„Weder Hamas noch Fatah repräsentieren die Palästinenser“

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Der britische Krimi-Autor Matt Beynon Rees hat zahlreiche Auszeichnungen für seine Serie mit dem fiktiven palästinensischen Detektiv Omar Jussuf gewonnen. In den Nahen Osten kam er zum ersten Mal als junger Journalist, doch schon bald wandte er sich der Romanliteratur zu. Eren Güvercin sprach mit ihm über seine Arbeit und die Situation in den palästinensischen Gebieten.

Matt Beynon Rees in einem Flüchtlingslager in Bethlehem

Matt Beynon Rees in einem Flüchtlingslager in Bethlehem

Ihr erstes Buch, „Cain’s Field: Faith, Fratricide and Fear in the Middle East“ (2004), behandelte die internen Konflikte sowohl unter Israelis als auch unter Palästinensern. Warum sind Sie bei Ihrem nächsten Buch zur Fiktion gewechselt?

Matt Beynon Rees: Als ich an diesem Sachbuch arbeitete, habe ich versucht, es wie einen Roman zu schreiben, weil die Leute lieber diese Art von Büchern lesen. Sie wollen keine trockene Politikwissenschaft lesen und ich interessiere mich auch nicht für Politikwissenschaft. Eigentlich finde ich Politik sogar ziemlich abscheulich.
Einer der Gründe, warum ich mich vom Journalismus weg- und über das Sachbuch dem Roman zugewandt habe, ist, dass die Politik dem Journalisten vieles von dem diktiert, worüber er schreiben kann. Als Journalist wusste ich oft, dass die Politiker, die ich jeden Tag zitierte, entweder logen oder Dinge sagten, die die Menschen manipulieren sollen.
Als ich mit der Sachliteratur anfing, wollte ich nicht nur für Menschen schreiben, die sich für Politik interessieren. Ich wollte für Leute schreiben, die sich für das menschliche Drama interessieren, als Israeli oder Palästinenser unter extremen Bedingungen leben zu müssen. Während ich das tat, habe ich festgestellt, dass Fiktion der beste Weg ist, die Leute wirklich auf einer menschlichen Ebene zu erreichen, weil die Fiktion etwas hat, das realer ist als Journalismus und Sachliteratur. Sie erreicht unsere Herzen.

Durch die Medien ziehen sich verschieden Stereotypen über Palästinenser: Sie sind entweder Terroristen oder Opfer. War auch das ein Grund für Sie, Romane statt Sachbücher zu schreiben?

Rees: Ja, und das ist auch der Grund dafür, dass ich die Romanserie so und nicht anders entwickelt habe: Sie beginnt in Bethlehem mit Der Verräter von Bethlehem, weil das eine palästinensische Stadt ist, von der die Leute schon mal etwas gehört haben. Sie wissen zwar, was vor 2.000 Jahren hier geschah, aber nicht, was seitdem passiert ist. Mit jedem folgenden Buch habe ich versucht, einen Teil der Konflikte innerhalb der palästinensischen Gesellschaft zu zeigen, von denen die Menschen keine Ahnung haben.
Der erste Band befasste sich mit der Frage, was es heißt, als palästinensischer Christ zur Zeit der Intifada in Bethlehem zu leben und von der muslimischen Mehrheit mit Misstrauen behandelt zu werden. Der zweite Teil schaut auf den Grabenkrieg zwischen den Sicherheitschefs in Gaza. Der dritte Band zeigt die Probleme von Homosexuellen und der Minderheit der Samariter. Mit jedem dieser Bücher versuche ich, etwas von den Palästinensern zu zeigen, das den Leser zum Nachdenken bringt. Alle verweigern sich dem Leid der anderen. Palästinenser tun das ebenso wie Israelis, aber selbst die Menschen auf der ganzen Welt, die sie unterstützen, weigern sich, zur Kenntnis zu nehmen, dass dort sehr komplexe Dinge geschehen, die von Medien und Politik ignoriert werden.

Omar Jussuf ist ein wunderbarer Charakter, ein Mann mit Prinzipien, der unter unmöglichen Umständen nach Gerechtigkeit sucht. Wie ist diese Figur entstanden?

Rees: Nun ja, die Figur des Omar Jussuf basiert auf einem realen Freund von mir. Er ist Lehrer in einem Flüchtlingslager und ich kenne ihn inzwischen seit 12 Jahren. Das großartige an ihm ist, dass er sich während der Intifada den bewaffneten Kämpfern wirklich entgegenstellte. Er ging zu ihnen, trank Kaffee in ihrem Versteck und sagte dann „Ich bin der Kerl, den ihr bedroht habt.“ Auf diese Weise hat erreicht, dass sie nicht mehr sagen konnten „Ok, jetzt werden wir dich töten!“ Er hatte verstanden, dass wir zu den Bewaffneten gehen, eine Beziehung zu ihnen aufbauen und ihre Kultur verstehen müssen, um die Gewalt zu durchbrechen.

In Ihrem ersten Roman, ‚Der Verräter von Bethlehem‘, heben Sie die Beziehungen zwischen christlichen und muslimischen Palästinensern hervor. Warum haben Sie sich auf diesen wenig bekannten Aspekt konzentriert?

Rees: Die Atmosphäre ist immer noch frostig in Bethlehem, auch wenn es nicht mehr so schlimm ist wie während der Intifada. Damals herrschte aus mehreren Gründen die Gewalt. Einer davon war, dass die meisten Bewaffneten Muslime waren. Es gab nur einen palästinensischen Christen, der mit ihnen kämpfte und während der Intifada in Bethlehem getötet wurde. Durch ihre Verbindung mit dem Westen über die Kirchen wurden die Christen als Außenstehende betrachtet.
Bethlehem, das einst eine christliche Stadt war, ist heutzutage noch zu höchstens 20, vielleicht nur wenig mehr als 15 Prozent christlich, weil viele Christen die Stadt verlassen haben. Dadurch wurde eine Stadt, die tief in der christlichen Geschichte verwurzelt ist, ein manchmal gefährlicher, aber immer ein ungenehmer Ort für Christen. Das hat mich sehr getroffen.

Wie haben die Israelis auf Ihre Bücher reagiert?

Rees: Das erste der Bücher über Bethlehem ist ins Hebräische übersetzt worden und ich war überrascht über die sehr, sehr positiven Reaktionen, denn normalerweise mögen die Israelis keine Ausländer, die ihnen erzählen, was im Nahen Osten vor sich geht. Aber dieses Buch gab ihnen die Möglichkeit über die Mauer nach Bethlehem herein zu schauen. Seit der Intifada hat die israelische Regierung ihren Bürgern untersagt, palästinensische Städte zu betreten, aus Angst, sie könnten entführt oder ermordet werden. Ich mache mir keine Illusionen, dass ich die Israelis dazu bringen könnte, die Palästinenser zu mögen, ich zeige sie ihnen nur auf eine menschliche Weise. Und genau darum geht es in meinen Romanen – keine Stereotypen. Für Israelis ist das eine sehr wichtige Erfahrung.

Und die Reaktion der Palästinenser?

Rees: Die Rückmeldungen, die ich von Palästinensern und Menschen aus der ganzen arabischen Welt erhalten habe, waren sehr gut. Ich bekomme eine Menge E-Mails von Leuten, die sagen „Wir sind froh, dass Sie die Wirklichkeit des Lebens in Palästina zeigen, weil das nicht in den Medien vorkommt.“
Zum großen Teil bleiben westliche Korrespondenten nicht lange genug, um sie kennenzulernen und die arabischen Medien wollen nur Israel bei jeder Gelegenheit schlecht machen. Deshalb erzählen sie beide nicht die wahre Geschichte. Die echten Personen hinter den Figuren, der echte Omar Jussuf und der echte Chamis Zaydan – das ist der Polizeichef in meinen Romanen – haben die Bücher gelesen und mögen sie sehr, weil es für sie ein Weg ist, ihre Gefühle auszudrücken. Das ist etwas, was sie nicht auf politische Weise tun können. Sie haben keine politischen Möglichkeiten, die Hamas und die Fatah repräsentieren das palästinensische Volk nicht. Sie repräsentieren zwei korrupte, gewalttätige, militante Gruppen, die ein Interesse an der Fortsetzung des Konflikts haben.

Gibt es keine Entwicklung innerhalb der Hamas, keine Anzeichen dafür, dass sich etwas ändert? Ist es vorstellbar, dass die Hamas dem Terror entsagt?

Rees: Nein, ich glaube, das Gegenteil passiert. Meiner Meinung nach hat sich die Macht unzweifelhaft zugunsten des militärischen Flügels verschoben, und deshalb fliegen die Raketen weiter, auch wenn die politischen Führer sie stoppen wollen. Das hat überhaupt nichts mit Israel zu tun, auch nicht mit dem Friedensprozess, wie die Journalisten immer schreiben. Es liegt an dem Streit innerhalb der Hamas darum, wer das Sagen hat.
An sich sind die Hamas-Leute überraschend nett. Eine Sache ist mir durch meine Bücher klar geworden: Dadurch, dass ich Leute von der Hamas und auch von der Fatah getroffen habe, die schreckliche Dinge getan haben, dadurch, dass ich ihnen in die Augen geschaut, mit ihnen gesprochen und ihre Geschichten gehört habe, glaube ich verstanden zu haben, welchen Preis sie als menschliche Wesen dafür bezahlen.

Interview: Eren Güvercin

© Qantara.de 2010

http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-468/_nr-1456/i.html

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