Islamismus

Die Schlacht der Ingenieure

In der Debatte um ­Kopftuchträgerinnen und Hass­prediger wird nicht klar zwischen Islam und ­Islamismus unterschieden

Wer „Islamismus“ sagt, meint oft nur die Sorge um eine mögliche Ideologisierung von Muslimen. Doch zu schnell und unreflektiert ist daraus ein Kampfbegriff geworden, der unterschiedlos bekennende Muslime und eine gewaltbereite Minderheit in einen Topf wirft. Ist ein Muslim schon ein Islamist, wenn er täglich zur Moschee geht? Ist er ein Islamist, wenn er den Koran rezitiert und glaubt, dass der Koran das Wort Gottes ist? Muss ein Muslim aus einem „Koran light“ rezitieren, ohne Prügelverse und dergleichen, um als „guter“ Muslim anerkannt zu werden? Die Gegner des Islam scheinen es darauf angelegt zu haben, die Trennlinie zwischen dem Islam mit einer in Traditionen verhafteten Lebenspraxis und einem islamistischen Modernismus als ideologischer Parteiung aufzulösen. Die unscharfe Definition und beliebige Verwendung des Begriffs spielt den polarisierenden „Islamkritikern“ geradezu den Ball zu.

Die Herkunft des Islamismus ist greifbarer als sein ‚eigentliches‘ Wesen. Islamismus ist ein Begriff, der verschiedene ideologische Strömungen umfasst, und am Ende des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Vorher war meist von Islamischem Fundamentalismus die Rede. Der französische Soziologe und Politikwissenschaftler Gilles Kepel widmete der Geschichte dieses Phänomens, das vor einem Vierteljahrhundert vor allem in Folge der damaligen Krise des arabischen Nationalismus entstand, eine detailreiche Arbeit.

Das Paradies im Jenseits

Gerade weil Kepel kein Muslim ist, gibt sein Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus auch für Muslime interessante, man könnte sagen tabufreie Hinweise darauf, wie der arabische Modernismus zu hinterfragen wäre. Kepel betont, dass die unheilvolle Reduktion des Islam auf eine politische Bewegung ein im Grunde neues Phänomen darstellt. Der Islam wird nun von „politischen Brandreden gegen den Feind“ bestimmt. Wenn man sich die Chefideologen wie Sayyid Qutb oder Maududianschaut, auf die sich die heutigen Islamisten jeglicher Couleur berufen, waren diese keine islamischen Gelehrten, sondern Journalisten und Pädagogen. Sayyid Qutb‘s Wissen über den Islam beruht auf einem laienhaften Bücherstudium. Es scheint kein Zufall, dass die heutigen Vordenker der Dschihadisten fast ausnahmslos Ingenieure sind und mit ihrem naturwissenschaftlich-technischen Denken an den ­Islam herantreten: sie bedienen sich des Korans als wäre er ein Werkzeugkasten. Dessen Kennzeichen ist aber gerade eine mehrdeutige, offene Begrifflichkeit, wie etwa der Islamwissenschaftler und Koranübersetzer Ahmad Milad Karimi betont. „Man hat auch im Namen der Bibel und des Kreuzes Kriege geführt, wohl gemeint für eine Religion der Liebe.“ „Wenn die Einstellung politisch ist,“ so Karimi, „dann ist Vorsicht geboten. Der Koran ist kein Politikum.“

Die Dschihad-Ideologie der Islamisten hat mit dem Dschihad-Begriff im Koran nichts zu tun hat. Die Idee des gerechten, im Ergebnis totalen Kriegs ist keine islamische Erfindung. Nach der Logik des gerechten Krieges gibt es eines – wenn auch recht fernen – Tages eine gerechte und gute Weltherrschaft, die jedenfalls nach der koranischen Offenbarung weder Ziel noch Mission des Islam darstellt. Der Islam verlegt das Paradies ins Jenseits. Weltherrschaft und die moderne Idee des Weltstaates sind nicht im islamischen Denken begründet. Das Konzept des „Dschihad“ als rechtliches Phänomen ist ja gerade eine Begrenzung des Kriegs, kein Wunder wird es von den modernen „Islamisten“ – falls sie dieses Recht überhaupt kennen – in ihrer Ideologie kaum beachtet.

Der Begriff „Dschihad“ wird im Koran an über 30 Stellen verwendet. „Aber an keiner Stelle“, so der Koranübersetzer Karimi, „ist der Begriff als ‚heiliger Krieg‘, bellum sacrum oder bellum sanctum zu verstehen; noch nicht einmal als bellum iustum im Augustinischen Sinne. Dschihad heißt wesentlich im Koran: sich abmühen, sich bemühen, sich anstrengen, sich einsetzen, ja eher im Sinne von ‚studere‘.“ Zum Problem wird der moderne Islamismus, weil er eine Mischform zwischen westlich-politischem Denken und Islam darstellt. Das Bestreben der heutigen „Islamisten“ kann man mit dem Versuch extremistischer Gruppen wie der RAF oder der Roten Brigaden vergleichen, durch Terrorakte den Niedergang der kommunistischen Ideologie zu bremsen.

Hinter den Zerrbildern

Das Bild, das für gewöhnlich vom Islam gezeichnet wird, ist das einer rücksichtslos homogenen Gemeinschaft, welche die westlichen Werte ablehnt und die Konflikte des Nahen und Mittleren Ostens ins Zentrum Europas hineinträgt. Aber fundamentalistische Strömungen wie der Wahhabismus (oder auch der protestantische Evangelikalismus) sind nicht etwa Produkte traditioneller Kulturen. Im Gegenteil: Sie sind die Folge von De-Kultivierung und Globalisierung. In diesem Sinne sind sie „modern“. Religiöse Spannungen verweisen stets auf Krisen traditioneller Kulturen – und sind nicht deren Ausprägung. Der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy betont, dass die Religion keine besondere Rolle in dem Prozess individueller Radikalisierung spiele. „Es gibt einige „Neugeborene“, so Roy, „welche die Vorstellung einer entkultivierten fundamentalistischen Marke des Islam fasziniert, der die traditionellen muslimischen Kulturen – die Kultur ihrer Vorfahren – in ähnlicher Weise kritisiert, wie sie es mit westlichen Kulturen praktizieren.“ Roy versteht Fundamentalismus als Tendenz, die jeder Religion innewohnt. Dabei mache es keinen Sinn, von außen einen „guten Islam“ zu befördern: „Die Aufgabe ist, Raum zu schaffen für einen glaubwürdigen Hauptstrom Islam, der die religiösen Ansprüche der Masse der Muslime erfüllt.“

Umso fataler, dass unter den Staubwolken des Terrors der Islam selbst kaum mehr erkennbar ist. Wirksam werden Zerrbilder, die nur hirnrissigen Fundamentalismus oder banale Esoterik erkennen lassen. Die Denunziation der Muslime hat erschreckende Ausmaße angenommen. Aber auch auf der muslimischen Seite braucht es dringend eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Ideologie des islamischen Modernismus. Sie ist für Muslime von entscheidender Bedeutung. Notwendig dazu ist die entschiedene Haltung, sich durch niemanden ideologisieren zu lassen. Denn wie der Wahhabismus schon zeigt, ist die Hochzeit von Ideologie und islamischer Lebenspraxis eindeutig gefährlich – für Muslime wie Nicht-Muslime.

http://www.freitag.de/kultur/1005-islam-islamismus-olivier-roy-gilles-kepel-dschihad

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