Phantomdebatte oder reales Problem?

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Serap Güler, Staatssekretärin im Familien- und Integrationsministerium in NRW, hatte mit ihrer Aussage, einem jungen Mädchen das Kopftuch „überzustülpen“ sei „pure Perversion“ und sexualisiere das Kind, eine neue Diskussion über das Kopftuch ausgelöst. Kurze Zeit später äußerte sich auch der NRW-Integrationsminister Joachim Stamp dazu. Selbstverständlich solle jede Frau selbstbestimmt entscheiden, ob sie Kopftuch trägt oder nicht. Diese Selbstbestimmung sei bei Kindern noch nicht vorhanden. „Sie dürfen daher nicht dazu gedrängt werden. Daher sollten wir prüfen, das Tragen des Kopftuchs bis zur Religionsmündigkeit, also bis zum 14. Lebensjahr, zu untersagen“, so Stamp. Über diese Frage wolle er eine Debatte führen, heißt es auf der Facebookseite des Integrationsministeriums.

Die Thematisierung eines Kopftuchverbots kommt nicht aus heiterem Himmel, so sehr die politische Seite das auch von sich weist. Inspiriert durch die Verbotspolitik in Österreich und dem Druck von Seiten der AfD fühlen sich die anderen Parteien in der Rolle des Getriebenen. Man will Signale an bestimmte Wählergruppen aussenden, die man verloren hat. Denn wenn Minister Stamp wirklich eine Debatte führen wollen würde, müsste er vor einer Verbotsforderung zunächst einmal darlegen, worüber wir hier überhaupt konkret reden. Reden wir hier über Einzelfälle, dass junge Mädchen bereits im Grundschulalter Kopftuch tragen – Serap Güler behauptet sogar, dass es auch in Kindergärten zunehme – oder ist es wirklich ein Phänomen, was sich ausbreitet? Erst auf Grundlage der konkreten Verhältnisse und Zahlen kann man überhaupt über so etwas einschneidendes wie ein Verbot sinnvoll ergebnisoffen diskutieren. Wenn die Politik aber auf Grundlage von Gefühlen und Ängsten eine vermeintliche Debatte führen will, dann geht es ihnen wohlmöglich nicht wirklich um die realen Verhältnisse, sondern um eine weitere Phantomdebatte.

Die Frage eines Kopftuchsverbots an Schulen wurde in den vergangenen Jahren immer wieder thematisiert. Auch der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages hat sich mit dieser Fragen nüchtern und aus einer juristischen Perspektive beschäftigt. Im Kontext dieser aktuellen Verbotsdiskussion ist ein Blick in dieses Dokument sehr aufschlussreich. Im Ergebnis dieser 17seitigen Ausarbeitungen von 2017 heißt es:

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Hieraus lässt sich schlussfolgern, dass bevor man überhaupt über eine Verbotspolitik spricht und in den Raum wirft, zunächst die Politik in der Bringschuld ist. Sie muss zunächst einmal darlegen, ob eine „substantielle Konfliktlage“ und eine „konkrete Gefährdung des Schulfriedens“ vorliegt. Denn gerade wenn dies nicht konkret und belastbar dargelegt, aber medial ein Verbot ins Spiel gebracht wird, dann ruft das gewisse Zweifel über die Intention dieser Form der Integrationspolitik hervor.

Der Wissenschaftliche Dienst behandelt auf Seite 6 und 7 ihrer Ausarbeitung auch die Frage des Kopftuchs im vorpubertärem Alter. Dazu heißt es:

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Serap Güler als Staatssekretärin kann die Meinung vertreten, dass das Kopftuch bei jungen Mädchen im vorpubertärem Alter für sie persönlich „pervers“ ist, nur ist – wie es der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages formuliert – dem Staat und seinen Institutionen verwehrt, die Glaubensüberzeugungen der Bürger zu bewerten oder als ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ zu beurteilen.

Die mediale Forderungen nach einem Verbot ist sicherlich nicht der richtige Weg, um gemeinsam mit Muslimen Probleme, die es vielleicht in diesem Bereich gibt, zu erörtern und zu diskutieren. Denn diese politische Bewertung in Verbindung mit einer Forderung nach einem Verbot des Kopftuchs für junge Mädchen ermutigen nur diejenigen Akteure, die sich aus ideologischen oder anderweitigen Gründen seit eh und je für die Verbannung des Kopftuchs insgesamt aus Schulen und staatlichen Einrichtungen stark machen, und die Legende immer wieder bedienen, das Kopftuch sei kein Zeichen für Religiosität, sondern ein politisches Symbol. Wenn es reale Probleme gibt, dann muss eine Debatte mit den Betroffenen in den Schulen und den Muslimen auf Augenhöhe geführt werden, als medial mit Verbotsforderungen vorzupreschen. Die sog. Integrationspolitik in Österreich ist sicher kein Vorbild für unser Deutschland.

Aber eine andere Seite dieser aktuellen Frage ist auch der innenmuslimische Umgang mit dem Thema. Auch wir Muslime müssen uns fragen, ob das Kopftuch bei jungen Mädchen, die die Pubertät nicht erreicht haben, überhaupt sinnvoll ist. Einerseits gibt es laut der Mehrheitsmeinung keine religiöse Verpflichtung in jungen Jahren ein Kopftuch zu tragen. Darüberhinaus aber muss man auch als Eltern sich die Frage stellen, ob es für die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes überhaupt sinnvoll ist, ein Kind in jungen Jahren Reaktionen des Umfeldes auszusetzen, mit denen sie in diesem Alter nicht umgehen können. Religiöse Erziehung und das Vermitteln von einem Bewusstsein für den Glauben hängt im Kindesalter sicher nicht von einem Kopftuch ab. Gerade hier stellt sich innenmuslimisch auch die Frage der Prioritäten. Aufgrund der nachvollziehbaren Empörung darüber, dass die Politik immer wieder mit irgendwelchen Verboten ankommt, sollte man aber auch nicht reflexhaft sich für etwas einsetzen, was religiös schwer zu begründen und vor allem für die Erziehung des Kindes und die Persönlichkeitsentwicklung nicht gerade hilfreich ist. Ansonsten drohen wir Muslime auch uns in Phamtomdebatten zu flüchten, statt uns mit relevanteren Fragen des Islam in Deutschland auseinanderzusetzen.

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1 Kommentar

  1. Z. Ergun says

    Hallo Eren abi,
    ich stimme vor allem deinem letzten Punkt zu: was sind Prioritäten im innenmuslimischen Bewegungskreis? Es darf/sollte nicht sein, dass man junge Musliminnen aufzieht, die dem Schema von „außen hui, innen Pfui“ entsprechen. Selbstverständliche Werte, bzw. altruistische Verhaltenswesien, wie Hilfbereitschaft, generelle Gutgesinntheit, Willenssträrke und Nächstenliebe statt Arroganz, Boshaftigkeit, labile Charaktere und Eifersucht sind immer häufiger der Effekt, den Massenmedien unter Musliminnen hervorrufen können. Dabei ist der Islam dafür da, um aus einem Fleischklumpen einen „Menschen“ mit Werten zu formen…
    Selbstverständlich ist die Verhüllung der Frau und des Mannes ein Grundsatz im Islam. Es darf aber nicht als Vorwand von desinteressierten/überforderten Erziehungsberechtigten benutzt werden, um ihre Erziehung damit zu ersetzen. „Schutz“ ist das Stichwort, der für die Intention verwendet wird, seiner Tochter die Haare zu verdecken. An dieser Stelle kommen einem aber auch individuelle Gedanken auf:
    Stellen sich Eltern vor ihre Töchter mit der Bedeckung vor Pädofilen zu schützen? Da ich keine Mutter bin, wage ich es nicht, mich weiter in diese Gedanken hineinzudenken.
    Fakt ist, dass die Kopftuchdebatte immer wieder aufkommt und wir Kopftuchträgerinnen immer am Ball bleiben müssen, uns neben der VErwirklichung unserer Wünsche simultan die beste Leistung aus uns erbringen müssen. In erster Linie aber, um uns uns selbst zu beweisen; die Akzeptanz in der Gesellschaft wird dann hoffffffentlich durch den von uns erbrachten Impuls entstehen.

    Zu Serap Güler: traurig zu sehen, dass eine türkischstämmige Frau anscheinend negative Erfahrungen mit dem Kopftuch gemacht hat, sich dadurch nicht etwas tiefgreifender damit auseinandergestezt hat und folglich eine starke Abneigung zu diesem Thema entwickelt hat. Ein GEspräch mit Eltern, die sich die Bedeckung ihrer Tochter wünschen, wäre vielleicht umständlich gewesen, hätte aber absolut zu einer authentischen Betrachtungsweise ihrerseits führen können (denn auch die Einsicht von uns Mesnchen ist ungewiss).

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