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“Wir leiden unter dem autoritären Regime Chinas”

Die Vorsitzende des Weltkongresses der Uiguren, Rebiya Kadeer, kritisiert im Gespräch mit Eren Güvercin die Unterdrückung der uigurischen Muslime und appelliert an die islamische Welt, die Uiguren in ihrem Freiheitskampf zu unterstützen.

Rebiya Kadeer: „Wir hoffen, dass in der muslimischen Welt erkannt wird, wie sehr wir unter dem autoritären, atheistischen Regime in China zu leiden haben.“

Frau Kadeer, wie stellt sich gegenwärtig die Situation in Xinjiang dar?

Rebiya Kadeer: Seitdem die chinesische Regierung Tausende Sicherheitskräfte in die Region Ost-Turkestan (Xinjiang) geschickt hat, ist die Situation für die Uiguren äußerst angespannt. Die Uiguren leben in ständiger Angst. Es ist, als lebten sie in einem einzigen großen Gefängnis.

Die Regierung in Peking beschuldigt die Uiguren des Terrorismus. Tatsächlich hat es in der Vergangenheit mehrere Bombenanschläge in Xinjiang gegeben. Wie stehen Sie zu diesen Anschuldigungen?

Kadeer: Da die Uiguren Muslime sind, begann die chinesische Regierung schon direkt nach dem 11. September 2001, den Widerstand der Uiguren gegen die brutale Herrschaft der Chinesen in Ost-Turkestan als Terrorismus zu brandmarken. In der Tat gab es vereinzelte Gewaltakte, doch gab es solche auch in anderen Teilen Chinas. Noch immer kann die chinesische Regierung keine überzeugenden Belege für eine angebliche Terrorgefahr vorlegen, die von den Uiguren ausgehen soll.

Steht diese neue Rhetorik tatsächlich mit den Angriffen vom 11. September 2001 und dem “Krieg gegen den Terror” in Zusammenhang?

Kadeer: Ja, das ist offensichtlich. Vor dem 11. September verfolgte die chinesische Zentralregierung die Uiguren als “Konter-Revolutionäre”, “Nationalisten” und “Separatisten”. Aber da wir Muslime sind, entschied man sich in Peking dafür, die tragischen Ereignisse des 11. Septembers propagandistisch auszunutzen und den “Krieg gegen den Terror” als Vorwand und Rechtfertigung für massive Angriffe auf die Uiguren zu gebrauchen.

Die Öffentlichkeit hat viel über die Unterdrückung der Tibeter erfahren, doch nicht über die Uiguren. Was sind die Gründe dafür?

Kadeer: Einer der wichtigsten Gründe hierfür ist, dass seine Heiligkeit, der Dalai Lama, bereits vor 50 Jahren vor der chinesischen Verfolgung ins Exil fliehen konnte und es ihm so möglich war, die westliche Öffentlichkeit mit der Situation im Tibet vertraut zu machen. Wohingegen die uigurischen Führer von den Sowjets und Chinesen getötet, weshalb es uns bis vor kurzer Zeit nicht gelang, der Welt von unserem Leid zu berichten. Zudem erscheint der Buddhismus dem Westen nicht erst seit dem 11. September 2001 in einem positiveren Licht als der Islam.

Inwiefern werden die uigurischen Muslime in China unterdrückt?

Kadeer: Das Leiden der uigurischen Muslime manifestiert sich auf vielen Ebenen – politisch, sozial, kulturell und religiös. Es gibt eine weit verbreitete Diskriminierung und Benachteiligung im Bildungssystem, im Arbeitsleben und bei der Gesundheitsversorgung. In China werden Uiguren praktisch wie potenzielle Verbrecher oder Terroristen angesehen.

Stehen Sie in Kontakt zum Dalai Lama? Könnten die unterdrückten Minderheiten in China zusammen nicht mehr erreichen als allein?

Kadeer: Ja, von Zeit zu Zeit spreche ich mit seiner Heiligkeit. Ich glaube tatsächlich, dass wir gemeinsam mehr bewirken können, als wenn jeder für sich allein eintritt.

Was erwarten Sie von der internationalen Staatengemeinschaft?

Kadeer: Die internationale Staatengemeinschaft sollte den Druck auf China erhöhen, um die seit 60 Jahren bestehende Unterdrückung der Uiguren, Tibeter und anderer religiöser und ethnischer Minderheiten durch das autoritäre Regime zu beenden. Die chinesische Regierung sollte dazu aufgerufen werden, einen friedlichen Dialog zu beginnen, in dem die Frage Ost-Turkestans genauso behandelt wird wie die tibetische.

Haben die Uiguren aus der muslimischen Welt Unterstützung erhalten?

Kadeer: Diese Unterstützung gab es vereinzelt und nur bis zu einem gewissen Grad. Wir hoffen, dass die muslimischen Länder und Völker uns noch mehr helfen. Und wir hoffen auch, dass in der muslimischen Welt erkannt wird, wie sehr wir unter dem autoritären, atheistischen Regime in China zu leiden haben. Die Verfolgung von Muslimen in China ist derzeit fast größer als in jedem anderen Land. Deshalb ist es dringend geboten, dass die muslimischen Völker und Regierungen ihren leidenden uigurischen Glaubensbrüdern beistehen.

Sie waren eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau in China, sogar eine Abgeordnete im Kongress. Wie kam es, dass Sie dann eine entschiedene Gegnerin des kommunistischen Regimes wurden?

Kadeer: Das kommunistische Regime versuchte mich als Marionette zu missbrauchen, um ihre brutale Unterdrückung der uigurischen Muslime zu legitimieren. Als ich nicht die Rolle spielte, die sie mir zugedacht hatten, landete ich für sechs Jahre im Gefängnis und die Regierung hat mich nun zu ihrem schlimmsten Feind und sogar zur Terroristin erklärt.

Einige Ihrer Familienmitglieder leben noch in China. Haben Sie noch Kontakt zu ihnen?

Kadeer: Seit dem vergangenen Massaker vom 5. Juli habe ich jeden Kontakt zu meiner Familie verloren. Ich bete zu Allah, dass sie alle wohlauf sind, doch ich kann mir dessen nicht sicher sein, da die Regierung sie bereits seit langem überwacht.

Wie bleiben Sie auf dem Laufenden über das, was in Xinjiang passiert? Gibt es noch Möglichkeiten, an verlässliche Informationen zu kommen?

Kadeer: Ich erhalte Informationen von Uiguren, die in Ost-Turkestan leben und ins Ausland reisen. Ich bekomme auch häufig Anrufe und E-Mails von Uiguren, die mich mit detaillierten und glaubwürdigen Berichten über die Verfolgung der Uiguren informieren.

Eren Güvercin

© Qantara.de 2009

http://de.qantara.de/webcom/show_article.php?wc_c=468&wc_id=1215

Übersetzung aus dem Englischen von Daniel Kiecol

Tibets Schicksalsgenossen

Die Unterdrückung der Tibeter sollte uns auch für die Unterdrückung weiterer ethnischer Gruppen in China sensibilisieren – doch wird diese im öffentlichen Diskurs meist ausgeblendet. Das erschütterndste Beispiel ist die Lage der Uiguren in Ostturkestan.

Perlentaucher: Heute in den Feuilletons, 09.07.2009

http://www.perlentaucher.de/feuilletons/2009-07-09.html

Eren Güvercin erklärt in seinem Blog grenzgängerbeatz einige Hintergründe zu den Protesten der Uiguren. Harsch kritisiert er die chinesische Bevölkerungspolitik: “Die chinesische Regierung führt bei den muslimischen Uiguren auch eine strenge Geburtenkontrolle durch, um so das natürliche Anwachsen der Uigurischen Bevölkerung aufzuhalten. Menschenrechtsorganisationen berichten auch von zahlreichen erzwungenen Abtreibungen und sogar von Todesfällen in diesem Zusammenhang.”

"Meine langfristige Hoffnung ist, dass die internationale Gemeinschaft unsere Angelegenheit gleich behandelt wie die der Tibeter." (Foto: Matthias Kehrein/ETD)

"Meine langfristige Hoffnung ist, dass die internationale Gemeinschaft unsere Angelegenheit gleich behandelt wie die der Tibeter." (Foto: Matthias Kehrein/ETD)

Viel wurde vor den Olympischen Spielen letztes Jahr über die Menschenrechtslage in China diskutiert. Forderungen nach einem Boykott der Olympischen Spiele in Peking wurden laut. Prominente weltweit setzen sich regelmäßig medienwirksam für die Tibeter ein, die seit Jahrzehnten vom kommunistischen Regime in Peking unterdrückt werden. Wie berechtigt und richtig diese Debatte auch ist, ist es schon eigenartig, dass das Tibetproblem klar angesprochen wird, aber mindestens ebenso massive Menschenrechtsverletzungen an anderen Minderheiten in China gar nicht zur Sprache kommen. Als objektiver Beobachter wird man den Eindruck nicht los, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird.

Nun erreichen uns heute Nachrichten von schweren Unruhen aus der Provinz Xinjiang. Bei Zusammenstößen zwischen muslimischen Uiguren und Chinesen sollen in der nordwestchinesischen Unruheprovinz nach Meldungen von Nachrichtenagenturen etwa 140 Menschen ums Leben gekommen sein.

In Xinjiang gibt es schon seit Jahren eine Unabhängigkeitsbewegung unter den etwa acht Millionen Uiguren. Wie in Tibet versucht die chinesische Regierung in der Provinz Xinjiang im Nordwesten des Landes die Uigurische Bevölkerung durch “Umsiedlungsmaßnahmen” zu assimilieren. Offiziell wird Ostturkestan, wo die meisten muslimischen Uiguren leben, als “Autonome Uigurische Region Xianjiang” bezeichnet, allerdings existiert keinerlei Uigurische Selbstverwaltung. Seit Jahrzehnten werden systematisch Han-Chinesen in Ostturkestan angesiedelt, um so die Uigurische Bevölkerung zu dezimieren und die Provinz in eine rein chinesische zu verwandeln. 1949 lebten gerade mal 300.000 Chinesen in Xianjiang, heute sind es fast 10 Millionen. Ein Ergebnis der so genannten “Umsiedlungsmaßnahmen”. Die systematische Ansiedlung von Han-Chinesen stößt bei der seit Jahrhunderten ansässigen Bevölkerung in der Autonomen Region Xinjiang, die die Uiguren selbst als Ostturkestan bezeichnen, auf immer mehr Ablehnung und Kritik. Schon heute ähneln die Städte Ostturkestans und Tibets mit ihren breiten Straßen und modernen Häuserblocks architektonisch immer mehr chinesischen Städten und verlieren ihren besonderen kulturellen Charakter. Ihr architektonischer Niedergang ist symptomatisch für die wachsende Bedrohung der traditionellen Kultur ihrer einheimischen Völker.

Die chinesische Regierung führt bei den muslimischen Uiguren auch eine strenge Geburtenkontrolle durch, um so das natürliche Anwachsen der Uigurischen Bevölkerung aufzuhalten. Menschenrechtsorganisationen berichten auch von zahlreichen erzwungenen Abtreibungen und sogar von Todesfällen in diesem Zusammenhang. Nach einem Bericht der Gesellschaft für bedrohte Völker werden Moscheen und Koran-Schulen willkürlich geschlossen, religiös und kulturell bedeutende Schriften und Bücher öffentlich verbrannt, das Feiern muslimischer Feste wird untersagt, Imame werden zur Teilnahme an Umerziehungskursen der Kommunistischen Partei gezwungen.

Ausrottung einer Kultur

Auch die ökologische Lage in Ostturkestan ist katastrophal. Das chinesische Militär führt auf dem Versuchsgelände in Lop Nor in Ostturkestan unverändert Atomtests durch. Seit 1964 wurden dort über 45 Atomversuche durchgeführt. Beobachter sprechen von gesundheitlichen Problemen aufgrund dieser Atomversuche und von zahlreichen Toten.

Wer sich für die Bewahrung der traditionellen Kultur und für Menschenrechte in Ostturkestan einsetzt, gilt als Unterstützer des “Terrorismus”.

Wer sich für die Bewahrung der traditionellen Kultur und für Menschenrechte in Ostturkestan einsetzt, gilt als Unterstützer des “Terrorismus”.

Die Lage in Ostturkestan ist sehr angespannt, besonders zwischen den einheimischen Uiguren und den zugewanderten Han-Chinesen kommt es häufiger zu Unruhen. Willkürliche Festnahmen und Deportationen sind an der Tagesordnung. Jegliche religiöse und kulturelle Aktivitäten von Uiguren werden unterbunden. Im Fastenmonat Ramadan wurden 1997 hunderte junge muslimische Gläubige von chinesischen Sicherheitskräften festgenommen, weil sie sich zum gemeinsamen Fastenbrechen und Gebet versammelt hatten. Es kam zu heftigen Protesten seitens der Bevölkerung, die die Freilassung der jungen Uiguren forderten. Die chinesische Polizei reagierte mit “harter Hand”. Die Gesellschaft für bedrohte Völker berichtete von über 100 Toten und zahlreichen Verletzten. Mindestens 52 Uiguren wurden aufgrund ihrer mutmaßlichen Beteiligung an den Unruhen zum Tode verurteilt und hingerichtet. In Schnellverfahren oder in Schauprozessen, die allen rechtsstaatlichen Grundsätzen eines Gerichtsverfahrens widersprachen, wurden die Urteile gegen die Angeklagten verhängt. Die Vollstreckung der Todesurteile gegen fünf weitere Personen wurde aufgeschoben, mindestens 90 Uiguren wurden zu meist langjährigen Haftstrafen verurteilt. Bis zu 14 Inhaftierte starben aufgrund der Folter in der Haft. Den Angehörigen der Folteropfer, Hingerichteten und Erschossenen wurde die Herausgabe der Leichen und eine angemessene Bestattung ihrer Toten verweigert.

Per Erlass wurde die Bevölkerung unter Androhung drakonischer Strafen aufgefordert, absolutes Stillschweigen über den Verlauf der Unruhen zu wahren. Wer dagegen verstieß und Journalisten Informationen über den tatsächlichen Hergang des Massakers zur Verfügung stellte, wurde zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Willkürliche Gewalt

Laut der Gesellschaft für bedrohte Völker ist keine andere ethnische Gruppe in China so massiver und willkürlicher Gewalt der Sicherheitskräfte ausgesetzt wie die Uiguren. “So wurden seit Mitte der 90er-Jahre im Rahmen der ,Schlag hart zu’- Kampagne der Sicherheitskräfte mehr als 700 Todesurteile aus politischen Gründen gegen Uiguren verhängt und vollstreckt. Im gleichen Zeitraum wurde in Tibet ein Tibeter zum Tode verurteilt”, stellt die GfbV fest.

Die willkürliche Gewalt richtet sich nicht gegen Einzelpersonen, sondern gegen die gesamte Bevölkerungsgruppe der Uiguren. So werden in Xinjiang Menschen allein aufgrund ihrer ethnischen Abstammung verfolgt, und nicht nur aufgrund konkreter Straftatbestände. Wer sich für die Bewahrung der traditionellen Kultur und für Menschenrechte in Ostturkestan einsetzt, gilt als Unterstützer des “Terrorismus” und wird mit jahrelanger Haft oder sogar mit der Hinrichtung bestraft. Dies gilt auch für Uiguren, die im Ausland um politisches Asyl ersuchten oder sich für Menschenrechte für Uiguren einsetzten. Mehrfach wurden seit dem Jahr 2004 uigurische Flüchtlinge, die aus zentralasiatischen Staaten oder Pakistan nach China abgeschoben worden waren, in unfairen Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Laut der GfbV versucht China seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 seine blutige Repression in Xinjiang als Chinas Beitrag zum weltweiten Kampf gegen den Terrorismus darzustellen. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, viele Regierungen in aller Welt und Menschenrechtsorganisationen haben diese Darstellung jedoch zurückgewiesen und China vorgeworfen, den Antiterror-Kampf für seine eigenen politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Es seien hausgemachte Probleme, die China in Xinjiang habe, die keinen Bezug zum Erstarken des internationalen Terrorismus hätten, betonen Experten.

Trotz der massiven Repression seitens chinesischer Sicherheitskräfte gibt es Uigurische Menschenrechtler, die versuchen, die Welt auf die Lage ihrer Landsleute aufmerksam zu machen. Die bekannteste ist die Menschenrechtlerin und Autorin Rebiya Kadeer. Sie saß einige Jahre in chinesischen Gefängnissen wegen “Verrats von Staatsgeheimnissen” und lebt seit ihrer Haftentlassung 2005 im Exil. Sie wurde drei Mal in Folge für den Friedensnobelpreis nominiert. „Meine langfristige Hoffnung ist,“, sagt Rebiya Kadeer, „dass die internationale Gemeinschaft unsere Angelegenheit gleich behandelt wie die der Tibeter.“

Es bleibt zu hoffen, dass die Weltöffentlichkeit die Augen vor den massiven Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang nicht verschliesst, auch wenn im Gegensatz zu Tibet hier Hollywoodstars sich nicht medienwirksam für die Rechte der unterdrückten Menschen in Osttürkestan einsetzen.

Tibets Schicksalsgenossen

Die Unterdrückung der Tibeter sollte uns auch für die Unterdrückung weiterer ethnischer Gruppen in China sensibilisieren – doch wird diese im öffentlichen Diskurs meist ausgeblendet. Das erschütterndste Beispiel ist die Lage der Uiguren in Ostturkestan.

Viel wird in den letzten Wochen über die Menschenrechtslage in China diskutiert. Forderungen nach einem Boykott der Olympischen Spiele in Peking werden laut. Prominente weltweit setzen sich medienwirksam für die Tibeter ein, die seit Jahrzehnten vom kommunistischen Regime in Peking unterdrückt werden. Wie berechtigt und richtig diese Debatte auch ist, ist es schon eigenartig, dass das Tibetproblem klar angesprochen wird, aber mindestens ebenso massive Menschenrechtsverletzungen an anderen Minderheiten in China gar nicht zur Sprache kommen. Als objektiver Beobachter wird man den Eindruck nicht los, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird.

Man muss lange suchen, um in den Medien Berichte über die Repressalien gegen die Uiguren in China zu finden. Wie in Tibet versucht die chinesische Regierung in der Provinz Xinjiang im Nordwesten des Landes die Uigurische Bevölkerung durch “Umsiedlungsmaßnahmen” zu assimilieren. Offiziell wird Ostturkestan, wo die meisten muslimischen Uiguren leben, als “Autonome Uigurische Region Xianjiang” bezeichnet, allerdings existiert keinerlei Uigurische Selbstverwaltung. Seit Jahrzehnten werden systematisch Han-Chinesen in Ostturkestan angesiedelt, um so die Uigurische Bevölkerung zu dezimieren und die Provinz in eine rein chinesische zu verwandeln. 1949 lebten gerade mal 300.000 Chinesen in Xianjiang, heute sind es fast 10 Millionen. Ein Ergebnis der so genannten “Umsiedlungsmaßnahmen”. Die systematische Ansiedlung von Han-Chinesen stößt bei der seit Jahrhunderten ansässigen Bevölkerung in der Autonomen Region Xinjiang, die die Uiguren selbst als Ostturkestan bezeichnen, auf immer mehr Ablehnung und Kritik. Schon heute ähneln die Städte Ostturkestans und Tibets mit ihren breiten Straßen und modernen Häuserblocks architektonisch immer mehr chinesischen Städten und verlieren ihren besonderen kulturellen Charakter. Ihr architektonischer Niedergang ist symptomatisch für die wachsende Bedrohung der traditionellen Kultur ihrer einheimischen Völker.

Die chinesische Regierung führt bei den muslimischen Uiguren auch eine strenge Geburtenkontrolle durch, um so das natürliche Anwachsen der Uigurischen Bevölkerung aufzuhalten. Menschenrechtsorganisationen berichten auch von zahlreichen erzwungenen Abtreibungen und sogar von Todesfällen in diesem Zusammenhang. Nach einem Bericht der Gesellschaft für bedrohte Völker werden Moscheen und Koran-Schulen willkürlich geschlossen, religiös und kulturell bedeutende Schriften und Bücher öffentlich verbrannt, das Feiern muslimischer Feste wird untersagt, Imame werden zur Teilnahme an Umerziehungskursen der Kommunistischen Partei gezwungen.

Ausrottung einer Kultur

Auch die ökologische Lage in Ostturkestan ist katastrophal. Das chinesische Militär führt auf dem Versuchsgelände in Lop Nor in Ostturkestan unverändert Atomtests durch. Seit 1964 wurden dort über 45 Atomversuche durchgeführt. Beobachter sprechen von gesundheitlichen Problemen aufgrund dieser Atomversuche und von zahlreichen Toten.

Die Lage in Ostturkestan ist sehr angespannt, besonders zwischen den einheimischen Uiguren und den zugewanderten Han-Chinesen kommt es häufiger zu Unruhen. Willkürliche Festnahmen und Deportationen sind an der Tagesordnung. Jegliche religiöse und kulturelle Aktivitäten von Uiguren werden unterbunden. Im Fastenmonat Ramadan wurden 1997 hunderte junge muslimische Gläubige von chinesischen Sicherheitskräften festgenommen, weil sie sich zum gemeinsamen Fastenbrechen und Gebet versammelt hatten. Es kam zu heftigen Protesten seitens der Bevölkerung, die die Freilassung der jungen Uiguren forderten. Die chinesische Polizei reagierte mit “harter Hand”. Die Gesellschaft für bedrohte Völker berichtet von über 100 Toten und zahlreichen Verletzten. Mindestens 52 Uiguren wurden aufgrund ihrer mutmaßlichen Beteiligung an den Unruhen zum Tode verurteilt und hingerichtet. In Schnellverfahren oder in Schauprozessen, die allen rechtsstaatlichen Grundsätzen eines Gerichtsverfahrens widersprachen, wurden die Urteile gegen die Angeklagten verhängt. Die Vollstreckung der Todesurteile gegen fünf weitere Personen wurde aufgeschoben, mindestens 90 Uiguren wurden zu meist langjährigen Haftstrafen verurteilt. Bis zu 14 Inhaftierte starben aufgrund der Folter in der Haft. Den Angehörigen der Folteropfer, Hingerichteten und Erschossenen wurde die Herausgabe der Leichen und eine angemessene Bestattung ihrer Toten verweigert.

Per Erlass wurde die Bevölkerung unter Androhung drakonischer Strafen aufgefordert, absolutes Stillschweigen über den Verlauf der Unruhen zu wahren. Wer dagegen verstieß und Journalisten Informationen über den tatsächlichen Hergang des Massakers zur Verfügung stellte, wurde zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Willkürliche Gewalt

Laut der Gesellschaft für bedrohte Völker ist keine andere ethnische Gruppe in China so massiver und willkürlicher Gewalt der Sicherheitskräfte ausgesetzt wie die Uiguren. “So wurden seit Mitte der 90er-Jahre im Rahmen der ,Schlag hart zu’- Kampagne der Sicherheitskräfte mehr als 700 Todesurteile aus politischen Gründen gegen Uiguren verhängt und vollstreckt. Im gleichen Zeitraum wurde in Tibet ein Tibeter zum Tode verurteilt”, stellt die GfbV fest.

Die willkürliche Gewalt richtet sich nicht gegen Einzelpersonen, sondern gegen die gesamte Bevölkerungsgruppe der Uiguren. So werden in Xinjiang Menschen allein aufgrund ihrer ethnischen Abstammung verfolgt, und nicht nur aufgrund konkreter Straftatbestände. Wer sich für die Bewahrung der traditionellen Kultur und für Menschenrechte in Ostturkestan einsetzt, gilt als Unterstützer des “Terrorismus” und wird mit jahrelanger Haft oder sogar mit der Hinrichtung bestraft. Dies gilt auch für Uiguren, die im Ausland um politisches Asyl ersuchten oder sich für Menschenrechte für Uiguren einsetzten. Mehrfach wurden seit dem Jahr 2004 uigurische Flüchtlinge, die aus zentralasiatischen Staaten oder Pakistan nach China abgeschoben worden waren, in unfairen Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Laut der GfbV versucht China seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 seine blutige Repression in Xinjiang als Chinas Beitrag zum weltweiten Kampf gegen den Terrorismus darzustellen. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, viele Regierungen in aller Welt und Menschenrechtsorganisationen haben diese Darstellung jedoch zurückgewiesen und China vorgeworfen, den Antiterror-Kampf für seine eigenen politischen Zwecke zu instrumentalisieren. Es seien hausgemachte Probleme, die China in Xinjiang habe, die keinen Bezug zum Erstarken des internationalen Terrorismus hätten, betonen Experten.

Trotz der massiven Repression seitens chinesischer Sicherheitskräfte gibt es Uigurische Menschenrechtler, welche versuchen, die Welt auf die Lage ihrer Landsleute aufmerksam zu machen. Die bekannteste ist die Menschenrechtlerin und Autorin Rebiya Kadeer. Sie saß einige Jahre in chinesischen Gefängnissen wegen “Verrats von Staatsgeheimnissen” und lebt seit ihrer Haftentlassung 2005 im Exil. Sie wurde drei Mal in Folge für den Friedensnobelpreis nominiert. Kadeer ist einer der wenigen Personen, die es geschafft haben, der Weltöffentlichkeit die Lage der Uiguren zu zeigen. Ihr Buch Die Himmelstürmerin war ein Bestseller. Der World Uigur Congress hat zusammen mit Rabeya Kadeer einen Boykott der Olympischen Spiele befürwortet, “da das menschen- und menschenrechtsverachtende Vorgehen der diktatorischen chinesischen Regierung wider den olympischen Geist von Frieden und friedlicher Zusammenkunft sei”.

veröffentlicht: Zukunft, Mai-Ausgabe, http://www.z-zukunft.eu/?2008-05,politik,021,2