Kissler: „Zerrbilder auf beiden Seiten“

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Wir Muslime reagieren nicht selten mit Empörung, wenn Phänomene in der muslimischen Welt kritisiert werden. Schnell schießt man über das Ziel hinaus und steckt Kritiker in eine Schublade, bevor man überhaupt das Gespräch und eine Debatte gesucht hat.
Dr. Alexander Kissler ist Journalist und Publizist, der das Kulturressort des politischen Monatsmagazins „Cicero“ leitet. Soeben erschien sein Buch „Keine Toleranz den Intoleranten“. Ein provokanter Titel, aber es lohnt sich mit ihm intellektuell auseinanderzusetzen.
Ich traf Alexander Kissler auf der Frankfurter Buchmesse. Wir sprachen über seine Wahrnehmung des Islam, der hier lebenden Muslime und sein lei­denschaftliches Plädoyer für ein offenes Gespräch.

Kissler:

Kissler: „Eine Religion, die vom Wahrheitsbegriff abließe, wäre keine Religion mehr. Religionen können nicht auf dem Marktplatz abstimmen lassen, was als angenehm gilt oder zeitgemäß.“ (Bild: © Andrej Dallmann)

Herr Kissler, in Ihrem neuen Buch „Keine Toleranz den Intoleranten“ geht es auch um den Islam und die Muslime. Was für Erwartungen haben Sie an Muslime, die in Deutschland leben? Anders gefragt, was geht Ihnen da gehörig auf die Nerven?

Alexander Kissler: Mein Buch wendet sich zunächst an den Westen. Ich werfe dem Westen vor, dass er seine Tradi­tionen und seine Geschichte vergessen hat, nicht mehr weiß, wo er herkommt, und dass er – und das ist mein Hauptvorwurf – Toleranz fatalerweise für Ignoranz hält. Der Westen wird aber nicht überleben, wenn wir meinen, er bestünde darin, dass wir uns für die Anderen maximal nicht interessieren, wenn wir alles tolerieren, immer wegschauen. Toleranz ist nicht Ignoranz, Toleranz braucht Haltung, Toleranz braucht Grenzen.
Ich spreche weniger über Muslime als über die Wahrnehmung des Islam und die Lektüre islamischer Texte. Insofern steht es mir fern, den Muslimen Ratschläge zu erteilen. Was ich allerdings beobachte, ist, dass es innerhalb der muslimischen Community verstärkt die Tendenz gibt, sich in einer Opferrolle einzurichten, dass man Kritik an gewissen Erscheinungen des Islam falsch wahrnimmt: als Beleidigung der Muslime.

Woher kommt Ihr Eindruck vom Islam, den Muslimen? Welche islamischen Texte meinen Sie, von denen Sie sprechen?

Alexander Kissler: Der Ausgangspunkt in meinem Buch war der islamistische Angriff im Januar 2015 auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Paris. In der Debatte danach gab es viele Stimmen innerhalb und außerhalb der muslimischen Gemeinschaft, die die Morde zwar verurteilten, allerdings hinzufügten, wer den Islam oder dessen Propheten beleidige, dürfe sich über gewisse Konsequenzen nicht wundern. Dem möchte ich entgegen halten: Wer so argumentiert, hat sich aus dem Westen verabschiedet. Peter Sloterdijk hat einmal gesagt, es gäbe „kein Recht, von Beleidigungen frei zu bleiben“, und „erst recht keinen Anspruch auf Überempfindlichkeit“. Muslime und Nichtmuslime müssen gemeinsam anerkennen: Wer andere Menschen aufgrund abweichender Meinungen umbringt, ist ein Straftäter, nichts sonst.

Sie kritisieren nicht nur in Ihrem Buch, sondern auch in Ihren Kommentaren und Beiträgen vor allem den politischen Islam. Aber gerade dieser Spielart ist ­geprägt vom westlichen Modernismus. Muss man da nicht zwischen einem politischen Islam als Ausprägung der Moderne, als politische Parteiung und die über 1.400-jährige islamische Denktradition und dem Kern des Islam unterscheiden?

Alexander Kissler: Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass der politische Islam oder der islamische Fundamentalismus unserer Tage eine Erscheinung der Moderne ist und Ergebnis eines überschießenden innerislamischen Reformversuches. Reform meint in der Regel eine innere Reinigung, ein Zurück zu den Quellen. Selbstverständlich kann ich nur das Antlitz des gegenwärtigen Islam, wie er sich mir darstellt, einordnen.
Ich verschweige nicht, dass der Westen bei den philosophischen, medizinischen, mathematischen Übersetzungsleistungen des Mittelalters in der Schuld arabisch-islamischer Traditionen steht. Aktuell indes habe ich den Eindruck, dass im Westen weite islamische Kreise sich in die Enge getrieben meinen und umso lauter schreien, damit sie wahrgenommen werden. Wer beim rhetorischen Überbietungswettbewerb nicht mitmacht, wird als Verräter an der islamischen Sache gebrandmarkt.
Mit der islamischen und der westlichen Menschheitserzählung liegen letztlich unterschiedliche, konkurrierende Erzählungen vor. Der afghanisch-amerikanische Historiker Tamim Ansary spricht sogar von einer „Unvereinbarkeit zwischen der islamischen Welt und dem Westen“. Sehr wohl allerdings müssen wir alle uns treffen in der bedingungslosen Bereitschaft, als Menschen menschlich miteinander umzugehen.

Sie kritisieren Erscheinungen in der muslimischen Welt, setzen sich aber auch gleichzeitig leidenschaftlich für ein offenes Gespräch ein. Aber gerade in Deutschland ist die sogenannte Islamdebatte in den letzten Jahren kein offenes Gespräch, denn gerade bei Muslimen wird penibel die politische Korrektheit anhand von regelrechten Gesinnungsfragen geprüft. Kann man in diesem Kontext wirklich von einer Debatte sprechen?

Alexander Kissler: Angesichts der Weltlage sind wir zum Gespräch verdammt, weil die Auseinandersetzung weltweit um Frieden und menschliches Zusammenleben derart dramatisch ist. Es ist richtig, dass in der Islamdebatte Zerrbilder auf beiden Seiten vorherrschen. Es gibt den Muslim, der gerne betont, dass er im Westen gar nicht willkommen sei, dass er ständig diskriminiert werde, was in dieser Pauschalität nicht stimmt. Es können hier Moscheen gebaut werden, wogegen ich überhaupt nichts einzuwenden habe. Es gibt Bekenntnisunterricht, es gibt die Freiheit, in der Öffentlichkeit den Glauben zu leben, wofür ich auch als Katholik sehr eintrete. Ich lehne den Satz ab, Religion sei Privatsache. Nein, Religion muss in einer freien Gesellschaft das Recht haben, öffentlich erkennbar und wirksam zu sein.
Auf der anderen Seite gibt es das Zerrbild, jeder Muslim trage den Dolch im Gewande. Wir brauchen eine Debatte über die Grundlagen unserer jeweiligen Weltanschauungen. Natürlich können Stränge des Islam, teilweise in die Tradition und teilweise in den Koran zurückreichend, gewalttätige Aktionen legitimieren helfen. Es gibt eine meines Erachtens nicht vollends aufgeklärte antisemitische Versuchung, die innerhalb der Geschichte, aber auch in Schriften des Islam zu finden ist und sogar im Leben Mohammeds.
Andererseits ist da die Versuchung westlichen Dominanzgebarens in Form eines säkularen Gesinnungstests, nach dem Motto: Am Westen darf nur teilnehmen, wer sich politisch korrekt verhält und die „Turnierfähigkeit des Zeitdeutschen“ (Rudolf Borchardt) erfüllt. Das kann es natürlich nicht sein.

Es scheint, dass immer sehr viel über den Islam diskutiert wird, aber es eigentlich um die Rolle von Religion in der modernen, säkularen Gesellschaft geht. Teilen Sie diese Einschätzung?

Alexander Kissler: Da sprechen Sie einen sehr wichtigen Punkt an. Viele Muslime lernen hier eine Gesellschaft kennen, die von der irrigen Auffassung ausgeht, Moderne sei gleichbedeutend mit einer ewig fortschreitenden Säkularisierung, hin zu einem allgemeinen Atheismus. Da wirkt das Drei-Stadien-Modell des Philosophen Auguste Comte nach, der von einem kindischen, einem heranwachsenden und dem erwachsenen, dem vollends aufgeklärten Zeitalter sprach. Die theologische Epoche wird mit dem Kind identifiziert, das nach und nach den Glauben abstreift, ihn überwinden muss, um in das wissenschaftliche oder positive Zeitalter zu gelangen.
Vor diesem Hintergrund sieht sich ein religiös weitgehend entkernter Westen mit einer Religion konfrontiert, deren Frömmigkeitsformen öffentlich sichtbar sind. Diese Öffentlichkeit von Religion war aber auch der Normalfall im christlich geprägten Abendland. Wir sahen im Jahreskreis verteilte Prozessionen, Beerdigungen waren dörfliche Ereignisse – mancherorts ist es heute noch so. Der Westen wird durch die Sichtbarkeit muslimischer Frömmigkeit dazu gezwungen, sein eigenes Modell von Moderne und Säkularisierung zu überdenken.

Die Forderung nach einer Reform des Islam kommt ja in den Debatten der letzten Jahre immer wieder. Gerade wenn man sich aber mit gewissen ideologischen und modernistischen Bewegungen in der islamischen Welt vertiefend auseinandersetzt, sieht man im Kern dieser heute als Bedrohung wahrgenommenen Strömungen einen Reformansatz. Sie sind das Ergebnis einer Reformbewegung, die die 1400-jährige Denktradition des Islam, die für eine gewisse Ordnung gesorgt hat, ablehnt. Sind diese inflationären Reformforderungen nicht zu kurz gedacht? Geht das an den wirklichen Problemen nicht vorbei? Ein sogenannter Reformtheologe in Deutschland stellte kürzlich die abenteuerliche These auf, dass im Kern des Exklusivitätsanspruchs des Islam, aber auch der anderen Religionen, Gewalt stecke.

Alexander Kissler: Wir kennen aus den Büchern von Jan Assmann den Begriff der mosaischen Unterscheidung; durch die Geburt des Monotheismus sei eine neue Unduldsamkeit in die Welt gekommen. Religionen sind aber stets Agenten der Wahrheit, in deren Besitz sie sich fest glauben. Eine Religion, die vom Wahrheitsbegriff abließe, wäre keine Religion mehr. Religionen können nicht auf dem Marktplatz abstimmen lassen, was als angenehm gilt oder zeitgemäß. Insofern brauchen Religionen einen Absolutheitsanspruch. Das ist der innere Kern, weil Religionen – wenn man sie ernst nimmt – die Brücke vom Diesseits ins Jenseits gefunden zu haben glauben. Entscheidend ist, in welchen Redeweisen und Handlungen sich dieser Anspruch ausdrückt. Es gab sehr unduldsame Wege, mit dem christlichen Absolutheitsanspruch umzugehen, trotz der Lehren des Neuen Testaments. Das westliche Christentum befindet sich momentan eher in einer abkühlenden Phase.
Der Islam wiederum ist aufgefordert, innerhalb des Westens am Absolutheits- und Wahrheitsanspruch festzuhalten – trotz Widerspruchs. Für mich als Christ ist Mohammed kein Prophet, für Juden ist Jesus kein Messias, da kommen wir zu keinem Konsens. Andererseits müssen wir bereit sein, uns darüber präzise zu verständigen, Unterschiede also zu benennen, auszuhalten und gerade so den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen.
Ich wünsche mir, dass jene Kräfte im Islam sich stärken, die das Sinn-, Trost- und Heilsangebot ihrer Religion offen halten für Gespräche mit Menschen, die zu ganz anderen Ergebnissen kommen, die aber dennoch vom Hunger nach Sinn und der Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit getrieben sind.

Lieber Alexander Kissler, ich bedanke mich für das Gespräch.

Dr. Alexander Kissler ist Publizist und Journalist. Er leitet das Kulturressort des politischen Monatsmagazins „Cicero“. Soeben erschien sein Buch „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ (Gütersloher Verlagshaus, 184 Seiten, 17,99 Euro).

http://www.islamische-zeitung.de/?id=19634

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