Türkei: Kein offener Dialog zwischen den Lagern

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Pater Richard Nennstiel lebt zurzeit im Dominikaner-Konvent in Hamburg und leitet dort das Dominikanische Institut für christlich-islamische Geschichte, dass sich mit der Geschichte des christlich-islamischen Dialoges beschäftigt. Er hat sein Pastoralpraktikum in Istanbul gemacht und für einige Zeit in der deutschen Gemeinde in Sisli gearbeitet. Er beschäftigt sich aktuell mit der Geschichte der Dominikaner im Osmanischen Reich und promoviert gegenwärtig an der Universität Bonn im Bereich Kirchengeschichte zur Geschichte der Dominikaner in Istanbul während des Ersten Weltkrieges. Mit ihm sprach ich über die Hintergründe der Unruhen in der Türkei.

Pater Richard, Sie haben ihr Pastoralpraktikum in Istanbul gemacht und eine zeitlang in der deutsche Gemeinde in Sisli gearbeitet. Wie beurteilen Sie die chaotische Situation in Istanbul?

Richard Nennstiel: Meines Erachtens war die Situation in Istanbul schon einige Zeit angespannt. Durch den Zuzug aus Anatolien hat sich die Sozialstruktur Istanbuls geändert. Istanbul ist eine Millionenstadt, aber keine Weltstadt mit einer großen Zahl von verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen. Abgesehen von einigen Stadtteilen, ist Istanbul eine rein türkische Stadt. Besuchen Sie einmal die Neubaugebiete.

Diese Änderung der Sozialstruktur hat den Anspruch der alten Eliten in Frage gestellt. Die Zugezogenen aus Anatolien sind wirtschaftlich und auch bildungsmäßig erstarkt. Sie stellen eine Herausforderung für die „säkulare“ Elite dar. Besonders die Frage nach dem Einfluss und der Bedeutung der Religion im öffentlichen Raum ist sehr umstritten. Die Frage des Alkohols ist auch eine Symbol für diese Frage. Warum soll die Religion eine solche Bedeutung bekommen. Stellt sie nicht den säkularen Charakter der Türkei in Frage. Die Frage der Bedeutung der Religion für das öffentliche Leben ist meines Erachtens noch nicht geklärt. Aber einen offen Dialog zwischen den beiden Lagern gibt es kaum. Weil es eben um viel mehr geht. Es geht auch um Fragen der Kultur, der politischen Einflussnahme und letztlich auch um wirtschaftliche Macht. All dies ist in den letzten Jahren in Bewegung gekommen. Der Konflikt bricht so radikal auf, weil es lange – und immer noch – ein großes Misstrauen verschiedener Gruppen gegeneinander gibt.

Anfangs wurde die Erdogan-Regierung von Europa für ihren Reformeifer gelobt. Nun sprechen viele Beobachter in Deutschland von einem diktatorischen bzw. autoritärem System Erdogan. Hat sich der politische Kurs der Erdogan-Regierung so sehr verändernt in der letzten Zeit?

Nennstiel: Ich glaube nicht, dass sich der Kurs der Erdogan-Regierung geändert hat. Die Türkei hat in den letzten Jahren einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung genommen. Dieser Aufschwung hat alle Bereiche erfasst. In Istanbul wurden verschiedene Universitäten neu gegründet, die neuen Medien haben Möglichkeiten der Kommunikation eröffnet, die so noch nie bestanden. Ministerpräsident Erdogan ist in demokratischen Wahlen von den Wählern in seinem Amt bestätigt worden. Die Opposition gegen Erdogan ist ja nicht nur sachlich bestimmt. Erdogan wird geliebt, aber eben auch gehasst. Dieser emotionale Aspekt bestimmt teilweise die Diskussion. Man ist für ihn oder gegen ihn. Aus! Und dieses Lagerdenken drückt auf die Entwicklung der Türkei. Erdogan ist nicht der einzige, der zu einer gewissen Polemik neigt.

Erdogan will die Türkei weiter entwickeln. Er neigt aber zu einer sehr patriarchalen Form der Politik. Staatspräsident Gül hingegen ist auch durch seine Jahre im Ausland wesentlich sachlicher in vieler Hinsicht. Natürlich versucht jede Regierung ihr Programm umzusetzen, aber sie sollte versuchen, ein Einvernehmen mit der Andersdenkenden zu finden.

Einige Türkeiexperten finden in den deutschen Medien viel Raum, um ihre teils einseitige Sicht auf die Dinge zu präsentieren. Manch einer spricht davon, dass ein „Koransystem“ in Schulen integriert wurde, die Einschränkung des Alkohohlverkaufs wird genannt. Kurz: Erdogan verfolge langfristig eine „geheime Agenda“. Sie haben als Christ in Istanbul gelebt, sind immer noch regelmäßig dort. Können Sie diese Skepsis verstehen oder stimmen Sie dem gar zu?

Nennstiel: Die Frage der Religion und der Religionsfreiheit ist in der Türkei sehr komplex. Das hat historische Wurzel, die bis in die Gegenwart reichen. Allerdings hat sich die Situation der Christen unter der AKP Regierung verbessert. Die sogenannten säkularen Regierungen haben über Jahre in diesem Bereich nichts bewegt. Erst unter Erdogan hat eine Entspannung stattgefunden unter dem kritischen Blick der säkularen und nationalen Kräften. Durch Zugeständnisse an Christen sahen sie die Nationale Einheit der Türkei in Gefahr. Erdogan war und ist in einer schwierigen Lage. Jedes Zugeständnis im Bereich der Religion- somit auch der christlichen – trifft auf den massiven Widerstand der nationalen Kräfte. Im Westen gibt es häufig die einfache Gleichung bezüglich der Türkei: säkular = gut / religiös = schlecht. Diese Einschätzung offenbart eine eklatante Unkenntnis der türkischen Geschichte und Gesellschaft.

Die Entwicklung im Bereich der Religionsfreiheit wird noch Jahre dauern, weil es in diesem Bereich um grundsätzliche Fragen geht. Ich glaube aber, dass eine positive Entwicklung zu verzeichnen ist. Was ein „Koransystem“ ist oder sein soll entzieht sich meinem Wissen. So ein Begriff sagt mehr über den Urheber als über die Sache aus. Aber um Sachverhalte zu diskreditieren, sind manche Menschen sehr einfallsreich.

Die Türkei ist ein islamisch geprägtes Land. Aber gibt es in der Türkei einen „freien Islam“ – einen Islam der nicht durch staatliche Behörden kontrolliert wird? Der Islam emanzipiert sich, entwickelt sich, findet seine reichen Wurzel in der osmanischen Tradition wieder. Er wird wieder öffentlich. Für Frauen und Mädchen wird der Islam zu einer Kraft der Emanzipation. Das wird oft schlicht verkannt.

Werden in den deutschen Medien über die Spannungen, die es unter den verschiedenen Gesellschaftsgruppen in der Türkei gibt, überhaupt differenziert berichtet?

Nennstiel: Die Türkei ist aus einem Befreiungskrieg entstanden. Kemal Atatürk hat die Besatzer vertrieben und die Türkei als Staat gegründet. Das bleibt sein bleibendes Verdienst. Er ist wirklich (heute wirkt es sehr pathetisch) der Vater der Türken. Aber unter dem Druck der Staatsbildung und den folgenden schwierigen Jahren des Aufbaus, sind manche Probleme und Konflikte unterdrückt oder bei Seite geschoben worden. Das Trauma des Versuchs der ausländischen Mächte, die Türkei de facto zu zerschlagen, sitzt tief. „Einheit der Türkei“ ist ein entscheidender Gedanke. Aber lässt diese Einheit Differenz zu? Kann es verschiedene kulturelle, religiöse oder ethnische Gruppen in der Türkei geben oder bedrohen sie diese Einheit? Ohne diese Frage sind viele Entwicklungen nicht zu verstehen. Die türkische Gesellschaft ist vielfältiger und komplexer als es vielen scheint. Und ein simples Lagerdenken in religiös und säkular greift viel zu kurz. Es ist aber sehr einfach und simpel und wird daher immer wiederholt. Religion und Islam eignen sich im Moment sehr gut, um Stimmung zu machen. Aber nicht die Muslime haben mehrmals geputscht, sondern die Militärs (bekanntlich säkular).

Durch die Änderung der Sozialstruktur kommt es zu Verschiebungen, auf die erst eine Antwort gefunden werden muss. Die gesellschaftlichen Kräfte verschieben sich. Allerdings sollte die AKP Regierung nicht auf die Massnahmen der Vorgängerregierungen zurückgreifen. Kriminalisierung oder Diffamierung von Andersdenkenden schadet der eigen Sache. Überzeugungsarbeit und demokratische Mitbestimmung sind notwendig.

Die Komplexität findet sich leider selten in deutschen Medien. Die verschieden Gesellschaftsgruppen, die nun in der Türkei demonstrieren, kommen aus ganz unterschiedlichen Bereich: Umweltaktivisten, Schwulen – und Lesbengruppen, ethnische Minderheiten, „Säkulare“, Studenten – die Gruppen verbindet vor allem die Ablehnung der Regierung Erdogan. Aber ist das genug auf die Zukunft gesehen? Was ist deren gemeinsames „Projekt“ frage ich mich.

Wie ist Ihre Einschätzung? Wird die Regierung einen versöhnlicheren Ton sich aneignen, oder könnte die Lage noch eskalieren?

Nennstiel: Ich glaube nicht, dass dieser Konflikt eskalieren wird. Er hat mit aller Deutlichkeit gezeigt, dass sich die türkische Gesellschaft immer mehr differenziert – und, dass wirtschaftliche Entwicklung nicht alles ist. Erdogan darf nicht nur auf seine wirtschaftlichen Erfolge verweisen. Er muss klarstellen, was sein Projekt für die Zukunft der Türkei ist. Er muss akzeptieren, dass auch in der türkischen Gesellschaft ein Säkularisierungsprozess eingesetzt hat, der auch die anderen Länder Europas seit langem erfasst hat. Glauben lässt sich nicht verordnen oder erzwingen. Mit Zwang erreicht man meist das Gegenteil. Alle Gruppen müssen auf die Sache eingehen und sich nicht gegenseitig diffamieren. Gewalt darf kein Mittel der Auseinandersetzung sein. Auch die Demonstranten müssen sich weiterhin klar gegen Gewalt aussprechen – auch die aus dem Lager der Demonstranten.

Meines Erachtens waren alle von dem Ausmass der Unruhen und der Gewalt überrascht. Sie haben aber wie ein Erdbeben gezeigt, welche Spannungen in der türkischen Gesellschaft vorhanden sind. Spannungen, die durch Gespräche und demokratische Prozesse entschärft werden können.

Ich bin zuversichtlich, dass vor allem die jungen Menschen in der Türkei den Weg des Dialogs gehen werden. Junge Menschen, die nicht geprägt sind durch die Gewalt und Putsche in der türkischen Geschichte, sondern denen die letzten Jahre Möglichkeiten eröffnet haben, die es in der Geschichte der Türkei so noch nie gab – auch Dank Erdogan.

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