Kapitalismuskritik

Der Terror des Katastrophen-Kapitalismus

Naomi Klein liefert in ihrem neuen Buch eine schonungslose Analyse vom Siegeszug der neoliberalen Ideologie und der Schattenseiten der Globalisierung

 

von Eren Güvercin

Klein, die an der Universität von Toronto Anglistik und Philosophie studierte, ist es gelungen, ein Buch vorzulegen, das den Leser trotz vieler Fakten und Analysen von der ersten Seite an packt. Vor allem gelingt es der Autorin, festgefahrene kapitalistische Glaubensgrundsätze in ihren Grundfesten zu erschüttern.

„Die offizielle Geschichtsschreibung“ so Klein in einem Interview, „liest sich heute so, als seien Kapitalismus und Demokratie Hand in Hand gegangen.“ Dies widerlegt sie, indem sie die Ereignisse in Südamerika, Russland oder im Irak rekapituliert und aufzeigt, wie wenig das Volk bei der Zementierung der Machtverhältnisse tatsächlich berücksichtigt wurde. Sie zeigt, dass die „Geburtshelfer dieser fundamentalistischen Form des Kapitalismus“ (Klein) die brutalsten Formen von Gewalt waren, die man sowohl einer Bevölkerung kollektiv als auch einer Person individuell antun kann.

Kleins Ausgangspunkt sind die Elektroschockexperimente des Montrealer Arztes Dr. Ewen Cameron in den 50er Jahren. Die CIA bezahlte Cameron damals, damit dieser bizarre Experimente an seinen Psychiatriepatienten durchführte. Am Allan Memorial Institute der McGill University wurden unter der Leitung von Cameron Patienten monatelang isoliert und unter Verabreichung von Drogencocktails mit LSD und Phenclyclidin (PCP) künstlich in den Schlafzustand versetzt. Dann verabreichte man ihnen als „Therapie“ Elektroschocks. Erst Ende der 90er Jahre gelangten Informationen über diese Versuche an die Öffentlichkeit, was zu einer Anhörung vor dem US-Senat führte. Nach einem langen Prozess wurde die CIA zu Schadensersatzzahlungen verurteilt.

Diese Experimente beruhten auf der Vorstellung der Entprägung des Menschen, den man als Tabula rasa dann neu und „gesund“ kodieren könne. Die CIA adaptierte diese Techniken und ließ sie in ihre Handbücher einfließen, die seit den 90er Jahren nicht mehr der Geheimhaltung unterliegen. Klein führt die Vorgehensweise der CIA bei so genannten „Zwangsbefragungen“ auf: Zunächst soll der Befragte jeder Sinneswahrnehmung mit Kopfhauben, Ohrstöpseln und vollständiger Isolierung beraubt werden. Dann solle der Körper mit überwältigenden Stimuli bombardiert werden wie plärrender Musik, Schlägen oder Elektroschocks. Dadurch soll im Kopf der Gefangenen ein Wirbelsturm provoziert werden, so dass sie so sehr retardieren und so viel Angst haben, dass sie nicht länger rational denken oder ihre Interessen schützen können. Als Ergebnis lieferten dann die meisten der Verhörten dem Vernehmungspersonal das, was dieses gerade wolle.

Parallel zu diesen Elektroschockexperimenten wurde an der University of Chicago unter der Führung Milton Friedmans ein fundamentalistisches Kapitalismuskonzept entwickelt, das bei der Masse das erreichen sollte, was die Folter mit dem Einzelnen im Vernehmungsraum anstellte. Friedman ging ebenso von der Notwendigkeit einer Tabula rasa aus, was die Entprägung ganzer Gesellschaften und ihrer Neuschreibung als ein System neoliberaler, „freier“ Marktwirtschaft nach sich ziehen sollte.

Diese Thesen haben dazu geführt, dass Naomi Klein von einigen Medien in die Verschwörungstheoretiker-Ecke gestellt wird. Ein genauerer und objektiver Blick in ihr Buch zeigt dem vorurteils- und ideologiefreien Leser aber, wie Klein die Entwicklung in den letzten 50 Jahren genauestens nachzeichnet, wobei die Quellenangaben für die von ihr genannten Fakten alleine schon an die 100 Seiten des Buches füllen. Sie zeigt, welch großer Einfluss von Friedmans Schule ausging, und welche Auswirkungen diese in den unterschiedlichsten Ländern hatte. Egal, welches Beispiel Klein nennt, spielt immer wieder Milton Friedman, den sie als „Oberguru des skrupellosen Kapitalismus“ bezeichnet, und seine Schule eine zentrale Rolle.

Am Beispiel der Flutkatastrophe in New Orleans verdeutlicht Klein die Denkweise dieser Bewegung. So hätten die Anhänger von Friedmans Kapitalismus-Ideologie die Katastrophe, die die Bevölkerung in einen Schockzustand versetzte, als eine einmalige Möglichkeit gesehen, um „Reformen“ durchzusetzen, die unter normalen Umständen heftige Proteste in der Bevölkerung ausgelöst hätten. Binnen weniger Monate wurde das komplette Schulsystem verauktioniert und durch „Charter schools“, Vertragsschulen, ersetzt, öffentliche Schulen zwar, die jedoch weitgehend nach ihren eigenen Regeln vorgehen können. „Vor dem Hurrikan existierten 123 öffentliche Schulen in New Orleans, jetzt waren es nur noch vier“, so Klein. Die Friedmansche Denkfabrik, das American Enterprise Institute, schrieb: „Katrina vollbrachte in einem Tag, was woanders in jahrelangen Versuchen nicht gelungen war.“ Die Lehrer an den öffentlichen Schulen sprachen von einer „pädagogischen Enteignung“. Diese Art von konzentrierten Überfällen auf die öffentliche Sphäre nach verheerenden Ereignissen und die Haltung der Friedmanschen Schule, Desaster als Marktchance zu begreifen, nennt Naomi Klein „Katastrophen-Kapitalismus“.

Zu Friedmans Schülern zählen nicht nur mehrere US-Präsidenten, britische Premierminister oder Direktoren des IWF, sondern auch russische Oligarchen und Dritte-Welt-Diktatoren. Mehr als drei Jahrzehnte lang versuchten die Anhänger Friedmans ihre fundamentalistische Version vom Kapitalismus voranzubringen und zu perfektionieren. Sie entwickelten die „Schock-Doktrin“, die beinhaltet, auf eine große Krise oder einen Schock zu warten, und dann den Staat privaten Interessen preiszugeben, solange die Bürger sich noch vom Schock erholen.

Das Besondere in Naomi Kleins Buch ist, dass sie und ihr Recherche-Team nicht nur eine Unmenge von Fakten zusammentragen, sondern daraus auch einen Zusammenhang herstellen. „Wie man eine große Krise oder einen Schock ausnutzt“ schreibt Klein, „lernte Friedman Mitte der 70er Jahre, als er den chilenischen Diktator General Pinochet beriet.“ Nach Pinochets blutigem Militärputsch befand sich das Land im Schockzustand und war auch durch eine Hyperinflation traumatisiert. Friedman empfahl Pinochet den extremsten kapitalistischen Umbau, der jemals unternommen worden war und als „Revolution der Chicagoer Schule“ bekannt wurde, da viele von Pinochets Wirtschaftsexperten bei Friedman in Chicago studiert hatten.

„In Südamerika sahen viele einen direkten Zusammenhang zwischen den Wirtschaftsschocks, die Millionen arm machten, und der Welle von Folter, mit der Hunderttausende bestraft wurden, die an eine andere Form von Gesellschaft glaubten“, schreibt Klein. Der Schriftsteller Eduardo Galeano aus Uruguay fragte in seinem Buch Tage und Nächte von Liebe und Krieg: „Wie lässt sich aber denn diese Ungleichheit aufrechterhalten, wenn nicht mit Hilfe von Elektroschocks?“

Mit der in den letzten Jahren angewandten Shock-and-Awe-Militärdoktrin tauchte diese Formel viel brutaler im Irak wieder auf. Darauf folgte die radikale wirtschaftliche Schocktherapie, die dem noch in Flammen stehenden Land vom amerikanischen Chefgesandten Paul Bremer aufgezwungen wurde – massenhafte Privatisierungen, vollständiger Freihandel und eine drastisch zurückgestutzte Regierung.

Klein hebt hervor, dass diese fundamentalistische Form von Kapitalismus schon immer Desaster gebraucht habe, um voranzukommen. „Ein paar der infamsten Menschenrechtsverletzungen dieser Zeit, die man meist als sadistische Taten antidemokratischer Regime betrachtete, wurden in Wirklichkeit mit der vollen Absicht begangen, entweder die Öffentlichkeit zu terrorisieren oder aktiv der Einführung radikal marktwirtschaftlicher ,Reformen‘ den Boden zu bereiten.“

In allen Ländern, in denen in den letzten drei Jahrzehnten die Strategie der Chicagoer Schule verfolgt wurde, habe sich eine mächtige Allianz von einigen wenigen Großunternehmen und einer Schicht größtenteils reicher Politiker der Herrschaft bemächtigt.

Dieses System, das die Grenzen zwischen der hohen Politik und dem großen Geschäft verwischt, bezeichnet Klein als Korporatismus. Seine Hauptkennzeichen seien die massive Umverteilung von öffentlichem Besitz in Privathände, eine sich ständig vergrößernde Kluft zwischen den Superreichen und den disponiblen Armen sowie ein aggressiver Nationalismus, der unbegrenzte Verteidigungsausgaben rechtfertige. „Da es für die große Mehrheit der Bevölkerung außerhalb der Blase aber ganz offensichtlich nachteilig ist“ so Klein, „sind weitere Merkmale des korporatistischen Staates eine aggressive Überwachung (wobei abermals Regierung und Großunternehmen sich gegenseitig Gefallen tun und Verträge zuschanzen), Massenverhaftungen, Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten und oft, wenn auch nicht immer, Folter.“

Klein erzählt in diesem Buch keine Verschwörungsgeschichten, keine Heimlichkeiten, sondern sie erzählt von Verbrechen, die sich direkt vor unseren Augen abspielen. Und sie zeigt die Absurdität dessen, dass gerade jene Institutionen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden, um Krisen zu verhindern, nämlich die Weltbank und der Internationale Währungsfond, diese gewaltige Krisenproduktionsmaschine mit antreiben, unterstützt von zahlreichen humanitären NGOs.

Sie unterstreicht, dass unser Kapitalismus nicht nur einige bedauerliche historische Betriebsunfälle fabriziert hat, sondern als direkte Folge seines ewigen Expansionsstrebens auch systemimmanent Terror und Zerstörung in sich trägt. Der Journalist Khalil Breuer stellt die nahe liegende, aber unbequeme Frage: „Trägt man als aufgeklärter Europäer für so etwas auch eine Mitverantwortung?“ Eine viel zu selten gestellte Frage.

Die Schock-Strategie
Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus
Naomi Klein
Broschur
Fischer Verlag
Preis € 12,95
ISBN: 978-3-596-17407-2

4 Comments

  1. Karl Albert Magnus Friedrich says

    Mein Dank an Naomi Klein für die ausserordentliche
    Arbeit, die in systematischer Kleinarbeit das abstruse Hirn eines Milton Friedmann, die Zusammenhänge des Neoliberalismus und der Globalisierung glasklar aufzeigt und dessen Verfall
    und Selbstzerstörung, wie heute (09.2008) sichtbar,
    vorweg genommen hat. Tausendfachen Dank. Es gibt wieder eine Zukunft.
    K.A.M.Friedrich

  2. Bedszent Gerd says

    Ist diese Rezension in irgendeiner Zeitung erschienen? Bitte genaue Angabe!

  3. K.A.M.Friedrich says

    Zur Ergänzung des o.g Buches gehört das Buch
    von F.William Engdahl: Die dunkle Seite der
    Zerstörung. Er berichtet von den seit 100 Jahren
    kriminellen Machenschaften des Rockefeller- Clans mit dem Parvenü Henry Kissinger bis zu
    den kriminellen Monsantoaktivitäten zur
    Bevölkerungsreduktion mittels Gen- manipulationen und Mord durch Aushungern in den unterentwickelten Ländern.

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