Krieg der Provokateure

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Es tobt in Deutschland ein Kulturkampf, ein Krieg der Provokateure, die Metzgern mit stumpfen Ausbeinmessern gleichen, sie schneiden und stechen, sie reißen und zerren. Es ist an der Zeit, zu einer Ideologiekritik anzusetzen. Wir leben in einer Zeit, in der rechte Feministinnen, gewendete Altlinke, orthodoxe Klassenkämpfer, Kulturpapisten und Rechtskonservative die Meinungshegemonie beanspruchen. Sie alle berufen sich auf das Recht der freien Rede, das ihnen niemand streitig macht, und doch schlagen sie viel Lärm, um, wie sie ihr Publikum glauben machen wollen, gegen das Kartell der Politisch-Korrekten anzukommen.“

Feridun Zaimoglu, 28.06.2007 auf der Konferenz „Integration braucht Rechte und Chancen“ im Deutschen Bundestag

Feridun Zaimoglu: "Sie alle berufen sich auf das Recht der freien Rede, das ihnen niemand streitig macht, und doch schlagen sie viel Lärm..."

Feridun Zaimoglu: "Sie alle berufen sich auf das Recht der freien Rede, das ihnen niemand streitig macht, und doch schlagen sie viel Lärm..."

Nach der harschen Kritik von Claudius Seidl und Thomas Steinfeld an den so genannten Islamkritikern vergeht kein Tag, in der nicht der Oberguru der Islamkritiker Henryk M. Broder oder eine seiner Gesinnungsgenossinnen sich zu Wort melden. Die Scharfmacher hüllen sich in den Mantel der Islamkritik und können dabei kaum etwas inhaltlich und argumentativ Neues liefern. Im Grunde genommen wiederholen sie seit Jahren ihre Parolen mit der Hoffnung, dass die Menschen es irgendwann ernst nehmen.

Die Scharfmacher in den deutschen Feuilletons als auch die handvoll religiös beschleunigten Ideologen auf muslimischer Seite haben kein Interesse an einem Austausch von Argumenten. Ihnen geht es nur um den Aufbau eines möglichst einfach gestrickten Feindbilds „Islam“ bzw. „Westen“. Der Gegner dient zur Schaffung eigener Identität und Wichtigkeit und hilft nur dem Übertünchen eigener Bedeutungslosigkeit.

Ehrenmord, Zwangsheirat, Terrorbomben: Die so genannten Islamkritiker suchen sich extreme Einzelfälle heraus, um diese zur pauschalen Diffamierung der Mehrheit zu nutzen. Einige treten gar als „Experten“ auf und schreiben ohne wissenschaftliche Skrupel die anerkannten Regeln des Islam einfach um. In der ganzen Diskussion wird gar nicht danach gefragt, was denn der Kern des Islam überhaupt ist. Man reduziert sein Feindbild lieber auf Zerrbilder von einer zur Gewalt aufrufenden Religion.

In dieser Debatte hat sich schnell eine durchweg fragwürdige Terminologie um den Islam etabliert. Dies zeigt sich schon in der Bezeichnung „Moslems“ (ein Schimpfwort aus der guten alten Zeit der Kolonialherren) oder der wenig durchsichtigen Logik des „Islamismus“.

Eines aber wird sehr deutlich: Zwischen Islam und Islamismus sowie auch zwischen gewaltbereitem und nicht gewaltbereitem Islamismus zumindest muss sorgfältig unterschieden werden. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Terrorist Bin Ladin und einige islamische Organisationen in Deutschland bereits ohne große Widerstände in gleicher Weise als „islamistisch“ bezeichnet werden.

Doch was heißt „Islamismus“ eigentlich? Oft meint man nur die einfache Sorge um eine mögliche Ideologisierung von Muslimen. Doch zu schnell und unreflektiert ist daraus ein Kampfbegriff geworden, der ziemlich alle bekennenden Muslime und eine gewaltbereite Minderheit in einen Topf wirft. Ist ein Muslim bereits ein Islamist wenn er täglich zur Moschee geht? Ist ein Muslim, der den Koran rezitiert und daran glaubt, dass der Koran das Wort Gottes ist, ein Islamist? Muss ein Muslim aus einem „Koranlight“ rezitieren, ohne Prügelverse und so, um als „guter“ Muslim anerkannt zu werden? Den ideologischen Gegnern des Islam scheint es wichtig zu sein, die Trennlinie zwischen dem Islam mit seiner traditionellen Lebenspraxis und Modernismus als ideologischer Parteiung aufzulösen. Die unscharfe Definition und beliebige Verwendung des Begriffs spielt den polarisierenden „Islamkritikern“ geradezu den Ball zu.

Die Herkunft des Islamismus ist heute greifbarer als ihr eigentliches Wesen. Islamismus ist ein Überbegriff für verschiedene ideologische Strömungen, der Ende des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Vorher war meist von Islamischem Fundamentalismus die Rede. Der französische Soziologe und Politikwissenschaftler Gilles Kepel widmete der Geschichte dieses Phänomens, das vor einem Vierteljahrhundert vor allem in Folge der damaligen Krise des arabischen Nationalismus entstand, eine detailreiche Arbeit.

Gerade weil Kepel kein Muslim ist, gibt das Buch für Muslime recht interessante, man könnte sagen tabufreie Hinweise darauf, den arabischen Modernismus zu hinterfragen. Kepel versteht, dass die unheilvolle Reduktion des Islam auf eine politische Bewegung ein im Grunde neues Phänomen darstellt. Der Islam wird nun von „politischen Brandreden gegen den Feind“ bestimmt. Wenn man sich die Chefideologen wie etwa Sayyid Qutb oder Maududianschaut, auf die sich die heutigen Islamisten jeglicher Couleur berufen, waren diese keine islamischen Gelehrten, sondern Journalisten und Pädagogen. Sayyid Qutb’s Wissen über den Islam beruht auf ein Bücherstudium. Interessant ist es zu sehen, dass die heutigen Vordenker der Dschihadisten fast ausnahmslos Ingenieure sind und den Islam nicht studiert haben. Vielmehr treten diese mit ihrem naturwissenschaftlich-technischem Denken an den Islam heran, und bedienen sich aus dem Koran wie aus einem Werkzeugkasten. Der Islamwissenschaftler und Koranübersetzer Ahmad Milad Karimi betont, dass der Koran offen sei, und gerade weil Koran Begrifflichkeiten verwende, die mehrdeutig sind, könne man daraus sehr viel machen. „Das wurde in der Geschichte oft genug gemacht. Man hat auch im Namen der Bibel und des Kreuzes Kriege geführt, wohl gemeint für eine Religion der Liebe.“ „Wenn die Einstellung politisch ist,“ so Karimi, „dann ist schon Vorsicht geboten. Der Koran ist kein Politikum.“

Ahmad Milad Karimi: Im Herder Verlag ist seine neue Koranübersetzung erschienen.

Ahmad Milad Karimi: Im Herder Verlag ist seine neue Koranübersetzung erschienen.

Die Dschihad-Ideologie der Islamisten mit dem Dschihad-Begriff im Koran nichts zu tun hat. Die Idee des gerechten, im Ergebnis also totalen Krieges ist keine islamische Erfindung. Nach der Logik des gerechten Krieges gibt es eines – wenn auch recht fernen – Tages eine gerechte und gute Weltherrschaft, die jedenfalls nach der koranischen Offenbarung weder Ziel noch Mission des Islam darstellt. Der Islam verlegt das Paradies ins Jenseits. Die globale Herrschaft über den Weltraum und die moderne Idee des Weltstaates sind nicht im islamischen Denken begründet . Das Konzept des „Dschihad“ als rechtliches Phänomen ist in Wirklichkeit eine Begrenzung des Krieges und wird gerade von den modernen „Islamisten“ – falls sie dieses Recht überhaupt kennen – in ihrer Ideologie offensichtlich kaum beachtet.

Der Begriff „Dschihad“ wir im Koran an über 30 Stellen verwendet. „Aber an keiner Stelle“, so der Koranübersetzer Karimi, „ist der Begriff als „heiliger Krieg“, bellum sacrum oder bellum sanctum zu verstehen; noch nicht einmal als bellum iustum im Augustinischen Sinne. Djihad heißt wesentlich im Koran: sich abmühen, sich bemühen, sich anstrengen, sich einsetzen, ja eher im Sinne von studere.“

Der moderne Islamismus wird also deswegen zum Problem, weil er eine kranke Mischform zwischen westlich-politischem Denken und Islam darstellt.Das Bestreben der heutigen „Islamisten“ kann man daher etwa mit dem vergeblichen Versuch einiger extremistischer Gruppen wie etwa der RAF in Deutschland und der Roten Brigaden in Italien vergleichen, die durch Terrorakte versuchten, dem Niedergang der kommunistischen Ideologie Einhalt zu gebieten. Das für gewöhnlich gezeichnete Bild vom Islam ist das einer rücksichtslos homogenen muslimischen Gemeinschaft, welche die westlichen Werte ablehnt und die Konflikte des Nahen und Mittleren Ostens ins Zentrum Europas hineinträgt.

Fundamentalistische Strömungen wie der Wahhabismus, aber auch der protestantische Evangelikalismus, sind nicht etwa Produkte traditioneller Kulturen. Im Gegenteil: Sie sind Erzeugnisse einer tiefen Krise von traditionellen Kulturen, von De-Kultivierung und Globalisierung. In diesem Sinne sind sie „modern“. Religiöse Spannungen verweisen stets auf Krisen traditioneller Kulturen – und sind nicht deren Ausprägung. Der französische Politikwissenschaftler und Islamexperte Olivier Roy betont, dass die Religion keine besondere Rolle in dem Prozess individueller Radikalisierung spiele. „Es gibt einige „Neugeborene“, so Roy, „welche die Vorstellung einer entkultivierten fundamentalistischen Marke des Islam fasziniert, der die traditionellen muslimischen Kulturen – die Kultur ihrer Vorfahren – in ähnlicher Weise kritisiert, wie sie es mit westlichen Kulturen praktizieren.“ Nach Roy ist der Fundamentalismus ein permanenter Trend in jeder Religion. Es mache keinen Sinn von außen einen „guten Islam“ zu befördern: „Die Aufgabe ist, Raum zu schaffen für einen glaubwürdigen Hauptstrom Islam, der die religiösen Ansprüche der Masse der Muslime erfüllt.“

Es ist ein bedauerlicher Umstand, dass unter den Staubwolken des Terrors der Islam selbst kaum mehr erkennbar ist. In den öffentlichen Islamdebatten erscheint es so, als gäbe es im Islam nur hirnrissigen Fundamentalismus oder banale Esoterik. Die Denunziation der Muslime hat heute erschreckende Ausmaße angenommen. Aber auch auf der muslimischen Seite braucht es nun eine ernsthafte kritische Auseinandersetzung mit der Ideologie des islamischen Modernismus. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Islamismus ist für Muslime von entscheidender Bedeutung. Hierzu gehört die Entschiedenheit der Muslime, sich durch niemanden ideologisieren zu lassen. Denn wie der Wahhabismus schon zeigt, ist die Hochzeit von Ideologie und islamischer Lebenspraxis eindeutig gefährlich.

Eine gekürzte Version dieses Artikels erschien in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Freitag:

http://www.freitag.de/kultur/1005-islam-islamismus-olivier-roy-gilles-kepel-dschihad

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1 Kommentar

  1. ich habe im studium gelernt, zwischen den quellen und ihren vermeintlichen realisierungen zu unterscheiden. für die evangelische religion hieß das in der gestalt von luther: ad fontem beziehungsweise sola scriptura (allein die schrift).

    und genau das vermisse ich bei den diskussionen über den islam. weil die meisten von uns keine ahnung vom koran haben, kann man uns erzählen, dass die fundamentalistischen islamisten islamisten sind. wenn wir den koran kennen würden, könnten wir erkennen, dass die, die sich für islamisten ausgeben möglicherweise keine sind.

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