„Dieses Kriegsgebiet hat mich zufriedener denn je gemacht“

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Andrea Busfield ist Journalistin und lebte für einige Jahre in Afghanistan. Im März ist ihr Debütroman „Mauertänzer“ erschienen. Es handelt von dem 11jährigen Jungen Fawad. „Mauertänzer“ vermittelt ein ganz anderes Bild von Afghanistan, als viele es gewohnt sind. Eren Güvercin sprach mit der Autorin.

Auf den Straßen von Kabul herrscht geschäftige Anarchie. Und ein kleiner Junge tanzt auf dem Vulkan.

Auf den Straßen von Kabul herrscht geschäftige Anarchie. Und ein kleiner Junge tanzt auf dem Vulkan.

Bevor Sie in Afghanistan ein neues Leben begonnen haben, hatten Sie in England ein komfortables Leben. Was hat Sie nach Afghanistan gezogen?

Andrea Busfield: Zum ersten Mal reiste ich 2001 nach Afghanistan um für News of the World über den ‚Krieg gegen den Terror’ zu berichten. Ich blieb dort für drei Monate. Dann war ich noch mal ein Jahr später für eine kurze Zeit in Afghanistan. Danach verlor die Zeitung ihr Interesse an Afghanistan, aber mein Interesse war erst neu geweckt, so dass ich zwei Mal im Jahr meinen Urlaub dort verbrachte. Ich nahm sogar meine Mutter mit. 2005 entdeckte ich eine Stellenausschreibung. Für die von der NATO finanzierten Sada-e Azadi Zeitung wurde ein Redakteur gesucht. Auch wenn ich meinen Job in London sehr liebte, war dies für mich eine einmalige Gelegenheit. Ich kündigte und verließ im Oktober 2005 England in Richtung Afghanistan. Das war meine beste Entscheidung in meinem bisherigen Leben.

Ihr Debütroman „Mauertänzer“ handelt von dem 11jährigen afghanischen Jungen Fawad. Am Anfang des Buches heißt es, dass er unter dem Schatten der Taliban geboren wurde. Trotz Fawads schweren Schicksalsschlägen scheint er ein lebensfroher Junge zu sein.

Busfield: Ein kleiner afghanischer Junge Namens Fawad, den ich in Kabul auf der Chicken Street kennenlernte inspirierte mich sehr. Er bot mir seine Dienste als Bodyguard an. Wir wurden gute Freunde und im Laufe der Jahre war er eine ständige Quelle für Spaß und Unterhaltung. Er war acht Jahre alt als ich in kennen lernte. Seine Englischkenntnisse waren erstaunlich, ebenso wie sein Charme. Als ich später die Entscheidung traf, dass ein Kind die zentrale Rolle in meinem Roman spielen sollte, wollte ich einen Helden wie den wirklichen Fawad. Denn ich wollte, dass sich die Leser in ihn verliebten, und sich dadurch auch in Afghanistan verliebten. Aufgrund der zahlreichen negativen Berichterstattung aus Afghanistan in den Medien war es mir umso wichtiger ein anderes Bild von Afghanistan zu vermitteln. Afghanistan ist ein Land, dessen Menschen sich gegenseitig lieben und um sich kümmern. Sie sehnen nichts mehr herbei als Frieden.

Viele Menschen in Europa haben ein tragisches und negatives Bild von Afghanistan. Ihr Buch dagegen ist trotz der schlechten Dinge sehr humoristisch und optimistisch.

Busfield: Jede Medaille hat zwei Seiten. Das Leben in Afghanistan ist sehr rau und oft brutal, aber die Menschen und die Landschaft Afghanistans haben etwas Magisches. Die Afghanen sind ein sehr humorvolles Volk. Ich bin optimistisch, dass Afghanistan mit der Hilfe der internationalen Gemeinschaft wieder bessere Zeiten erleben wird.

War es für Sie als westliche Frau schwierig in Afghanistan zurechtzukommen?

Busfield: Ganz im Gegenteil: Als westliche Frau öffneten sich viele Türe für mich. Ich konnte nicht nur mit afghanischen Männern zusammen sitzen und reden, ich konnte mich auch mit ihren Frauen, Müttern und Schwestern unterhalten. Das wäre für einen westlichen Mann unmöglich gewesen. Während meiner ganzen Zeit in Afghanistan wurde ich mit Freundlichkeit und Respekt behandelt.

Afghanische Kinder lesen in Busfields Roman

Afghanische Kinder lesen in Busfields Roman

Man hört in der letzten Zeit, dass in einigen Teilen Afghanistan die Taliban wieder verstärkt auftreten. Leben die Afghanen in Angst? Wie sieht der Alltag in Kabul aus?

Busfield: Immer wenn eine Bombe wieder explodiert, ist die Angst regelrecht spürbar in den Straßen von Kabul. Die Zivilbevölkerung ist dann natürlich verängstigt, aber nicht paralysiert. Das Leben geht weiter. Trotz dieser vermehrten Anschläge darf man den starken Wunsch der Mehrheit nach Frieden in Afghanistan nicht unterschätzen.

In einem Artikel schreiben Sie, dass Kabul Ihnen ein Leben gab, wovon Sie nie hätten träumen können. Was macht das Leben in Kabul so besonders?

Busfield: Als ich in London lebte, war das Leben zu stressig, um es zu genießen. In Afghanistan hatte ich wunderbare Menschen um mich herum, und ich hatte Zeit, die ich mit ihnen verbringen konnte. Es klingt seltsam, aber dieses Kriegsgebiet, welches ich nun meine Heimat bezeichne, hat mich zufriedener gemacht, als ich es je gewesen bin.

Frau Busfield, vielen Dank für dieses Gespräch.

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