Nach Hanau: Es fehlt an echter Empathie

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Nach dem rechtsterroristischen Anschlag in Hanau kam die Kritik auf, dass dieser Anschlag von der türkischen Politik politisch instrumentalisiert werde. Unter den Kritikern gibt es auch Akteure, die diese Kritik aus einem bestimmten Kalkül heraus formulierten. Ihr Absicht ist es, von der steigenden Muslimfeindlichkeit abzulenken und eine gesamtgesellschaftliche Debatte zu verhindern, obwohl gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland in letzten Jahren massiv zugenommen hat. Nicht nur Moscheegemeinden, sondern auch einfache Muslime oder als Muslime markierte Menschen werden immer öfter Ziel von verbalen oder auch tätlichen Angriffen und Bedrohungen. Diese Kritiker konstruieren ein Narrativ, wonach die Begriffe „Islamophobie“, „Islamfeindlichkeit“ oder „antimuslimischer Rassismus“ die Propagandasprache eines „politischen Islam“ seien.

Nach Hanau konnten wir aber auch eine massive Präsenz von Vertretern des türkischen Staates in Person des Botschafters, des Religionsattachés, von AKP-Abgeordneten und des Präsidenten der YTB (Amt für Auslandstürken) beobachten. In den Tagen nach den Anschlägen besuchten sie zumindest einen Teil der türkeistämmigen Opferfamilien. Regierungsnahe türkische Medien begleiteten diesen Besuch. Die Message, die damit ausgesendet werden sollte, war: Der türkische Staat kümmert sich um seine Leute.

Am 28. Februar veröffentlichte SETA, ein AKP-Think Tank, einen Beitrag über Hanau und die Folgen mit dem Titel „Westliche Muslime am Scheideweg“. Der Auftrag SETAs ist es, mit vermeintlich wissenschaftlichen Analysen die AKP-Agenda zu unterfüttern Der Beitrag des SETA-Mitarbeiters Kazim Keskin gibt Aufschluss über die Narrative, mit denen Ankara nicht nur auf die türkeistämmigen Muslime, sondern auch auf alle anderen in Europa lebenden Muslime versucht Einfluss zu nehmen. Denn – so die Hauptaussage des Beitrags – nur eine starke Türkei garantiert die Sicherheit der Muslime in Europa.

Hier die Übersetzung einer Schlüsselpassage aus diesem Beitrag:

„ (…) Wenn die in Deutschland und in den anderen westlichen Staaten lebenden Muslime nicht die Dinge erleben wollen, die den Juden in den 1930er und 40er Jahren widerfahren ist, müssen sie verstehen, was den Juden damals gefehlt hat: ein Staat, der sich um sie kümmert bzw. für sie einsetzt.

Dieser Staat, der sich um die Muslime in Europa kümmert, ist – wie wir alle wissen – einzig und allein die Türkei. Damit die Türkei stark sein und sich auch für die Muslime im Westen stark machen kann, müssen in Europa lebende Muslime Wege finden, dem Druck, der aus Deutschland und Europa auf die Türkei gemacht wird, entgegenzuwirken. (…)“

Jenseits des absurden und auch historisch falschen Vergleichs mit der Judenverfolgung unter dem Nationalsozialismus und dem Holocaust, kann man an diesem Beitrag deutlich sehen, wie die türkische Regierung über ganz unterschiedliche Institutionen wie SETA, das Amt für Auslandstürken (YTB) und Medien wie TRT Deutsch und andere Kanäle versucht, reale Probleme der in Europa lebenden türkeistämmigen Menschen und der Muslime insgesamt gekonnt aufzugreifen, um diese gleichzeitig für ihre eigene machtpolitische Agenda nutzbar zu machen. Ankara sieht in den Muslimen in Europa potentielle Erfüllungsgehilfen für eigene politische Ziele und versucht dabei aber den Betroffenen das Gefühl zu geben, dass die Türkei sich für ihre Belange einsetze. Zu selten allerdings erkennt die Zielgruppe dieser Politik, dass dies der Realität nicht entspricht. Vielmehr verschlimmert diese politische Instrumentalisierung die Probleme von Muslimen. Die Zielgruppe jedoch hat das Gefühl, dass ihre Sorgen und Ängste ernst genommen werden.

Aber man darf nicht den Fehler machen, sich jetzt einzig und allein über diese politische Agenda von Erdogan zu empören, denn er schließt hier gekonnt eine Lücke mit seiner ‚Diasporapolitik‘. Eine Lücke, die unsere Politik und Gesellschaft geschaffen haben. Wenn die deutsche Politik und Gesellschaft die Probleme und das Sicherheitsgefühl seiner muslimischen BürgerInnen nicht ernst nimmt und keine konkreten Schritte einleitet, um diese Dinge zu verbessern, überlässt sie anderen Akteuren das Spielfeld.

Die Gründung eines Expertenkreises Muslimfeindlichkeit durch das Bundesinnenministerium ist ein wichtiger Schritt. Aber im Vergleich zur türkischen Politik, die gezielt die Emotionen der hier lebenden Muslime ansprechen möchte, wirken die Maßnahmen der Deutschen wie eine kalte bürokratische Geste. Neben Gremien mit Experten und politischen Entscheidungen braucht es auch mehr Empathie, die wohldosiert kommuniziert werden muss, um das Sicherheits- und Zugehörigkeitsgefühl bei den Betroffenen wiederherzustellen.

1 Kommentar

  1. Danke für diesen Beitrag. Ich denke auch, dass was wir Muslime brauchen hier in Deutschland ist, dass auch unsere Probleme und Lebensrealität ernst genommen wird und die Sachen für uns aus unserer Sicht behandelt werden und nicht kalt und von oben herab – also unempathisch – aus ihrer eigenen Sicht. Denn für sie mögen Sachen Kleinigkeiten sein, die für uns die Katastrophe sind, weil sie es nicht an der eigenen Haut erleben wie es ist. Ich finde auch im menschlichen Umgang miteinander fehlt generell in Deutschland oft Barmherzigkeit. Angefangen im Kindergarten und Schulsystem bis zur Arbeit und allem einfach. Statt sich hineinzuversetzen in einen Menschen und Mut zu machen, wird kalt von oben benotet und jegliche Zukunft des Menschen vernichtet und offen daran nicht geglaubt. Ich finde diese fehlende Barmherzigkeit – besonders für „Andere“ Menschen als die der Mehrheitsgesellschaft – ist Teil des ganzen Systems hier. Sogar wenn die Menschen barmherzig sind, müssen sie wegen ihrer Stelle unbarmherzig umgehen.

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