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Eine Gesellschaft des Verdachts

November 14, 2008 · 2 Kommentare

In seinem neuen Roman erzählt John le Carré, Ex-Agent und Großmeister des Spionageromans, von zunehmender Überwachung, Terror-Paranoia und der Macht internationaler Geheimdienste. Ein desillusionierender Roman, so Eren Güvercin.

http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-975/i.html

Sein Name lautet David Cornwell. Der 77-Jährige wurde aber unter seinem Pseudonym John le Carré ein weltberühmter Schriftsteller. Nach seinem Germanistikstudium in Bern und Oxford wurde er zunächst Anfang der 60er Jahre vom britischen Secret Service rekrutiert. Schon während seiner Agententätigkeit begann er zu schreiben. John le Carré prägte das Genre des Spionageromans maßgeblich mit.
Soeben ist sein neuer Roman „Marionette“ erschienen. Das Buch handelt von der gesellschaftlichen Angst vor dem islamistischem Terror. Einer der Helden der Geschichte ist der junge Tschetschene Issa, der sich als Rebellion gegen seinen russischen Vater den tschetschenischen Rebellen anschließt. Er kommt über die Türkei und Dänemark illegal nach Hamburg, und bittet eine türkischen Familie um Hilfe. Schnell gerät Issa unter Terrorverdacht und wird zum Spielball der verschiedenen rivalisierenden Geheimdienste. Die deutsche Menschenrechtsanwältin Annabel ist Idealistin und setzt sich für den gefolterten und verfolgten Issa ein. Mit „Marionettenf“ liefert John le Carré einen meisterhaft komponierten Roman über unsere Gesellschaft des Verdachts nach 9/11. Mit diesem desillusionierendem Roman zeigt John le Carré, wie im „Krieg gegen den Terror“ die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen.

John le Carré in der Nähe von seinem Landsitz in Cornwall

John le Carré in der Nähe seines Landsitzes in Cornwall

Es ist kein Zufall, dass John le Carré diese Geschichte in Deutschland und vor allem in Hamburg spielen lässt. Anfang der 60er Jahre arbetete er zunächst an der Britischen Botschaft in Bonn, später dann als Konsul in Hamburg, wo er sich dann von der Geheimdienstarbeit verabschiedete und sich ganz dem Schreiben widmete.
Deutschland sei auch ein hervorragendes Spiegelbild für die Veränderung, die seine Heimat schon durchlebt habe, mein John le Carré. „Ich hatte das Gefühl, Deutschland würde sich immer noch nachhaltig dagegen wehren, dem amerikanischen Weg zu folgen, den hohen Level von Überwachung zu akzeptieren.“ Mittlerweile habe er das Gefühl, dass Deutschland absolut vor einem Scheideweg stehe. „Deutschland hat mehr geschützte Bürgerrechte als jedes andere europäische Land“, hebt le Carré hervor. „Die Frage ist nun, wie viel davon aufs Spiel gesetzt wird bei dem, was sich leicht als eine kolonialistische Haltung bezeichnen ließe, die offiziell aber „War on terror“ genannt wird.“

John le Carré, der sich mehrmals für seine Recherchen mit Murat Kurnaz traf, hat schon lange vor seinem neuem Buch den so genannten „Krieg gegen den Terror“ heftig kritisiert. Unter Georg W. Bush sei Amerika in die schlimmste Phase historischen Wahnsinns eingetreten. Die Wahl Obamas bezeichnet er als historischen Moment wie einst den Fall der Berliner Mauer: „Wir wollen jetzt wissen, was will Obama wirklich, wer ist er.“ Er fordert von ihm etwa die Schließung der geheimen Gefängnisse, in denen bis zu 27 000 Menschen ohne Rechtsgrundlage schmoren.
John le Carré gibt zu, dass er in den letzten Jahren politischer geworden sei, und vor allem wütender. Die Täuschung der Gesellschaft durch Politik und Medien habe einen Grad erreicht, der höchst gefährlich sei. In seinem vorletzten Roman „Der ewige Gärtner“ geht es etwa um die Machenschaften der Pharmaindustrie in der dritten Welt. Die Ausbeutung der dritten Welt, die dadurch verursachte Armut und Unterdrückung könne auch zum Terror führen. „Aber wer das behauptet, wird noch wie ein Ketzer behandelt“, so le Carré.
Anfang der 80er Jahre verbrachte John le Carré einige Wochen in einem Palästinenser-Lager, als er an seinem Roman „Die Libelle“ schrieb. Nach dem Ende des Kalten Krieges sei die amerikanische Ideologie-Maschinerie sofort auf den Islam als neuen Feind umgeschwenkt. Daran könne er sich aber nicht beteiligen. Er habe sich mit dem Islam beschäftigt, und habe auch viele muslimische Freunde. „Wenn man mal in die Krisengebiete geht und sich in die Lage eines palästinensischen Kindes versetzt, versteht man vieles besser“. Die Ohnmacht und Erniedrigung, die diese Menschen täglich erfahren, führe fast zwangsläufig zu einer Psychose. In den palästinensischen Flüchtlingscamps habe er Leute getroffen, die alte Papiere hervorzogen, in denen geschrieben stand, wie ihre alten Grundstücke durch eine britische Verfügung den Israelis überschrieben wurden. „Diese Leute wurden von uns belogen.“ Auch in Iran haben die amerikanischen und britischen Geheimdienste die liberale islamische Bewegung unter Mossadegh bekämpft, den Schah an die Macht gehievt, was indirekt die schiitische Revolution letztlich auslöste: „Wir stoppten also den Liberalismus und waren letztendlich die Architekten dieser Radikalisierung.“
Trotz seiner 77 Jahren ist John le Carré angetrieben von der Wut, von der Wut darüber, dass in der Gesellschaft so wenig Empörung herrscht darüber, was mit unserer Gesellschaft passiert. „Wir sind unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in einen Krieg getrieben worden, wir werden in einer Atmosphäre der Panik unserer Freiheitsrechte beraubt“, konsterniert le Carré. „Unsere Anwälte gehen eben nicht auf die Straße, wie es die Anwälte in Pakistan etwa getan haben.“

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© Qantara.de 2008

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Zusammenfluss der Kulturen

August 8, 2008 · Kommentar schreiben

„Kulturen bekämpfen sich nicht, sie fließen zusammen“ – mit ihrem Buch „Kampfabsage“ belegen der Bestseller-Autor Ilija Trojanow und der indische Dichter und Kulturkritiker Ranjit Hoskoté die vielen Verknüpfungen zwischen den Kulturen und ihre gegenseitige Bereicherung.

Das Schlagwort vom „Kampf der Kulturen“ prägt seit dem Ende des Kalten Krieges die Welt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion musste ein neues Feindbild her. Der „Kampf der Kulturen“ füllte die Lücke und schürte damit Konflikte. In ihrem neuen Buch „Kampfabsage“ entlarven der Bestseller-Autor Ilija Trojanow („Der Weltensammler“) und der indische Dichter und Kulturkritiker Ranjit Hoskoté anhand vieler Beispiele die Unsinnigkeit der Kulturkampfthese. Die These vom „Clash of Civilizations“ wird oft mit Huntington in Verbindung gebracht. Ursprünglich wurde diese These jedoch vom Islamwissenschaftler Bernard Lewis geprägt, bei dem sich -so Trojanow – einfühlsames Interesse im Lauf seiner Karriere in gehässige Verbitterung gegenüber den Menschen, der Religion und den Gesellschaften gewandelt habe. „Er glaubt heute, eine Art Demokratie von oben, aufgezwungen in einer Art und Weise, die Sheriff Wyatt Earp gefallen hätte, sei die beste Lösung für die Probleme der islamischen Gesellschaft.“ Diese Lösung wurde zur offiziellen Richtlinie der Regierung Bush in Afghanistan und im Irak. Die These von Lewis wurde erst später von Huntington aufgegriffen und zum Schlagwort, mit dem man den Krieg gegen den Terror rechtfertigte.

Die Lewis-Huntington-These unterteilt dabei die Menschheit willkürlich in „acht oder neun Kulturkreise“ und betont die Verwerfungslinien zwischen diesen „Kulturen“, die aufgrund tiefgreifender unterschiedlicher Werte in einem Zustand des Konflikts leben würden. Trojanow und Hoskoté zeigen in ihrem Buch anhand von Beispielen und historischen Fakten humorvoll wie Huntingtons Darstellung unzusammenhängend und in sich widersprüchlich ist. Typische westliche Errungenschaften sind laut Huntington Christentum, Demokratie, Pluralismus, Individualismus und Rechtsstaatlichkeit. Trojanow und Hoskoté stellen aber fest, „wo die philosophischen Quellen, die persönlichen Beispiele, die mythische Infrastruktur und das Grundgerüst dafür liegen – nämlich im Mittelmeerraum, in al-Andalus, im arabischen Aristotelismus und in den Gedanken, Geschichten und Manuskripten, die unbeschwert von einer Gesellschaft in die andere wechseln, ohne Rücksicht auf die angeblich absoluten Verwerfungslinien zwischen den kulturellen Blöcke zu nehmen“.

Auch wird in „Kampfabsage“ die Behauptung, das Abendland sei durch seine jüdisch-christliche Tradition geprägt, widerlegt. Trojanow und Hoskoté zeigen, dass der Ursprung der wichtigsten westlichen Werte, Technologien und kulturellen Errungenschaften im Mittelmeerraum des 9. bis. 15. Jahrhunderts zu finden seien, vor allem im muslimischen Herrschaftsgebiet al-Andalus und im arabisierten normannischen Königreich Sizilien. „Ibn Sina und Ibn Rushd“, so Trojanow, „versahen zusammen mit Aristoteles und Platon die unabhängigen Denker der Christenheit mit dem intellektuellen und moralischen Rüstzeug, sich gegen die erdrückende Orthodoxie der Kirche zu wenden; eine Befreiungsbewegung, die schließlich in der Renaissance mündete.“

Die beiden Autoren stellen aber auch klar, dass ihnen kein naives pazifistisches Ideal vorschwebe, sie behaupten nicht, dass der Zusammenfluss ein friedlicher Prozess sei. „Wenn unterschiedliche Lebenswelten aufeinander treffen, kommt es unausweichlich zu Konflikten.“ Aber es gibt darin keine Sieger und keine Besiegten, sondern nur das große Erbe der Gemeinsamkeiten.

Nach Trojanow hat die Wirklichkeit mehr mit der unterschiedlichen wirtschaftlichen und politischen Machtverteilung zu tun als mit fundamentalen kulturellen Unterschieden. Zivilisationen seien nie reine, in sich geschlossene Einheiten gewesen, sondern erstaunliche Mischformen. Historisch gesehen entwickelten sie sich durch Austausch und Synthese, durch Begegnung verschiedener Rassen, Religionen und Philosophie, so die Feststellung von Trojanow und Hoskoté. „Bei der Betrachtung von Zivilisationen und Kulturkreisen sind die Unterschiede, die die Menschen trennen, bei weiten nicht so wichtig wie das Erbe, das die Menschen über Grenzen hinweg verbindet. Haltbarer als die These vom „Kampf der Kulturen“ ist die Sichtweise, dass die Fronten quer durch unsere Gesellschaften und nicht zwischen Kulturkreisen und Nationalstaaten verlaufen.“ Die alte Trennung zwischen „uns“ und „den Anderen“ könne nur zur Grausamkeit gegen das Andere führen, zur Brutalisierung des Selbst und zur beiderseitigen Bereitschaft zur gegenseitigen Vernichtung.

Den Zusammenfluss der Kulturen betrachten Trojanow und Hoskoté heute durch die verschiedenen Kräfte der Ausgrenzung und Abschottung als gefährdet. Mit Terror und der Verweigerung des Dialogs versuchten diese Kräfte, den Zusammenfluss zu verhindern. In diesem Denken ähneln sich die christlichen Rechten, die Neokonservativen, die radikalen Islamisten und etwa auch die Hindutva-Bewegung in Indien, die den Hinduismus vor seinem „historischen Feind“, dem Islam, beschützen will. „Der Kreuzzug von US-Präsident Bush“, schreibt Trojanow, „ist gegenüber den verschiedenen Schattierungen der Vielfalt so blind wie Bin Laden. Sie sind Zwillinge des Terrors, Spiegelbilder in dem Wunsch, die kulturelle Schaffenskraft einzuschränken.“

Trojanow und Hoskoté betonen, dass es moralisch und strategisch höchste Zeit sei zu akzeptieren, dass es nur eine Regel für uns alle gebe, nämlich die Regel des gegenseitiges Mitgefühls und Verständnisses.

In ihrem Buch suchen die beiden Autoren nach Verbindungen, die manchmal untergegangen sind, „die jedoch Menschen über die so genannten Verwerfungslinien zwischen Zivilisationen und Kulturen hinweg zusammengeführt haben“, und zeigen, dass Zivilisationen miteinander verwoben sind, und eben nicht in Konflikt miteinander liegen, sondern zusammenfließen. „Deswegen“, so Trojanow, „müssen wir uns gegen all jene wehren, die uns im Namen des Unterschieds gegeneinander aufbringen und uns für die globale Kriegsmaschinerie rekrutieren wollen.“

Veröffentlicht in: http://www.z-zukunft.eu/?2008-04,titel-cover,024

Ilija Trojanw, Ranjit Hoskoté

Kampfabsage

Kulturen bekämpfen sich nicht, sie fließen zusammen

Übersetzt von Heike Schlatterer

Gebundenes Buch, 240 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-89667-363-3
€ 17,95 [D] | € 18,50 [A]| SFr 31,90 (UVP)Unverbindliche Preisempfehlung

Verlag: Blessing

Erscheinungstermin: September 2007

Kategorien: Buchbesprechungen
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