummelten sich gleichzeitig die rechtspopulistischen Hannoveraner und die christliche Initiative Bürger für Dialog und Wahrheit, die Bibeln und Grundgesetze verteilte.

Andererseits behauptet trotz der medialen Aufregung niemand, dass die Verteilaktion strafbar oder nicht vom Grundgesetz gedeckt sei. Missionieren ist in einem Land mit Religionsfreiheit nicht verboten. Religionsgemeinschaften dürfen für ihren Glauben werben, so wie die Parteien für ihre Programme, Verlage für ihre Bücher und damit Ideen. Es ist das Recht der Gläubigen, ihren Glauben in der Öffentlichkeit zu bekennen. Atheisten steht es ebenso frei, für ihre Lehre öffentlich Anhänger zu suchen. Voraussetzung ist, dass alle immer darauf achten, nicht den öffentlichen Frieden zu verletzen und Andersdenkende nicht zu kriminalisieren. Gedanken sind ist vor staatlicher und gesellschaftlicher Kontrolle geschützt. Darauf beruht der liberale Rechtsstaat. Deutschland hat es jahrzehntelang ausgehalten, dass Zeugen Jehovas oder Mormonen ihre Broschüren in den Innenstädten verteilen. Nun sollte man auch die Wanderprediger, die den Koran verteilen, nicht wichtiger machen, als sie sind.

http://www.freitag.de/politik/1216-aus-der-deckung

“Die jungen Muslime heute holen sich die Informationen über ihren Glauben von Shaykh Google!”

Alle sprechen zwar von Scharia und manchen Auswüchsen des islamischen Rechts wie den harten Strafen, der Diskriminierung der Frauen und den zahllosen Verhaltensvorschriften. Wirklich bekannt ist das vielfältige, uneinheitliche, durch viele Schulen gekennzeichnete islamische Recht hierzulande aber nicht. Prof. Dr. [extern] Mathias Rohe, Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung an der Universität Erlangen-Nürnberg, gilt als einer der besten Kenner des islamischen Rechts in Deutschland. Mit seinem Buch [extern] Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart hat er eine umfassende Darstellung des islamischen Rechts vorgelegt.

Herr Prof. Rohe, wenn die Menschen heute den Begriff Scharia hören, denken viele an drakonische Körperstrafen und ähnliches. Was genau ist Scharia? Ist Scharia das islamische Recht, oder muss man da differenzieren?

Prof. Mathias Rohe: Ich denke die Übersetzung als Islamisches Recht ist verkürzt. Scharia ist mehr als das, jedenfalls nach dem Verständnis vieler Muslime, die einen weiten Begriff anlegen, und die unter Scharia alle religiösen und rechtlichen Normen des Islam verstehen, einschließlich der Methoden, wie man sie zu interpretieren hat, und das wird ein sehr komplexes Gebäude. Das sind Dinge wie Vertragsrecht, wie Fasten, wie Bekenntnis zu dem einen Gott, dann aber auch Strafrecht und ähnliche Dinge mehr. Es gibt ein engeres Verständnis, das sich mehr auf die problematischen Anteile konzentriert, wie wir sie in der traditionellen Scharia haben, wie etwa diese drakonischen Körperstrafen, wie Ungleichbehandlung der Geschlechter und ähnliche Dinge mehr, wie wir sie auch in der abendländischen Rechtskultur früher kannten.

Wie hat sich das islamische Recht herausgebildet? Auf welche Quellen basiert es?

Rohe: Über das erste Entstehungsjahrhundert wissen wir herzlich wenig. Erst so ab dem zweiten Jahrhundert bildet sich so allmählich eine strukturierte Rechtswissenschaft heraus. Die stützt sich dann natürlich vor allem erstmal auf den Koran, soweit da überhaupt rechtliche Dinge drinstehen. Das ist sehr wenig dort. Sie stützt sich zusehends auch auf Überlieferungen des Propheten des Islam Muhammed, wobei da die große Schwierigkeit war und ist, die gefälschten von den echten zu unterscheiden. Die meisten sind nicht echt. Das weiß auch die muslimische Tradition. Da hat sich noch so eine ganze Reihe zusätzlicher Methoden entwickelt: Konsensbeschlüsse der Gelehrten, wo sehr fraglich ist, wie die gebildet werden, oder wie lange die zu gelten haben; Analogieschlüsse und ähnliche Dinge mehr. Also auch da ein ganz breites Repertoire. Im zehnten, elften Jahrhundert hatte sich das im wesentlich herausgebildet und sich dann eigentlich verfestigt bis ins 19. Jahrhundert hinein, wo wir dann die ersten großen Reformen erleben.

Was für Auswirkungen hatten diese Reformbewegungen auf das islamische Recht?

Rohe: Es hat sich gründlich – ja wenn man so will – modernisiert. Viele Gelehrte damals haben das so empfunden, dass eine Erstarrung über die Jahrhunderte eingetreten ist, dass man dem eigenständigen freien Nachdenken und Interpretieren nicht mehr genügend Raum gelassen hatte, dass dieses eigenständige Interpretieren – das sogenannte Idschtihad – wieder mit neuem Leben erfüllt werden müsse. Und ganz konkret geht es dann sehr häufig um Reformen oder Neuinterpretationen im Sinne von Frauen, also Verbesserung von Frauenrechten, Verbesserung von Kindesrechten und in einem gewissen Umfang die Verbesserung der Rechtsstellung von nichtmuslimischen Minderheiten und ähnliches.

Was für eine Relevanz hat das islamische Recht noch heute in der islamischen Welt?

Rohe: Das ist sehr unterschiedlich. Einige wenige mehrheitlich von Muslimen bewohnte Staaten haben das ganz abgeschafft, die Türkei schon seit über 80 Jahren, die Staaten des Balkan. Dann gibt es andere große muslimische Staaten, in denen es nur in einzelnen Facetten gibt, wie Indonesien, Malaysia, Pakistan, Indien. In vielen Staaten der islamischen Welt hat sich noch gehalten, vor allem im Bereich des Familienrechts, Personenstandrechts, des Erbrechts, und in einigen wenigen auch diese drakonischen Körperstrafen, die natürlich ganz große Probleme machen.

Es existieren im Islam vier große Rechtsschulen. Sind diese noch vorhanden, oder haben sich diese im Laufe der Modernisierung mehr oder weniger aufgelöst?

Rohe: Es hat sich im Rechtsbereich weitgehend aufgelöst dadurch, dass es für zulässig erachtet wurde, dass man mehr und mehr auch aus den Meinungen anderer Rechtsschulen geschöpft hat, und diese Meinung nun zum Gesetzt gemacht hat, so dass wir zum Beispiel in Ägypten eine Mischform von shafiitischem, hanefitischem und malekitischem Recht haben. In einigen Staaten ist es noch so, dass wenn es keine bestimmten Gesetze gibt, dass man dann auf die Ansichten einer bestimmten Rechtsschule zurückgreifen solle. Aber insgesamt muss man sagen, diese Schulen haben sich noch mehr gehalten im religiösen Bereich, wo es zum Beispiel Unterschiede gibt, wie ganz genau man sich körperlich verhalten soll beim Gebet oder ähnliches mehr, während sie im Rechtsbereich eigentlich weitgehend ihre Bedeutung eingebüßt haben.

Mit seinem Buch hat Prof. Rohe eine umfassende Darstellung des islamischen Rechts vorgelegt.

Mit seinem Buch hat Prof. Rohe eine umfassende Darstellung des islamischen Rechts vorgelegt.

Wenn man sich die heutigen islamistischen Ideologen anschaut, die etwa Terror als legitimes Mittel ansehen, lehnen die Rechtsschulen als unerlaubte Neuerung ab. Kann eine Ablehnung der traditionellen Rechtsschulen zu solch einer Radikalisierung führen?

Rohe: Das sagen manche der Traditionellen, die die Gewalt sehr stark ablehnen, dass sie gerade der Garant dafür sind, dass die Religion nicht aus dem Ruder läuft. Nur ich muss sagen, ich glaube nicht an diese stabilisierende Wirkung irgendwelcher Schulen im Moment. Wenn wir ansehen, woher holen die Radikalen ihre Ansichten? Woher holt eine junge Muslimin, ein junger Muslim heute die Informationen, wenn sie irgendetwas über ihren Glauben wissen wollen? Shaykh Google! Also man geht ins Internet. Man guckt, was man da für Botschaften findet. Und da gibt es keine Websites irgendwelcher Rechtsschulen, sonder von vielleicht irgendwelcher charismatischer Figuren, irgendwelcher Exzentrikern oder Extremisten, irgendwelcher Reformer. Da ist das ganze Repertoire zu holen im Grunde. Die Globalisierung hat auch vor dem Islam nicht Halt gemacht, und es ist noch völlig unausgelotet, wohin eigentlich in dieser Hinsicht die Reise gehen wird.

Was für eine Rolle spielt das islamische Recht für die in Deutschland lebenden Muslime?

Rohe: Es kann eine Rolle spielen soweit das deutsche Recht das vorschreibt oder zumindest zulässt. Eins muss klar sein – man hat verbreitete Ängste vor einer Islamisierung Europas oder Deutschlands, diese Ängste sind aus Rechtssicht vollkommen unbegründet, denn es gilt alleine deutsches Recht in Deutschland. Das ist ein internationaler Grundsatz, dass das nationale Recht gilt. Aber: das deutsche Recht sieht in bestimmten Fällen vor, dass wir ausländisches Recht, sei es nun französisches oder jordanisches oder brasilianisches Recht anwenden in bestimmten Fällen privater Beziehungen, wo wir davon ausgehen, dass die Menschen unter der Geltung fremden Rechts ihre Verhältnisse geordnet haben, eine Ehe geschlossen haben, zwanzig Jahre gelebt haben, Ehegüter und ähnliches mehr erworben haben, und dass sie dann wenn sie nach Deutschland kommen, nicht auf einmal deutschem Familienrecht unterliegen sollen, dass sie inhaltlich vielleicht gar nicht kennen, und dass ihre Erwartungen enttäuschen würde. Also in diesen Fällen ist unser Recht der Auffassung, die anderen sind näher dran, und wir wenden deswegen dieses fremde Recht an. Aber auch das hat eine Grenze, die heißt, ordre publique, und das heißt, wenn das Ergebnis der Anwendung dieses fremden Rechts mit unseren Rechtsvorstellungen so über Kreuz liegt, dass es für uns unerträglich wäre, dann sagen wir, wir sind nicht bereit diese fremden Normen in diesem Fall anzuwenden, d.h. wir behalten uns auch da die Souveränität vor uns zu entscheiden, ob und wie weit wir diese fremden Normen anwenden. Da kommt noch ein weiteres Feld hinzu, nämlich das so genannten dispositive Recht, Bürgerliches Recht. Dort, wo man zum Beispiel Verträge selber gestalten kann – mittlerweile gibt es islamische Investments und ähnliche Dinge mehr, das ist rechtlich gesehen zulässig. Es gibt Ökobanking, es gibt christliche Investments, warum soll es keine islamische Investments geben? Wenn das seriös betrieben wird, die Leute nicht über den Tisch gezogen werden, was leider manchmal auch vorkommt, dann ist das zulässig, auch wiederum im Rahmen des deutschen Rechts.

Was sagt das islamische Recht über die Muslime aus, die in einer nichtmuslimischen Rechtsordnung leben?

Rohe: Es gibt eine 1000 Jahre alte Tradition im islamischen Recht, die so ungefähr besagt, dass der Muslim, der sich im nichtislamischen Ausland aufhält, die dortigen Gesetze respektieren muss, einhalten muss, dann, wenn er dort genug Sicherheit hat, und wenn er nicht seinen Glauben aufgeben muss. Wenn er unter Bedrohung kommt, dann soll er wieder auswandern. D.h. es ist nach dieser alten Lehre eine Pflicht des ordentlichen Muslim die Gesetze dort einzuhalten, nicht nur weil sie selber das verlangen, sondern auch aus seinen religiösen Gründen. Man muss allerdings auch sagen, diese alte Lehre rührt aus einer Zeit, in der sich die Lager sich oft feindselig gegenüber standen, und man ahnt so etwas von einem Geist dieser Konfrontation, die wir von beiden Seiten aus hatten. Deswegen sagen sehr viele Gelehrte heute, das sei ein veraltetes Konzept. Das steht auch nicht im Koran, sondern das haben die Juristen so entwickelt. Sie sagen, heute leben wir alle auf einer Erde und nicht mehr in zwei verschiedenen Lagern, dass es deswegen auch wichtig sei, dass sich als Staatsbürger in den Staaten zu engagieren, egal ob Muslim, Jude, Christ, Atheist oder was auch immer, und das als gemeinsame Aufgabe ansieht. D.h. im Grunde sehen die auch in einem Land wie Deutschland oder Frankreich als islamisches Land an, weil man dort nämlich auch die Religion des Islam frei praktizieren kann im Rahmen der Religionsfreiheit.

Oft wird das islamisches Recht als veraltet dargestellt. Gibt es überhaupt moderne Ansätze?

Rohe: Die gibt es durchaus. Wenn wir uns heute das Szenario des islamischen Rechts anschauen, zum Beispiel im Familienrecht oder Erbrecht, das ist der Bereich, in dem islamische Traditionen noch am stärksten vorhanden sind, dann stellen wir immense Unterschiede fest etwa zwischen Marokko und Tunesien auf der einen Seite, Saudi-Arabien und anderen sehr traditionellen Staaten auf der anderen Seite, obwohl die alle von sich sagen, dass sie auf der Basis der Scharia, der islamischen Normenlehre ihre Normen geschaffen hätten. Woher kommt das? Nun, weil die Quellen unterschiedlich gelesen werden. Wer sich sehr stark an den Wortlaut eines Korantextes orientiert, der wird beispielsweise diese patriarchalische Grundstruktur im Geschlechterverhältnis beibehalten. Wer – wie andere Gelehrte das tun – eine dynamische Lektüre bevorzugt, wer nach Sinn und Zweck dieser Regelungen fragt, der wird sagen, die Antwort des 7. Jahrhunderts kann eine andere sein als eine im 21. Jahrhunderts, und prüft eben, welches sind die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts. Der Islam hat in seiner Geschichte einigen Erfolg gehabt, weil und soweit es ihm gelungen ist, sich an die jeweiligen örtlichen und zeitlichen Verhältnisse auch anzupassen. Ein gewisse Kernbestand des Glaubens ist unantastbar, Bekenntnis zu dem einen Gott und die fünf Säulen, die wir so kennen, aber in allen anderen Bereichen gibt es eine sehr sehr hohes Maß an Flexibilität, hat es gegeben und gibt es auch nach wie vor. Von daher muss man schon sagen, das Bild ist sehr bunt geworden.

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32070/1.html

Diese Manager erhalten keine Boni

Der Freitag: Herr Abdal Hakim Murad, Sie sind ein muslimischer Gelehrter, haben aber auch eine moderne Ausbildung genossen. Sie haben sich mit der westlichen Geistesgeschichte und Zivilisation auseinandergesetzt. Der Islam wird stets mit Terrorismus und Extremismus in Zusammenhang gebracht. Nun aber erlebt das kapitalistische System eine Krise. Welche Haltung nimmt der Islam auf dem Gebiet der Ökonomie ein?

Abdal Hakim Murad: Alle Religionen, nicht nur der Islam, wenden sich gegen die Habgier. In dem Maße wie die moderne Ökonomie davon ausgeht, dass Wohlstand aus der Förderung eines auf Habgier basierenden Wettbewerbs erwächst, befindet sich die Moderne im Widerspruch zum Glauben. In einem gewissen Sinne kommt in diesem Spannungsverhältnis die tiefe Unvereinbarkeit von der religiösen Vorstellung des Menschen als ethischem Wesen mit dem Menschenbild derjenigen zum Ausdruck, die uns als das erfolgreiche Resultat eines Jahrtausende langen, brutalen, von Eigeninteressen diktierten Wettbewerbs betrachten. Der Islam und andere religiöse Glaubensrichtungen stellen auf ihre je eigene Art und Weise die kapitalistische Apotheose der Habgier in Frage, prophetisch und radikal.

"Nach traditionellem muslimischem Verständnis umfasst Reichtum alles, was Menschen wertschätzen, also auch immaterielle Güter. Nach diesem Verständnis ist Geld allerdings Gold und Silber."

"Nach traditionellem muslimischem Verständnis umfasst Reichtum alles, was Menschen wertschätzen, also auch immaterielle Güter. Nach diesem Verständnis ist Geld allerdings Gold und Silber."

Welche Rolle spielt Geld im Islam?

Heutzutage gibt es in keiner muslimischen Gesellschaft eine islamische Ökonomie. Die nationalen Eliten und die Logik der Globalisierung stehen einer Wiedergeburt eines ursprünglichen, auf Ethik basierenden Wirtschaftens entgegen. Banken, die sich nach den islamischen Vorstellungen richten, sind die Ausnahme. Nach traditionellem muslimischem Verständnis umfasst Reichtum alles, was Menschen wertschätzen, also auch immaterielle Güter. Nach diesem Verständnis ist Geld allerdings Gold und Silber. Das soll heißen, es hat einen Wert, der sich aus natürlicher Knappheit ergibt. Dies schließt übertriebene und irreale Spekulation und eine Anhäufung von Reichtum aus, die allein auf Versprechen beruht. So wird die Möglichkeiten eines auf Kredit basierenden, raschen ökonomischen Wachstums gemindert. Man reduziert aber gleichzeitig auch die Möglichkeiten plötzlicher und unkontrollierter Wertschwankungen, da das Geld eine statische Größe besitzt und nicht potentiell unendlich ist.

Wie sehen Sie die Rolle der Islamischen Bank?

Wenn überhaupt, richten sich nur wenige islamische Banken nach den klassischen Regeln der Sharia. Praktisch sind sie alle in das globale Finanzsystem eingebunden, das ihren Handlungsspielraum drastisch einschränkt und ihnen die Interpretation des Geldes als willkürlichem Zeichen aufdrängt. Dennoch spielen diese Institutionen eine wertvolle Rolle, wenn es darum geht sicherzustellen, dass muslimische Einlagen in ethischer Weise investiert werden, d.h. also z.B., nicht in den Handel mit Alkohol oder in der Glücksspielindustrie fließen. Insgesamt belaufen sich diese Anlagen heute auf 600 Milliarden US-Dollar. Sie erlauben der muslimischen Welt so eine partielle Unabhängigkeit und gewährleisten eine gewisse Basis für ethische Investitionen.

Wie stehen diese Banken in der Krise da?

Trotz ihrer teilweisen Komplizenschaft mit den Vorgehensweisen kapitalistischer Banken, blieben ihnen die schlimmsten Folgen der gegenwärtigen Krise erspart, weil sie sich nicht an dem Wucher mit Hypothekenkrediten beteiligt und sich, um dies auszugleichen, anderer spekulativer Transaktionen auf dem Finanzmarkt bedient haben. Zum Teil half ihnen hierbei auch, dass ihre führenden Manager keine Boni auf Spekulationsgewinne erhalten.

Im Koran und dem Islamischen Recht gibt es zahlreiche Bezugnahmen auf Wirtschaft und Handel. Was können wir aus diesen Quellen lernen?

Insofern der Teil der Sharia, der sich mit dem Geldwesen befasst, im Koran verwurzelt und erfolgreich ist, kann man sagen, dass die offenbarten Quellen von unmittelbarer Bedeutung sind. Religiöse Finanzsysteme werden beim Establishment allerdings immer Widerstand und Zynismus hervorrufen, weil für die Eliten nur die westlichen Werte zählen und alles andere irrelevant ist. Das mag auch darin liegen, dass der Kapitalismus scheinbar ein Modell nachhaltigen und massiven ökonomischen Wachstums bereitstellen konnte. Die Vision des Koran wird dem Mainstream der Banker und Investoren, die auf hohe Gewinne aus sind, niemals schmackhaft gemacht werden können, ebenso wenig wie andere radikale und ethisch alternative Vorstellungen des Wirtschaftens.

Wie bereits erwähnt sind Sie muslimischer Gelehrter und haben die Ursprünge von Selbstmordattentaten sowie moderner Organisationen in der muslimischen Welt analysiert. Welche Position nimmt der traditionelle Islam in dieser Frage ein?

Der traditionelle Islam ist heute nicht so leicht zu finden. In meinem Buch Bombing without Moonlight versuche ich Selbstmordattentate als Konsequenz der Modernisierung und zugleich als Reaktion auf sie zu beschreiben. Traditionell würde man es bid’a’ nennen – eine verwerfliche Innovation. Bei einer strikten Anwendung der klassischen Rechtsmethodik käme man zu diesem Rechtsurteil (Fatwa). Wenn man sich ansieht, was in heutigen Fatwas von Takfiris (Takfir machen= andere Muslime zu Ungläubigen erklären, die Red.) und Autoren der Muslim-Bruderschaft über Selbstmordattentate geschrieben wird, ist man erstaunt über die sich dort offenbarende Unkenntnis der traditionellen juristischen Methodik. Die hässliche Fratze des Terrorismus ist ein eindeutiges Zeichen des Niedergangs der juristischen Mechanismen, die viele moderne Muslime anwenden.

Welche Rolle spielt der Wahhabismus? Hat die wahhabitische Ideologie den Terrorismus befördert? Kann man das verallgemeinern, oder gibt es da verschiedene Richtungen?

Der Wahhabismus ist keine einheitliche Bewegung. Wie alle Fundamentalismen neigt er leicht zu Spaltungen. Seinem Wesen nach handelt es sich um eine Art des reformierten Islam: Er hält an der wortgetreuen Bedeutung des Koran fest und richtet sich gegen die islamische Theologie, den Aberglauben und die Mystik. Im Grunde kommt keines dieser zentralen wahhabitschen Prinzipien dem Terrorismus entgegen. Und tatsächlich lehnt der offizielle saudische Wahhabismus Selbstmordattentate und al-Qaida strikt ab. Das Problem besteht darin, dass, vergleichbar mit der europäischen Reformation, eine relativ homogene Tradition sich plötzlich in viele miteinander konkurrierende Richtungen aufsplitterte. Der reformierte Islam lässt sich schwer festlegen: Er führt nicht notwendigerweise zum Terrorismus, aber man kann beobachten, dass praktisch alle „islamistischen Terroristen“ der ein oder anderen Form der wahhabitischen Religion angehören. Trotzdem sollten Salafiten und Wahhabiten nicht von vorneherein als Leute stigmatisiert werden, die Gewalt gegen Zivilisten unterstützen – sehr oft entspricht dies einfach nicht der Wahrheit. Angesichts der Feindseligkeit, die gegenwärtig gegenüber Muslimen herrscht und der Tatsache, dass stets einfache Erklärungen gesucht werden, müssen wir unbedingt klar zwischen Untergruppen differenzieren.

Das Interview führte Eren Güvercin.

http://www.freitag.de/kultur/0943-abdal-hakim-murad-interview

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