Unser schlechtes Image

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Der Koordinationsrat der Muslime hat versagt. Es koordiniert außer der Versendung inhaltsleerer Pressemitteilungen gar nichts.

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Das hat nichts mit dem Islam zu tun: Diesen Satz hört man immer wieder von muslimischen Funktionären und Verbandsvertretern. Nach den Anschlägen von Paris und auch nach den Vorfällen an Silvester in Köln. Mittlerweile fühlen sich nicht wenige Menschen davon genervt. Ich bin nicht verwundert, dass die Muslime in Deutschland mittlerweile ein schlechtes Image in der Öffentlichkeit haben. Dies nur auf die tendenziöse Berichterstattung der Medien zu schieben, wirkt wie eine Ausrede. Man will immer die anderen dafür verantwortlich machen. Verfehlungen oder Fehler auf der eigenen Seite darf es nicht geben.

Nein, wir Muslime müssen uns mit bestimmten Problemen und Fragen auseinandersetzen. Das hat nichts mit Andienen zu tun, sondern entspringt der Verantwortung, einerseits den Islam als Glauben zu verteidigen und andererseits in eine Diskussion mit Andersdenkenden einzutreten – mit wem denn auch sonst?

Wer aber kann seine Positionen zu aktuellen Fragen und Problemen formulieren? Funktionäre sind Politiker, das liegt in der Natur der Sache. Wir brauchen aber kein Politiksprech von muslimischen Verbandsfunktionären. Das bekommen wir von den politischen Parteien schon genug zu hören. Wir brauchen Akteure, die in der Lage sind, Positionen zu formulieren, die auf der islamischen Denktradition und Lehre basieren. Wir brauchen muslimische Gelehrte und Intellektuelle, die, aus dem Islam heraus argumentierend, zu aktuellen Fragen Stellung beziehen. Inhaltsleere Aussagen wie „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“ oder das freiwillige Anlegen eines politisch korrekten Korsetts helfen nicht dabei, Ressentiments und Vorurteile zu mindern, sondern stärken sie erst recht.

Vor einigen Monaten haben sich 126 muslimische Gelehrte aus der ganzen Welt durch einen offenen Brief klar gegen den IS positioniert. Es fällt auf, dass es in Deutschland keine muslimischen Gelehrten gibt, die auf diese Weise öffentlichkeitswirksam das Wort ergreifen. Aber die Öffentlichkeit und auch die muslimische Community in Deutschland wünschen sich solche Stimmen. Gibt es diese Gelehrten, und, wenn ja, warum kommen diese nie zu Wort? Es gibt sie. Aber ihre fehlende Sichtbarkeit hängt wohl damit zusammen, dass Funktionäre Politiker sind, die eine klare Haltung eines muslimischen Gelehrten als etwas Bedrohliches auffassen, da es ihr politisches und damit beliebiges Handeln erschwert. Diese Denker und Gelehrten sollen unsichtbar bleiben.

Man hört oft, dass die muslimischen Verbände sogenannte Gelehrtenräte konsultieren. Gesehen oder gelesen hat man von ihnen bisher nichts, etwa wenn es um eine klare Positionierung zum Wahhabismus/Salafismus-Komplex geht.

Der Koordinationsrat der Muslime als ein Zusammenschluss aller großen muslimischen Verbände hat in diesem Punkt versagt. Ein Blick auf den Internet-Auftritt dieses Koordinationsgremiums zeigt nur eins: Es koordiniert außer der Versendung inhaltsleerer Pressemitteilungen gar nichts. Von einer fundierten Behandlung wichtiger Themen durch Gelehrte, die auch eine Wirkung hätten, ist nichts zu sehen. Wenn der KRM nicht in der Lage ist, sich inhaltlich in gesellschaftliche Debatten einzubringen und eine muslimische Position zu formulieren, warum gibt es ihn noch?

Heute Sie, morgen ich

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Nachruf Zum Tod von Roger Willemsen erinnert sich unser Autor an einen engagierten Intellektuellen, der auch ein offenes Ohr für die Muslime hatt

Roger Willemsen mit afghanischen Kindern in Kabul (Foto: Christian Irrgang)

Roger Willemsen mit afghanischen Kindern in Kabul (Foto: Christian Irrgang)

Meine erste Begegnung mit Roger Willemsen war 2006 in Köln bei der litcologne. Sein Buch Hier spricht Guantanamo war neu erschienen. Er hatte ehemalige Guantanamo-Häftlinge getroffen und gesprochen. Willemsen war ja ein Intellektueller, der sich in politische Debatten einschaltete und Haltung zeigte. Einer, der sich nicht scheute, heiße Eisen anzufassen, auch wenn das nicht jedem gefiel.

Gemeinsam mit dem Herausgeber der Islamischen Zeitung, Andreas Abu Bakr Rieger, traf ich ihn in einem Kölner Hotel. Wir sprachen nicht nur über sein Guantanamo-Buch, den war on terror und die Islamdebatte, sondern auch über seine Reise nach Afghanistan, sein Engagement für karitative Projekte dort und über Gott und die Welt. Kurz vor dem Interview gab es eine Begegnung mit Götz Alsmann. Am Abend vorher hatte er ihm erwartungsfroh von diesem Interviewtermin erzählt. Götz Alsmann begrüßte uns mit einem freundlichen Salamualaikum.

Willemsen war jemand, der andere mit seiner Herzlichkeit und seinem Einfühlungsvermögen anstecken konnte. Er freute sich ehrlich auf diese Begegnung mit einem muslimischen Journalisten. Überhaupt war es ihm ein Anliegen, den Muslimen in diesen nicht einfachen Zeiten mit teils hysterischen Islamdebatten zur Seite zu stehen.

Auch nach dieser Begegnung blieben wir im Austausch. Immer wieder traf man sich spontan auf Buchmessen oder Veranstaltungen. Und immer nahm er sich die Zeit für ein Gespräch. Einmal begegneten wir uns zufällig an einer Ampel in Köln. Obwohl er „eigentlich“ keine Zeit hatte, nahm er sie sich und hörte bei einem Espresso zu, stand mit Rat und Tat zur Seite und ermutigte mich, mit der Arbeit weiterzumachen. Als muslimischer Journalist seinen eigenen Akzent zu setzen. So schwierig das auch sein mag. Ein Satz von ihm blieb mir haften: „Herr Güvercin, wir kämpfen an derselben Front. Heute werden Sie attackiert, morgen ich. Trotzdem machen wir weiter.“

Zuletzt hatte sich Roger Willemsen von der Öffentlichkeit zurückgezogen. Wie bei seinen Reisen und Büchern hat er sich auch beim Tod ganz auf die eine Sache konzentriert. In den Medien stand nichts über den Verlauf der Krankheit. Ich hatte die Hoffnung, dass er wieder zurückkommt. Aber am 7. Februar hat er uns verlassen. Er wird uns fehlen – Muslimen und Nicht-Muslimen.

 

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/heute-sie-morgen-ich

 

„Was schlecht für mich ist, ist gut für den Roman“

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Zaimoglu: "Die heutigen Akteure der Religionskritik sind Profilneurotiker. Sie wollen abschaffen, verfolgen, zerstören, verunglimpfen, zensieren." (© Bettina Fürst-Fastré)

Zaimoglu: „Schreiben ist ein Behaglichkeitsverlust.“ (© Bettina Fürst-Fastré)

Mein Zündfunk-Generator über Feridun Zaimoglu und sein Istanbul

„Das Ganze dauert zwei Tage und zwei Nächte. Man fährt durch den halben Balkan. Als ich ankam hatte ich richtig geschwollene Waden. Und es brauchte ein paar Tage bis sie wieder abgeschwollen waren. Für die Rückreise habe ich mir dann Thrombosestrümpfe gekauft. Sieht nicht gut aus, aber ich kam mit schlanken Waden an. Ich sage immer, was schlecht für mich ist, ist gut für den Roman. Ich wollte ja nicht in eine Komfortzone vorstoßen, Schreiben ist ein Behaglichkeitsverlust.“ Feridun Zaimoglu

Für seinen neuen Roman „Siebentürmeviertel“ ist der Schriftsteller Feridun Zaimoglu viel Bus gefahren. Wegen chronischer Flugangst hat er den Bus genommen: Kiel – Istanbul. Dort ist er durch die Straßen gelaufen und all die Gesichter und Geschichten fügten sich für Zaimoglu zu einer großen Menschenlandschaft zusammen.

Zaimoglu wollte nicht das allseits bekannte Istanbul-Bild reproduzieren. Sein Roman blickt zurück, er handelt von einem deutschen Jungen namens Wolf, der mit seinem Vater aus Deutschland unter dem Naziregime flüchten muss. Das Istanbuler Siebentürmeviertel wird zu seiner neuen Heimat. In diesem Viertel wuchs auch Feridun Zaimoglus Vater auf. Seine Erzählungen waren eine wichtige Quelle für den Autor.

„Man sieht die morschen und windschiefen Holzhäuser, die typischen Holzhäuser mit Erker. Man sieht die kleine Moscheen mit den kleinen Friedhöfen. Man sieht Menschen verschiedener Herkünfte. Als ich vor ein paar Monaten wieder in Istanbul war, habe ich festgestellt, man hat nicht mit dieser alten Tradition gebrochen. Ich sah syrische Flüchtlinge, ich sah Roma-Familien, die in diesen Holzhäusern untergebracht worden sind.“ Feridun Zaimoglu

Das Thema Flucht beschäftigte Zaimoglu auch während seiner Romanrecherche. In Istanbul sind die syrischen Flüchtlinge überall anzutreffen. Einige müssen betteln, andere arbeiten als Kellner oder in Autowerkstätten. Die Hilfsbereitschaft ist enorm. Gleichzeitig sieht sich Feridun Zaimoglu in Istanbul aber auch mit der zunehmenden Gentrifizierung konfrontiert. Die Bauwut ist groß und macht vor einer Verdrängung von armen Bewohnern aus ihren traditionellen Vierteln nicht Halt. Sie müssen Platz machen für Luxusunterkünfte, Shopping Malls und künstliche Kulissen. Dadurch verliert Istanbul aber seinen eigentlichen Flair und Reichtum.

Das komplette Feature kann man hier hören und herunterladen:

http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/kolumnen-sendungen/generator/was-schlecht-fuer-mich-ist-ist-gut-fuer-den-roman-zaimoglu-100.html

Es gibt auch Fundamentalisten einer „Wertegemeinschaft“

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Ein Debattenbeitrag von Eren Güvercin und Eberhard Straub im Cicero.

In jüngster Zeit wird wieder inflationär nach der Grundgesetztauglichkeit der Muslime gefragt. Politiker wie Julia Klöckner, Cem Özdemir, Volker Beck und Horst Seehofer, aber auch einzelne Vertreter von Islamverbänden fordern, „Muslime nicht in Watte zu packen“.

Immer wieder diskutieren wir, was Muslime alles aufgeben müssen. Aber nie reden wir darüber, was Muslime der Gesellschaft geben können. Sie sollen sich vielmehr einer Leitkultur einfügen. Diese Forderung ist ein Symptom dafür, mit dem Pluralismus der Lebensformen in einer offenen Gesellschaft, von der ununterbrochen die Rede ist, ganz einfach überfordert zu sein. Von Willkommenskultur erfüllte Menschenfreunde reden unumwunden wie Hausmeister, die für Ruhe und Ordnung zuständig sind, für Regeln und Gebote. Im deutschen Hause kann nicht jeder machen, was er will, sagen sie. Die Leitkultur ist ein Mittel, jeden an die Leine zu nehmen und fürsorglich in „unsere“ Wertegemeinschaft zu integrieren.

Leitkultur, Wertegemeinschaft und Integration sind völlig beliebige Vorstellungen. Sie müssen mit Inhalten gefüllt werden. Alle gesellschaftlichen Kräfte bemühen sich darum, wollen ihnen Verbindlichkeit verschaffen. Das Ziel ist die Homogenisierung der Gesinnungen in der Wertegemeinschaft als Religions- und Kirchenersatz.

Diese „Glaubensgemeinschaft“ hat das Grundgesetz längst zum Heiligen Buch erhoben. Es dient dazu, die freiheitlich-rechtliche Grundordnung der profanen Welt zu entrücken und sie zu sakralisieren. Eifersüchtig sind die Apostel dieser innerweltlichen Erlösungslehre als Fundamentalisten darauf bedacht, dass kein anderes Heiliges Buch über diesem Fundament ihre Glaubens stehen dürfe.

Sie verwischen damit die säuberliche Trennung zweier Sphären und Rechtsgebiete. Die freie Kirche im freien Staat gehörte zum liberalen Rechtsstaat, wie er sich im 19. Jahrhundert entwickelte. Selbstverständlich blieb das für den Christen höchste Gebot unangetastet, unter Umständen Gott mehr gehorchen zu müssen als dem irdischen Gesetzgeber. Klassische Liberale waren sich noch bewusst, dass die Mächte, die das sittliche Leben bestimmen, der göttliche Geist und der individuelle Menschengeist, außerhalb des Staatsbereiches sind. Überschreiten der Staat sowie gesellschaftliche Gruppen und Parteien die ihnen gesetzten Schranken, schaden sie mit solchen Übergriffen sich und der Sittlichkeit.

Eine Verfassung legt den äußeren Rahmen fest, in dem sich das Zusammenleben entfalten kann. Was der Einzelne über die Verfassung denkt, ob er sie überhaupt liest, geht keinen etwas an. Diese Gleichgültigkeit gilt den Anhängern des Verfassungskultes mittlerweile als Frevel verstockter Irrgläubiger. Deshalb machen sich zunehmend Bemühungen bemerkbar, Gesinnungen und nicht Handlungen zu kontrollieren. Dazu verleitet auch die Ideologie der one world und des ihr gemäßen überall gleichen Menschen. Sie fordert die Normierung und die Reduzierung der verwirrenden Vielfalt auf eine monotone Einfalt.

Darüber gerät die Freiheit mit ihren mannigfachen Ausdruckformen in erhebliche Bedrängnis. Zu ihr gehört unbedingt die Freiheit der Religion, mit der die Geschichte der bürgerlichen Freiheit begann. Die Religion ist Privatsache, aber zugleich bedarf sie des öffentlichen Raumes, um in aller Freiheit dort gelebt werden zu können. Ein Bekenntnis in den eigenen vier Wänden hat nichts mit Freiheit zu tun. Das muss eine Öffentlichkeit aushalten, die sich übrigens die Freiheit nimmt, Bekenntnisse nicht zu tolerieren, sondern sie verächtlich zu machen. Eine Öffentlichkeit, die übrigens sehr genau aufpasst, ihre sogenannte Wertegemeinschaft  vor Spott oder Verunglimpfung zu schützen. Mit dem Grundgesetz als Heiligem Buch darf kein Schabernack getrieben werden, wie mit der Bibel oder dem Koran.

Die immer gröber und geschmackloser werdende Unduldsamkeit gilt mittlerweile jeder Religion. Der Glaube der Christen oder Muslime wird in gleicher Weise als lästige Herausforderung empfunden, weil er im Widerspruch zur „Aufklärung“ steht. Dabei gibt es die Aufklärung genauso wenig wie das Christentum oder den Islam, auch sie zerfällt in unterschiedlich nuancierte Richtungen. Außerdem gibt es die fast in Vergessenheit geratene Dialektik der Aufklärung, das Bündnis im Namen der Freiheit mit dem mörderischen Schrecken während der Französischen Revolution. Der Terror ist nicht steinzeitlich oder mittelalterlich, sondern ganz modern.

Die Dinge zu verstehen, heißt, sie zu komplizieren.

Es genügt, die einwandernden Muslime mit dem bürgerlichen Recht vertraut zu machen und ihnen die Gelegenheit zu geben, sich zu Staatsbürgern zu bilden. Mehr wird in einem Rechtsstaat auch von keinem Christen verlangt. Mehr darf gar nicht verlangt werden. Vom Islam geht keine besondere Gefahr aus, höchstens von vereinzelten Islamisten. Der Rechtsstaat erhält und schützt sich durch das Recht.

Will er sich aber zur Wertegemeinschaft überhöhen, dann erkennt er über dem Recht höhere, heilige Mächte an, eben die Werte, die dann die Rechte aushöhlen, vor allem im Namen der Sicherheit die Freiheitsrechte. Nicht von den Religionen gehen für die Rechtsordnung Gefahren aus, sondern von Wertsetzern, die als radikale Fundamentalisten ihren Werten absolute, höchste Geltung verschaffen wollen.

http://www.cicero.de/berliner-republik/verfassungspatriotismus-islam-leitkultur-religion-es-gibt-auch-fundamentalisten-einer-wertegemeinschaft

Nach Paris: Radikalisierung von jungen Muslimen

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Letzte Woche sprach ich mit Martin Thür in Paris über die Attentate, die Radikalisierung von jungen Muslimen in Europa und wie man als Gesellschaft darauf reagieren sollte. Gesendet wurde das Interview in der Sendung Klartext auf ATV, u.a. auch mit Ursula Plassnik, ehemalige österreichische Aussenministerin und aktuelle Botschafterin in Paris. Hier das Interview mit mir auf YouTube:

Zeigt nicht mit dem Finger auf Andere!

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Es gibt in Europa eine Ignoranz gegenüber Terror und Gewalt in anderen Teilen der Welt. Aber auch für Muslime ist es Zeit für unangenehme Selbstkritik.

 

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Foto: Benh Lieu Song / CC-BY-SA 3.0

Die Anschläge in Paris haben die meisten Menschen in Europa in einen Schockzustand versetzt. Einige aber, darunter viele Muslime, stellen sich die Frage, warum kollektive Anteilnahme mit den Opfern in Paris herrscht, die täglichen Opfer des IS in der arabischen Welt nur marginal wahrgenommen werden. Insbesondere in den sozialen Medien ist die Entrüßstung groß. So empört man sich, dass Facebook zwar eine Funktion eingerichtet, das Profilbild mit der Tricolore zu versehen, das gleiche aber nach dem ebenfalls blutigen Anschläge des IS in Beirut unterlassen hat.

Ja, es gibt eine Ignoranz in Europa gegenüber Terror und Gewalt in anderen Teilen der Welt. Es mangelt an Anteilnahme und Solidarität. Oftmals fehlt der Blick und die Empathie für die zivilen Opfer des „Kriegs gegen den Terror“ in Afghanistan, Irak und Syrien oder dem Wüten des IS in Syrien oder dem Irak. Und es gibt eine Doppelmoral in der Außenpolitik westlicher Länder.

Aber das kann doch nicht als Ausrede gelten, um selber, als in Europa lebende Muslime, keine Empathie zu zeigen? Gewiss leiden in erster Linie die Muslime unter der Terrorherrschaft des IS. Abertausende sind ihren Verbrechen zum Opfer gefallen. Muslime, die hier in Europa leben, müssen aber auch fähig sein, Empathie für die Menschen des Landes zu entwickeln, in dem sie leben. Es sind ihre Mitbürger. Das Aufrechnen von Opfern, das sich Drücken vor Solidarität, ist Gift für das Zusammenleben hier, baut die bestehenden Ressentiments nicht ab, sondern schürt sie.

Und übrigens: Diejenigen, die am lautesten schreien „Paris ist schlimm, aber warum schaut ihr nicht nach Beirut, Aleppo oder Pakistan?“, sind oft die, die selber über Beirut, Aleppo und Pakistan geschwiegen haben. Sie erinnern sich jetzt daran, weil sie ihre Augen vor der schrecklichen Realität verschließen wollen. Wenn es um den Konflikt zwischen Israel und Palästina geht, sind die Muslime in Europa sofort Feuer und Flamme. Was die Lage der Muslime in Afrika, die Lage der muslimischen Uighuren in China oder der Krimtataren unter russischer Kontrolle angeht, herrscht dagegen Ignoranz.

Nein, es ist nicht die Zeit für Ausreden, es ist Zeit, den Zusammenhalt aller zivilisierten Menschen zu stärken, Zeit auch für unangenehme Selbstkritik unter uns Muslimen. Denn diejenigen, die banale einseitige Facebook-Solidaritätsaktionen bemängeln, schauen tatenlos zu, wenn salafistische Ideologen junge Muslime in ganz Europa rekrutieren. Die wahhabitisch-salafistische Ideologie ist es, die die islamische Denktradition negiert und die Mehrheit der Muslime als irregleitet und vom Glauben abgefallen bezeichnet – und für vogelfrei erklärt. Dagegen muss man Position beziehen, und zwar mit Argumenten aus einer islamischen Denktradition heraus, auf die der politische Islam in seinen verschiedenen Gestalten seit 200 Jahren allergisch reagiert. Da helfen weder reflexhafte Aufforderungen nach einer „Reform“ noch Ignoranz gegenüber den realen Problemen in der islamischen Welt. 

Statt mit dem Finger auf Andere zu zeigen, ist es an der Zeit, kritische Selbstreflexion zu betreiben. Auf die öffentliche und mediale Ignoranz gegnüber den IS-Opfern in der islamischen Welt kann man immer noch hinweisen. Zuerst sollte man aber schauen, was hier schief läuft und was man zum Nutzen aller Menschen besser machen kann.

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/zeigt-nicht-mit-dem-finger-auf-andere

Kissler: „Zerrbilder auf beiden Seiten“

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Wir Muslime reagieren nicht selten mit Empörung, wenn Phänomene in der muslimischen Welt kritisiert werden. Schnell schießt man über das Ziel hinaus und steckt Kritiker in eine Schublade, bevor man überhaupt das Gespräch und eine Debatte gesucht hat.
Dr. Alexander Kissler ist Journalist und Publizist, der das Kulturressort des politischen Monatsmagazins „Cicero“ leitet. Soeben erschien sein Buch „Keine Toleranz den Intoleranten“. Ein provokanter Titel, aber es lohnt sich mit ihm intellektuell auseinanderzusetzen.
Ich traf Alexander Kissler auf der Frankfurter Buchmesse. Wir sprachen über seine Wahrnehmung des Islam, der hier lebenden Muslime und sein lei­denschaftliches Plädoyer für ein offenes Gespräch.

Kissler:

Kissler: „Eine Religion, die vom Wahrheitsbegriff abließe, wäre keine Religion mehr. Religionen können nicht auf dem Marktplatz abstimmen lassen, was als angenehm gilt oder zeitgemäß.“ (Bild: © Andrej Dallmann)

Herr Kissler, in Ihrem neuen Buch „Keine Toleranz den Intoleranten“ geht es auch um den Islam und die Muslime. Was für Erwartungen haben Sie an Muslime, die in Deutschland leben? Anders gefragt, was geht Ihnen da gehörig auf die Nerven?

Alexander Kissler: Mein Buch wendet sich zunächst an den Westen. Ich werfe dem Westen vor, dass er seine Tradi­tionen und seine Geschichte vergessen hat, nicht mehr weiß, wo er herkommt, und dass er – und das ist mein Hauptvorwurf – Toleranz fatalerweise für Ignoranz hält. Der Westen wird aber nicht überleben, wenn wir meinen, er bestünde darin, dass wir uns für die Anderen maximal nicht interessieren, wenn wir alles tolerieren, immer wegschauen. Toleranz ist nicht Ignoranz, Toleranz braucht Haltung, Toleranz braucht Grenzen.
Ich spreche weniger über Muslime als über die Wahrnehmung des Islam und die Lektüre islamischer Texte. Insofern steht es mir fern, den Muslimen Ratschläge zu erteilen. Was ich allerdings beobachte, ist, dass es innerhalb der muslimischen Community verstärkt die Tendenz gibt, sich in einer Opferrolle einzurichten, dass man Kritik an gewissen Erscheinungen des Islam falsch wahrnimmt: als Beleidigung der Muslime.

Woher kommt Ihr Eindruck vom Islam, den Muslimen? Welche islamischen Texte meinen Sie, von denen Sie sprechen?

Alexander Kissler: Der Ausgangspunkt in meinem Buch war der islamistische Angriff im Januar 2015 auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Paris. In der Debatte danach gab es viele Stimmen innerhalb und außerhalb der muslimischen Gemeinschaft, die die Morde zwar verurteilten, allerdings hinzufügten, wer den Islam oder dessen Propheten beleidige, dürfe sich über gewisse Konsequenzen nicht wundern. Dem möchte ich entgegen halten: Wer so argumentiert, hat sich aus dem Westen verabschiedet. Peter Sloterdijk hat einmal gesagt, es gäbe „kein Recht, von Beleidigungen frei zu bleiben“, und „erst recht keinen Anspruch auf Überempfindlichkeit“. Muslime und Nichtmuslime müssen gemeinsam anerkennen: Wer andere Menschen aufgrund abweichender Meinungen umbringt, ist ein Straftäter, nichts sonst.

Sie kritisieren nicht nur in Ihrem Buch, sondern auch in Ihren Kommentaren und Beiträgen vor allem den politischen Islam. Aber gerade dieser Spielart ist ­geprägt vom westlichen Modernismus. Muss man da nicht zwischen einem politischen Islam als Ausprägung der Moderne, als politische Parteiung und die über 1.400-jährige islamische Denktradition und dem Kern des Islam unterscheiden?

Alexander Kissler: Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass der politische Islam oder der islamische Fundamentalismus unserer Tage eine Erscheinung der Moderne ist und Ergebnis eines überschießenden innerislamischen Reformversuches. Reform meint in der Regel eine innere Reinigung, ein Zurück zu den Quellen. Selbstverständlich kann ich nur das Antlitz des gegenwärtigen Islam, wie er sich mir darstellt, einordnen.
Ich verschweige nicht, dass der Westen bei den philosophischen, medizinischen, mathematischen Übersetzungsleistungen des Mittelalters in der Schuld arabisch-islamischer Traditionen steht. Aktuell indes habe ich den Eindruck, dass im Westen weite islamische Kreise sich in die Enge getrieben meinen und umso lauter schreien, damit sie wahrgenommen werden. Wer beim rhetorischen Überbietungswettbewerb nicht mitmacht, wird als Verräter an der islamischen Sache gebrandmarkt.
Mit der islamischen und der westlichen Menschheitserzählung liegen letztlich unterschiedliche, konkurrierende Erzählungen vor. Der afghanisch-amerikanische Historiker Tamim Ansary spricht sogar von einer „Unvereinbarkeit zwischen der islamischen Welt und dem Westen“. Sehr wohl allerdings müssen wir alle uns treffen in der bedingungslosen Bereitschaft, als Menschen menschlich miteinander umzugehen.

Sie kritisieren Erscheinungen in der muslimischen Welt, setzen sich aber auch gleichzeitig leidenschaftlich für ein offenes Gespräch ein. Aber gerade in Deutschland ist die sogenannte Islamdebatte in den letzten Jahren kein offenes Gespräch, denn gerade bei Muslimen wird penibel die politische Korrektheit anhand von regelrechten Gesinnungsfragen geprüft. Kann man in diesem Kontext wirklich von einer Debatte sprechen?

Alexander Kissler: Angesichts der Weltlage sind wir zum Gespräch verdammt, weil die Auseinandersetzung weltweit um Frieden und menschliches Zusammenleben derart dramatisch ist. Es ist richtig, dass in der Islamdebatte Zerrbilder auf beiden Seiten vorherrschen. Es gibt den Muslim, der gerne betont, dass er im Westen gar nicht willkommen sei, dass er ständig diskriminiert werde, was in dieser Pauschalität nicht stimmt. Es können hier Moscheen gebaut werden, wogegen ich überhaupt nichts einzuwenden habe. Es gibt Bekenntnisunterricht, es gibt die Freiheit, in der Öffentlichkeit den Glauben zu leben, wofür ich auch als Katholik sehr eintrete. Ich lehne den Satz ab, Religion sei Privatsache. Nein, Religion muss in einer freien Gesellschaft das Recht haben, öffentlich erkennbar und wirksam zu sein.
Auf der anderen Seite gibt es das Zerrbild, jeder Muslim trage den Dolch im Gewande. Wir brauchen eine Debatte über die Grundlagen unserer jeweiligen Weltanschauungen. Natürlich können Stränge des Islam, teilweise in die Tradition und teilweise in den Koran zurückreichend, gewalttätige Aktionen legitimieren helfen. Es gibt eine meines Erachtens nicht vollends aufgeklärte antisemitische Versuchung, die innerhalb der Geschichte, aber auch in Schriften des Islam zu finden ist und sogar im Leben Mohammeds.
Andererseits ist da die Versuchung westlichen Dominanzgebarens in Form eines säkularen Gesinnungstests, nach dem Motto: Am Westen darf nur teilnehmen, wer sich politisch korrekt verhält und die „Turnierfähigkeit des Zeitdeutschen“ (Rudolf Borchardt) erfüllt. Das kann es natürlich nicht sein.

Es scheint, dass immer sehr viel über den Islam diskutiert wird, aber es eigentlich um die Rolle von Religion in der modernen, säkularen Gesellschaft geht. Teilen Sie diese Einschätzung?

Alexander Kissler: Da sprechen Sie einen sehr wichtigen Punkt an. Viele Muslime lernen hier eine Gesellschaft kennen, die von der irrigen Auffassung ausgeht, Moderne sei gleichbedeutend mit einer ewig fortschreitenden Säkularisierung, hin zu einem allgemeinen Atheismus. Da wirkt das Drei-Stadien-Modell des Philosophen Auguste Comte nach, der von einem kindischen, einem heranwachsenden und dem erwachsenen, dem vollends aufgeklärten Zeitalter sprach. Die theologische Epoche wird mit dem Kind identifiziert, das nach und nach den Glauben abstreift, ihn überwinden muss, um in das wissenschaftliche oder positive Zeitalter zu gelangen.
Vor diesem Hintergrund sieht sich ein religiös weitgehend entkernter Westen mit einer Religion konfrontiert, deren Frömmigkeitsformen öffentlich sichtbar sind. Diese Öffentlichkeit von Religion war aber auch der Normalfall im christlich geprägten Abendland. Wir sahen im Jahreskreis verteilte Prozessionen, Beerdigungen waren dörfliche Ereignisse – mancherorts ist es heute noch so. Der Westen wird durch die Sichtbarkeit muslimischer Frömmigkeit dazu gezwungen, sein eigenes Modell von Moderne und Säkularisierung zu überdenken.

Die Forderung nach einer Reform des Islam kommt ja in den Debatten der letzten Jahre immer wieder. Gerade wenn man sich aber mit gewissen ideologischen und modernistischen Bewegungen in der islamischen Welt vertiefend auseinandersetzt, sieht man im Kern dieser heute als Bedrohung wahrgenommenen Strömungen einen Reformansatz. Sie sind das Ergebnis einer Reformbewegung, die die 1400-jährige Denktradition des Islam, die für eine gewisse Ordnung gesorgt hat, ablehnt. Sind diese inflationären Reformforderungen nicht zu kurz gedacht? Geht das an den wirklichen Problemen nicht vorbei? Ein sogenannter Reformtheologe in Deutschland stellte kürzlich die abenteuerliche These auf, dass im Kern des Exklusivitätsanspruchs des Islam, aber auch der anderen Religionen, Gewalt stecke.

Alexander Kissler: Wir kennen aus den Büchern von Jan Assmann den Begriff der mosaischen Unterscheidung; durch die Geburt des Monotheismus sei eine neue Unduldsamkeit in die Welt gekommen. Religionen sind aber stets Agenten der Wahrheit, in deren Besitz sie sich fest glauben. Eine Religion, die vom Wahrheitsbegriff abließe, wäre keine Religion mehr. Religionen können nicht auf dem Marktplatz abstimmen lassen, was als angenehm gilt oder zeitgemäß. Insofern brauchen Religionen einen Absolutheitsanspruch. Das ist der innere Kern, weil Religionen – wenn man sie ernst nimmt – die Brücke vom Diesseits ins Jenseits gefunden zu haben glauben. Entscheidend ist, in welchen Redeweisen und Handlungen sich dieser Anspruch ausdrückt. Es gab sehr unduldsame Wege, mit dem christlichen Absolutheitsanspruch umzugehen, trotz der Lehren des Neuen Testaments. Das westliche Christentum befindet sich momentan eher in einer abkühlenden Phase.
Der Islam wiederum ist aufgefordert, innerhalb des Westens am Absolutheits- und Wahrheitsanspruch festzuhalten – trotz Widerspruchs. Für mich als Christ ist Mohammed kein Prophet, für Juden ist Jesus kein Messias, da kommen wir zu keinem Konsens. Andererseits müssen wir bereit sein, uns darüber präzise zu verständigen, Unterschiede also zu benennen, auszuhalten und gerade so den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen.
Ich wünsche mir, dass jene Kräfte im Islam sich stärken, die das Sinn-, Trost- und Heilsangebot ihrer Religion offen halten für Gespräche mit Menschen, die zu ganz anderen Ergebnissen kommen, die aber dennoch vom Hunger nach Sinn und der Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit getrieben sind.

Lieber Alexander Kissler, ich bedanke mich für das Gespräch.

Dr. Alexander Kissler ist Publizist und Journalist. Er leitet das Kulturressort des politischen Monatsmagazins „Cicero“. Soeben erschien sein Buch „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ (Gütersloher Verlagshaus, 184 Seiten, 17,99 Euro).

http://www.islamische-zeitung.de/?id=19634

Eine etwas andere Focus-Reportage

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Ja, viele Muslime haben so ihre Meinung über ‚die Medien‘. Auch über die Zeitschrift Focus haben Muslime so ihre Meinung, spätestens seit der Titelstory „Die dunkle Seite des Islam“ aus dem letzten Jahr. Den Focus-Redakteur Michael Klonovsky, einer der Verantwortlichen dieser Titelstory, traf ich kurz danach, und es entwickelte sich ein intensiver Austausch, der für beide Seiten sehr erfrischend war. Wir kamen noch einmal zusammen, diesmal um über die ‚helle Seite‘ des Islams zu sprechen. Das Ergebnis ist eine siebenseitige Reportage im aktuellen Focus mit Porträts von mir, Dr. Tuba Isik, Engin Karahan, Cemil Sahinöz, Achim Seger und Tahir Chaudhry. Hier ein Auszug:

Der Intellektuelle

„Ein ‚liberaler‘ Islam? Was soll das sein? Ich kann nicht liberal beten“, sagt Eren Güvercin. Man möge nicht vermischen, was nicht zusammengehöre. Der Kölner, 1980 als Sohn türkischer Eltern geboren, arbeitet als freier Journalist und ist Autor des Buches „NeoMoslems. Porträt einer deutschen Generation“. Was das ist? „Sie sehen sich in erster Linie als Deutsche, machen aber keinen Hehl daraus, Muslime zu sein.“ Güvercin, der Goethe und Ernst Jünger liest, ist habituell ein typischer europäischer Intellektueller, der ebenso in einem Pariser Café über Camus sprechen könnte, wie er jetzt bei einem Kölner Italiener über den Islam spricht. „Man soll kulturelle Identitäten nicht religiös erklären oder begründen“, sagt er. Türkei sei nicht gleich Islam. „Türken sind Türken. Und wie es spezielle Ausprägungen des Islam gibt, kann es auch eine deutsche Version geben.“ In der Einwanderungsfrage besteht für Güvercin ein Hauptproblem darin, „dass eine nüchterne Debatte fast unmöglich ist“. Für echte Flüchtlinge sollte Deutschland Verantwortung übernehmen. „Aber man muss die Multi-Kulti Romantik in Fage stellen dürfen, ohne sofort regelrecht für vogelfrei erklärt zu werden.“ Den Islamismus nennt Güvercin „eine kranke Mischform aus westlich-politischem Denken und Islam“. Er beruft sich auf den Islamwissenschaftler Thomas Bauer, der in seinem Buch „Die Kultur der Ambiguität“ demonstriert, wie die zunehmende Ideologisierung des Islam im 19. und 20. Jahrhundert zu einem Nachlassen der muslimischen Toleranz gegen Andersgläubige geführt habe.

Das Gottesbarbarentum des IS sei keineswegs ein mittelalterliches Phänomen, sondern im Gegenteil ein modernes, denn die traditionellen islamischen Rechtsschulen hätten die rigide Teilung der Welt in wahr und falsch nicht gekannt, statuiert Güvercin. Verschwunden sei leider die altorientalische Neigung zur Mehrdeutigkeit. Auch die salafistische Vorstellung, dass am Koran nichts zu interpretieren sei, entstamme der jüngeren Gegenwart. „Ohne Kommentar ist der Koran nicht zu verstehen“, erklärt Güvercin. Die Vordenker der Dschihadisten bedienten sich aus der Schrift „wie aus einem Werkzeugkasten“. Auch die Islamkritiker zögen sich heraus, was ihnen gerade passe – „da sind sie den Salafisten erstaunlich ähnlich“. Güvercin streitet für die Unverfügbarkeit seiner Religion, wer auch immer sich anmaßt, über den Glauben bestimmen zu wollen. Über die von Saudi-Arabien finanzierte König-Fahd-Akademie in Bonn sagte er: „Warum unterbindet das der deutsche Staat nicht? Da werden Leute radikalisiert.“ Aber wenn die CDU ein Thesenpapier zum Islam vorlegt, ist ihm das ähnlich suspekt: „Was geht sie das an? Das Schlimmste wäre ein offizieller Staats-Islam mit Kirchensteuer. So etwas hat es im Islam nie gegeben.“ Überhaupt ärgeren ihn die sich ausbreitende „Gesinnungsschnüffelei“ und der „Wertezwang“. „Man ist dauernd mit irgendwelchen Gesinnungstestfragen konfrontiert, etwa wie man zur Homosexualität steht.“
Die obligate Frage, was er davon hielte, wenn seine (noch nicht vorhandenen) Kinder einen Nichtmuslim heiraten würden, beantwortet Güvercin am lockersten: „Am besten, sie heiraten jemanden, den sie lieben. Muslim kann er ja immer noch werden.“ (…)“

Ein Buch mit sieben Siegeln? – Die Bedeutung des Korans für die Muslime

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Über den Koran wird zurzeit so viel behauptet und verbreitet, wie über kein anderes Buch. Aber wie ist eigentlich der Umgang der Muslime mit dem Koran? Was für eine spirituelle Rolle spielt er für sie? Und: wie können überhaupt Bedeutungen und Handlungsanweisungen aus dem Koran abgeleitet werden? Mein Zündfunk-Generator-Radiofeature über den Koran.

Das Auswendiglernen des Korans hat bei Muslimen eine große Bedeutung. Seit über 1400 Jahren wird der Koran in einer Überlieferungskette von Lehrer zu Schüler übermittelt.

Das Auswendiglernen des Korans hat bei Muslimen eine große Bedeutung. Seit über 1400 Jahren wird der Koran in einer Überlieferungskette von Lehrer zu Schüler übermittelt.

Für Muslime ist es das unmittelbare Wort Gottes und spirituelle Anleitung. Der Koran hat im Leben praktizierender Muslime einen einzigartigen Stellenwert. Seine Rezitation wird als segensreich erachtet und bringt göttlichen Lohn.

Manche Politiker fordern eine staatlich anerkannte Einheitsübersetzung des Korans, andere wiederum eine „zeitgemäße, liberale Korandeutung“. Doch was steckt genau hinter solchen Forderungen, die auf den ersten Blick sympathisch klingen mögen? Es ist – und das wird meist übersehen – ein Phänomen der Moderne, dass ein Koranvers nur auf eine Bedeutung begrenzt wird:

„Das sehen Sie jetzt ganz klar bei solchen Strömungen wie dem Islamischen Staat, eine eigentlich politische Bewegung. Da ist es klar, dass man eine möglichst radikale Auslegung des Korans machen muss, und dabei aber andere Koranstellen, die das eigentlich nicht zulassen würden, schlichtweg übergeht. Es wird also eine sehr einseitige Koranauslegung gemacht. Andererseits: Bei manchen sich liberal nennenden Theologen hat man auch oft das Gefühl, dass man jetzt zu dieser oder jenen bestimmten Koranauslegung kommen muss, weil das gesellschaftlich so gewollt wird.“ (Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaften und Arabistik, Universität Münster)

Es besteht bei jeder Schrift die Gefahr, dass sie politischen oder ideologischen Zielen unterworfen wird. Daher hat sich in den über 1.400 Jahren des Islam eine Methodologie entwickelt, um einer Instrumentalisierung entgegenzuwirken.

„Man versucht im Islam diese Fehleranfälligkeit möglichst durch zwei Faktoren zu begrenzen. Der eine Faktor ist Wissen und der andere Faktor ist die Absicht. Es gibt diesen Ausspruch des Propheten: Alle Taten sind entsprechend ihrer Absichten zu bewerten. D.h. jeder Mensch, der den Koran zeitgenössisch interpretiert, soll sich zunächst einmal Gedanken darüber machen, welche Absicht habe ich dabei. Will ich es zum Wohle der Menschheit machen, will ich es mit der Absicht des Gehorsams gegenüber Gott machen, oder will ich es machen, um irgendeinen Lehrstuhl zu bekommen, oder um mich in der Öffentlichkeit beliebt zu machen? Diese Motivationen sind menschlich, aber es ist wichtig für jemanden, der sich mit dieser Materie beschäftigt, seine Absicht möglichst rein zu halten, und sich zu fragen, ob er die notwendigen Instrumente dafür hat, die ihn dazu befähigen.“ (Martin Mahmud Kellner, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Islamische Theologie, Universität Osnabrück)

Der Koran und das Leben des Propheten sind zwei Faktoren, die jeden Muslim prägen. Sie prägen das Verhalten, die Mitmenschlichkeit, den Charakter, im Grunde genommen sein ganzes Leben. Aber eben nicht so negativ, wie wir uns das vielleicht oft aufgrund der medialen und politischen Debatten über Muslime und den Koran vorstellen, sondern in einer viel tiefergehenden, positiveren und spirituellen Art und Weise.

Das Radiofeature kann man online unter folgendem Link hören:

http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/kolumnen-sendungen/generator/zuendfunk-generator-koran-ein-buch-mit-sieben-siegeln-100.html

Das Skript zur Sendung kann man sich hier herunterladen:

http://www.br.de/radio/bayern2/service/manuskripte/manuskripte-zuendfunk-generator-364.html

Quo vadis, KRM?

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Selbstgespräch zwischen Funktionären oder innermuslimischer Austausch? Vorabmeldung zum Interview mit Ersin Özcan, Vorstandsvorsitzender des DITIB-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen

DITIB-Zentralmoschee in Köln (Foto: Marco Verch)

DITIB-Zentralmoschee in Köln (Foto: Marco Verch)

Die Debatten rund um das Islamgesetz in Österreich haben in den letzten Wochen auch Muslime und Politik in Deutschland beschäftigt. Forderungen nach einem ähnlichen Gesetz wurden auch hier laut. Ersin Özcan, Vorstandsvorsitzenden des DITIB-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, unterstrich in einem langen Interview, was in der nächsten Ausgabe der Islamischen Zeitung in voller Länge zu lesen sein wird, dass das Islamgesetz geprägt sei von einem implizierten Vorwurf der Untauglichkeit und der Illoyalität. „Letztlich erscheint mir das Islamgesetz als eine Art staatliche Obhut über Muslime und es manifestiert sich eine Haltung, in welcher der Staat bestimmt, wer ein guter Muslim ist“, so Özcan. Die befürwortenden Stimmen aus der Politik sind ihm ein Rätsel, erst recht die muslimischen Stimmen, die solche Verbote oder Eingriffe fordern. „Ich glaube für Kirchen oder jüdische Gemeinden würde niemand aus der Politik so etwas fordern. Und schon gar nicht würden die Vertreter dieser Religionsgemeinschaften so etwas begrüßen“, sagt Ersin Özcan.

„Import-Imame“

Ersin Özcan geht im Interview auch auf die Problematik der sogenannten „Import-Imame“ im Kontext dieser Diskussionen ein. Die Muslime seien in der Lage selbst entscheiden zu können, woran sie glauben, wie sie glauben und mit welchen Mitteln und mit welchem Personal sie ihren Glauben leben wollen. „So zu tun, als seien die Muslime nicht fähig zu erkennen, welcher Imam gut für sie ist, erscheint mir ziemlich paternalistisch“, betont Özcan.

Den Vorwurf, DITIB stehe unter Kontrolle Ankaras lehnt Özcan ab. Das seien „Nebelbombe“, in deren Schwaden all jene sich aus dem Staub machen würden, die in der Sache eine nachhaltige Debatte scheuten. „Ein solcher Auslandsbezug ist rechtlich wie tatsächlich bei anderen Religionsgemeinschaften, wie der Anglikanischen Kirche oder der Katholischen Kirche kein Problem“, so Özcan. Man sollte auf das hören, was DITIB in Deutschland sage und die Inhalte wahrnehmen, um die es gehe. „Da spricht nicht die türkische Politik, da sprechen wir als Muslime in Deutschland über das, was uns hier wichtig ist“, so Özcan.

Der eigentlich kritische Punkt seien allerdings andere Entwicklungen innerhalb der muslimischen Community in Deutschland. Hierzulande würden wir eine zunehmende Veränderung des muslimischen Selbstverständnisses erleben. Özcan: „Muslimische Akteure scheinen immer mehr darum bemüht, zu gefallen, statt die Frage nach theologischer Wahrhaftigkeit zu stellen. Das mag als Geschäftsmodell für Partikularinteressen nützlich sein, für die muslimische Selbstfindung und den Erhalt einer an Lehraussagen orientierten, selbstgewissen religiösen Identität ist eine solche Entwicklung verheerend.“

Koordinationsrat

Im Gespräch geht Özcan auch auf die jüngsten Diskussion über den Koordinationsrat der Muslime (KRM) ein. Politik und Öffentlichkeit habe jahrelang nach dem einen institutionellen Vertreter geschielt. Özcan sieht in einer zentralistischen Struktur Gefahren. Sie könne zu einer Art „Bischofskonferenz für Muslime“ mutieren. Durch diese Zentralisierung der muslimischen Selbstorganisation werde zudem nicht die ganze Vielfalt des muslimischen Lebens vertreten oder auch nur artikuliert. „Vielmehr hängt das, was die Muslime vermeintlich denken, wollen und tun von den Aussagen und Handlungen weniger Funktionäre ab, die im schlimmsten Fall nicht einmal eine gemeindliche Basis haben, bei der sie sich rechtfertigen müssten.“

Die Frage sei, betont Özcan, wie ein ernsthafter Austausch über islamische Grundfragen stattfinden könne. Eine weitere Zentralisierung sei diesem Austausch in keiner Weise dienlich. Er beobachtet eine Isolation der Funktionärseben von der muslimischen Basis. „Das Agieren von muslimischen Vertretern reduziert sich immer mehr zu einem Selbstgespräche. In einer solchen Situation sprechen die Öffentlichkeit und die Politik immer weniger mit den Muslimen – sie führen immer mehr Zwiegespräche mit politischen Akteuren, die zunehmend nicht mehr die Muslime beim Staat vertreten, sondern den Staat mit seinen Erwartungen bei den Muslimen.“ Mit einem solchen Modell werde man auf beiden Seiten nicht ernst genommen – weder bei der Basis, noch bei der Politik. Es führe kein Weg an einem wahrhaftigen und nachhaltigen innermuslimischen Austausch vorbei. Özcan würde ein Diskussionsforum für islamische Religionsgemeinschaften anstreben wollen, bei dem nicht mehr der Anspruch auf zentrale Vertretung im Vordergrund steht, sondern der Wunsch nach einer inhaltlichen Debatte. Dieses Gremium sollte auch ergänzt werden durch Austauschforen mit Muslimen außerhalb der Verbände. „Da ist viel Potenzial, dass innerhalb der Verbände nicht genutzt wird“, folgert Özcan.

Das vollständige Interview wird in der nächsten Ausgabe der Islamischen Zeitung zu lesen sein.