Die arabischen Diktatoren ähneln Kernkraftwerken

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Rafik Schami hat lange ein düsteres Bild seines Heimatlandes gezeichnet. Jetzt ist der Schriftsteller überrascht, wütend und doch voller Hoffnung. Endlich sei der politische Frühling für Syrien angebrochen.

Rafik Schami: "Jetzt begleitet mich eine ängstliche Hoffnung jeden Tag."

Rafik Schami: "Jetzt begleitet mich eine ängstliche Hoffnung jeden Tag."

Herr Schami, Sie leben seit langem im deutschen Exil. Wie groß ist der Einfluss von Schriftstellern und Kulturschaffenden auf die Demokratisierung Syriens?

Literatur und Kunst üben selten direkten Einfluss aus. Wenn sie es dennoch versuchen, hat das oft katastrophale Folgen für sie selbst. Die Rolle der Kunst und der Literatur, der Intellektuellen überhaupt, ist es, die Diskussion während der Revolution zu vertiefen, die Menschen zu ermutigen, einen humanen Weg einzuschlagen und die Hand auch den einstigen Feinden zu reichen. Sicher, unabhängige Gerichte müssen für eine gerechte Bestrafung jener Verbrechen sorgen, die die gestürzten Herrscher begingen. Aber nicht als Racheakt, sondern im Sinne eines demokratischen Reifungsprozesses.

Gibt es Künstler, die sich politisch engagieren?

Sicher, die meisten syrischen Künstler im Exil und auch einige im Land selbst sind gegen die Diktatur. Es gibt aber auch jene, die grundsätzlich mit Diktatoren liebäugeln und deren Subventionen kassieren. Dieselben Leute findet man später auf den Unterschriftenlisten der Umstürzler wieder. Jetzt veröffentlichen die Revolutionäre die Namen dieser korrupten Kriecher. Die arabischen Diktatoren ähneln Kernkraftwerken: Sie versprechen viel und verseuchen jeden, der mit ihnen in Berührung kommt. Es sind aber nicht nur Araber, die den Diktatoren dienten. Auch Deutsche und Europäer verführte das Geld, und sie wurden zu Handlangern von Saud, Assad, Gaddafi und Saddam Hussein. Bald, so hoffe ich, werden auch ihre Namen veröffentlicht. Ich kenne sie, aber ich habe Geduld zu warten, bis ihre Namen offiziell bekanntgegeben werden.

Baschar al Assad gehört der alewitischen Minderheit Syriens an. Kann Assad noch auf die Unterstützung durch die Alewiten setzen?

Er spielt diese Karte gern aus und erpresst damit eine Minderheit, aus deren Reihen viele Freiheitskämpfer, Philosophen, Widerständler, Dichter und Schriftsteller kommen. Nein, im Gegenteil, viele seiner mörderischen Helfer und Handlanger sind Sunniten, Kurden, Christen, Tscherkessen, einfach charakterlose Syrer. Deshalb ist jeder Hass gegen die Alewiten dumm und gefährlich, weil er die radikale berechtigte Kritik in eine rassistische Hetze verwandelt.

Gibt es auch unter den Alewiten demokratische Bestrebungen?

Sicher, und viele von ihnen saßen und sitzen im Gefängnis. Sie wurden immer härter bestraft, weil sie Alewiten sind, weil sie dem Herrscher nicht den Gefallen getan haben, sein konfessionelles Spiel mitzuspielen.

Der türkische Ministerpräsident Erdogan pflegt seit Jahren sehr gute Beziehungen zu Baschar al Assad. Für wie realistisch halten Sie es, dass Erdogan in Syrien vermittelt, so dass demokratische Reformen auf friedliche Weise eingeleitet werden können?

Wenn Präsident Assad auf Erdogans Ratschläge hört, wäre die Mehrheit der Syrer zufrieden, aber Assad ist gefangen in seinem eigenen System. Man kann nicht zwanzig Millionen Syrer gefangen halten und selbst frei sein. Er hat sich spezialisiert auf die Außenpolitik, das Innere aber überließ er einer Hydra von fünfzehn Geheimdiensten, die mit Angst für Friedhofsruhe sorgte. Die Wirtschaft überließ er einer kleinen Gruppe von Verwandten, die wie eine Mafia das Land verwaltet. Wo gibt es ein Land, dessen Präsident einem Cousin die gesamten Erträge der Telekommunikationsbranche zuschustert? Milliarden gehen dem syrischen Volk verloren, deshalb haben die Revolutionäre der heroischen Stadt Daraa symbolisch drei Gebäude in Brand gesetzt: das Gericht, weil die Justiz fehlte; das Baath-Gebäude, weil diese Partei der Bevölkerung nur Elend brachte; und den Sitz der Telekommunikationsbranche, die eben jenem korrupten Cousin des Präsidenten namens Rami Machlouf gehört.

In Libyen sind die Gegner Gaddafis auf dem Vormarsch und kontrollieren bereits wichtige Ölquellen, dank der Unterstützung Frankreichs und anderer Nato-Staaten. Aber man weiß immer noch nicht, wer die Rebellen sind. Wer steht in Syrien hinter den Unruhen?

Erlauben Sie mir, das Wort Unruhen zu korrigieren. Es ist ein Aufstand, eine großartige Revolution! Allerdings müssen wir diesen Prozess in Arabien als eine völlig neue Art von Revolution verstehen: Ein unbewaffnetes Volk stürzt friedlich einen Despoten samt seiner Geheimdienste. Die Zeit der Umstürze von Lenin, Stalin, Trotzki und Castro ist vorbei. Deshalb ist die erste Reaktion verständlich: Man ist verwirrt, fragt, wer steckt dahinter? Die Antwort lautet: das Volk! Keine Gruppe, keine Kaderpartei, einfach das Volk. Die arabischen Parteien wurden alle, auch die oppositionelle, überrascht und überrannt. Sie hecheln nun der Entwicklung hinterher. Sicher birgt das Gefahren, aber fest steht, dass, historisch gesehen, Kaderparteien für Utopien immer einen Rückschlag darstellten.

Wie beurteilen Sie die Umwälzungen in der arabischen Welt insgesamt? Es heißt, neben der Forderung nach demokratischen Reformen seien es vor allem die politischen und wirtschaftlichen Interessen des Westens, die nun durchgesetzt werden.

Die arabischen Diktatoren selbst haben diese Idee verbreitet und damit nur die Feigen im Westen beeindruckt. Das Konzept lautet: Entweder, ihr haltet euch an mich, oder die Islamisten übernehmen. Sicher birgt jede Revolution die Gefahr, ihre Kinder zu fressen. Aber die Zukunft einer Revolution ist nicht schicksalsgegeben, sondern das Werk von Menschen. Werden die demokratischen Kräfte heute von uns allen unterstützt, haben die Fanatiker keine Chance. In Syrien beispielsweise sind die Muslimbrüder absolut unbeliebt. Sie werden nicht einmal fünf Prozent der Stimmen bekommen. Der Westen hatte seit fünfzig Jahren leichtes Spiel mit den korrupten Herrschern. Er bestach sie und verkaufte ihnen Waffen, um gerade jene zu unterdrücken, die sich jetzt aufrichten. Gaddafi war ein Extrembeispiel. Er deponierte im Westen über 150 Milliarden Dollar, die er mit seinen Söhnen dem libyschen Volk geraubt hat, und spielte den Polizisten für Berlusconi, mit dem er übrigens sehr eng befreundet war, bis zur Grenze der gemeinsamen Hurerei. Niemand kann mir erzählen, dass britische Politiker nicht wussten, was Gaddafi mit dem weltweit verbotenen Tränengas vorhatte, das er aus Großbritannien importierte. Und kein deutscher Politiker der regierenden Koalition kann mir erzählen, er wüsste nicht, dass Gaddafi mit seinen Söldnern kurz vor der heroischen Stadt Benghasi stand, um sie dem Erdboden gleichzumachen, als Exempel, so wie der Vater des jetzigen Assad 1982 vor den Augen der feigen Welt Hama in Mittelsyrien bombardieren ließ und annähernd 30 000 Menschen umbrachte. In dieser Situation hat die deutsche Regierung einen historischen Fehler gemacht. Sie zog sich aus der Verantwortung. Der Westen reagierte, ohne Deutschland, spät, aber, Gott sei Dank, nicht zu spät. Wäre Benghasi gefallen, hätte man die ägyptische und dann die tunesische Revolution erstickt. Sollten Frau Merkel oder Herr Westerwelle behaupten, sie hätten das nicht gewusst, empfehle ich die sofortige Auflösung des deutschen Geheimdienstes.

Im Gegensatz zu seinem Vater hat Baschar al Assad einige Reformen eingeleitet, auch wenn sie nur kosmetischer Natur waren. Würden Sie die These unterstützen, dass der Flächenbrand in der arabischen Welt auf Syrien übergegriffen hat, oder gab es in Syrien spezifische Gründe für die Unruhen?

Die Syrer rebellierten aus drei Gründen: einmal, weil die Demütigung durch die Geheimdienste unerträglich wurde. Zweitens lebten die Syrer lange über ihre Verhältnisse dank Milliarden-Zuwendungen, die die Emigranten nach Hause schickten. Ich nenne das die „Beste syrische Industrie“. Sie ist umweltfreundlich, bringt nur Nettogelder ins Land und verursacht keine Verluste. Doch die zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit und die Krisen in Europa und Amerika ließen diese Subventionen schrumpfen. Außerdem nagten Teuerung und Globalisierung zunehmend am Einkommen der Menschen, darunter viele junge arbeitslose Akademiker. So bekam die volkswirtschaftliche Tarnung Risse. Auch die Angst vor dem Geheimdienst löste sich allmählich auf, spätestens, als man sah, wie das Volk in Ägypten und Tunesien die Herrscher besiegte. Drittens die neue Kommunikation über Facebook, Internet und Handy gab den Rebellen technische Möglichkeiten an die Hand, gegen die der Geheimdienst nur wenig ausrichten konnte. Ein Massaker war zwar immer möglich, aber nicht mehr so leicht zu verstecken.

Gibt es in Syrien überhaupt eine funktionierende Opposition, die regierungsfähig wäre?

Nein, die Opposition als Partei ist zerschlagen worden durch eine Repression, die seit über fünfzig Jahren das Volk erstickt. Aber Syrien verfügt über genügend Frauen und Männer, die imstande sind, qualifiziert das Land zu führen. Über eine halbe Million Akademiker, Techniker, Ärzte, Philosophen, Architekten, Regisseure, Zeitungsmacher und Schriftsteller leben im Exil. Sie werden zurückkehren und Syrien eine Blüte der Kultur ermöglichen.

Sie waren lange Zeit pessimistisch, dass es in Syrien eine politische Wende geben könnte. Wurden Sie durch die jüngsten Ereignisse überrascht?

Ich wurde überrascht, wie viele andere Menschen in der Welt auch. Seit über vierzig Jahren lebe ich im deutschen Exil. Eine Veränderung in Syrien schien unmöglich. Und dann kam der Frühling. Er hat fünfzig Jahre gebraucht, bis er gekommen ist, aber nun ist er da, mit einer in der Geschichte einmaligen Schönheit. Jetzt begleitet mich eine ängstliche Hoffnung jeden Tag.

Das Gespräch führte Eren Güvercin.

http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E03A57436BDF241B99DAD5FD22D7A8CAD~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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1 Kommentar

  1. Heike Melles says

    Sehr geehrter Herr Schami,
    ich bewundere Ihre politischen Kenntnisse und danke Ihnen für die Mitteilungen an die Leser, aber der Satz, die Engländer hätten
    doch gewusst, wofür die von ihnen gelieferten Waffen gebraucht würden, war etwas irritierend. Auch wenn sie es gewusst hätten, wäre eine Anwendung nicht ganz auszuschließen gewesen, z.B.,
    nachdem die Heckler&Koch-Gewehre den Anfang gemacht hätten.
    Angesichts Ihres Lobs der ( ohne weiteres Zutun Deutschlands weiterverfolgten ) militärischen Gewalt würde ich am liebsten antworten, dass es eine libysche Armee genauso wenig geben dürfte wie eine deutsche, denn der ganze „Frühling“ ist ein Spiel mit
    Menschen, vom Staat eingefangenen Soldaten und anderen.
    Überlegungen, wie man Gaddafi auf andere Weise bekehren können hätte, habe ich hier vermisst.
    Bitte entschuldigen Sie den Kommentar, er ist bei meiner Unwissenheit vermessen

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