Neco Celik: „Mit migrantischer Folklore habe ich nichts am Hut.“

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Neco Celik ist ein Kreuzberger Urgestein. Er ist in Kreuzberg aufgewachsen, war in der 80ern Mitglied der berühmt berüchtigten 36 Gang, arbeitet seit langen Jahren als Theater- und Filmregisseur. Mit seiner Operninszenierung von Fatih Akins „Gegen die Wand“ gewann er den Faust-Theaterpreis. Mit Crews & Gangs kommt jetzt seine erste Fernsehserie.

In Deiner ersten Fernsehserie Crews & Gangs thematisierst Du die Rivalität zweier Tanzcrews in Berlin. Ist es ein Abbild einer deutschen Jugendkultur, die vor allem die Großstädte wie Berlin mittlerweile prägt?

Neco Celik: Nicht nur in den Metropolen. Diese Jugendkultur hat längst die Provinzen erreicht und bringt große Hiphop-Aktivisten hervor. Doch unsere Serie hat auch einen nennenswerten historischen Background, was die Rivalitäten betrifft. Eine entscheidender Motiv für die Narrative. Schließlich haben wir deshalb darüber eine Serie gedreht. Ein paar Staffeln sollen es noch werden.

Mit realem Background meinst Du die Auseinandersetzungen zwischen den Gangs in den 80er Jahren? Wie war das damals? Worum ging es eigentlich?

Es ging um ein uraltes Spiel. Nichts Existenzielles. Wer war der King, wer saß auf dem imaginären Straßenthron? Damals saßen die 36 Gangs auf dem Thron und die anderen haben sie versucht zu stürzen. Es gab Verletzte und der Teufelskreis der Gewalt schien kein Ende zu haben.

Du warst selber in Deiner Jugend bei den 36ers. Welche Unterschiede gibt es zwischen der Jugendkultur von damals und der heutigen?

Der Unterschied zwischen meiner Jugendzeit und Heute war und bleibt die selbstlose Freundschaft.

Das heißt?

Man hatte das Wenige miteinander geteilt. Man war bereit Entbehrungen für die Freundschaft zu erbringen, wie man es auch in der Serie Crews&Gangs beobachten kann. Heute funktionieren diese Entbehrungen nicht mehr. Es gibt dafür keine Wertschätzung mehr, es gibt keine Zeit dafür. Die Zeit scheint kostbarer zu sein als Freundschaft und Familie.

Kian ist einer der Hauptprotagonisten. Er führt die „Ghetto Kings“ und lernt Ani kennen, eine rhythmische Sportgymnastin, die aus dem Internat der Deutschen Olympischen Akademie flüchtet. Sie besucht ihren Vater, der vor den Trümmerhaufen seiner Ehe steht und als Alkoholiker am Kotti wohnt. Man denkt bei Crews & Gangs immer, jetzt kommt zum wiederholten Male wieder ein türkeistämmiger Regisseur mit einer Migrantengeschichte, mit einem typischen Film über das Migrantenmillieu. Aber es wird nie zum Thema…

Von vornherein war klar, dass wir keine typische Serie drehen werden. Ich komme aus der gezeigten Subkultur. Mein Ansprüche an mich und die anderen waren sehr hoch. Mit migrantischer Folklore habe ich nichts am Hut. Das machen andere zu Genüge. Mir war klar, ich erzähle eine Geschichte, die ich nur zu gut kenne. Dennoch muss bei der Figurenskizzierung genau gearbeitet werden, sonst fliegt dir alles um die Ohren. Ich denke, dass wir über das Milieu-Genre hinweg gearbeitet haben. Es ist am Puls der Stadt und keine karikierende Gefälligkeit.

Bilden Crews & Gangs, die Charakteren, die dort gezeichnet werden, die neue Selbstverständlichkeit oder Normalität, die die junge Generation mittlerweile verkörpert, ab? Oder ist es eher ein Wunschdenken?

Kein Wunschdenken! Ich kann mit ruhigem Gewissen garantieren, dass das die Selbstverständlichkeit ist in dieser Subkultur, die ich in Szene gesetzt haben. Die Konflikte sind natürlich fiktional aufgearbeitet. Dennoch müssen die gezeigten Persönlichkeiten, glaubhaft nachvollziehbar sein. Was unsere Serie in dem Fall ausmacht, ist die Empathie zu unseren Protagonisten.

Die Frauen spielen in der Serie die starken Persönlichkeiten, während die männlichen Rollen hin- und hergerissen sind. Eine Türkeistämmige Polizistin und erfolgreiche Anwältin sind sehr dominante Persönlichkeiten, ohne dass ihre Herkunft auch nur im Ansatz thematisiert wird. Du brichst mit so einigen Bildern, die gesellschaftlich immer noch sehr präsent sind.

Meine Absicht war grundsätzlich komplett mit den deutschen Sehgewohnheiten aufzuräumen. Die Herkunft der ProtagonistInnen spielen keine Rolle. Ihre Herkünfte könnten irgendwann in unserer Erzählung vorkommen, aber nur wenn es einen Sinn ergibt.

Die Serie läuft jetzt zunächst bei Joyn, wird aber bald auch im Free TV bei RTL Zwei laufen. Auf den ersten Blick ist es überraschend, dass diese Serie ausgerechnet bei RTL Zwei laufen wird. Findet im deutschen Fernsehen ein Umdenken statt?

RTL2 ist ein sehr mutiger Sender. Als ich dem Sender Crews&Gangs gepitcht habe, waren sie sofort Feuer und Flamme. Ich denke in der deutschen Fernsehlandschaft ist das eine Ausnahme. Die Regel ist immer noch mit den gewohnten Sehgewohnheiten weiter zu machen. Ein Umdenken ohne die Abbildung der gesellschaftlichen Vielfalt in Deutschland wird nicht möglich sein.

Viele sagen, dass die Serie 4Blocks die Tür für moderne Serien in Deutschland geöffnet hat. Trotz des großen Erfolgs von 4Blocks zeichnet auch diese Serie einige Klischees nach. Was erwartest du als langjähriger Theater- und Filmregisseur vom deutschem Film und Fernsehen?

Die Macher von 4Blocks haben bei aller Kritik und Erfolg aufgezeigt, was auch in Deutschland möglich sein kann. Ich habe aber keine Erwartungen. Ich bin da, um mit anderen Filmmachern inspirierende, polarisierende und glaubwürdige Filme zu machen. Wir nutzen in Deutschland unser Potenzial nicht genug aus, obwohl durch Streamingdienste längst ein Paradigmenwechsel eingeläutet wurde. Der Krieg um Content ist immer im Gange. Wer zu spät kommt, hat bekanntlich das Nachsehen. Mehr gibt es nicht zu erwarten.

Ist es einfacher einen Film oder eine Serie zu realisieren, welche nach den üblichen Schemata abläuft? Wie schwer ist es Filme und Serien zu realisieren bzw. zu finanzieren, die eine neue Erzählung der deutschen Realitäten abbilden wollen?

Einen Film oder eine Serie zu realisieren, ist immer mit einem Kampf verbunden. Aber das ist auch gut so. Es fördert die natürlichen Synapsen. Viele Akteure im der Film- und Fernsehindustrie haben natürlich ein Mitspracherecht. Aber wenn man den Kreativen das Vertrauen schenkt, statt sie zu belehren, wird man am Ende belohnt werden.

Crews & Gangs läuft derzeit auf Joyn Plus: https://www.joyn.de/serien/crews-gangs

Ein Portrait über Neco Celik: Gewalt in Kunst verwandeln

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