Inside Islam? Chance vertan!

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Der Journalist Constantin Schreiber hat sechs Monate lang Freitagspredigten in deutschen Moscheen besucht und ein Buch darüber geschrieben. Er zeigte sich schockiert vom Ton in den Predigten und wie sehr sie die Mehrheitsgesellschaft ablehnen. Er habe dabei nichts Neues herausgefunden, beklagt der Autor Eren Güvercin – und überhaupt werde die Debatte falsch geführt.

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Innenraum der Sehitlik Moschee in Berlin

Mit seinem neuen Buch „Inside Islam“ hat der Journalist Constantin Schreiber eine Debatte über Deutschlands Moscheen ausgelöst, die uns an die längst überwunden geglaubten, wenig nützlichen und hysterischen Debatten der letzten Jahre erinnert. Auch diesmal erleben wir die üblichen Reaktionen, sei es auf muslimischer Seite oder in der Mehrheitsgesellschaft.

Schreiber hat nicht einmal 20 von rund 2750 Moscheen in Deutschland besucht. Das hindert den Verlag nicht daran, das Buch als „ersten deutschen Moschee-Report“ zu verkaufen. Schon der Titel „Inside Islam“ suggeriert, dass es einen Einblick in etwas Verborgenes verschafft im Stile eines Wallraff’schen Enthüllungsjournalismus. Die Moscheen sind aber keine verborgenen Räume, sondern für jedermann zugänglich. Und auch die Probleme sind nicht neu, sondern hinlänglich bekannt.

Vielen Muslimen, insbesondere den hier geborenen jungen Muslimen ist das Problem bewusst, dass die Freitagspredigten in den Moscheen zu oft an den Lebensrealitäten der Muslime in Deutschland vorbeigehen. Viele Muslime fühlen sich von den Predigten nicht mehr angesprochen, weil sie ihnen keine Impulse für ihren Alltag hier in Deutschland geben. Predigten, die hier gehalten werden, könnten genauso auch in der Türkei oder anderen islamischen Ländern gehalten werden. Der lokale Bezug fehlt leider zu oft.

In Predigten fehlen Impulse für den Alltag in Deutschland

Gerade die Moscheen sind – mit wenigen Ausnahmefällen – nicht die Orte, wo Radikalisierung stattfindet. Aber in nicht wenigen Moscheen können wir eine Art Verkrustung beobachten. Das hat aber nichts mit Extremismus oder Radikalisierung zu tun, wie Constantin Schreiber es darstellt, sondern ist ein gewisser Bruch mit der Lebensrealität. Die Rolle der Freitagspredigt ist eigentlich die, dem gläubigen Muslim Impulse zu geben, was man als Muslim an diesem Ort und in dieser Zeit seiner Gesellschaft geben kann. Genau das schaffen die Predigten in Deutschland nicht, nämlich in Deutschland lebenden Muslimen positiven Impuls zu geben, warum und vor allem wie man sich als Muslim in die deutsche Gesellschaft positiv einbringen kann.

Statt wirklich eine kritische Debatte zu eröffnen, die Muslime zu dieser Debatte einzuladen, und zu fragen, was die Funktion einer Freitagspredigt in einer Moscheegemeinde sein kann, um die Gesellschaft besser zusammenwachsen zu lassen, geht es bei „Inside Islam“ lediglich um Effekthascherei. Das zeigt die Rolle von vermeintlichen Islamexperten wie Dr. Ourghi in diesem Buch. Er soll die Rolle des Experten einnehmen, als jemand, der die muslimische Lebensweise als Gefährdungspotenzial wahrnimmt und ausgrenzende wie stigmatisierende Narrative über Muslime befördert.

Von dieser Art von Debatte hatten wir aber in den letzten Jahren viel zu viele. Wir haben jetzt 15 Jahre lang auf Effekt gesetzt, und jetzt wäre eine Chance gewesen tatsächlich mal inhaltlich alle Parteien auf ein Thema zu fokussieren. Und jene Muslime, die sehr wohl bestehende Probleme erkennen, hätten gerne dieses Thema aufgegriffen und konstruktiv begleitet. „Inside Islam“ erschwert dies, denn Muslime wie Islamwissenschaftler, die durchaus diese Problematik von Predigten, die inhaltlich keinen Bezug zu unserer Gesellschaft haben, kennen, verweigern sich dieser Form der Debatte, weil sie sich nicht an einer unaufrichtigen Diskussion beteiligen wollen.

Constantin Schreiber hätte als eine Stimme von Außen die Chance gehabt auf bestehende Probleme hinzuweisen. Sowohl Teile der muslimischen Community als auch Imame hätten dies als konstruktive Kritik wahrgenommen, und sich die Frage gestellt, was wirklich an dieser Kritik berechtigt ist.

Das Problem, das man eigentlich hätte beschreiben müssen, ist, warum Muslime oft „outside Deutschland“, also außerhalb der Gesellschaft sind, warum sie es nicht schaffen, aus ihrem Glauben heraus etwas der Gesellschaft mitzugeben. Daran sind sie zum Teil mitverantwortlich durch das, was in diesen Freitagspredigten nicht passiert.

Schreibers Buch zerstört jeden Ansatz eines Dialogs

Sowohl bei Muslimen und Nichtmuslimen herrscht ein Missverständnis, das Islam mit Kultur gleichsetzt. Der Islam bringt aber keine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur mit sich, sondern als Muslim kann ich gläubig sein und mich dem jeweiligen Ort und den Gegebenheiten der Zeit anpassen. Die Predigten sind aber immer noch zu oft inhaltlich so ausgerichtet, dass sie Muslimen wie Nichtmuslimen wie Predigten aus einer anderen Kultur erscheinen. Das sollte aber nicht die Botschaft der Predigten sein, sondern sie sollten die Muslime darin bestärken, dass sie ein Teil dieser Gesellschaft sind, und zwar als gläubige Muslime.

Oftmals ist es einfach ein Fremdsein dieser Gesellschaft gegenüber, das nicht überwunden werden kann in der Figur des Imams. Und statt ihm die Tür zu öffnen zu dieser Gesellschaft, schlägt man sie zu und sagt, du willst ja ohnehin nicht hinein und hinderst junge Leute in die Gesellschaft hineinzutreten. Dieses in den Kontext von Radikalisierung zu setzen, zerstört jeden Dialogansatz, und es geht dem Buch auch gar nicht um Dialog, es geht um Anprangerung. Und das prangere ich an.

http://www.deutschlandradiokultur.de/kritik-an-constantin-schreibers-inside-islam-angeprangert.1005.de.html?dram:article_id=383463

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