Gewalt in Kunst verwandeln

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Neco Çelik ist als Sohn türkischer Gastarbeiter in Berlin-Kreuzberg groß geworden. Seine Biographie liest sich wie ein Film: vom Gangmitglied zum Film- und Theaterregisseur. Die US-amerikanische Zeitschrift „Vanity Fair“ bezeichnete ihn gar als den „Spike Lee Deutschlands“. Neco Çelik ist ein Vorbild für viele Jugendliche, die von Integrationsexperten gerne als perspektivlos bezeichnet werden. Trotz seines erstaunlichen Werdegangs vergisst Çelik seine Jungs (und Mädels) nicht und arbeitet immer noch ehrenamtlich im Kreuzberger Jugendzentrum Naunyn Ritze. Seine Eltern kamen 1967 als Gastarbeiter nach Deutschland. Als zweitjüngster von fünf Geschwistern wuchs er in Kreuzberg auf. Über seine Kindheit sagt er: „Hier wächst man in einer türkischen Umgebung auf. Es war zu jener Zeit eine kaputte Gegend, direkt an der Berliner Mauer. Für uns Kinder war das eine aufregende Zeit, für die Erwachsenen ist es ein armes Leben gewesen. In so einer Umgebung hat die Schule keine große Rolle für mich gespielt.“

Neco Celik (links): ""Arbeiten und arbeiten und diese Hoffnung hegen, wir werden zurückkehren und dann unser wahres Leben leben. Bullshit!"

Neco Celik (links): "Arbeiten und arbeiten und diese Hoffnung hegen, wir werden zurückkehren und dann unser wahres Leben leben. Bullshit!"

Er beobachtete die „Gastarbeitergeneration“ und entwickelte Unbehagen gegenüber einem Leben, das für ihn in vielerlei Hinsicht falsch „eingerichtet“ zu sein schien: „Ich konnte es nicht glauben. Ich bin extra mit meinen Eltern zu den Nachbarn, zu denen ich nie gehen wollte, und habe geguckt, ob sie dieselben Möbel hatten. Sie hatten den beschissenen selben Schrank und den beschissenen selben Teppich. Die, die sich davon lösen konnten, haben erstmal begriffen, was Leben bedeutet“, sagt Neco Çelik. Sie seien nur mit ihrem Leben beschäftigt gewesen: „Arbeiten und arbeiten und diese Hoffnung hegen, wir werden zurückkehren und dann unser wahres Leben leben. Bullshit! Man war sozusagen in einem sozialen Gefängnis, so eine Herde von Schafen, die bloß nicht ausscheren durften, um etwas zu verändern.“ Er brach die Schule ab und wurde Mitglied in der berüchtigten Straßengang 36 Boys, deren Anführer er auch war. „Das hatte etwas mit Haltung zu tun, mit Intelligenz – und mit einem Talent zur Schauspielerei. 90 Prozent hier auf dem Kiez sind Schauspielerei, Effekthascherei und MTV.“ Sie seien damals Jugendliche gewesen, die mit sich nichts anfangen konnten und jede Menge Energie hatten. „Wir lungerten an den Ecken herum und waren der Meinung, dass wir besser sind als die anderen, die ebenfalls an den Ecken rumlungerten. Wir haben uns als intellektuelle Kriminelle gesehen. Es gab unter uns auch Gedichteschreiber!“

Bald begann Neco Çelik durch Graffiti und Rap seine Wut in Kunst zu verwandeln. Dies sei einfach gewesen, da laut Çelik Gewalt und Kreativität sehr nah beieinander lägen. Er holte seinen Schulabschluss nach und machte im Jugendzentrum Naunyn Ritze eine Ausbildung zum Medienpädagogen. Das Filmhandwerk brachte er sich selber bei. Im Jahr 2003 drehte er seinen ersten SpielfilmUrban Guerillas , der die Wut und die Träume der „Ghetto-Kids“ behandelt. Fast alle Schauspieler in diesem Film waren Laien, alte Freunde von der Straße. „Ich nehme sie mit auf meinen Weg“, sagt Çelik.

Mittlerweile hat er drei Spielfilme gedreht und Erfahrung als Theaterregisseur gesammelt. „Ein Theaterstück zu inszenieren, war für mich schon immer ein geheimer Wunsch gewesen. Als man mir Feriduns Stück Schwarze Jungfrauen angeboten hat, habe ich sofort ‚ja‘ gesagt.“ Zu seiner Theaterpremiere hatte Çelik damit ein Stück zu inszenieren, das es in sich hat; es schockierte viele Theaterbesucher. „Der Inhalt des Textes ist extrem, extrem stark“, führt Neco Çelik an. „Die Leute sind wirklich von ihren Stühlen gefallen. Sie konnten nicht glauben, dass jemand so etwas sagen kann. Sie sind von diesen Frauen erschüttert. Das beweist, dass das, was sie sagen, in der Öffentlichkeit überhaupt nicht vorkommt.“

Dieses Theaterstück ist ein ausgesprochen böses Echo aus muslimischer Sicht auf die zunehmende Islam-Hysterie der hiesigen Gesellschaft. Es handelt von zehn jungen muslimischen Frauen: „Diese jungen Frauen sind keine Ja-Sager, keine Ängstlichen, keine Ungebildeten, keine Gutmensch-Frauen. Sie sind zornige, starke, coole, witzige und mutige Musliminnen, die das Wort ergreifen, ohne Punkt und Komma im Angesicht des Publikums ihre persönlichen Geschichten oder Meinungen vortragen. Manchmal ist es vulgär, manchmal radikal kompromisslos. Und das ist gut so.“

Mittlerweile hat Neco Çelik im Ballhaus Naunynstraße schon bei einigen Theaterstücken Regie geführt. Künstlerische Leiterin des Ballhauses ist Shermin Langhoff. Im November 2008 wurde das Ballhaus mit dem Theaterfestival Dogland wiedereröffnet. Initiator und Träger des neuen Konzepts an der kommunalen Spielstätte ist der Verein „kulturSPRÜNGE“, ein Netzwerk von Kulturschaffenden der zweiten und dritten Migrantengeneration, das Langhoff 2003 initiierte und zu dessen Unterstützern und Protagonisten Fatih Akin, Neco Çelik, Feridun Zaimolu, die Schauspielerin Idil Üner, der Rapper Ceza und viele andere Kulturschaffende gehören. „Diese Spielstätte ist aus der Feststellung entstanden, dass es hier ein kulturelles Kapital gibt, das überhaupt nicht gefördert wird“, betont Langhoff. „Mein Anspruch ist es, vor allem migrantischen Künstlern aus der zweiten und dritten Generation ein Forum zu geben, um neue Geschichten aus neuen Perspektiven zu erzählen.“

Durch junge Talente wie dem Regisseur Neco Çelik oder dem Schauspieler Erhan Emre hat das Ballhaus Möglichkeiten, die sich andere Theater erst mühsam aufbauen müssen: Durch Çeliks Tätigkeit in der Jugendeinrichtung Naunyn Ritze (direkt gegenüber des Ballhauses) eröffnen sich etwa Möglichkeiten für Projekte zur kulturellen Bildung der Jugendlichen in Kreuzberg. Aber die kulturelle Bildung ist nur ein Teil der Arbeit: „Wir wollen zwar soziale Fragestellungen einbeziehen, aber über die soziokulturellen Momente des klassischen Migrationstheaters hinausgehen und neue Wege einschlagen“, erklärt Langhoff. Sie bezeichnet das Ballhaus als „postmigrantisch“. Postmigrantisch umfasse dabei vor allem die Geschichten und Perspektiven derer, die selbst nicht mehr migriert seien, den Migrationshintergrund aber als Wissen mitbringen. „Man bewegt sich mit diesen Selbst- und Fremdzuschreibungen natürlich immer auf einer Grenzlinie. Aber wir brauchen diese Titelagen – auch um zu provozieren und damit wir uns gemeinsam weiterentwickeln können. Denn als ‚junge Deutsche‘ werden wir einfach nicht gesehen. Ich glaube, dass jede gebrochene Biografie, sei es durch Migration oder andere Umstände, ein gewisses Potenzial birgt.“

Für Neco Çelik ist diese Arbeit nicht nur für Kreuzberg wichtig. Es entstehe eine Paranoia, weil der Minderwertigkeitskomplex groß sei. „Was sieht einer von hier, wenn er in die ‚Bild‘ schaut oder ins Fernsehen? Er sieht: Alle sind gegen mich.“ Viele fühlten sich von der Mehrheitsgesellschaft verachtet. „Da staut sich was Krasses an“, warnt er, „das macht manche der Jungs so paranoid, dass sie nur noch denken: Ich will auf keinen Fall Opfer sein, die anderen sollen Opfer sein. Und wenn es die eigenen Leute sind.“ Dem will er entgegenwirken, beispielsweise mit dem ProjektStreetunivercity, durch das die speziellen Stärken und Fähigkeiten der Jugendlichen entdeckt und entwickelt werden, also Gewalt in Kunst verwandelt werden soll.

http://www.bpb.de/publikationen/3QNA9T,2,0,Ein_Teil_Deutschlands_mit_etwas_mehr_Farbe.html#art2

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