„Extreme religiöse Praktiken entstehen immer dann, wenn die Religion aus dem Alltag verschwindet“

Hinterlasse einen Kommentar
Uncategorized

Was geschieht hinter verschlossenen Türen von Koranschulen? Dieser Frage ist der Filmemacher Shaheen Dill-Riaz in seinem neuen Film „Korankinder“ in Bangladesch nachgegangen. Mit ihm hat sich Eren Güvercin unterhalten.

Herr Dill-Riaz, gerade ist Ihr neuer Dokumentarfilm „Korankinder“ in den deutschen Kinos angelaufen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen solchen Film über die Madrasas, die Koranschulen in Bangladesch zu drehen?

Shaheen Dill-Riaz: Der Film ist nicht wirklich nur über Koranschulen. Ich versuche in jedem meiner Filme eine Welt zu entdecken, wo ich bis jetzt nicht war, und in die ich Menschen aus Europa als Zuschauer mitnehmen kann. So bin ich auf das Thema Koranschulen gekommen, weil es auch etwas zu tun hat mit der jetzigen Situation in Bangladesch.

Man hört dort sehr oft, dass es immer mehr Koranschulen gibt. Und sehr oft hört man auch, dass diese Koranschulen zwar nicht direkt mit Extremisten zu tun haben, aber es wird ihnen immer wieder vorgeworfen, dass sie politisch aktiv sind, was ich in meinem Film nicht nachweisen konnte. Mich hat vor allem interessiert, was Koranschulen überhaupt sind und welchen Stellenwert sie in Bangladesch einnehmen. 

Der in Bangladesch geborene Regisseur Shaheen Dill-Riaz beleuchtet in seinem neuen Dokumentarfilm die Innenwelten der Koranschulen in seiner Heimat.

Der in Bangladesch geborene Regisseur Shaheen Dill-Riaz beleuchtet in seinem neuen Dokumentarfilm die Innenwelten der Koranschulen in seiner Heimat.

Koranschulen gelten als sehr verschlossen. Wie war es möglich, eine Drehgenehmigung zu erhalten? Wie haben Sie das Vertrauen der Verantwortlichen gewinnen können?

Dill-Riaz: Das war sehr schwierig. Am Anfang haben die Verantwortlichen Filmaufnahmen ganz abgelehnt. Einige meinten auch, dass dies deshalb nicht möglich sei, weil es ein Bilderverbot im Islam gäbe. Ich habe versucht, verschiedene Koranschulen zu kontaktieren und meine persönlichen Beziehungen spielen zu lassen.

Dann gab es auch eine interessante Diskussion innerhalb der Koranschule, wo sie dann untereinander gestritten haben. Die eine Gruppe war gegen die Filmaufnahmen, während die andere sagte, dass es wichtig sei, die Türen zu öffnen, da die Journalisten sonst alles Mögliche schreiben und die Menschen glauben, dass es wirklich etwas zu verstecken gibt. Am Ende haben ein paar Koranschulen die Drehgenehmigung erteilt.

Gab es während der Dreharbeiten Probleme oder Versuche der Manipulation? Konnten Sie sich frei bewegen?

Dill-Riaz: Ich hatte ziemlich freien Bewegungsspielraum. Auf mich machte es den Eindruck, als wenn die Leute überhaupt nicht wissen, was Journalisten mit einer Kamera alles machen können und was sie aus den Bildern entwickeln können.

Wie waren die Reaktionen der Menschen in den Madrasas?

Dill-Riaz: Es war interessant zu sehen, dass überall in den Koranschulen die Leute sich sofort verteidigt haben, ohne dass ich Fragen zum Thema Extremismus gestellt habe. Es gab gängige Aussagen, wonach man mit Extremisten nichts zu tun haben wolle, da dies der Glaube verbiete. Ich habe diese Aussagen nicht verwendet, weil es einfach nicht das Thema des Films ist.

Während der Dreharbeiten waren die Menschen in der Koranschule sehr freundlich und hilfsbereit. Sie waren sehr froh, dass ein Kamerateam so lange dort bleiben wollte. Die meisten Journalisten bis dahin kamen nur für einen Tag, und es ging immer um den Vorwurf, dass Koranschulen Terroristen ausbilden. Sie waren überrascht, dass ich gar nicht auf so etwas eingegangen bin. Ich wollte etwas ganz anderes. Ich wollte beobachten und mehr über diese Leute erfahren, über ihre Tradition.

Die Koranschulen haben vor allem in jüngster Zeit einen schlechten Ruf erworben. Welchen Eindruck hatten Sie? Geht von solchen Madrasas tatsächlich eine Gefahr aus?

Dill-Riaz: Es gibt diese Generalisierungen, dass Koranschulen politisch instrumentalisiert werden, dass radikale Gruppierungen diese Einrichtungen für ihre Zwecke nutzen. Das stimmt auch zum Teil. Aber darum geht es in meinem Film nicht. Ich wollte zunächst einmal die Koranschulen kennen lernen und einen tieferen Einblick bekommen. Woher stammen die Madrasas? Was haben sie mit unserer Geschichte auf dem Subkontinent zu tun? Welche Rolle spielen sie in unserer heutigen Gesellschaft?

Koranschulen blicken auf eine sehr lange Geschichte zurück. Es gab sie schon im 12. Jahrhundert auf dem indischen Subkontinent. Früher gab es die so genannten „Tol“, die von den Hindus gegründeten Grundschulen. Und dann gab es die „Madrasas“, was wörtlich „Ort des Unterrichts“ bedeutet. Das sind zwei Bildungseinrichtungen, die auf dem indischen Subkontinent sehr verbreitet waren.

Während der Kolonialzeit haben die Engländer versucht, reformiertere Koranschul-Modelle zu gründen. Sie brauchten sie aus einem praktischen Grund: Weil die Texte und das Steuersystem persisch waren, waren sie auf die Muslime angewiesen, da nur die Muslime diese Sprache konnten, die Hindus nicht. Die Hindus haben sich viel schneller in die Kolonialstruktur integriert. Sie haben sehr schnell Englisch gelernt und ihre Kinder auf Missionarschulen der Engländer geschickt. Die Muslime dagegen haben sich isoliert, weil sie ja auch entmachtet wurden.

Diese neu gebildeten Madrasas durch die Kolonialmacht, die so genannten „Aliya“-Madrasas oder Hochmadrasas, dienten dazu, diese Persisch sprechenden Beamten auszubilden, damit sie später im Verwaltungsapparat auch Muslime integrieren konnten und auf diese Sprache einen Zugriff hatten. Die Muslime in Bangladesch haben dann als Reaktion die so genannten „Qawmi“-Madrassas, das heißt Volksmadrasas, gegründet. Sie wollten sich damit von dem britischen Bildungssystem abgrenzen.

Bis heute noch sind die „Qawmi“-Madrassas die dominierende Tradition auf dem gesamten Subkontinent. Sie werden auch vom Staat isoliert. Schon damals haben die Engländer die „Qawmi“-Madrassas in Ruhe gelassen. Sie wurden nie einer Kontrolle unterzogen. Bis heute verfügt die Regierung Bangladeschs noch immer über keinerlei Kontrollmechanismen, diese Schulen registrieren zu lassen.

"Die Kinder müssen in der Regel um halb fünf Uhr morgens aufstehen, dann dauert der Unterricht bis zehn Uhr abends", berichtet Dill-Riaz.

"Die Kinder müssen in der Regel um halb fünf Uhr morgens aufstehen, dann dauert der Unterricht bis zehn Uhr abends", berichtet Dill-Riaz.

Wie sieht der Alltag der Kinder in solchen Koranschulen aus?

Dill-Riaz: Die Kinder müssen in der Regel um halb fünf Uhr morgens aufstehen, dann dauert der Unterricht – abgesehen von zwei bis drei Pausenunterbrechungen – bis zehn Uhr abends. Es ist ein sehr intensives Lernen, weil diese Kinder alles in ihrem Gedächtnis behalten müssen. Sie übernachten sogar in demselben Raum, in dem sie auch lernen.

Auch in Deutschland wird viel über Koranschulen in Hinterhofmoscheen diskutiert. Befürchtungen werden laut, dass in diesen Koranschulen muslimische Jugendliche ideologisch beeinflusst und radikalisiert werden. Was halten Sie von solchen Einschätzungen? Geht von diesen Schulen wirklich eine solche Gefahr aus?

Dill-Riaz: Eine Gefahr entsteht erst dann, wenn man Menschen dazu zwingt, sich zu isolieren. Bei vielen ethnischen oder religiösen Minderheiten ist das so. Ich glaube, dies ist ein ernstes Thema. Ich weiß nicht, inwieweit es diese Beeinflussungen in Deutschland gibt, aber ich kann mir vorstellen, dass traditionell denkende Muslime es eher befürworten, dass ihre Kinder den Koran auswendig lernen.

Es entsteht aber immer dann eine solch extreme religiöse Praxis, wenn im Alltag die Religionspraxis verschwindet. Wenn diese jahrtausende alte Tradition, die man mit der Religion gelebt hat, wegfällt, dann greift man hierauf zurück. Es dient als Ausgleich dafür, dass ich meine Religion im Alltag nicht wirklich ausüben kann.

Welche Rolle spielt Saudi-Arabien, das ja in vielen Teilen der Welt Koranschulen aufbaut und finanziert, bei der Verbreitung des Wahabismus in Ländern wie Bangladesch oder Indien? Haben die saudischen Wahabiten dort einen großen Einfluss?

Dill-Riaz: Ich glaube, es gibt eine Menge Madrasas, die insbesondere von Saudi-Arabien finanziert werden. Man vermutet, dass dort auch die wahabitische Lesart des Islams gepredigt wird. Man hört, dass Madrasa-Lehrer aus Saudi-Arabien in diese Länder eingeflogen werden.

Ich finde es schade, dass man so etwas unkontrolliert zulässt. Es liegt doch am Staat, darüber zu wachen, wer welche Lehrinhalte an Bildungseinrichtungen vermittelt. Dies geschieht jedoch leider nicht. Natürlich sollte man nichts dagegen einwenden, wenn Saudi-Arabien eine qualitativ gute Grundbildung fördert – solange das Land allerdings nicht dort irgendwelche orthodoxen Inhalte propagiert, um Muslime zu belehren, wie sie ihre Religion zu leben haben.

Interview: Eren Güvercin

© Qantara.de 2009

http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-1060/i.html

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s