Deutscher Muslim – Eine Selbstbezeichnung, die provoziert

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Wer sich selbst als „deutscher Muslim“ bezeichnet wird von ganz unterschiedlichen Seiten angefeindet. Eren Güvercin über deutsch-identitäre Kreise, ultrakonservative Deutschtürken und muslimischen Widerstand

Als Muslim hat man in der öffentlichen Debatte keinen großen Einfluss darauf, mit welchem Label man versehen wird. Je nachdem, wie man sich zu einem Thema äußert, kann es ganz schnell passieren, dass man sich in einer Schublade wiederfindet, die einem nicht gerecht wird. Die Auswahl ist groß. Wir haben den „liberalen“, „humanistischen“ und „toleranten“ Muslim, oder den „konservativen“, „traditionellen“ oder „islamistischen“. Man ist schnell dabei, jemanden zu markieren. Nach Definitionen und Inhalten wird selten gefragt.

In der letzten Zeit ist ein weiteres Phänomen zu beobachten: Wenn man sich als ein in Deutschland geborener, aufgewachsener und verorteter Muslim ganz selbstverständlich als „deutscher Muslim“ bezeichnet, wird das von eigentlich ganz unterschiedlichen Kreisen als Provokation wahrgenommen.

Identitäre gibt es auf beiden Seiten

Da sind zum einen die deutschen Identitären, die bei der Bezeichnung regelrecht kollabieren und die deutsche Kultur bedroht sehen. Es hat etwas Amüsantes, die Anhänger dieser Gesinnung lediglich mit der Selbstbezeichnung des deutschen Muslim in Rage zu bringen, ihr Koordinatensystem zu erschüttern. Für sie ist Islam per se etwas Fremdes und eine Gefahr. Sie brauchen ein Feindbild, um sich definieren zu können. Sie sind kaum in der Lage zu formulieren, wofür sie eigentlich stehen, aber sie wissen, wogegen sie sind: gegen Islam, gegen Muslime. Sie reden von einem christlichen Abendland als Konstrukt, aber ohne Inhalt.

Doch jenseits dem Denken deutscher identitärer Kreise, die unter dem Deckmantel der Islamkritik eine Dämonisierung betreiben, gibt es auch eine andere Seite, die einer identitären und völkischen Gesinnung anhängt. Die Rede ist von Identitären unter den Deutschtürken, die ebenso wie ihre Gesinnungsgenossen aus dem Pegida- und AfD-Umfeld Schnappatmung bekommen, wenn sie Muslimen begegnen, die sich deutsche Muslime nennen.

Gemeinsame Definition über den äußeren Feind

Insbesondere die jüngsten aufgeheizten Diskussionen über die Türkei haben bei nicht wenigen jungen Deutschtürken zu einer Entfremdung von der deutschen Gesellschaft geführt und sie empfänglich gemacht für die Parolen nationalistischer und identitärer Kreise. Auch sie sprechen von „Lügenpresse“ und Manipulation, um emotional jene jungen Deutschtürken zu beeinflussen, die die Medienberichterstattung und die Haltung der deutschen Politiker zur Türkei als zu einseitig wahrnehmen. Insbesondere in den sozialen Medien, aber auch im türkischen Fernsehen wird die Saat des Ressentiments gesät. Die jungen Menschen sollen das Gefühl bekommen, man werde nie als türkeistämmiger Muslim in Deutschland akzeptiert werden.

Wir erleben so das Wiedererstarken einer nationalistisch-völkischen Gesinnung, die sich nur über den äußeren Feind definiert. Ein äußerer Feind, der permanent überhöht werden muss, der permanent am Leben erhalten wird. Türkische Fernsehserien und -sendungen erinnern immer wieder daran, dass es kein Zufall sei, dass die westlichen „Kreuzfahrernationen“ die Türkei im Visier haben. Denn die Türken seien das auserwählte Volk. Es werde die Muslime befreien.

Die Identitären beider Seiten zeigen auf die jeweils andere Seite, um die eigene Haltung, das eigene Schwarz-Weiß-Denken zu rechtfertigen. Hier der Verweis auf die „schleichende Islamisierung“, dort der tief liegende Hass der „Kreuzfahrernationen“ gegen „den Islam“. Im Grunde genommen aber brauchen beide Seiten sich und sind sich ähnlicher, als sie denken. Das zeigt sich eben in ihrer verstörten Reaktion auf deutsche Muslime. Für Identitäre auf beiden Seiten ist Islam gleichzusetzen mit Kultur. Für sie ist es unmöglich, Deutscher und Muslim zu sein. Doch kann man etwa im Fastenmonat Ramadan deutsch oder türkisch fasten?

Islam ist ein Filter für Kulturen und kompatibel mit jeder Kultur. Manche muslimische Identitäre haben die Zugehörigkeit zu einer Kultur oder einem Volk derart überhöht, dass sie einen quasi-religiösen Rang bekommen hat. Es handelt sich hierbei um eine perverse Instrumentalisierung und Politisierung des Glaubens, die keine Grundlage in der Theologie hat und nur dem Zweck dient, die Menschen aus politischem Kalkül heraus in eine gewünschte Richtung zu lenken.

Gerade in den aktuellen deutsch-türkischen Spannungen werden jene Muslime, die sich als deutsche Muslime bezeichnen, schnell als solche angesehen, die ihre Religion und ihr Volk verraten und den wahren Weg verlassen haben. Diese Vorstellung stammt vor allem aus Legenden und Mythen, die sich Identitäre zusammenschustern. Mit der islamischen Lehre und Tradition hat es nicht viel zu tun. Muslime waren immer flexibel, wenn es um kulturelle Anpassung ging. Ansonsten hätte der Islam von Andalusien über Nordafrika bis tief nach Asien nicht diese unterschiedlichen Ausprägungen angenommen, die wiederum neue Kulturen hervorbrachten. Islamische Vielfalt verträgt sich nicht mit einem starren und homogenen Kulturverständnis.

Widerstand ist geboten

Die geistigen Grenzmauern in den Köpfen der Identitären beider Seiten sind moderne Götzen, die man insbesondere als Muslim zum Erschüttern bringen muss. Nicht aus Trotz, sondern aus Überzeugung: Als deutscher Muslim, weil man mit beiden Beinen hier im Leben steht, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Weil man ohne Wenn und Aber und ohne faule Kompromissen seinen Glauben hier mit Leben füllt. Weil man die über 1400-jährige islamische Tradition reflektiert und weiterdenkt, um sich den Herausforderungen dieser Gesellschaft und dieser Zeit zu stellen. Weil man jenseits der Opferhaltung etwas Positives stiften will. Weil man sowohl von der islamischen Tradition schöpft als auch von der deutschen Kultur mit Goethe, Schiller und vielem mehr. Es ist ein gutes Zeichen, wenn die Richtigen sich davon gestört fühlen.

https://cicero.de/kultur/deutsche-muslime-eine-selbstbezeichnung-die-provoziert

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