Der Terrorist und sein Klon

Hinterlasse einen Kommentar
Uncategorized

Interview mit dem amerikanischen Schriftsteller und Theoretiker W.J. Mitchell über den Terror, das Klonen und die fatale Macht der Bilder.
Jenseits der religiösen Dimension dürfen wir nicht vergessen, dass unsere moderne Welt insbesondere heute durch die enorme Macht von allgemeinen Bildern dominiert wird. Die wurde in den letzten zehn Jahren durch den Terror und durch den gegen diesen geführten „Krieg“ verkörpert. Wie viele andere Ereignisse und Entwicklungen kulminierten beide Seiten der gleichen Medaille in symbolische Bilder. Dadurch nehmen sie nicht nur unbewussten Einfluss auf uns. Ihre Form verhindert auch ein wirkliches Nachdenken über die Wirklichkeit, für die sie angeblich stehen.
Zu dem Thema sprachen wir mit dem US-amerikanischen Autor William J. Thomas Mitchell. Er vergleicht die Gestalt des Terroristen mit der des Klons, und kommt dabei zu erstaunlichen Einsichten. Beides seien Symbole unserer Zeit, so Mitchell. Er ist Professor für Englisch und Kunstgeschichte an der Universität Chicago, Herausgeber von „Critical Inquiry“ und Gastdozent am Karlsruher ZKM. Sein Buch „The Last Dinosaur Book“ war für den Pulitzer-Preis nominiert.

Mitchell: "Der Satz „Das Klonen und der Terror“ - der Titel meines Buches - wurde zu einem Ausdruck, um die Art und Weise zu beschreiben, wie der Krieg gegen den Terror immer neue Terroristen hervorbrachte."
Mitchell: „Der Satz „Das Klonen und der Terror“ – der Titel meines Buches – wurde zu einem Ausdruck, um die Art und Weise zu beschreiben, wie der Krieg gegen den Terror immer neue Terroristen hervorbrachte.“

Professor Mitchell, in ihrem Buch „Das Klonen und der Terror (engl. Cloning Terror)“ reflektieren sie über die Beziehung zwischen Klonen und Terror. Was haben die beiden, verschiedenen Dinge denn gemeinsam?

William J. Thomas Mitchell: Zuerst einmal fallen das Zeitalter des Terrors und die Ära des Klonens (oder, was ich auch als „Bio-Kybernetik“ bezeichne) zusammen. Das Klonen ist die heraufziehende Reproduktionstechnologie unserer Tage, genauso wie es die mechanische Vervielfältigung in der Zeit [des Philosophen] von Walter Benjamin war. Der Terror ist das neue Antlitz des Krieges in unserer Zeit. Er ist dezentralisiert, anonym, ohne Vorder- oder Rückseite oder einen staatlichen Sponsor. Und die westliche Reaktion auf ihn – der so genannte „Krieg gegen den Terror“ – ist eine große Neuerung in militärischen Angelegenheiten. Terror ist eine sehr alte Taktik, aber die Vorstellung eines globalen Krieges dagegen ist etwas sehr neues. Mein Buch bemüht sich um die Entdeckung der Überschneidung beider neuen Entwicklungen: einerseits in der Techno-Wissenschaft und andererseits auf dem Gebiet des Krieges.

Sehen sie Ähnlichkeiten zwischen der Gestalt des Terroristen und der des Klons?

Mitchell: Beide – der Terrorist und der Klon – sind Schreckensfiguren. Sie gehören der endlosen Duplikation identischer Lebensformen an. Beides sind Figuren der Anonymität und der Gesichtslosigkeit. Dies belegt ihre Darstellung als maskierte und vermummte Gestalten. Die Armee der Klone (aus dem „Krieg der Sterne“) repräsentiert die neue Masse gleichförmiger Schocktruppen. Alle sind gewillt, sich in Selbstmordkommandos zu opfern. Sowohl der Klon, als auch der Terrorist unterstreichen die Reduktion des Kriegers auf das nackte, instrumentalisierte Leben – ohne Individualität, Heroismus oder Werte. Dies ist natürlich ein Blick von Außen: Terroristen sehen sich selbst als Helden und Märtyrer. Und Erzählungen von menschlichen Klonen beschreiben sie als Individuen mit einer Seele wie alle anderen Menschen auch. Es handelt sich hierbei um eine Frage des Standpunktes.

Sie äußerten, dass es eine sprachliche Übertragung in den Debatten um den Terror und das Klonen gibt?

Mitchell: Ja, das betrifft insbesondere die Sprache der Biotechnologie. Beinahe unausweichlich wird der Terrorismus in der Sprache von ansteckenden Krankheiten oder Autoimundefekten beschrieben – als Virus, Krebs oder Seuche. Komplett mit „Schläferzellen“. Oft gilt der Terror auch als führerlose Erscheinung, die über keine zentrale Befehlsgewalt oder Autorität verfügt.
Der Satz „Das Klonen und der Terror“ – der Titel meines Buches – wurde zu einem Ausdruck, um die Art und Weise zu beschreiben, wie der Krieg gegen den Terror immer neue Terroristen hervorbrachte. Es scheint, als ob die „Heilung“ die Wirkung hatte, das Fortschreiten der Krankheit noch zu beschleunigen.

Sie sprechen von neuen Technologien der Bilderzeugung und -verbreitung, die den Antiterrorkrieg begleiten und bezeichneten diese als „biodigitale Bilder“. Was ist damit gemeint?

Mitchell: Das Klonen wird zum führenden Gleichnis für die Bildwiedergabe unserer Zeit. Bei Photoshop gibt es gar ein „Klon-Werkzeug“, mit dem ein bestimmter Bildausschnitt genau dupliziert werden kann. Das digitale Bild ist auf einer Ebene genauso wie der Klon; beides sind „tiefe Kopien“. Sie reproduzieren nicht nur die scheinbare Oberfläche, sondern auch den ihnen zu Grunde legenden Code, der das Bild bestimmt. Wie die in der DNS enthaltenden Anweisungen, die die Nachbildung eines Organismus steuert, enthält ein digitales Bild heute Metadaten mit Anweisungen für seine Vervielfältigung. So werden die Verdopplung und Übertragung von Bildern enorm beschleunigt. Heute ist es möglich, dass sich ein Bild in den sozialen Netzwerken ausbreiten kann und mit bemerkenswerter Geschwindigkeit weltweit zugänglich ist. Das Klonen wird so zum Gleichnis für die moderne Schaffung von Bildern. Aber es handelt sich dabei auch um eine sprichwörtliche Realität. Die Umsetzung des antiken Traums von der Anfertigung – nicht nur einer Kopie -, sondern einer lebendigen funktionsfähigen Kopie, eines lebendigen Dings. Warum sich mit einem Foto der verstorbenen Mutter begnügen, wenn man sie klonen könnte? Das ist das Schreckgespenst einer neuen, heraufziehenden Reproduktionsweise, das unsere Zeit heimsucht.

Wir alle kennen die berüchtigten Bilder aus Abu Ghraib. Warum wurden sie derart “populär“ und warum reproduzieren die Medien sie immer wieder?

Mitchell: Ich würde sie nicht „populär“ nennen. Es wurden anfangs große Bemühungen unternommen, sie zu unterdrücken. Die meisten Menschen fanden sie abstoßend und verstörend. Aber sie hatten eine wichtige Wirkung in der Offenlegung der eigentlichen Vorgänge und Dinge, die unter dem Etikett der „verschärften Verhörtechniken“ in geheimen US-Gefängnissen vor sich gehen. Das zentrale Bild aus Abu Ghraib, das zum Symbol des gesamten Skandals wurde, war der vermummte Mann auf der Kiste. Jenes Bild machte die virtuelle Runde und wurde zu einer allgemeinen Ikone des Protestes gegen die US-Invasion des Iraks, sowie gegen den Anti-Terrorkrieg im Allgemeinen. In meinem Buch schreibe ich einiges über die Wirkung dieses Bildes. Wegen seines formalen, symmetrischen Charakters ist es sofort wiedererkennbar – wie ein Unternehmenslogo. Es ist ein unheimlicher Widerhall der christlichen Passion. All diese Faktoren kommen zusammen und brennen dieses Bild in unser Gedächtnis ein.

Welche Folge hatten der 11. September 2011 und der Krieg gegen den Terror auf die Welt der Bilder?

Mitchell: Der 11. September 2011 war natürlich ein wichtiges Ereignis in der Geschichte der visuellen Kultur. Es war eine globale Zuspitzung, die – in der Mediengeschichte – ihr größtes Publikum im Fernsehen fand. Der Krieg gegen den Terror war, vom Standpunkt des „Spektakels“ betrachtet, eher eine bedrückende Angelegenheit. Es gab viele Versuche, ein monumentales Bild des Sieges zu schaffen – der Fall von Statuen Saddam Husseins oder das Foto von George W. Bush in Pilotenmontur vor dem Banner „Auftrag ausgeführt (Mission Accomplished)“. Aber sie hatten nur eine geringe Wirkung, oder provozierten gar Spott. Der Krieg gegen den Terror hat wenige spektakuläre und unwiderstehliche Bilder des Erfolgs hervorgebracht. Das liegt daran, dass ein komplettes Scheitern ein kolossaler Fehler ist. Dies wird sofort deutlich, wenn man über den gleichnishaften Charakter der Satzung „Krieg gegen den Terror“ nachdenkt. Wie kann man Krieg gegen eine Emotion führen? Wäre es sinnvoll, Krieg gegen Nervosität zu führen? Ich denke, dass es symptomatisch ist, dass das Bild des „Endsieges“ in diesem Krieg – namentlich das Bild des toten Usama bin Laden – unterdrückt wurde. Der große „Sieg“ in diesem endlosen Krieg bleibt unsichtbar. Alle beeindruckenden Bilder sind solche der Niederlage – die mit Flaggen datierten Särge von US-Soldaten, tote Dorfbewohner nach einem US-Drohnenangriff oder die verstümmelten beziehungsweise geköpften Körper von Geiseln. Der Krieg gegen den Terror war in diesem Sinne ein Triumph der kollektiven Blindheit und der abwesenden Kultur. Hier handelt es sich um die Weigerung, genau hinzuschauen, sowie um den Versuch, das, was in unserem Namen getan wurde, hinter diesem monströsen Gleichnis zu verbergen.

In einem Interview beschrieben sie, was ein junger Taliban über die zerstörten Statuen in Bamiyan erzählte. Er sagte, dass man sie nicht zerstört habe, weil man sie gehasst hätte, sondern „weil ihr sie so sehr liebt. Gebt uns fünf Millionen Dollar, damit wir unsere Kinder ernähren können, und wir behalten die Statuen“. Illustriert diese Geschichte den verbreiteten Glauben an Bilder?

Mitchell: Sie sagt uns viel über Bilder, und den Glauben, der sich um sie ballt. Götzendienst, die Anbetung von Bildern, scheint etwas zu sein, was wir unseren Feinden zuschreiben. Die Taliban waren sich bewusst, dass die Statuen von Bamiyan von Buddhisten nicht als Idole benutzt wurden. Aber sie betrachteten sie als Götzen anderer Natur – als Idole „westlicher Werte“, die steinerne Statuen über lebendige Kinder erheben. Von ihrem Standpunkt aus betrachtet war dies einleuchtend, obwohl ich denke, dass sie besser beraten gewesen wären, wegen der Statuen um ein Lösegeld zu verhandeln. So viel haben sie ja nicht gefordert. Diese Geschichte illustriert auch die Nutzlosigkeit der eingesetzten, irrationalen Gewalt. Wir zerstörten die Statuen von Saddam Hussein im Irak, um spektakuläre Zeichen des „Sieges“ zu produzieren. Diese Zerstörung hat keinen realen Effekt. Und – in einem Fall – war die Verhüllung einer Statue mit der amerikanischen Fahne die unbequeme Enthüllung, dass die amerikanische Mission der Eroberung und Kolonisierung diente. Meiner Meinung nach sollten wir die Bilder in Ruhe lassen. Der Versuch ihrer Zerstörung hat oft zur Folge, dass sie noch stärker werden.

Lieber Herr Professor Mitchell, vielen Dank für das Interview.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s