Schwarze Jungfrauen

06.04.2006

Gespräch mit dem Regisseur Neco Celik und dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu über ihr Stück “Schwarze Jungfrauen”

Seit einigen Wochen ist Feridun Zaimoglus neuer Roman „Leyla“ im Buchhandel erhältlich. Nach einigen Tagen schon wurden an die 20.000 Exemplare verkauft, und auch die Resonanz in den Feuilletons ist sehr positiv. Lange wurde Zaimoglu nur belächelt und nicht ernst genommen, weil es nicht seine Art war, dem Mainstream zu folgen. Nun wird er sogar als „eine der wichtigsten literarischen Stimmen deutscher Gegenwart“ (Berliner Zeitung) bezeichnet. Zaimoglu schreibt nicht nur Romane. Er hat bisher auch zahlreiche Theaterstücke geschrieben. Im Hebbel-Theater in Berlin wird momentan „Schwarze Jungfrauen“ aufgeführt, das von dem Berliner Filmemacher Neco Celik inszeniert wurde. Neco Celik war Anfang der 90er Jahre Mitglied in der Jugendgang „36ers“. Nachdem er seinen Schulabschluss nachgeholt hatte, arbeitete er zehn Jahre als Sozialarbeiter in einem Jugendzentrum in Kreuzberg. Das Filmhandwerk hat er sich selber beigebracht. Zuletzt produzierte er die Reportage „Kreuzberger Nächte – Junge Türken in Berlin“ für die ZDF-Reihe „37 Grad“. 2001 gründete er mit seinem Partner Erhan Emre seine eigene Filmproduktion „36PICTURES“. Der Spielfilm „Alltag“ war sein Regiedebüt mit der Premiere auf den 36. Hofer Filmtagen 2002. „Urban Guerillas“ ist sein zweiter Spielfilm. Er kommt im April 2006 in die deutschen Kinos. Wir sprachen mit Neco Celik und Feridun Zaimoglu über ihre jüngsten Projekte.

Szene aus dem Stück "Schwarze Jungfrauen"

„Schwarze Jungfrauen“

Eren Güvercin: Herr Celik, könnten Sie sich unseren Lesern zunächst kurz vorstellen? In was für einem Umfeld sind Sie aufgewachsen? Was haben Sie gemacht, bevor sie zur Filmbranche gekommen sind?

Neco Celik: Geboren bin ich 1972 in Berlin-Kreuzberg. Meine Eltern kamen 1967 als Gastarbeiter nach Deutschland. Wir sind fünf Geschwister; ich bin der Zweitjüngste der Familie. In Kreuzberg wächst man in einer türkischen Umgebung auf. Es war zu jener Zeit eine kaputte Gegend, direkt an der Berliner Mauer. Für uns Kinder war das eine aufregende Zeit, für die Erwachsenen ist es ein armes Leben gewesen. In so einer Umgebung hat die Schule keine große Rolle für mich gespielt. Erst viel später habe ich die Schule nachgeholt. Nach meiner Ausbildung als Schriftgrafiker begann ich 1993, als Erzieher im Jugend-Kulturzentrum „Naunyn-Ritze“ zu arbeiten. 1994 habe ich meinen ersten Dokumentarfilm gedreht. Später folgten ein paar Kurzfilme. Das Film-Handwerk habe ich mir selbst beigebracht. 2002 durfte ich dann meinen ersten Spielfilm „Alltag“ drehen. Inzwischen habe ich drei Spielfilme gedreht.

Eren Güvercin: Sie haben ja kurzlich im Berliner Hebbel-Theater ihre erste Theaterinszenierung gehabt. Worum geht es in Ihrem Stück „Schwarze Jungfrauen“?

Neco Celik: Ein Theaterstück zu inszenieren war für mich schon immer ein geheimer Wunsch gewesen. Als man mir Feriduns Stück „Schwarze Jungfrauen“ angeboten hat, habe ich sofort „ja“ gesagt. Das Theaterstück handelt von fünf muslimischen jungen Frauen. Diese jungen Frauen sind keine „Ja-sager“, keine Ängstlichen, keine Ungebildeten, keine Gutmensch-Frauen. Sie sind zornige, starke, coole, witzige und mutige Muslimininnen, die das Wort ergreifen, ohne Punkt und Komma im Angesicht des Publikums ihre persönlichen Geschichten oder Meinungen vortragen. Manchmal ist es vulgär, manchmal radikal kompromisslos. Und das ist gut so!

Eren Güvercin: Was ist die Botschaft dieses Theaterstücks vor dem Hintergrund der Debatte, die momentan um die muslimische Frau geführt wird?

Neco Celik: Die Botschaft ist, dass die muslimische Frau zu Wort kommt!

Neco Celik Nauny Ritze (© by Nimet Seker)

Neco Celik in der Nauny Ritze (© by Nimet Seker)

Eren Güvercin: In der Berliner Zeitung wurden Sie als gläubiger, praktizierender Muslim vorgestellt. Ab wann hat der Islam für Sie eine Rolle gespielt? Hat er Ihnen persönlich Halt gegeben, um aus schwierigen Lagen wieder herauszukommen?

Neco Celik: Unsere Eltern haben uns, soweit sie konnten, ihren „Dorf-Islam“ beigebracht. Irgendwann hat er nicht ausgereicht. Die Verlockung ist groß in diesem Land. Mein Hunger nach Seelenfrieden war als junger Mann sehr groß gewesen. Ich brauchte mehr Wissen! Ich habe islamische Bücher verschlungen, ich habe mich weiter gebildet, mein Glaube, meine Seele wurde stärker. Ich habe meinen Frieden, den Sinn meines Lebens gefunden und versuche, das anderen Menschen vorzuleben.

Eren Güvercin: Herr Zaimoglu, Sie haben das Stück „Schwarze Jungfrauen“ geschrieben, und seit einigen Wochen ist Ihr neuer Roman „Leyla“ auf dem Markt. Darin erzählen Sie die Geschichte eines jungen Mädchens, Leyla, wie sie in einem anatolischen Dorf aufwächst und später ihren Mann kennenlernt, mit dem sie als einem der ersten Gastarbeiter nach Deutschland kommt. Was für eine Person ist Leyla? In einem Interview für eine türkische Zeitung bezeichneten Sie die erste Generation der Gastarbeiter als die „goldene Generation“. Ist die Geschichte von Leyla die Geschichte dieser „goldenen Generation“? Was macht diese Generation aus?

Feridun Zaimoglu: Leyla ist eine einfache Frau aus dem Volk: Sie könnte meine Mutter sein, oder die Mutter eines Freundes, oder einer Bekannten aus der zweiten Generation. Viele junge Frauen im Lesesaal erkennen in der Romanheldin ihre eigene Mutter wieder. Leyla ist eine Frau aus dem anatolischen Kernland, aus der sich hunderttausende andere moslemische Bäuerinnen nach Deutschland aufgemacht haben, alleine oder an der Seite ihrer Männer. Heute fällt es schwer, die Aufbruchstimmung des großen goldenen Anfangs zu begreifen. Aber wenn denn den Trümmerfrauen nach dem Krieg zu Recht großer Respekt gezollt wird, ist es auch an der Zeit, diesen großartigen Türkinnen der ersten Stunde den Platz zuzuweisen, den sie verdienen. Man muss sie aus dem historischen Dunkel herausstellen als die wahren Heldinnen der Einwanderung.

Eren Güvercin: In „Leyla“ werden bestimmte Bräuche und Traditionen zu Recht kritisiert. Aber Leyla zeichnet ein Unterscheidungsvermögen aus, bei dem ihr „Befreiungskampf“ nicht zur Folge hat, dass sie den Islam verlässt, im Gegenteil. Kann man sagen, dass Ihre Kritik in den Islam führt, wohingegen einige Autoren unter dem Deckmantel dieser Kritik den Islam angreifen?

Feridun Zaimoglu: Leyla führt keinen Befreiungskampf, sie ist keine ideologisch aufgeladene Kunstfigur, wie man sie in den öffentlichen Debatten vorfindet. Ich habe mich dabei an ihre lebenden Vorbilder in der Realität gehalten. Einen Weg aus dem Eingottglauben können nur jene bürgerlich inspirierten Frauenrechtskämpferinnen weisen, die schon immer gegen die moslemischen bäuerlichen Frauen Allergiereaktionen gezeigt haben. Die Euro-Feministinnen nehmen es solchen Frauen wie Leyla einfach übel, dass sie nicht zum Aufklärungsspießertum konvertieren. Lassen sie uns an dieser Stelle in den Begriffen des Glaubens sprechen: Alle Propheten haben den Kampf gegen die Hüter der Tradition angesagt, das waren und sind die Priester. Also führt der Weg zum einen Gott über den Bruch mit jenen starren Traditionen, die nur die Privilegien der Männer zementieren. Die Angriffe auf den Islam werden eben nicht von sogenannten „säkularen“ oder „modernen“ Moslems geführt. Es sind fast ausnahmslos Eiferer, die den Eingottglauben als Ganzes attackieren. Wie lächerlich. Und völlig vergeblich.

Eren Güvercin: Sie sind seit einigen Wochen auf einer großen Lesetour quer durch Deutschland. Wie ist die Stimmng bei Ihren Lesungen? Wie wird „Leyla“ aufgenommen?

Feridun Zaimoglu: Es ist nicht zu fassen, ich erlebe das zum ersten Mal in meiner Karriere als Schriftsteller. Die Lesesäle sind zum Bersten voll, es herrscht eine Bombenstimmung, das vornehmlich weibliche Publikum unterhält sich köstlich und bestätigt das Urteil des Feuilletons, das „Leyla“ sehr positiv aufgenommen hat. Dem Herrn sei Dank.

Eren Güvercin: In der Berichterstattung ist mir aufgefallen, dass einige Journalisten krampfhaft versuchen – trotz gegenteiliger Äußerungen Ihnerseits – ihren neuen Roman im selben Atemzug mit den gängigen Büchern zu nennen, die von „fremden Bräuten“ und „verlorenen Söhnen“ handeln, und die eigentlich eine ganz andere Aussage haben. Wie kommt es, dass trotz Ihrer Äußerungen, dass dieser Roman nicht aus der gegenwärtigen Diskussion um die muslimische Frau entstanden sei, sondern schon vor dieser Diskussion niedergeschrieben wurde, diese Journalisten immer noch „Leyla“ in diesen Kontext setzten? Haben Sie das Gefühl, dass Teile der Presse einfach nur das schreiben, was sie hören wollen, egal was man sagt, nur um die Story zu liefern, die für die Auflage besser ist?

Feridun Zaimoglu: Tatsächlich versuchen einige wenige Journalisten, Leyla mit anderen aktuellen Selbstfindungsbüchern in Beziehung zu setzen. Dabei kommen sie aber auch zum dem Schluss, dass die postfeministischen Traktate eher der Sparte der Denunziationsfibeln zuzuordnen sind. Nur in den seltensten Fällen versucht man, aus dem Erz meines Buches Metall für die Münze zu schlagen, die in dem öffentlichen Geschwätz gängige Währung ist: Islamkritik. Ich habe mich noch nie bei den heimischen Kreuzrittern aus dem konservativen Lager lieb Kind gemacht. Ich habe das linke Gehabe in den Subkulturen und Milieus der Bürgerkinder verabscheut. Und ich habe noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich ein gläubiger Moslem bin. Mein Glaube ist meine Privatsache, er gehört nicht hervorgezerrt, und er ist auch nicht zu verhandeln. Die Hysterie und die Polemik, mit der heute fremdstämmige deutsche Frauenrechtsaktivisten die Ressentiments schüren, vergiftet das soziale Klima. Ich finde sie erbärmlich. Sie ducken nach oben und treten nach unten. Es gibt ein schönes Wort dafür: Opportunismus.

Eren Güvercin: Herr Celik, Sie haben ebenfalls viel mit Medien zu tun und drehen Spielfilme beziehungsweise Dokumentarfilme, beispielsweise auch für das ZDF. Was halten Sie von der Art und Weise, wie Medien mit dem Thema Islam umgehen?

Neco Celik: In Sachen Islam verbreiten die Medien ein sehr schreckliches, übles Bild über die Muslime. Sie sind Analphabeten, was den Islam betrifft. Man darf aber nicht vergessen: Die Medien bekommen das, was wir Muslime ihnen geben. Wir müssen mit den gleichen Mitteln unsere Religion in der Öffentlichkeit schützen, darstellen oder klarstellen. Es müssen mehr Muslime das Wort ergreifen. Nicht nur die, die sich grundschlecht, diabolisch benehmen!

Eren Güvercin: Sie haben viel Erfahrung mit Jugendlichen und sind auch in der Jugendarbeit engagiert. Was ist besonders den muslimischen Jugendlichen in der momentan Situation zu raten? Worauf sollte man bei der Jugendarbeit seitens der Muslime Wert legen?

Neco Celik: Sie müssen ehrgeizig lernen, lesen, diskutieren. Sie müssen ihr Grundwissen hinterfragen, alles genauer unter die Lupe nehmen. Zeitgemäß muss man den Jugendlichen den Zugang zum islamischen Wissen ermöglichen. Ein Muslim, der nicht weiss, wie cool seine Religion ist, ist in einem säkularen Labyrinth ein verlorener Muslim.

Eren Güvercin: Herr Zaimoglu, noch eine persönliche Frage zum Schluss: Woher nehmen Sie eigentlich die Kraft für solch eine große Lesetour, wo Sie fast jeden Tag in einer anderen Stadt auftreten, und nebenbei noch zahlreiche Termine mit Verlag und Presse haben?

Feridun Zaimoglu: Die einzige Allmacht, die Kraft spendet und entzieht, ist Allah, der Erhabene. Wenn Er will, werde ich weitermachen. Gelobt sei seine Einheit.

Eren Güvercin: Lieber Herr Celik, lieber Herr Zaimoglu, wir bedanken uns für das Gespräch.

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