Wenn Wahlfreiheit zur Ideologie wird

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Die Frage nach „Freiheit“ wird heute – in Gesellschaften, die sie als gegeben betrachten – häufig als positive Tatsache vorausgesetzt. Aber sind wir, inmitten eines alltäglichen Zwangs zur „individuellen Entscheidung“, wirklich frei oder hat diese Freiheit, wenn nicht gar Zwang, längst tyrannische Züge angenommen?
Das ist, zumindest in der Sicht der slowenischen Philosophin Renata Salecl der Fall. In ihrem neuen Buch „Die Tyrannei der Freiheit“ behandelt sie die aktuelle „Ideologie“, in ihren Worten, der Wahlfreiheit. Derzeit lehrt die Forscherin und Autorin an den Universitäten von Ljubljana und London.

Renata Salecl: "Ist der Kapitalismus, den wir hier und jetzt haben, die einzige Gesellschaftsform, die wir uns für die Zukunft vorstellen können?"

Renata Salecl: „Ist der Kapitalismus, den wir hier und jetzt haben, die einzige Gesellschaftsform, die wir uns für die Zukunft vorstellen können?“

Ihr Buch „Die Tyrannei der Freiheit“ wurde soeben in Deutschland veröffentlicht. Für den modernen Menschen scheint, klingt es befremdlich, dass Wahlfreiheit Tyrannei sein kann. Warum kritisieren diese?

Renata Salecl: Ich bin überhaupt nicht gegen die Idee von Freiheit und Wahlmöglichkeit. Das gesamte Konzept von Demokratie beruht im Wesentlichen auf diese beiden Vorstellungen. Und selbst in der Psychoanalyse sprach Freud von der „nervösen Wahl“. Er glaubte nicht, dass wir unsere Symptome rational auswählen, sondern wollte nur andeuten, dass wir nicht vollkommen durch unsere Biologie oder Familie bestimmt werden. In gewissen Wegen sind wir auf eine unbewusste Weise „Autoren“ unserer Symptome. Das bedeutet aber auch, dass es eine Möglichkeit für Wandel gibt.
Ich kritisiere, dass die Ideologie des nachindustriellen Kapitalismus, die die Idee der Wahlfreiheit auf ein Podest erhoben hat. Die Vorstellung ist, dass wir bei allen Aspekten unseres Lebens zu einer rationalen Entscheidungen befähigt wären – unsere Gesundheit, Liebe, Erfolg etc. Diese Ideologie der Wahlfreiheit macht die Leute bange, wenn sie hoffen, die bestmögliche Wahl zu treffen. Sie schafft auch Gefühle von Schuld und Untauglichkeit. Und so geben wir uns selbst die Schuld, weil wir es nicht schaffen, arm bleiben etc.

Der religiös Mensch glaubt an sein Schicksal, während der kapitalistische von Heute glaubt, dass er die Macht über sein Leben in Händen hält. Ist es nicht so, dass jeder Einzelne das Beste aus seinem Leben machen kann?

Renata Salecl: Nicht wirklich. Die Klasse, in die wir geboren werden, das Land, in dem wir aufwachsen, die von uns erhaltene Erziehung, unser Reichtum, den wir haben, beeinflussen großem Maße die Möglichkeiten, die wir im Leben haben. Unsere Entscheidungen werden auch stark durch unser Unterbewusstsein und die traumatischen Erfahrungen, die wir erleben mussten, bestimmt. Das gleiche gilt auch für die Entscheidungen anderer und für das, was sozial als erstrebenswert gilt.

Ist diese „Tyrannei der Freiheit“ eine Art moderner Religion? Ein modernes „Opium des Volkes“ (Marx)?

Renata Salecl: Die Ideologie der Wahlfreiheit in unserer hochgradig individualisierten Gesellschaft macht uns sozial passiv. Traurigerweise gilt diese Vorstellung derzeit mehrheitlich als individuelle Wahl. Und so vergessen wir die sozial bedingten Entscheidungen. Häufig sind wir sozial passiv und denken nicht darüber nach, dass es die Möglichkeit gibt, tatsächlich etwas auf gesellschaftlicher Ebene zu verändern.

Gibt es psychologische oder andere Konsequenzen dieser Tyrannei für uns?

Renata Salecl: Psychoanalytiker beobachten ein Problem bei Leuten, die nicht wählen können und jede Entscheidung endlos aufschieben. Einige Menschen haben furchtbare Angst davor, die falsche Wahl zu treffen. Sie können nicht erkennen, dass eine Wahl immer mit Verlust verbunden ist. Wenn ich eine Richtung in meinem Leben wähle, verliere ich die Möglichkeit einer anderen.
Viele Menschen sind permanent in einer Selbstkritik gefangen. Sie glauben, dass sie deshalb leiden, weil sie sich falsch entschieden haben. Sie fühlen sich unzureichend und haben Angst, Entscheidungen zu treffen, die nicht so enden, wie sie sich das wünschen würden. Die ganze Glücksideologie, mit der wir bombardiert werden, verschärft diese Gefühle.
Frauen ängstigen sich insbesondere wegen ihrer Entscheidungen – wie sie aussehen, wen sie lieben und wie sie sich reproduzieren. Diese Vorstellungswelt ermutigt uns sogar zu der Idee, dass unsere Emotionen sowie unsere Gesundheit eine Frage unserer Wahl seien. Es gibt so viele Selbsthilfebücher, die über die Notwendigkeit des positiven Denkens sprechen. Die Bücher erhöhen häufig Gefühle von Unzulänglichkeit und Schuld.

Heute ist die Frage nach Freiheit mehrheitlich eine ökonomische und keine politische. Einerseits gibt es die „Wahlfreiheit“ als Verbraucher, aber wir sind nicht frei darin, ein Zahlungsmittel unserer Wahl zu benutzen. Es wird von den Zentralbanken vorgegeben. Ist diese „Freiheit der Wahl“ genauso eine Illusion wie das von uns benutzte Papiergeld? Zentralbanken bedrucken Papier und sagen uns, dass diese Zettel einen Wert haben, an den wir glauben…

Renata Salecl: Es ist diese Illusion, die uns dabei hilft, die Konsumgesellschaft aufrecht zu halten, in der wir leben. Der Diskurs über die Menschenrechte wird mehr und mehr von uns vergessen und durch den Diskurs der Wahlfreiheit ersetzt.
Wenn wir jedoch Rechte durch Entscheidungen ersetzen, dann betrachten wir das Individuum zuerst als Verbraucher. Es muss jedoch die finanziellen Mittel für seine oder ihre Wahl haben.

Werden wir jemals frei sein oder ist das auch eine ­Illusion?

Renata Salecl: Erkennen wir, dass unsere Entscheidung viel weniger rational sind, als wir annehmen, und wenn wir anfangen, die Idee einer sozialen Wahl vertreten, dann werden wir einen Schritt auf dem richtigen Weg nehmen. Aber vor allem müssen wir die Ideologie der Wahlfreiheit kritisieren, welche die nachindustrielle Gesellschaft dominiert. Wir müssen erkennen, dass diese oft einen sozialen Wandel verhindert.

In einem Interview sagten Sie, dass Kapitalismus die Neurose der Menschheit ist. Was meinen Sie damit?

Renata Salecl: Kapitalismus beruht auf der Tatsache, dass ein Neurotiker ständig mit seinem oder ihrem unbefriedigten Verlangen fertig werden muss. Und dass er oder sie nur etwas schätzt, wenn es eine begrenzte Menge hat oder schwer erreichbar ist. Als Verbraucher gehen wir beispielsweise von einem Objekt zum nächsten und haben dabei oft das Gefühl, dass das von uns Gewählt, „es“ nicht ist. Ein Neurotiker hinterfragt auch, was andere verlangen und – besonders – wie der anderen ihn oder sie begehrt. Das heißt, welche Art von Objekt (der Liebe oder des Begehrens) ist er oder sie für andere.
Und natürlich hat ein Neurotiker immer das Gefühl, dass andere mehr Freude haben als er oder sie. Die letzte Emotion ist die Wurzel des Nationalismus, wo Leute beispielsweise häufig das Gefühl haben, dass sich ein anderes Volk mehr erfreut als sie. Aus diesem Grund kritisieren sie häufig die Erscheinungsweisen des Vergnügens anderer – eine andere Nation hat seltsame Musik, Kleidung, Religion etc. Das Vergnügen anderer scheint niemals richtig zu sein. So müssen wir oft hören, dass Einwanderer faul sind, aber zu gleichen Zeit auch unsere Jobs wegnehmen.
Der Kapitalismus schafft aber auch neue neurotische Symptome, unter denen die Leute leiden. Hier müssen wir uns ans Freuds Aussage erinnern, wonach sich die Malaise einer Kultur und die eines Individuums immer gegenseitig beeinflussen. In der heutigen Gesellschaft arbeiten Menschen immer härter und verbrauchen immer mehr, aber an einem bestimmten Punkt beginnen sie damit, sich selbst zu „verbrauchen“. Wir haben einen Zuwachs an Magersucht, Bulimie, Arbeitssucht, selbstverletzendes Verhalten sowie Abhängigkeiten der verschiedenen Art.
Das Paradox der Konsumgesellschaft besteht jedoch darin, dass sie Menschen einerseits dazu anhält, endlos zu konsumieren. Andererseits vermittelt sie ihnen Schuldgefühle für zu starken Verbrauch. Im US-Fernsehen gibt es eine Show namens „Hoarders“ über Menschen, die endlos Dinge anhäufen. Dieser pathologische Verbrauch soll dort mit Hilfe von neuem Verbrauch gelöst erden. Einer Person, die Dinge hortet, wird häufig geraten, einen Lebensberater anzuheuern, um ihr oder ihm zu helfen, ihr Zeug loszuwerden. Das erinnert mich an mittelalterliche Gelage, auf denen die Menschen zu viel aßen und sich an einem Punkt übergaben, um noch mehr essen zu können.

Könnten Sie kurz erklären, wie eine unbegrenzte Wahlfreiheit den sozialen Wandel ­behindert?

Renata Salecl: Die Idee des „Emporkömmlings“ (self-made man), die zu Beginn des Kapitalismus sehr wichtig war, ist auf die Wahrnehmung angewiesen, dass es jeder schaffen kann und Erfolge haben wird, solange er oder sie nur hart genug arbeitet. Dieses Idee steht immer noch erheblich im Zentrum der Ideologie des nachindustriellen Kapitalismus. Aber sie wird heute durch die Idee ergänzt, wonach wir hart an uns selbst arbeiten müssen, und dass wir die Wahl hätten, wer wir sein wollen. Wir verbringen endlose Zeit damit, an uns zu arbeiten, treffen Konsumentscheidungen, und verwenden sehr wenig Zeit auf soziale Aktivitäten. Leute gehen nicht einmal wählen oder engagieren sich in der sozialen Kritik. In vielen Ländern gehen die Gewerkschaften ein. Selbst Bewegungen wie Occupy haben an Schwung verloren, sich an sozialen Entscheidungen zu beteiligen.
Nach dem Ende des Sozialismus entwickeln wir weder Utopien oder Szenarien einer zukünftigen Gesellschaft, die wir aufbauen könnten. Ist der Kapitalismus, den wir hier und jetzt haben, die einzige Gesellschaftsform, die wir uns für die Zukunft vorstellen können? Welche Wege helfen dagegen, dass sich der Reichtum in den Händen der oberen 1 Prozent sammelt? Gibt es Möglichkeiten, wirksam mit dem Klimawandel fertig zu werden? Viele Fragen wie diese involvieren Entscheidungen, die wesentlich wichtiger sind als jene individuellen Fragen, mit denen wir uns obsessiv beschäftigen.

 http://islamische-zeitung.de/?id=17859

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