Folgt nach dem sog. „Arabischen Frühling“ jetzt der „Türkische Sommer“?

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Falschinformationen heizen Atmosphäre an

Oppositionspartei CHP verbreitet gefälschte Bilder vom Marathon

Die Oppositionspartei CHP verbreitet gefälschte Bilder. Dieses Bild vom Marathon soll angeblich Protestierende abbilden. Das Bild ist allerdings in Wahrheit vom Marathonlauf 2012: http://tr.eurosport.com/atletizm/avrasya-maratonu-11-kasim-pazar-gunu-kosulacak_sto3484898/story.shtml

Seit Tagen schon demonstrierten Umweltaktivisten in Istanbul friedlich gegen einen geplanten aber noch nicht beschlossenen Bau eines Einkaufszentrums in Taksim. Eine Grünfläche sollte für dieses Bauprojekt Platz machen. Gestern eskalierte die Lage, als Polizeikräfte brutal gegen Demonstrierende vorgingen. Die Situation war gestern Abend und über die ganze Nacht unübersichtlich, weil die türkischen Medien darüber nicht berichteten und somit viele Gerüchte kursierten, die niemand überprüfen konnte. Einige sprachen von einigen Tausend Demonstranten, andere wiederum von einigen Hunderttausenden.

Schon seit einiger Zeit fällt auf, dass die Polizeikräfte im Umgang mit Demonstranten zu unverhältnismäßiger Gewalt greifen. Auch wird von immer mehr Menschen in der Türkei die Befürchtung geäußert, die regierende AKP und Ministerpräsident Erdogan würden unter einer Art ‚Machttrunkenheit‘ leiden. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Es ist nie gut für das politische Gefüge eines Landes, wenn eine Partei über Jahre mit einem Stimmenanteil von 50% alles dominiert. Die Gründe dafür sind einerseits die erfolgreichen Politik Erdogans mit den wichtigen Reformen, die er eingeleitet hat, und andererseits natürlich auch der Mut bisher als unlösbar geltende Probleme wie die Kurdenfragen anzugehen. Trotzdem hat die politische Situation in der Türkei der letzten Jahre, in denen es keine wirkliche Opposition gab, dazu geführt, dass Teile der AKP den Bezug zur Realität verloren haben. Die Oppositionsparteien haben darin versagt, eine vernünftige Oppositionspolitik zu führen. Um Erdogan herum hat sich in den Jahren auch eine gewisse Oligarchie entwickelt, die aus vielen Ja-Sagern besteht. Man hat den Eindruck, dass es kaum jemanden in seinem Umfeld gibt, der sich auch traut offen Kritik zu üben. Man muss jenseits einer Dialektik herausarbeiten, dass zwar die ‚kemalistische Oligarchie‘ „entmachtet“ wurde, nur hat man jetzt diese durch eine ‚islamisch‘ angehauchte Oligarchie ersetzt. Das Dilemma des politischen Islam in der Türkei – ähnlich wie in Ägypten – ist, dass er es nicht geschafft hat eine ökonomische Alternative zu bieten.

Momentan versuchen einige Trittbrettfahrer aus verschiedenen politischen Lagern, links bis rechts, die Atmosphäre rund um Taksim aufzuheizen, indem Falschinformationen und Fakebilder über Twitter und Facebook verbreitet werden. Bilder aus dem Istanbuler Marathon etwa wurden geteilt, die angeblich Menschenmassen darstellen sollen, die die große Brücke über den Bosporus überqueren, um die Demonstranten in Taksim zu unterstützen. Sehr schnell kann die Türkei wieder zurückfallen in Zeiten, wo sich die kemalistisch-säkulare Elite mit der neu aufkommenden ‚Anatolischen Elite‘, personalisiert durch Ministerpräsident Erdogan und Staatspräsident Gül, in einen „Kulturkampf“ reinzerren lassen.

Das Vorgehen der Polizei ist brutal und muss verurteilt werden. Die Regierung muss Konsequenzen aus den jüngsten Ereignissen ziehen. Auch muss die Regierung die Situation richtig deuten und auch die Vorwürfe einer gewissen Machttrunkenheit ernst nehmen. Aber es gibt politische Gruppen, denen die Opfer dieser Ausschreitungen ziemlich egal sind. Sie gießen mit Falschinformationen bewusst Öl ins Feuer. Ein Grund dafür, wieso solche politischen Gruppen ihr Ziel erreichen, ist dass die Mainstreammedien in der Türkei versagt haben. Der vorauseilende Gehorsam der Medien einerseits, die Machttrunkenheit der AKP auf der anderen Seite führen dazu, dass verschiedene Extremisten (Betonkemalisten, Linksextremisten, Faschisten) sich die Hände reiben. Inmitten dieser unübersichtlichen Lage steht die Bevölkerung orientierungslos da. Die westlichen Medien bekleckern sich aber auch nicht mit Ruhm. Auf das brutale Vorgehen gegen die Occupy-Bewegung in den USA und Europa wurde nicht so engagiert reagiert, wie jetzt im Falle von Istanbul. Wären sie doch in den 80er und 90er Jahren genauso engagiert gewesen, als die damaligen Regierungen gegen Muslime in der Türkei brutal vorgegangen sind. Damals wurden Studentinnen, die wegen ihres Kopftuchs nicht in die Universität gelassen wurden, regelmäßig von Polizeikräften niedergeknüppelt. Schon werden Vergleiche gezogen, dass Erdogan in einer Linie mit Putin, Assad und Co stehe, und unsere Medien sprechen jetzt vom „Türkischen Sommer“, nach dem sie den „Winter“ in Ägypten und der Türkei ignoriert hatten.

Gerade in der heutigen Phase, wo die Türkei sich von Altlasten trennen will und auf dem besten Weg ist, den größten Konflikt ihrer Geschichte mit den Kurden beizulegen, sollten alle politischen Kräfte, sei es die Regierung oder die Oppositionsparteien, sich dessen bewusst sein, was für einen Schaden unüberlegte Handlungen verursachen können.

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13 Comments

  1. Leon says

    Ich höre immer wieder, dass die türkischen Medien nicht berichten würden. Jetzt erstmals von einer Quelle, die ich für vertrauenswürdig halte (also, damit sind Sie gemeint Herr Güvercin ;)).
    Daher meine Frage, stimmt das wirklich? Ich schaue seit heute morgen immer wieder CNN Türk, Habertürk und NTV und die berichten quasi dauernd von den Protesten und zeigen ständig live Bilder. Änlich sieht es bei den Zeitungen aus, von Hürriyet/Miliyet über Zaman bis Yeni Safak (wobei die Form der Berichterstattung naturgemäß variiert, aber sie ist flächendeckend vorhanden).
    Wieso stimmt meine Beobachtung überhaupt nicht mit den Berichten die ich auf Facebook und in blogs lese?

  2. erenguevercin says

    Heute berichten die Medien darüber, aber gestern Abend, wo es eskalierte und über die ganze Nacht schwiegen die türkischen Fernsehsender, so dass einige Leute über Twitter etc. bewusst falsche Informationen verbreiten konnten, um die Menschen weiter anzustacheln. Die Menschen wussten ja gar nicht, was da vor sich ging.

  3. Leon says

    Ach so.Ich hatte das erst gegen Mitternacht gehört (stressiger Tag) und da lief das bei CNN Türk.Darum hab ich das nich nachvollziehen können.

  4. Deusdivinus says

    Es ist in der Tat fraglich, was da genau passiert ist bzw. wie die Regierung sowas zulassen konnte. Ich weiß ja nicht, wieviel dieser Park bzw. das Gebäude, das errichtet werden soll, an Wert hat, aber sicherlich nicht so viel, um eine Revolution in Istanbul zu riskieren. Momentan gehe ich von türkischem „Rowdy“ Gehabe bei Erdogan aus, nach dem Motto, „ich bin jetzt der Diktator und ich kann machen was ich will.“ Falls das wirklich zutreffen sollte, dann ist das unfassbar, angesichts der Tatsache, wie wichtig die AKP Regierung ist und welche Aufgaben sie zu erfüllen hat, und dieser Vorfall hat die AKP definitiv einige, wenn nicht gar viele Prozentpunkte gekostet.

    Erdogan und der AKP-Regierung kommt die gewaltige Aufgabe zu, die Türkei in eine neue Weltordnung zu führen, wobei die Türkei als großer Führer der anderen arabischen Länder im Nahen Osten diese Region vereinigen muss. Allein aus diesem Grund haben erleuchtete Ur-Kemalisten und Fundamentalisten Erdogan damals aus dem Knast geholt, damit er das beenden kann, was Atatürk gestartet hat. Allein aus diesem Grund werden alle „guten“ Diktatoren im Nahen Osten zum „bösen“ Diktator erklärt und Al-Kaida als Opposition mit der Staatsgründung beauftragt. Denn am Ende des Tages, muss man das Volk dort abholen, wo es ist, und das türkische(und auch kurdische) Volk ist nun einmal tief-gläubig, ganz zu schweigen von den arabischen Nachbarn. Man muss sich ja mal fragen, weshalb die USA mit einer islamischen Regierung zusammenarbeitet in der Türkei, wenn es tatsächlich eine westliche, „christliche“ und „imperialistische“ Elite gäbe, die die Interessen des amerikanischen bzw. westlichen Volkes verfolgt. Was haben die USA mit der AKP zu tun? Was hat denn John Mccain mit Al Kaida zu tun? Wieso besucht er die? Bekämpft man nicht die AlKaida in Afghanistan? Die amerikanischen Spitzenpolitiker müssten doch alle den arabischen Frühlungsbewegungen und sonstigen Islamisten diametral entgegenstehen und immer noch die „guten“ Diktatoren dort verteidigen, tun sie aber nicht. Sie verfolgen das genaue Gegenteil, sie setzen die ganzen „bösen“ Diktatoren ab, um eine islamische Vereinigung dort zu ermöglichen.

    Bzgl. AKP sind das also gewaltige Aufgaben, die auf die Regierung zukommen, vor allem die Lösung der Kurdenfrage. Daher ist es unbegreiflich, dass man bei kleinsten, nebensächlichen Themen schon anfängt zu stolpern. Aber es ist nichts neues, sondern eher bezeichnend für die Türkei und alle anderen Staaten, wo die Menschen temparamentvoller, aggressiver, bestechlicher, fauler und dümmer sind , die Erleuchteten hatten es dort immer schwerer, die Regierung an der Leine zu halten(das Volk nicht, die wissen ja nicht mal wo oben und unten ist oder was Wirtschaft heißt). Es läuft nicht so geschmeidig ab wie in den westlichen Ländern. Die CHP und die anderen marschieren natürlich auch in die gleiche Richtung, aber sie genießen keinesfalls die breite Unterstützung des Volkes, die Abwählung der AKP würde die Türkei also um Welten zurückversetzen was die Eingliederung in die neue Weltordnung angeht, wir hätten wieder Chaos wie in den 90er Jahren. Jetz schon fordern nationalistische Extremisten die „Rückeroberung“ der Türkei, sie versuchen die Demonstration zur Revolution zu entwickeln. Das ist sehr sehr gefährlich angesichts der gerade erst beginnenden friedlichen Verhandlungen mit den Kurden. Die ganze Sache wird also, selbst im besten Fall, deutliche Spuren bei der AKP hinterlassen.

  5. Ferique says

    (Wieder einmal) ein hervorragend differenzierter Beitrag. Ich danke Ihnen dafür und wünsche mir, dass Sie ihre konsequent-ehrliche Schreibweise beibehalten.
    Beste Grüße

  6. Silvia Öksüz says

    Mein Mann ( unser Zuhause ist İstanbul, allerdings recht weit im Osten) meinte zu den Geschehnissen am Taksim:“ Was soll denn der ganze Aufruhr. Wenn man die Pläne sieht, werden doch wieder Bäume gepflanzt. Der ganze Platz soll umgestaltet werden, alles wird nagelneu. Yepyeni. Die von den Demonstranten angerichteten Zerstörungen sind durch nichts zu entschuldigen. DAs ist dann nur noch Rowdytum.“
    Da haben sich die EMotionen hochgeschaukelt. Meine Meinung: Erdoğan muss aufpassen. Er darf nicht zu schnell zu weit gehen. Die Ereignisse zeigen, dass einige wohl zu allem bereit sind. Hier geht es schon lange nicht mehr nur um ein paar Bäume.

  7. Kaan Büyükoktay says

    Sorry, aber ich hätte gerne einen Beleg, das die Überquerung der Brücke vom Marathon ist, das halte ich schlicht für eine Lüge.

  8. Ferique says

    Kaan wird sich sicher noch für seine unbeherrschte Äußerung entschuldigen..

  9. Kaan Büyükoktay says

    Hallo nochmal, danke für den Link, die Menge ist in der Tat ein Fake, sorry für meine Wortwahl, jedoch ist es aber auch eine Tatsache das etliche Menschen am Samstag die Brücke überquert haben, wieviele es waren kann natürlich niemand so richtig beziffern. VG Kaan

  10. Pingback: Social Media, selbsternannte Experten und #occupygezi | severin tatarczyks blog

  11. Chris(o) says

    Ich habe hier einen Satz gelesen, den ich vorbehaltlos unterschreiben würde: „Hier geht es schon lange nicht mehr nur um ein paar Bäume.“

    Bedenklich:“Erdogan muss aufpassen. Er darf nicht zu schnell zu weit gehen.“
    Aber, wenn er das Tempo drosselt, darf er schon „zu weit“ gehen?
    Ansonsten alles gut im Staate? Na dann…

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