Immer auf Kontrolle bedacht

comment 1
Uncategorized

Wie entwickeln sich die Moscheeverbände in Deutschland? Vor allem der steigende Einfluss der Türkei verheißt nichts Gutes

Vor 11 Jahren setzte der damalige Bundesinnenminister Schäuble mit der Deutschen Islamkonferenz ein Zeichen: Die staatliche Zusammenarbeit mit den muslimischen Organisationen sollte eine vernünftige Basis schaffen. Die von Sicherheitsthemen dominierte Agenda und teils fragwürdige Teilnehmer der ersten Runde waren wenig förderlich für ein gesundes Debattenklima. Erst in der dritten Phase der Konferenz nahm die Politik die Einwände der Muslime ernst, man konzentrierte sich – unter dem Eindruck der steigenden Flüchtlingszahlen – vor allem auf das Potenzial der muslimischen Verbände auf dem Feld der sozialen Arbeit.

Die Förderung der Flüchtlingsarbeit in der muslimischen Community sollte mittelfristig zu einem islamischen Wohlfahrtsverband führen. Die letzte Islamkonferenz, die vor einigen Wochen zu Ende ging, zeigte aber, dass die Verbände es nicht schaffen, eine gemeinsame Linie in dieser Frage zu finden. Obwohl politische oder theologische Standpunkte in der sozialen Arbeit kaum Relevanz haben sollten, waren die Verbände nicht in der Lage, ein gemeinsames Konzept vorzulegen. Kurz vor dem Ende dieser Gespräche scherten drei Mitglieder des Koordinationsrats der Muslime (KRM) aus und stießen die anderen Teilnehmer der Konferenz inklusive des KRM vor den Kopf, indem sie den „Verband Muslimischer Flüchtlingshilfe“ gründeten.
Eine Fortführung der Islamkonferenz wird es sicher auch unter der neuen Regierung geben. Aber mit den großen Verbänden allein wird sie nicht funktionieren. Woran liegt das?

Basisarbeit ist Mangelware

Die wichtigsten KRM-Mitglieder– der Zentralrat der Muslime in Deutschland, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland und der Verband der Islamischen Kulturzentren – wirken zunehmend bremsend und auf Kontrolle ausgerichtet, trotz des enormen Potenzials ihrer eigenen Basis. Tatendrang und Konzepte für die Umsetzung wichtiger Basisarbeit sind Mangelware. Man beobachtet überhaupt eine Stagnation, ja sogar eine Rückentwicklung – vor allem bei den türkisch dominierten Verbänden.
Besonders viel wird über die Ditib diskutiert, aber die Entwicklungen in der Türkei und die Debatten darüber haben bei allen türkischen Verbänden eine Entwicklung angestoßen, die sie wieder in die 90er Jahre zurückfallen lässt. Denn Ankara blickt auf die religiösen türkischen Verbände in Deutschland nicht als Religionsgemeinschaft, sondern als Lobbyisten der Türkei.
In den letzten Jahren ist eine Verschmelzung der inhaltlichen und ideologischen Unterschiede türkisch-islamischer Verbände zu verzeichnen, die es so früher nicht gab. Der neu erstarkende Nationalismus in der Türkei spielt dabei eine wesentliche Rolle. Während die Verbände nicht in der Lage sind, zu relevanten Fragen muslimischen Lebens in Deutschland gemeinsam und mit derselben Leidenschaft Stellung zu beziehen, gibt es eine einheitliche Positionierung zu Türkei-Themen. Ankara dürfte stolz auf diese Entwicklung sein – nur den hier lebenden Muslimen und ihren Interessen ist damit kein Gefallen getan.
Symbolisch ist diese demonstrative nationale Einheit sehr bedeutsam, weil sie eins verdeutlicht: Die türkischen religiösen Verbände brauchen den Koordinationsrat der Muslime nicht mehr. Koordiniert wird jetzt unter Türken. Überhaupt ist der KRM längst am Ende. Zu zentralen Fragen gibt es schon seit Langem keine inhaltliche Arbeit mehr. Nicht mal der Internetauftritt koordinationsrat.de funktioniert noch. Man könnte meinen, beim Koordinationsrat der Muslime handele es sich um eine Briefkastenfirma, eine Konstruktion, deren Verfallsdatum schon lange überschritten ist.
Immer mehr bekommt man den Eindruck, dass nicht mehr Religionsausübung Vereinszweck ist, sondern die Bewahrung und Weitergabe natio­naler Identität. Dazu gehört die Erzählung, dass „der Türke“ in den Moscheeverbänden die letzte Festung des Islam verteidige. Das heißt: Nationalistische Identitätsbildung ist Grundvoraussetzung und Ziel der Vereinstätigkeit. Religion ist nur Mittel zum Zweck.
Die türkischen Verbände haben das Ziel Religionsgemeinschaft faktisch aufgegeben. In den Diskussionen in der Islamkonferenz haben sie sich wiederholt überfordert gezeigt. Sie wissen nicht, wie sie diese Rolle ausfüllen sollen, weil ihnen die Hinwendung zur deutschen Gesellschaft und das Bewusstsein fehlt, Gestalter dieser Gesellschaft im Ganzen zu sein. Da kommt die Rückbesinnung auf die Rolle des identitätsbewahrenden Verwalters einer entlegenen türkischen Provinz gerade recht. Die Rolle kennen sie, die Rolle können sie.

Diskurse werden erstickt

Die Anliegen der Muslime in Deutschland zu vertreten – und zwar aus dem Selbstverständnis heraus, deutsche Muslime zu sein –, an dieser Aufgabe sind sie gescheitert. Akteure innerhalb dieser Verbände, die auf diese Missstände hinweisen und gesellschaftlich ambitioniert sind, werden aussortiert. Eines unter vielen Beispielen ist der geschlossene Rücktritt beim Bundesjugendverband der Ditib. Nach internen Querelen und Druck sah der junge und ambitionierte Vorstand keinen anderen Ausweg mehr, als unter Protest zu gehen.
Statt den Gemeinden vor Ort mehr Freiraum und Möglichkeiten zu geben, flüchten sich die Verbände in eine noch stärkere Zentralisierung und Kontrolle. Jeder selbstkritische Diskurs soll im Keim erstickt werden. Auch strukturell gibt es erste Veränderungen: In der Ditib wurden die Landesverbände faktisch entmachtet und an die Zentrale gebunden. Die wichtige Jugendarbeit untersteht jetzt direkt dem Ditib-Vorsitzenden. Denn dort lauert – in den Augen der Funktionärsgarde – die größte Gefahr.
Ein Verband, der die eigene Jugend als Gefahr sieht, kann kein Zukunftsmodell für einen Islam in Deutschland anbieten. Das mag hart klingen und überspitzt formuliert sein. Aber manchmal muss man die Dinge auch schonungslos ansprechen. Denn für mich als Muslim sind die Moscheegemeinden eine Herzensangelegenheit.
Über diese Entwicklungen muss diskutiert werden. Schließlich geht es um die Zukunft muslimischen Lebens in Deutschland.

Erschienen in der taz, 1.9.2017: https://www.taz.de/!5441227/

Advertisements

Phoenix Runde: „Terror im Namen Allahs – Welche Rolle spielt der Islam?“

Hinterlasse einen Kommentar
Uncategorized

Screenshot_20170616-092230

Wie sind die islamistischen Gewalttaten zu erklären? Hat der Islam ein Gewaltproblem? Wie kann das Misstrauen gegenüber friedlichen Muslimen abgebaut werden?

Anke Plättner diskutiert mit:

– Seyran Ateş (Rechtsanwältin und Autorin)
– Wilfried Buchta (Islamwissenschaftler)
– Prof. Christoph Markschies (Theologe HU Berlin)
– Eren Güvercin (freier Journalist)

Link zur Sendung:

https://youtu.be/zLkoMNNax30?list=PLoeytWjTuSupmIfrZIGG9qihmKYVNck4p

11 unverschämte Ramadan-Fragen an einen Moslem

Hinterlasse einen Kommentar
Uncategorized

Die Hälfte des Ramadans ist geschafft – noch bis zum 24. Juni müssen Muslime tagsüber fasten. Wir haben den Autor und Journalisten Eren Güvercin nach seinem Zustand befragt.

Von Sebastian Dalkowski

bosnien

Öffentliches Fastenbrechen in Konjic, Bosnien

Ich hatte heute schon zwei Brötchen, einen Kakao und eine Flasche Wasser. Und Sie?

Eren Güvercin Kakao trinken doch nur Grundschüler. Also ich hatte heute früh vor Sonnenaufgang Bio-Dinkel-Vollkorn-Cornflakes mit Bananen und Datteln. Dazu habe ich noch etwas Wasser getrunken.

Die Frage nervt Muslime, deshalb stelle ich Sie: Wasser ist tagsüber auch nicht erlaubt? Wirklich nicht?

Güvercin Ja, wirklich nicht. Und ich komme damit einigermaßen gut zurecht. Es ist schon erstaunlich, mit wie wenig der menschliche Körper auskommt. Das fasziniert einen immer wieder im Ramadan.

Ihr großes Laster ist Kaffee – wie kommen Sie momentan so aus dem Bett?

Güvercin Das mit dem Kaffee ist schon eine Herausforderung für mich. Normalerweise fängt mein Tag mit zwei bis drei Espressi an. Dazu noch die eine oder andere Zigarette. Der Koffein- und Nikotinentzug ist in den ersten beiden Tagen des Fastenmonats schon heftig. Da habe ich schon mal Kopfschmerzen, bin nicht ganz bei der Sache. Aber auch darauf stellt sich der Körper schnell ein. Spätestens am dritten Tag bin ich im Flow und komme sehr gut klar damit. Und aus dem Bett komme ich – wie ich jeden Ramadan merke – auch ohne Aufputschmittel wie Kaffee ganz gut.

Die Sonne geht heute um 21.49 Uhr unter – was lässt Ihnen jetzt schon das Wasser im Mund zusammenlaufen?

Güvercin Der Geruchssinn ist sehr geschärft im Ramadan. Ich nehme sogar den Kaffeeduft aus einem Coffee-to-go-Becher am Ende des Abteils in der Bahn wahr. Ansonsten muss ich aufpassen, am Nachmittag nicht im Supermarkt einzukaufen. Denn dann kaufe ich unsinnigen Kram ein, den ich später eh nicht essen werde.

Wann haben Sie das letzte Mal gepfuscht?

Güvercin Gepfuscht habe ich noch nie. Aber es ist mir einmal passiert, dass ich total vergessen hatte, dass ich faste. Auf dem Tisch lag etwas zum Naschen, ich griff zu, und merkte erst, als es zu spät war, dass ich faste. Aber das ist halb so wild, denn es bricht nicht das Fasten, da es nicht mit Absicht geschah. Ich faste dann einfach weiter. Sobald aber gesundheitliche Probleme auftauchen, bin ich sowieso vom Fasten befreit, und muss nicht pfuschen. Stattdessen hole ich das Fasten wieder nach, wenn ich gesund bin, oder aber ich spende für die ausgelassenen Tage an bedürftige Menschen.

Meinen Sie, Allah bekommt mit, ob Sie heimlich ein Snickers essen?

Güvercin Snickers auf leeren Magen ist nicht gerade reizvoll… Und wenn ich es mitbekomme, bekommt es der allwissende Schöpfer wohl erst Recht mit.

Ich wette, Sie können mir nicht erklären, was es mit diesem Ramadan überhaupt auf sich hat.

Güvercin Ein Muslim fastet für Allah. Es ist ein gesegneter Monat, in dem die Offenbarung des Korans an den Propheten Muhammad begann. Das Fasten ist ein Bestandteil von vielen Praktiken, um die Spiritualität dieses Monats unmittelbar zu spüren. Sowohl körperlich als auch geistig.

Ihr bester Trick, um nicht ans Essen zu denken?

Güvercin Ich habe keinen Trick. Ich glaube auch, dass es da keinen Trick gibt. Wenn ich Hunger habe, dann habe ich Hunger, und da denke ich hin und wieder ans Essen.

Sie sind nicht gerade von großer Körperfülle – haben Sie überhaupt Reserven?

Güvercin Wir unterschätzen zu oft, wie groß unsere Reserven doch sind, und mit wie wenig wir auskommen. Ich weiß nicht, wie das Fasten für etwas fülligere Menschen ist, ich komme bestens mit meinen Reserven aus. Ich denke, dass es für etwas schlankere Menschen sogar einfacher ist.

Ihre Frau kocht alles und Sie setzen sich nur noch an den gedeckten Tisch, richtig?

Güvercin Nein, ich habe ja vier Frauen, wie es sich für einen Muslim gehört. Die haben den ganzen Tag nichts anderes zu tun als zu kochen. Am Abend gibt es ein üppiges 6-Gänge-Menü und wir essen uns ins Koma. Nein, man hat oft ganz falsche Vorstellungen vom Ramadan. Viele denken, dass Muslime am Abend sehr viel essen, da sie den ganzen Tag gefastet haben. So ist es überhaupt nicht. Auch in diesen langen Sommertagen, wo man bis zu 18 Stunden fastet, ist man sehr schnell satt. Nach einer warmen Suppe, etwas Salat und Wasser kann ich kaum noch etwas essen.

Was machen eigentlich die Moslems in Skandinavien, wo die Sonne gerade nicht untergeht – einen Monat hungern?

Güvercin Für solche Regionen gibt es im islamischen Recht eine ganz simple Regelung: Jene Muslime, die in Regionen leben, wo die Sonne nicht untergeht, halten sich an die Fastenzeiten von Mekka.

http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/11-unverschaemte-ramadan-fragen-an-einen-moslem-aid-1.6878849

Es kann nur einen geben

Hinterlasse einen Kommentar
Uncategorized

Mit der Inthronisierung Erdoğans als Parteichef hat sich die AKP quasi abgeschafft. Sein aggressiver nationalistischer Wahlkampfmodus wird mindestens bis 2019 anhalten.

kongre2

998 Tage lang war der große Führer abwesend, zumindest auf dem Papier. Bestimmt hat Recep Tayyip Erdoğan trotzdem alles: Wer Abgeordneter wird, wer aussortiert wird, wer Schlüsselpositionen in der Partei bekommt, welche politischen Inhalte präsentiert werden. Die offizielle Inthronisierung Erdoğans zum allein herrschenden Parteivorsitzenden nach knapp drei Jahren wurde in Ankara mit einem immensen Aufwand inszeniert. Mehr als 96 Prozent der Delegierten stimmten für ihn.

Bis zu 15.000 Menschen füllten die Ankara-Arena. Weitere 100.000 Menschen verfolgten den Parteitag außerhalb der Arena über eine große Leinwand. 1.500 Busse hatten die Parteianhänger aus der ganzen Türkei nach Ankara gebracht. Der Ablauf des Parteitages verlief planmäßig. Gegenstimmen, Diskussionen über die politische Ausrichtung gab es keine. Mit viel Jubel wurden treue und loyale AKP-Politiker in wichtige Parteiämter gewählt, und Akteure, die zumindest Fragen stellten – denn offene Kritik zu üben traut sich keiner –, gingen unter. Numan Kurtulmuş etwa, der bei der religiös-konservativen Stammwählerschaft der AKP sehr angesehen ist, hatte noch jüngst beunruhigt vom derzeitigen Populismus eine neue Außenpolitik gefordert. Sein Name fehlt im neuen erweiterten Parteivorstand.

Erdoğan kündigte in seiner Parteitagsrede eine neue Ära des Wachstums an. Die Türkei sei auf dem besten Weg, zur alten Stärke zurückzukehren. Er knüpfte damit an die glorreiche osmanische Vergangenheit an. Die Rhetorik erzielte ihren Effekt: Tausende Menschen applaudierten frenetisch. Seine AKP, so Erdoğan, habe für mehr Wohlstand, mehr Freiheiten und mehr Demokratie in der Türkei gesorgt. Die Unterdrückung des alten Systems gehöre der Vergangenheit an. Dass in der Türkei seit letztem Sommer der Ausnahmezustand herrscht und zahlreiche Journalisten in Haft sind, scheint die AKP-Anhänger nicht zu irritieren.

In der Tat hatte die AKP in ihren Anfangsjahren in der Türkei vieles ins Positive gewendet, und dafür gab es von unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten breite Unterstützung. Aber diese Unterstützung bröckelt, daran kann die feierliche Massenveranstaltung nichts ändern. Gerade im Referendum über die neue Verfassung hat das knappe Ergebnis gezeigt, dass Erdoğan große Mühe hat, seine Stammwähler zusammenzuhalten.

Diskussionen über das enttäuschende Ergebnis des Referendums gibt es auf dem Parteitag keine. Überhaupt wird gar nicht über den erstaunlichen Wandel debattiert, den die AKP in den letzten Jahren erfahren hat. Erdoğan hat zumindest in einem Punkt recht, wenn er von einer neuen Ära spricht. Bisher sah die Verfassung vor, dass der Staatspräsident kein Parteiamt bekleiden darf. Mit den umfassenden Änderungen der neuen Verfassung, die im Referendum am 16. April – wenn auch mit knapper Mehrheit – vom Volk bestätigt wurde, darf der Staatspräsident auch gleichzeitig Vorsitzender einer Partei sein. Die Ära eines parteipolitisch neutralen Staatspräsidenten ist damit passé.

Die gekonnte Inszenierung dieses Wandels mit dem Parteitag ist symbolischer Natur, denn auch in der Zeit vor dem Referendum war der Staatspräsident Erdoğan alles andere als ein neutraler Präsident. Mit der Wiederwahl zum Parteivorsitzenden wird lediglich der bereits vorherrschende Personenkult perfektioniert. Und eins zeigt der Parteitag jenseits der Jubelarien sehr deutlich: Die AKP hat sich selbst abgeschafft.

Alle Konkurrenten beseitigt

In den letzten Jahren wurden wichtige Figuren, die seit der Parteigründung 2001 neben Erdoğan eine Rolle gespielt haben, eine nach der anderen aussortiert. Langjährige Weggefährten aus der Millî-Görüş-Tradition von Necmettin Erbakan wie Abdullah Gül, Ahmet Davutoğlu und viele andere, die die konservativ-religiöse Schicht in der Türkei repräsentierten, wurden aus wichtigen Parteipositionen gedrängt. Sie wurden durch nationalistische Kräfte ersetzt, die sich vollkommen der Führungsfigur unterordnen.

Diese Stimmung prägte auch den heutigen Parteitag: Nationalistische Parolen haben die Visionen, die die AKP einmal ausgemacht haben, ersetzt. Seit drei Jahren befindet sich die Türkei in einem künstlich aufrechterhaltenen Wahlkampfmodus. Dies wird – so sind Erdoğans Botschaften heute zu deuten – auch bis 2019 so weitergehen. Erdoğan braucht diese Spannung und die Stimmungsmache, um die Zustimmung im Volk bis zur Wahl 2019 zu halten. Denn mit der Wahl 2019 wird endgültig der Übergang zum Präsidialsystem à la Erdoğan vollzogen sein. Diesem Ziel sind alle parteipolitischen Entscheidungen aber auch die Regierungsentscheidungen untergeordnet.

Neue Ära, alter Erdoğan

Mit dieser Entwicklung gleicht die heutige AKP mehr und mehr der nationalistischen MHP, die zwar auf den ersten Blick eine Oppositionspartei ist, aber seit einem Jahr eine sehr enge Allianz mit Erdoğan eingegangen ist. Belohnt wird die MHP, indem wichtige Stellen im Staatsapparat mit MHP-Personal besetzt werden. Es kursieren sogar Gerüchte, dass Erdoğan im neuen Kabinett auch MHP-Politiker mit Ministerposten belohnen wird.

Die tiefe Krise, in der die AKP als Partei steckt, versucht Erdoğan mit einer aggressiven, nationalistischen Rhetorik zu übertünchen. Parteiveranstaltungen wie der heutige Parteitag erinnern immer mehr an Jubelveranstaltungen, die man eigentlich aus Nordkorea kennt. Nicht nur in der Gesellschaft gibt es keinen Raum mehr für kontroverse Diskussionen um politische Inhalte, sondern auch innerhalb der AKP wird jede Nachfrage oder Diskussion als Verrat an der Mission angesehen.

Aber diese Realität ist ein allgemeines Problem in der türkischen Parteienlandschaft und kein spezielles Phänomen der AKP. Die größte Oppositionspartei CHP unter der Führung von Kemal Kılıçdaroğlu erlebte in den letzten Jahren eine Wahlschlappe nach der anderen. Personelle Konsequenzen gab es aber keine. Trotz des desolaten Zustandes der Opposition werden auch dort jene Parteipolitiker, die auf die Idee kommen, die eigene Parteiführung und deren Politik zu hinterfragen, gnadenlos aussortiert. Eine parteiinterne Demokratie und Debattenkultur ist in der türkischen Parteienlandschaft ein Fremdwort.

Außenpolitische Isolation

Erdoğan thematisierte in seiner Rede auf dem Parteitag auch die Beziehungen zur EU. Die EU habe mit ihrer abweisenden Haltung in Bezug auf eine EU-Mitgliedschaft der Türkei mit der Ehre der Nation gespielt. Die Türkei habe dies aber nicht nötig, diese Zeiten seien endgültig vorbei. Die Türkei habe Alternativen, sagte Erdoğan, und nannte Indien, China und Russland als Partner, mit denen er jüngst wichtige wirtschaftliche und strategische Vereinbarungen getroffen hat. Erdoğan will das Kapitel der EU-Mitgliedschaft zwar nicht endgültig beenden, spricht sogar von einer Fortsetzung der Bemühungen für eine Mitgliedschaft. Aber zugleich spielt er den großen Führer, der sich nichts mehr gefallen lässt. Er schafft es damit erfolgreich, die eigenen Reihen im Land zu schließen.

Dass die außenpolitische Realität aber eine andere ist und die Türkei sowohl in der Syrienfrage als auch in anderen Fragen im Nahen Osten immer mehr isoliert wirkt, interessiert auf dem Parteitag niemanden. Die Hoffnung Erdoğans ist es, den Schein bis 2019 aufrechtzuerhalten. Dies wird er aber ohne die nationalistische und aggressive Rhetorik, die in den Monaten vor dem Referendum zu spüren war, nicht schaffen. Der Erdoğan der neuen Ära ist derselbe wie der Erdoğan der letzten Monate. Denn anders wird er von den wirtschaftlichen Problemen und der außenpolitischen Isolierung nicht ablenken können.

http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-05/tuerkei-recep-tayyip-erdogan-akp-parteivorsitz-parteitag/komplettansicht 

Die Jugend rebelliert

Hinterlasse einen Kommentar
Uncategorized

Die Diskussionen um die DITIB reißen nicht ab. Nach den wochenlangen Diskussionen um die Spitzelvorwürfe gegen einige Imame in den Gemeinden sorgte die Nachricht vom Rücktritt des Bundesjugendvorstands erneut für Schlagzeilen. Überraschend kommt diese Nachricht nicht. Schon seit Längerem gab es Unruhen ­innerhalb der Verbandsjugend. Die aktuelle Entwicklung innerhalb der DITIB und die Ignoranz ihrer Führung gegenüber den eigenen strukturellen Defiziten hat den engagierten ­Jugendvorstand schon länger gestört.

Auch die Entfernung des beliebten Vorstands der Berlin Sehitlik-Gemeinde sorgte für Aufruhr. Interne Kritik wurde immer wieder ignoriert, totgeschwiegen und unterbunden. Manche sind schnell dabei, dem Jugendvorstand vorzuwerfen, er würde sich nur profilieren. Diese üblichen Reflexe erlebt man oft von jenen, die nicht informiert sind. Der Rücktritt ist das Ergebnis vergeblicher Mühen, auf eine gefährliche Entwicklung für die DITIB selbst hinzuweisen.

Die Führung hat Warnsignale aber konsequent ignoriert. Stattdessen wurden kritische Stimmen als „Unruhestifter“ unter Druck gesetzt. Das mag in der Vergangenheit funktioniert haben, aber die Führung muss verstehen, dass das heute so nicht mehr geht. DITIB ist mit ihren zahlreichen Gemeinden ein wichtiger Faktor für die deutschen Muslime. Um ihre Arbeit voranzutreiben, ist sie auf engagierte Jugendliche angewiesen, denen man auch Verantwortung überträgt. Man muss diese Stimmen ernst nehmen und kann nicht erwarten, dass sie zu allem Ja und Amen sagen. Es mag vielleicht eine populäre Haltung in der türkischstämmigen Community sein, sich unterzuordnen, nicht anzuecken und jeden fatalen Fehler zu bejubeln. Für die muslimische Community ist das keine gute Entwicklung, wenn eben die engagierte Jugend aus den Strukturen der Muslime vertrieben wird.

In den letzten Jahren ist ein gewisser Braindrain in muslimischen Strukturen zu beobachten. Das ist in erster Linie ein großer Verlust für die Organisationen. Denn er birgt eine gewisse Gefahr, dass diese jungen Köpfe von externer Seite rekrutiert werden, eigene Projekte realisieren, aber immer mehr abgekoppelt von der Basis agieren. Es ist bezeichnend für den ­Zustand mancher Verbände, dass sie nicht in der Lage sind, der positiven, jugendlichen Energie Raum und die nötigen Chancen zu geben. Jugend lässt sich nicht kadermäßig kontrol­lieren, sondern man muss sie machen lassen. Dieser drohende bleibende Braindrain wird keine guten Auswirkungen auf unsere Entwicklung in Deutschland haben. Hoffentlich ist das den Verantwortlichen Funktionären in den Verbandszentralen bewusst.

https://www.islamische-zeitung.de/organisatierter-islam-die jugend-rebelliert/

 

Schluss mit dem Technokratenjargon der „Integrationspolitik“

Hinterlasse einen Kommentar
Uncategorized

Das Wahlverhalten der in Deutschland lebenden türkischen Staatsangehörigen beim Verfassungsreferendum haben heftige Debatten nicht nur über diese Gruppe ausgelöst, sondern über die Deutschtürken insgesamt, also auch jene, die gar nicht wählen konnten, weil sie nur die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Denn auch sie werden mit Fragen konfrontiert, ausgehorcht. Ich glaube, wir sind gut beraten, das Ergebnis des Referendums nüchtern zu betrachten und nicht vorschnell in eine Hysterie zu verfallen. Denn trotz des intensiven Wahlkampfs der AKP für die neue Verfassung hier bei uns in Deutschland, trotz der hitzigen Debatten und des Schüren von Stimmungen durch die unsäglichen Nazi-Vergleiche aus Ankara, ist das Ergebnis weniger dramatisch, als manche deutschen Politiker es darstellen, die dies als Vorwand nehmen jetzt alles Mögliche in Frage zu stellen. Von der doppelten Staatsangehörigkeit, über die angeblich fehlende Loyalität der Deutschtürken, bis zur lästigen Frage, ob diese oder jene Türken nun integriert sind oder nicht.

Wir als deutsche Gesellschaft und vor allem die deutsche Medienlandschaft und Politik haben im Vorfeld des Referendums genauso reagiert, wie Erdogan es sich erhofft hat. Er hat gezielt provoziert, gezielt Stimmungsmache unter den Deutschtürken betrieben, und Cem Özdemir, Volker Kauder und Co haben ihm mit ihren Parolen in die Hände gespielt.

Wenn die deutsche Politik ein Interesse an einem guten Zusammenleben zwischen Deutschen und Türken hier hat, dann muss man genau überlegen, wie man auf die momentane Lage nach dem Referendum reagiert, wie man das Ergebnis hier in Deutschland interpretiert. Und statt sofort Alarm zu schlagen und die Integration der Deutschtürken, die mit „Ja“ abgestimmt haben, als gescheitert zu bezeichnen, sollte man erst vor der eigenen Haustüre kehren. Denn so gut sieht es dort nicht aus.

Wenn sogar ein Armin Laschet von der CDU, der eher zu den besonnenen Stimmen in der Union zählt, das Wahlverhalten der Deutschtürken in AfD-Manier sofort aufgreift, und die Forderung der SPD nach kommunalem Wahlrecht für Migranten mit der Bemerkung angreift, dass man mit einem kommunalem Wahlrecht für Migranten Erdogan bald in jedem Stadtrat habe, ist das billiger Populismus auf dem Rücken der Deutschtürken. Wenn selbst Parteien wie die CDU oder sogar die Grünen in diese Panikmache verfallen, was man eigentlich nur von der AfD und anderen rechtspopulistischen Kreisen kennt, zeigt es uns, dass wir in all den Integrationsdebatten der letzten 10 Jahre keinen Fortschritt gemacht haben, sondern uns stattdessen immer wieder im Kreis drehen. Wie muss das bei den Deutschtürken und anderen Migranten wohl ankommen? Dass diese Politiker sich angeblich für unsere ‚Werte‘ und Demokratie einsetzen würden, ist bloß ein Alibi.

Wir müssen gerade jetzt die gesellschaftliche und politische Partizipation der Deutschtürken stärken, den Diskurs suchen, und selbstkritisch sein, was denn bitte schön auch die deutsche Politik und die deutschen Medien beim Umgang mit diesem Thema für Fehler gemacht haben. Wie kann es sein, dass wir einerseits die Dämonisierung der politisch Andersdenkenden in der Türkei zu Recht hart kritisieren, selber aber eine ähnliche Dämonisierung betreiben, in dem wir kollektiv die Ja-Wähler als nicht integriert labeln und indem von Deutschtürken ein Bekenntnis verlangt wird, ob man denn nun für oder gegen Erdogan sei?

Sei es in der Schule, am Arbeitsplatz oder unter Bekannten. Bei aller Notwendigkeit eines kritischen Diskurses ist alleine das Wahlverhalten eines Deutschtürken nicht der Maßstab dafür, ob er oder sie integriert ist oder nicht, ob sie das Grundgesetz akzeptieren oder nicht. Wir können die ganz unterschiedlichen Motive, wieso die Menschen so gewählt haben, nicht auf einen Faktor herunterbrechen, sondern es spielen ganz unterschiedliche Faktoren und Umstände eine Rolle. Ich kenne einige in meinem Umfeld, die mit Ja abgestimmt haben, obwohl sie eigentlich die neue Verfassung für keine gute Idee halten, obwohl sie eigentlich von Anfang an mit Nein abstimmen wollten. Das sind junge, gut ausgebildete Deutschtürken, die hier geboren und aufgewachsen sind. Sie sind mitten im Leben und engagiert. Und dennoch haben sie mit Ja abgestimmt. Es war bei ihnen eine emotionale Wahl, eine Reaktion auf die Debatten, und keine rationale Wahl, wo es wirklich um den Inhalt der Verfassung ging. Die emotionale Seite hat bei ihnen ihre rationalen Bedenken überlagert. Aus Frust gegenüber den unendlichen Integrationsdebatten. Aus Trotz. Aus Protest.

Der muffige Technokratenjargon der ‚Integrationspolitik‘ hängt vielen Deutschtürken – und nicht nur ihnen – zum Halse raus. Seit über 10 Jahren löst eine unsinnige Integrationsdebatte die andere ab. Es wird nur nach einem Vorwand gesucht, um die längst ausgelutschten Parolen runterzurattern, die nie zu etwas geführt haben. Immer wieder legen einige Politiker ein und dieselbe Schallplatte auf, ob es nun wie jetzt in diesem Fall um die hier lebenden Türken geht, oder um Muslime und Flüchtlinge. Und nicht wenige Deutschtürken reagieren darauf immer wieder mit demselben Reflex und einer Opfermentalität. Die üblichen Parolen der Politik als Reaktion darauf haben das intensiviert, statt zu beheben, weil wir seit Jahren über diese Menschen reden statt mit ihnen.

Es ist wichtig auch unangenehme Dinge zu thematisieren, auf Probleme hinzuweisen. Wir brauchen eine Streitkultur und eine inhaltliche Auseinandersetzung. Diesen Debatten aus dem Weg zu gehen oder zu ignorieren, wäre fatal. Wir müssen aber aufpassen, wie wir die Debatten führen. Wenn vor allem die Politik jedes Thema ausschlachtet und verantwortungslos damit umgeht, wird dies keine positiven Auswirkungen in der Gesellschaft haben. Wir müssen uns bei aller berechtigten Kritik an den Entwicklungen in der Türkei, bei aller berechtigten Kritik des Zustands mancher Deutschtürken, die man unmissverständlich auch zum Ausdruck bringen muss, auch an unsere eigene Nase fassen. Denn ansonsten unterscheidet uns nichts von denjenigen, die wir kritisieren. Denn auch sie sehen immer in den Deutschen und im Westen den Schuldigen für alles.

https://causa.tagesspiegel.de/politik/deutschtuerken-wie-viel-loyalitaet-zu-erdogan-darf-sein/schluss-mit-dem-technokratenjargon-der-integrationspolitik.html

Der große Verlierer des Referendums ist die AKP als Partei

Hinterlasse einen Kommentar
Uncategorized

Das Ergebnis verwundert nicht, weil es im Wahlkampf nie um die Inhalte der Verfassungsänderung ging, sondern darum die Unterstützer des Nein-Lagers kollektiv als Terroristen, Verräter, Ungläubige und Agenten zu verteufeln. Dafür wurde alles missbraucht: die Religion, verstorbene politische Größen von Atatürk bis Erbakan, der Nationalismus und die Legende, man sei das auserwählte Volk.

Der größte Verlierer dieses Referendums ist die AKP selbst. Denn die AKP regierte lange Jahre mit einer für die Türkei sehr ungewöhnlichen Mehrheit, weil sie die tiefen Gräben in der türkischen Gesellschaft überbrücken konnte. Die AKP stand dafür, Tabus zu brechen und Konflikte zu lösen, die das Land seit langem lähmten. Mittlerweile ist die AKP an einen Punkt gelangt, wo sie alle wichtigen politischen Positionen über Bord geworfen hat. Es ist kein Zufall, dass in den letzten Jahren immer mehr Persönlichkeiten innerhalb der AKP aussortiert wurden, die die Partei in den Anfangsjahren maßgeblich mitprägten. Zurückgeblieben ist ein Kreis opportunistischer Politiker, Unternehmer und Holdingbesitzer, die zu 100 Prozent unterwürfig sind und zu allem Ja und Amen sagen. Nicht weil sie Erdoğan oder die Partei schätzen oder von der Politik überzeugt sind, sondern weil sie wie Apparatschiks nur eins im Sinn haben: sich den vorhandenen Strukturen und Verhältnissen anzupassen und sich ihnen anzudienen, um möglichst großen Profit daraus zu schlagen.

Lange war unklar, ob die Wähler mehrheitlich mit Ja oder Nein stimmen werden. Der Anteil der Unentschiedenen war bis zuletzt hoch. Die meisten Unentschiedenen haben sich offenbar für kurzfristige politische Stabilität entschieden. Denn viele Türken befürchteten, dass eine Ablehnung der neuen Verfassung das Land ins Chaos stürzen würde, was die wirtschaftliche Stabilität gefährdet hätte. Vermutlich haben sich viele Menschen deshalb, trotz ihrer enormen Bedenken, für ein Ja entschieden.

Trotz dieses Sieges ist eins sicher: Die politische Zukunft der Türkei bleibt fragil und unklar, auch wenn nun faktisch alle Macht in den Händen einer Person gebündelt ist. In naher Zukunft könnte das dazu führen, dass sich eine alternative politische Partei neben der AKP formiert. Die Frage wird sein, ob es dafür im neuen Präsidialsystem einen Raum geben wird. Der Wahlkampf der vergangenen Monate deutet eher darauf hin, dass eine neue politische Kraft sofort als ein Projekt der ‚Kreuzfahrer im Westen‘ dämonisiert würde. So würde sich ein Kreis schließen.

Denn als Erdoğan 2001 mit seinem politischen Mentor Erbakan brach und eine eigene Partei gründete, verteufelte dieser seinen politischen Ziehsohn. Erdoğan habe mit der Unterstützung der USA die islamische Bewegung in der Türkei gepalten. Nun ist Erdoğan am selben Punkt angekommen. Hinter jedem Kritiker, hinter jedem Oppositionellen wittert er Machenschaften des feindlichen Westens. Wie Erbakan kann es auch Erdoğan ergehen, eine neue politische Bewegung kann die alte ablösen. Sollte es dazu kommen, hätte die AKP ihr eigenes Schicksal besiegelt.“

http://www.sueddeutsche.de/politik/referendum-in-der-tuerkei-wie-ich-mich-fuehle-ich-denke-wir-wurden-betrogen-1.3465887-3

Raus aus dem geistigen Ghetto

Hinterlasse einen Kommentar
Uncategorized

Die deutsch-türkische Community und die aufgeheizten Debatten im Vorfeld des Referendums in der Türkei. Ein Meinungsbeitrag.

Die aufgeheizten Debatten im Vorfeld des Referendums in der Türkei haben einiges offenbart über die deutsch-türkische Community in Deutschland und den Zustand der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Es hat uns in ein „Wir und Ihr“-Lager zurückgeworfen. Inhalte und Argumente spielten in dieser Lagerbildung kaum eine Rolle.

Auf der einen Seite hat man Politiker und Medien, die sich bereits daran gestört fühlen, wenn Türkeistämmige sich mit Herz und Seele verbunden fühlen mit dem Land ihrer Eltern und Großeltern. Allein dies reicht schon aus, um eine wenig zielführende und hysterische Loyalitätsfrage zu stellen.

Manche Akteure scheinen nicht nachvollziehen zu können, dass hier geborene und aufgewachsene junge Deutsch-Türken immer noch eine besondere Beziehung zur Türkei haben und ganz genau mitverfolgen, in welche Richtung sich das Land ihrer Vorfahren entwickelt. Die Politik in Deutschland hat es in der Vergangenheit versäumt, und versäumt es auch heute, diese jungen Leute mit Loyalitätsforderungen anzusprechen und ihnen auch das Gefühl zu geben, dass sie als politische Verantwortliche sich auch für diese Menschen einsetzen.

Deswegen ist es auch nicht nachvollziehbar, wenn eben jene Politiker sich darüber wundern, dass Erdogan mit seiner Rhetorik Anklang bei vielen Deutsch-Türken findet. Denn bei aller Kritik an seiner Politik kommt er mit seiner Rhetorik bei den hier lebenden Türken an. Das muss man zunächst einmal feststellen, ohne eine inhaltliche Bewertung.

Auch die mediale Debatte hat während den Diskussionen über das Verfassungsreferendum die Entfremdung der Deutsch-Türken verstärkt. Wir erleben momentan einen großen Frust bei vielen Deutsch-Türken über den Umgang deutscher Medien zu Türkei-Themen. Auch diesen Faktor darf man nicht einfach abtun mit der berechtigten kritischen Medienberichterstattung, sondern muss sich die Mühe machen zu fragen, was für einen Effekt die Art und Weise der Berichterstattung hier hat.

Die kritische Selbstreflektion fehlt allerdings nicht nur bei der deutschen Politik und den deutschen Medien, sondern mindestens im selben Ausmaß auch bei vielen Deutsch-Türken. Die Stimmungsmache innerhalb der deutsch-türkischen Community gegen das Land, in dem sie leben, hat Ausmaße erreicht, die uns noch in der nächsten Zeit sehr beschäftigen wird.

Wir haben ein Phänomen von Facebook-Bloggern mit immenser Reichweite, die sich von ihrer Rhetorik und aggressiven Sprache kaum von AfD, Pegida und Co unterscheiden. Sie hetzen gegen Deutschland, den Westen, die „Kreuzfahrernationen“ mit einer derart martialischen Sprache, dass man sich die Frage stellt, was eigentlich ihre Intention ist? Agieren diese Brandstifter auf eigene Initiative oder werden diese Propagandisten unterstützt?

Fakt ist, dass sie eine enorme Reichweite unter den jungen Deutsch-Türken haben. Es ist ein übles Gemisch aus Nationalismus, Pseudo-Religion und eine Form von Rassismus, das da unters Volk gebracht wird. Und insbesondere die deutsch-türkische Community muss sich der Gefahr dieser ideologischen Akteure bewusst sein, denn sie erschweren das künftige Zusammenleben in unserer deutschen Gesellschaft.

Diesen Leuten geht es nicht um eine legitime Kritik an der deutschen Politik oder den deutschen Medien. Ihnen geht es darum, ein Feindbild zu kreieren und zu verbreiten.

Unabhängig davon, wie das Ergebnis am 16. April 2017 nun sein wird, stehen wir in Deutschland vor einer großen Herausforderung. Sowohl die politisch Verantwortlichen in Deutschland, und die Medien, als auch die deutsch-türkische Community müssen sich die Frage stellen, wie man die Situation normalisiert.

Es führt kein Weg daran vorbei, das gemeinsame Gespräch zu suchen, sich die Sorgen der jeweils anderen Seite anzuhören und diese auch ernst zu nehmen. Und die Deutsch-Türken müssen sich die Frage stellen, ob sie sich auch in Zukunft treiben lassen wollen, sei es von Politikern aus Ankara, die wieder Populismus für ihre Wahlen betreiben wollen, oder von politischen Akteuren in Deutschland, die auf dem Rücken der Türken, Muslime etc. Politik betreiben, die darauf hinausläuft, die Gräben zu vertiefen statt zu überbrücken.

Die Deutsch-Türken tun sich keinen Gefallen, wenn sie sich in ein geistiges Ghetto zurückziehen, auf Nationalismus setzen, nur noch Feinde überall wittern und somit die Ausgrenzung ihrer jungen Leute, die hier geboren und aufgewachsen sind, selber vorantreiben. Sie sind momentan auf dem besten Weg, jene Akteure zu bestätigen, die seit Jahren predigen, dass Türken oder Muslime nie ein Teil der deutschen Gesellschaft werden können.

Und das wollen auch manche Politiker aus Ankara. Denn auch sie sind sich bewusst, dass sie nur dann über die Deutsch-Türken jederzeit verfügen können, wenn sie mit nationalistischen Parolen erreichen, dass sie ein Randdasein in der deutschen Gesellschaft fristen.

Um als deutsch-türkische Community nicht zur Spielfigur politischer Interessen zu werden, brauchen wir ein neues Selbstbewusstsein und eine gewisse Emanzipation, um selber zu bestimmen, was uns wichtig ist, und uns dies eben nicht von der Politik diktieren zu lassen. Sei es nun die deutsche oder türkische Politik.

https://www.heise.de/tp/features/Raus-aus-dem-geistigen-Ghetto-3685729.html

Inside Islam? Chance vertan!

Hinterlasse einen Kommentar
Uncategorized

Der Journalist Constantin Schreiber hat sechs Monate lang Freitagspredigten in deutschen Moscheen besucht und ein Buch darüber geschrieben. Er zeigte sich schockiert vom Ton in den Predigten und wie sehr sie die Mehrheitsgesellschaft ablehnen. Er habe dabei nichts Neues herausgefunden, beklagt der Autor Eren Güvercin – und überhaupt werde die Debatte falsch geführt.

Berlin_Sehitlik-Moschee_Innen_1

Innenraum der Sehitlik Moschee in Berlin

Mit seinem neuen Buch „Inside Islam“ hat der Journalist Constantin Schreiber eine Debatte über Deutschlands Moscheen ausgelöst, die uns an die längst überwunden geglaubten, wenig nützlichen und hysterischen Debatten der letzten Jahre erinnert. Auch diesmal erleben wir die üblichen Reaktionen, sei es auf muslimischer Seite oder in der Mehrheitsgesellschaft.

Schreiber hat nicht einmal 20 von rund 2750 Moscheen in Deutschland besucht. Das hindert den Verlag nicht daran, das Buch als „ersten deutschen Moschee-Report“ zu verkaufen. Schon der Titel „Inside Islam“ suggeriert, dass es einen Einblick in etwas Verborgenes verschafft im Stile eines Wallraff’schen Enthüllungsjournalismus. Die Moscheen sind aber keine verborgenen Räume, sondern für jedermann zugänglich. Und auch die Probleme sind nicht neu, sondern hinlänglich bekannt.

Vielen Muslimen, insbesondere den hier geborenen jungen Muslimen ist das Problem bewusst, dass die Freitagspredigten in den Moscheen zu oft an den Lebensrealitäten der Muslime in Deutschland vorbeigehen. Viele Muslime fühlen sich von den Predigten nicht mehr angesprochen, weil sie ihnen keine Impulse für ihren Alltag hier in Deutschland geben. Predigten, die hier gehalten werden, könnten genauso auch in der Türkei oder anderen islamischen Ländern gehalten werden. Der lokale Bezug fehlt leider zu oft.

In Predigten fehlen Impulse für den Alltag in Deutschland

Gerade die Moscheen sind – mit wenigen Ausnahmefällen – nicht die Orte, wo Radikalisierung stattfindet. Aber in nicht wenigen Moscheen können wir eine Art Verkrustung beobachten. Das hat aber nichts mit Extremismus oder Radikalisierung zu tun, wie Constantin Schreiber es darstellt, sondern ist ein gewisser Bruch mit der Lebensrealität. Die Rolle der Freitagspredigt ist eigentlich die, dem gläubigen Muslim Impulse zu geben, was man als Muslim an diesem Ort und in dieser Zeit seiner Gesellschaft geben kann. Genau das schaffen die Predigten in Deutschland nicht, nämlich in Deutschland lebenden Muslimen positiven Impuls zu geben, warum und vor allem wie man sich als Muslim in die deutsche Gesellschaft positiv einbringen kann.

Statt wirklich eine kritische Debatte zu eröffnen, die Muslime zu dieser Debatte einzuladen, und zu fragen, was die Funktion einer Freitagspredigt in einer Moscheegemeinde sein kann, um die Gesellschaft besser zusammenwachsen zu lassen, geht es bei „Inside Islam“ lediglich um Effekthascherei. Das zeigt die Rolle von vermeintlichen Islamexperten wie Dr. Ourghi in diesem Buch. Er soll die Rolle des Experten einnehmen, als jemand, der die muslimische Lebensweise als Gefährdungspotenzial wahrnimmt und ausgrenzende wie stigmatisierende Narrative über Muslime befördert.

Von dieser Art von Debatte hatten wir aber in den letzten Jahren viel zu viele. Wir haben jetzt 15 Jahre lang auf Effekt gesetzt, und jetzt wäre eine Chance gewesen tatsächlich mal inhaltlich alle Parteien auf ein Thema zu fokussieren. Und jene Muslime, die sehr wohl bestehende Probleme erkennen, hätten gerne dieses Thema aufgegriffen und konstruktiv begleitet. „Inside Islam“ erschwert dies, denn Muslime wie Islamwissenschaftler, die durchaus diese Problematik von Predigten, die inhaltlich keinen Bezug zu unserer Gesellschaft haben, kennen, verweigern sich dieser Form der Debatte, weil sie sich nicht an einer unaufrichtigen Diskussion beteiligen wollen.

Constantin Schreiber hätte als eine Stimme von Außen die Chance gehabt auf bestehende Probleme hinzuweisen. Sowohl Teile der muslimischen Community als auch Imame hätten dies als konstruktive Kritik wahrgenommen, und sich die Frage gestellt, was wirklich an dieser Kritik berechtigt ist.

Das Problem, das man eigentlich hätte beschreiben müssen, ist, warum Muslime oft „outside Deutschland“, also außerhalb der Gesellschaft sind, warum sie es nicht schaffen, aus ihrem Glauben heraus etwas der Gesellschaft mitzugeben. Daran sind sie zum Teil mitverantwortlich durch das, was in diesen Freitagspredigten nicht passiert.

Schreibers Buch zerstört jeden Ansatz eines Dialogs

Sowohl bei Muslimen und Nichtmuslimen herrscht ein Missverständnis, das Islam mit Kultur gleichsetzt. Der Islam bringt aber keine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur mit sich, sondern als Muslim kann ich gläubig sein und mich dem jeweiligen Ort und den Gegebenheiten der Zeit anpassen. Die Predigten sind aber immer noch zu oft inhaltlich so ausgerichtet, dass sie Muslimen wie Nichtmuslimen wie Predigten aus einer anderen Kultur erscheinen. Das sollte aber nicht die Botschaft der Predigten sein, sondern sie sollten die Muslime darin bestärken, dass sie ein Teil dieser Gesellschaft sind, und zwar als gläubige Muslime.

Oftmals ist es einfach ein Fremdsein dieser Gesellschaft gegenüber, das nicht überwunden werden kann in der Figur des Imams. Und statt ihm die Tür zu öffnen zu dieser Gesellschaft, schlägt man sie zu und sagt, du willst ja ohnehin nicht hinein und hinderst junge Leute in die Gesellschaft hineinzutreten. Dieses in den Kontext von Radikalisierung zu setzen, zerstört jeden Dialogansatz, und es geht dem Buch auch gar nicht um Dialog, es geht um Anprangerung. Und das prangere ich an.

http://www.deutschlandradiokultur.de/kritik-an-constantin-schreibers-inside-islam-angeprangert.1005.de.html?dram:article_id=383463