Kleinstaaten sind erfolgreich

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„Das Deutschland der Kleinstaaterei war das Deutschland der Dichter und Denker“: Der Volkswirtschaftler Philipp Bagus über die Vorteile der kleineren gegenüber den Großstaaten.

Philipp Bagus und Andreas Marquart plädieren in ihrem neuen Buch „Wir schaffen das – alleine!“ für eine Abwendung von „riesigen, zentralistisch organisierten Staatsmolochen“ hin zu Kleinstaaten. Denn in Großstaaten würden weder Innovation noch Freiheit, sondern Bevormundung, Korruption und Verschwendung gedeihen. Telepolis sprach mit Philipp Bagus, der als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid tätig ist, über diese – auf den ersten Blick – gewagte These.

In Ihrem neuen Buch plädieren Sie für etwas, was als Kleinstaaterei eher ins Negative gezogen wird. Viele werden denken, dass das vollkommen unzeitgemäß ist und Sie sich im Jahrhundert geirrt haben. Warum gerade jetzt?

Philipp Bagus: Der Hinweis, das sei unzeitgemäß, ist ein billiger rhetorischer Trick. Er soll von der Analyse der Argumente ablenken. Wir zeigen in unserem Buch, dass Kleinstaaten erhebliche Vorteile gegenüber Großstaaten haben. Sie sind friedliebender, freiheitlicher, und leiden weniger an Korruption, Verschwendung und überbordender Bürokratie. Dafür liefern wir gewichtige Argumente.

Der Verweis darauf, dass Kleinstaaterei unzeitgemäß sei, kommt von Leuten, die sich einfach nicht mit diesen Argumenten auseinandersetzen wollen. Er spricht für eine gewisse Denkfaulheit. Ähnliches geschieht ja auch, wenn man über den Goldstandard spricht. Da heißt es auch: ein barbarisches Relikt. Oder wenn jemand die DM gegenüber den Euro verteidigt. Nur wer generell meint, dass alles was vergangen ist, schlechter ist, als das, was kommen wird, wird den Unsinn glauben.

Und warum sollten Kleinstaaten wie Liechtenstein, Monaco, Singapur oder die Schweiz unzeitgemäß sein? Sie sind vor allem eines: Sehr erfolgreich. Und das kommt nicht von ungefähr. Es liegt an ihrer Kleinheit.

Gerade jetzt in Zeiten der Globalisierung sollten wir uns auf das Zurückbesinnen, was Europa aus- und großgemacht hat. Der Wettbewerb kleiner und kleinster politischer Einheiten. Jeder Staat steht vor einem Informationsproblem, wie Friedrich A. von Hayek dargelegt hat. Die staatlichen Planer, die ja vorgeben, das Wohl der Gesellschaft verbessern zu wollen, kennen die Ziele und Mittel seiner Bürger nicht.

Diese Ziele und Mittel ändern sich auch laufend auf kreative Weise. Ein zentraler Planer kann an die Informationen, die er für eine rationale Planung bräuchte, unmöglich kommen. Zwangsläufig plant er Chaos, wie auch Ludwig von Mises betonte. Nun ist das Ausmaß dieses Chaos aber nicht unabhängig von der Staatsgröße.

Denn je weiter der staatliche Planer von den Bürgern weg ist, und je mehr unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse er unter einen Hut bringen muss, desto größer wird das Chaos sein. In einer so schnellen, komplexen und dynamischen Welt wie wir sie heute durch die Globalisierung haben, ist das Chaos, das staatliche Planer verursachen noch extremer. Es ist daher gerade heute zeitgemäß, sich kleineren politischen Einheiten zuzuwenden.

Stehen wir mit Brexit und anderen Entwicklungen vor einem Zusammenfall von Konstruktionen wie die EU?

Philipp Bagus: Wir stehen zweifelsohne an einem Scheideweg. Geht es hin zu einem europäischen Staat, oder scheitert das Projekt des EU-Staats, und entwickelt sich die EU zurück zu einer Freihandelszone. Gerade weil wir an diesem entscheidenden Punkt stehen, haben wir dieses Buch geschrieben.

Was kommt aber danach? Die EU galt bisher als Garant für wirtschaftliche Entwicklung, Freiheit und Frieden.

Philipp Bagus: Ohne EU ist die wirtschaftliche Entwicklung, Freiheit und Frieden in Norwegen, Schweiz oder Liechtenstein auch ganz gut gewesen. Vergleichsweise sogar noch besser. Die Frage ist, ob es ohne EU nicht auch in Deutschland besser gewesen wäre.

Das Friedensargument ist in der Tat ein ganz wichtiges. Es ist sozusagen der Gründungsmythos für die EU. Aber weder theoretisch noch historisch lässt sich belegen, dass Großstaaten friedlicher sind als Kleinstaaten. Großstaaten haben ganz andere Mittel und können es sich viel eher leisten aggressiv zu sein. Meist mischen sie dann auch ganz aktiv in der Weltpolitik mit, anstatt sich vornehm zurückzuhalten, wie das die Kleinstaaten tun.

Für Kleinstaaten ist zudem ein unbehinderter Handel überlebenswichtig. Liechtenstein benötigt offene Grenze, weil es einen Großteil seiner lebenswichtigen Güter importiert. Wird der Handel aufgrund eines Krieges gestört, hat das für Liechtenstein sofort erhebliche Wohlfahrtseinbußen zur Folge. Großstaaten sind da autarker.

Die USA können sich viel eher einen Krieg erlauben, weil sie viele Güter auch im eigenen Land produzieren können. Und in der Tat hat Liechtenstein seine Bevölkerung im 20. Jahrhundert besser geschützt als die USA, die viele Kriegstote zu verzeichnen hatten. Liechtenstein keinen einzigen.

Auch die deutsche Reichsgründung 1871 ließ einen Großstaat entstehen, der in der Weltpolitik mitmischen wollte und Kolonialambitionen hatte. Die zuvor bestehenden deutschen Kleinstaaten hatten keine Kolonien. Letztlich versagte das deutsche Reich, seine Bürger zu schützen. Millionen verloren ihr Leben im Ersten Weltkrieg. Daher ein Hoch auf die Kleinstaaterei.

Mit Kleinstaaterei verbindet man immer einen unübersichtlichen Flickenteppich, und gerade in diesen Zeiten mit stärker werdenden rechtspopulistischen Parteien, bringt das nicht auch eine Gefahr mit sich?

Philipp Bagus: Kleinstaaten können eine gemeinsame Währung, Sprache und offene Grenzen haben, das wusste schon Johann W. Goethe. Goethe betonte die Einheit der Sprache, Kultur und Währung, nämlich Gold, in Deutschland. Er erkannte, dass die ganze kulturelle und wirtschaftliche Dynamik Deutschlands dem Wettbewerb der Kleinstaaten geschuldet war. Er fürchtet eine politische Zentralisierung.

Kleinstaaten haben allen Anreiz zu offenen Grenzen. Sie sind aber souverän und es herrscht Wettbewerb zwischen ihnen. Sie wollen und müssen attraktiv für ihre Bürger sein, die andernfalls mit den Füßen abstimmen und in freiheitlichere Nachbarstaaten abwandern. Dieser Wettbewerb um die besten Köpfe und Ideen brachte Deutschland, wie Goethe scharfsinnig erkannte, im 19. Jahrhundert eine kulturelle und wirtschaftliche Blüte.

Das Deutschland der Kleinstaaterei war das Deutschland der Dichter und Denker. Das Großdeutsche Reich hingegen wurde als Land der Richter und Henker bezeichnet. Die Gefahr liegt in der Größe.

Sie thematisieren in Ihrem Buch auch die Monopolisierung des Geldwesens und der Geldproduktion, und kritisieren die Geldproduktion aus dem Nichts und die feindliche Haltung gegenüber dem Gold. Warum ist dieses Thema so wichtig gerade in unserer Zeit? Vielen Menschen ist das nicht wirklich bewusst…

Philipp Bagus: In Zeit von Eurokrise und Negativzinsen kommt es zu einer massiven Umverteilung, die von den meisten Menschen nicht bemerkt wird. Sie verarmen schleichend. Die Ursache liegt im Geldsystem. In unserem letzten Buch (Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden) haben wir uns ausführlich mit den Folgen des staatlichen Geldmonopols auseinander gesetzt. Und natürlich ist das im neuen Buch wieder ein Thema.

Denn je mehr Staaten es gibt, desto größer ist auch der Wettbewerb beim Geld. Es lassen sich auch Dinge ausprobieren. Was gut klappt, wird kopiert, was schlecht läuft, wird fallen gelassen. Vor dem Euro gab es viele Währungen in der EU. Die Bürger konnten sich die stärksten Währungen kaufen. Und die Niederländische Zentralbank kopierte nicht die Geldpolitik Italiens, sondern die Geldpolitik der Bundesbank. Erhöhte die Bundesbank die Zinsen, so tat das auch die niederländische Zentralbank.

Heute gibt es keine Vergleiche und Experimente mehr in der EU, mit verschiedenen Währungen, Gold oder Silber. Heute gibt es für alle eine Währung, ohne Wahl, ohne Wettbewerb und das ist der Euro. Vergleichsmöglichkeiten innerhalb der Eurozone gibt es nicht mehr.

Heute haben alle in der Eurozone praktisch eine italienische Geldpolitik, die Deutschen wie auch die Holländer. Alle sitzen im sinkenden Boot des Euro gefangen. Und genauso wie bei der Geldpolitik und beim Geld brauchen wir auch bei allen anderen Politikbereichen mehr Wettbewerb und Wahlmöglichkeiten. Das gelingt durch Klein- und Kleinststaaten.

https://www.heise.de/tp/features/Kleinstaaten-sind-erfolgreich-3664436.html

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