Enttäuschender Ehrengast

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Die Erwartungen auf die diesjährige Frankfurter Buchmesse waren besonders unter den in Deutschland lebenden Türken sehr groß. Denn in diesem Jahr ist die Türkei Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Unter dem Motto „Türkei – Faszinierend farbig“ steht die Türkei im Mittelpunkt. Der Auftritt der Türkei war eine einmalige Gelegenheit, die gesamte Bandbreite türkischer Literatur, das historische Kulturerbe sowie die modernen Facetten des Landes einem breiten Publikum zu präsentieren, denn mit mehr als 7000 Ausstellern aus über 100 Ländern ist die Frankfurter Buchmesse die größte Buchmesse der Welt.

Die Pressemitteilung der Organisatoren hatte Hoffnung auf vieles gemacht. Es war von einer Präsentation auf einer Fläche von 4000 Quadratmetern die Rede, und von rund 100 türkischen Verlagen. Die Ehrenpräsentation habe das Ziel, das in vielen Teilen noch unbekannte historische Erbe und die Potenziale der modernen Türkei international bekannter zu machen.

Orhan Pamuk mit Staatspräsindent Gül und Außenminister Steinmeier (© Frankfurter Buchmesse)

Orhan Pamuk mit dem türkischen Staatspräsidenten Gül und Bundesaußenminister Steinmeier (© Frankfurter Buchmesse)

Nach einem Besuch der Buchmesse muss man aber feststellen, dass dies nicht gerade gelungen ist. Zwar sind zahlreiche Verlage aus der Türkei auf der Buchmesse vertreten. Die Stände der unterschiedlichsten Verlage präsentieren sich nur sehr ungenügend. Im Vergleich zu Verlagen aus Italien oder dem asiatischen Raum, fällt die der Verlage aus der Türkei sehr dürftig aus. Die türkischen Verlage haben sich sowohl inhaltlich als auch optisch schlecht präsentiert. Die Präsentation als Ehrengast der Buchmesse im Forum Ebene 1 wirkt ideenlos und inhaltsarm. In einer Ausstellung werden lediglich die bekanntesten türkischen Autoren kurz vorgestellt, und einige Bücher konnten als Ausstellungsstücke eingesehen werden.

Interessanter ist jedoch das Rahmenprogramm begleitend zur Buchmesse. Im Gegensatz zum Auftritt der türkischen Verlage, bietet das Rahmenprogramm dem Besucher interessante Einblicke in verschiedene Aspekte der Türkei. Dabei werden auch die Probleme der Gegenwart in der türkischen Gesellschaft zum Ausdruck gebracht. Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk etwa beklagte die fortdauernde Behinderung schriftstellerischer Tätigkeit in seiner Heimat. Heute noch werde trotz zahlreicher Reformen Druck auf Autoren und Journalisten ausgeübt. „Der Hang des Staates zu bestrafen, hält immer noch an“, so Pamuk zur Eröffnung der Buchmesse. Der türkische Staatspräsident Gül, der zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse anwesend war, bedankte sich bei Orhan Pamuk für seine Bücher. Er hob in seiner Rede zur Eröffnung hervor, dass „unsere Diversität uns stärker macht“. Staatspräsident Gül sagte, Einschränkungen und Druck, denen Schriftsteller und Bücher ausgesetzt gewesen seien, „haben mit der Zeit abgenommen oder sind gänzlich verschwunden“. Die Türkei habe dank der in den letzten Jahren beschleunigten wirtschaftlichen und politischen Reformen „die Kriterien der Europäischen Union auf den Gebieten der Meinungs- und Redefreiheit sowie der Achtung der kulturellen Vielfalt in großem Maße verwirklicht“.

Die diesjährige Buchmesse ist vor allem für die zahlreichen deutschen Autoren mit türkischem Hintergrund etwas besonderes. Für den in Kiel lebenden Schriftsteller Feridun Zaimoglu zum Beispiel ist es etwas ganz besonderes. „Es hat für mich eine sehr emotionale Bedeutung, dass die Türkei Gastland wird. Das bedeutet mir wegen meiner Eltern natürlich sehr viel.“

Der Buchmesse-Auftritt der Türkei wird von Zaimoglu jedoch kritisiert. „Ich sehe hinter der Präsentation, hinter der Oberfläche nichts“, sagte der 43-Jährige in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. „Hier hat ein Land, also die Türkei, versucht, bloß nicht den Eindruck zu erwecken, dass man vielleicht orientalisch ist.“ Man könne sich die kulturelle Präsentation auf der Messe ansehen oder es auch sein lassen.

Von den „Festreden“, wie die von Orhan Pamuk oder dem Staatspräsidenten Gül, solle man sich nicht beeindrucken lassen. Die Einladung von Gastländern sei „eine Art touristische Maßnahme“, meinte der Autor. „Egal welches Land Gastland ist, man muss einfach mal auf den Völkerverständigungsquatsch verzichten.“ Auf die Frage, ob die Einladung der Türkei zur Integration der Türken in Deutschland beitragen könne, sagte Zaimoglu, der Beitrag sei gleich „null“. „Wer das Gegenteil behauptet, ist ein Traumtänzer und redet groben Unfug daher.
Seine Favoritin unter den türkischen Schriftstellern ist Elif Shafak, sie schreibe die interessantesten Istanbul-Romane überhaupt: „Man kann das pralle Leben gewissermaßen bebildern, indem man – wie in ‚Bonbonpalast‘ (Shafaks jüngstem Roman) – die Menschen, diese normalen skurrilen Menschen, diese normalen skurrilen Begebenheiten zu Papier bringt.

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