Sloterdijks Überlegungen zu einer neuen Lehre vom Menschen

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„Du musst dein Leben ändern“: Peter Sloterdijk entwirft in seinem neuen Buch eine grundlegende und grundlegend neue Anthropologie. Den Kern seiner Wissenschaft vom Menschen bildet die Einsicht in die Selbstbildung alles Humanen. Ein Beitrag von Eren Güvercin über Sloterdijks neuestes Werk.


Podcast: http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2009/04/08/dlf_20090408_0952_233e2b48.mp3

Peter Sloterdijk bei einer Lesung aus seinem Buch "Du mußt dein Leben ändern"

Peter Sloterdijk bei einer Lesung aus seinem Buch "Du mußt dein Leben ändern"

Peter Sloterdijk: „Ein Gespenst geht um in der westlichen Welt – das Gespenst der Religion. Landauf, landab wird uns von ihr versichert, nach längerer Abwesenheit sei sie unter die Menschen der modernen Welt zurückgekehrt, man tue gut daran, mit ihrer neuen Präsenz ernsthaft zu rechnen.“

Bei seinen Gedanken über die Natur des Menschen und den Überlegungen zur Anthropologie geht Sloterdijk zunächst auch auf die in den Medien allseits beschworene Renaissance der Religionen ein.

Peter Sloterdijk: „Tatsächlich kehrt heute etwas wieder – doch die geläufige Auskunft, es sei die Religion, die sich zurückmelde, kann kritische Nachfragen nicht befriedigen. Es handelt sich auch nicht um die Rückkehr einer Größe, die verschwunden gewesen wäre, sondern um einen Akzentwechsel in einem nie zertrennten Kontinuum. Das wirklich Wiederkehrende, das alle intellektuelle Aufmerksamkeit verdiente, hat eher eine anthropologische als eine „religiöse“ Spitze – es ist, um es mit einem Wort zu sagen, die Einsicht in die immunitäre Verfassung des Menschenwesens.“

Sloterdijk hält daher die traditonelle Bezeichnung „Religionen“ nicht mehr für zutreffend. Da der Mensch für ihn stets danach strebt, sich in die ihm vorfindliche Situation einzuüben, ist er ein immer wieder Übender, der auch nach spirituellen Orientierungspunkten sucht. Sloterdijk hält es deshalb für treffender den Begriff „Religion“ durch die Bezeichnung spirituelles Übungssystem“ zu ersetzten. Gleichzeitig ist er aber auch davon überzeugt, dass die spirituellen Symbole, die bisher in Gebrauch waren, zunehmend an Bedeutung verlieren.

Peter Sloterdijk: „Im Moment sind unsere symbolischen Immunsysteme mehr oder weniger im Kollabieren. Es ist ein Vorgang, den die Europäer seit dem 19. Jahrhundert deutlich spüren. Der Ausdruck „Gott ist tot“ bedeutet ja nichts anderes, als dass dieses großartige metaphysische Immunsystem, das sich die Europäer in einer 2000jährigen Anstrengung errichtet haben, durch die zeitgenössischen Erfahrungen zersetzt worden ist.“

Diese Entwicklung führt für Sloterdijk aber keineswegs in einen platten Materialismus, sondern – nach seiner Meinung – brauchen Menschen immer auch Rituale und gewisse Formen der Spiritualität in ihrem Leben.

Peter Sloterdijk: „Nach mehrhundertjährigen Experimenten mit neuen Lebensformen hat sich die Einsicht abgeklärt, dass Menschen, gleichgültig unter welchen ethnischen, ökonomischen und politischen Bedingungen sie leben, nicht nur in „materiellen Verhältnissen“, vielmehr auch in symbolischen Immunsystemen und rituellen Hüllen existieren.

Diesen Aspekt will Sloterdijk bei seiner Suche nach einer neuen Lehre vom Menschen unbedingt beachten. Als Motto seiner anthropologischen Überlegungen hat er die Zeile „Du musst dein Leben ändern“ aus dem Gedicht „Archaischer Torso Apollos“ von Rainer Maria Rilke ausgewählt.

Peter Sloterdijk: „Ich erinnere in dem Buch überwiegend eigentlich an die Formen von Arbeit an sich selbst, bei der man keinen Chirurgen braucht, sondern so etwas wie eine tägliche Bereitschaft an seiner eigenen psycho-physischen Verfassung etwas zu tun.“

Einer seiner übungstheoretischen Imperative lautet: „Verhalte dich jederzeit so, dass die Nacherzählung deines Werdeganges als Schema einer verallgemeinerbaren Vollendungsgeschichte dienen könnte. Wer diese Einstellung verinnerlicht, handelt in allen Situationen seines Lebens bedacht.  Ein solches spirituelles Übungssystem haben zum Bespiel die Philosophien und Religionen in allen Kulturkreisen mit ihren  Überlieferungen über herausragende philosophische und religiöse Persönlichkeiten angeboten.

Peter Sloterdijk: „Also die Menschen, die in der buddhistischen Welt, in der monotheistischen Welt und in der hinduistischen Welt gelebt haben, die haben alle sich so verhalten müssen, weil ja sie bereits leben in einer Welt, in denen Erzählungen von Vollendeten das moralische Milieu prägen. Wir haben Sokrates, wir haben Jesus, wir haben dank der katholischen Kirche eine lange Liste von heiligen Leben, die bereits ja in der Antike auch gesammelt und kapitalisiert worden sind, in Form von Erbauungsbüchern an die jeweiligen jüngeren Generationen ausgegeben worden sind.“

Es geht hier letztlich um einen pädagogischen Aspekt, der neben die Selbsterkenntnis auch am Beispiel bestimmter bevorzugter Vorbilder den Impuls freisetzen kann, die Gestaltung des eigenen Lebens zu ändern. Das bedeutet für Sloterdijk vor allem, dass man sich selbst zu Höchstleistungen antreibt. Vorbilder für diese Einstellung findet er besonders in der Geschichte des Mönchtums:

Peter Sloterdijk: „Deswegen spielen in dem Buch – vor allem in den historischen Abschnitten – die Mönche eine ziemlich große Rolle, allerdings nur deswegen, weil das Buch insgesamt eben den Menschen mehr als eine artistisch-athletische Erscheinung portraitieren möchte. Unter dem Aspekt können dann unsere Freunde, die Mönche, als bisher unterschätzte Artisten noch einmal einen zweiten Auftritt bekommen.“

Mit seinen Überlegungen zu einer neue Lehre vom Menschen möchte Sloterdijk besonders die jüngere Generationen ansprechen. Denn diese und die künftigen Generationen brauchen, da viel Überleifertes nicht mehr tragfähig scheint, ein neues Rüstzeug zur Orientierung in ihrer Lebensführung. Er hält es daher auch für notwendig, dass für die nachfolgenden Generationen ein Kanon zusammengestellt wird, der aus den vergangenen Jahrhunderten alles das zusammen trägt, was sich druch aus bewährt hat und auch künftig bewähren könnte. Er denkt dabei vor allem an ethische Grundeinstellungen.

Peter Sloterdijk: „Das ist zumindest die Wahrnehmung, die in meinem Wirklichkeitskreis vorherrscht. Das hat aber vielleicht damit zu tun, dass ich einer von den wenigen Leuten bin, die sich noch auf Kinder beziehen, während ja viele Heute in der Haltung des letzten Menschen leben, und eher die ultimative Party ansteuern. Aber ich gehe jetzt eher von so einer kinderbezogenen Form der Kulturvernunft aus und denke daher über das nach, was so an überlieferungsfähigem Resultaten aus dem 250jährigen Experiment der Moderne übrig bleiben soll, und ein bisschen davon steht glaube ich auch in meinem Buch.“

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3 Comments

  1. Der Herr Sloterdijk jagt mir Angst ein mit seinem Höchstleistungs- Postulat. Reicht es denn nicht aus, dass die ewige Wirtschaftsschraube die Welt kaputt macht?
    Ich könnte ihm folgen, wenn er damit ethische Höchstleistungen meint, die sich für ein Weiterleben unserer Kinder lohnen würden.
    Ansonsten ist mir der Anspruch zu elitär und bleibt verwaschen.
    Armin Gröpler

  2. Armin Gröpler says

    Inzwischen entpuppt sich Prof. Dr.Slozerdijk mehr und mehr als kernlose Scheininstanz! Eine fatale Situation, da er sich doch für einen Staatsphilosophen hält und der Staat das sehr gerne zu sehen scheint.

    • Leute, die andere auffordern, ihr Leben zu ändern, selbst jedoch noch nicht einmal bereit oder in der Lage sind, den Friseur zu wechseln, obgleich das dringend angezeigt wäre, solche Leute verdienen allenfalls ein wenig Toleranz. Besser aber man begegnet ihnen mit der ihnen gebührenden Indolenz.

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