„Abendland? Wir gehören dazu.“

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Eigentlich war eine Diskussion zwischen Pegida-Organisatoren und Muslimen in Dresden geplant. Als die Pegida-Vertreter aber nicht zum abgemachten Termin erschienen, wurde daraus kurzerhand ein Streitgespräch zwischen drei Muslimen und zwei Focus-Redakteuren.

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Herr Güvercin, Herr Celebi, Herr Wilms, vor ein paar Tagen demonstrierten hier in Dresden noch 17 000 Menschen, die Deutschland gegen eine Islamisierung verteidigen wollen. Was sagt Ihnen eigentlich der Begriff Abendland?

Güvercin: Die deutsche Sprache ist diejenige, die ich am besten beherrsche, ich liebe Goethe und die deutsche Sprache und bin damit ein deutscher Muslim. Damit müsste ich eigentlich auch zum Abendland gehören. Mit dem Begriff habe ich kein Problem. Ich leide auch nicht unter einem sogenannten Identitätskonflikt, der uns Muslimen von Integrationsforschern gern eingetrichtert wird. Ich hatte nie das Gefühl, kulturell zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Allerdings hätte ich gern einmal von Pegida-Vertretern erfahren, was sie unter Abendland verstehen.

Sie definieren sich als deutscher Muslim. Aber kann es auch einen deutschen Islam geben?

Güvercin: Es gibt längst einen deutschen Islam, der Teil des Hier und Heute ist. Aber ihn inhaltlich zu definieren ist zuallererst die Aufgabe der Muslime selbst und nicht der Politik. Die Politik versucht ja seit Jahren, einen vermeintlich „liberalen Islam“ zu pushen. In der islamischen Gemeinschaft sind aber auch bisher viele Fehlentwicklungen durch eine falsche Brüderlichkeit zugedeckt worden. Da brauchen wir eine knallharte Auseinandersetzung mit ideologischen Strömungen wie dem Wahhabismus und Salafismus. Und wir müssen die Themen Migration und Islam streng voneinander trennen. Ich bin kein Migrant, und von dem Begriff „Migrationshintergrund“ kriege ich nur noch Migräne.

Sind Sie schon einmal radikalen Islamisten begegnet?

Güvercin: Ja, während meines Studiums in Bonn im Jahr 2001. Die König-Fahad-Akademie war dort damals sehr aktiv, eine mit saudi-arabischem Geld finanzierte Schule. Überall tauchten plötzlich salafistische Prediger auf, die junge Leute ansprachen. Nach zwei, drei Jahren hatte ich gesehen, wohin für etliche von denen die Reiseging: nach Afghanistan. Dieses salafistische Netzwerk hätte sich nicht ausbreiten können ohne massive finanzielle Unterstützung aus Saudi-Arabien. Da frage ich mich als Deutscher: Wieso schaute der Staat weg?

Celebi: Die salafistische Szene ist auch bei unseren Jugendlichen angekommen. Deren Präsenz erfordert natürlich eine Antwort aus einem innerislamischen Diskurs heraus. Die überwältigende Mehrheit der Muslime folgt diesen Strömungen nicht. Wir erleben jetzt, dass Muslime in einen intensiven Diskurs untereinander gehen, der lange vernachlässigt wurde. Auch die muslimischen Verbände sind diese innere Debatte bisher zu langsam angegangen. Wir müssen nicht nur eine gemeinsame Antwort finden, sondern auch aktiv auf die Öffentlichkeit und die Medien zugehen. Da muss man selbstkritisch feststellen, dass hier noch viel Luft nach oben ist.

Wie sehen Sie als deutscher Muslim mit türkischen Wurzeln Pegida?

Celebi: Die Leute, die da auf die Straße gehen, kommen sicherlich teils vom rechtsextremen Rand. Aber auch ganz normale Leute finden Sie unter den Demonstranten. Wir erleben hier ein Wechselspiel von Aktion und Reaktion. Die Frau eines Freundes in Leipzig trägt Kopftuch. Und sie traut sich kaum noch nach draußen, seit es diese Demonstrationen gibt. Wir sollten Pegida als Weckruf für uns Muslime sehen. Wir müssen uns fragen: Woher kommt das Misstrauen, und was können wir tun, damit wir geschürte Ängste abbauen können? Ich glaube, die Demonstrationen zeigen nur die Spitze eines Eisbergs. Der Grund ist die mangelnde Kenntnis über den jeweils anderen.

Wilms: Es fällt doch auf, dass viele Nichtmuslime dem Islam relativ offen begegnen, wenn sie Muslime kennen, und das Misstrauen dort am größten ist, wo die wenigsten Muslime leben. Mein Eindruck ist: Die Leute, die bisher für Pegida sprachen, waren kaum zur Differenzierung fähig. Übrigens muss ich sagen: Ich fand das FOCUS-Cover mit der Maschinenpistole und der Zeile „Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Doch!“ schon grenzwertig. Es ist problematisch, so über eine Weltreligion zu sprechen.

Finden Sie denn, die islamischen Attentate haben nichts mit dem Islam zu tun?

Wilms: Den Satz „Der Islam hat nichts mit Gewalt zu tun“ werden Sie in unserer Zeitung so nicht finden.

Bleiben wir einmal bei dem Misstrauen. Viele Deutsche nehmen Leute wie den salafistischen Prediger Pierre Vogel oder den Berliner Prediger Abdul Adhim Kamouss als repräsentativ wahr. Diese Herren wecken nicht gerade Vertrauen.

Güvercin: Ich finde es verheerend, wenn solche Leute in Talkshows eingeladen werden. Salafistische Prediger wie Pierre Vogel sprechen, wenn überhaupt, für vielleicht 5000 Salafisten in Deutschland. In diesem Land leben aber vier Millionen Muslime.

Ist also nur das deutsche Fernsehen schuld?

Güvercin: Es gibt dort eine Vorliebe für Typen, die einem bestimmten Muslim-Klischee entsprechen. Mit Kamouss bin ich einmal ins Gespräch gekommen. Er hat mir erzählt, dass ihn der Redakteur einer bekannten Talkshow mehrmals darum gebeten habe, für den Fernsehauftritt ein arabisches Gewand zu tragen, damit er aussieht wie ein Imam aus dem Bilderbuch.

Mag sein, dass es schrille Klischees gibt. Aber wo bleiben denn die ganz normalen Muslime?

Güvercin: Das stimmt, wir haben diesen Leuten jahrelang die Bühne überlassen. Wenn man Pierre Vogel hört, denkt man erst einmal: Der war ja mal Boxer, der redet, als hätte er ein paar Schläge zu viel auf den Kopf bekommen. Aber er hat einen großen Vorteil, weil er auf Deutsch predigt. Die Moschee-Gemeinden müssten sich mit solchen Extremisten auseinandersetzen. Aber ein Imam, der nur ein paar Sätze Deutsch beherrscht, kann da nicht gegenhalten.

Wilms: Leider hat die Politik jahrelang das Ditib-Modell unterstützt, wonach in der Türkeiausgebildete und vom türkischen Staat bezahlte Imame nach Deutschland und wieder zurückgeschickt werden. Auf diese Weise finden permanent Migration und Remigration statt. Die Moschee-Gemeinden sind aber entscheidend für das muslimische Leben. Der Islam ist eine gemeinschaftliche Religion. Wollen wir ihn ernsthaft verstehen, müssen wir auf diese Ebene schauen.

Celebi: Man kann auch keine Heldentaten von den Verbänden erwarten, die ein wichtiger Kanal wären, auf die Jugend zuzugehen. Islamverbände finanzieren sich selbst, was eine enorme Aufopferungsbereitschaft verlangt. Daher brauchen wir in Zukunft ein vernünftiges Modell für die Finanzierung von Verbänden, damit eben diese wichtige Arbeit für die neuen Generationen gemacht werden kann. Eine Gemeinde, die einem Imam nur die Hälfte des üblichen Gehalts bietet, wird nicht den dreisprachigen Superprediger bekommen.

Fassen wir mal zusammen: Normale Muslime ließen sich in der Vergangenheit von Extremisten unterbuttern, die Islamverbände sind zerstritten. Herr Wilms, warum sind Sie trotzdem zum Islam konvertiert?

Wilms: Ich bin seit 1991 Muslim. Es mag Sie vielleicht verwundern, wenn ich das sage: Aber für mich hat der Islam sehr viele Elemente der Freiheit. In linken Gruppen, in denen ich beispielsweise aufwuchs, ging es teilweise intoleranter zu. Für mich beginnt die Frage nach einem „zeitgemäßen Islam“ mit den Moschee-Gemeinden. Wir machen das viel zu sehr an den Verbänden fest.

Und wie soll dieser moderne Islam Ihrer Meinung nach aussehen?

Wilms: Wir müssen in den Gemeinden die Radikalen nicht nur an den Rand drängen, sondern rausschmeißen beziehungsweise ernsthaft mit einer korrekten Lehre konfrontieren. Wir müssen Frauen und Jugendliche einbinden. Die Öffnung der Muslime zur Gesellschaft ist hier entscheidend. Das erleben wir vor allem, wenn muslimische Familien auf nicht muslimische treffen. Die Kinder kommen dann mit anderen zusammen. Dann sind alle daran interessiert, dass das Umfeld stabil und friedlich bleibt.

Was bei vielen Deutschen Unbehagen auslöst, sind ja weniger die integrierten Muslime, sondern Jungmännergruppen, die sich ihren eigenen Islam zusammenbasteln.

Wilms: Ich glaube, dass von denen überhaupt nur eine Minderheit religiös praktiziert. Sie haben meist auch kaum Verbindungen zu praktizierenden Muslimen. Und unter den Radikalen sieht man viele gescheiterte Existenzen, viele Kurzzeiterweckte.

Celebi: Gerade diese Jugendlichen machen uns Kummer, weil wir auch als Verbände noch keine richtige Strategie haben, an diese heranzutreten.

Güvercin: Ja, dieses Phänomen der aggressiven Jugendlichen kann man nicht ignorieren. Die pöbeln ja auch Muslime an. Aber der überwiegende Teil der hier lebenden Muslime ist sehr verbürgerlicht. Die passen sich ihrem deutschen Umfeld an . . .

. . . sie werden also eher abendlandisiert, als dass sie Deutschland islamisieren?

Güvercin: So kann man es sagen. Dabei kommt es auch nicht so sehr auf die sozialen Verhältnisse einer Einwandererfamilie an, sondern auf die Bereitschaft, auf die Mehrheitsgesellschaft zuzugehen. Mein Vater ist 1967 als Arbeiter nach Deutschland gekommen. Meine Mutter ist Analphabetin. Sie konnte trotzdem gut Deutsch. Warum? Sie ist offen auf die Menschen zugegangen und hat sich mit ihnen unterhalten. Aber sie hat auch Freundinnen, die seit 40 Jahren hier leben und nicht einmal eigenständig zum Arzt gehen können, weil sie die Kommunikation nicht beherrschen.

Nehmen wir einmal an, alles geht gut, die modernen Muslime setzen sich durch. Wie könnte Ihrer Meinung nach ein erneuerter Islam aussehen, der zu Deutschland passt?

Güvercin: Was heißt hier moderne Muslime? Diese Kategorisierungen führen die Debatte in eine Sackgasse. Wir müssen endlich verstehen, dass ein salafistischer Ideologe in seinem Denken modern ist, auch wenn er mit Zottelbart und Gewand daherkommt. Das mag einige böse überraschen: Aber der Salafismus ist eben auch das Ergebnis einer Erneuerung des Islam. Ein reflektierter Islam ist wichtiger als ‚Erneuerung‘. Reflektiert heißt: sich nicht nur gegen Extremisten abgrenzen, sondern selbstbewusst sagen, wofür man steht.

Celebi: Wenn Politiker betonen, dass die Mehrheit der Muslime friedlich im Land leben, aber im gleichen Satz die Dringlichkeit eines „modernen deutschen Islam“ unterstreichen, tue ich mich schwer, diese Dringlichkeit zu verstehen. Was mit „modern“ und „deutsch“ gemeint ist, müsste mal definiert werden. Ich sehe das so: Verfassungstreue und alle damit verbundenen Werte sind ohnehin islamkonform. Und die marginale, aber extreme salafistische Strömung ist nicht durch eine „Reform“ aufzuhalten, sondern durch das flächendeckende Vermitteln der islamischen Werte, die dem Mittelweg folgen.

Wilms: Lassen wir einmal die terminologischen und intellektuellen Probleme Ihrer Formulierung beiseite. Mehrere Artikel der „Islamischen Zeitung“ entwickeln Konzepte, was Muslime tun können, die sich diesem Ort und seiner Zeit verbunden fühlen. Ihr Islamverständnis muss den Herausforderungen dieser Zeit gerecht werden, und die bestehen in sozialen und ökonomischen Fragen, nicht in Kulturdebatten. Wir Muslime haben – im Rahmen unserer Rechtsordnung – ein enormes Potenzial, konstruktive Antworten aus einer richtig verstandenen Tradition anzubieten.

http://www.focus.de/magazin/archiv/keine-falsche-harmonie-mehr-abendland-wir-gehoeren-dazu_id_4473299.html

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