Aghet – 24. April 1915

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Armenier werden im April 1915 von osmanischen Soldaten aus Karphert (türkisch: Harput) in ein Gefangenenlager im nahen Mezireh (türkisch: Elazığ) geführt.

Welches Unrecht nehmen wir wahr, und welches Unrecht ignorieren oder gar rechtfertigen wir? Das ist eine Frage, die wir uns immer wieder stellen müssen, wenn wir nicht in Verhaltensmuster zurückfallen wollen, die wir sonst immer bei Anderen diagnostizieren, nämlich das Handeln nach doppelten Maßstäben.

Gerade in den letzten Monaten sprechen wir Muslime sehr oft von den systematischen Verfolgungen, denen muslimische Uiguren in China oder Muslime in Myanmar ausgesetzt sind. Wir sprechen von Völkermord und Genozid, wenn wir über die Lage der Uiguren aufklären, ohne uns in juristische Definitionen zu verstricken. Auch im Kontext des Bosnienkrieges und der Massaker von Srebrenica sind wir sensibel und beklagen immer wieder das geschehene Unrecht, damit es nicht vergessen wird, dass Mitten in Europa Muslime aufgrund ihres Glaubens massakriert worden sind.

Aber – und das müssen wir uns als Muslime und vor allem auch Türkeistämmige fragen – warum verweigern wir seit Generationen die Auseinandersetzung damit, was 1915 passiert ist? Am 24. April erinnern Armenier jedes Jahr an Aghet („Katastrophe“), also an den Genozid an Armeniern. Und jedes Jahr entbrennt aus dieser Erinnerung an das Leid der zahllosen getöteten Armenier zum Ende des Osmanischen Reiches eine Diskussion, die einem immer wieder deutlich macht, wie verbissen und ideologisch verblendet die türkische Community – auch bei uns in Deutschland – ist. Wir haben es nicht gelernt, wie man sich mit der eigenen Geschichte auseinandersetzt, wir kennen nur Heldenerzählungen. Ungerechtigkeiten gibt es in unserer Geschichte nicht. Das macht es so schwierig, diese kritische und ja auch schmerzhafte Auseinandersetzung mit den dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte zu erlernen. Und darüber auch offen zu sprechen, auch wenn die Reaktionen aus der ‚eigenen Community‘ heftig sind.

Ich kenne es auch von mir persönlich: Man weiß ganz genau, was 1915 passiert ist, aber man flüchtet sich in juristische Spitzfindigkeiten, um ja nicht die Begriffe Völkermord oder Genozid zu verwenden. Nicht weil man die historische Realität des Genozids an den Armeniern leugnet – denn niemand mit einem gesunden Menschenverstand kann es leugnen -, sondern weil man aus falscher Rücksichtnahme auf die ‚eigene Community‘ auf die Verwendung des Begriffs Genozid verzichtet. Aber irgendwann bemerkte ich diese eigene Unaufrichtigkeit und vor allem, was das für ein Schmerz bei den Betroffenen auslöst. Bei gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, bei einem Genozid oder Völkermord darf es keine falsche Rücksichtnahme geben, sondern nur eine ehrliche und offene Auseinandersetzung und Aufarbeitung.

Niemand kann von sich behaupten, dass man auch selber – bewusst oder unbewusst – bestimmte Dinge sehr selektiv wahrnimmt. Aber in unserer Community ist diese Form der Verdrängung sehr weit verbreitet. Jede Empathie, jedes Mitgefühl für das Leid der Armenier, jede Anerkennung des geschehenen Unrechts und der Deportation von Millionen Menschen wird als Vaterlandsverrat oder gar Abfall vom Glauben verleumdet. Auch dieses Jahr wird es in Deutschland Gedenkveranstaltungen geben. Türkische Nationalisten und Identitäre hetzen schon seit Tagen in den sozialen Medien gegen all jene, die an diesen Kundgebungen teilnehmen werden. Türkeistämmige, die den Genozid auch als Genozid bezeichnen, werden dabei als „armenische Brut“, Kryptoarmenier oder Türken mit „verdorbenem Blut“ bezeichnet. Sie zeigen ganz offen ihre faschistoide Gesinnung.

Aber woher kommt diese Überlegenheitsvorstellung, und dass man vor einem geschehenen Unrecht die Augen verschließt?

Im türkischen Kontext ist die Illusion weit verbreitet, das Osmanische Reich sei ein multireligiöses Utopia gewesen, in dem alle gleichberechtigt und friedlich miteinander gelebt hätten. Vielen ist nicht bewusst, dass aber der Wandel vom Sultanat zum Nationalstaat auf Kosten religiöser Minderheiten vollzogen wurde. Bis 1915 gab es ein sehr lebendiges armenisches und christliches Leben in Anatolien und blickte auf eine jahrhundertelange Geschichte zurück. Heute ist davon fast nichts mehr übriggeblieben. Nicht nur 1915, auch die Pogrome gegen jüdische Minderheiten Ende der 20er-, Anfang der 30er-Jahre in den Regionen Thrakien und der nördlichen Ägäis hatten nationalistische Motive, wurden aber mit dem Instrument der religiösen Aufwiegelung betrieben. Gleiches gilt in Bezug auf die September-Pogrome gegen die christliche, griechische Minderheit in Istanbul 1955, denen auch Juden und Armenier zum Opfer fielen. Diese menschenfeindliche Haltung gegen Minderheiten und Andersgläubige zieht sich über Generationen hin.

Die politisch Verantwortlichen von damals werden bis heute als Helden verehrt. Und bis heute wird die Religion für eine Rechtfertigung und Aufrechterhaltung dieser Ignoranz instrumentalisiert. Und nein, das ist kein Phänomen, was lediglich in der Türkei zu beobachten ist, sondern auch bei uns in Deutschland ist dies eine weitverbreitete geistige Haltung. Ein Problembewusstsein, eine aktive Selbstkonfrontation mit historischer Schuld und Verantwortung ist nicht vorhanden. Es dominiert die Haltung – befeuert durch eine propagandistische türkische Serienindustrie der letzten Jahren -, dass man die Vorfahren ehrt und huldigt. Es gibt darin keinen Platz für eine differenzierte und selbstkritische historische Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Was jene Akteure, die sich jedes Jahr am 24. April über das Gedenken an Aghet empören, nicht verstehen: Niemand erwartet von euch, dass ihr auf die eigene Vergangenheit, die Vorfahren und die Geschichte schimpfen sollt. Es geht aber um Aufrichtigkeit, kritische Selbstreflexion, Wahrnehmung des Unrechts und Empathie für die Opfer. Wer dazu nicht in der Lage ist und die eigene Geschichte heiligspricht, muss sich aber dann auch den Vorwurf gefallen lassen, selber mit doppelten Maßstäben zu urteilen. Wir können nicht als Muslime im Kontext der Verfolgung von Uiguren in China von einem Genozid sprechen, wenn wir auf der anderen Seite den Genozid an den Armeniern nicht als solches akzeptieren, und darüber hinaus gegen all jene hetzen, die es machen. Man kann nicht im deutschen Kontext Rassismus und Islamfeindlichkeit zu Recht anklagen, aber selbst antisemitische, armenierfeindliche oder kurdenfeindliche Narrative bedienen und die nächste Generation damit indoktrinieren. Im deutschen Kontext sich antirassistisch geben, aber im eigenen Kontext eine faschistoide Haltung pflegen, dazu müssen wir in aller erster Linie als Muslime eine klare Haltung zeigen und auch öffentlich Einspruch erheben.

Automatischer Informationsaustausch über Bankkonten mit der Türkei

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Ein Gespräch auf Instagram mit Rechtsanwalt Dr. Eren Basar über die Frage, was der Informationsaustausch für Türkeistämmige in Deutschland bedeutet und was jetzt zu tun ist.

Religionspolitische Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Islam in Deutschland

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Oft beklagen Muslime eine Ungleichbehandlung gegenüber anderen Religionsgemeinschaften, und dass mit zweierlei Maß gemessen werde, wenn es um den Status als Religionsgemeinschaft geht. Was sind aber die religionsverfassungsrechtlichen Voraussetzungen, und woran scheitern muslimische Verbände bisher?
Über diese und andere Fragen sprach ich mit Volker Beck auf Instagram.

Volker Beck war lange Jahre Mitglied des Deutschen Bundestages und u.a. auch religionspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Aktuell lehrt er Religionspolitik am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) der Ruhr-Universität Bochum.

Jüdisch-Muslimische Komplizenschaft

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Die #Dauernörgler unterhalten sich mit ihren jüdischen Gästen Juna Grossmann und Chajm Guski über jüdisch-muslimische Bündnisse und andere Themen: Gibt es aus jüdischer Sicht in den letzten 1700 Jahren etwas zu feiern in Deutschland? Warum leben deutsche Juden eigentlich in Hawaii? Können Juden und Muslime miteinander reden, ohne über Israel zu sprechen? Und ist ein Halal-Kiddusch mit Traubensaft möglich?

Auf Apple Podcasts: https://podcasts.apple.com/us/podcast/episode-25-j%C3%BCdisch-muslimische-komplizenschaft/id1485097416?i=1000506136140

Und auf: http://dauernoergler.org/

Instagram Live mit Cem Özdemir

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Religiös motivierter Extremismus und türkischer Nationalismus sind keine neuen Phänomene, stellen aber weiterhin (oder mehr denn je?) eine große Herausforderung für unsere Gesellschaft dar. Wie gehen wir als Gesellschaft und vor allem als deutsche Muslime damit um?

Darüber sprach ich mit Cem Özdemir auf Instagram:

Dauernörgler: Transparenz und Aufrichtigkeit innerhalb muslimischer Gemeinschaften

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Wer den Begriff „politischer Islam“ als zu pauschal und stigmatisierend ablehnt, darf problematische politische Gesinnungen nicht hinter Begriffen wie „Islamophobie“ oder „muslimische Solidarität“ verstecken.
Die Dauernörgler diskutieren mit Ruşen Timur Aksak über sprachliche Präzision und manipulative Rabulistik im öffentlichen Erscheinungsbild muslimischer Akteure.

Ruşen Timur Aksak ist Medienberater und lebt in Wien. Der ehemalige Pressesprecher der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) und Journalist beobachtet seit langen Jahren den österreichischen Diskurs über Muslime aus nächster Nähe.

Webseite: https://dauernoergler.org/

ApplePodcast: apple.co/2GL6cuE
Spotify:

YouTube:

Ein Jahr nach Halle – Deutsch-jüdische Lebensrealitäten

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Instagram Live mit dem Politikberater Leonard. Kaminski

Wie wächst man als Jude in Deutschland auf? Was lösen die antisemitischen Übergriffe der letzten Jahre bei jungen Jüdinnen und Juden in Deutschland aus? Brauchen wir eine neue Erinnerungskultur, jenseits der Sonntagsreden von politischen Verantwortlichen? Und was können junge deutsche Muslime dazu beitragen?

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Instagram Live mit dem Politikberater @leonard.kaminski Wie wächst man als Jude in Deutschland auf? Was lösen die antisemitischen Übergriffe der letzten Jahre bei jungen Jüdinnen und Juden in Deutschland aus? Brauchen wir eine neue Erinnerungskultur, jenseits der Sonntagsreden von politischen Verantwortlichen? Und was können junge deutsche Muslime dazu beitragen? Leonard Benjamin Kaminski arbeitet als Politik-Berater mit einem Fokus auf internationale Fragen in Berlin. Zuvor war er sechs Jahre lang in Paris und Berlin verantwortlich für Regierungsbeziehungen beim American Jewish Committee. Kaminskis inhaltliche Schwerpunkt liegen auf den deutsch-israelischen Beziehungen, Antisemitismusbekämpfung und jüdischem Leben in Deutschland. Kaminski schreibt regelmäßig für die Jüdische Allgemeine, ist Coach im #MeetAJew des Zentralrats der Juden in Deutschland und ist Gründungsmitglied des Bundesverbands RIAS (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus). Er engagiert sich bei Makkabi Berlin, wo er 2015 die dritte Herrenmannschaft gegründet hat. Er spricht regelmäßig als Referent zu jüdischen und israelischen Themen auf verschiedensten Podien sowie im Fernsehen und Radio. Er studierte Diplomatie und Strategie in Herzliya, Israel sowie Internationale Sicherheit und Politikwissenschaft in Paris und Berlin. Leonard Kaminski ist in Berlin-Wilmersdorf geboren und hat dort 2006 sein Abitur erlangt.

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Die Unterdrückung der Uiguren in China

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Gyde Jensen, Abgeordnete für die FDP im Deutschen Bundestag und Vorsitzende im Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe, setzt sich leidenschaftlich für die Menschenrechte in China ein. Mit ihr sprach ich über die derzeitige Lage der Uiguren, die Internierungslager und wie die aktuelle Corona-Pandemie für neue Repressalien genutzt wird. Wie reagiert die deutsche Außenpolitik und die EU auf das Unterdrückungsregime in Peking? Weichen die Menschenrechte den wirtschaftlichen Interessen? Was fordert Jensen als Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses von Heiko Maas und der EU? Und warum schweigen viele muslimische Länder zur Lage der Uiguren?

Link zum Video:
https://www.instagram.com/tv/CE9v59sKZmA/?igshid=8m86bqerh2hq