Ilija Trojanow

„Der Blick von Außen ist immer frisch und notwendig“
Begegnung mit dem Schriftsteller Ilija Trojanow über die Relevanz des Islam in unserer Zeit


Ilija Trojanow entstammt einer bulgarischen Familie, die 1971 nach Deutschland floh. Er wuchs überwiegend in Kenia auf. Von 1985 bis 1989 studierte er an der Universität München Rechtswissenschaften und Ethnologie. Zwischen 1989 und 1992 gründete er zwei Verlage und zog 1999 nach Bombay. Seit 2003 lebt er in Kapstadt. Trojanow verfasste seit den 90er Jahren zahlreiche Romane, Reiseführer und Sachbücher. Seit 2002 ist Ilija Trojanow Mitglied im deutschen PEN-Zentrum. Er erhielt unter anderem 1996 den Marburger Literaturpreis sowie 2000 den Adelbert-von-Chamisso-Preis. 2006 wurde ihm für seinen Roman „Der Weltensammler“ der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen.

Eren Güvercin: Für Ihren Roman „Der Weltensammler“ haben Sie den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Darin erzählen Sie die außergewöhnliche Geschichte von Richard Burton und seine enge Beziehung zum Islam. War er eine Ausnahme, oder stand er für mehr Menschen seiner Zeit, die vom Islam fasziniert waren?

Ilija Trojanow: Es gibt ja in diesem Riesenstrom, den man als „Orientalismus“ bezeichnet, eine Vielzahl an Positionen, Anteilnahme und Annäherungen von europäischer Seite. Ich denke, dass es einen Bruch gab, der Mitte des 19. Jahrhundert erfolgte. Davor war – und Burton war wahrscheinlich einer der allerletzten – die Begegnung ziemlich vorurteilsfrei. Man hat Differenz erkannt, anerkannt und auch benannt. Aber dies war keine Differenz, die in irgendeiner Weise eine Wertigkeit beinhaltete, sondern eine Differenz, aus der eine spannende Neugier geschöpft werden konnte – sie schien überwindbar. Es gab zum Beispiel im 18. Jahrhundert eine Reihe von englischen Kolonialverwaltern, die ganze Provinzen verwalteten und dann indische Frauen geheiratet haben. Sie wurden Muslime und haben am Hof des Nabob mit ihrem Frauen eine islamische Großfamilie geführt, aber weiter in ihrer imperialen Position weitergearbeitet. Ich habe bei meinen ganzen Recherchen keinen Beweise für Irritationen darüber in England entdecken können. Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte sich die Angelegenheit. Es kamen die ersten Bücher heraus, die Rassismus als ideologisches Konzept verankerten. 1856, glaube ich, kommt von Knox „The Races of Man“, was meiner Ansicht nach der erste Versuch ist, Rassismus als Grundkonzept zu definieren. Die gesamte zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörte dem Versuch, das Fremde, und damit auch den Islam und Muslime, ganz grob gesagt zu Untermenschen zu degradieren. Ich denke, dass Burton der letzte war, der noch nicht infiziert war und der letzte, der immer wieder ganz klar formulierte, dass die Wahrhaftigkeit kein Privileg einer bestimmten Kultur sei.

Was mir bei der Lektüre sofort auffiel, ist, dass es gewisse Parallelen zwischen Ihnen und Burton gibt. Sind Sie auch ein „Weltensammler“ wie Burton?

Ilija Trojanow: Ich bin jemand, der in die Welt geworfen wurde. Ich bin Flüchtlingskind, das heißt, mein erster Schritt war kein freiwilliger. Um etwas früher zu beginnen: Ich komme aus Bulgarien, was an sich schon – im modernen Slang – sehr „multikulti“ ist. Mir wurde erst später bewusst, nachdem ich nach Indien zog und ich mich viel in Arabien aufhielt, wie orientalisch Bulgarien ist. Aber auch, dass das Land ein großes Trauma hat, weil es seine orientalischen Eigenarten und Stärken negiert. Es gibt einen großen nationalen Mythos. Zentral war die Befreiung von der osmanischen Herrschaft, aber das ist kulturell völliger Blödsinn, denn der politische Prozess ging nicht Hand in Hand mit einer kulturellen Reinigung. Die bulgarische Kultur, Bräuche und Mentalität sind geprägt von orientalischer Kultur. Um nur ein Beispiel zu nennen: Jeder Bulgare kennt die Geschichten von Nasreddin Hodscha. Das heißt, sufische Weisheiten sind Teil des Alltagsgebrauches in Bulgarien. Das ist ein Teil meiner Herkunft, die mich bewusst oder unbewusst prägte. Dann bin ich in Kenia aufgewachsen, was ja auch multikulturell und multireligiös ist. Insofern wurde es mir fast in die Wiege gelegt. Ich leide daher wegen meiner Herkunft und Konditionierung an einer Art kulturellen Klaustrophobie und habe Schwierigkeiten mit jeder Form kultureller Verengung. Ich möchte immer wieder einen neuen Aufbruch und bin sehr davon überzeugt, dass kulturelle Identität etwas selbstbestimmtes und dynamisches ist. Vor allem ist es etwas sehr intimes. Ich bin sehr allergisch gegenüber dem Versuch anderer Menschen oder Institutionen, jemandem die eigene kulturelle Identität vorschreiben zu wollen, beziehungsweise den Rahmen der selben einengen zu wollen.

Ist die Frage nach einer Identität nicht schon ein Zeichen für die Beschädigung beziehungsweise den Verlust der selben? Hätten sich die frühen Araber oder auch Chinesen Gedanken über ihre Identität gemacht, oder ist dies eher ein modernes Verfallszeichen?

Ilija Trojanow: Dem würde ich nicht zustimmen. Bei früharabischen oder frühchinesischen Autoren gab es immer die Faszination über die Frage „Wie sehen uns die anderen?“. Ich denke beispielsweise an chinesische Autoren, die vor allem wegen dem Buddhismus damals nach Indien gereist sind. Sie haben sehr fasziniert davon berichtet, wie der Chinese mit all seinen Eigenarten in Indien wahrgenommen wird. Jene Erkenntnis haben sie dann mit ihren Erfahrungen von Indien verglichen. Die daraus folgende Differenz zwischen dem Eigenblick und Fremdblick führt dann zu einem spannenden Diskurs. Wo Sie sicherlich Recht haben, ist, dass das Wort ein sehr modernes ist. Aber die Frage „Wer sind wir und wie sind wir?“ war immer ein großes Thema. Es gibt aber ein anderes Moment, da Differenz in verschiedenen Epochen unterschiedlich wahrgenommen wurde. Ein Beispiel dafür ist das 16. Jahrhundert in Nordindien, wo die Differenz zwischen Religionen kein großes Thema war. Es war selbstverständlich, dass hinduistische Generäle am Hof der Moghuln sehr hohe Positionen eingenommen und dann bei einem ‘Id oder ähnlichen Festtagen teilgenommen haben. Es gibt den großen Dichter Kabir, bei dem man nicht weiß, was seine religiöse Identität – im modernen Sprachgebrauch betrachtet – war. Wegen der tiefen Spiritualität seiner Gedichte wird er in der Region von allen Religionen verehrt. Insofern ist es sicherlich so, dass in unserer heutigen Zeit Differenz als Graben und nicht als Brücke betrachtet wird. So gab es im Mittelmeerraum eine Zeit, die mich interessiert und die wir als Konfluenz – als Miteinander – bezeichnen können. Damals war das Mittelmeer ein Brücke und nun ist es ein Festungsgraben.

In einem Interview haben Sie zurückgewiesen, zum Islam „konvertiert“ zu sein. Und zwar, weil das Wort „konvertieren“ inkorrekt ist. Wann haben Sie angefangen, sich für den Islam zu interessieren und was hat Sie fasziniert?

Ilija Trojanow: Ich finde es schön, dass Sie diese Frage stellen, denn sie wird nur selten gestellt. Ich werde häufig gefragt, wann ich „konvertiert“ sei. Ich antworte, aber es fragt dann niemand, was mich am Islam fasziniert. Die Leute wollen mich kategorisieren, haben aber kein Interesse an meinen Erfahrungen. Es hat etwas mit Indien zu tun und damit, dass Bombay eine sehr islamische Stadt ist. Es gibt ja in Indien keine Zahlen, aber der Islam ist sehr gegenwärtig. Die ersten Jahre in Indien hatte ich die Gelegenheit, sehr viel zu reisen und bin zu einigen Orten gekommen. Einer der ersten Momente des Aufhorchens waren Besuche bei den Dergahs – Orte, an denen Sufiheilige begraben sind. Das sind Orte, von denen wirklich eine Kraft ausgeht. Diese Orte haben eine außerordentliche soziale, kulturelle und religiöse Vielfalt. Ich kann mich erinnern, dass einige Leute ein Kreuz um den Hals trugen, aber trotzdem hingingen, genauso wie Reiche und Arme. Zu dem Zeitpunkt habe ich wahrscheinlich begonnen, mich mit dem Sufismus zu beschäftigen. Bei mir war der Zugang vor allem ein sinnlicher und ästhetischer. Ich bin immer noch jedes Mal innerlich erschüttert, wenn ich einen guten Qawwali [indo-pakistanische Variante des islamischen Gesangs und Vermittlung spiritueller Inhalte] höre. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, Gott zu sehen, um es platt zu formulieren, bei einem Qawwali-Konzert. Dichtung bedeutet mir sehr viel und ich spreche auch stark auf Kalligraphie an. Der zweite Anlass war ein wirklich gesegneter Schritt, als ich bei der deutschen Botschaft einen wunderbaren alten Mann kennenlernte – Ali Askar Engineer. Er gehörte zu den Bohras, die es nur an der indischen Westküste gibt und die wirtschaftlich erfolgreich sind. Er leitete ein Zentrum für Islam und Kommunikation. Nach einer Einladung haben wir uns mehrfach getroffen und ich hatte Fragen über Fragen. Dann lachte er nur und sagte: „Das geht so nicht weiter, ich habe ein Institut zu leiten. Aber ich bringe dich mit einigen jungen Ulama zusammen.“ Sie suchten Kontakte und wollten ihr Englisch verbessern. Ich habe sie besucht und wir hatten uns auf Anhieb gut verstanden. Innerhalb einer Stunde haben wir eine Art Handel abgeschlossen. Ich sollte ihnen das Schreiben auf Englisch beibringen und sie mich im Islam unterweisen. Daraus entstand eine Eigendynamik, die so weit ging, dass ich mit ihnen gelebt habe. Bewegend für mich war die entstandene Nähe, aber auch das Gefühl, dass man einmal der Lehrer und dann wieder der Schüler war. Wir haben dann begonnen, gemeinsam zu beten. Ich bin jemand, der die Gebetsform des Islam sehr schätzt. Sie ist wirklich grandios. Jedes Mal, wenn ich aus dem Gebet herausgehe, fühle ich mich in jeder Hinsicht bereichert. Form ist für mich sehr wichtig und Rituale sind sehr wichtig. Diese Kombination von Form und Ritual ist etwas, was mich sehr angezogen hat. Was mich überhaupt nicht angezogen hat, und wo ich meinen eigenen Weg gehe, sind die ganzen Gesetze. Ich suche eher immer das Direkte. Was ich bei den Ulamas gesehen habe war die Obsession mit Gesetzen, beispielsweise wie lang die Hose sein muss. Ich habe ihnen immer gesagt: „Wenn ihr in der Frühe zum Morgengebet aufwacht und danach schlafen geht, dann ist das tausend Mal schlimmer als alle eure Gesetze.“ Obwohl wir uns gestritten haben, haben sie mir zugehört. Was sie nicht verstanden, war die Idee, die dahinter steckt. Es ist für mich Blasphemie, wenn man sich keine Mühe dabei gibt, die Idee hinter den Gesetzen zu verstehen, denn diese ist, dass man aufsteht und den Tag beginnt und nicht, dass man einen Wecker hat, kurz zwei Raka’ats betet und dann wieder ins Bett geht. Die Idee ist natürlich, und das ist eine alte Weisheit noch von vor dem Islam, dass man mit der Sonne aufsteht und den Tag beginnt. Wenn sie sich darüber keine Gedanken machen, und sie sind Ulama, dann stimmt etwas nicht. Die Diskussion führe ich bis zum heutigen Tage immer wieder, da ich das Gefühl habe, dass der Islam daran krankt, weil die Leute die zentralen Visionen des Islam und seiner gesellschaftlichen Transformation nicht ernst nehmen. Wir haben vorher von Mekka gesprochen: Es ist für mich skandalös, dass in Mekka jeder soziale Grundsatz, der im Heiligen Qur’an steht, missachtet wird.

Haben wir nicht im Augenblick eher das Problem, dass der Pendelschlag in die andere Richtung geht? Hier ist man ja bald nur noch dann ein akzeptabler Muslim, wenn man ein reiner Esoteriker ist, der keine Inhalte mehr besitzt. Die großen Sufi-Meister haben ja immer wieder betont, dass es keine – innere – Erleuchtung gibt ohne einen äußeren Weg. So beispielsweise Abu’l-‘Abbas Al-Mursi, der sagte: „Wenn jemand auf einem fliegenden Teppich kommt und verlangt, dass ihr die Schari’a verlasst, dann verlasst ihn.“ Braucht es nicht die äußere Form?

Ilija Trojanow: Völlig richtig, aber es gibt ja zentrale Formen und Gesetze und sekundäre. Dort sind für mich die Prioritäten verschoben. Meiner Meinung nach ist es ein zentraler Grundsatz, dass man Muslimen kein Leid zufügen darf. Bei der Hadsch beispielsweise, der Steinigung von Schaitan, schlagen sich die Leute fast halbtot. Das sind aber Leute, die einen langen Bart tragen. Das Wunderbare am Heiligen Qur’an ist ja, dass er immer wieder gegen Heuchelei angeht. Es gibt so viel Heuchelei, gerade bei Leuten, die die Form überschätzen.

Sie haben die Hadsch gemacht und auch ein Buch darüber veröffentlicht. Was waren Ihre wichtigsten Eindrücke?

Ilija Trojanow: Mit großem Abstand das Verweilen im Haram Asch-Scharif. Man spürt wirklich, dass es das Haus Gottes ist. Ich habe mich unglaublich gerne dort aufgehalten und mit ganz großen Verlustgefühlen die Moschee verlassen, was für mich ungewöhnlich ist, da ich eher ein rastloser Typ und nicht so frommer Mensch bin. Mit meinen Ulama-Freunden hatte ich zuvor versucht, einige Tage in einer Moschee zu leben, was mich schier wahnsinnig machte. Es gab in Mekka den Ausdruck einer besonderen Energie, was mich sehr beeindruckt hat. Allein die Ka’aba und das Kreisen um sie herum zu sehen, war eine sehr beeindruckende Sache, die ich Stunden lang von der oberen Terrasse aus betrachtet habe. Ich hatte Pech am Berg Arafat, da wir dummerweise in einen Stau gerieten und erst am frühen Nachmittag ankamen. Diesen Augenblick habe ich unglücklicherweise nicht voll auskosten können. Was ich sehr schön fand, war das wirkliche Gefühl der Umma. Eine der großen Verengungen unserer Tage ist, dass die Menschen den Islam als etwas sehr homogenes sehen. Auf der Hadsch ist es schön, wie man die enorme Vielfalt in jeder Hinsicht sehen kann. Wenn die Leute nach der Hadsch den Ihram ablegen und ihre Nationalkleidung anlegen – von Nigeria bis Indonesien -, aber auch die unterschiedlichen Verhaltensweisen und Charaktere – von den zarten Indonesiern bis zu den lauten Saudis – deutlich werden, dann beinhaltet das eine grandiose Vielfalt. Schön ist es auch, dass es einen Rahmen gibt, in dem man sowohl gemeinsam als auch vielfältig sein kann. Was für mich fast eine Mischung zwischen Intellektualität und Spiritualität war, beschreibe ich auch an einer Stelle in meinem Buch, nämlich, dass die gleichzeitige Anbetung auf der Welt ein islamisches Ornament ist. Vor Augen hatte ich die Ka’aba aber auch die Gebetsreihen in aller Welt. Es gab aber auch Dinge, darüber habe ich auch geschrieben, die ich erbärmlich fand. Aber das ist vielleicht auch normal, denn der Mensch bewegt sich zwischen dem animalischen und dem beinahe engelsgleichen.

Könnte man die Hadsch nicht als authentische Form von Globalisierung beschreiben?

Ilija Trojanow: Aber genau das ist sie ja auch. Sie ist eine frühe Form von Globalisierung. Die Darstellung der Hadsch auf Häuserwänden, die Rihla als literarisches Moment, das sich von Senegal bis China und Indonesien zieht, bestimmte Gefäße, in denen das Zamzam-Wasser nach Hause gebracht wird etc. Das gab es ja schon immer.
Ich sehe das Problem, wenn wir über Globalisierung reden, dass die Wahhabis einer besonders dümmlichen Form Vorschub leisten, indem sie einerseits den Islam verengen und andererseits auf der materiellen Schiene der amerikanischen Expansion stehen. Diese Kombination ist fatal, weil sie die Möglichkeiten variierter Globalität verhindert.

Sie haben in Bombay und in Kapstadt gelebt. Wie nehmen Sie Globalisierung wahr?

Ilija Trojanow: Es ist sehr dramatisch. Ich denke, dass wir in den nächsten Jahrzehnten in eine Phase kommen, in der wir unbedingt eine Alternative zum entfesselten, globalisierten Kapitalismus finden müssen. Die destruktiven Kräfte – auch was kulturelle Vielfalt betrifft – sind in Ländern wie Indien horrend. Für mich ist so etwas wie die Stärke des Wahhabismus Ausdruck dieser Globalisierung. Es ist eine Einheit oder ein Verständnis der Gegnerschaft, wie es im Kalten Krieg der Fall war. Man hat sich gebraucht und fast eine freundschaftliche Feindschaft gepflegt. So ähnlich ist es auch. Und weil wir vorhin vom Sufismus gesprochen haben, da werden in Pakistan, Indien und in anderen Ländern teilweise sehr reiche „Biotope“ zerstört, die man wahrscheinlich nicht wieder herstellen kann. Insofern sehe ich das sehr dramatisch. Man kann da nicht übertreiben. Es geht ja auch die Vielfalt bei Pflanzen, Tieren und Sprachen ein. Wir leben in einer Zeit, in der vor unseren Augen und in einem rasanten Tempo Vielfalt kaputt geht. Wir leben ebenso in einer Zeit, in der kaum jemand dagegen aufbegehrt und vor allem kaum klare und Weg weisende intellektuelle Positionen formuliert, was wahrscheinlich besonders bedrohlich ist. Wenn man sich Krisenzeiten in der Geschichte anschaut, dann waren sie meist gekoppelt an großes Potenzial für Rebellion und ein Netz an Widerstand, und natürlich auch an große Köpfen, die einen neuen Weg aufgezeigt haben.

Wie verfolgen Sie die Debatte über den Islam in Deutschland? Feridun Zaimoglu schrieb in einem Leitartikel für die „Zeit“, dass sich trotz der Debatte über die Muslime ein deutscher Islam durchsetzen werde. Wie stehen Sie dazu?

Ilija Trojanow: Deutscher Islam… das hört sich für mich an wie Luxemburger Islam oder Lichtensteiner Islam. Da bin ich eher optimistisch. Die Massenmedien bauschen zwar augenblicklich die Negativbeispiele auf, aber es gibt eine verwurzelte Vielfalt an offenen und gelebten islamischen Traditionen in Westeuropa, denen es gut geht. Dass heißt, dass die Leute ihren Weg gehen, dass es Netzwerke der Offenheit gibt. Es gibt die ganzen Debatten, die natürlich nicht ganz unberechtigt sind, da es Verbrechen und Absurditäten gibt. Ich glaube aber nicht, dass diese dominant oder mehrheitlich sind. Die Konditionierung des Menschen ist ein komplexes Thema. Es wird heute sehr vereinfachend dargestellt. Nur weil die Eltern aus Anatolien kommen, ist man nicht per se vorgeprägt. Bei einem Gespräch mit Cem Özdemir hatte er mir einmal aufgezählt, durch welche Elemente er konditioniert wurde. Das ist eine Gemengelage, die hochgradig komplex und einflussreich ist. Jeder von uns hat eine solche Konditionierung erfahren. Jeder von uns ist nicht nur eine Brücke, sondern auch ein Pfeiler gegen diese verengenden und verblödenden Sichtweisen.

Was ist für Sie die Relevanz des Islam, und welche Rolle spielen dabei neue Muslime aus Europa? Braucht es nicht neue Leute, die mit einem frischen Blick schauen?

Ilija Trojanow: Um die zweite Frage zuerst zu beantworten, ich glaube ja. In den Debatten mit den Ulama in Indien, die acht Jahre studiert hatten und mehr über jeden Aspekt des Islam wussten als ich, waren sie trotzdem erstaunt, meine Position zu hören. Ich glaube, dass sie es wach und interessiert wahrgenommen haben. Der Blick von außen ist immer frisch und notwendig. Man ist nicht auf einer Autobahn, sondern kommt über die Hügel und hat Schleichwege genommen und sieht deswegen die Landschaft anders. Ich glaube, dass die soziale Frage zentral ist. Die Diskussion um den „Kampf der Zivilisationen“ ist nur eine Pseudodiskussion, die politisch instrumentalisiert ist und die sozialen Fragen überdecken soll. Die ganzen Aufbrüche haben vor allem eine soziale Basis: nämlich soziale Verelendung und Ungleichheit der Menschen. Eines der Dinge, die ganz offenkundig sind, ist, dass die Leute, die den Islam politisch instrumentalisieren, es bislang in keinem Land der Welt, wenn sie denn an die Macht kamen, geschafft haben, dessen sozialen Inhalt umzusetzen. Für mich sind sie daher als politische Gruppe, die sich auf den Islam bezieht, diskreditiert. Schon im Heiligen Qur’an gibt es viele ganz klare soziale Positionen, aus denen man Konzepte entwickeln kann. Bestimmte Phänomene fallen auf, wenn man sich diese Gruppen betrachtet: Korruption, die nicht im Geringsten erlaubt ist. Massenhafte Korruption, auch unter Wahhabis oder Salafisten. Was Gleichheit oder soziale Gerechtigkeit betrifft, so gibt es ja Hadithe, die besagen, dass man den Arbeiter bezahlen muss, bevor der Schweiß auf seiner Stirn getrocknet ist. Die ganzen Arbeiter in den arabischen Ländern streiten für Monate, um ihr Gehalt zu bekommen, was eh ein Hungergehalt ist. Es ist absurd, wenn jemand fünf Mal am Tag betet, aber seine Arbeiter nicht bezahlt.

Zakat…?

Ilija Trojanow: Ja, aber auch Zakat ist meiner Meinung nach nicht als Gedanke verstanden, sondern als reine Formverpflichtung. Es ist nicht damit getan, einen bestimmten Prozentsatz seines Besitzes zu bezahlen. Denn das ist nur ein mathematischer Ausdruck eines Gedankens, nämlich, dass man teilen muss. Der Millionär, der glaubt, dass er Muslim ist, weil er dem Bettler fünf Rupien gibt, hat nicht wirklich verstanden. Es geht nicht darum, sich freizukaufen, weil das hieße ja, dass Gott Buchhalter sei, der eine Strichliste führt. Es gibt soziale Ungerechtigkeit in diesen Ländern. Ich war jetzt in Bahrain, wo die Herrscherfamilie, die Khalifas, mit bis zu 2.200 Mitgliedern zu den reichsten Familien der Welt gehört und Milliarden besitzt. Ein Mitglied baut auf der Südseite für beinahe sieben Milliarden Euro eine künstliche Stadt. Eine Privatperson, die sieben Milliarden investieren kann, hat das Budget ganzer Länder. Ich kann mich an ein Gespräch mit englischen Muslimen in Medina erinnern, die mich, da sie glaubten, ich sei auch ein Engländer, ansprachen. So kamen wir ins Gespräch und kamen auf den Sozialstaat und einer von ihnen sagte, dass im westlichen Sozialstaat teilweise der Islam verwirklicht sei. Das fand ich einen provokanten Gedanken, dass in einem Land wie Schweden, in dem jeder eine Grundversorgung hat, ein islamisches Konzept betrieben wird. Würde das in diesen Ländern umgesetzt, dann hätte es eine enorme soziale Sprengkraft. Man musste sozusagen den Islam verfälschen, weil der wahre Islam eine soziale, basisdemokratische Sprengkraft besitzt. Welche andere Religion ist so klar basisdemokratisch, sei es die Schura oder sei es die Ablehnung des Pharaonischen, das ja mehrfach im Qur’an erwähnt wird? Überall in der islamischen Welt haben wir Pharaonen an der Macht. Der authentisch gelebte Islam hat eine soziale Sprengkraft, diesen Systemen den Garaus zu machen. In dem Augenblick, in dem eine solche Umsetzung geschehen würde, wären westliche Kapital- und Ressourceninteressen bedroht. In Persien hat die CIA nach zwei Jahren Regierungszeit Mossadegh von der Macht entfernt und den Schah auf den Thron gebracht. Sowohl regionale Machthaber wie auch imperiale Interessen sind dagegen, dass die wirkliche Botschaft des Islam durchgesetzt wird. Deswegen unterstützen sie von beiden Seiten aus fanatische und engstirnige Positionen.

Herr Trojanow, vielen Dank für das Interview.

Veröffentlicht in: Islamische Zeitung, 27.04.2006.

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