Vom „educated Kanakster“ zum Starliteraten

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Porträt Feridun Zaimoglu

Es war ein langer Kampf für Feridun Zaimoglu, bis er vom Feuilleton als deutscher Schriftsteller ernst genommen wurde: Nun erhielt der Autor und Sprachjongleur den internationalen Buchpreis „Corine“ für seinen Roman „Liebesbrand“. Eren Güvercin zeichnet seinen Weg von den Anfängen mit „Kanak Sprak“ bis heute nach.

Feridun Zaimoglu (© Nimet Seker)

Feridun Zaimoglu (© Nimet Seker)



Feridun Zaimoglu sitzt auf einem einfachen Holzstuhl, vor ihm ein kleiner runder Tisch. Darauf ein Glas Wasser und sein Roman „Liebesbrand.“ Zaimoglu beginnt zu lesen. Er spricht den Text wie ein Schauspieler. Es ist als würde er eintauchen in den Roman, in die fiktive Welt seiner Figuren.

Schaut man bei dieser Lesung in Köln nicht auf den Namen des Schriftstellers, könnte man ihn für einen gewöhnlichen deutschen Autor halten. Doch Zaimoglu musste kämpfen – um als Deutscher akzeptiert zu werden, als deutscher Schriftsteller anerkannt zu werden – und auch um die deutsche Sprache musste er kämpfen. Seine Behauptung, dass er ein Deutscher mit türkischen Eltern sei, sorgte am Anfang seiner schriftstellerischen Karriere in den Feuilletons für Verwirrung und auch Empörung.

Zaimoglu kam als Säugling mit seinen Eltern nach Deutschland. Sein Vater arbeitete bei BASF, seine Mutter als Putzfrau. Nach dem Abitur studierte er zunächst Medizin, später Malerei. Kurz vor dem Examen gab er das Medizinstudium auf, trotz bester Noten. Die Zeit vor seinem Debütwerk „Kanak Sprak“ beschreibt er so: „Nach Jahren des Malens, Jobbens und Studierens fand ich mich in einer Massenschlachtung, wo ich den Tieren für die Schächtung die Kehle durchgeschnitten habe. Ich entsprach voll dem Typus des Versagers, hatte keinen Plan. Ich war ein melancholischer Idiot.“

„Bürgerschreck der deutschen Literaturszene“

Über die Wut auf die eigene elende Situation kam Zaimoglu zum Schreiben. In „Kanak Sprak – 24 Misstöne vom Rande der Gesellschaft“ verarbeitete er die Wutmonologe von Freunden in eine kämpferisch-spielerische Kunstsprache. „Kanak Sprak“ von 1995 ist bis heute prägend geblieben und Zaimoglus wohl bekanntestes Werk. Feridun Zaimoglu, der sich als „educated Kanakster“ – einen gebildeten Jugendlichen mit Migrationshintergrund – bezeichnete, verlieh damit den Kindern von türkischen „Gastarbeitern“ eine Stimme.

Doch das Feuilleton stellte Zaimoglu als einen Satiriker, Soziologen oder gar als Sozialarbeiter dar, als „Bürgerschreck der deutschen Literaturszene“. Es kursierten Zuschreibungen wie „der Malcolm X der Türken“ oder „der Rudi Dutschke der Deutschländer“. Die Lesungen von Kanak Sprak waren regelrechte Underground-Revolten. Sie fanden nicht in Literaturhäusern statt, sondern an Orten wie Jugendhäusern, Schulen und Universitäten.

„Meine Heldinnen und Helden sind Nicht-Bürgerliche. Das kommt daher, dass ich das Spannende, das Gärende, das wild Wachsende eben nicht im deutschen Bürgertum, bei den Bürgerlichen sehe“, sagt Zaimoglu rückblickend über diese Zeit. Für ihn habe der diskrete, dekadente Charme der Bourgeoisie keine Bedeutung, und daran habe sich auch heute nichts geändert.

Sprachrohr eines einzigartigen Idioms

Zaimoglu ließ sich davon nicht beeindrucken, dass ihm die Feuilletons anfangs eine gewisse literarische Relevanz absprachen. Er entwickelte sich zum Sprachrohr eines Idioms, das man so in der deutschen Literatur noch nicht gekannt hatte. Für seinen Lektor Olaf Petersenn zeichnet sich Zaimoglus Werk durch „einen unmittelbaren Gegenwartsbezug“ aus, nah an der gesprochenen Sprache, mit viel Witz und Ironie, offen für alle Formen von Eindrücken.

Mit seinem Erfolgsroman „Leyla“ (2006) schließlich sorgte er für große Überraschung, weil man einen ganz anderen Zaimoglu erlebte. Spätestens jetzt kam das Feuilleton nicht darum herum, die ihm zugesprochene Außenseiterrolle als „Milieu-Literat“ aufzugeben. Auch bei den Lesungen zu „Leyla“ waren die Säle bis auf den letzten Platz gefüllt.

„Leyla“ basiert im Wesentlichen auf der Geschichte von Zaimoglus Mutter, eine Frau der ersten Generation von Türken in Deutschland. Mit einer bilderreichen Sprache beschreibt Zaimoglu die schwierigen Verhältnisse, in der diese Frauen in der Türkei aufwuchsen.

„Heute fällt es schwer, die Aufbruchstimmung des großen goldenen Anfangs zu begreifen“, sagt Zaimoglu, „aber wenn denn den Trümmerfrauen nach dem Krieg zu Recht großer Respekt gezollt wird, ist es auch an der Zeit, diesen großartigen Türkinnen der ersten Stunde den Platz zuzuweisen, den sie verdienen.“

Zaimoglu schildert in „Leyla“ die besondere Leistung dieser Frauen, die bisher sprachlos geblieben waren. In mühsamer Kleinarbeit zeichnete Zaimoglu die Geschichte seiner Mutter auf Tonkassetten auf, und hörte auch anderen Frauen der ersten Generation aufmerksam zu, um auch deren Geschichten in seinem Roman zu verarbeiten.

Anfeindungen von Frauenrechtsaktivistinnen

Missbrauch, bestimmte Bräuche und Traditionen werden dabei nicht unter den Teppich gekehrt. Trotzdem aber blieben Anfeindungen und Proteste von Frauenrechtsaktivistinnen nicht aus. „Leyla“ ging ihnen nicht weit genug. Zaimoglu hält das Bestreben dieser „Eiferer“ und „Euro-Feministinnen“, die den Islam als Ganzes attackieren, für „lächerlich und völlig vergeblich“.

Nicht nur bei diesem Thema beteiligt sich Zaimoglu leidenschaftlich an aktuellen Debatten. Als geladenes Mitglied der Deutschen Islamkonferenz räumte er kurze Zeit später seinen Platz für eine gläubige Muslimin. Bereits am Anfang der Islamkonferenz wies er darauf hin, dass hier einerseits über die muslimische Frau diskutiert werde, andererseits ausschließlich so genannte „Islamkritikerinnen“ am Tisch säßen:

„Ich finde es schade, dass die beteiligten Frauen eher säkular, liberal und islamkritisch sind, was immer das auch heißen mag, dass aber keine gläubige Frau anwesend ist“, so Zaimoglu. Das sei ein großer Mangel, betonte er. Es könne nicht sein, dass Frauen, die den Islam als ihren Glauben und Lebenskern achten, ausgeschlossen würden.

Massiv und sendungsbewusst wehrt sich Zaimoglu gegen die Stimmen, die in apokalyptischen Farben den Untergang des Abendlandes an die Wand malen und eine überhaupt nicht existierende Integration der Einwanderer unterstellen.

Auch wenn er in seinem jüngsten Roman „Liebesbrand“ – wofür er mit dem internationalen Buchpreis „Corine“ ausgezeichnet wurde – wieder ganz andere Töne anschlägt, bleibt Zaimoglu ein Autor, an dem sich die Geister scheiden, der keine Auseinandersetzung scheut und dem das Unbequemsein zur zweiten Natur geworden ist. Für die an polarisierenden Künstlern arme Literaturszene Deutschlands bleibt Zaimoglu wahrscheinlich noch lange ein rauer und stürmischer Glücksfall.

Eren Güvercin

© Qantara.de 2008

http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-299/_nr-615/i.html

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2 Comments

  1. Tolle Zusammenfassung, wobei ich ein detailierteren Bezug zu seinem Werk „Kanak Sprak“ vermisse. Insgesamt aber sehr schön zu lesen!

  2. Pingback: Der Umblätterer » Vossianische Antonomasie (Teil 62)

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