„Wir brauchen Theologen, keine Medienlieblinge“

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Im Interview mit DTJ spricht Eren Güvercin über Prof. Khorchide, seinen Rücktritt als Beiratsmitglied und eine Denunziantenkultur, die sich in Münster breitgemacht habe. Er gibt dem Standort langfristig kaum Überlebenschancen.

"Wenn es um die Verbände geht, ist die Freiheit der Wissenschaft in Gefahr, aber wenn die Politik sich einmischt, nicht?" (Foto: Copyright Universität Münster)

„Wenn es um die Verbände geht, ist die Freiheit der Wissenschaft in Gefahr, aber wenn die Politik sich einmischt, nicht?“ (Foto: Universität Münster)

Bundespräsident Joachim Gauck besucht am heutigen Donnerstagvormittag das Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) an der Universität Münster. Überschattet wird sein Besuch von einem Streit zwischen dem ZIT und den muslimischen Verbänden. Als unabhängiger Journalist, Blogger („grenzgängerbeatz“) und Buchautor („Neo-Moslems“) hatte sich Eren Güvercin als designiertes Beiratsmitglied am ZIT sowohl gegenüber den Verbänden als auch gegenüber staatlichen Institutionen und dem umstrittenen Professor für Religionspädagogik, Mouhanad Khorchide, um Äquidistanz bemüht. Das Bild von einem Streit zwischen einem „liberalen Kuschelmuslim“ und „konservativen Hau-drauf-Muslimen“, das in den Medien gezeichnet werde, kann Güvercin nicht nachvollziehen.

 

Herr Güvercin, seit einiger Zeit gibt es Diskussionen rund um Prof. Khorchide und dem Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster. Sie waren Mitglied im Beirat, sind aber zurückgetreten. Was waren die Gründe für Ihren Rücktritt?

Vor einigen Monaten sollte sich der Beirat endlich nach langem Warten konstituieren. Aber dies ist ja bekanntlich gescheitert, weil neben uns vier unabhängigen Beiratsmitgliedern der KRM lediglich drei Personen Einladungen bekommen haben, obwohl die Universität auch dem KRM vier Beiratsmitglieder zugesichert hatte. Das war die Vereinbarung zwischen der Universität Münster und dem Koordinationsrat der Muslime (KRM). Das vierte Beiratsmitglied wurde vom BMI abgelehnt, und auch ein Ersatzkandidat wurde abgelehnt. Überhaupt hat man seitdem keine Anstrengungen gezeigt, dieses Problem zu lösen, stattdessen kritisierte Prof. Khorchide über die Medien den KRM, so dass ich keine Aussicht mehr sah, dass der Beirat sich in Zukunft überhaupt konstituieren würde. Des Weiteren wollte ich nicht in die Auseinandersetzungen zwischen dem KRM und der Universität geraten. Ich kommentiere und beobachte die Entwicklung lieber aus der Ferne und versuche jenseits der Lager die Dinge zu beurteilen. Denn die Debatte läuft momentan so, dass man entweder dem einen oder anderen „Lager“ zugeordnet wird, obwohl die Lage nicht so simpel ist, wie es medial abgebildet wird.

Nach dem Scheitern der konstituierenden Sitzung des Beirats hatten Sie öffentlich Kritik geübt, die bei der Rektorin und Prof. Khorchide nicht gut ankam.

Ich kritisierte lediglich, dass nach einem Jahr der Beirat immer noch nicht zusammengekommen war. Und ich wies auf den Punkt hin, dass ein Kandidat des KRM für den Beirat abgelehnt wurde, weil es hinsichtlich seiner „Verfassungstreue“ angeblich Zweifel gegeben haben soll. Es war für mich allerdings irritierend, dass diese Person bereits Mitglied im Beirat für Islamischen Religionsunterricht in NRW war, wo auch u.a. Prof. Khorchide mitwirkt. Wie kommt es, dass es dort hinsichtlich seiner Verfassungstreue keine Zweifel gibt, er aber in Münster abgelehnt wird? Das wirkt sehr willkürlich und widersprüchlich. Auf diesen Missstand habe ich hingewiesen.

Wie fiel die Reaktion der Universität aus?

Die Rektorin hat zunächst im Hintergrund versucht, beim KRM das Einverständnis zu bekommen, mich als Beiratsmitglied zu entlassen. Der KRM – das werden sie sicherlich bestätigen – hat dieses Spiel nicht mitgemacht, denn ich wurde von Herrn Prof. Khorchide und der Universität als verbandsunabhängiges Beiratsmitglied ernannt. Als dieses Vorhaben nicht funktionierte, wurde ich in einem Schreiben von Rektorin Nelles beschuldigt, ich hätte Interna des Beirats nach außen getragen und eine „Schweigepflicht“ verletzt. Auch dies entsprach nicht den Tatsachen, denn ich habe lediglich eine öffentlich bekannte Tatsache aus meiner Sicht kommentiert, denn ich bin weder Befehlsempfänger der Verbände noch der Universität. Darüber hinaus kann es keine Interna des Beirats geben, weil er noch nie bis dahin zusammenkam und sich noch nicht konstituiert hat.

Die Islamische Theologie ist eine öffentliche Angelegenheit. Und die – sowohl muslimische als auch nichtmuslimische – Öffentlichkeit hat ein Recht, zu erfahren, was dort läuft. Es ist schade, zu sehen, dass man zunächst von Prof. Khorchide und der Universität zum Beiratsmitglied ernannt wird, dann aber sehr schnell nach einer banalen Kritik zum Abtrünnigen erklärt wird, ohne das direkte Gespräch zu suchen. Stattdessen arbeitet man lieber im Hintergrund an einer Absetzung. Das hat mir gezeigt, dass man Kritik als Angriff auffasst, und dass man bloß nicht die Dinge beim Namen nennen soll, die schief laufen.

Daraufhin haben Sie den Beirat verlassen…

Wenn der Beirat lediglich eine Attrappe sein soll, dann muss sich die Uni-Leitung schon andere Maskottchen suchen. Dafür bin ich nicht zu haben.

Was hat das für Folgen, dass der Beirat seine Arbeit immer noch nicht aufnehmen konnte?

Die Folgen sind, dass im Gegensatz zu den anderen Standorten die dringend benötigten Professoren nicht berufen werden können. An den anderen Standorten geht die Etablierung der Islamischen Theologie voran, in Münster allerdings haben wir lediglich einen Professor. Das geht alles auf Kosten der Studenten und der Lehre.

Die Uni Münster ist stolz auf ihre hohen Bewerberzahlen.

Das ist in der Tat eine sehr positive Entwicklung für die Islamische Theologie. Aber dies ist nur eine Seite der Medaille. Die Studenten kommen mit einer hohen Erwartung nach Münster, werden aber nach kurzer Zeit enttäuscht, weil dringend benötigte Professuren nicht vorhanden sind. Und man darf nicht vergessen, dass Münster der einzige Standort in NRW ist, dem Bundesland, in dem die meisten Muslime leben, und in dem vor einiger Zeit die Studiengebühren abgeschafft wurden. Wenn auch im Nachbarstandort Osnabrück die Studiengebühren abgeschafft werden, werden die hohen Zahlen sicherlich zurückgehen. Denn dort hat man mittlerweile fünf Professuren. Die Anzahl der Studenten hat da nur bedingt Aussagekraft über die wirklichen Verhältnisse in Münster.

Kürzlich tauchten Medienberichte auf, die besagten, dass ein neues Mitglied für den Beirat gefunden wurde. Glauben Sie, dass sich nun damit etwas bewegen wird?

Man muss erst abwarten, ob es wirklich dazu kommt. Es bleibt zu hoffen, dass sich dieser Beirat endlich konstituiert und dabei auch ernst genommen wird. Eine politische Einflussnahme von welcher Seite auch immer ist nicht akzeptabel. Ich hatte nicht das Gefühl, dass der Beirat ernst genommen wird. Daher habe ich mich zurückgezogen. Wenn wir als Beiratsmitglieder eine Woche vor der geplanten konstituierenden Sitzung die Einladung bekommen mit einem umfangreichen Dateienanhang von fast 500 Seiten und einem genauen Ablaufplan unserer Sitzung, in der uns lediglich 2 Stunden Zeit gegeben wird, um zwei Bewerber für zwei Professuren und den Antrag auf Akkreditierung der Studiengänge zu prüfen, dann wird damit signalisiert, dass wir uns nicht lange mit Inhalten aufhalten sollen, sondern die Dinge einfach nur durchwinken. So etwas einen Beirat zu nennen ist absurd.

In der bisherigen Debatte wird eine Auseinandersetzung zwischen dem „Aufklärer“ und „liberalen“ Theologen Prof. Khorchide auf der einen Seite und dem „konservativen“ KRM oder sogar dem Salafisten Pierre Vogel auf der anderen Seite gezeichnet. Wie sehen Sie die ganze Debatte?

Das ist eine sehr verkürzte Sicht auf die Dinge. Man muss schon differenzieren zwischen den verschiedenen Kritikern statt ein Schwarz-Weiß-Bild zu kreieren. Wir haben nicht auf der einen Seite den „liberalen Kuschelmuslim“ und auf der anderen Seite die „konservativen Hau-drauf-Muslime“. Es gibt auch innerhalb der kritischen Stimmen Muslime, die sich als „liberal“ bezeichnen. Diese Schlagworte mögen manchem Journalisten helfen, Schlagzeilen zu produzieren, aber sie gehen vollkommen an der wahren Problematik vorbei. Ein wahhabitischer Ideologe wie Pierre Vogel nutzt wie immer geschickt die Aufmerksamkeit, um PR für sich und seine Ideologie zu machen. Die Medien spielen leider das Spiel mit und leisten Gratis-PR-Arbeit für ihn. Man muss schon genauer hingucken, wenn man über „die“ Kritiker spricht.

Wie ist die Polarisierung in „liberal“ und „konservativ“ zu betrachten? Leben die liberalen Muslime einen völlig anderen Islam als die konservativeren?

Diese Polarisierung „liberal vs konservativ“ ist absurd, wenn wir uns anschauen, dass der KRM sehr eng und gut mit dem Standort Frankfurt zusammenarbeitet. Herr Prof. Ömer Özsoy ist sehr hoch angesehen bei den vermeintlich konservativen Verbänden, weil er einen Dialog und eine Diskussion auf Augenhöhe führt. Auch wenn er andere theologische Vorstellungen hat – er wird zur „liberalen“ Ankaraner Schule gezählt –, haben die Verbände keine Probleme mit ihm. Das zeigt uns, dass diese Dialektik, die hier krampfhaft erzeugt wird, nicht die Wirklichkeit abbildet. Anders als Prof. Khorchide ist etwa ein Prof. Özsoy ein ausgewiesener Kenner der Theologie, der es vorzieht, Wissenschaft zu betreiben, statt sich in den Medien zu inszenieren.

Was hat Professor Khorchide Ihrer Ansicht nach bislang falsch gemacht?

Wir brauchen in erster Linie Wissenschaftler, keine Medienstars. Und wenn es Kritik gibt – und man kann sicherlich jeden in dieser Angelegenheit kritisieren –, dann kann man dies persönlich äußern, aber nicht über die Medien. Denn anders als die muslimischen Verbände hat ein Prof. Khorchide einen ganz anderen Zugang zu den Medien, den er dann ausnutzt, um Kritiker im gleichen Atemzug mit Salafisten zu nennen und sie als Menschen „mit einer lebensfeindlichen Religionsauffassung“ zu bezeichnen, wie er es in einem Interview formulierte. Das hat bei nicht wenigen Muslimen den Eindruck hinterlassen, dass er opportunistisch unterwegs ist und lieber nach unten tritt und nach oben duckt. Während er dem KRM – vielleicht zu Recht – vorwarf, politisch zu agieren, hat er geschwiegen, als das BMI und das Bildungsministerium in den Beirat interveniert haben mit einer willkürlichen Entscheidung. Da hat man keine Kritik zu dieser politischen Beeinflussung von ihm gehört. Wenn es um die Verbände geht, ist die Freiheit der Wissenschaft in Gefahr, aber wenn die Politik sich einmischt, nicht? Ich selber kritisiere den KRM auch, und ich habe auch manchmal das Gefühl, dass der KRM teilweise zu politisch agiert, aber wer das eine kritisiert und zum anderen schweigt, muss sich diesen Vorwurf gefallen lassen. Abgesehen davon sollte ein Wissenschaftler auch Wissenschaftler bleiben. Wenn man Wissenschaft mit Politik vermischt, dann ist das nicht gut für solch ein junges Fach wie die Islamische Theologie.

Wie stehen Sie zu der „Theologie der Barmherzigkeit“ Khorchides? Teilen Sie da die Kritik des KRM, der ihn zur „Reue“ aufgerufen hat?

Der KRM hat ihn ja nicht zur Reue aufgerufen. Das waren lediglich einzelne Funktionäre auf lokaler Ebene. Wir müssen erst einmal abwarten, wie der KRM konkret dazu steht. Bisher gab es ja lediglich allgemeine Äußerungen. Das theologische Gutachten wurde ja für Anfang Dezember angekündigt. Und ich glaube kaum, dass der KRM Prof. Khorchide den Glauben absprechen wird, sondern sie werden sich mit seiner Wissenschaftlichkeit auseinandersetzen. Anders als Pierre Vogel, der eh 80 % der Muslime zu Ungläubigen zählt, übrigens auch die Verbände… Da ich kein Theologe bin, möchte ich mich zu theologischen Themen nicht äußern. Das überlasse ich den Fachleuten. Aber wie Prof. Khorchide ja schon öfters betont hat, sind seine beiden Bücher, die im Herder Verlag erschienen sind, keine theologischen Werke, sondern sind für das Allgemeinpublikum bestimmt. Insbesondere in seinem ersten Buch ist an vielen Stellen die Rede – das hat er auch in zahlreichen Interviews gesagt – dass „viele Muslime“, ja sogar die „Mehrheit“ der Muslime, ein autoritäres Gottesbild hätten und nur an Gebote und Verbote glauben würden. Das ist ein fatales Signal an das Allgemeinpublikum.

Warum ist das falsch?

Es ist pauschalisierend und einfach vollkommen fern ab der Lebensrealität der Muslime in Deutschland. Abgesehen von der kleinen Minderheit der Wahhabiten können sie in jede Moschee in Deutschland gehen und sich die Freitagspredigten in den Moscheen anhören. Dort wird von Rumi, vom Tasawwuf (Sufismus) geredet und nicht von einem strafenden und autoritären Gott. Man bekommt das Gefühl, dass Prof. Khorchide seine Kindheit und Jugend aus Saudi-Arabien, wo die wahhabitische Ideologie vorherrschend ist, nach Deutschland überträgt. Das ist das Fundament seiner sog. Barmherzigkeitstheologie. Auf diese Behauptung baut er sie auf. Es hört sich für die Mehrheitsgesellschaft natürlich sympathisch an, aber niemand hinterfragt, ob diese pauschale Aussage mit dem „autoritärem Gottesbild“ vieler Muslime überhaupt zutrifft. Man sollte gerade in Deutschland eine Theologie betreiben, die nicht auf die Öffentlichkeit, Medien oder die Politik zugeschnitten ist, sondern sich an den Bedürfnissen und den Verhältnissen in Deutschland ausrichtet. Die Theologie ist für die Gläubigen da, nicht für die Öffentlichkeit. Wenn man diese pauschalisierende Haltung, die Muslime in Schubladen steckt, kritisiert, wird automatisch unterstellt, alle Kritiker hätten ein Problem mit „Barmherzigkeit“. Das ist falsch.

Wie sehen Sie die Zukunft für den Standort Münster?

Man muss einmal abwarten und sich das Gutachten des KRM genau anschauen. Dann wird man sehen, wo die Reise für Münster hingeht. Aber keiner der Standorte ist ja sicher. Denn es wird ja eine Evaluation geben, in der jeder Standort auf den Prüfstand kommt. Und dann wird geschaut, welcher Standort bestehen bleibt und welcher neue Standort womöglich entsteht. Daher versucht jeder Standort so schnell wie möglich, sich ein Profil zu bilden. Es herrscht also eine große Konkurrenz zwischen den Standorten. Aber trotz dieses Wettrennens zwischen den Standorten darf das nicht dazu führen, dass man nur noch hinter dem Prestige seines Standorts her ist und mehr Marketingarbeit bei Politik und Öffentlichkeit betreibt als seriöse Wissenschaft vor Ort, auf die es schlussendlich ankommt. Am Ende entscheidet, wer seriös und wissenschaftlich arbeitet, und nicht, wer gut in den Medien dasteht. Das sollte zumindest der Maßstab sein, wenn wir von einer wissenschaftlichen Disziplin sprechen. Aber um auf Ihre Frage zu kommen: Meiner Einschätzung nach sieht es für Münster nicht gut aus.

Würde ein Rücktritt Khorchides das ZIT Münster retten?

Es bestehen ja nicht nur zwischen den muslimischen Verbänden und Prof. Khorchide Probleme, sondern auch mit der Rektorin Prof. Nelles gibt es anscheinend tiefe Gräben. Man wird sehen, wie sich die ganze Angelegenheit entwickelt.

Aus:  http://dtj-online.de/islamische-theologie-zit-uni-muenster-gauck-khorchide-guevercin-15515

Lesen Sie auch:

„Heilserwartungen an die Islamische Theologie“

Mit der Institutionalisierung des Islam in Deutschland werden die Bedürfnisse von Muslimen zunehmend zum Spielball zweier politischer Apparate: dem deutschen Staat und dem organisierten Islam mit seinen Verbänden.

https://erenguevercin.wordpress.com/2013/02/25/heilserwartungen-an-die-islamische-theologie/

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