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“Ich bin ein gut gelaunter Deutscher!”

Feridun Zaimoglu: "Ich bestehe darauf, dass man die Männer und Frauen der ersten Generation - der goldenen Generation - bitte schön mit Respekt behandeln mag."

Feridun Zaimoglu: "Ich bestehe darauf, dass man die Männer und Frauen der ersten Generation - der goldenen Generation - bitte schön mit Respekt behandeln mag."

Eren Güvercin: Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 hieß es, dass die deutsche Nationalmannschaft mit Spielern wie Mesut Özil, Jérôme Boateng und Sami Khedira zum ersten Mal die gesamte Gesellschaft widerspiegele. Ist tatsächlich angekommen, dass Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft ist?

Feridun Zaimolu: Zunächst einmal: Fußball ist Fußball. Ich bin etwas ratlos, wenn ich die Schriften der Euphoriker lese, die sagen, früher war der deutsche Fußball hölzern, und jetzt ist alles anders und besser. Seltsam, dass Deutschland in der Vergangenheit dennoch so viele Pokale mit nach Hause gebracht hat. So hölzern kann dieser Fußball ja dann nicht gewesen sein. Wir erinnern uns, vor zehn oder zwölf Jahren fing das Lamento an: Der deutsche Fußball sehe nicht die Zeichen der Zeit und setze nicht auf Nachwuchskräfte. Das hat der Deutsche Fußballbund (DFB) nun getan. Denn es geht nicht darum, dass herkunftsfremde Deutsche jetzt auf dem Fußballplatz mitspielen dürfen, sondern selbstverständlich um gute Fußballer. Dieses Mal hatte man auf gute Nachwuchskräfte gesetzt, sowohl auf herkunftsfremde Deutsche als auch auf junge deutschstämmige Deutsche. Ich bin ein glühender Deutschlandfan. Als Salonhooligan bin ich es mir schuldig, und als solcher habe ich auf dem Fußballfeld bis auf das Spiel gegen Serbien und das wirklich krachend enttäuschende Spiel gegen Spanien guten Fußball und gute Fußballer gesehen. Natürlich freue ich mich, wenn darunter gute Leute sind, die hier geboren und aufgewachsen sind. Das weist natürlich nur in eine gute Richtung. Aber ich bitte darum, das mit der Repräsentationspolitik nicht zu übertreiben.

Sie werden oft als Beispiel einer gelungenen Integration genannt. Wieso lief es bei Ihnen so gut?

Ich bin ein Schreiber. Wenn man von Erfolg und Ankunft im Zusammenhang mit mir spricht, dann darf man die Verzweiflung und Erfolglosigkeit meiner Jahre, bevor das mit den Büchern anfing, natürlich nicht verschweigen. Ich bin ein doppelter Studienabbrecher, ich habe keine Ausbildung, und ich bin ganz sicher kein glänzendes Vorbild für andere Menschen. Außerdem ist es eine Frage des Taktes, dass man sich nicht ins Spiel bringt, um dann zu sagen: Seht her, ich habe es anders gemacht, und wenn ihr auf meinen Spuren wandelt, so wird euch auch alles gelingen. Ich bin eher ein Paradebeispiel dafür, wie alles misslingen kann, dass man eben nicht Menschen mit technischen Begriffen beikommen kann. Das Wort “Integration” stammt aus dem Technokraten-Jargon, und ich kann damit herzlich wenig anfangen. Wofür ich stattdessen eintrete ist, dass man bitte schön nicht zu feige sein soll, um von Deutschland als seiner Heimat zu sprechen.

Auf der einen Seite haben wir bedauernswerte Populisten, die (Überfremdungs-)-Ängste schüren. Schwätzer von diesem Schlage wird es auch in Zukunft geben. Ich bestehe aber darauf, dass die Geschichte der Einwanderung in Deutschland eine Erfolgsgeschichte ist. Ich bestehe darauf, dass man die Männer und Frauen der ersten Generation – der goldenen Generation – bitte schön mit Respekt behandeln mag. Ich bestehe darauf, dass Populisten und Menschen, die abfällig daher reden und auch noch von sich behaupten, dass sie mutig seien, mit Verachtung gestraft werden.

Ich bestehe aber auch darauf, weil es die Realitäten Deutschlands widerspiegelt, dass herkunftsfremde Deutsche, die hier aufgewachsen sind, doch bedenken mögen, dass Deutschland ihr Land und ihre Heimat ist. Im Grunde genommen sind sie auch Deutsche. Die kurdisch-, türkisch- und anderen fremdstämmigen Deutschen brauchen kein Vorbild. Sie sind zu klug, um sich an den Realitäten und Fakten des Lebens zu orientieren, und nicht an einem Filmemacher, Schriftsteller oder einer Nachrichtensprecherin. Das haben sie gar nicht nötig.

Sind Begriffe wie Multikulturalismus oder Integration längst überholte Begriffe, wie der Migrationsforscher Mark Terkessidis in seinem Buch “Interkultur” ausführt? Sie beispielsweise wurden zu Anfang Ihrer Schriftstellerlaufbahn der “Migrantenliteratur” zugeordnet.

Es ist mir eine große Freude zu sehen, dass die Technokraten, die das Leben ideologisch verkrümmen, und die Populisten und Hysteriker der Wirklichkeit hinterher hecheln. Man kann es natürlich tun. Man kann in seiner warmen Stube hocken und auf eine bestimmte Klientel schielen, und dann anfangen zu fluchen. Man kann Menschen, die sich zunächst einmal nicht wehren können, denunzieren. Das ist eine Frage des Niveaus und sei jedem freigestellt.

Heißt das, man muss sich von dieser Terminologie lösen, um die Debatte in eine andere, positivere Richtung zu lenken?

Es ist tatsächlich so, dass die jungen Männer und Frauen nicht nur aufgehört haben, Migranten zu sein, sondern dass man bei ihnen die Zuschreibung “herkunftsfremd” auch streichen kann. Man darf einen Fehler nicht begehen: Man darf nicht versuchen, mit den Begriffen aus dem Soziologie-Seminar und den Redaktionsstuben Phänomene der sogenannten Unterschicht begreifen zu wollen. Das ist ein großer Fehler, und ich sehe seit 20 Jahren, dass dieser Fehler bewusst oder unbewusst begangen wird, um zu bestimmten Schlüssen zu kommen.

Was sind das für Schlüsse? Die Türken können nichts! Wenn man von Ausländern spricht, dann meint man eigentlich die Türken. In den vergangenen Jahren wurde das Fremde mit dem Begriff “Moslem” kodiert. Also man meint den Türken oder Moslem, wenn man Ausländer sagt. Dann sagt man, diese Leute sind nicht angekommen, diese Leute können nichts, sie seien dumm und wollten sich abschotten. In jeder Szene und Schicht der deutschen Gesellschaft, in jeder Klasse gibt es Menschen, die sich abschotten. Wenn man von Abschottungspolitik spricht, dann sollte man sich nicht an die fremdstämmigen Deutschen halten, sondern eher an die Großbürger, also an die Spitzen der Gesellschaft. Da lernt man, was Abschottungspolitik ist. Auf die einfachen Menschen, das einfache Volk einzudreschen, hat eine lange Tradition. Ich bin nicht willens darauf einzugehen. Tatsächlich sollte man auch nicht mehr versuchen, mit den alten Dickköpfen zu sprechen. Das langweilt mich, und das langweilt vor allem die Menschen da draußen. Es ist so oft gesagt worden: Es ist ein soziales Problem und kein kulturelles. Wenn man, statt auf die eigentlichen ökonomischen und sozialen Probleme Deutschlands hinzuweisen, die Diskussion kulturalisiert, dann ist das lumpig. Deutschland ist viel weiter.

Sie bezeichnen sich als Deutscher und Kiel als Ihre Heimat. Vor kurzem wurden Sie von einem Schriftstellerkollegen als “Ärmelschonerliterat” bezeichnet: Sie würden sogar Gartenzwerge sammeln, damit man bloß nicht auf die Idee komme, dass Sie kein Deutscher sind.

Als ich das las, war ich sehr erschrocken, weil bei mir in der Küche ein Mehlsack umfiel. Es ist seltsam, dass ich in der Vergangenheit ausgerechnet von Menschen, von denen man eine gewisse Einsicht erhofft, heftige Nackenschläge bekam. Es geht hier um mein Selbstverständnis, es geht mir nicht darum, mich zu verkleiden, um dann in den Augen der Menschen besser dazustehen. Im Grunde genommen lache ich nur noch darüber. Das ist ja nicht das erste Mal, dass man es mit einer Denunziation versucht und glaubt, mich treffen zu wollen. Ich grinse nur, und das ist keine Koketterie. Ich sage da nur, jeder kann machen, was er will. Man kann das lustig finden, man kann das lächerlich finden, man kann sogar mich als eine lächerliche Figur ansehen, nur Fakt bleibt: Ich bin ein gut gelaunter Deutscher!


http://www.bpb.de/publikationen/3QNA9T,0,0,Ein_Teil_Deutschlands_mit_etwas_mehr_Farbe.html#art0

Gewalt in Kunst verwandeln

Neco Çelik ist als Sohn türkischer Gastarbeiter in Berlin-Kreuzberg groß geworden. Seine Biographie liest sich wie ein Film: vom Gangmitglied zum Film- und Theaterregisseur. Die US-amerikanische Zeitschrift “Vanity Fair” bezeichnete ihn gar als den “Spike Lee Deutschlands”. Neco Çelik ist ein Vorbild für viele Jugendliche, die von Integrationsexperten gerne als perspektivlos bezeichnet werden. Trotz seines erstaunlichen Werdegangs vergisst Çelik seine Jungs (und Mädels) nicht und arbeitet immer noch ehrenamtlich im Kreuzberger Jugendzentrum Naunyn Ritze. Seine Eltern kamen 1967 als Gastarbeiter nach Deutschland. Als zweitjüngster von fünf Geschwistern wuchs er in Kreuzberg auf. Über seine Kindheit sagt er: “Hier wächst man in einer türkischen Umgebung auf. Es war zu jener Zeit eine kaputte Gegend, direkt an der Berliner Mauer. Für uns Kinder war das eine aufregende Zeit, für die Erwachsenen ist es ein armes Leben gewesen. In so einer Umgebung hat die Schule keine große Rolle für mich gespielt.”

Neco Celik (links): ""Arbeiten und arbeiten und diese Hoffnung hegen, wir werden zurückkehren und dann unser wahres Leben leben. Bullshit!"

Neco Celik (links): "Arbeiten und arbeiten und diese Hoffnung hegen, wir werden zurückkehren und dann unser wahres Leben leben. Bullshit!"

Er beobachtete die “Gastarbeitergeneration” und entwickelte Unbehagen gegenüber einem Leben, das für ihn in vielerlei Hinsicht falsch “eingerichtet” zu sein schien: “Ich konnte es nicht glauben. Ich bin extra mit meinen Eltern zu den Nachbarn, zu denen ich nie gehen wollte, und habe geguckt, ob sie dieselben Möbel hatten. Sie hatten den beschissenen selben Schrank und den beschissenen selben Teppich. Die, die sich davon lösen konnten, haben erstmal begriffen, was Leben bedeutet”, sagt Neco Çelik. Sie seien nur mit ihrem Leben beschäftigt gewesen: “Arbeiten und arbeiten und diese Hoffnung hegen, wir werden zurückkehren und dann unser wahres Leben leben. Bullshit! Man war sozusagen in einem sozialen Gefängnis, so eine Herde von Schafen, die bloß nicht ausscheren durften, um etwas zu verändern.” Er brach die Schule ab und wurde Mitglied in der berüchtigten Straßengang 36 Boys, deren Anführer er auch war. “Das hatte etwas mit Haltung zu tun, mit Intelligenz – und mit einem Talent zur Schauspielerei. 90 Prozent hier auf dem Kiez sind Schauspielerei, Effekthascherei und MTV.” Sie seien damals Jugendliche gewesen, die mit sich nichts anfangen konnten und jede Menge Energie hatten. “Wir lungerten an den Ecken herum und waren der Meinung, dass wir besser sind als die anderen, die ebenfalls an den Ecken rumlungerten. Wir haben uns als intellektuelle Kriminelle gesehen. Es gab unter uns auch Gedichteschreiber!”

Bald begann Neco Çelik durch Graffiti und Rap seine Wut in Kunst zu verwandeln. Dies sei einfach gewesen, da laut Çelik Gewalt und Kreativität sehr nah beieinander lägen. Er holte seinen Schulabschluss nach und machte im Jugendzentrum Naunyn Ritze eine Ausbildung zum Medienpädagogen. Das Filmhandwerk brachte er sich selber bei. Im Jahr 2003 drehte er seinen ersten SpielfilmUrban Guerillas , der die Wut und die Träume der “Ghetto-Kids” behandelt. Fast alle Schauspieler in diesem Film waren Laien, alte Freunde von der Straße. “Ich nehme sie mit auf meinen Weg”, sagt Çelik.

Mittlerweile hat er drei Spielfilme gedreht und Erfahrung als Theaterregisseur gesammelt. “Ein Theaterstück zu inszenieren, war für mich schon immer ein geheimer Wunsch gewesen. Als man mir Feriduns Stück Schwarze Jungfrauen angeboten hat, habe ich sofort ‘ja’ gesagt.” Zu seiner Theaterpremiere hatte Çelik damit ein Stück zu inszenieren, das es in sich hat; es schockierte viele Theaterbesucher. “Der Inhalt des Textes ist extrem, extrem stark”, führt Neco Çelik an. “Die Leute sind wirklich von ihren Stühlen gefallen. Sie konnten nicht glauben, dass jemand so etwas sagen kann. Sie sind von diesen Frauen erschüttert. Das beweist, dass das, was sie sagen, in der Öffentlichkeit überhaupt nicht vorkommt.”

Dieses Theaterstück ist ein ausgesprochen böses Echo aus muslimischer Sicht auf die zunehmende Islam-Hysterie der hiesigen Gesellschaft. Es handelt von zehn jungen muslimischen Frauen: “Diese jungen Frauen sind keine Ja-Sager, keine Ängstlichen, keine Ungebildeten, keine Gutmensch-Frauen. Sie sind zornige, starke, coole, witzige und mutige Musliminnen, die das Wort ergreifen, ohne Punkt und Komma im Angesicht des Publikums ihre persönlichen Geschichten oder Meinungen vortragen. Manchmal ist es vulgär, manchmal radikal kompromisslos. Und das ist gut so.”

Mittlerweile hat Neco Çelik im Ballhaus Naunynstraße schon bei einigen Theaterstücken Regie geführt. Künstlerische Leiterin des Ballhauses ist Shermin Langhoff. Im November 2008 wurde das Ballhaus mit dem Theaterfestival Dogland wiedereröffnet. Initiator und Träger des neuen Konzepts an der kommunalen Spielstätte ist der Verein “kulturSPRÜNGE”, ein Netzwerk von Kulturschaffenden der zweiten und dritten Migrantengeneration, das Langhoff 2003 initiierte und zu dessen Unterstützern und Protagonisten Fatih Akin, Neco Çelik, Feridun Zaimolu, die Schauspielerin Idil Üner, der Rapper Ceza und viele andere Kulturschaffende gehören. “Diese Spielstätte ist aus der Feststellung entstanden, dass es hier ein kulturelles Kapital gibt, das überhaupt nicht gefördert wird”, betont Langhoff. “Mein Anspruch ist es, vor allem migrantischen Künstlern aus der zweiten und dritten Generation ein Forum zu geben, um neue Geschichten aus neuen Perspektiven zu erzählen.”

Durch junge Talente wie dem Regisseur Neco Çelik oder dem Schauspieler Erhan Emre hat das Ballhaus Möglichkeiten, die sich andere Theater erst mühsam aufbauen müssen: Durch Çeliks Tätigkeit in der Jugendeinrichtung Naunyn Ritze (direkt gegenüber des Ballhauses) eröffnen sich etwa Möglichkeiten für Projekte zur kulturellen Bildung der Jugendlichen in Kreuzberg. Aber die kulturelle Bildung ist nur ein Teil der Arbeit: “Wir wollen zwar soziale Fragestellungen einbeziehen, aber über die soziokulturellen Momente des klassischen Migrationstheaters hinausgehen und neue Wege einschlagen”, erklärt Langhoff. Sie bezeichnet das Ballhaus als “postmigrantisch”. Postmigrantisch umfasse dabei vor allem die Geschichten und Perspektiven derer, die selbst nicht mehr migriert seien, den Migrationshintergrund aber als Wissen mitbringen. “Man bewegt sich mit diesen Selbst- und Fremdzuschreibungen natürlich immer auf einer Grenzlinie. Aber wir brauchen diese Titelagen – auch um zu provozieren und damit wir uns gemeinsam weiterentwickeln können. Denn als ‘junge Deutsche’ werden wir einfach nicht gesehen. Ich glaube, dass jede gebrochene Biografie, sei es durch Migration oder andere Umstände, ein gewisses Potenzial birgt.”

Für Neco Çelik ist diese Arbeit nicht nur für Kreuzberg wichtig. Es entstehe eine Paranoia, weil der Minderwertigkeitskomplex groß sei. “Was sieht einer von hier, wenn er in die ‘Bild’ schaut oder ins Fernsehen? Er sieht: Alle sind gegen mich.” Viele fühlten sich von der Mehrheitsgesellschaft verachtet. “Da staut sich was Krasses an”, warnt er, “das macht manche der Jungs so paranoid, dass sie nur noch denken: Ich will auf keinen Fall Opfer sein, die anderen sollen Opfer sein. Und wenn es die eigenen Leute sind.” Dem will er entgegenwirken, beispielsweise mit dem ProjektStreetunivercity, durch das die speziellen Stärken und Fähigkeiten der Jugendlichen entdeckt und entwickelt werden, also Gewalt in Kunst verwandelt werden soll.


http://www.bpb.de/publikationen/3QNA9T,2,0,Ein_Teil_Deutschlands_mit_etwas_mehr_Farbe.html#art2

“Deutschland kreiert sich neu.”

Mo Asumang ist mit ihrem Film Roots Germania regelmäßig auf Tour. Er wird in Schulen und Jugendeinrichtungen vorgeführt. Im Rahmen dieser Vorführungen besteht die Möglichkeit, über rechtsextreme Gewalt, Einschüchterung, Ideologie, Rassismus und Demokratiefeindschaft, aber auch Zivilcourage, Mut, die Frage der Wurzeln (roots) Einzelner und von Gruppen und ihre demokratische Integration ins Gespräch zu kommen. Ein aktuelles Projekt, an dem Mo Asumang mitwirkt, ist das HomeBase-Projekt. Es ist ein ortsspezifisches Projekt für öffentliche Kunst, das sich zur Aufgabe gemacht hat, eine interdisziplinäre und kontextbezogene Untersuchung des Archetypus von Heim/Zuhause (Home) anzuregen. Das bisher jährlich in New York stattfindende Projekt hat bereits internationale Anerkennung gefunden. HomeBase integriert zeitgenössische Kunst im städtischen Alltag und macht sie für die Öffentlichkeit erfahrbar. Es hinterfragt die Rolle von Kunst als Mittel der Kommunikation im interkulturellen, nachbarschaftsbildenden und sozialen Dialog. Dabei untersucht es in vielschichtiger Weise Aspekte von Heim/Zuhause durch interaktive, nachbarschaftsbezogene Kunstprojekte im urbanen Raum.

"Ein Teil Deutschlands, mit etwas mehr Farbe." (Foto: Tania Kelley)

"Ein Teil Deutschlands, mit etwas mehr Farbe." (Foto: Tania Kelley)

Eren Güvercin: Vor einigen Jahren wurden Sie öffentlich von einer Neonaziband bedroht. In Ihrem Film Roots Germania haben Sie anschließend den Germanenkult deutscher Neonazis hinterfragt.

Mo Asumang: Ich bin ja immer der Meinung, dass Deutschland ab und zu mal in den Spiegel schauen sollte, weil eine Gesellschaft natürlich immer im Wandel ist. Die Gesellschaft bleibt nicht so, wie sie ist, sonst würde ein Land erst gar nicht entstehen. In meinem Film Roots Germania habe ich mich hierzu auf Spurensuche gemacht und viel erfahren über die Geschichte Deutschlands. Es ist nicht zu fassen, wie Nazis die deutsche Geschichte missbrauchen, wie sie sich Symbole und Heldenfiguren klauen und Mythen verdrehen.

Kurz nach dieser Drohung haben Sie ein Fotoshooting in einem Brunhilde-Kostüm gemacht. Sie sagten, dass Sie durch diese überspitzte Form zeigen wollten, dass Sie auch deutsch sind. Woraus besteht die deutsche Identität?

Auch eine Identität ist im Wandel. Natürlich gibt es gewisse Dinge, die man über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg in gewissen Gebieten als Identität erarbeitet hat, aber dennoch liegt der Fokus darauf, dass wir uns verändern und dass wir ständig neu dazulernen. Eine Identität ist nicht etwas, was starr ist, sondern etwas, was sich ständig transformiert.

Sätze, wie “Geh doch dahin, wo du herkommst”, höre ich, Gott sei Dank, nicht mehr so oft. Aber es gab schon einige Leute, die mir im Laufe meines Lebens solch einen Satz an den Kopf geschmissen haben. Aber was bedeutet das eigentlich: Geh dahin, wo du herkommst? Ich kann natürlich nach Kassel gehen, da bin ich geboren, meine Migration besteht aus meinem Umzug von Kassel nach Berlin, das war 1986.

Das schlimme ist, dass man aufgrund der tiefsitzenden Unwissenheit zu Identitätsfragen in Deutschland und aufgrund der Hasspredigten der Neonazis leider sehr oft auf die Hautfarbe oder Religion reduziert wird. Ich finde es sehr wichtig, dass man solche Sätze “Woher kommst Du?” ganz normal beantworten kann. Ich möchte einfach antworten dürfen, dass ich aus Kassel komme, ohne dass die Leute in Gelächter ausbrechen. Leider, muss ich sagen, ist das im Jahr 2010 immer noch so. Die Leute lachen, wenn ich sage, ich komme aus Kassel, weil sie einfach nicht akzeptieren wollen, dass man vielleicht auch zwei Wurzeln hat. Weil mein Vater aus Ghana kam, sagt man dann: “Aahh, Du kommst aus Ghana.” Der Rest von mir, die deutsche Seite, dass ich hier geboren wurde, perfekt deutsch spreche, dass ich hier Abitur gemacht habe, und vielleicht sogar, dass ich gerade aus meinem Leben hier erzählt habe, all das wird einfach unterschlagen, als gäbe es das nicht. Das finde ich sehr schade.

Wie würden Sie sich selber bezeichnen: als schwarze Deutsche oder als Deutsche mit Migrationshintergrund?

Ich bin in der Initiative “Schwarze Deutsche”, und dort gibt es ständig die Diskussion, wie man sich bezeichnen sollte. Afro-Deutsche oder schwarze Deutsche ist dann das, worauf man sich in dieser Gruppe geeinigt hat. Ich persönlich gehe damit etwas lockerer um. Wenn ich mit meinen Freunden rede, dann sag ich auch schon einmal, dass ich Brownie bin. Ich habe damit gar kein Problem und nach meiner Filmarbeit mit Roots Germania erst recht nicht. Man könnte auch sagen, man ist Weltbürger, aber ein wenig Zugehörigkeit brauche ich dann doch.

Wann gehört man denn dazu? Was bringt die Menschen dazu, an der Gesellschaft teilzunehmen, und welche Rolle spielen soziale Unterschiede?

Integration fängt für mich in erster Linie damit an, dass ich als “Migrantin” irgendwo im Abbild der Deutschen auch sichtbar bin. Erstmal muss ich überhaupt wissen, dass ich existiere, und so was sieht man in erster Linie in den Medien. Dieses Abbild ist für mich der Anfang von Integration. Wenn dieses Abbild in einem großen Ungleichgewicht ist, wie es derzeit bei uns immer noch der Fall ist, dann kann man nicht von Integration sprechen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der 19 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund haben. Aber das Abbild in den Medien liegt bei vielleicht zwei Prozent.

Als Beispiel können wir meine Person nehmen. Ich bin in Kassel aufgewachsen und habe eigentlich nie etwas gesehen, womit ich mich identifizieren konnte. Das Abbild von mir gab es höchstens mal in US-amerikanischen Serien oder Filmen. Wenn ich mir anschaue, was heutzutage in den Medien zu sehen ist, sieht es ziemlich mau aus. Für mich bedeutet Integration, dass ich Menschen mit Migrationshintergrund sehen kann, und dass sie auch “normal” abgebildet werden und nicht in irgendwelchen Klischees. Gerade im Bereich Medien muss man sich da noch mehr Mühe geben. Ich frage mich, wie passt es zusammen, dass alle zu Recht stolz waren auf die deutsche Nationalmannschaft während der Fußball-Weltmeisterschaft – das so genannte Rainbow-Team -, aber man gleichzeitig in Fernsehbeiträgen über Muslime noch immer hauptsächlich “Frauen mit Kopftuch und fünf Lidl-Einkaufstüten” sieht. Das geht einfach nicht.

Soziale Unterschiede sind das, worum es eigentlich geht. Man gehört natürlich verschiedenen Kulturkreisen an, aber letztendlich geht es einfach darum, wer sich ein angenehmes Leben leisten kann und wer nicht. Wer wenig Geld hat, wird es schwerer haben. Das Wort “Parallelgesellschaft” ist schon fraglich, da jeder irgendwie in einer Parallelgesellschaft lebt, weil er sein eigenes Universum hat und seine persönliche Identität schützt. Wenn Leute das in einer größeren Gruppe machen, dann könnte das vielleicht einen Grund haben?! Niemand würde das aus einem natürlichen Bedürfnis heraus machen. Jeder möchte mit seinem Nachbarn normal kommunizieren, seine Schulkameraden besuchen, jeder möchte zu einer großen Gruppe dazugehören, jeder möchte auch Teil des Landes, der Gesellschaft sein, in der er lebt.

Die Rhetorik hat sich in den vergangenen Jahren verschärft, insbesondere wenn es um in Deutschland lebende Muslime geht. Einige Stimmen befürchten, dass rechtsextreme Parolen wieder salonfähig werden. Wieviel kulturelle Differenz verträgt überhaupt eine Gesellschaft?

Eine Gesellschaft verträgt ganz viel kulturelle Differenz. Mit der kulturellen Vielfalt kommen natürlich auch Fragen hoch, wie man miteinander umgeht. Aber das ist auch ganz wichtig. Wenn wir keine Fragen haben, sei es in der Familie oder in der Gesellschaft, wie wollen wir uns dann weiterentwickeln? Wie man zusammenkommt, wie man etwas verändern kann, wie man wachsen kann, all diese Fragen sind essentiell dafür, dass eine Gesellschaft lebendig bleibt. Ich glaube auch, dass eine Gesellschaft durch kulturelle Vielfalt stärker wird. Es gibt natürlich Menschen, denen das zu viel ist. Sie können damit nicht umgehen, weil sie in ihren Denkstrukturen festgefahren sind. Die kommen aber auch nicht wirklich weit damit.

Kritiker meinen, nur wer alles bis auf seinen Namen aufgebe, habe in Deutschland eine Chance. In Deutschland spiele es immer noch eine sehr große Rolle, ob man “Stallgeruch” habe. Teilen Sie diese Sichtweise?

Stallgeruch, dazu fällt mir eine Geschichte ein: Neulich hat mir ein junger Deutschtürke erzählt, dass er auf Wohnungssuche mit seinem Namen Öztürk kaum Angebote bekam. Dann hat er sich aus Spaß mit dem Namen Müller am Telefon gemeldet, plötzlich kamen jede Menge Wohnungsbesichtigungsangebote. Mit solchen Ungerechtigkeiten und diesem Rassismus geht jede Migrationsgruppe anders um. Bei kleinen Migrationsgruppen herrschen ganz andere Gesetzmäßigkeiten als bei großen Gruppen. Muslime oder türkeistämmige Einwanderer bauen schon für ihre Kinder in jungen Jahren einen Schutzmantel auf. Wenn ich als kleines türkisches Mädchen zum Beispiel Rassismus ausgesetzt bin, habe ich natürlich eine große Community um mich herum, die mich schützen und in die ich mich zurückziehen kann, wenn ich will. Ich habe sehr viele deutsch-türkische Freunde, von denen einige irgendwann sagten, sie seien Türke und eben kein Deutscher. Das ist aber eher eine Reaktion auf Rassismus und Ungerechtigkeit, man würde von alleine nicht auf so etwas kommen. Man würde dann eher sagen, ich bin Deutsch-Türke, oder einfach, ich bin deutsch. Solch einen Schutzmantel hat man in den afrikanischen Communities nicht, weil sie zu klein sind. Es ist aber in jedem Fall ein Schutzmantel, eine Reaktion auf eine Gesellschaft, die einen eben nicht als normal annimmt, wie es eigentlich sein müsste.

“Deutschland schafft sich ab” war und ist eine kontrovers diskutierte These. Was für Auswirkungen werden die teils rassistischen Äußerungen der vergangenen Wochen wie beispielsweise, dass bestimmte Menschengruppen an sich fauler und dümmer seien, auf die Integrationsdebatten insgesamt haben?

Einige Migranten werden sich sicherlich zurückziehen und abkapseln. Andere wiederum werden auch wütend sein. Die meisten jedoch sind längst dabei, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, wie in jeder anderen Generation seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und auch lange davor. Ich kann dazu nur sagen: Deutschland kreiert sich neu. Ich persönlich werde mich nicht abkapseln, ich sehe keine Veranlassung dazu, da ich hier geboren, aufgewachsen und ein Teil Deutschlands bin, mit etwas mehr Farbe. Ich glaube auch, dass man sich nur dann abkapselt, wenn Kommunikation einschläft und keine Veränderungen in Sicht sind, aber genau das Gegenteil ist gerade der Fall.

Sicher gibt es fremdenfeindliche Ressentiments in der Bevölkerung, vor allem als Auswirkung der mangelnden Aufklärungspolitik, nicht, weil die Leute nicht in der Lage wären, Integration zu leben. Ich glaube das Miteinander von Menschen ist etwas menschliches, weil Menschen in der Gemeinschaft lernen. Im Normalfall macht einen “das Andere” neugierig, ein Instinkt, der zum Wachstum beiträgt. Es darf nicht sein, dass wir uns diese Neugier nehmen lassen, durch Bücher, die spalten wollen, statt zu fördern. Die Medien sollten aufzeigen, was an Meinungen zum Thema Integration da ist, und dann schauen, was der Ursprung dieser Gedanken ist. Nur wenn man etwas kennt, kann man auch etwas ändern. Vielleicht kommen erst einmal Ängste hoch, aber das ist gut, solange man darüber spricht. Die Medien sollten die Ängste der Menschen ernst nehmen und mit Diskussionsrunden, Filmen und Beiträgen zeigen, wie man diese Ängste auflösen kann. Die Zeiten sind für alle schwer.


http://www.bpb.de/publikationen/3QNA9T,1,0,Ein_Teil_Deutschlands_mit_etwas_mehr_Farbe.html#art1

Nicht nur Macho

Autorin Isabella Kroth hat das Vertrauen von Türkischen Männern gewonnen: In Interviews erzählen sie von ihrem schwierigen Weg zwischen Tradition und Moderne

Der Freitag: Frau Kroth, Sie haben für Ihr Buch Halbmondwahrheiten türkische Männer in Deutschland interviewt. In der Vergangenheit wurde viel über diese Männer diskutiert, meist im Zusammenhang mit Ehrenmorden und Zwangsver­heiratungen. War es schwierig Gesprächspartner zu finden, die bereit waren, von Sehnsüchten und Problemen zu erzählen?

Isabella Kroth: Am Anfang bin ich oft auf Skepsis gestoßen, ob es mir gelingen wird, mit den Männern zu sprechen – als Frau und aus einem anderen Kulturkreis stammend. Dann habe ich den Psychologen Kazim Erdogan in Berlin-Neukölln getroffen. Einmal in der Woche versammeln sich bei ihm türkischstämmige Männer und sprechen über das, was sie im Alltag belastet: das Auseinanderfallen ihrer Familien, Erwartungen, die auf ihnen lasten, etwa Ernährer der Großfamilie und Sittenwächter zu sein, also die Ehre der Familie zu verteidigen. In der Gruppe gestehen die Männer Fehler ein. Ich habe gemerkt, wie groß auch bei ihnen das Bedürfnis ist, über Probleme zu sprechen.

Oft bestimmen Klischees die Debatte. Was war Ihr persönlicher Eindruck von diesen Männern? Ist das wirklich eine ­Parallelgesellschaft?

Ich habe erlebt, dass sich die Türen der angeblich so hermetisch ‚geschlossenen Gesellschaft‘ ­aufstoßen lassen. Wenn man will, wenn man mit Interesse aufeinander zugeht, ist der Zutritt leicht möglich. Die Männer, die ich getroffen habe, haben sich ­gefreut, dass ihnen jemand vorurteilsfrei zuhört und sie nicht von vornhinein in die Kategorien Opfer oder Täter eingeteilt ­werden. Es ist aber immer ein­facher zu sagen: Diese oder jene ­reden nicht, die schotten sich ab, als den Versuch zu wagen, die Barrieren zu durchbrechen. Nur auch hier gilt es, jede Verall­gemeinerung zu vermeiden.

Also alles nicht so schlimm?

Bei einigen der Männer hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass sie sich selbst in einer Art Parallel­gesellschaft gefangen fühlen, aus der sie nicht herausfinden. Etwa, wenn für einige von ihnen der einzige Zufluchtsort die ­Moschee ist. In anderen Fällen fühlen sich die Männer in Deutschland als Ausländer ausgegrenzt. Es ist nicht immer leicht für sie, Freundschaften ­außerhalb des bereits bestehenden Verwandtschafts- und ­Freundeskreises zu schließen. Die Segregation beginnt früh, etwa in der Schule, durch die Hochzeit mit einem Partner aus der Türkei, später im Berufs­leben. So bleiben soziale Kreise zwangsläufig weitgehend ­geschlossen.

Sie haben Männer aus verschiedenen Milieus und Generationen interviewt. Was sind die charakteristischen Probleme?

Die erste Generation wollte sich hier ihre Träume erfüllen – genug Geld verdienen, um sich ein Häuschen in der Türkei zu bauen, ein Auto zu kaufen oder die Eltern zu unterstützen. Nach nur wenigen Jahren hatten sie vor, wieder in die Heimat zurückzukehren. Sie wollten das Beste für ihre Familie – und haben diese durch das Auswandern nicht selten zerrissen. Denn ihre Kinder haben sie oft erst spät zu sich geholt. In Deutschland saß die zweite Generation dann wie auf einem Schleudersitz. Die Eltern haben den Kindern immer wieder vermittelt, dass es jederzeit in die Heimat zurückgehen könnte, dass das Abenteuer Deutschland bald vorbei sein könnte. Das hatte Auswirkungen, etwa auf die Leistungen in der Schule und auf das Gefühl, in der neuen Heimat überhaupt ankommen zu können.

Gibt es weitere Unterschiede zwischen den Generationen?

Noch einen großen Unterschied zwischen erster und nach­folgenden Generationen gibt es. Viele ehemalige sogenannte Gastarbeiter haben sich mit ihrer Isolation abgefunden – sie wollten ja sowieso nie in Deutschland bleiben. Anders ist das für die Kinder und Kindeskinder. Wenn sie – obwohl zum Teil hier geboren – das Gefühl haben, nicht in die Mitte der Gesellschaft zu gehören, ist das tragisch. Wenn sie die Türkei, die sie nur aus dem Urlaub kennen, als eigentliche Heimat ansehen und es bevorzugen würden, dort zu leben, ist das ein Problem für die Zukunft Deutschlands.

Sie haben auch mit sogenannten ‚Importbräutigamen‘ gesprochen. Gelingt es diesen, sich in der deutschen Gesellschaft zu orientieren?

Für diese Männer ist das Leben in Deutschland besonders schwierig. Sie kommen hierher, weil sie eine Frau geheiratet haben, die schon lange in Deutschland lebt, sich hier auskennt und die Sprache beherrscht. In meinem Buch porträtiere ich etwa Ahmet. Er fühlte sich in Berlin orientierungslos. Er sprach kein Deutsch und weil er keinen Job besaß, bekam er von seiner Frau ein Taschengeld. Mit seiner Ehre war das nicht zu vereinbaren. Er spürte die Erwartungshaltung seiner Eltern: Als Mann galt er schließlich als Familienoberhaupt und damit als derjenige, der das Geld heranzuschaffen hat.

Kein Einzelfall.

Nein, so wie Ahmet geht es vielen Männern, die hierher als ‚Quereinsteiger‘ kommen. Immer stark sein zu müssen, kann eine große Bürde sein, die für manche dieser ‚Importbräutigame‘ zu einer enormen Belastung wird. Das kann dann wiederum auch für die Frauen zum Problem werden.

Inwiefern?

Je größer der Frust, ­desto höher ist auch das Gewaltpotenzial – ganz egal aus welcher ­Kultur man stammt. Auf Ahmet lastete der Druck, nach außen der starke Mann zu sein. Weil ihm das aber nicht gelang und er sich von seiner Frau nicht ­genügend unterstützt fühlte, war das ein großes Beziehungs­problem. Das zeigte sich dann auch in der Art und Weise, wie die Streitigkeiten des Paares ­verliefen.

Der Mann als der eigentlich Schwache in der Beziehung?

Anders als Frauen können sich Männer schon mehr Freiheiten nehmen. Ein Mann, der in einer Zwangsehe lebt, kann sich auf die Straße flüchten, feiern und flirten ohne große Konsequenzen fürchten zu müssen. Die Frauen bleiben daheim bei der Familie und ertragen – oft auch bedingt durch finanzielle Abhängigkeit – die Eskapaden ihrer Männer.

Das Gespräch führte Eren Güvercin


http://www.freitag.de/alltag/1031-sie-gestehen-fehler-ein

“Wir brauchen eine Dritte Deutsche Einheit!”

Armin Laschet, Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen, äußert sich im Gespräch mit Eren Güvercin über den Wandel der Einwanderungsgesellschaft und die bis heute fehlenden Aufstiegschancen von Migranten in Deutschland.

Armin Laschet mit dem deutschen Nationalspieler Gerald Asamoah: ""Wir müssen Perspektiven aufzeigen und den jungen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte das Gefühl geben, dass sie mit ihren Qualifikationen hier die gleichen Chancen haben, wie jemand der Schmidt oder Müller heißt."

Armin Laschet mit dem deutschen Nationalspieler Gerald Asamoah: "Wir müssen Perspektiven aufzeigen und den jungen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte das Gefühl geben, dass sie mit ihren Qualifikationen hier die gleichen Chancen haben, wie jemand der Schmidt oder Müller heißt."

Herr Laschet, Sie schreiben in ihrem Buch “Die Aufsteigerrepublik”, dass Deutschland eine neue Mentalität braucht, die jedem Bürger gesellschaftlichen Aufstieg ermöglicht. Wie soll diese Mentalität aussehen?
Armin Laschet: Wir haben in den 50er und 60er Jahren in Deutschland erlebt, dass eine ganze Generation den Aufstieg erleben konnte. Mein Vater ist ein gutes Beispiel dafür: Er war Bergmann, wurde später Lehrer und seine Kinder konnten studieren. Einen Aufstieg haben sehr viele Menschen nach dem Krieg geschafft. Diese Mentalität, diese Anstrengungen, sind irgendwann zum Erliegen gekommen. Heute entscheidet vielmehr die Herkunft über den Aufstieg. Deshalb brauchen wir eine neue Mentalität, die einerseits den Aufstieg fördert – das ist Aufgabe des Staates -, die andererseits aber auch jedem Einzelnen das Gefühl vermittelt, wenn ich mich anstrenge, kann ich es schaffen.

Sie formulieren in Ihrem Buch die Vision, dass im künftigen Deutschland die soziale und ethnische Herkunft nicht zu den entscheidenden Kriterien für gesellschaftlichen Aufstieg gehören werde. Heute sieht die Realität aber anders aus…

Laschet: Ja, sie sieht anders aus, weil man es bisher nicht im Blick gehabt hat. Man hat gedacht, wir sind kein Einwanderungsland und deshalb haben wir diese Förderung nicht systematisch gemacht. Und die, die es geschafft haben, waren meistens Zufälle. Im Buch erzähle ich von Hatice Akyün, in deren Straße regelmäßig ein Bücherbus kam, sie hat deshalb das Lesen begonnen. Bei anderen hat ein Lehrer geholfen, ein besonders engagierter Elternteil hat sich gekümmert oder die Nachbarn haben nach den Hausaufgaben geschaut. Diese Unterstützung muss aber systematisiert werden, das muss durch den Staat gefördert werden. Insofern ist die Realität heute noch nicht so, wie ich sie mir wünsche.

Was kann die Politik also machen, damit diese Vision Realität wird?

Laschet: Sie kann bei den Kindern anfangen. Wenn ein Kind in die Schule kommt, muss es die Sprache sprechen, um mithalten zu können. Das ist noch längst nicht überall der Fall, übrigens auch bei deutschen Kindern nicht, bei denen zu Hause manchmal die Sprache auch nicht mehr gepflegt wird. Deswegen haben wir gesagt, wir brauchen verpflichtende Sprachtests mit vier Jahren, Förderung schon im Kindergarten, mehr Ganztagsangebote, die auch außerschulische Bildungsinhalte wie musische, naturwissenschaftliche und künstlerische Bildung bei den Kindern fördern. Das muss sich dann fortsetzen im gesamten Schulsystem, wo die Durchlässigkeit größer sein muss. Wer gut ist, soll auch schneller von der Hauptschule auf die Realschule oder das Gymnasium wechseln können. Das kann man nur durch individuelle Förderung erreichen.

Armin Laschet bei Empfang des Präsidenten des Amtes für Religiöse Angelegenheiten der Türkei, Prof. Dr. Ali Bardakoglu

Armin Laschet bei Empfang des Präsidenten des Amtes für Religiöse Angelegenheiten der Türkei, Prof. Dr. Ali Bardakoglu

In den letzten Jahren ist aber unter den türkischen Hochschulabsolventen eine Tendenz zu erkennen: Sie verlassen nach ihrem Abschluss Deutschland Richtung Türkei, weil sie sich dort bessere Berufsaussichten erhoffen. Was muss der Staat machen, um diese Abwanderung von gut ausgebildeten Fachkräften aufzuhalten? Sie sind ja schließlich wertvolles Potenzial, die zum großen Teil in Deutschland geboren sind?

Laschet: Wie groß die Zahl wirklich ist, weiß man nicht. Aber dennoch sind wir seit 2008 ein Auswanderungsland. Es gehen mehr junge Leute weg, als Einwanderer dazukommen, und deshalb müssen wir um jeden Einzelnen werben. Wir müssen Perspektiven aufzeigen und den jungen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte das Gefühl geben, dass sie mit ihren Qualifikationen hier die gleichen Chancen haben, wie jemand der Schmidt oder Müller heißt. Das hat sich noch nicht überall durchgesetzt. Ich glaube, wenn wir die Vorbilder, die es schon gibt, sichtbar machen, dann entwickelt sich auch eine Stimmung, bei der man sagt: Ich bleibe doch hier, eigentlich bin ich hier geboren, eigentlich ist das mein Land.

Sie schreiben, dass die innere Einheit noch nicht da sei, und dass wir eine Dritte Deutsche Einheit brauchen. Wie soll die soziale Kluft überwunden werden? In der Gesellschaft herrscht eine gewisse Skepsis gegenüber Muslimen…

Laschet: Ich würde zunächst nicht sagen, dass es nur eine muslimische Frage ist. Es ist keine religiöse, sondern es ist eine soziale Frage. Wer hat die Chance zum Aufstieg, und wer hat sie nicht? Dass das Land auch lernen muss, mit unterschiedlichen Kulturen und auch Religionen umzugehen, ist die eine Seite. Dafür gibt es die Deutsche Islamkonferenz, dafür gibt es auch vor Ort inzwischen viele Dialoge. Das ist der eine Teil. Der andere ist der Aufstiegsteil, die “Dritte Deutsche Einheit” wie ich sie nenne. Die erste Deutsche Einheit war die Integration von zwölf Millionen Vertriebenen, was damals auch schwer war. Ein Katholik, der in ein protestantisches Dorf kam, war oft ausgegrenzt, und hatte wenig Chancen. Mischehen waren verboten, oder vor dem 2. Konzil für katholische Gläubige nicht erlaubt. Auch da hat sich vieles gewandelt. Die zweite Einheit war die zwischen Ost und West. Im Moment der Wiedervereinigung haben viele Zuwanderer gemerkt, dass sie in die dritte Reihe gerückt sind. Sie waren schon länger da und hatten dann das Gefühl, weggerutscht zu sein. Insofern glaube ich, dass jetzt die Zeit gekommen ist, an dieser dritten Einheit zu arbeiten. Wir müssen alles tun, dass die Neudeutschen, die jetzt da sind, auch die optimale Förderung und Aufstiegsperspektiven erhalten.

Sie sind der erste Integrationsminister in Deutschland, und CDU-Politiker. Sie haben zu Recht gesagt, dass wir gleiche Chancen für Bürger mit Migrationshintergrund brauchen. Das hört sich alles gut an, aber wieso gibt es dann in der CDU keinen einzigen Abgeordneten mit Migrationshintergrund?

Laschet: Ja, eine gute Frage! Das ist ein Problem, dass über die Jahre entstanden ist. Es gibt gar nicht so viele Mitglieder mit Zuwanderungsgeschichte. Erst jetzt beginnt es, dass viele in die Partei eintreten. Es gibt bei uns natürlich das Deutsch-Türkische Forum und andere Aktivitäten, aber das ist alles noch am Anfang. Das muss wachsen. Und in den anderen Parteien ist es auch nicht so berauschend. Im Landtag von Nordrhein-Westfalen ist überhaupt kein Abgeordneter mit Zuwanderungsgeschichte. In Köln ist Lale Akgün bei der SPD aus dem Bundestag gefallen, weil sie auf der Landesliste nicht auf einem aussichtsreichen Platz abgesichert wurde. So groß ist die Begeisterung in den anderen Parteien auch nicht. Fünf Türkeistämmige in einem Bundestag mit über 620 Abgeordneten sind zu wenig.

Interview: Eren Güvercin

© Qantara.de 2009


http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-468/_nr-1249/i.html


Armin Laschet ist Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen. Sein Buch: “Die Aufsteigerrepublik – Zuwanderung als Chance” ist vor kurzem im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.