Der Widerspenstigen Zähmung

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Hierzulande werden nun Imame ausgebildet. Doch ob sie in den Moscheen auch Gehör finden werden, ist noch längst nicht sicher

Das erste Zentrum für Islamische Theologie wurde an der Universität Tübingen feierlich eröffnet.

Das erste Zentrum für Islamische Theologie wurde an der Universität Tübingen feierlich eröffnet.

Nach den Empfehlungen des Wissenschaftsrates sollen in Deutschland an vier Standorten Zentren für Islamische Theologie gegründet werden. Vergangene Woche wurde das erste an der Universität Tübingen feierlich eröffnet. Schon seit Anfang des Wintersemesters wird dort das Fach Islamische Theologie gelehrt mit derzeit 36 Bachelorstudenten. Neben dem In-stitutsleiter, dem Koranwissenschaftler Omar Hamdan, sind vier weitere Professuren vorgesehen. An den Zentren für Islamische Theologie sollen in erster Linie Imame und Religionslehrer ausgebildet werden.

Die Etablierung einer deutschsprachigen und in Deutschland verorteten eigenständigen Islamischen Theologie ist längst fällig. Bisher kamen die Imame meist aus der Türkei und dann auch nur für wenige Jahre. Die überwiegende Mehrheit der Imame beherrscht die deutsche Sprache kaum. Sie können auch daher keine wirklich effektive Gemeindearbeit leisten. Besonders für die jungen Muslime hat das negative Auswirkungen. Sie werden am meisten davon profitieren, wenn in Zukunft die Imame ihre Predigten auch auf Deutsch halten.

Viel wurde in den letzten Monaten über die Rolle der Beiräte diskutiert. Die Professoren werden nach den jeweiligen Landeshochschulgesetzen durch Berufungskommissionen ausgewählt. Nach Abschluss des Auswahlverfahrens ist ähnlich wie bei den christlich-theologischen Fakultäten die Zustimmung des Beirates einzuholen. In diesen Beiräten werden meist Vertreter der großen muslimischen Verbände sitzen. Einige Kritiker befürchten, dass diese über die Beiräte versuchen werden, Einfluss zu nehmen. Einige äußern die Befürchtung, dass dadurch ein zu traditionelles oder orthodoxes Islamverständnis an den Universitäten gelehrt werden könnte. Die Frage, die man sich dann stellt, ist: Wenn nun nicht die größten Verbände ein Mitspracherecht in bekenntnisrelevanten Fragen haben dürfen, wer dann? Da der bekenntnisneutrale Staat nicht inhaltlich in die Frage der Gestaltung der Curricula eingreifen darf und er die Frage nicht prüfen darf, ob aus religiösen Gründen gegen Lehrende, Einwände bestehen, können nur die muslimischen Selbstorganisationen diese Aufgabe erfüllen.

Eine viel zu wenig diskutierte Problematik in der Etablierung der Islamischen Theologie in Deutschland ist aber vor allem die Frage, wie eigentlich die muslimische Basis zu dieser Entwicklung steht. Denn Hauptabnehmer der ausgebildeten Theologen werden über kurz oder lang die Moscheegemeinden sein. Zwar sehnen sich insbesondere viele junge Muslime deutschsprachige Imame herbei, die auch in Deutschland sozialisiert sind. Aber sie blicken auch kritisch auf diesen auffälligen Aktionismus des Staates.

Aberglaube und Irrglaube

Den Stimmen gegen den vermeintlichen negativen Einfluss der Verbände wird in der medialen Öffentlichkeit Gehör verschafft. Aber dass in der muslimischen Community ebenfalls Bedenken vorhanden sind, wird kaum wahrgenommen. Juristen wie Christian Walter sprechen im Zusammenhang mit der Einrichtung islamisch-theologischer Zentren von einem „legitimem Zähmungsinteresse“ des Staates. Bundesforschungsministerin Annette Schavan betont die Bedeutung eines aufgeklärten Islams, der vor Aber- oder Irrglaube schützen solle, und erhofft sich sogar von der Theologie einen wichtigen Beitrag für die Integration. Was nun jedoch Aberglaube oder Irrglaube ist, ist nach Ansicht vieler Muslime eben nicht Entscheidung der Politik, sondern in erster Linie ist dies eine Sache der Muslime selber. Es ist nicht Aufgabe der Politik, ob ein Glaube der Klärung oder Aufklärung bedarf. Für Gläubige, egal ob es um Christen oder Muslime geht, ist jede Einmischung der Politik in die inneren Belange der Glaubensverkündigung nicht hinnehmbar.

Es geht darum, die rechtliche Freiheit, die die christlichen Kirchen und auch das Judentum haben, dem Islam zu sichern. Hierfür braucht man aber vor allem unabhängige und freie Theologen. Unabhängig von den muslimischen Verbänden – aber auch unabhängig von der deutschen Politik. Denn was die deutschen Muslime gar nicht brauchen, ist eine politische Theologie, die eine dem Staat genehme Lehre verbreitet. Auch aus der Wissenschaft gibt es kritische Stimmen. Der Islamwissenschaftler Rainer Brunner spricht sogar von einer „entsäkularisierten Islamisierung der Integrationsdebatte“. Die Gründung der islamischen Theologie scheint für Brunner politisch gewollt zu sein: „Das hat in Verbindung mit verschiedenen anders gelagerten politischen Debatten der letzten zehn Jahre – etwa über die Sicherheitspolitik – eine, wie ich finde, geradezu groteske Überforderung und auch Erwartungshaltung der Politik zur Folge.“ Man wolle hier sozusagen einen aufgeklärten Islam europäischen Zuschnitts etablieren, ohne dass es dafür die strukturellen und personellen Voraussetzungen gäbe.

Wie sich die Theologie in den nächsten Jahren entwickeln wird, wird von der muslimischen Community genau beobachtet werden. Der Tübinger Institutsleiter Omar Hamdan formjulierte es so: „Ich bin Theologe, kein Politiker.“

http://www.freitag.de/politik/1203-der-widerspenstigen-z-hmung

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