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“Ohne die globalen Medien hätte es Al Qaida niemals gegeben.”

Unabhängig davon wie man die Gestalt Bin Ladens – satanischer Terrorfürst, revolutionärer Staatsfeind der einzig verbliebenen Weltmacht oder am Ende doch nur ein fernsehender Kleinbürger in einer pakistanischen Vorortvilla – bewertet, lohnt sich trotz des Zwangs zur permanenten Aktualität ein erneuter, genauer Blick auf die symbolische Figur des Al Qaida-Gründers und die Auswirkungen seines Todes.

Hierzu befragte ich Olivier Roy. Der Franzose ist Autor, Politologe und Professor mehrerer französischer Hochschulen. Roy setzt sich seit Langem in fachkundigen Büchern mit dem Terrorismus in der muslimischen Welt, der Globalisierung und aktuellen Konflikten und Kriegen auseinander. Olivier Roy hebt sich wohltuend von massenmedialen Kommentatoren ab, die nicht willens oder nicht fähig sind, hinter die Fassade landläufiger Ansichten zu blicken. Dabei verfällt er auch nicht dem üblichen Irrtum, Bin Laden und die von ihm inspirierten Terrorgruppen stünden in Verbindung zu einem traditionellen Verständnis des Islam. Vielmehr seien sie und der – für Muslime wie Nichtmuslime verheerende – von ihnen ausgehende Terror vor allem ein Produkt der Moderne.

Olivier Roy zeigt in seinen Büchern, dass der islamische Fundamentalismus selbst ein Produkt der Verwestlichung ist. Nur wer die Krise des globalisierten, kulturell entwurzelten Islam begreife, werde gesellschafts- und sicherheitspolitisch erfolgreich handeln können.

Olivier Roy zeigt in seinen Büchern, dass der islamische Fundamentalismus selbst ein Produkt der Verwestlichung ist. Nur wer die Krise des globalisierten, kulturell entwurzelten Islam begreife, werde gesellschafts- und sicherheitspolitisch erfolgreich handeln können.

Bin Laden, der meist gesuchte Terrorist der Welt, wurde von US-Spezialeinheiten im pakistanischen Abbottabad getötet. Ist die Welt dadurch zu einem sicheren Ort geworden?

Olivier Roy: Die Welt ist zweifellos zu einem sichereren Ort geworden, selbst wenn es wieder zu Terroranschlägen kommen sollte. Aber dies liegt ausschließlich daran, dass Al Qaida seinen politischen Einfluss verloren hat.

Al Qaida spielte keinerlei Rolle in den demokratischen Ereignissen des Nahen Ostens. Sein Diskurs steht im vollkommenen Gegensatz zu den Forderungen der dortigen Demonstranten – virtuelle Umma versus Nation, Terrorismus versus Gewaltlosigkeit, individueller Heldenmut versus kollektiver Handlung etc. Bereits zuvor wurde Al Qaida praktisch aus dem Nahen Osten verdrängt und beschränkte sich auf Randgebiete wie die Stammesgebiete Pakistans oder der Sahelzone. Zuletzt kamen die meisten Rekruten aus Europa oder waren Konvertiten, die keine wirklichen politischen Wurzeln haben – weder unter westlichen Muslimen, noch im Nahen Osten. Es ist wahrscheinlich, dass einige Militante Terrorangriffe versuchen werden. Deren strategische Folgen werden aber minimal sein, selbst wenn sie blutig ausfallen sollten.

Welche Konsequenzen hat der Tod Bin Ladens langfristig für Afghanistan, den dortigen Krieg und den „Kampf gegen den Terror“?

Olivier Roy: Der „Krieg gegen den Terror“ ist ein vollkommen sinnentleertes Konstrukt. Al Qaida, Hisbollah, den Iran und die Hamas unter einen allgemein verbindlichen Sammelbegriff zusammenfassen zu wollen, hat keinen Sinn.

Ich denke, es wird zur faktischen Anerkennung kommen, dass wir es hier mit zwei unterschiedlichen Dingen zu tun haben: Einerseits, die Handhabung räumlich begrenzter, politischer Bewegungen – wie die der Taliban oder der Hamas – durch eine Mischung aus Druck und Verhandlungen, sowie der Kampf gegen entgrenzte terroristische Netzwerke mit Hilfe von Polizei, Geheimdiensten und Spezialeinheiten.

In Afghanistan ermöglicht der Tod Osama bin Ladens die Trennung des Krieges gegen den Terror vom Kampf gegen die Taliban. Die Taliban haben aufgehört, Osama bin Laden zu unterstützten; einfach nur deshalb, weil er gestorben ist. Es gibt keine strategischen Gründe mehr, warum man die Taliban mit aller Macht daran hindert müsste, die Macht in Afghanistan zu übernehmen. Die faktische Spaltung von Taliban und Al Qaida ermöglicht die Verhandlung mit ihnen, aber auch einen Abzug aus Afghanistan, ohne dabei das Gesicht zu verlieren.

Osama bin Laden agierte als quasi mythischer Führer einer Terrorbewegung. Welche Art Mensch rekrutierte er für sein Netzwerk?

Olivier Roy: Dabei handelt es sich um junge Rebellen, die auf der Suche nach einer Sache sind, für die sie sich einsetzen konnten. Die meisten von ihnen haben eine globale Ausrichtung: geboren in einem Land, radikalisiert in einem zweiten und aktiv in einem dritten. Eine erheblicher Bestandteil von ihnen sind Konvertiten (zwischen zehn und zwanzig Prozent). Die meisten haben keinerlei vorangegangene religiöse Ausbildung, waren keine Führungspersonen in ihrem gemeinschaftlichen Umfeld oder gar politisch militant.

Die meisten Rekruten Al Qaida kamen aus dem einen oder anderen Grenzgebiet. Dabei handelte es sich entweder um soziale Grenzgebiete (zerrüttete Nachbarschaften) oder geografische: die Randzonen des Nahen Ostens (von Pakistan nach Ostafrika), von den Inseln der Karibik ganz zu schweigen, die einen beachtlichen Teil des Personals stellten. Üblicherweise radikalisieren sie sich im Rahmen eines begrenzten Kreises von Gleichgesinnten: Studenten, Nachbarn oder lokale Banden ehemaliger Kleinkrimineller.

Hat die Ideologie von Al Qaida etwas mit dem traditionellen Islam zu tun? Steht sie für diesen oder ist sie vielmehr eine Bewegung wie es beispielsweise die Rote Armee Fraktion (RAF) war?

Olivier Roy: Wenn wir über die Ideologie von Al Qaida sprechen, ziehe ich den Begriff des „Narrativ“ vor. Osama Bin Ladens Diskurs war niemals sehr ausgereift in der Formulierung dessen, wie eine islamische Gesellschaft in seinen Augen aussehen soll. Dabei handelte es sich um einen Mischmasch, der sich aus zwei Quellen speiste. Die erste ist die ultraradikale Linke des Westens; radikale Netzwerke, die einen weltweiten Kampf gegen die übermächtige Supermacht der Vereinigten Staaten führten. Ihren Anfang fanden sie in den Taten der Anarchisten des späten 19. Jahrhunderts. Aber das beste Erklärungsmodell hierfür ist die Baader-Meinhof-Gruppe, die ihre Mitglieder zu Trainingslagern in den Libanon entsandte. Sie versuchte, eine globale Revolution loszutreten und entwickelte das Mittel der simultanen Flugzeugentführungen. Und es waren die zeitgenössischen italienischen Roten Brigaden, die die plakative Hinrichtung ihrer Geiseln erfanden.

Die Bühne ist exakt die gleiche. Der „globale Dschihad“ bedeutet, der weltweiten Revolution der 1960er Jahre ein religiöses Etikett aufzukleben. Das damalige Konzept – das heißt, die „Schaffung von zwei, drei Vietnams“ – wurde von Osama Bin Laden übernommen. Seine Quintessenz lautete: Die US-Truppen in möglichst viele lokale Konflikte zu verwickeln.

Die andere Quelle waren radikale Jünger von Said Qutb. Geprägt wurden sie von seinem tiefen Zweifel über die Möglichkeit zur Verbesserung der muslimischen Gesellschaften und Qutbs Vorstellung, dass die westliche Kultur den Islam infiltriert hatte. Hinzu kam ein Konzept des Takfir, das heißt, dass man andere Muslime töten dürfe, wenn diese sich weigerten, die Ungläubigen zu bekämpfen. Zwei weitere Kennzeichen sind das Verlangen, Reinheit durch den Tod zu erlangen, sowie das komplette Fehlen jeglicher Konzepte, wie eine wirklich islamische Gesellschaft gestaltet werden kann.

Bin Laden und das mit ihm in Verbindung stehende Phänomen scheinen sehr archaisch und puritanisch zu sein. Sind Al Qaida und vergleichbare Organisation nicht vielmehr ein modernes Phänomen?

Olivier Roy: Ja, das stimmt. Es hat in der Vergangenheit keine vergleichbaren Organisationen gegeben. Der einzige, wenn auch lose Vergleich ließe sich zu den Assassinen [ismailitisch-schiitische Mordsekte des 11., 12. und 13. Jahrhunderts] herstellen. Einer der Gründe dafür ist, dass Al Qaida auf modernen Erscheinungen aufbaute: Individualismus, Inszenierung in den Medien und Globalisierung. Der einsame, individuelle Held ist an die Globalisierung gekoppelt. Der von ihm genutzte Raum ist global und das Al Qaida-Mitglied ist darauf angewiesen, dass sein Handeln augenblicklich von den Medien reflektiert, verstärkt und verbreitet wird. Ohne die globalen Medien hätte es Al Qaida niemals gegeben.

Wird der Tod des Osama bin Ladens einen Einfluss auf die Revolte der arabischen Welt haben? Ist die Mehrheit der Muslime erleichtert über sein Ableben?

Olivier Roy: Es ist in der Tat so, dass sie das ganze nicht mehr kümmert. Vor einigen Jahren wäre es wahrscheinlich zu Demonstrationen gekommen, um gegen die Tötung Bin Ladens zu protestieren. Heute geschieht nichts dergleichen. Dies erklärt sich aus der Diskrepanz zwischen den Mitteln und Zielen von Al Qaida – Gewalt und globaler Dschihad gegen die Vereinigten Staaten – und den Mitteln und Zielen der Demonstranten im Nahen Osten – friedliche Aktion gegen lokale Diktatoren, die durch eine Demokratie im westlichen Stil ersetzt werden sollen.

Osama Bin Laden brauchte das Denkmuster eines „Zusammenpralls der Kulturen“. Diese Weltanschauung aber ist längst tot; außer natürlich in den Köpfen der westlichen Populisten, die die Auswirkungen der Veränderungen im Nahen Osten immer noch nicht verstanden haben.

Lieber Olivier Roy, vielen Dank für das Interview.

“Ich bin kein Anhänger der Aufklärung.”

Eren Güvercin im Gespräch mit Feridun Zaimoglu (© Nimet Seker)

Herr Zaimoglu, Sie sind ja doppelter Studienabbrecher. Sie sagten einmal, Sie entsprächen einem ,typischen Versager‘. Wie kamen Sie dann zur Literatur?

Eigentlich nennt man so etwas wie mich einen Angehörigen der bildungsfernen Schichten. Es wurden bei uns vor allem türkische Videos angeschaut, dann bei uns Bild und Hürriyet, die auflagenstarke türkische Zeitung, gelesen, und ansonsten war im obersten Regal, in oberster Höhe – nichts durfte es überragen – das heilige Buch, der Koran. Und darin wurde auch gelesen. Aber eigentlich schwebte es mir nie vor zu schreiben. Ich sah es nicht so als meine Aufgabe an.

Lesen kam viel später, aber vor allen Dingen – so muss man es verstehen, wenn ich sage, ich bin kein Literat, ich bin ein Geschichtenerzähler – die wirkliche Prägung, die wirkliche Hinwendung zur Literatur geschah in deutschen Fußgängerzonen. Es ging darum, sich so treu wie möglich zu präsentieren, um die Langeweile um einen herum und in einem selber zu brechen. Dann habe ich dem Wunsch meiner Eltern entsprochen und Medizin studiert. Das klappte nicht! Also habe ich Kunst studiert und bin zweimal rausgeflogen. Klappte auch nicht! Dann habe ich elf Jahre lang versucht, meinen Lebensunterhalt als Maler zu verdienen. Eigentlich kann ich sagen, dass es ein Jahr vor Kanak Sprak, also 1993, anfing. Da fing ich an zu schreiben. Am Anfang standen Gespräche, Wutausbrüche, und ich dachte, genau das mache ich, nämlich diese Stilett-Stakkato, diese melancholisch angewehten Rhapsodien, in meine Kunstsprache zu übersetzen.

Auf Ihr erstes Buch Kanak Sprak folgten ausschließlich negative Kritiken und Reaktionen. Ihnen wurde einige Zeit eine literarische Relevanz abgesprochen. Wie war diese Zeit für Sie?

Ich bin da ja sozusagen eingebrochen; Ich wusste gar nicht, dass es einen Literatursektor gibt. Man mag mich als naiv bezeichnen. Ich bin allerdings hinein gekommen, und im Grunde genommen war das die Fortsetzung des wütenden Fußgängerbengels, nur mit anderen. Ich habe auch gedacht, na ja gut, ich habe ja auch gar nicht vor ein zweites oder ein drittes Buch zu schreiben. Also hat mich das erst einmal wirklich nicht interessiert. Im Kultursektor sind die Ausscheidungs- und Verteilungskämpfe genauso hart wie im wirklichen Leben. Als ich dann gemerkt habe, dass man dieses Kriterium als Maßstab, als Werkzeug nimmt, wer dazu gehört und wer nicht, habe ich gedacht, jetzt erst recht!

Sie wurden nicht nur von der Literaturschickeria heftig kritisiert, sondern auch von türkischstämmigen Menschen, von denen man eigentlich erwartet hätte, dass sie mit Ihnen sympathisieren. Sie haben diese Leute als ,Assimil-Zombis‘ beschimpft. Wieso wurden Sie überhaupt von ihnen angegriffen?

"Die Aufklärung hat die Magie zum Zerplatzen gebracht." (© Nimet Seker)

"Die Aufklärung hat die Magie zum Zerplatzen gebracht." (© Nimet Seker)

Ich habe ja immer gedacht: ,Na, das ist aber eine Vorstellung von Integration!‘ Der integrierte Türke ist ein Zombie, nämlich einer, der diese öde, furchtbar banale Kleinbürgerexistenz anstrebt. Und tatsächlich habe ich rechts und links geguckt und gesehen, dass diese Türkischstämmigen – sie mögen sich als Akademiker bezeichnen – im Grunde genommen auf so eine einfache Art und Weise zu den Primitiven der Moderne geworden sind. Ich dachte, ,Gestern Türke, heute Bananenpflücker‘, also auf den Plantagen der Moderne haben sich diese Leute herumgetrieben. Ich weiß ganz genau, was sie hören, ich weiß ganz genau, wohin sie in Urlaub fahren, ich weiß ganz genau, wofür sie schwärmen. Und vor allem weiß ich ganz genau, was das ist: die öde Kleinbürgerhölle. Und das habe ich in dieser Deutlichkeit auch gesagt. Ich wurde ja zu solchen Veranstaltungen eingeladen, und ich wurde niedergemacht. Ich bin kein Masochist, aber ich war der Ansicht, ich müsse es auch vor denjenigen sagen, die ich meine. Es gab heftige Gefechte. Ich bin ein Unterschichtler, ich vergesse es nicht. Aber eins vergesse ich auch nicht: Ich gehöre der Gegenaufklärung an. Ich bin kein Anhänger der Aufklärung. Und wenn ich diese armen Seelen im Fegefeuer der Aufklärung sehe, finde ich das mindestens sehr bedauernswert.

Es hat lange gedauert, bis Sie vom Feuilleton ernst genommen wurden. Spätestens seit Ihrem Erfolgsroman Leyla gehören Sie zu den Starliteraten der gegenwärtigen deutschen Literatur. Sie waren auch für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert. Wie schätzen Sie den Einfluss Ihrer Literatur ein, und was leistet die Literatur für Sie persönlich?

Jeder, der unter 50 ist, wird in Deutschland als junger Schreiber angesehen. Insofern habe ich noch sieben Jahre, bis ich nicht mehr jung bin. Dann bin ich Schriftsteller. Ich gehörte, wie es immer so ist, lange Jahre zu den Talenten. Aber ich muss auch in einer Selbstkritik sagen, dass ich ein bisschen länger als notwendig gebraucht habe, um zu sehen, dass ich nicht vom Fleck komme. Das eine ist, herumzuwüten. Das andere ist, dass zum Erzählen mehr gehört als nur Wut. Wenn ich jetzt nach meinem Einfluss gefragt werde, muss ich mich natürlich in Bescheidenheit üben. Dazu kann ich sehr schlecht etwas sagen. Gestern war ich der holpernde Salonhooligan, heute bin ich der deutsche Dichter. Ich freue mich immer, wenn ein Buch angenommen wird. Deswegen schreibe ich auch.

Solche Leute wie ich sind nicht ganz sauber. Ich kann nicht stillstehen. Ich kenne das Gefühl von Zufriedenheit nicht, ich will es auch nicht. Die Leute sind glücklich, schön. Ich bin nicht unglücklich, ich weiß, was Glück bedeutet, und da ich das in diesem Leben nicht bekommen werde, bin ich, na wie soll ich sagen, etwas melancholisch. Das Schreiben ist für mich eine Art Entgiftung. Menschen wie ich müssen immer wieder entgiften. Ich muss die Bilder in meinem Kopf loswerden. Der eine oder andere wird mir den Vogel zeigen, und sagen: ,Du kannst nicht loslassen.‘. Na ja, losgelassen habe ich in der Sekunde meiner Geburt, wie wir alle. Aber natürlich hat es was mit einer Illusion zu tun, die schöne Illusion, etwas am Zipfel zu packen. Ich weiß, was das Glück ist, ich weiß, dass man es sich auch verdienen muss. Das Schreiben ist für mich elementar und eine Herzensangelegenheit. Es wird so weiter gehen, solange mir die Ideen nicht ausgehen.

In Ihrem aktuellem Buch Liebesbrand geht es um die romantische Liebe. Wie stark ist der autobiografische Bezug in diesem Buch?

Die Geschichte ist erfunden. Sie ist ein Produkt meiner Phantasie. Was den Ich-Erzähler anbelangt, den ehemaligen Börsenmakler, seine Talfahrten, sein romantisches Ausdrucksgefühl, das hasserfüllte, wütende, brennende Verlangen, kann ich schon sagen, das ist mein authentischstes Buch. Ich muss noch 30 bis 40 Seiten schreiben, bis ich mit meinem neuen Roman fertig werde. Da gehe ich, glaube ich, noch einen Schritt weiter. In ihm geht es um die große Sehnsucht und wohin es einen führt, wenn man sich nicht vorsieht, und man sieht sich nie vor.

In einem Interview haben Sie einmal gesagt, dass die Liebe ,hochreaktionär‘ sei. Was meinen Sie genau damit?

Ich bin nicht geneigt, wie man aus dem Gesagten schon heraushört, den Pinschern der Moderne irgendeine Leistung zuzubilligen. Die Aufklärung hat die Magie zum Zerplatzen gebracht. Sie haben die Träume zerstört. Sie haben versucht, den Glauben zu zerstören. Einige haben Gott für verrückt erklärt, sind aber selber verrückt geworden. (lacht) Wie kommt denn das nur? (lacht) Sie haben also versucht, ein riesiges Loch mit Bildern zu füllen. Es sind aber künstliche Bilder, nicht jene Traumbilder, nicht jene magischen Bilder, nicht die Glaubensextrakte, die seit Bestehen des Menschen, seit seiner Erschaffung Bestand haben. Wenn ich sage, die Liebe ist hochreaktionär, dann ist das eine ganz bestimmte Erfasstheit von einer Trauer, die wir nie loswerden können, solange wir leben, aber auch von großer Freude, von Auf- und Abschwüngen. Mich interessiert nur die Liebe zwischen Mann und Frau, alles andere finde ich uninteressant. In der Liebe zwischen Mann und Frau ist ja nur ein einziger gemeint. Ausschließlichkeit und Ausschluss spielt eine große Rolle in der Liebe. Wenn das nicht reaktionär ist – und ich meine das Wort reaktionär positiv – dann weiß ich nicht, was sonst reaktionär sein soll.

Sie nehmen ja auch an aktuellen politischen Debatten teil. Sie waren zeitweise auch Mitglied der Islam-Konferenz. Wie bewerten Sie die Lage der Muslime und Deutschland im Hintergrund des ,Anti-Islamisierungskongresses‘ in Köln?

Zum Antiislamisierungskongress in Köln: Da kommen faschistische Pinscher daher, und glauben doch tatsächlich, dass sie den Glauben verkläffen können. Es gab in der Vergangenheit immer wieder törichte Personen, die diesen völlig sinnlosen Versuch unternommen haben. Sie werden kommen, sie werden kläffen, aber die Karawane zieht weiter.

Was die Entwicklung hier betrifft, bin ich sehr gut gelaunt. Ich bin deswegen sehr gut gelaunt, weil wir trotz der Versuche, gläubige Muslime in Verruf zu bringen, trotz dieser Störmanöver von Profilneurotikerinnen und –neurotikern, gesehen haben, dass es einen organischen Zuwachs gibt. Der Innenminister hat einmal was Gutes gesagt, der Islam ist ein Teil dieses Landes. Ich würde noch dazu sagen, dass auch die Muslime ein Teil dieses Landes sind. Es ist eine Entwicklung, die nicht aufzuhalten ist. Ich sehe natürlich viele falsche Propheten viele falsche Verkünder, die mit dem Feuer spielen. Ich sehe andererseits aber auch einen großen Strom von Menschen, die sich nicht von irgendwelchen Appellen aufhalten lassen, ihren Glauben bitte schön auszuleben. Und ob das nun Antiislamisierungquatsch heißt, oder Anti-Islam-Quatsch, es gibt ja immer diese Saisonarbeiter der Aufklärer. Sie kommen und werden auch wieder gehen. Ich habe allen Grund zu großer Heiterkeit. Die Karawane zieht weiter. Viel später wird man dann die Skelette der Hunde in der Wüste zählen.

Zu Beginn der Islam-Konferenz haben Sie ja bemängelt, dass ausschließlich nur sogenannte Islam-KritikerInnen eingeladen waren. In einer öffentlichkeitswirksamen Aktion haben Sie dann Ihren Platz für eine gläubige Muslimin angeboten. Wie war die Reaktion auf diese Aktion von Ihnen?

Selbsterklärte Feministinnen und Islam-Skeptikerinnen – keine Ahnung was das heißen soll – haben mich natürlich angegriffen. Sie haben mit Lügen, mit Unwahrheiten, mit Verdrehungen und Manipulation gearbeitet. Sie haben versucht, den Eindruck zu erwecken, als wäre das für mich eine Show. Komischerweise hat auf deutscher Seite bis auf eine Ausnahme kein Zweifel bestanden, dass ich es wirklich ernst meine. Dutzende und aber Dutzende gläubige Muslima haben sich gemeldet, und sagten, wir haben uns vor der Konstitution der Islam-Konferenz selber gemeldet, also es gab die Möglichkeit, das kam dann auch raus. Aber auf sie wurde nicht eingegangen. Jetzt gibt es den Versuch, mich wieder zurückzuholen. Aber solange dort keine gläubige Muslimin ist, die Verleumdungen und Lügen begegnen kann, habe ich dort nichts zu suchen.

Die Türkei ist ja Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Welche türkischen Schriftsteller mögen Sie am meisten? Mit welchen pflegen Sie am meisten Austausch?

Von Austausch kann ich leider nicht reden. Mit meinem Türkisch ist es leider nicht so gut bestellt. Ich habe nicht dasselbe Lesevergnügen, wenn ich türkische Bücher lese. Das ist eine Frage der Sprache, und auch eine Frage der Liebe zu einer Sprache. Ich muss sagen, Sprachverlust und Sprachverfall ist immer sehr schade. Unabhängig von formellen Sprachfragen ist es auch so, dass ich sehr selten in die Türkei komme, und dass auch selten türkische Autoren nach Deutschland kommen. Jetzt werden einige Autoren, ich glaube einige Hundert, nach Frankfurt kommen. Ich muss fast schon auf meine Unkenntnis hinweisen, was moderne gegenwärtige türkische Literatur anbetrifft. Necip Fazil Kisakürek zum Beispiel mag ich sehr gerne.

Ich lese ja fast nur Krimis. Und ich lese Celil Oker, seine Istanbul-Krimis. Ich warte und warte und warte, dass er endlich mit einem neuen kommt. Der letzte war vor vier Jahren. Ich sagte, ,Celil Abi, etme eyleme. Mein Vater wartet, ich warte‘. ,Ja‘, sagte er, ,ich danke dir, und hör auf, meine Hand zu küssen.‘. (lacht) Es ist einfach schwer, ich kriege den Fall nicht gelöst. Ich bitte ihn ständig, endlich weiterzumachen (lacht).

Viele türkische und deutsche Autoren werden auf der Frankfurter Buchmesse sein. Welche Chancen und Gelegenheiten sehen Sie dabei? Was darf man auf  keinen Fall verpassen?

Also ich bekomme meinen Lese- und Terminplan für die Buchmesse erst in den kommenden Tagen. Dann weiß ich so etwa, was ich zu tun habe. Ich weiß aber, dass ich am Sonntag mit der Schriftstellerin Elif Shafak zusammen auftrete. Es hat für mich eine sehr emotionale Bedeutung, dass die Türkei Gastland wird. Das bedeutet mir wegen meiner Eltern natürlich sehr viel. Ich werde auch wie jeder, der da herum geht, in der freien Zeit auf das Angebot schauen. Das meiste werde ich vor Ort entscheiden.

Sie haben vorhin von Ihrem neuen Buch gesprochen. Worum wird es da gehen? Wie viel dürfen Sie uns schon vorab verraten?

Ich darf nicht viel verraten, aber es wird um die Sehnsucht gehen. Wenn man bei Liebesbrand sagen kann, dass es die Liebe ist, wird man beim nächsten Buch – Titel steht fest, aber ich darf es nicht verraten – schon sagen, dass Männer und Frauen miteinander in seltsamen Begebenheiten verkettet sind, natürlich auf der Suche nach Erfüllung. Das ist jetzt sehr abstrakt, ich kann nur sagen, Schauplätze sind Ankara, Istanbul, Berlin, der Norden, wieder Prag und Budapest. Und es wird immer darum gehen, dass in das Leben der Menschen das Alte einbricht. Entweder bricht Gott ein, oder es bricht das Alte ein, das Weggelegte, das Abgelegte. Und es geht darum, wie sich die Männer und Frauen darum gruppieren.

Herr Zaimoglu, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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