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„Der Orient ist bei der Suche nach Glück viel weiter“

Jürgen Todenhöfer war fast zwei Jahrzehnte CDU-Bundestagsabgeodneter und noch einmal genau so lang Vizechef des Burda-Verlages. Als Privatier blieb er seinen Auffassungen treu – und fand Zeit und Muse, sich neue Horizonte zu erschließen.

Jürgen Todenhöfer mit afghanische Waisenkindern im Sommer 2009

Jürgen Todenhöfer mit afghanische Waisenkindern im Sommer 2009

Ihr neues Buch “Teile Dein Glück” ist ein sehr persönliches Buch, in dem Sie sehr viel von sich preisgeben. Bisher hatten Sie eher politische Bücher geschrieben. Wieso jetzt ein solch persönliches intimes Buch?

Jürgen Todenhöfer: Es ist die Summe meiner persönlichen Lebenserfahrungen. Ich glaube, dass manche dieser Erfahrungen auch für andere wichtig sein können. Die fröhlichen genauso wie die traurigen.

Sie gehören zu den heftigsten Kritikern der Kriege im Irak und in Afghanistan. Ist Ihr neues Buch auch ein Ergebnis Ihrer Erfahrungen, die Sie auf ihren zahlreichen Reisen in die Kriegsgebiete gemacht haben?

Todenhöfer: Es ist ein Buch über alle Bereiche eines Lebens. Natürlich auch über die westliche Außenpolitik. Zwischen dem, was wir öffentlich als Menschenrechte postulieren, und der praktizierten Außenpolitik des Westens besteht ein himmelschreiender Unterschied, den wir nicht wahrnehmen wollen. Wir sehen immer nur den Splitter im Auge der anderen, vor allem der Muslime, aber nie den Balken im eigenen Auge.

Sie schreiben, Sie seien nie ein richtiger Politiker gewesen. Was hat Ihnen denn gefehlt zum richtigen Politiker?

Todenhöfer: Es gibt Dinge, bei denen ich nie Kompromisse gemacht habe und machen werde, z.B. wenn es um die Würde von Menschen und um Menschenleben in Kriegen geht. Oder um die Herabsetzung von Minderheiten in unserem Land. Da konnte ich nie Kompromisse schließen. Das war manchmal äußerst karrierehinderlich. Aber es hat mich letztlich nie gestört, weil es eine viel wichtigere Form der Karriere gibt, die darin besteht, dass man seinen eigenen Weg konsequent zu Ende geht.

Was kann der Westen von den Menschen etwa im Irak oder Afghanistan lernen, die uns durch die Medien nicht selten als Barbaren präsentiert werden?

Todenhöfer: Über die Kriege im Irak und Afghanistan wird fast ausschließlich von embedded journalists berichtet, das heißt von Journalisten, die mit Militärs durch das Land fahren. Die entscheiden dann für sie, wohin sie kommen, was sie sehen und wen sie treffen. Die Einheimischen, mit denen sie sprechen, werden angesichts der auf sie gerichteten Maschinenpistolen nie die volle Wahrheit erzählen.

Ähnlich ist das natürlich auch mit Politikern, die embedded „nach Afghanistan reisen“, dann in einer Kaserne landen, die durch Panzer, Raketen und meterdicke Betonmauern geschützt ist, und deren Luftraum gesperrt ist. Sie behaupten anschließend, sie seien in Afghanistan gewesen. Der Ort, an dem Sie waren, aber hat mit dem wahren Afghanistan nichts zu tun. Sie könnten eigentlich hier bleiben, in eine deutsche Kaserne gehen und hier mit aus Afghanistan zurückgekehrten Soldaten sprechen.

Unsere Politiker und Medien zeigen uns fast immer nur die eine Seite der Medaille. Mehr haben sie ja auch nicht gesehen. Ein Beispiel: In Afghanistan sterben pro Tag zwei bis drei Menschen. Haben Sie je etwas drüber gelesen? Wir lesen lange Artikel, wenn ein deutscher Soldat stirbt. Zu Recht! Wir lesen jedoch nur selten etwas, wenn ein afghanischer Mensch stirbt. Und es sterben viel mehr afghanische Zivilisten als deutsche Soldaten. Wir bekommen nur die eine Seite der Wahrheit präsentiert. Zum Beispiel wenn wie im Fall der Reise des Ehepaars Guttenberg zwei schöne Menschen Krieg spielen.

Hinzu kommt, dass Szenen, in denen im westlichen Fernsehen randalierende, anti-westliche Slogans schreiende Menschenmassen gezeigt werden, häufig von den westlichen Fernsehteams arrangiert sind. Ich habe in Bagdad ein Jahr vor dem Krieg erlebt, wie auf zwei Lastwagen Menschen herbeigekarrt wurden, die auf ein Zeichen des westlichen Kameramanns anfingen anti-amerikanische und anti-israelische Slogans zu schreien. Das konnte man dann abends im deutschen Fernsehen sehen und sich empören.

Einmal habe ich im persischen Isfahan gesehen, wie jemand in der Ecke eines riesigen Platzes eine Rede hielt. Er hatte kaum Zuhörer, vielleicht 50 Leute. Aber es war eine westliche Fernsehkamera dabei, die darauf wartete, dass er irgendetwas anti-westliches von sich gab. Auf dem großen Platz in Isfahan wurde es fast nicht beachtet. Aber Millionen Menschen im Westen wurde er als iranische Realität vorgesetzt. Wir schaffen uns oft selbst die Zerrbilder, über die wir uns dann empören.

In Deutschland wird in der letzten Zeit oft über Werte und eine Leitkultur debattiert. Welche zentralen Werte möchten Sie mit Ihrem Buch vermitteln?

Todenhöfer: Die Werte, die in unserer Verfassung stehen! Ich hatte in jungen Jahren einen Lehrauftrag im Staatsrecht und habe damals versucht, jungen Studenten beizubringen, was in unserer Verfassung steht. Sie beginnt mit der Würde des Menschen, die unantastbar ist. Unsere Verfassung fordert, dass niemandem ohne ein ordentliches Gerichtsverfahren die Freiheit entzogen werden darf. Wo aber wird die Würde der Afghanen respektiert? Wo werden gefangene afghanische Kämpfer vor ein ordentliches Gericht gestellt? Sie saßen und sitzen noch immer in einem der schlimmsten Löcher Afghanistans, in Bagram, in der Nähe von Kabul. Sie werden wie Tiere behandelt. Keine Anwälte. Nichts.

Einer der zentralen Werte, auf die wir uns alle immer wieder berufen, gerade wenn wir von der sogenannten christlichen Leitkultur sprechen, ist die Nächstenliebe. Wo ist die Nächstenliebe des Westens in Afghanistan und im Irak? Haben Sie einmal festgestellt, dass ein führender deutscher Politiker auf einer seiner PR-Reisen nach Afghanistan einen Tag oder eine Nacht in das Dorf bei Kunduz gegangen wäre, in dem wir 140 Menschen zu Asche verbrannt haben? Dort leben jetzt Dutzende afghanischer Waisen. Ich baue gerade in Kabul für sie ein Waisenhaus. Der deutsche Verteidigungsminister verleiht Tapferkeitsmedaillen, und ich darf dann Waisenhäuser bauen.

Kann man den seelischen Zustand einer Gesellschaft daran erkennen, wie es mit den Schwächsten und Ärmsten umgeht?

Todenhöfer: Ich glaube, dass eine Gesellschaft viele Aufgaben hat, und das nur eine von ihnen ist. Aber sie ist eine wichtige, zentrale Aufgabe. Da können wir von den östlichen und orientalischen Ländern viel lernen, weil sie ihre alten Menschen nicht ausspucken, sondern in ihren Familien halten, von ihnen lernen und ihnen bis ans Lebensende etwas zurückgeben.

Haben Sie auf Ihren Reisen die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die sehr wenig haben, eher bereit sind zu teilen, als wir hier in der Überflussgesellschaft?

Todenhöfer: Ja, vor allem in muslimischen, aber auch in hinduistischen und buddhistischen Ländern. In der Frage der Nächstenliebe sind wir selbst noch ein Entwicklungsland.

Sie berichten in Ihrem Buch von Ihrem Geburtstag, den Sie alleine in einem New Yorker Imbiss verbracht haben, und schildern ihre Einsamkeit, während Sie aber auf ihren Reisen in den Irak und Afghanistan von wildfremden Leuten, die nichts hatten, freundlich empfangen wurden und das bekommen haben, was Sie hier nicht bekamen.

Todenhöfer: Ich bin nicht immer einsam. Nur manchmal. In den muslimischen Ländern habe ich stets eine überwältigende Hilfsbereitschaft erfahren. Die Menschen haben häufig sogar ihr Leben für mich riskiert. Seit ich 18 war und während des Algerienkrieges Nordafrika bereiste, hat man mich auf all meinen Reisen immer gefragt, ob und wie man mir helfen könne. Ich habe immer Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit erlebt. Die muslimischen Menschen schenkten mir fast immer ein Lächeln. Das war manchmal viel wert.

Als ich das Buch „Teile dein Glück“ geschrieben habe, bin ich nochmals vier Monate durch Asien gereist und vier Wochen durch Amerika. Deswegen endet mein Buch auch mit dem Appell „Mach viel aus Deinen Talenten“, das ist sehr westlich, und „Teile Dein Glück“, das ist östlich. Der Orient ist bei der Suche nach Glück und beim Teilen von Glück viel weiter.

Für mich ist ein Bild symbolisch, das ich gesehen habe, als ich im Februar letzten Jahres zum Khaybar-Pass fuhr. In eine Region, in die man als Ausländer eigentlich gar nicht mehr fahren darf, weil dort ständig Kämpfe stattfinden. Es ist eine finstere und gefährliche Gegend. Als wir dort wegen eines Staus langsam fahren mussten, kam uns auf der anderen Straßenseite ein strahlender etwa 12-jähriger pakistanischer Junge entgegen. Er trug auf seinem Rücken einen etwa gleichaltrigen gelähmten Jungen.

Ich bin ausgestiegen und habe ihn gefragt, warum er so strahle. Er erzählte mir, dass er jeden Tag zwei Stunden lang seinen gelähmten Bruder spazieren trage. Staunend habe ich gesagt: „Aber der ist doch schwer…“ Er antwortete: „Aber er ist mein Bruder“ und ging strahlend weiter. Er hat sein Glück geteilt, obwohl er keins hatte. Beim Nachdenken bin ich dann irgendwann darauf gekommen, dass er das Glück geteilt hat, gesund zu sein. Auch ich hatte vergessen, welch ein Glück das ist.

Viel wird in der letzten Zeit über die Zuwanderung gesprochen. Sarrazin hat hier eine Debatte angestoßen, die von einigen politischen Gruppen und Medien in eine bedenkliche Richtung gelenkt werden. Wie bewerten Sie die Art und Weise der Debatte? Sind die hier lebenden Muslime eine Gefahr für Deutschland?

Todenhöfer: Wir haben in Deutschland wie viele Industrieländer ein ernstes Problem mit Immigranten. Das müssen wir mit Weitsicht, Klugheit, Beharrlichkeit und Fairness regeln. Aber nicht mit Hass.

Das Buch Sarrazins, das ich gelesen habe, ist leider voll Hass und teilweise ziemlich töricht. Ich glaube, dass die von ihm in die Welt gesetzte These über die angebliche Minderwertigkeit muslimischer Menschen viele unserer muslimischen Mitbürger tief verletzt und verunsichert. Und dass sie unseren Ruf als weltoffenes Land gefährdet.

Die Äußerungen Sarrazins sind nicht nur rassistisch, sondern auch unchristlich. Ich möchte in keiner Kultur leben, die von Menschen wie Sarrazin geprägt ist. Es ist erstaunlich, dass man 75 Jahre nach der deutschen Katastrophe wieder mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus Millionär werden kann. Für mich sind unsere muslimischen Mitbürger grundsätzlich eine Bereicherung unserer Kultur.

Gibt es ein Leben nach der Demokratie?

Mit Leidenschaft und einer poetischen Sprache schreibt Arundhati Roy in ihrem neuen Buch “Aus der Werkstatt der Demokratie” (S. Fischer Verlag) über religiöse und politische Ausgrenzung, über kulturelle und wirtschaftliche Missstände und über den Zustand der Demokratie.

In was für einer Demokratie leben wir heute eigentlich? Was für Auswirkungen hat der ungezügelte Kapitalismus auf unsere Demokratie? Schon der Philosoph Peter Sloterdijk hat dies in seinem Buch „Weltinnenraum des Kapitals“ behandelt. Er beschreibt darin den sich abzeichnenden Veränderungsdruck des globalen Kapitals auf die nationalen Demokratien. Die Freiheitsspielräume, so Sloterdijk, gehen zunehmend verloren, und wir erleben nichts anderes als den Übergang zu postliberalen Formen: „Man hat die Wahl zwischen einem eher parteidiktatorischen Modus wie in China, einem staatsdiktatorischen Modus wie in der Sowjetunion, einem stimmungsdiktatorischen Modus wie in den USA und schließlich einem mediendiktatorischen Modus wie in Berlusconis Italien. Der Berlusconismus ist der europäische Testballon der neo-autoritären Wende.“

Arundhati Roy: „Kann etwas, was mutiert, wieder werden, was es einmal war?“

Arundhati Roy: „Kann etwas, was mutiert, wieder werden, was es einmal war?“

Mit der Frage, in was für einer Demokratie wir heute überhaupt leben, beschäftigt sich Arundhati Roy in ihrem neuen Buch „Aus der Werkstatt der Demokratie“. Die Frage nach einem Leben nach der Demokratie richte sich an alle, die bereits in einer Demokratie lebten oder in Ländern, die vorgeben, demokratisch zu sein. Diese Frage, so Roy, ziehe nicht darauf ab, dass wir auf ältere, verrufene Modelle totalitärer oder autoritärer Staatsführung zurückgreifen sollen. Sie soll vielmehr darauf hinweisen, dass das System repräsentativer Demokratie strukturelle Anpassungen bedarf.

In ihrem Essayband analysiert Arundhati Roy die wirklichen Verhältnisse in Indien, der „Lieblingsdemokratie der Welt“. Sie spricht über die religiöse und politische Ausgrenzung, über kulturelle wie wirtschaftliche Missstände im Subkontinent. Die Demokratie und die freie Martkwirtschaft sei heute zu einem einzigen Raubtier verschmolzen, dessen dürftige, beschränkte Phantasie nahezu ausschließlich um die Frage der Profitmaximierung kreise. „Kann etwas, was mutiert, wieder werden, was es einmal war?“, fragt Roy.

„Was wir heute brauchen, damit unser Planet überlebt“, schreibt Roy, „sind langfristige Visionen. Sind Regierungen, deren eigenes Überleben abhängig ist von sofortigem, kurzfristigem Gewinn, dazu in der Lage? Kann es sein, dass die Demokratie sich als das Endspiel der menschlichen Rasse erweisen wird?“

Die Aufsätze in diesem Buch enthalten keine Antworten auf diese Fragen, sondern demonstrieren nur die Tatsache, dass es so aussieht, als würde das Leuchtfeuer erloschen und die Demokratie vielleicht nicht länger jener verlässliche Garant für Gerechtigkeit und Stabilität sein, den wir uns erträumt haben, so Roy.

Die Aufsätze wurden über die Jahre geschrieben als dringliche Verlautbarungen zu kritischen Zeitpunkten in Indien, wie etwa während des vom Staat gedeckten Genozids an Muslimen in Gujarat. Die Aufsätze handeln nicht von bedauerlichen Anomalien oder Verirrungen des demokratischen Systems, sondern sie handeln von den Folgen von und für die Demokratie. Sie sind ein detaillierter Blick von unten auf spezifische Ereignisse, von dem Roy hoffe, das er einige Funktionsweisen der größten Demokratie der Welt bloßlege.

Indien war eins eine führende Nation der Bewegung der Blockfreien Staaten. Sehr schnell veränderte sie aber ihren Kurs und schloss sich rückhaltlos den Vereinigten Staaten an, „dem Monarchen der neuen unipolaren Welt“ (Arundhati Roy).

Die Hauptakteure dieser „neuen Weltordnung“ ändern nach Roy auch die Sprache, in dem bestimmte Terminologien oder Begriffe heute eine neue Bedeutung bekommen und die gezielt zu bestimmten Zwecken eingesetzt werden. „Freiheit“ etwa bedeute heute „Wahlfreiheit“. Sie habe weniger mit geistiger Freiheit zu tun als mit verschiedenen Deodorantmarken. „Markt“ sei nicht mehr der Ort, zu dem man geht, um einzukaufen. Der „Markt“ sei ein Raum ohne Territorium, in dem gesichtslose Konzerne Geschäfte machten. „Gerechtigkeit“ sei jetzt gleichbedeutend mit „Menschenrechten“, und davon, so Roy, reichten ein paar wenige. Dieser Sprachdiebstahl, diese Technik, sich Wörter anzueignen, um die eigenen Absichten zu verschleiern, sie so zu benutzen, dass sie das Gegenteil von dem bedeuteten, was sie traditionellerweise bedeutet hatten, sei nach Roy der brillianteste strategische Sieg der Zaren des neuen Zeitalters gewesen. Durch diesen Sprachraub habe man ihre Gegner marginalisiert, ihnen die Sprache weggenommen, in der sie ihre Kritik hätten vorbringen können. Vielmehr würden diese Gegner als „fortschrittfeindlich“, „wachstumsfeindlich“, „reformfeindlich“ und als „antinational“ abgestempelt.

Die Entwicklungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten habe in Indien eine große Mittelschicht geschaffen, die vollkommen berauscht sei von ihrem plötzlichem Wohlstand und dem damit einhergehenden unerwarteten Respekt. Arundhati Roy beschreibt die Kehrseite dieser Medaille. Sie schreibt von den Millionen Menschen, die enteignet wurden, und ihr Land infolge von Überschwemmungen, Dürren und Wüstenbildung verlassen mussten. Diese sind, betont Roy, die Folgen willkürlicher Umweltzerstörung und massiver Infrastrukturprojekte, wie etwa der Bau von Staudämmen, Förderanlagen für Bodenschätze und Sonderwirtschaftszonen. Das Argument, dass dies alles angeblich zugunsten der Armen erfolge, seit schlichtweg falsch. Vielmehr bediene es die steigende Nachfrage der neuen Aristokratie.

Es herrscht ein regelrechter Kampf um das Land in Indien. Der derzeitige Finanzminister Indiens, Chidambaram, verfolgt die Vision, dass 85 Prozent der indischen Bevölkerung in den Städten leben sollten. Woher diese „Vision“ kommt, ist unschwer zu erraten: Bevor Chidambaram Finanzminister wurde, war er Anwalt von Enron und Mitglied des Aufsichtsrats von Vedanta, eines multinationalen Bergbaukonzerns, der im Augenblick, so Roy, die Niyamgiri-Hügelkette in Orissa zerstöre. Nach Roy haben die Prozesse bereits eingesetzt, um die Vision zu verwirklichen. Indien verwandele sich immer mehr zu einem Polizeistaat, in dem Menschen, die ihr Land nicht freiwillig aufgeben, mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen werden. Dieser Vision liege das Vorhaben zugrunde, weite Landstriche und die gesamten natürlichen Ressourcen Indiens zur Plünderung durch Privatfirmen freizugeben. In Indien könne man von einem „Ökozid“ sprechen, schreibt Roy. Das Oberste Gerichtshof habe neulich angeordnet, dass Indiens Flüsse miteinander verbunden werden müssten wie ein künstliches Bewässerungssystem. Das Gericht begründet dieses Vorhaben mit der absurden Annahme, dass ein ins Meer fließender Fluss eine Verschwendung von Wasser sei. Arundhati Roy weist darauf hin, dass der Richter, der diese Entscheidung fällte, nach seiner Pensionierung – wie es der Zufall so will – Mitglied des Umweltrats von Coca-Cola wurde.

Besonders die indischen Bauern leiden unter dieser Situation. Da die landwirtschaftlichen Anbauflächen immer mehr unfruchtbar werden, geraten die Kleinbauern schnell in eine Schuldenfalle. Die Selbstmordrate unter den Bauern hat erschreckende Dimensionen erreicht. In den letzten Jahren sollen über 180 000 indische Bauern Selbstmord begangen haben. Obwohl die staatlichen Kornspeicher übervoll sein und Indien ein stabiles Wirtschaftswachstum vorweise, nähern sich die Zahlen der Hungertoten und Unterernährten denen von Schwarzafrika. Die auf Feudalismus und Kastenwesen basierende alte Gesellschaft Indiens, würde in diesem Vorgang der letzten Jahre durchgeschüttelt, so Roy. Dieser Vorgang habe allerdings die meisten der Ungleichheiten verstärkt und nicht beseitigt.

Arundhati Roy beschreibt in ihren Essays die zeigenössische Korrelation zwischen Einheit und Fortschritt, oder auch als Nationalismus und Wachstum bezeichnet. Dieser Zusammenhang zwischen „Einheit“ und „Fortschritt“ bezeichnet sie als die „unantastbaren Zwillingstürme der modernen Demokratie und der freien Marktwirtschaft. Die extremen Folgen davon könne man sehr gut an der rechtsgerichteten Bharatiya Janata Patei (BJP) in Indien festmachen. Die BJP viel Anfang der 90er Jahre durch ihre giftige Kampagne für den Hindu-Nationalismus auf. Sie hetzte etwa 1993 in Mumbai gezielt die Bevölkerung gegen die Muslime auf. Tausende Muslime kamen dabei ums Leben. Das war jedoch kein Einzelfall. In anderen Landesteilen kam es zu ähnlichen Unruhen. Nachdem die BJP 1998 die Regierung übernahm, stürzte sich die BJP begeistert auf die freie Marktwirtschaft und stellte sich mit ihrem ganzen Gewicht hinter riesige Firmen wie Enron, so Roy, obwohl sie im Wahlkampf die wirtschaftlichen Reformen der Vorgängerregierung als Akte der „Plünderung durch Liberalisierung“ dargestellt habe. Roy betont, dass es kein Zufall gewesen sei, dass die nationalistische Hindutva-Bewegung in dem historischen Augenblick erfolgreich war, als Amerika den Kommunismus als Erzfeind aufgab und mit dem Islam ersetzte.

In dem nicht erklärten Bürgerkrieg in Indien sind in erster Linie die indischen Muslime betroffen, aber zunehmend werden auch Christen und andere religiöse und politische Minderheiten verfolgt. In ihrer Eröffnungsrede für das 9. Literaturfestival in Berlin warnte kürzlich Arundhati Roy vor einer weiteren Eskalation der Lage. Neue Gesetze kriminalisierten jegliche – auch friedliche – Opposition. Zahlreiche Menschen seien bereits in Haft.

Wenn es uns nicht gelingt, diesen Bürgerkrieg zu stoppen“, so Arundhati Roy, „ werden zwei unterschiedliche Arten von Krieg konvergieren, die seit Jahrzehnten in Indien geführt werden: der „Antiterrorkrieg“ der indischen Armee gegen die Völker von Kaschmir, Nagaland und Manipur und der Krieg um Rohstoffe und natürliche Ressourcen, ein Prozess, der auch gern als „Fortschritt“ bezeichnet wird.“

© Eren Güvercin

“Wir leiden unter dem autoritären Regime Chinas”

Die Vorsitzende des Weltkongresses der Uiguren, Rebiya Kadeer, kritisiert im Gespräch mit Eren Güvercin die Unterdrückung der uigurischen Muslime und appelliert an die islamische Welt, die Uiguren in ihrem Freiheitskampf zu unterstützen.

Rebiya Kadeer: „Wir hoffen, dass in der muslimischen Welt erkannt wird, wie sehr wir unter dem autoritären, atheistischen Regime in China zu leiden haben.“

Frau Kadeer, wie stellt sich gegenwärtig die Situation in Xinjiang dar?

Rebiya Kadeer: Seitdem die chinesische Regierung Tausende Sicherheitskräfte in die Region Ost-Turkestan (Xinjiang) geschickt hat, ist die Situation für die Uiguren äußerst angespannt. Die Uiguren leben in ständiger Angst. Es ist, als lebten sie in einem einzigen großen Gefängnis.

Die Regierung in Peking beschuldigt die Uiguren des Terrorismus. Tatsächlich hat es in der Vergangenheit mehrere Bombenanschläge in Xinjiang gegeben. Wie stehen Sie zu diesen Anschuldigungen?

Kadeer: Da die Uiguren Muslime sind, begann die chinesische Regierung schon direkt nach dem 11. September 2001, den Widerstand der Uiguren gegen die brutale Herrschaft der Chinesen in Ost-Turkestan als Terrorismus zu brandmarken. In der Tat gab es vereinzelte Gewaltakte, doch gab es solche auch in anderen Teilen Chinas. Noch immer kann die chinesische Regierung keine überzeugenden Belege für eine angebliche Terrorgefahr vorlegen, die von den Uiguren ausgehen soll.

Steht diese neue Rhetorik tatsächlich mit den Angriffen vom 11. September 2001 und dem “Krieg gegen den Terror” in Zusammenhang?

Kadeer: Ja, das ist offensichtlich. Vor dem 11. September verfolgte die chinesische Zentralregierung die Uiguren als “Konter-Revolutionäre”, “Nationalisten” und “Separatisten”. Aber da wir Muslime sind, entschied man sich in Peking dafür, die tragischen Ereignisse des 11. Septembers propagandistisch auszunutzen und den “Krieg gegen den Terror” als Vorwand und Rechtfertigung für massive Angriffe auf die Uiguren zu gebrauchen.

Die Öffentlichkeit hat viel über die Unterdrückung der Tibeter erfahren, doch nicht über die Uiguren. Was sind die Gründe dafür?

Kadeer: Einer der wichtigsten Gründe hierfür ist, dass seine Heiligkeit, der Dalai Lama, bereits vor 50 Jahren vor der chinesischen Verfolgung ins Exil fliehen konnte und es ihm so möglich war, die westliche Öffentlichkeit mit der Situation im Tibet vertraut zu machen. Wohingegen die uigurischen Führer von den Sowjets und Chinesen getötet, weshalb es uns bis vor kurzer Zeit nicht gelang, der Welt von unserem Leid zu berichten. Zudem erscheint der Buddhismus dem Westen nicht erst seit dem 11. September 2001 in einem positiveren Licht als der Islam.

Inwiefern werden die uigurischen Muslime in China unterdrückt?

Kadeer: Das Leiden der uigurischen Muslime manifestiert sich auf vielen Ebenen – politisch, sozial, kulturell und religiös. Es gibt eine weit verbreitete Diskriminierung und Benachteiligung im Bildungssystem, im Arbeitsleben und bei der Gesundheitsversorgung. In China werden Uiguren praktisch wie potenzielle Verbrecher oder Terroristen angesehen.

Stehen Sie in Kontakt zum Dalai Lama? Könnten die unterdrückten Minderheiten in China zusammen nicht mehr erreichen als allein?

Kadeer: Ja, von Zeit zu Zeit spreche ich mit seiner Heiligkeit. Ich glaube tatsächlich, dass wir gemeinsam mehr bewirken können, als wenn jeder für sich allein eintritt.

Was erwarten Sie von der internationalen Staatengemeinschaft?

Kadeer: Die internationale Staatengemeinschaft sollte den Druck auf China erhöhen, um die seit 60 Jahren bestehende Unterdrückung der Uiguren, Tibeter und anderer religiöser und ethnischer Minderheiten durch das autoritäre Regime zu beenden. Die chinesische Regierung sollte dazu aufgerufen werden, einen friedlichen Dialog zu beginnen, in dem die Frage Ost-Turkestans genauso behandelt wird wie die tibetische.

Haben die Uiguren aus der muslimischen Welt Unterstützung erhalten?

Kadeer: Diese Unterstützung gab es vereinzelt und nur bis zu einem gewissen Grad. Wir hoffen, dass die muslimischen Länder und Völker uns noch mehr helfen. Und wir hoffen auch, dass in der muslimischen Welt erkannt wird, wie sehr wir unter dem autoritären, atheistischen Regime in China zu leiden haben. Die Verfolgung von Muslimen in China ist derzeit fast größer als in jedem anderen Land. Deshalb ist es dringend geboten, dass die muslimischen Völker und Regierungen ihren leidenden uigurischen Glaubensbrüdern beistehen.

Sie waren eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau in China, sogar eine Abgeordnete im Kongress. Wie kam es, dass Sie dann eine entschiedene Gegnerin des kommunistischen Regimes wurden?

Kadeer: Das kommunistische Regime versuchte mich als Marionette zu missbrauchen, um ihre brutale Unterdrückung der uigurischen Muslime zu legitimieren. Als ich nicht die Rolle spielte, die sie mir zugedacht hatten, landete ich für sechs Jahre im Gefängnis und die Regierung hat mich nun zu ihrem schlimmsten Feind und sogar zur Terroristin erklärt.

Einige Ihrer Familienmitglieder leben noch in China. Haben Sie noch Kontakt zu ihnen?

Kadeer: Seit dem vergangenen Massaker vom 5. Juli habe ich jeden Kontakt zu meiner Familie verloren. Ich bete zu Allah, dass sie alle wohlauf sind, doch ich kann mir dessen nicht sicher sein, da die Regierung sie bereits seit langem überwacht.

Wie bleiben Sie auf dem Laufenden über das, was in Xinjiang passiert? Gibt es noch Möglichkeiten, an verlässliche Informationen zu kommen?

Kadeer: Ich erhalte Informationen von Uiguren, die in Ost-Turkestan leben und ins Ausland reisen. Ich bekomme auch häufig Anrufe und E-Mails von Uiguren, die mich mit detaillierten und glaubwürdigen Berichten über die Verfolgung der Uiguren informieren.

Eren Güvercin

© Qantara.de 2009


http://de.qantara.de/webcom/show_article.php?wc_c=468&wc_id=1215


Übersetzung aus dem Englischen von Daniel Kiecol

Tibets Schicksalsgenossen

Die Unterdrückung der Tibeter sollte uns auch für die Unterdrückung weiterer ethnischer Gruppen in China sensibilisieren – doch wird diese im öffentlichen Diskurs meist ausgeblendet. Das erschütterndste Beispiel ist die Lage der Uiguren in Ostturkestan.

Perlentaucher: Heute in den Feuilletons, 09.07.2009


http://www.perlentaucher.de/feuilletons/2009-07-09.html

Eren Güvercin erklärt in seinem Blog grenzgängerbeatz einige Hintergründe zu den Protesten der Uiguren. Harsch kritisiert er die chinesische Bevölkerungspolitik: “Die chinesische Regierung führt bei den muslimischen Uiguren auch eine strenge Geburtenkontrolle durch, um so das natürliche Anwachsen der Uigurischen Bevölkerung aufzuhalten. Menschenrechtsorganisationen berichten auch von zahlreichen erzwungenen Abtreibungen und sogar von Todesfällen in diesem Zusammenhang.”

"Meine langfristige Hoffnung ist, dass die internationale Gemeinschaft unsere Angelegenheit gleich behandelt wie die der Tibeter." (Foto: Matthias Kehrein/ETD)

"Meine langfristige Hoffnung ist, dass die internationale Gemeinschaft unsere Angelegenheit gleich behandelt wie die der Tibeter." (Foto: Matthias Kehrein/ETD)

Viel wurde vor den Olympischen Spielen letztes Jahr über die Menschenrechtslage in China diskutiert. Forderungen nach einem Boykott der Olympischen Spiele in Peking wurden laut. Prominente weltweit setzen sich regelmäßig medienwirksam für die Tibeter ein, die seit Jahrzehnten vom kommunistischen Regime in Peking unterdrückt werden. Wie berechtigt und richtig diese Debatte auch ist, ist es schon eigenartig, dass das Tibetproblem klar angesprochen wird, aber mindestens ebenso massive Menschenrechtsverletzungen an anderen Minderheiten in China gar nicht zur Sprache kommen. Als objektiver Beobachter wird man den Eindruck nicht los, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird.

Nun erreichen uns heute Nachrichten von schweren Unruhen aus der Provinz Xinjiang. Bei Zusammenstößen zwischen muslimischen Uiguren und Chinesen sollen in der nordwestchinesischen Unruheprovinz nach Meldungen von Nachrichtenagenturen etwa 140 Menschen ums Leben gekommen sein.

In Xinjiang gibt es schon seit Jahren eine Unabhängigkeitsbewegung unter den etwa acht Millionen Uiguren. Wie in Tibet versucht die chinesische Regierung in der Provinz Xinjiang im Nordwesten des Landes die Uigurische Bevölkerung durch “Umsiedlungsmaßnahmen” zu assimilieren. Offiziell wird Ostturkestan, wo die meisten muslimischen Uiguren leben, als “Autonome Uigurische Region Xianjiang” bezeichnet, allerdings existiert keinerlei Uigurische Selbstverwaltung. Seit Jahrzehnten werden systematisch Han-Chinesen in Ostturkestan angesiedelt, um so die Uigurische Bevölkerung zu dezimieren und die Provinz in eine rein chinesische zu verwandeln. 1949 lebten gerade mal 300.000 Chinesen in Xianjiang, heute sind es fast 10 Millionen. Ein Ergebnis der so genannten “Umsiedlungsmaßnahmen”. Die systematische Ansiedlung von Han-Chinesen stößt bei der seit Jahrhunderten ansässigen Bevölkerung in der Autonomen Region Xinjiang, die die Uiguren selbst als Ostturkestan bezeichnen, auf immer mehr Ablehnung und Kritik. Schon heute ähneln die Städte Ostturkestans und Tibets mit ihren breiten Straßen und modernen Häuserblocks architektonisch immer mehr chinesischen Städten und verlieren ihren besonderen kulturellen Charakter. Ihr architektonischer Niedergang ist symptomatisch für die wachsende Bedrohung der traditionellen Kultur ihrer einheimischen Völker.

Die chinesische Regierung führt bei den muslimischen Uiguren auch eine strenge Geburtenkontrolle durch, um so das natürliche Anwachsen der Uigurischen Bevölkerung aufzuhalten. Menschenrechtsorganisationen berichten auch von zahlreichen erzwungenen Abtreibungen und sogar von Todesfällen in diesem Zusammenhang. Nach einem Bericht der Gesellschaft für bedrohte Völker werden Moscheen und Koran-Schulen willkürlich geschlossen, religiös und kulturell bedeutende Schriften und Bücher öffentlich verbrannt, das Feiern muslimischer Feste wird untersagt, Imame werden zur Teilnahme an Umerziehungskursen der Kommunistischen Partei gezwungen.

Ausrottung einer Kultur

Auch die ökologische Lage in Ostturkestan ist katastrophal. Das chinesische Militär führt auf dem Versuchsgelände in Lop Nor in Ostturkestan unverändert Atomtests durch. Seit 1964 wurden dort über 45 Atomversuche durchgeführt. Beobachter sprechen von gesundheitlichen Problemen aufgrund dieser Atomversuche und von zahlreichen Toten.

Wer sich für die Bewahrung der traditionellen Kultur und für Menschenrechte in Ostturkestan einsetzt, gilt als Unterstützer des “Terrorismus”.

Wer sich für die Bewahrung der traditionellen Kultur und für Menschenrechte in Ostturkestan einsetzt, gilt als Unterstützer des “Terrorismus”.

Die Lage in Ostturkestan ist sehr angespannt, besonders zwischen den einheimischen Uiguren und den zugewanderten Han-Chinesen kommt es häufiger zu Unruhen. Willkürliche Festnahmen und Deportationen sind an der Tagesordnung. Jegliche religiöse und kulturelle Aktivitäten von Uiguren werden unterbunden. Im Fastenmonat Ramadan wurden 1997 hunderte junge muslimische Gläubige von chinesischen Sicherheitskräften festgenommen, weil sie sich zum gemeinsamen Fastenbrechen und Gebet versammelt hatten. Es kam zu heftigen Protesten seitens der Bevölkerung, die die Freilassung der jungen Uiguren forderten. Die chinesische Polizei reagierte mit “harter Hand”. Die Gesellschaft für bedrohte Völker berichtete von über 100 Toten und zahlreichen Verletzten. Mindestens 52 Uiguren wurden aufgrund ihrer mutmaßlichen Beteiligung an den Unruhen zum Tode verurteilt und hingerichtet. In Schnellverfahren oder in Schauprozessen, die allen rechtsstaatlichen Grundsätzen eines Gerichtsverfahrens widersprachen, wurden die Urteile gegen die Angeklagten verhängt. Die Vollstreckung der Todesurteile gegen fünf weitere Personen wurde aufgeschoben, mindestens 90 Uiguren wurden zu meist langjährigen Haftstrafen verurteilt. Bis zu 14 Inhaftierte starben aufgrund der Folter in der Haft. Den Angehörigen der Folteropfer, Hingerichteten und Erschossenen wurde die Herausgabe der Leichen und eine angemessene Bestattung ihrer Toten verweigert.

Per Erlass wurde die Bevölkerung unter Androhung drakonischer Strafen aufgefordert, absolutes Stillschweigen über den Verlauf der Unruhen zu wahren. Wer dagegen verstieß und Journalisten Informationen über den tatsächlichen Hergang des Massakers zur Verfügung stellte, wurde zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Willkürliche Gewalt

Laut der Gesellschaft für bedrohte Völker ist keine andere ethnische Gruppe in China so massiver und willkürlicher Gewalt der Sicherheitskräfte ausgesetzt wie die Uiguren. “So wurden seit Mitte der 90er-Jahre im Rahmen der ,Schlag hart zu’- Kampagne der Sicherheitskräfte mehr als 700 Todesurteile aus politischen Gründen gegen Uiguren verhängt und vollstreckt. Im gleichen Zeitraum wurde in Tibet ein Tibeter zum Tode verurteilt”, stellt die GfbV fest.

Die willkürliche Gewalt richtet sich nicht gegen Einzelpersonen, sondern gegen die gesamte Bevölkerungsgruppe der Uiguren. So werden in Xinjiang Menschen allein aufgrund ihrer ethnischen Abstammung verfolgt, und nicht nur aufgrund konkreter Straftatbestände. Wer sich für die Bewahrung der traditionellen Kultur und für Menschenrechte in Ostturkestan einsetzt, gilt als Unterstützer des “Terrorismus” und wird mit jahrelanger Haft oder sogar mit der Hinrichtung bestraft. Dies gilt auch für Uiguren, die im Ausland um politisches Asyl ersuchten oder sich für Menschenrechte für Uiguren einsetzten. Mehrfach wurden seit dem Jahr 2004 uigurische Flüchtlinge, die aus zentralasiatischen Staaten oder Pakistan nach China abgeschoben worden waren, in unfairen Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Laut der GfbV versucht China seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 seine blutige Repression in Xinjiang als Chinas Beitrag zum weltweiten Kampf gegen den Terrorismus darzustellen. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, viele Regierungen in aller Welt und Menschenrechtsorganisationen haben diese Darstellung jedoch zurückgewiesen und China vorgeworfen, den Antiterror-Kampf für seine eigenen politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Es seien hausgemachte Probleme, die China in Xinjiang habe, die keinen Bezug zum Erstarken des internationalen Terrorismus hätten, betonen Experten.

Trotz der massiven Repression seitens chinesischer Sicherheitskräfte gibt es Uigurische Menschenrechtler, die versuchen, die Welt auf die Lage ihrer Landsleute aufmerksam zu machen. Die bekannteste ist die Menschenrechtlerin und Autorin Rebiya Kadeer. Sie saß einige Jahre in chinesischen Gefängnissen wegen “Verrats von Staatsgeheimnissen” und lebt seit ihrer Haftentlassung 2005 im Exil. Sie wurde drei Mal in Folge für den Friedensnobelpreis nominiert. „Meine langfristige Hoffnung ist,“, sagt Rebiya Kadeer, „dass die internationale Gemeinschaft unsere Angelegenheit gleich behandelt wie die der Tibeter.“

Es bleibt zu hoffen, dass die Weltöffentlichkeit die Augen vor den massiven Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang nicht verschliesst, auch wenn im Gegensatz zu Tibet hier Hollywoodstars sich nicht medienwirksam für die Rechte der unterdrückten Menschen in Osttürkestan einsetzen.

Enttäuschender Ehrengast

Die Erwartungen auf die diesjährige Frankfurter Buchmesse waren besonders unter den in Deutschland lebenden Türken sehr groß. Denn in diesem Jahr ist die Türkei Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Unter dem Motto „Türkei – Faszinierend farbig“ steht die Türkei im Mittelpunkt. Der Auftritt der Türkei war eine einmalige Gelegenheit, die gesamte Bandbreite türkischer Literatur, das historische Kulturerbe sowie die modernen Facetten des Landes einem breiten Publikum zu präsentieren, denn mit mehr als 7000 Ausstellern aus über 100 Ländern ist die Frankfurter Buchmesse die größte Buchmesse der Welt.

Die Pressemitteilung der Organisatoren hatte Hoffnung auf vieles gemacht. Es war von einer Präsentation auf einer Fläche von 4000 Quadratmetern die Rede, und von rund 100 türkischen Verlagen. Die Ehrenpräsentation habe das Ziel, das in vielen Teilen noch unbekannte historische Erbe und die Potenziale der modernen Türkei international bekannter zu machen.

Orhan Pamuk mit Staatspräsindent Gül und Außenminister Steinmeier (© Frankfurter Buchmesse)

Orhan Pamuk mit dem türkischen Staatspräsidenten Gül und Bundesaußenminister Steinmeier (© Frankfurter Buchmesse)

Nach einem Besuch der Buchmesse muss man aber feststellen, dass dies nicht gerade gelungen ist. Zwar sind zahlreiche Verlage aus der Türkei auf der Buchmesse vertreten. Die Stände der unterschiedlichsten Verlage präsentieren sich nur sehr ungenügend. Im Vergleich zu Verlagen aus Italien oder dem asiatischen Raum, fällt die der Verlage aus der Türkei sehr dürftig aus. Die türkischen Verlage haben sich sowohl inhaltlich als auch optisch schlecht präsentiert. Die Präsentation als Ehrengast der Buchmesse im Forum Ebene 1 wirkt ideenlos und inhaltsarm. In einer Ausstellung werden lediglich die bekanntesten türkischen Autoren kurz vorgestellt, und einige Bücher konnten als Ausstellungsstücke eingesehen werden.

Interessanter ist jedoch das Rahmenprogramm begleitend zur Buchmesse. Im Gegensatz zum Auftritt der türkischen Verlage, bietet das Rahmenprogramm dem Besucher interessante Einblicke in verschiedene Aspekte der Türkei. Dabei werden auch die Probleme der Gegenwart in der türkischen Gesellschaft zum Ausdruck gebracht. Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk etwa beklagte die fortdauernde Behinderung schriftstellerischer Tätigkeit in seiner Heimat. Heute noch werde trotz zahlreicher Reformen Druck auf Autoren und Journalisten ausgeübt. „Der Hang des Staates zu bestrafen, hält immer noch an“, so Pamuk zur Eröffnung der Buchmesse. Der türkische Staatspräsident Gül, der zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse anwesend war, bedankte sich bei Orhan Pamuk für seine Bücher. Er hob in seiner Rede zur Eröffnung hervor, dass „unsere Diversität uns stärker macht“. Staatspräsident Gül sagte, Einschränkungen und Druck, denen Schriftsteller und Bücher ausgesetzt gewesen seien, „haben mit der Zeit abgenommen oder sind gänzlich verschwunden“. Die Türkei habe dank der in den letzten Jahren beschleunigten wirtschaftlichen und politischen Reformen „die Kriterien der Europäischen Union auf den Gebieten der Meinungs- und Redefreiheit sowie der Achtung der kulturellen Vielfalt in großem Maße verwirklicht“.

Die diesjährige Buchmesse ist vor allem für die zahlreichen deutschen Autoren mit türkischem Hintergrund etwas besonderes. Für den in Kiel lebenden Schriftsteller Feridun Zaimoglu zum Beispiel ist es etwas ganz besonderes. „Es hat für mich eine sehr emotionale Bedeutung, dass die Türkei Gastland wird. Das bedeutet mir wegen meiner Eltern natürlich sehr viel.“

Der Buchmesse-Auftritt der Türkei wird von Zaimoglu jedoch kritisiert. „Ich sehe hinter der Präsentation, hinter der Oberfläche nichts“, sagte der 43-Jährige in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. „Hier hat ein Land, also die Türkei, versucht, bloß nicht den Eindruck zu erwecken, dass man vielleicht orientalisch ist.“ Man könne sich die kulturelle Präsentation auf der Messe ansehen oder es auch sein lassen.

Von den „Festreden“, wie die von Orhan Pamuk oder dem Staatspräsidenten Gül, solle man sich nicht beeindrucken lassen. Die Einladung von Gastländern sei „eine Art touristische Maßnahme“, meinte der Autor. „Egal welches Land Gastland ist, man muss einfach mal auf den Völkerverständigungsquatsch verzichten.“ Auf die Frage, ob die Einladung der Türkei zur Integration der Türken in Deutschland beitragen könne, sagte Zaimoglu, der Beitrag sei gleich „null“. „Wer das Gegenteil behauptet, ist ein Traumtänzer und redet groben Unfug daher.
Seine Favoritin unter den türkischen Schriftstellern ist Elif Shafak, sie schreibe die interessantesten Istanbul-Romane überhaupt: „Man kann das pralle Leben gewissermaßen bebildern, indem man – wie in ‘Bonbonpalast’ (Shafaks jüngstem Roman) – die Menschen, diese normalen skurrilen Menschen, diese normalen skurrilen Begebenheiten zu Papier bringt.