Der politische Islam ignoriert die theologische Tradition von 1400 Jahren

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„Liberal“ und „aufgeklärt“ müsse der Islam werden. Das soll die beste Antwort auf strenggläubige Militanz sein. So heißt es. Doch der Ruf nach Reform ist nichts anderes als eine Kampfansage. Er ist ein Ruf, der Widerstand ausdrückt und selbst Widerstand auslöst, eine Gegenreform provoziert. So war es immer wieder in der langen Geschichte der Religion.

Liberale folgen demselben Denkmuster wie ihre Gegner, beispielsweise jene, die sich Salafisten nennen. Sie politisieren die Religion. Auf der Suche nach dem wahren, echten Islam greifen die einen wie die anderen direkt auf den „Koran“ zurück und basteln sich eine Auslegung historischer Quellen, die weit ausschwingt zwischen unverbindlicher Esoterik und zerstörerischer Gewalt.

Der politische Islam ignoriert die theologische Tradition von 1400 Jahren, die unentwegt damit beschäftigt war, Frieden zu stiften und Streit zu schlichten – und das im jeweils nahen Umfeld. Ein Merkmal von Religion ist es, dass sie im Laufe der Jahrhunderte viele regionale Farben angenommen hat. Weshalb ja auch bedauert wird, dass unter dem, was in Krisen und Kriegen der Levante zu Bruch gegangen ist, auch die Kultur einer toleranten Mitmenschlichkeit verschüttet wurde.

Traditionell prägt die Moschee das gemeinschaftliche Leben der Muslime. Sie ist aber alles andere als nur Gebetsraum, sondern war immer auch ein lokales Zentrum, das sowohl Muslimen als auch Nichtmuslimen ihre Dienste anbot. Da finden sich Versammlungsräume, Schulen, Bibliotheken, medizinische und karitative Einrichtungen, beispielsweise Armenküchen – und Stiftungen.

Eine bedeutende gesellschaftliche Pflicht eines gläubigen Muslim, eine der fünf Säulen, ist die Zakat. Dabei gibt der Vermögende einen bestimmten Prozentsatz seines Ersparten an ärmere Menschen ab. Doch anders, als es eigentlich Tradition ist, werden Gelder, die in Deutschland gesammelt werden, heute ins Ausland transferiert. Sinn der Zakat aber ist es, sie lokal zu erheben und auch dort zu verteilen, um in direkter Nachbarschaft die soziale Kluft zu überbrücken.

Und zu tun gäbe es vieles. Jugendliche wenden sich von den Gemeinden ab. Die einen, weil sie radikalisiert sind und dem Imam vorhalten, ein Ungläubiger zu sein, der nicht den wahren Islam predigt. Die anderen, weil sie engagiert wären, aber ins Leere laufen. Sie finden in der Moschee weder Raum noch Mittel, um ihre Ideen und Projekte zu verwirklichen.

Also suchen sich junge Muslime anderswo Netzwerke oder ziehen sich zurück ins Private. So ergeht es auch den Frauen, die an einem Gemeindeleben interessiert sind – und ebenso der religiösen Bildungsarbeit. Bevor der organisierte Islam aber klagend Vater Staat um finanzielle Hilfe bittet, sollte er die eigenen Leute fragen, ob sie nicht lieber für eine anspruchsvolle Jugend- und Gemeindearbeit spenden wollen – als für ferne muslimische Projekte im Ausland.

Wie gesagt, es geht nicht um irgendeine Spende. Es geht um die Einnahmen aus der traditionellen Pflichtabgabe, aus der „Zakat“. Das hätte symbolische Bedeutung. Die muslimische Gemeinschaft rund um die örtliche Moschee würde sozial gestärkt. Eigenverantwortung entstünde, sich auch selbst um all jene Probleme zu kümmern, die das Miteinander im Wohnquartier belasten. Der deutschen Gesellschaft würden sich einmischende Muslime zeigen, dass sie Lösungen für alle zu bieten haben. Und aus dem Erfolg solcher Initiativen könnte lokale Identität wachsen.

Es sind die Menschen, die überzeugen, nicht das „politische“ Etikett, das ihrem Glauben anhängt, ob es nun ein „liberales“ oder ein „strenggläubig-orthodoxes“ ist. Und Muslime haben ein enormes Potential, konstruktive Antworten zu geben – eben aus einer wohlverstandenen Tradition heraus.

http://www.deutschlandradiokultur.de/pflichtabgabe-zakat-private-spenden-fuer-die-jugendarbeit.1005.de.html?dram:article_id=312139

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