Revolution? Alle Wege führen letzten Endes in den Supermarkt!

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Ich habe Respekt vor den jungen Menschen, die im Gezi-Park gegen die Bauprojekte dort demonstrieren und an ihrem Anliegen festhalten. Die brutale Polizeigewalt gegen diesen Protest hat in der Türkei etwas ausgelöst, was weder für die Demonstranten noch für das Land vom Nutzen ist. Die Medien in der Türkei haben ohne wenn und aber versagt. Es ist aber natürlich bezeichnend, wie westliche Medien und Politiker mit dem Finger Richtung Bosporus zeigen, nach dem Motto: „Schaut, die sind undemokratisch, also sind wir demokratisch“.

Bei allem Respekt, die deutschen Medien haben auch versagt. Neben der einen oder anderen differenzierten Stimme, finden wir ausnahmslos eine Berichterstattung, die tendenziös, ideologisch-verengt und nicht aufrichtig ist. Dieselben Medien waren nicht so aufmerksam, als in der Türkei andere Bevölkerungsgruppen unter einem autoritären Kemalismus gelitten haben. Die Bilder sind noch sehr frisch in den Köpfen vieler Türken, als kopftuchtragende junge Studentinnen von den Polizisten vor den Universitäten niedergeknüppelt wurden, weil sie für ihr Recht auf ein Studium demonstriert hatten.

Ganz amüsant sind natürlich unsere türkischstämmigen Edelmigranten in Deutschland, die vor den Kameras der öffentlich-rechtlichen Sendern als „Türkeiexperten“ präsentiert werden, wohlwissend, dass diese Leute die Entwicklungen in der Türkei aus der ideologischen Brille heraus deuten. Wie ich darauf komme? Wer davon redet, dass Erdogan in der Türkei das „Koransystem“ in den Schulen eingeführt habe, sagt damit wenig über die Türkei aus, aber sehr viel über die eigene ideologische Verblendung. Es ist traurig zu sehen, wie die Meinungsbildung in Deutschland zu diesem Thema schief läuft. Das Gespenst einer Islamisierung lauert die letzten Tage hinter jedem Satz, der von Erdogan und der Türkei handelt.

Aber man kann sich über diese Situation auch amüsieren. Es ist köstlich zu sehen, wie unsere linken spießbürgerlichen Salonrevoluzzer in Kreuzberg im Café sitzen, die taz lesen, dabei ihren Latte-Macchiatto schlürfen und sich dabei ganz toll vorkommen, weil sie sich solidarisch geben mit den Freiheitskämpfern gegen die Erdogan-Diktatur. Welche Frage ich mir bei diesem Anblick stelle, für was stehen diese gescheiterten 68er eigentlich, die immer noch nostalgisch in dieser Revolutionsromantik festhängen? Was bedeutet für sie Freiheit heute noch? Da fällt mir spontan der Satz von Sloterdijk ein: „Alle Wege von 68 führen letzten Endes in den Supermarkt“.

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4 Comments

  1. Pingback: Erdogan Support-Thread !!! - Seite 22

  2. Pingback: #occupygezi – die andere Seite der Medaille | Emran Feroz's Blog

  3. Wenn Du von den deutschen Medien – mit gutem Recht! – Differenziertheit und Aufmerksamkeit verlangst, dann solltest Du diese Tugenden auch selbst zeigen: Wie um Gottes Willen sollen die von Dir geschilderten Typen in Berlin (taz, Smartphone, Cafe latte, grün oder Piraten wählend…) „68er“ sein?! Die 68er sind heute 68 Jahre alt, und „die Berliner“ sind um mehrere Jahrzehnte jünger. Es ist einfach billig, alles, was einem nicht paßt, weil es irgendwie links ist, den „68ern“ in die Schuhe zu schieben.
    Ferner ist wirklich allen ernstzunehmenden deutschen Medien zwischen taz und FAZ klar, daß Erdogan eine Mehrheit der Türken hinter sich hat – daß aber gelebte Demokratie auch mehr ist, als alle vier Jahre einen Obermops zu wählen und dann brav zu tun, was der sagt. Daß zur Demokratie eben auch die Achtung des Lebensstils von Minderheiten, das Demonstrieren gegen die gewählte Regierung, der Diskurs etc. pp. gehören. Putin ist auch von einer Mehrheit gewählt worden. Und Adenauer war es auch.

    Jeder Verständige hier weiß, daß früher unter den Kemalisten (CHP oder Militär…) entsprechende Proteste von Islamisten noch viel härter zusammengeknüppelt und vermutlich sogar zusammengeschossen worden wären. Wir leben aber eben nicht mehr im Jahre 1950 oder 1980.

    So, und um den braven bundesrepublikanischen Demokratie-Blabla-Konsens gleich wieder zu verlassen und auf die Gefahr hin, mir selbst zu widersprechen: Es gibt nun einmal Momente, in denen es begrüßenswert ist, wenn progressive Minderheiten der reaktionären Mehrheit einen Tritt verpassen. Ob nun „1968“ in Deutschland, unter Mustafa Kemal in der Türkei oder in der Französischen Revolution.

    Gut, das war/ist jetzt vielleicht etwas bombastisch… Dennoch: Das Ansehen der Türkei im Westen ist durch die Proteste gewaltig gestiegen. Ich habe die Türkei noch nie als so europäisch empfunden wie in den letzten zwei Wochen. Dank den Demonstranten.

    Und um Pardon für den langatmigen Kommentar! 🙂

  4. Pingback: #occupygezi - Die andere Seite der Medaille - Demokratie, Meinung, PKK, Recep Tayyip Erdogan, Türkei - MiGAZIN

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