Nach Paris: Radikalisierung von jungen Muslimen

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Letzte Woche sprach ich mit Martin Thür in Paris über die Attentate, die Radikalisierung von jungen Muslimen in Europa und wie man als Gesellschaft darauf reagieren sollte. Gesendet wurde das Interview in der Sendung Klartext auf ATV, u.a. auch mit Ursula Plassnik, ehemalige österreichische Aussenministerin und aktuelle Botschafterin in Paris. Hier das Interview mit mir auf YouTube:

Zeigt nicht mit dem Finger auf Andere!

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Es gibt in Europa eine Ignoranz gegenüber Terror und Gewalt in anderen Teilen der Welt. Aber auch für Muslime ist es Zeit für unangenehme Selbstkritik.

 

Paris_Night

Foto: Benh Lieu Song / CC-BY-SA 3.0

Die Anschläge in Paris haben die meisten Menschen in Europa in einen Schockzustand versetzt. Einige aber, darunter viele Muslime, stellen sich die Frage, warum kollektive Anteilnahme mit den Opfern in Paris herrscht, die täglichen Opfer des IS in der arabischen Welt nur marginal wahrgenommen werden. Insbesondere in den sozialen Medien ist die Entrüßstung groß. So empört man sich, dass Facebook zwar eine Funktion eingerichtet, das Profilbild mit der Tricolore zu versehen, das gleiche aber nach dem ebenfalls blutigen Anschläge des IS in Beirut unterlassen hat.

Ja, es gibt eine Ignoranz in Europa gegenüber Terror und Gewalt in anderen Teilen der Welt. Es mangelt an Anteilnahme und Solidarität. Oftmals fehlt der Blick und die Empathie für die zivilen Opfer des „Kriegs gegen den Terror“ in Afghanistan, Irak und Syrien oder dem Wüten des IS in Syrien oder dem Irak. Und es gibt eine Doppelmoral in der Außenpolitik westlicher Länder.

Aber das kann doch nicht als Ausrede gelten, um selber, als in Europa lebende Muslime, keine Empathie zu zeigen? Gewiss leiden in erster Linie die Muslime unter der Terrorherrschaft des IS. Abertausende sind ihren Verbrechen zum Opfer gefallen. Muslime, die hier in Europa leben, müssen aber auch fähig sein, Empathie für die Menschen des Landes zu entwickeln, in dem sie leben. Es sind ihre Mitbürger. Das Aufrechnen von Opfern, das sich Drücken vor Solidarität, ist Gift für das Zusammenleben hier, baut die bestehenden Ressentiments nicht ab, sondern schürt sie.

Und übrigens: Diejenigen, die am lautesten schreien „Paris ist schlimm, aber warum schaut ihr nicht nach Beirut, Aleppo oder Pakistan?“, sind oft die, die selber über Beirut, Aleppo und Pakistan geschwiegen haben. Sie erinnern sich jetzt daran, weil sie ihre Augen vor der schrecklichen Realität verschließen wollen. Wenn es um den Konflikt zwischen Israel und Palästina geht, sind die Muslime in Europa sofort Feuer und Flamme. Was die Lage der Muslime in Afrika, die Lage der muslimischen Uighuren in China oder der Krimtataren unter russischer Kontrolle angeht, herrscht dagegen Ignoranz.

Nein, es ist nicht die Zeit für Ausreden, es ist Zeit, den Zusammenhalt aller zivilisierten Menschen zu stärken, Zeit auch für unangenehme Selbstkritik unter uns Muslimen. Denn diejenigen, die banale einseitige Facebook-Solidaritätsaktionen bemängeln, schauen tatenlos zu, wenn salafistische Ideologen junge Muslime in ganz Europa rekrutieren. Die wahhabitisch-salafistische Ideologie ist es, die die islamische Denktradition negiert und die Mehrheit der Muslime als irregleitet und vom Glauben abgefallen bezeichnet – und für vogelfrei erklärt. Dagegen muss man Position beziehen, und zwar mit Argumenten aus einer islamischen Denktradition heraus, auf die der politische Islam in seinen verschiedenen Gestalten seit 200 Jahren allergisch reagiert. Da helfen weder reflexhafte Aufforderungen nach einer „Reform“ noch Ignoranz gegenüber den realen Problemen in der islamischen Welt. 

Statt mit dem Finger auf Andere zu zeigen, ist es an der Zeit, kritische Selbstreflexion zu betreiben. Auf die öffentliche und mediale Ignoranz gegnüber den IS-Opfern in der islamischen Welt kann man immer noch hinweisen. Zuerst sollte man aber schauen, was hier schief läuft und was man zum Nutzen aller Menschen besser machen kann.

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/zeigt-nicht-mit-dem-finger-auf-andere

Kissler: „Zerrbilder auf beiden Seiten“

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Wir Muslime reagieren nicht selten mit Empörung, wenn Phänomene in der muslimischen Welt kritisiert werden. Schnell schießt man über das Ziel hinaus und steckt Kritiker in eine Schublade, bevor man überhaupt das Gespräch und eine Debatte gesucht hat.
Dr. Alexander Kissler ist Journalist und Publizist, der das Kulturressort des politischen Monatsmagazins „Cicero“ leitet. Soeben erschien sein Buch „Keine Toleranz den Intoleranten“. Ein provokanter Titel, aber es lohnt sich mit ihm intellektuell auseinanderzusetzen.
Ich traf Alexander Kissler auf der Frankfurter Buchmesse. Wir sprachen über seine Wahrnehmung des Islam, der hier lebenden Muslime und sein lei­denschaftliches Plädoyer für ein offenes Gespräch.

Kissler:

Kissler: „Eine Religion, die vom Wahrheitsbegriff abließe, wäre keine Religion mehr. Religionen können nicht auf dem Marktplatz abstimmen lassen, was als angenehm gilt oder zeitgemäß.“ (Bild: © Andrej Dallmann)

Herr Kissler, in Ihrem neuen Buch „Keine Toleranz den Intoleranten“ geht es auch um den Islam und die Muslime. Was für Erwartungen haben Sie an Muslime, die in Deutschland leben? Anders gefragt, was geht Ihnen da gehörig auf die Nerven?

Alexander Kissler: Mein Buch wendet sich zunächst an den Westen. Ich werfe dem Westen vor, dass er seine Tradi­tionen und seine Geschichte vergessen hat, nicht mehr weiß, wo er herkommt, und dass er – und das ist mein Hauptvorwurf – Toleranz fatalerweise für Ignoranz hält. Der Westen wird aber nicht überleben, wenn wir meinen, er bestünde darin, dass wir uns für die Anderen maximal nicht interessieren, wenn wir alles tolerieren, immer wegschauen. Toleranz ist nicht Ignoranz, Toleranz braucht Haltung, Toleranz braucht Grenzen.
Ich spreche weniger über Muslime als über die Wahrnehmung des Islam und die Lektüre islamischer Texte. Insofern steht es mir fern, den Muslimen Ratschläge zu erteilen. Was ich allerdings beobachte, ist, dass es innerhalb der muslimischen Community verstärkt die Tendenz gibt, sich in einer Opferrolle einzurichten, dass man Kritik an gewissen Erscheinungen des Islam falsch wahrnimmt: als Beleidigung der Muslime.

Woher kommt Ihr Eindruck vom Islam, den Muslimen? Welche islamischen Texte meinen Sie, von denen Sie sprechen?

Alexander Kissler: Der Ausgangspunkt in meinem Buch war der islamistische Angriff im Januar 2015 auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Paris. In der Debatte danach gab es viele Stimmen innerhalb und außerhalb der muslimischen Gemeinschaft, die die Morde zwar verurteilten, allerdings hinzufügten, wer den Islam oder dessen Propheten beleidige, dürfe sich über gewisse Konsequenzen nicht wundern. Dem möchte ich entgegen halten: Wer so argumentiert, hat sich aus dem Westen verabschiedet. Peter Sloterdijk hat einmal gesagt, es gäbe „kein Recht, von Beleidigungen frei zu bleiben“, und „erst recht keinen Anspruch auf Überempfindlichkeit“. Muslime und Nichtmuslime müssen gemeinsam anerkennen: Wer andere Menschen aufgrund abweichender Meinungen umbringt, ist ein Straftäter, nichts sonst.

Sie kritisieren nicht nur in Ihrem Buch, sondern auch in Ihren Kommentaren und Beiträgen vor allem den politischen Islam. Aber gerade dieser Spielart ist ­geprägt vom westlichen Modernismus. Muss man da nicht zwischen einem politischen Islam als Ausprägung der Moderne, als politische Parteiung und die über 1.400-jährige islamische Denktradition und dem Kern des Islam unterscheiden?

Alexander Kissler: Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass der politische Islam oder der islamische Fundamentalismus unserer Tage eine Erscheinung der Moderne ist und Ergebnis eines überschießenden innerislamischen Reformversuches. Reform meint in der Regel eine innere Reinigung, ein Zurück zu den Quellen. Selbstverständlich kann ich nur das Antlitz des gegenwärtigen Islam, wie er sich mir darstellt, einordnen.
Ich verschweige nicht, dass der Westen bei den philosophischen, medizinischen, mathematischen Übersetzungsleistungen des Mittelalters in der Schuld arabisch-islamischer Traditionen steht. Aktuell indes habe ich den Eindruck, dass im Westen weite islamische Kreise sich in die Enge getrieben meinen und umso lauter schreien, damit sie wahrgenommen werden. Wer beim rhetorischen Überbietungswettbewerb nicht mitmacht, wird als Verräter an der islamischen Sache gebrandmarkt.
Mit der islamischen und der westlichen Menschheitserzählung liegen letztlich unterschiedliche, konkurrierende Erzählungen vor. Der afghanisch-amerikanische Historiker Tamim Ansary spricht sogar von einer „Unvereinbarkeit zwischen der islamischen Welt und dem Westen“. Sehr wohl allerdings müssen wir alle uns treffen in der bedingungslosen Bereitschaft, als Menschen menschlich miteinander umzugehen.

Sie kritisieren Erscheinungen in der muslimischen Welt, setzen sich aber auch gleichzeitig leidenschaftlich für ein offenes Gespräch ein. Aber gerade in Deutschland ist die sogenannte Islamdebatte in den letzten Jahren kein offenes Gespräch, denn gerade bei Muslimen wird penibel die politische Korrektheit anhand von regelrechten Gesinnungsfragen geprüft. Kann man in diesem Kontext wirklich von einer Debatte sprechen?

Alexander Kissler: Angesichts der Weltlage sind wir zum Gespräch verdammt, weil die Auseinandersetzung weltweit um Frieden und menschliches Zusammenleben derart dramatisch ist. Es ist richtig, dass in der Islamdebatte Zerrbilder auf beiden Seiten vorherrschen. Es gibt den Muslim, der gerne betont, dass er im Westen gar nicht willkommen sei, dass er ständig diskriminiert werde, was in dieser Pauschalität nicht stimmt. Es können hier Moscheen gebaut werden, wogegen ich überhaupt nichts einzuwenden habe. Es gibt Bekenntnisunterricht, es gibt die Freiheit, in der Öffentlichkeit den Glauben zu leben, wofür ich auch als Katholik sehr eintrete. Ich lehne den Satz ab, Religion sei Privatsache. Nein, Religion muss in einer freien Gesellschaft das Recht haben, öffentlich erkennbar und wirksam zu sein.
Auf der anderen Seite gibt es das Zerrbild, jeder Muslim trage den Dolch im Gewande. Wir brauchen eine Debatte über die Grundlagen unserer jeweiligen Weltanschauungen. Natürlich können Stränge des Islam, teilweise in die Tradition und teilweise in den Koran zurückreichend, gewalttätige Aktionen legitimieren helfen. Es gibt eine meines Erachtens nicht vollends aufgeklärte antisemitische Versuchung, die innerhalb der Geschichte, aber auch in Schriften des Islam zu finden ist und sogar im Leben Mohammeds.
Andererseits ist da die Versuchung westlichen Dominanzgebarens in Form eines säkularen Gesinnungstests, nach dem Motto: Am Westen darf nur teilnehmen, wer sich politisch korrekt verhält und die „Turnierfähigkeit des Zeitdeutschen“ (Rudolf Borchardt) erfüllt. Das kann es natürlich nicht sein.

Es scheint, dass immer sehr viel über den Islam diskutiert wird, aber es eigentlich um die Rolle von Religion in der modernen, säkularen Gesellschaft geht. Teilen Sie diese Einschätzung?

Alexander Kissler: Da sprechen Sie einen sehr wichtigen Punkt an. Viele Muslime lernen hier eine Gesellschaft kennen, die von der irrigen Auffassung ausgeht, Moderne sei gleichbedeutend mit einer ewig fortschreitenden Säkularisierung, hin zu einem allgemeinen Atheismus. Da wirkt das Drei-Stadien-Modell des Philosophen Auguste Comte nach, der von einem kindischen, einem heranwachsenden und dem erwachsenen, dem vollends aufgeklärten Zeitalter sprach. Die theologische Epoche wird mit dem Kind identifiziert, das nach und nach den Glauben abstreift, ihn überwinden muss, um in das wissenschaftliche oder positive Zeitalter zu gelangen.
Vor diesem Hintergrund sieht sich ein religiös weitgehend entkernter Westen mit einer Religion konfrontiert, deren Frömmigkeitsformen öffentlich sichtbar sind. Diese Öffentlichkeit von Religion war aber auch der Normalfall im christlich geprägten Abendland. Wir sahen im Jahreskreis verteilte Prozessionen, Beerdigungen waren dörfliche Ereignisse – mancherorts ist es heute noch so. Der Westen wird durch die Sichtbarkeit muslimischer Frömmigkeit dazu gezwungen, sein eigenes Modell von Moderne und Säkularisierung zu überdenken.

Die Forderung nach einer Reform des Islam kommt ja in den Debatten der letzten Jahre immer wieder. Gerade wenn man sich aber mit gewissen ideologischen und modernistischen Bewegungen in der islamischen Welt vertiefend auseinandersetzt, sieht man im Kern dieser heute als Bedrohung wahrgenommenen Strömungen einen Reformansatz. Sie sind das Ergebnis einer Reformbewegung, die die 1400-jährige Denktradition des Islam, die für eine gewisse Ordnung gesorgt hat, ablehnt. Sind diese inflationären Reformforderungen nicht zu kurz gedacht? Geht das an den wirklichen Problemen nicht vorbei? Ein sogenannter Reformtheologe in Deutschland stellte kürzlich die abenteuerliche These auf, dass im Kern des Exklusivitätsanspruchs des Islam, aber auch der anderen Religionen, Gewalt stecke.

Alexander Kissler: Wir kennen aus den Büchern von Jan Assmann den Begriff der mosaischen Unterscheidung; durch die Geburt des Monotheismus sei eine neue Unduldsamkeit in die Welt gekommen. Religionen sind aber stets Agenten der Wahrheit, in deren Besitz sie sich fest glauben. Eine Religion, die vom Wahrheitsbegriff abließe, wäre keine Religion mehr. Religionen können nicht auf dem Marktplatz abstimmen lassen, was als angenehm gilt oder zeitgemäß. Insofern brauchen Religionen einen Absolutheitsanspruch. Das ist der innere Kern, weil Religionen – wenn man sie ernst nimmt – die Brücke vom Diesseits ins Jenseits gefunden zu haben glauben. Entscheidend ist, in welchen Redeweisen und Handlungen sich dieser Anspruch ausdrückt. Es gab sehr unduldsame Wege, mit dem christlichen Absolutheitsanspruch umzugehen, trotz der Lehren des Neuen Testaments. Das westliche Christentum befindet sich momentan eher in einer abkühlenden Phase.
Der Islam wiederum ist aufgefordert, innerhalb des Westens am Absolutheits- und Wahrheitsanspruch festzuhalten – trotz Widerspruchs. Für mich als Christ ist Mohammed kein Prophet, für Juden ist Jesus kein Messias, da kommen wir zu keinem Konsens. Andererseits müssen wir bereit sein, uns darüber präzise zu verständigen, Unterschiede also zu benennen, auszuhalten und gerade so den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen.
Ich wünsche mir, dass jene Kräfte im Islam sich stärken, die das Sinn-, Trost- und Heilsangebot ihrer Religion offen halten für Gespräche mit Menschen, die zu ganz anderen Ergebnissen kommen, die aber dennoch vom Hunger nach Sinn und der Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit getrieben sind.

Lieber Alexander Kissler, ich bedanke mich für das Gespräch.

Dr. Alexander Kissler ist Publizist und Journalist. Er leitet das Kulturressort des politischen Monatsmagazins „Cicero“. Soeben erschien sein Buch „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ (Gütersloher Verlagshaus, 184 Seiten, 17,99 Euro).

http://www.islamische-zeitung.de/?id=19634

Eine etwas andere Focus-Reportage

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Ja, viele Muslime haben so ihre Meinung über ‚die Medien‘. Auch über die Zeitschrift Focus haben Muslime so ihre Meinung, spätestens seit der Titelstory „Die dunkle Seite des Islam“ aus dem letzten Jahr. Den Focus-Redakteur Michael Klonovsky, einer der Verantwortlichen dieser Titelstory, traf ich kurz danach, und es entwickelte sich ein intensiver Austausch, der für beide Seiten sehr erfrischend war. Wir kamen noch einmal zusammen, diesmal um über die ‚helle Seite‘ des Islams zu sprechen. Das Ergebnis ist eine siebenseitige Reportage im aktuellen Focus mit Porträts von mir, Dr. Tuba Isik, Engin Karahan, Cemil Sahinöz, Achim Seger und Tahir Chaudhry. Hier ein Auszug:

Der Intellektuelle

„Ein ‚liberaler‘ Islam? Was soll das sein? Ich kann nicht liberal beten“, sagt Eren Güvercin. Man möge nicht vermischen, was nicht zusammengehöre. Der Kölner, 1980 als Sohn türkischer Eltern geboren, arbeitet als freier Journalist und ist Autor des Buches „NeoMoslems. Porträt einer deutschen Generation“. Was das ist? „Sie sehen sich in erster Linie als Deutsche, machen aber keinen Hehl daraus, Muslime zu sein.“ Güvercin, der Goethe und Ernst Jünger liest, ist habituell ein typischer europäischer Intellektueller, der ebenso in einem Pariser Café über Camus sprechen könnte, wie er jetzt bei einem Kölner Italiener über den Islam spricht. „Man soll kulturelle Identitäten nicht religiös erklären oder begründen“, sagt er. Türkei sei nicht gleich Islam. „Türken sind Türken. Und wie es spezielle Ausprägungen des Islam gibt, kann es auch eine deutsche Version geben.“ In der Einwanderungsfrage besteht für Güvercin ein Hauptproblem darin, „dass eine nüchterne Debatte fast unmöglich ist“. Für echte Flüchtlinge sollte Deutschland Verantwortung übernehmen. „Aber man muss die Multi-Kulti Romantik in Fage stellen dürfen, ohne sofort regelrecht für vogelfrei erklärt zu werden.“ Den Islamismus nennt Güvercin „eine kranke Mischform aus westlich-politischem Denken und Islam“. Er beruft sich auf den Islamwissenschaftler Thomas Bauer, der in seinem Buch „Die Kultur der Ambiguität“ demonstriert, wie die zunehmende Ideologisierung des Islam im 19. und 20. Jahrhundert zu einem Nachlassen der muslimischen Toleranz gegen Andersgläubige geführt habe.

Das Gottesbarbarentum des IS sei keineswegs ein mittelalterliches Phänomen, sondern im Gegenteil ein modernes, denn die traditionellen islamischen Rechtsschulen hätten die rigide Teilung der Welt in wahr und falsch nicht gekannt, statuiert Güvercin. Verschwunden sei leider die altorientalische Neigung zur Mehrdeutigkeit. Auch die salafistische Vorstellung, dass am Koran nichts zu interpretieren sei, entstamme der jüngeren Gegenwart. „Ohne Kommentar ist der Koran nicht zu verstehen“, erklärt Güvercin. Die Vordenker der Dschihadisten bedienten sich aus der Schrift „wie aus einem Werkzeugkasten“. Auch die Islamkritiker zögen sich heraus, was ihnen gerade passe – „da sind sie den Salafisten erstaunlich ähnlich“. Güvercin streitet für die Unverfügbarkeit seiner Religion, wer auch immer sich anmaßt, über den Glauben bestimmen zu wollen. Über die von Saudi-Arabien finanzierte König-Fahd-Akademie in Bonn sagte er: „Warum unterbindet das der deutsche Staat nicht? Da werden Leute radikalisiert.“ Aber wenn die CDU ein Thesenpapier zum Islam vorlegt, ist ihm das ähnlich suspekt: „Was geht sie das an? Das Schlimmste wäre ein offizieller Staats-Islam mit Kirchensteuer. So etwas hat es im Islam nie gegeben.“ Überhaupt ärgeren ihn die sich ausbreitende „Gesinnungsschnüffelei“ und der „Wertezwang“. „Man ist dauernd mit irgendwelchen Gesinnungstestfragen konfrontiert, etwa wie man zur Homosexualität steht.“
Die obligate Frage, was er davon hielte, wenn seine (noch nicht vorhandenen) Kinder einen Nichtmuslim heiraten würden, beantwortet Güvercin am lockersten: „Am besten, sie heiraten jemanden, den sie lieben. Muslim kann er ja immer noch werden.“ (…)“

Ein Buch mit sieben Siegeln? – Die Bedeutung des Korans für die Muslime

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Über den Koran wird zurzeit so viel behauptet und verbreitet, wie über kein anderes Buch. Aber wie ist eigentlich der Umgang der Muslime mit dem Koran? Was für eine spirituelle Rolle spielt er für sie? Und: wie können überhaupt Bedeutungen und Handlungsanweisungen aus dem Koran abgeleitet werden? Mein Zündfunk-Generator-Radiofeature über den Koran.

Das Auswendiglernen des Korans hat bei Muslimen eine große Bedeutung. Seit über 1400 Jahren wird der Koran in einer Überlieferungskette von Lehrer zu Schüler übermittelt.

Das Auswendiglernen des Korans hat bei Muslimen eine große Bedeutung. Seit über 1400 Jahren wird der Koran in einer Überlieferungskette von Lehrer zu Schüler übermittelt.

Für Muslime ist es das unmittelbare Wort Gottes und spirituelle Anleitung. Der Koran hat im Leben praktizierender Muslime einen einzigartigen Stellenwert. Seine Rezitation wird als segensreich erachtet und bringt göttlichen Lohn.

Manche Politiker fordern eine staatlich anerkannte Einheitsübersetzung des Korans, andere wiederum eine „zeitgemäße, liberale Korandeutung“. Doch was steckt genau hinter solchen Forderungen, die auf den ersten Blick sympathisch klingen mögen? Es ist – und das wird meist übersehen – ein Phänomen der Moderne, dass ein Koranvers nur auf eine Bedeutung begrenzt wird:

„Das sehen Sie jetzt ganz klar bei solchen Strömungen wie dem Islamischen Staat, eine eigentlich politische Bewegung. Da ist es klar, dass man eine möglichst radikale Auslegung des Korans machen muss, und dabei aber andere Koranstellen, die das eigentlich nicht zulassen würden, schlichtweg übergeht. Es wird also eine sehr einseitige Koranauslegung gemacht. Andererseits: Bei manchen sich liberal nennenden Theologen hat man auch oft das Gefühl, dass man jetzt zu dieser oder jenen bestimmten Koranauslegung kommen muss, weil das gesellschaftlich so gewollt wird.“ (Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaften und Arabistik, Universität Münster)

Es besteht bei jeder Schrift die Gefahr, dass sie politischen oder ideologischen Zielen unterworfen wird. Daher hat sich in den über 1.400 Jahren des Islam eine Methodologie entwickelt, um einer Instrumentalisierung entgegenzuwirken.

„Man versucht im Islam diese Fehleranfälligkeit möglichst durch zwei Faktoren zu begrenzen. Der eine Faktor ist Wissen und der andere Faktor ist die Absicht. Es gibt diesen Ausspruch des Propheten: Alle Taten sind entsprechend ihrer Absichten zu bewerten. D.h. jeder Mensch, der den Koran zeitgenössisch interpretiert, soll sich zunächst einmal Gedanken darüber machen, welche Absicht habe ich dabei. Will ich es zum Wohle der Menschheit machen, will ich es mit der Absicht des Gehorsams gegenüber Gott machen, oder will ich es machen, um irgendeinen Lehrstuhl zu bekommen, oder um mich in der Öffentlichkeit beliebt zu machen? Diese Motivationen sind menschlich, aber es ist wichtig für jemanden, der sich mit dieser Materie beschäftigt, seine Absicht möglichst rein zu halten, und sich zu fragen, ob er die notwendigen Instrumente dafür hat, die ihn dazu befähigen.“ (Martin Mahmud Kellner, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Islamische Theologie, Universität Osnabrück)

Der Koran und das Leben des Propheten sind zwei Faktoren, die jeden Muslim prägen. Sie prägen das Verhalten, die Mitmenschlichkeit, den Charakter, im Grunde genommen sein ganzes Leben. Aber eben nicht so negativ, wie wir uns das vielleicht oft aufgrund der medialen und politischen Debatten über Muslime und den Koran vorstellen, sondern in einer viel tiefergehenden, positiveren und spirituellen Art und Weise.

Das Radiofeature kann man online unter folgendem Link hören:

http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/kolumnen-sendungen/generator/zuendfunk-generator-koran-ein-buch-mit-sieben-siegeln-100.html

Das Skript zur Sendung kann man sich hier herunterladen:

http://www.br.de/radio/bayern2/service/manuskripte/manuskripte-zuendfunk-generator-364.html

Quo vadis, KRM?

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Selbstgespräch zwischen Funktionären oder innermuslimischer Austausch? Vorabmeldung zum Interview mit Ersin Özcan, Vorstandsvorsitzender des DITIB-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen

DITIB-Zentralmoschee in Köln (Foto: Marco Verch)

DITIB-Zentralmoschee in Köln (Foto: Marco Verch)

Die Debatten rund um das Islamgesetz in Österreich haben in den letzten Wochen auch Muslime und Politik in Deutschland beschäftigt. Forderungen nach einem ähnlichen Gesetz wurden auch hier laut. Ersin Özcan, Vorstandsvorsitzenden des DITIB-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, unterstrich in einem langen Interview, was in der nächsten Ausgabe der Islamischen Zeitung in voller Länge zu lesen sein wird, dass das Islamgesetz geprägt sei von einem implizierten Vorwurf der Untauglichkeit und der Illoyalität. „Letztlich erscheint mir das Islamgesetz als eine Art staatliche Obhut über Muslime und es manifestiert sich eine Haltung, in welcher der Staat bestimmt, wer ein guter Muslim ist“, so Özcan. Die befürwortenden Stimmen aus der Politik sind ihm ein Rätsel, erst recht die muslimischen Stimmen, die solche Verbote oder Eingriffe fordern. „Ich glaube für Kirchen oder jüdische Gemeinden würde niemand aus der Politik so etwas fordern. Und schon gar nicht würden die Vertreter dieser Religionsgemeinschaften so etwas begrüßen“, sagt Ersin Özcan.

„Import-Imame“

Ersin Özcan geht im Interview auch auf die Problematik der sogenannten „Import-Imame“ im Kontext dieser Diskussionen ein. Die Muslime seien in der Lage selbst entscheiden zu können, woran sie glauben, wie sie glauben und mit welchen Mitteln und mit welchem Personal sie ihren Glauben leben wollen. „So zu tun, als seien die Muslime nicht fähig zu erkennen, welcher Imam gut für sie ist, erscheint mir ziemlich paternalistisch“, betont Özcan.

Den Vorwurf, DITIB stehe unter Kontrolle Ankaras lehnt Özcan ab. Das seien „Nebelbombe“, in deren Schwaden all jene sich aus dem Staub machen würden, die in der Sache eine nachhaltige Debatte scheuten. „Ein solcher Auslandsbezug ist rechtlich wie tatsächlich bei anderen Religionsgemeinschaften, wie der Anglikanischen Kirche oder der Katholischen Kirche kein Problem“, so Özcan. Man sollte auf das hören, was DITIB in Deutschland sage und die Inhalte wahrnehmen, um die es gehe. „Da spricht nicht die türkische Politik, da sprechen wir als Muslime in Deutschland über das, was uns hier wichtig ist“, so Özcan.

Der eigentlich kritische Punkt seien allerdings andere Entwicklungen innerhalb der muslimischen Community in Deutschland. Hierzulande würden wir eine zunehmende Veränderung des muslimischen Selbstverständnisses erleben. Özcan: „Muslimische Akteure scheinen immer mehr darum bemüht, zu gefallen, statt die Frage nach theologischer Wahrhaftigkeit zu stellen. Das mag als Geschäftsmodell für Partikularinteressen nützlich sein, für die muslimische Selbstfindung und den Erhalt einer an Lehraussagen orientierten, selbstgewissen religiösen Identität ist eine solche Entwicklung verheerend.“

Koordinationsrat

Im Gespräch geht Özcan auch auf die jüngsten Diskussion über den Koordinationsrat der Muslime (KRM) ein. Politik und Öffentlichkeit habe jahrelang nach dem einen institutionellen Vertreter geschielt. Özcan sieht in einer zentralistischen Struktur Gefahren. Sie könne zu einer Art „Bischofskonferenz für Muslime“ mutieren. Durch diese Zentralisierung der muslimischen Selbstorganisation werde zudem nicht die ganze Vielfalt des muslimischen Lebens vertreten oder auch nur artikuliert. „Vielmehr hängt das, was die Muslime vermeintlich denken, wollen und tun von den Aussagen und Handlungen weniger Funktionäre ab, die im schlimmsten Fall nicht einmal eine gemeindliche Basis haben, bei der sie sich rechtfertigen müssten.“

Die Frage sei, betont Özcan, wie ein ernsthafter Austausch über islamische Grundfragen stattfinden könne. Eine weitere Zentralisierung sei diesem Austausch in keiner Weise dienlich. Er beobachtet eine Isolation der Funktionärseben von der muslimischen Basis. „Das Agieren von muslimischen Vertretern reduziert sich immer mehr zu einem Selbstgespräche. In einer solchen Situation sprechen die Öffentlichkeit und die Politik immer weniger mit den Muslimen – sie führen immer mehr Zwiegespräche mit politischen Akteuren, die zunehmend nicht mehr die Muslime beim Staat vertreten, sondern den Staat mit seinen Erwartungen bei den Muslimen.“ Mit einem solchen Modell werde man auf beiden Seiten nicht ernst genommen – weder bei der Basis, noch bei der Politik. Es führe kein Weg an einem wahrhaftigen und nachhaltigen innermuslimischen Austausch vorbei. Özcan würde ein Diskussionsforum für islamische Religionsgemeinschaften anstreben wollen, bei dem nicht mehr der Anspruch auf zentrale Vertretung im Vordergrund steht, sondern der Wunsch nach einer inhaltlichen Debatte. Dieses Gremium sollte auch ergänzt werden durch Austauschforen mit Muslimen außerhalb der Verbände. „Da ist viel Potenzial, dass innerhalb der Verbände nicht genutzt wird“, folgert Özcan.

Das vollständige Interview wird in der nächsten Ausgabe der Islamischen Zeitung zu lesen sein.

Dieser böse, böse Islam

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Das Bild von Muslimen in hiesigen Talkshows, Zeitungen und Magazinen hinterlässt Eindruck – allerdings oft einen negativen.

Die deutschen Medien lieben den Islam. Ihre Liebe drücken viele gern in reißerischen Titeln und düsterer Bildersprache aus. Eine Auswahl der Talkshowtitel in den vergangenen Wochen: „Mord im Namen Allahs“ (Maybrit Illner), „Gewalt im Namen Allahs – Wie denken unsere Muslime?“ (Günther Jauch), „Auf Streife für Allah – Vor welchem Islam müssen wir Angst haben?“ (Hart aber fair), „Allahs Krieger im Westen“ (Anne Will).

Auch die großen Magazine ticken ähnlich. Focus etwa titelte „Die dunkle Seite des Islam – Acht unbequeme Wahrheiten über die muslimische Religion“. Cicero fragte: „Ist der Islam böse? – Isis, Hamas, Hisbollah: Gewalt im Namen des Propheten“. Der Spiegelbrachte Cover wie „Mekka Deutschland“, mit dem Brandenburger Tor vor pechschwarzem Hintergrund, und das lange bevor Pegida überhaupt existierte. Alles schön dramatisch, alles schön alarmierend. Das hinterlässt Eindruck bei den Zuschauern, Lesern und den hier lebenden Muslimen – allerdings einen negativen.

Auch ich als muslimischer Journalist bekomme das zu spüren. Regelmäßig fragen mich Freunde und Bekannte: „Warum berichten die Medien immer negativ über uns Muslime?“

Kai Hafez, der an der Erfurter Universität Kommunikationswissenschaft lehrt, beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Islambild in deutschen Medien. Seine Ergebnisse veröffentlicht er unter anderem im Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung. Er hat festgestellt, dass die Konflikte in der islamischen Welt die Berichterstattung dominieren, und Bereiche wie Kultur oder Wirtschaft keine oder nur eine sehr geringe Rolle spielen. Der Blick auf diese Region werde stark durch den Faktor Islam beeinflusst. Dadurch kommt es zu einer „Islamisierung“ von Konflikten, die aber im Kern ganz andere Ursachen haben.

Islam als Interpretationsschlüssel

„Der Islam wird immer mehr als Schlüssel zur Interpretation dieser Länder benutzt“, so Hafez. „Islamismus ist ein zentraler Faktor, aber bei weitem nicht ausreichend, um die Entwicklung in der islamischen Welt zu verstehen. Man müsste sie viel häufiger sozio-ökonomisch deuten.“ Die Reduktion auf das Thema Islam, sagt Hafez, führe zu einer sehr begrenzten Medienagenda, die mehr verklärt als erklärt.

Auch das Schweizer Institut Media Tenor befasst sich mit der Medienanalyse. Christian Kolmer untersucht dort das Medienimage von Religionen und Kirchen und stellt dabei fest, dass die Berichterstattung über den Islam zwar immer wichtiger wurde, aber eben auch immer negativer – gerade im Jahr 2014. „Die Hauptursache dafür ist, dass Terroristen und militante Gruppen, die sich auf den Islam berufen, den größten Anteil der Berichterstattung einnehmen, während der Alltag der Muslime im Nahen Osten und im Westen praktisch keine Rolle spielt.“

Kolmer stellt auch fest, dass nicht nur das Islambild in den Medien durch Negativschlagzeilen geprägt ist. Vielmehr habe Religion an sich kein positives Image. Ein Grund: die vielen Skandale innerhalb der Kirche. Aber im Gegensatz zu Muslimen hätten diese wenigstens die Möglichkeit, mit ihren eigenen Positionen wahrgenommen zu werden, zum Beispiel indem sich ihre Vertreter an öffentlichen Diskussionen beteiligen. Geistliche Führer oder Imame kämen in der Berichterstattung hingegen selten zu Wort – es sei denn, sie vertreten extreme Positionen. Statt repräsentativer Vertreter bekommen eher salafistische Prediger eine Bühne in Talkshows.

Die Scharia-Polizei von Wuppertal

Vor einigen Monaten etwa war die sogenannte Scharia-Polizei von Wuppertal Thema in den deutschen Medien. Fünf Salafisten hatten sich Westen in auffallenden Farben mit der Aufschrift „Scharia-Polizei“ übergezogen. Die Medienaufmerksamkeit war enorm. Und die Salafisten um Sven Lau in Wuppertal freuten sich über diese kostenlose PR-Aktion. Ihre Kalkulation ging auf. Die Talkshow „Hart aber fair“ griff das Thema auf und titelte: „Auf Streife für Allah – vor welchem Islam müssen wir Angst haben?“ Gast war unter anderen der salafistische Prediger Hassan Dabbagh aus Leipzig. Man kann darüber streiten, wie bedrohlich die fünf Salafisten für die deutsche Sicherheit sind. Aber warum betitelt „Hart aber fair“ die Sendung so hysterisch? Und warum einem dubiosen Prediger eine Bühne geben, der für eine verschwindend kleine Minderheit von Muslimen spricht?

Georg Diedenhofen, Redaktionsleiter bei „Hart aber fair“, sieht in solchen Titeln kein Problem. Der Name einer Talkshowsendung beeinflusse die Menschen nicht, glaubt er: „Es bringt sie eher dazu, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.“ Und schließlich müsse man es als Talkshowredaktion hinbekommen, dass Zuschauer einem 75-minütigen Gespräch im Fernsehen folgen. Provokative Titel sollen die Neugier des Zuschauers wecken, und ein schriller Gast mit langem Bart und Gewand hebt die Quote. Das muss nicht primär schlecht sein. Aber die Verwendung von Titeln, die eher aggressiv und zugespitzt sind, prägen langfristig die Sicht der Menschen auf den Islam und die hier lebenden Muslime.

Der Erfurter Wissenschaftler Hafez ist überzeugt, dass die Medien die Wahrnehmung von Muslimen und Islam wesentlich prägen. Denn die meisten Menschen haben laut Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung mit Muslimen und ihren Lebenswelten keinen direkten Kontakt. Sie sind abhängig von Sekundärinformationen. „In der Schule erfahren sie sehr wenig über die islamische Welt, da bleiben am Ende die Medien als Stichwortgeber“, so Hafez. Wenn dort täglich Negativnachrichten laufen, verzerre das die Wahrnehmung und gebe populistischen und fremdenfeindlichen Bewegungen wie Pegida Vorschub.

Kai Hafez benutzt dafür das Bild des Zauberlehrlings aus der klassischen Erzählung: „Die Medien haben eine Kreatur geschaffen – die Islamfeindlichkeit –, die sie dann, wenn es zu schwierig und krisenhaft wird, durch kritische Berichterstattung gegenüber fremdenfeindlichen Bewegungen wieder versuchen in Schach zu kriegen.“ Hafez spricht daher von einem „virtuellen Islam“, der mehr und mehr das Islambild der Menschen bestimme. Ein künstliches Bedrohungs- und Repressionsbild verbreite Angst unter der Bevölkerung, auch wenn es mit der Realität der hier lebenden Muslime nichts zu tun habe.

Beschimpfung gegen muslimischen Journalisten

Wie gehen die in Deutschland lebenden Muslime nun mit dem Islambild in den Medien um? Von meinen muslimischen Freunden und Bekannten werde ich oft gefragt: „Hast du als muslimischer Journalist überhaupt freie Hand, das zu schreiben, was du willst?“

In der Tat gibt es innerhalb, aber auch außerhalb der Redaktionen Leute, die bewusst sogenannten Islam-Experten Raum geben und eine Agenda verfolgen. Eine Redaktion bekam vor einiger Zeit einen Brief von einem dieser „Islam-Experten“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, in dem ich als „Islamist“ bezeichnet wurde, der die „Mainstream-Medien unterwandere“. Wir waren uns nie begegnet, hatten nie miteinander gesprochen. Anscheinend fühlte er sich einfach durch meine journalistische Tätigkeit gestört. Die Redaktion hat über den Brief gelacht.

Es gibt solche und ähnliche ideologische Akteure, die nicht wollen, dass Muslime die mediale Bühne betreten und vielleicht ein anderes Bild vermitteln als allgemein üblich. Da passen Hardliner wie der Leipziger Salafist Hassan Dabbagh schon besser ins Bild. Aber auch auf der anderen, der sogenannten liberalen Seite, treten Muslime auf, die für sich in Anspruch nehmen, für die sogenannte schweigende Mehrheit der Muslime zu sprechen. Und niemand stellt die Frage, wie man für eine Gruppe, die schweigt, sprechen kann. Extreme dominieren das Islambild, und die breite Mitte der Muslime bleibt erschreckend abwesend. Zumindest auf der medialen Plattform.

http://www.taz.de/!156378/

„Abendland? Wir gehören dazu.“

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Eigentlich war eine Diskussion zwischen Pegida-Organisatoren und Muslimen in Dresden geplant. Als die Pegida-Vertreter aber nicht zum abgemachten Termin erschienen, wurde daraus kurzerhand ein Streitgespräch zwischen drei Muslimen und zwei Focus-Redakteuren.

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Herr Güvercin, Herr Celebi, Herr Wilms, vor ein paar Tagen demonstrierten hier in Dresden noch 17 000 Menschen, die Deutschland gegen eine Islamisierung verteidigen wollen. Was sagt Ihnen eigentlich der Begriff Abendland?

Güvercin: Die deutsche Sprache ist diejenige, die ich am besten beherrsche, ich liebe Goethe und die deutsche Sprache und bin damit ein deutscher Muslim. Damit müsste ich eigentlich auch zum Abendland gehören. Mit dem Begriff habe ich kein Problem. Ich leide auch nicht unter einem sogenannten Identitätskonflikt, der uns Muslimen von Integrationsforschern gern eingetrichtert wird. Ich hatte nie das Gefühl, kulturell zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Allerdings hätte ich gern einmal von Pegida-Vertretern erfahren, was sie unter Abendland verstehen.

Sie definieren sich als deutscher Muslim. Aber kann es auch einen deutschen Islam geben?

Güvercin: Es gibt längst einen deutschen Islam, der Teil des Hier und Heute ist. Aber ihn inhaltlich zu definieren ist zuallererst die Aufgabe der Muslime selbst und nicht der Politik. Die Politik versucht ja seit Jahren, einen vermeintlich „liberalen Islam“ zu pushen. In der islamischen Gemeinschaft sind aber auch bisher viele Fehlentwicklungen durch eine falsche Brüderlichkeit zugedeckt worden. Da brauchen wir eine knallharte Auseinandersetzung mit ideologischen Strömungen wie dem Wahhabismus und Salafismus. Und wir müssen die Themen Migration und Islam streng voneinander trennen. Ich bin kein Migrant, und von dem Begriff „Migrationshintergrund“ kriege ich nur noch Migräne.

Sind Sie schon einmal radikalen Islamisten begegnet?

Güvercin: Ja, während meines Studiums in Bonn im Jahr 2001. Die König-Fahad-Akademie war dort damals sehr aktiv, eine mit saudi-arabischem Geld finanzierte Schule. Überall tauchten plötzlich salafistische Prediger auf, die junge Leute ansprachen. Nach zwei, drei Jahren hatte ich gesehen, wohin für etliche von denen die Reiseging: nach Afghanistan. Dieses salafistische Netzwerk hätte sich nicht ausbreiten können ohne massive finanzielle Unterstützung aus Saudi-Arabien. Da frage ich mich als Deutscher: Wieso schaute der Staat weg?

Celebi: Die salafistische Szene ist auch bei unseren Jugendlichen angekommen. Deren Präsenz erfordert natürlich eine Antwort aus einem innerislamischen Diskurs heraus. Die überwältigende Mehrheit der Muslime folgt diesen Strömungen nicht. Wir erleben jetzt, dass Muslime in einen intensiven Diskurs untereinander gehen, der lange vernachlässigt wurde. Auch die muslimischen Verbände sind diese innere Debatte bisher zu langsam angegangen. Wir müssen nicht nur eine gemeinsame Antwort finden, sondern auch aktiv auf die Öffentlichkeit und die Medien zugehen. Da muss man selbstkritisch feststellen, dass hier noch viel Luft nach oben ist.

Wie sehen Sie als deutscher Muslim mit türkischen Wurzeln Pegida?

Celebi: Die Leute, die da auf die Straße gehen, kommen sicherlich teils vom rechtsextremen Rand. Aber auch ganz normale Leute finden Sie unter den Demonstranten. Wir erleben hier ein Wechselspiel von Aktion und Reaktion. Die Frau eines Freundes in Leipzig trägt Kopftuch. Und sie traut sich kaum noch nach draußen, seit es diese Demonstrationen gibt. Wir sollten Pegida als Weckruf für uns Muslime sehen. Wir müssen uns fragen: Woher kommt das Misstrauen, und was können wir tun, damit wir geschürte Ängste abbauen können? Ich glaube, die Demonstrationen zeigen nur die Spitze eines Eisbergs. Der Grund ist die mangelnde Kenntnis über den jeweils anderen.

Wilms: Es fällt doch auf, dass viele Nichtmuslime dem Islam relativ offen begegnen, wenn sie Muslime kennen, und das Misstrauen dort am größten ist, wo die wenigsten Muslime leben. Mein Eindruck ist: Die Leute, die bisher für Pegida sprachen, waren kaum zur Differenzierung fähig. Übrigens muss ich sagen: Ich fand das FOCUS-Cover mit der Maschinenpistole und der Zeile „Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Doch!“ schon grenzwertig. Es ist problematisch, so über eine Weltreligion zu sprechen.

Finden Sie denn, die islamischen Attentate haben nichts mit dem Islam zu tun?

Wilms: Den Satz „Der Islam hat nichts mit Gewalt zu tun“ werden Sie in unserer Zeitung so nicht finden.

Bleiben wir einmal bei dem Misstrauen. Viele Deutsche nehmen Leute wie den salafistischen Prediger Pierre Vogel oder den Berliner Prediger Abdul Adhim Kamouss als repräsentativ wahr. Diese Herren wecken nicht gerade Vertrauen.

Güvercin: Ich finde es verheerend, wenn solche Leute in Talkshows eingeladen werden. Salafistische Prediger wie Pierre Vogel sprechen, wenn überhaupt, für vielleicht 5000 Salafisten in Deutschland. In diesem Land leben aber vier Millionen Muslime.

Ist also nur das deutsche Fernsehen schuld?

Güvercin: Es gibt dort eine Vorliebe für Typen, die einem bestimmten Muslim-Klischee entsprechen. Mit Kamouss bin ich einmal ins Gespräch gekommen. Er hat mir erzählt, dass ihn der Redakteur einer bekannten Talkshow mehrmals darum gebeten habe, für den Fernsehauftritt ein arabisches Gewand zu tragen, damit er aussieht wie ein Imam aus dem Bilderbuch.

Mag sein, dass es schrille Klischees gibt. Aber wo bleiben denn die ganz normalen Muslime?

Güvercin: Das stimmt, wir haben diesen Leuten jahrelang die Bühne überlassen. Wenn man Pierre Vogel hört, denkt man erst einmal: Der war ja mal Boxer, der redet, als hätte er ein paar Schläge zu viel auf den Kopf bekommen. Aber er hat einen großen Vorteil, weil er auf Deutsch predigt. Die Moschee-Gemeinden müssten sich mit solchen Extremisten auseinandersetzen. Aber ein Imam, der nur ein paar Sätze Deutsch beherrscht, kann da nicht gegenhalten.

Wilms: Leider hat die Politik jahrelang das Ditib-Modell unterstützt, wonach in der Türkeiausgebildete und vom türkischen Staat bezahlte Imame nach Deutschland und wieder zurückgeschickt werden. Auf diese Weise finden permanent Migration und Remigration statt. Die Moschee-Gemeinden sind aber entscheidend für das muslimische Leben. Der Islam ist eine gemeinschaftliche Religion. Wollen wir ihn ernsthaft verstehen, müssen wir auf diese Ebene schauen.

Celebi: Man kann auch keine Heldentaten von den Verbänden erwarten, die ein wichtiger Kanal wären, auf die Jugend zuzugehen. Islamverbände finanzieren sich selbst, was eine enorme Aufopferungsbereitschaft verlangt. Daher brauchen wir in Zukunft ein vernünftiges Modell für die Finanzierung von Verbänden, damit eben diese wichtige Arbeit für die neuen Generationen gemacht werden kann. Eine Gemeinde, die einem Imam nur die Hälfte des üblichen Gehalts bietet, wird nicht den dreisprachigen Superprediger bekommen.

Fassen wir mal zusammen: Normale Muslime ließen sich in der Vergangenheit von Extremisten unterbuttern, die Islamverbände sind zerstritten. Herr Wilms, warum sind Sie trotzdem zum Islam konvertiert?

Wilms: Ich bin seit 1991 Muslim. Es mag Sie vielleicht verwundern, wenn ich das sage: Aber für mich hat der Islam sehr viele Elemente der Freiheit. In linken Gruppen, in denen ich beispielsweise aufwuchs, ging es teilweise intoleranter zu. Für mich beginnt die Frage nach einem „zeitgemäßen Islam“ mit den Moschee-Gemeinden. Wir machen das viel zu sehr an den Verbänden fest.

Und wie soll dieser moderne Islam Ihrer Meinung nach aussehen?

Wilms: Wir müssen in den Gemeinden die Radikalen nicht nur an den Rand drängen, sondern rausschmeißen beziehungsweise ernsthaft mit einer korrekten Lehre konfrontieren. Wir müssen Frauen und Jugendliche einbinden. Die Öffnung der Muslime zur Gesellschaft ist hier entscheidend. Das erleben wir vor allem, wenn muslimische Familien auf nicht muslimische treffen. Die Kinder kommen dann mit anderen zusammen. Dann sind alle daran interessiert, dass das Umfeld stabil und friedlich bleibt.

Was bei vielen Deutschen Unbehagen auslöst, sind ja weniger die integrierten Muslime, sondern Jungmännergruppen, die sich ihren eigenen Islam zusammenbasteln.

Wilms: Ich glaube, dass von denen überhaupt nur eine Minderheit religiös praktiziert. Sie haben meist auch kaum Verbindungen zu praktizierenden Muslimen. Und unter den Radikalen sieht man viele gescheiterte Existenzen, viele Kurzzeiterweckte.

Celebi: Gerade diese Jugendlichen machen uns Kummer, weil wir auch als Verbände noch keine richtige Strategie haben, an diese heranzutreten.

Güvercin: Ja, dieses Phänomen der aggressiven Jugendlichen kann man nicht ignorieren. Die pöbeln ja auch Muslime an. Aber der überwiegende Teil der hier lebenden Muslime ist sehr verbürgerlicht. Die passen sich ihrem deutschen Umfeld an . . .

. . . sie werden also eher abendlandisiert, als dass sie Deutschland islamisieren?

Güvercin: So kann man es sagen. Dabei kommt es auch nicht so sehr auf die sozialen Verhältnisse einer Einwandererfamilie an, sondern auf die Bereitschaft, auf die Mehrheitsgesellschaft zuzugehen. Mein Vater ist 1967 als Arbeiter nach Deutschland gekommen. Meine Mutter ist Analphabetin. Sie konnte trotzdem gut Deutsch. Warum? Sie ist offen auf die Menschen zugegangen und hat sich mit ihnen unterhalten. Aber sie hat auch Freundinnen, die seit 40 Jahren hier leben und nicht einmal eigenständig zum Arzt gehen können, weil sie die Kommunikation nicht beherrschen.

Nehmen wir einmal an, alles geht gut, die modernen Muslime setzen sich durch. Wie könnte Ihrer Meinung nach ein erneuerter Islam aussehen, der zu Deutschland passt?

Güvercin: Was heißt hier moderne Muslime? Diese Kategorisierungen führen die Debatte in eine Sackgasse. Wir müssen endlich verstehen, dass ein salafistischer Ideologe in seinem Denken modern ist, auch wenn er mit Zottelbart und Gewand daherkommt. Das mag einige böse überraschen: Aber der Salafismus ist eben auch das Ergebnis einer Erneuerung des Islam. Ein reflektierter Islam ist wichtiger als ‚Erneuerung‘. Reflektiert heißt: sich nicht nur gegen Extremisten abgrenzen, sondern selbstbewusst sagen, wofür man steht.

Celebi: Wenn Politiker betonen, dass die Mehrheit der Muslime friedlich im Land leben, aber im gleichen Satz die Dringlichkeit eines „modernen deutschen Islam“ unterstreichen, tue ich mich schwer, diese Dringlichkeit zu verstehen. Was mit „modern“ und „deutsch“ gemeint ist, müsste mal definiert werden. Ich sehe das so: Verfassungstreue und alle damit verbundenen Werte sind ohnehin islamkonform. Und die marginale, aber extreme salafistische Strömung ist nicht durch eine „Reform“ aufzuhalten, sondern durch das flächendeckende Vermitteln der islamischen Werte, die dem Mittelweg folgen.

Wilms: Lassen wir einmal die terminologischen und intellektuellen Probleme Ihrer Formulierung beiseite. Mehrere Artikel der „Islamischen Zeitung“ entwickeln Konzepte, was Muslime tun können, die sich diesem Ort und seiner Zeit verbunden fühlen. Ihr Islamverständnis muss den Herausforderungen dieser Zeit gerecht werden, und die bestehen in sozialen und ökonomischen Fragen, nicht in Kulturdebatten. Wir Muslime haben – im Rahmen unserer Rechtsordnung – ein enormes Potenzial, konstruktive Antworten aus einer richtig verstandenen Tradition anzubieten.

http://www.focus.de/magazin/archiv/keine-falsche-harmonie-mehr-abendland-wir-gehoeren-dazu_id_4473299.html

Der politische Islam ignoriert die theologische Tradition von 1400 Jahren

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„Liberal“ und „aufgeklärt“ müsse der Islam werden. Das soll die beste Antwort auf strenggläubige Militanz sein. So heißt es. Doch der Ruf nach Reform ist nichts anderes als eine Kampfansage. Er ist ein Ruf, der Widerstand ausdrückt und selbst Widerstand auslöst, eine Gegenreform provoziert. So war es immer wieder in der langen Geschichte der Religion.

Liberale folgen demselben Denkmuster wie ihre Gegner, beispielsweise jene, die sich Salafisten nennen. Sie politisieren die Religion. Auf der Suche nach dem wahren, echten Islam greifen die einen wie die anderen direkt auf den „Koran“ zurück und basteln sich eine Auslegung historischer Quellen, die weit ausschwingt zwischen unverbindlicher Esoterik und zerstörerischer Gewalt.

Der politische Islam ignoriert die theologische Tradition von 1400 Jahren, die unentwegt damit beschäftigt war, Frieden zu stiften und Streit zu schlichten – und das im jeweils nahen Umfeld. Ein Merkmal von Religion ist es, dass sie im Laufe der Jahrhunderte viele regionale Farben angenommen hat. Weshalb ja auch bedauert wird, dass unter dem, was in Krisen und Kriegen der Levante zu Bruch gegangen ist, auch die Kultur einer toleranten Mitmenschlichkeit verschüttet wurde.

Traditionell prägt die Moschee das gemeinschaftliche Leben der Muslime. Sie ist aber alles andere als nur Gebetsraum, sondern war immer auch ein lokales Zentrum, das sowohl Muslimen als auch Nichtmuslimen ihre Dienste anbot. Da finden sich Versammlungsräume, Schulen, Bibliotheken, medizinische und karitative Einrichtungen, beispielsweise Armenküchen – und Stiftungen.

Eine bedeutende gesellschaftliche Pflicht eines gläubigen Muslim, eine der fünf Säulen, ist die Zakat. Dabei gibt der Vermögende einen bestimmten Prozentsatz seines Ersparten an ärmere Menschen ab. Doch anders, als es eigentlich Tradition ist, werden Gelder, die in Deutschland gesammelt werden, heute ins Ausland transferiert. Sinn der Zakat aber ist es, sie lokal zu erheben und auch dort zu verteilen, um in direkter Nachbarschaft die soziale Kluft zu überbrücken.

Und zu tun gäbe es vieles. Jugendliche wenden sich von den Gemeinden ab. Die einen, weil sie radikalisiert sind und dem Imam vorhalten, ein Ungläubiger zu sein, der nicht den wahren Islam predigt. Die anderen, weil sie engagiert wären, aber ins Leere laufen. Sie finden in der Moschee weder Raum noch Mittel, um ihre Ideen und Projekte zu verwirklichen.

Also suchen sich junge Muslime anderswo Netzwerke oder ziehen sich zurück ins Private. So ergeht es auch den Frauen, die an einem Gemeindeleben interessiert sind – und ebenso der religiösen Bildungsarbeit. Bevor der organisierte Islam aber klagend Vater Staat um finanzielle Hilfe bittet, sollte er die eigenen Leute fragen, ob sie nicht lieber für eine anspruchsvolle Jugend- und Gemeindearbeit spenden wollen – als für ferne muslimische Projekte im Ausland.

Wie gesagt, es geht nicht um irgendeine Spende. Es geht um die Einnahmen aus der traditionellen Pflichtabgabe, aus der „Zakat“. Das hätte symbolische Bedeutung. Die muslimische Gemeinschaft rund um die örtliche Moschee würde sozial gestärkt. Eigenverantwortung entstünde, sich auch selbst um all jene Probleme zu kümmern, die das Miteinander im Wohnquartier belasten. Der deutschen Gesellschaft würden sich einmischende Muslime zeigen, dass sie Lösungen für alle zu bieten haben. Und aus dem Erfolg solcher Initiativen könnte lokale Identität wachsen.

Es sind die Menschen, die überzeugen, nicht das „politische“ Etikett, das ihrem Glauben anhängt, ob es nun ein „liberales“ oder ein „strenggläubig-orthodoxes“ ist. Und Muslime haben ein enormes Potential, konstruktive Antworten zu geben – eben aus einer wohlverstandenen Tradition heraus.

http://www.deutschlandradiokultur.de/pflichtabgabe-zakat-private-spenden-fuer-die-jugendarbeit.1005.de.html?dram:article_id=312139

Das Islambild in deutschen Medien – Wie denken unsere Talkshowredakteure?

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Reißerische Titel und eine düstere Bildersprache gehören zum gewöhnlichen Repertoire der Medien. Mit dem Islambild, das hierdurch vermittelt wird, beschäftigt sich mein erster Zündfunk Generator-Beitrag.

Zündfunk Generator

Zündfunk Generator: Jeden Sonntag um 22.05 Uhr auf Bayern 2. Mit Autoren, Künstlern, Hackern und Philosophen. Über Literatur und Gesellschaft, das Universum und den ganzen Rest.

Heute wird auf Bayern 2 um 22:05 Uhr mein erstes Radiofeature für Zündfunk Generator gesendet. Das Thema der einstündigen Sendung ist das Islambild in deutschen Medien. Gerade wenn es um das Islambild in den Medien geht, gibt es sowohl unter den in Deutschland lebenden Muslimen aber auch bei Nichtmuslimen eine Unzufriedenheit über die medialen Bilder und Debatten.

Die Beziehung zwischen Medien und den Muslimen ist daher nicht gerade spannungsfrei. Und das nicht erst seit dem Anschlag auf die französische Zeitschrift Charlie Hebdo oder den Pegida-Aufmärschen. Auch ich als muslimischer Journalist bekomme das zu spüren. In den letzten Monaten bekomme ich von meinen muslimischen Freunden und Bekannten immer häufiger die Fragen gestellt: „Warum berichten die Medien immer negativ über uns Muslime?“ Oder: „Du bist Muslim und arbeitest als Journalist. Hast Du überhaupt freie Hand, dass zu schreiben, was Du willst?“ Wenn man sich die Titel der Magazine oder Talkshows der letzten Zeit anschaut, kann man in gewisser Weise diese Bedenken verstehen. Es ist nicht einfach diese Bedenken zu entkräften.

Als muslimischer Journalist ist es in der Tat nicht einfach für große Medien zu schreiben. Es gibt Redakteure, die bewusst den üblichen sogenannten „Islamexperten“ Raum geben. Neue Stimmen, vor allem von jungen Muslimen, müssen sich ihren Platz noch hart erkämpfen. Aber Möglichkeiten gibt es genug. In den letzten Jahren haben viele junge Muslime begonnen über Blogs und Social Media sich gekonnt zu Wort zu melden. Und immer mehr junge Stimmen werden auch von den großen Medien wahrgenommen. Das allgemeine Bild des Islam in den Medien dominieren aber immer noch andere Akteure.

Aber warum ist das so? Warum berichten ‚die Medien’ so, wie sie es tun? Warum treten in Talkshows immer wieder ganz seltsame Figuren auf? Warum bekommen dubiose Prediger wie der Leipziger Salafist Hassan Dabbagh Raum in Talkshows, obwohl er lediglich für eine Handvoll Muslime spricht? Aber auch auf der anderen Seite, der sogenannten „liberalen“ Seite, treten Muslime auf, die für sich in Anspruch nehmen für die sogenannte „schweigende Mehrheit“ zu sprechen, und niemand stellt die Frage, wie man für eine Gruppe, die schweigt, sprechen kann… Extreme dominieren das Islambild, und die breite Mitte der Muslime bleibt zumindest auf der medialen Plattform abwesend.

Was für eine Auswirkung hat dies auf das gesellschaftliche Zusammenleben in Deutschland? Wie gehen Muslime damit um? Und kann man überhaupt pauschal von ‚den Medien’ und einem negativen Islambild sprechen?

Einige Punkte, die im Beitrag angesprochen werden: der unbestimmte „Islamismus“-Begriff und seine verheerende Auswirkung in der Debatte z.B. für Gemeindemitglieder; die Inszenierungen von ‚guten‘ und ‚bösen‘ Muslimen in Talkshows; die Rolle des Verfassungsschutzes in der Islamdebatte und der unkritische Umgang von Journalisten damit; die Aktivitäten von Netzwerken wie der „Achse des Guten“, des Springer-Verlags oder vom „privatisierten Verfassungsschutz“, die gezielt Personen und Organisationen diskreditieren.

Über diese und weitere Fragen habe ich gesprochen mit:

  • Kai Hafez, Kommunikationswissenschaftler und Politologe, lehrt in Erfurt und beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie der Islam in den deutschen Medien dargestellt wird
  • Christian Kolmer untersucht beim Institut Media Tenor seit vielen Jahren das Medien-Image von Religionen und Kirchen
  • Der Hamburger Journalist Albrecht Metzger, der sich seit vielen Jahren mit extremistischen Ideologien in der islamischen Welt beschäftigt. Er schreibt u.a. für Die Zeit, Qantara.de, Deutschlandfunk und DeutschlandradioKultur
  • Sulaiman Wilms, Chefredakteur der Islamische Zeitung. Die Zeitung ist als einziges von Muslimen produziertes Medium jetzt mittlerweile 20 Jahre auf dem Markt
  • Georg Diedenhofen, Redaktionsleiter von „hart aber fair“
  • Yasin Bas, er verfolgt als Politologe und Blogger die muslimische Jugendszene

Den Beitrag kann man online hier hören oder sich als Podcast herunterladen:

http://www.br-online.de/podcast/mp3-download/bayern2/mp3-download-podcast-zuendfunk-generator.shtml

Das Skript zur Sendung gibt es als PDF hier:

http://www.br.de/radio/bayern2/service/manuskripte/manuskripte-zuendfunk-generator-322.html