Baudrillard

„Ende der Aufklärung“
Zum Tode des französischen Philosophen Jean Baudrillard. Von Eren Güvercin

Der Denker Jean Baudrillard wurde am 20. Juli 1929 in Reims geboren. Er studierte zuerst Germanistik und arbeitete einige Jahre als Deutschlehrer und Übersetzer, studierte dann Soziologie und Philosophie an der Universität Paris-Nanterre und machte seinen Doktor bei Henri Lefebvre.

Samuel Strehle bezeichnete in seinem Nachruf Baudrillard als einen der umstrittenen, aber auch einen der großen Denker der Gegenwart. Seine Werke stellten wichtige Beiträge zu einer philosophischen Medientheorie dar, die von Naturwissenschaftlern oft als „Unsinn“ und „Kauderwelsch“ geächtet sei. Dem amerikanischen Physiker Alan Sokal etwa galt er als einer jener speziellen „french intellectuals“, die angeblich außer heißer Luft und gehörig viel Metaphernstaub nicht viel bewegen. Er war im Grunde einer der letzten klassischen und zugleich denkbar unklassischen Philosophen.

In seinen Anfangsjahren suchte er als „Sherlock Holmes in den Supermärkten der blühenden Konsumgesellschaft“ (NZZ) nach „der verborgenen Ideologie hinter den alltäglichen Dingen“ (Samuel Strehle), mit denen wir uns im Konsumkapitalismus Tag für Tag umgeben.

In seinem ersten Werk „Das System der Dinge“ analysiert Baudrillard das Verhältnis zwischen dem Menschen und den Gegenständen des Alltags und die symbolische Funktion dieser Dinge. 1976 erschien sein Hauptwerk „Der symbolische Tausch und der Tod“, in dem Baudrillard „den Tod der Realität und die Herrschaft der Simulation“ diagnostiziert. Samuel Strehle fasst die zentrale These dieses Werkes mit dem Schlagwort der „Referenzlosigkeit der Zeichen“ zusammen. „Geld und Kapital als verselbständigte Zeichensysteme, Konsumgüter als Zeichen, mit denen man sich zum Statuserwerb schmückt, aber auch und vor allem die Bilder der Massenmedien: Die Zeichen bilden nicht mehr eine tieferliegende Realität ab, sondern haben sie geradezu ersetzt. Die Medien, so Baudrillard, führen eine ‘Rede ohne Antwort’, einen Monolog der Macht, der den Rezipienten jede Möglichkeit des eigenen Handelns und der eigenen Stellungnahme verweigert angesichts des Sperrfeuers der Informationen, mit den sie zugeschüttet werden.“1

Das Leben auf dem Bildschirm sei das Vorbild für das gelebte Leben, und die Unterscheidung sei nicht mehr möglich. „Auflösung des Fernsehens im Leben, Auflösung des Lebens im Fernsehen – eine nicht mehr zu unterscheidende, chemische Lösung“, schreibt Baudrillard in „Die Präzision der Simulakra“. Was man früher Wirklichkeit nannte, sei für ihn nun im Schein der allmächtigen und allherrschenden Medien verschwunden.2

Wie einst Nietzsche, habe auch Baudrillard im Nihilismus die treffende Formel der Gegenwart erblickt.3 Dennoch war er kein Zyniker und noch weniger Nihilist, sondern begriff den Nihilismus, wie bereits Nietzsche, als unser „Verhängis“. In der Abhandlung „Das perfekte Verbrechen“ schreibt Baudrillard, dass vom Standpunkt unseres Wissensapparates aus die Feststellung niederschmetternd erscheinen mag, „doch vom Standpunkt der Singularität, der Alterität, des Geheimnisses liegt darin im Gegenteil unsere einzige Chance“. An dieser Stelle verweist Baudrillard auf Hölderlins Formel: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Die Gefahr liege heute in der Positivität, im bedingungslosen Heil durch die Technik. „Doch gewiss steht dem etwas Unüberwindliches entgegen, und wir müssen als Anklang an den Satz von Hölderlin jenen zutiefst geheimnisvollen von Heidegger anführen: „Blicken wir in das zweideutige Wesen der Technik, dann erblicken wir die Konstellation, den Sternengang des Geheimnisses.“ Durch diese Formel schimmere die Hypothese einer übermächtigen Reversibilität, die sich letztendlich gegen den unerbittlichen Prozess der Desillusionierung durchsetzen würde. Am äußersten Horizont der technischen Entwicklung gebe es etwas anderes, „das Auftauchen einer anderen Spielregel“. „Letztlich ist die Technik vielleicht nur ein riesiger Umweg, der uns zur radikalen Illusion der Welt zurückführt – ein riesiger Umweg, an dessen Ende irgendein Ereignis möglich bleibt, doch davon wissen wir nichts“, so Baudrillard.

Für heftige Reaktionen sorgten Baudrillards Äußerungen zu den Terroranschlägen vom 11. September. Er verstand diese als „Wink der Geschichte“, als Wiederkehr des Realen im Herzen des westlichen Scheins und als blutige Antwort auf den „terreur“ der entleerten Freiheit. Für Baudrillard war dieses „absolute Ereignis“ die „Revolte der Anti-Körper“ und damit ein Phänomen des globalisierten Westens, der sich Amerika und seiner Lebensform unterworfen hat und seinen Selbsthass, seine Hochmut und sein „Wissen“ ausbreitet bis in den letzten Winkel der Erde. Nach Baudrillard implodiere die „fundamentalistische Religion“ in der erbärmlichen Leere einer Zivilisation, die ihre heiligsten Werte geopfert habe und zu nichts anderem mehr in der Lage sei als zur Abtötung der Zeit, zur Spiritualität des Konsums und zur fetischistischen Anbetung von Wachstum und Waren.

In einem Artikel für die Frankfurter Rundschau mit dem Titel „Die Globalisierung hat noch nicht gewonnen“ (2002) schreibt Baudrillard, dass der Terrorismus offensichtlich keine ideologische und politische Alternative enthalte. „Der Terrorismus hat kein Ziel und lässt sich nicht an seinen realen Folgen messen.“ Vielmehr riskiere er, durch zusätzliche Unordnung die Ordnung und Kontrolle des Staates zu verstärken, wie man es heutzutage überall in der Einführung neuer Sicherheitsmaßnahmen erkennen könne.

In diesem Artikel fragt Baudrillard nach der heimlichen Botschaft der Terroristen, und als Antwort führt er eine Erzählung Nasreddins Hodschas an. Täglich sieht man Nasreddin mit schwer beladenen Maultieren die Grenze überqueren. Jedesmal werden die Säcke durchsucht, aber man findet nichts. Und Nasreddin überquert immer wieder mit seinen Maultieren die Grenze. Lange danach wird er gefragt, was er denn geschmuggelt habe. Und Nasreddin antwortet: Maultiere! Baudrillard folgert daraus, dass man allerhand Interpretationen für den terroristischen Akt aufbieten werde, in Begriffen der Religion, des Martyriums, der Rache oder politischen Strategie. Die geheime Botschaft sei aber ganz einfach der Selbstmord, die „Herausforderung an das System durch die symbolische Gabe des Todes“. Aufgrund seiner Äußerungen kam es zu zahlreichen Anfeindungen. Baudrillard stellte aber klar, dass er nichts verherrlicht, niemanden angeklagt und nichts gerechtfertigt habe. „Man darf den Botschafter nicht mit seiner Kunde verwechseln. Ich bemühe mich, einen Prozess zu analysieren: den der Globalisierung, die durch ihre schrankenlose Ausdehnung die Bedingungen für ihre eigene Zerstörung schafft.“ Bernard-Henri Lèvy hielt Baudrillard vor, dass die USA schließlich eine barbarische Unterdrückung beendet und dem afghanischen Volk Frieden gegeben habe. Baudrillard lehnte im „Spiegel“ diesen „Triumphalismus eines Lèvy“ ab und entgegnete ihm: „Er bringt ein Hoch auf die B-52-Bomber aus, als wären diese Instrumente des Weltgeistes.“

In diesem „Spiegel“-Interview erläutert er seine Analyse noch einmal wie folgt: „Das System selbst in seinem totalen Anspruch hat die objektiven Bedingungen dieses furchtbaren Gegenschlags geschaffen. Der immanente Irrsinn der Globalisierung bringt Wahnsinnige hervor, so wie eine unausgeglichene Gesellschaft Delinquenten und Psychopathen erzeugt. In Wahrheit sind diese aber nur die Symptome des Übels.“

Die utopische Sicht, dass Globalisierung doch Freiheit, Wohlstand und Glück verheiße, sei gewissermaßen die Reklame. Die Globalisierung beruhe, wie früher der Kolonialismus, auf einer ungeheuren Gewalt. Sie schaffe mehr Opfer als Nutznießer, so Baudrillard. „Die Globalisierung wird angepriesen wie der Endpunkt der Aufklärung, die Auflösung aller Widersprüche. In Wirklichkeit verwandelt sie alles in einen verhandelbaren, bezahlbaren Tauschwert. Dieser Prozess ist extrem gewaltsam, denn er zielt auf eine Vereinheitlichung als Idealzustand ab, in dem alles Einzigartige, jede Singularität, mithin jede andere Kultur und letztendlich jeder nichtmonetäre Wert aufgehoben würden.“

Baudrillard geht weiter und sagt, dass die Globalisierung vorgebe, die Menschen zu befreien, dabei dereguliere sie nur: „Die Abschaffung aller Regeln, genauer: die Reduzierung aller Regeln auf das Gesetz des Marktes ist das Gegenteil von Freiheit – nämlich deren Illusion. So altmodische Werte wie Würde, Ehre, Herausforderung, Opfer zählen darin nicht mehr.“ Die Menschenrechte sind nach Baudrillard in diesen Globalisierungsprozess integriert und funktionieren als Alibi, als Werbung. Es sei paradox, dass die westliche Politik heute die Menschenrechte als Waffe gegen Andersartige benutze. Die Demokratie werde mit Drohung und Erpressung durchgesetzt, womit sie sich selbst sabotiere. Sie stelle keine autonome Entscheidung für die Freiheit mehr dar, sondern werde zum globalen Imperativ. In einem seiner letzten Interviews, die er für eine spanische Zeitschrift gab, äußerte sich Baudrillard auch über die Bedeutung des Islam in unserer Zeit: „Die ganze Welt, China und Japan eingeschlossen, wird in die postmoderne Zersplitterung und Entwurzelung hineingezogen, die die Werte hinter sich lässt. Es gibt eine Ausnahme: den Islam. Er allein fordert die radikale Gleichgültigkeit, die die Welt durchfegt, heraus.“

Am 6. März ist Jean Baudrillard im Alter von 77 Jahren in Paris gestorben.

1 Samuel Strehle, Jenseits des Realitätsprinzips, 07. März 2007, zu finden auf http://www.sicetnon.org

2 ebd.

3 ebd.

2 Comments

  1. idog says

    ja sehr gerne gelesen … und viele Anregungen zur weiteren Lektüre erhalten – Danke

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