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“Weder Hamas noch Fatah repräsentieren die Palästinenser”

Der britische Krimi-Autor Matt Beynon Rees hat zahlreiche Auszeichnungen für seine Serie mit dem fiktiven palästinensischen Detektiv Omar Jussuf gewonnen. In den Nahen Osten kam er zum ersten Mal als junger Journalist, doch schon bald wandte er sich der Romanliteratur zu. Eren Güvercin sprach mit ihm über seine Arbeit und die Situation in den palästinensischen Gebieten.

Matt Beynon Rees in einem Flüchtlingslager in Bethlehem

Matt Beynon Rees in einem Flüchtlingslager in Bethlehem

Ihr erstes Buch, “Cain’s Field: Faith, Fratricide and Fear in the Middle East” (2004), behandelte die internen Konflikte sowohl unter Israelis als auch unter Palästinensern. Warum sind Sie bei Ihrem nächsten Buch zur Fiktion gewechselt?

Matt Beynon Rees: Als ich an diesem Sachbuch arbeitete, habe ich versucht, es wie einen Roman zu schreiben, weil die Leute lieber diese Art von Büchern lesen. Sie wollen keine trockene Politikwissenschaft lesen und ich interessiere mich auch nicht für Politikwissenschaft. Eigentlich finde ich Politik sogar ziemlich abscheulich.
Einer der Gründe, warum ich mich vom Journalismus weg- und über das Sachbuch dem Roman zugewandt habe, ist, dass die Politik dem Journalisten vieles von dem diktiert, worüber er schreiben kann. Als Journalist wusste ich oft, dass die Politiker, die ich jeden Tag zitierte, entweder logen oder Dinge sagten, die die Menschen manipulieren sollen.
Als ich mit der Sachliteratur anfing, wollte ich nicht nur für Menschen schreiben, die sich für Politik interessieren. Ich wollte für Leute schreiben, die sich für das menschliche Drama interessieren, als Israeli oder Palästinenser unter extremen Bedingungen leben zu müssen. Während ich das tat, habe ich festgestellt, dass Fiktion der beste Weg ist, die Leute wirklich auf einer menschlichen Ebene zu erreichen, weil die Fiktion etwas hat, das realer ist als Journalismus und Sachliteratur. Sie erreicht unsere Herzen.

Durch die Medien ziehen sich verschieden Stereotypen über Palästinenser: Sie sind entweder Terroristen oder Opfer. War auch das ein Grund für Sie, Romane statt Sachbücher zu schreiben?

Rees: Ja, und das ist auch der Grund dafür, dass ich die Romanserie so und nicht anders entwickelt habe: Sie beginnt in Bethlehem mit Der Verräter von Bethlehem, weil das eine palästinensische Stadt ist, von der die Leute schon mal etwas gehört haben. Sie wissen zwar, was vor 2.000 Jahren hier geschah, aber nicht, was seitdem passiert ist. Mit jedem folgenden Buch habe ich versucht, einen Teil der Konflikte innerhalb der palästinensischen Gesellschaft zu zeigen, von denen die Menschen keine Ahnung haben.
Der erste Band befasste sich mit der Frage, was es heißt, als palästinensischer Christ zur Zeit der Intifada in Bethlehem zu leben und von der muslimischen Mehrheit mit Misstrauen behandelt zu werden. Der zweite Teil schaut auf den Grabenkrieg zwischen den Sicherheitschefs in Gaza. Der dritte Band zeigt die Probleme von Homosexuellen und der Minderheit der Samariter. Mit jedem dieser Bücher versuche ich, etwas von den Palästinensern zu zeigen, das den Leser zum Nachdenken bringt. Alle verweigern sich dem Leid der anderen. Palästinenser tun das ebenso wie Israelis, aber selbst die Menschen auf der ganzen Welt, die sie unterstützen, weigern sich, zur Kenntnis zu nehmen, dass dort sehr komplexe Dinge geschehen, die von Medien und Politik ignoriert werden.

Omar Jussuf ist ein wunderbarer Charakter, ein Mann mit Prinzipien, der unter unmöglichen Umständen nach Gerechtigkeit sucht. Wie ist diese Figur entstanden?

Rees: Nun ja, die Figur des Omar Jussuf basiert auf einem realen Freund von mir. Er ist Lehrer in einem Flüchtlingslager und ich kenne ihn inzwischen seit 12 Jahren. Das großartige an ihm ist, dass er sich während der Intifada den bewaffneten Kämpfern wirklich entgegenstellte. Er ging zu ihnen, trank Kaffee in ihrem Versteck und sagte dann “Ich bin der Kerl, den ihr bedroht habt.” Auf diese Weise hat erreicht, dass sie nicht mehr sagen konnten “Ok, jetzt werden wir dich töten!” Er hatte verstanden, dass wir zu den Bewaffneten gehen, eine Beziehung zu ihnen aufbauen und ihre Kultur verstehen müssen, um die Gewalt zu durchbrechen.

In Ihrem ersten Roman, ‘Der Verräter von Bethlehem’, heben Sie die Beziehungen zwischen christlichen und muslimischen Palästinensern hervor. Warum haben Sie sich auf diesen wenig bekannten Aspekt konzentriert?

Rees: Die Atmosphäre ist immer noch frostig in Bethlehem, auch wenn es nicht mehr so schlimm ist wie während der Intifada. Damals herrschte aus mehreren Gründen die Gewalt. Einer davon war, dass die meisten Bewaffneten Muslime waren. Es gab nur einen palästinensischen Christen, der mit ihnen kämpfte und während der Intifada in Bethlehem getötet wurde. Durch ihre Verbindung mit dem Westen über die Kirchen wurden die Christen als Außenstehende betrachtet.
Bethlehem, das einst eine christliche Stadt war, ist heutzutage noch zu höchstens 20, vielleicht nur wenig mehr als 15 Prozent christlich, weil viele Christen die Stadt verlassen haben. Dadurch wurde eine Stadt, die tief in der christlichen Geschichte verwurzelt ist, ein manchmal gefährlicher, aber immer ein ungenehmer Ort für Christen. Das hat mich sehr getroffen.

Wie haben die Israelis auf Ihre Bücher reagiert?

Rees: Das erste der Bücher über Bethlehem ist ins Hebräische übersetzt worden und ich war überrascht über die sehr, sehr positiven Reaktionen, denn normalerweise mögen die Israelis keine Ausländer, die ihnen erzählen, was im Nahen Osten vor sich geht. Aber dieses Buch gab ihnen die Möglichkeit über die Mauer nach Bethlehem herein zu schauen. Seit der Intifada hat die israelische Regierung ihren Bürgern untersagt, palästinensische Städte zu betreten, aus Angst, sie könnten entführt oder ermordet werden. Ich mache mir keine Illusionen, dass ich die Israelis dazu bringen könnte, die Palästinenser zu mögen, ich zeige sie ihnen nur auf eine menschliche Weise. Und genau darum geht es in meinen Romanen – keine Stereotypen. Für Israelis ist das eine sehr wichtige Erfahrung.

Und die Reaktion der Palästinenser?

Rees: Die Rückmeldungen, die ich von Palästinensern und Menschen aus der ganzen arabischen Welt erhalten habe, waren sehr gut. Ich bekomme eine Menge E-Mails von Leuten, die sagen “Wir sind froh, dass Sie die Wirklichkeit des Lebens in Palästina zeigen, weil das nicht in den Medien vorkommt.”
Zum großen Teil bleiben westliche Korrespondenten nicht lange genug, um sie kennenzulernen und die arabischen Medien wollen nur Israel bei jeder Gelegenheit schlecht machen. Deshalb erzählen sie beide nicht die wahre Geschichte. Die echten Personen hinter den Figuren, der echte Omar Jussuf und der echte Chamis Zaydan – das ist der Polizeichef in meinen Romanen – haben die Bücher gelesen und mögen sie sehr, weil es für sie ein Weg ist, ihre Gefühle auszudrücken. Das ist etwas, was sie nicht auf politische Weise tun können. Sie haben keine politischen Möglichkeiten, die Hamas und die Fatah repräsentieren das palästinensische Volk nicht. Sie repräsentieren zwei korrupte, gewalttätige, militante Gruppen, die ein Interesse an der Fortsetzung des Konflikts haben.

Gibt es keine Entwicklung innerhalb der Hamas, keine Anzeichen dafür, dass sich etwas ändert? Ist es vorstellbar, dass die Hamas dem Terror entsagt?

Rees: Nein, ich glaube, das Gegenteil passiert. Meiner Meinung nach hat sich die Macht unzweifelhaft zugunsten des militärischen Flügels verschoben, und deshalb fliegen die Raketen weiter, auch wenn die politischen Führer sie stoppen wollen. Das hat überhaupt nichts mit Israel zu tun, auch nicht mit dem Friedensprozess, wie die Journalisten immer schreiben. Es liegt an dem Streit innerhalb der Hamas darum, wer das Sagen hat.
An sich sind die Hamas-Leute überraschend nett. Eine Sache ist mir durch meine Bücher klar geworden: Dadurch, dass ich Leute von der Hamas und auch von der Fatah getroffen habe, die schreckliche Dinge getan haben, dadurch, dass ich ihnen in die Augen geschaut, mit ihnen gesprochen und ihre Geschichten gehört habe, glaube ich verstanden zu haben, welchen Preis sie als menschliche Wesen dafür bezahlen.

Interview: Eren Güvercin

© Qantara.de 2010

http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-468/_nr-1456/i.html

“Der Islam war immer ein Bestandteil der europäischen Geschichte”

Der CDU-Abgeordnete Ruprecht Polenz plädiert für eine Aufnahme der Türkei in die EU und setzt sich mit den Ressentiments gegen das Land und den Islam auseinander

“Die Türkei gehört in die EU!”, fordert der CDU-Politiker Ruprecht Polenz, der der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages ist, in seinem jüngst in der edition Körber-Stiftung erschienenen Buch Besser für beide. Er kritisiert die etwa von der Bundeskanzlerin Merkel vertretene Idee, der Türkei eine privilegierte Partnerschaft anstelle der Mitgliedschaft anzubieten. In seinem neuen Buch versucht er, die Argumente der Beitrittsgegner zu widerlegen, die vor allem auch in seiner eigenen Partei finden sind. “Wer annimmt”, so schreibt er, “man könne Menschen oder Völker ausschließlich aufgrund ihrer Religion oder Kultur beurteilen, glaubt an die Macht einer einzigen Klassifikation, die alles andere beherrscht. Diese Denkweise kann unsere Welt in ein Pulverfass verwandeln.”

"Die jetzige Regierung hat mehr auf den Weg gebracht als die Regierungen davor" (Foto: privat)

"Die jetzige Regierung hat mehr auf den Weg gebrachtals die Regierungen davor" (Foto: privat)

Herr Polenz, Sie setzen sich schon seit langem für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei ein. In Ihrem soeben erschienen Buch untermauern Sie ihre Haltung. Sind Sie mit Ihrer Meinung nicht ziemlich allein in der CDU?

Ruprecht Polenz: Ich bin nicht alleine, aber es ist eine Minderheitsauffassung. Das Buch habe ich geschrieben, damit sich das ändert.

Die Bundeskanzlerin und große Teile der CDU sind eher für eine “privilegierte Partnerschaft”. Welche Argumente führen Sie für eine Vollmitgliedschaft der Türkei an?

Ruprecht Polenz: Die Türkei hat eine faire Chance verdient. Wenn sie die Kopenhagener-Kriterien nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der gelebten Praxis voll und ganz erfüllt, muss sie auch Mitglied der Europäischen Union werden können. Es läge sowohl im Interesse der Türkei wie im Interesse der EU, dass dieser Prozess erfolgreich zu Ende geführt wird. Allerdings kommt es vor allen Dingen auf die Türkei selbst an, ob sie sich als Gesellschaft so tiefgreifend wandelt, dass sie in die EU passt.

Die Gegner einer Vollmitgliedschaft wenden unter anderem ein, dass die Türkei kulturell nicht zu Europa passen würde. Was halten Sie von diesen Bedenken?

Ruprecht Polenz: Dieses Argument ist eines der stärksten Argumente, das mehr oder weniger unterschwellig oder auch offen ausgesprochen in der Bevölkerung zu dieser ablehnenden Haltung führt. Schaut man genauer hin, verbirgt sich hinter dem Gefühl, die Türkei gehöre irgendwie nicht zu Europa, sie sei irgendwie anders, letztlich die Frage nach der anderen Religionszugehörigkeit und einem sehr negativ geprägten Islambild. Man fürchtet sich vor diesem Islam, man möchte ihn auf Distanz halten, und deshalb möchte man auch die Türkei nicht in der EU sehen.

Woher kommt dieses Ressentiment?

Ruprecht Polenz: Es hat tiefe historische Wurzeln. Wenn man in die Schulbücher und auf die Geschichtswahrnehmung schaut, dann wird das Abendland in einer Art ständiger Auseinandersetzung mit dem Morgenland definiert, obwohl eine genauere Betrachtung zeigt, dass der Islam immer auch Bestandteil der europäischen Geschichte war. Das Osmanische Reich hat immer im europäischen Kräftekonzert der Großmächte mit gemischt. Die heutige europäische Grundüberzeugung, dass man die staatliche und die religiöse Sphäre voneinander trennen soll, verbietet es eigentlich, aus religiösen Überzeugungen unüberwindliche politische Hindernisse zu zimmern.

Nach der jüngsten Krise zwischen Israel und der Türkei ist die Rede davon, dass sich die Türkei vom Westen abwende. Teilen Sie diese Bedenken?

Ruprecht Polenz: Nein, die teile ich so nicht. Ich kritisiere zwar auch in meinem Buch, dass die Türkei im Umgang mit schwierigen Ländern wie Iran oder dem Sudan es an Klarheit in vielen Aussagen hat fehlen lassen. Vor allen Dingen war es aus meiner Sicht ein schwerwiegender Fehler, dass die Türkei jetzt im Weltsicherheitsrat nicht gemeinsam mit ihren Verbündeten und den ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats für die Sanktionen gegen den Iran gestimmt hat. Aber ansonst ist die regionale Politik der Türkei unter der Überschrift “Keine Probleme mit den Nachbarn” auch im europäischen Interesse, denn wir wollen nicht, dass ein Beitrittskandidat – und das ist die Türkei – ungelöste Probleme mit der Nachbarschaft in die EU importieren würde.

Wenn man sich die besondere geopolitische Lage der Türkei betrachtet, ist es da nicht nachvollziehbar, dass die Türkei versucht, sich alle Optionen frei zu halten? Muss die Hinwendung zur islamischen Welt gleichzeitig als eine Abwendung vom Westen gedeutet werden?

Ruprecht Polenz: Dass die Türkei eine eigene Regionalpolitik entwickelt, finde ich verständlich. Das liegt auch im europäischen Interesse. Auf der anderen Seite muss die Türkei aber beispielsweise beim Thema Iran auch sehen, dass der Iran eine Nuklearpolitik betreibt, die die ganze Weltgemeinschaft zutiefst beunruhigt und die dazu geführt hat, dass auch China und Russland erneut für eine Resolution im Sicherheitsrat gestimmt haben, die den Iran davon abbringen will. Da kann man sich nicht mit Brasilien an die Seite stellen und gegen eine solche Resolution stimmen. Man gefährdet damit den Erfolg dieser internationalen Politik. Ich beschäftige mich sehr intensiv mit dem Iran, und ich weiß, dass es dort vor allem darauf ankommt, dass die Signale der internationalen Gemeinschaft möglichst geschlossen den Iran erreichen. Es wäre viel besser gewesen, wenn die Türkei und Brasilien mit an Bord gewesen wären.

Kann es sein, dass auch das Hinhalten der Türkei durch die EU dafür gesorgt hat, dass sich die Türkei nach möglichen Alternativen umschaut?

Ruprecht Polenz: Ich glaube, dass dieses Gefühl “Wir werden hier hingehalten” für den Beitrittsprozess nicht sehr nützlich ist. Ich bedauere auch, dass man den Türken nicht deutlicher signalisiert, dass sie auch willkommen sind, wenn sie sich anstrengen und erfolgreicher sind. Auf der anderen Seite wissen aber die klügeren türkischen Außenpolitiker sehr wohl, dass der Erfolg ihrer regionalen Politik ganz entscheidend vom EU-Prozess abhängt. Jede Außenpolitik hängt in ihren Möglichkeiten von der wirtschaftlichen Potenz eines Landes ab. Wenn Sie sich anschauen, dass mit dem Beginn des Beitrittsprozesses die Auslandsinvestitionen in die Türkei von vorher von etwa 1 bis 2 Milliarden Dollar im Jahr auf jetzt über 20 Milliarden Dollar jährlich zugenommen haben, dann zeigt dies, dass dies ganz wesentlich vom EU-Prozess abhängt. Und wenn man das weiß, dann wendet man sich von diesem Prozess nicht selber mutwillig ab.

Wie bewerten Sie den inneren Reformprozess der Türkei? Man hat den Eindruck, dass dieser Prozess erheblich an Elan verloren hat und ins Stocken geraten ist…

Ruprecht Polenz: Es gibt im Deutschen dieses Bild von der Echternacher Springprozession. Das ist eine Wallfahrt, wo man zwei Schritte nach vorn und einen Schritt zurück geht. Das passt ein bisschen auch zur Charakterisierung des Reformprozesses in der Türkei. In der Tat war es so – und unter dem Strich ist es nach wie vor so –, dass die jetzige Regierung hier mehr auf den Weg gebracht hat, als viele Regierungen vorher. Ich hoffe sehr, dass gerade auch durch die Benennung von Herrn Bagis zum zuständigen Minister für die EU-Beitrittsverhandlungen der Reformschwung weiter anhält.

Andererseits scheint es Erdogan ernst zu meinen, das Kurdenproblem zu lösen, auch wenn dies beim Wähler nicht gut ankommt. Trotzdem wird Erdogan im Westen vermehrt skeptisch bewertet, und nicht wenige Beobachter unterstellen ihm eine versteckte, islamistische Agenda. Für wie glaubhaft halten Sie diese Vorwürfe?

Ruprecht Polenz: Ich lese natürlich diese Einschätzungen über ihn. Mir ist auch wichtig, wie andere Persönlichkeiten, wie etwa der türkische Unternehmer Alaton, den ich sehr schätze, diese Frage beurteilen. All die Stimmen sagen mir, er hat sich weiter entwickelt, er hat keine islamistische Agenda. Er ist sicherlich impulsiv, aber die Sorge, die die türkische Opposition über diese Regierung in anderen Ländern versucht zu verbreiten, ist nicht begründet.

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32829/1.html

Graue Eminenz im Rampenlicht

Seit der Republikgründung durch Atatürk hatten die jeweiligen Regierungen in der Türkei eine passive und staatszentrierte Außenpolitik verfolgt. Der Sicherheitsaspekt spielte eine zentrale Rolle, so dass Beziehungen zum Ausland zuallererst unter dem Gesichtspunkt der möglichen Auswirkungen auf die nationale Sicherheit betrachtet wurden. Die Außenpolitik unter der Regierung von Ministerpräsident Erdogan verfolgt einen vollkommen anderen Kurs: Nahezu idealistisch offen ging die Türkei nun im internationalen Umfeld vor. Als Vordenker des neuen außenpolitischen Ansatzes gilt der 50 Jahre alte Politikprofessor Ahmet Davutoglu.

"Nur wer durch soft power über die Landesgrenzen hinaus Einfluss ausübt, kann sich wirklich schützen", meint Davutoglu.

"Nur wer durch soft power über die Landesgrenzen hinaus Einfluss ausübt, kann sich wirklich schützen", meint Davutoglu.

Nachdem die AKP 2002 an die Regierung kam, ernannte Erdogan Davutoglu zu seinem außenpolitischen Chefberater. Politische Beobachter stellten aber schon bald fest, dass Davutoglu viel mehr als nur ein Berater war, sondern derjenige, der hinter den Kulissen maßgeblich die türkische Außenpolitik gestaltete. So war es Davutoglu, der die indirekten israelisch-syrischen Friedensgespräche anbahnte und die Annäherung an Armenien voranbrachte. In kürzester Zeit schaffte es Davutoglu, durch geschickte Diplomatie die Türkei als Regionalmacht zu etablieren. Da war es nur konsequent, dass Erdogan Davutoglu bei seiner umfassenden Kabinettsumbildung im Mai dieses Jahres zum Außenminister beförderte.

Davutoglu stammt aus der zentralanatolischen Stadt Konya. Er gehört damit wie Premier Erdogan und Staatspräsident Abdullah Gül zum islamisch-konservativen Teil der Bevölkerung. Anders als in der Vergangenheit gehören in Erdogans Kabinett die meisten Minister zu dieser so genannten »anatolischen Elite«. Die bisherigen Minister stammten dagegen fast ausschließlich aus der säkular geprägten Stadtelite. Nach dem Besuch einer deutschen Schule in Istanbul studierte Davutoglu an der Bosporus-Universität Ökonomie und Politische Wissenschaften. Die Leitlinien seiner späteren Außenpolitik formulierte er bereits 2001 in seinem Buch »Stratejik derinlik« (»Strategische Tiefe«), das mittlerweile als politisches Standardwerk gilt.

»Neo-Osmanismus«

Im Gegensatz zum emotionalen und manchmal unüberlegt handelndem Erdogan ist Davutoglu ein nüchterner Stratege. Hauptprinzip seiner Neuausrichtung der türkischen Außenpolitik ist die »Null-Problem-Politik« mit den Nachbarn der Türkei. »Probleme mit den Nachbarn gefährden die eigene Sicherheit«, betont Davutoglu. »Ohne Sicherheit aber lässt sich die Freiheit der Bürger nicht durch innenpolitische Reformen stärken. Während die Türkei in den Neunziger Jahren ziemlich wechselhafte Beziehungen zu ihren Nachbarn hatte, sind diese heute fast ausnahmslos hervorragend. Das gibt uns Spielraum für interne Reformprogramme.«

Ein weiterer Pfeiler von Davutoglus neuer Außenpolitik ist die Rolle der Türkei als Friedensstifter im Nahen und Mittleren Osten. Davutoglu vertritt eine »multidimensionale« Diplomatie. So hat die Türkei neben den traditionell guten Beziehungen zu Israel auch gute Kontakte zum Iran und sogar zur radikalen Palästinenser-Organisation Hamas. Davutoglu sieht darin keinen Widerspruch. Die Türkei liege in einem Schnittpunkt vieler Regionen, so dass sie auch auf entsprechend vielen Ebenen handeln müsse, lautet seine Argumentation. Die Türkei müsse durch »soft power« Einfluss in der Region ausüben, um so die Region zu stabilisieren.

Davutoglus außenpolitische Strategie wird oftmals als »Neo-Osmanismus« bezeichnet. Kritiker unterstellen ihm machtpolitische Absichten, oder – wenn sie aus den Reihen der kemalistischen Elite kommen – beschimpfen seine Außenpolitik als »pro-arabisch« oder »islamistisch«. Wie auch schon bei den Bemühungen um einen EU-Beitritt des Landes ist es auch mit dem neuen außenpolitischen Ansatz wieder die konservativ-islamische AKP und nicht die säkular-kemalistische Elite, die eine Öffnung des Landes nach außen vorantreibt.

Mit gutem Beispiel voran

Jüngstes Beispiel für die neue, selbstbewusste Außenpolitik der Türkei ist das prestigereiche Energieprojekt »Nabucco«. Die Pipeline soll ab 2014 Erdgas aus dem kaspischen Raum und dem Mittleren Osten über die Türkei nach Europa transportieren. Die Türkei übte während der Verhandlungen solange Druck aus, bis ihre Forderung akzeptiert wurde, dass nicht nur aus dem Osten nach Westen transportiert wird, sondern auch in umgekehrter Richtung günstiges Erdgas etwa aus Algerien in den Mittleren Osten gelangen kann. Die Türkei will sich so mit Hilfe ihrer geostrategischen Lage zwischen Nahost und Europa als Energie-Drehscheibe profilieren. Für Europa hat die Pipeline ebenfalls eine große Bedeutung, da sie durch Versorgungsprojekt unabhängiger von Erdgaslieferungen aus Russland werden könnte.

Neben den engeren Beziehungen zur arabisch-islamischen Welt unterhält die Türkei unter Außenpolitiker Davutoglu auch gute Kontakte zum alten Feind Russland. Mittlerweile zählt das Land zu den größten Handels- und Energiepartnern Ankaras. Diese Hinwendung nach Russland und zur arabischen Welt führt bei Beobachtern zu Befürchtungen, dass sich die Türkei Schritt für Schritt von Europa abwenden könnte. Davutoglu widerspricht diesen Befürchtungen vehement. Die EU-Mitgliedschaft sei weiterhin oberste Priorität, betont er, auch wenn die stockenden Beitrittsverhandlungen eine andere Sprache sprechen. Der neue Außenminister hebt immer wieder hervor, dass die EU über die Türkei positiv auf die Lage im Nahen und Mittleren Osten einwirken könne, da das Land in dieser Region hohes Ansehen besitze. Aus diesem Grund sei die Türkei auch so wertvoll wie nie für Europa. »Die EU ist bereits ein Motor der Umwandlungsprozesse in der Türkei und zusammen könnten EU und Türkei ein Motor für die Transformation der gesamten Region werden«, so Davutoglu.

Welche tatsächlichen Auswirkungen Davutoglus neue außenpolitische Strategie auf die Region haben wird, bleibt abzuwarten. Eines ist sicher: Die arabische Welt beobachtet die Entwicklungen in der Türkei sehr genau. Bereits die nahe Zukunft sollte zeigen, ob die AKP-Außenpolitik einen Prozess anstoßen könnte, der auch in der arabischen Welt zu einem Umdenken führen kann.

http://www.zenithonline.de/politik/hintergruende/?article=514&cHash=a53d409a15