Navid Kermani

„Man sucht die Ursachen nicht bei sich selbst, sondern es sind immer die anderen schuld“

Begegnung mit dem Orientalisten und Publizisten Navid Kermani

Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, ist promovierter Islamwissenschaftler und war zuletzt Long Term Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Kermani schrieb in letzter Zeit einige vielbeachtete Analysen zum Thema Islam. Heute lebt er als freier Schriftsteller und Publizist in Köln. Im Jahr 2004 erhielt er den Jahrespreis der Helga und Edzard Reuter Stiftung.

In ihrem Buch „Dynamit des Geistes“ gehen Sie der Frage nach, inwiefern Selbstmordanschläge der islamischen Tradition entspringen oder ein spezifisch modernes Phänomen sind. Könnten Sie uns die Kerngedanken dieser Analyse darstellen?

Navid Kermani: Mit diesem Buch habe ich versucht, zu zeigen, woher der Märtyrergedanken entstanden ist, wo er seine Herkunft hat und wie Terroristen heute durchaus mit der Tradition agieren. Nur die Art und Weise, wie sie mit der Tradition agieren, wie sie mit Bildern aus der Tradition umgehen, ist etwas spezifisch modernes. Ich habe versucht, zu zeigen, wie diese beide Elemente zusammenkommen, auch gegen die apologetische Sicht, dass dies alles mit dem Islam nichts zu tun habe. Es hat durchaus mit dem Islam zu tun. Sie argumentieren durchaus islamisch. Aber es ist wichtig, zu zeigen, wie diese Traditionen in die Moderne übertragen werden, mit den modernen Strukturen dieses Vorgangs. Sie kommen zwar mit alten Gewändern daher, aber in ihren Denkstrukturen sind sie spezifisch modern und gehören eben auch zur dieser Moderne und stellen nicht die Wiederkehr des Mittelalters dar. Die Ausgangsfrage dieses Buches war, wie es dazu kommt, dass Menschen darauf kommen, ein Flugzeug zu kapern und damit in einen Wolkenkratzer zu fliegen.

Was sind die historischen Wurzeln dieser Selbstmordattentate?

Navid Kermani: Es gibt durchaus auch im Sunnitentum eine Märtyrertradition, die aber über viele Jahrhunderte nicht wirklich relevant war. Im Qur’an taucht das Wort Märtyrer in dem Sinne, wie wir es verwenden, nicht auf. Im frühen Islam war die islamische Gemeinschaft eine Minderheit und unter Unterdrückung, und damals trat der Märtyrer auf, der für seinen Glauben starb, der unter Folter nicht bereit war von seinem Glauben abzulassen. Man kann dann sehen, wie in dem Augenblick, wo der Islam sich durchsetzt und ausweitet, diese Art von Martyrium keine Rolle mehr spielt und zunehmend durch das Kämpfermartyrium ersetzt wird, also der Kämpfer, der in der Schlacht stirbt. Aber das Martyrium als religiöses Konzept spielte in der islamischen Geschichte lange Zeit keine so herausragende Rolle wie im Christentum. Es spielte insbesondere im sunnitischen Islam keine allzu große Rolle. Man kann daher keineswegs sagen, dass eine direkte Linie zum modernen Selbstmordattentat führe. Wo die Martyriumsidee eine herausragende Rolle gespielt hat, war im schiitischen Islam; angefangen mit dem Martyrium der Imame und speziell Imam Hussains. Seither spielt es im schiitischen Islam eine zentrale Rolle. Und viele Bilder, die bei den modernen Terroristen auftauchen, stammen aus dem schiitischen Glauben, obwohl dieser aus Sicht dieser Extremisten ja viel schlimmer ist als das Christentum. Die frühen Islamisten, die Muslimbrüder, haben sehr wohl an den islamischen Märtyrer angeknüpft, an die Märtyrer, die in der Frühzeit des Islam unter Folter starben, wie viele Muslimbrüder in Ägypten auch. Sie fanden sich in diesem Märtyrerbild sozusagen wieder. Nun sieht man den Übergang zum Kämpfermartyrium unter Zuhilfenahme von einigen Bildern aus der schiitischen Tradition. Diese ganze Bildersprache stammt oft gerade nicht aus dem sunnitischen Islam. Und im schiitischen Islam haben diese Bilder eine völlig andere Bedeutung. Es gibt eine Linie im schiitischen Märtyrerkult, die zu den Minenkindern im irakisch-iranischen Krieg geführt hat. Das heißt nicht, dass jeder schiitische Gläubige dies für vertretbar hält, aber man kann sehen, dass es eine Linie gibt, die zu so einer Perversion führen kann. Aber sie führt vom schiitischen Glauben nicht linear zu den Selbtmordattentaten. Wenn wir uns nun die frühen Selbstmordattentate in der arabischen Welt anschauen, sehen wir, dass diese nicht von Schiiten stammen, sondern von säkularen Kreisen, aus kommunistischen Gruppierungen. Diese Gemengelage versuche ich zu analysieren. Ich will nicht irgendetwas reinwaschen oder irgendetwas schuldig sprechen, sondern einfach nur aufzeigen, wo dieses Phänomen herkommt und wie es sich in den letzten Jahrzehnten fortentwickelt hat. Dies hat mich sehr beschäftigt. Und es macht es auch nicht unbedingt ungefährlicher, wenn dies eine spezifisch moderne Struktur, ein spezifisch modernes Denken ist. Um noch etwas hinzuzufügen: Diese Art von „Al-Qaida-Terrorismus“ sollte man unterscheiden von dem Terrorismus, wie er in Palästina, Tschetschenien oder woanders stattfindet. Ich sage nicht, dass das eine schlimmer als das andere sei, aber der Terrorismus in Palästina oder Tschetschenien funktioniert, zumindest bis vor Kurzem, nach dem herkömmlichen Muster. Man will sozusagen dadurch eine politische Lösung herbeibomben. Hier war der Terrorismus noch ein Teil des politischen Kampfes. Der Grund, warum ich das Stichwort des Nihilismus eingeführt habe, ist nicht, dass ich sagen wollte, dass diese Leute Nietzsche gelesen hätten. Ich wollte vielmehr damit ausdrücken, dass es hierbei nicht mehr darum geht, irgendein konkretes Ziel zu erreichen, sondern um das Moment der Vernichtung und Selbstvernichtung an sich. Wenn man das Ziel hätte, die Amerikaner oder die Juden zu treffen, dann würde man keine Anschläge verüben, bei denen in der Mehrheit die eigenen Leute umkommen. Das heißt, es geht hierbei wirklich um den Akt der Vernichtung an sich. Die dritte Entwicklung, und die ist sehr gefährlich, ist, dass sich diese beiden Arten des Terrorismus ineinander mischen, wie wir in Beslan sehen konnten. Er kommt aus dem herkömmlichen Arm des Terrors, aus einer Widerstandsbewegung, und artet nun in diese Aktionen aus, die keinerlei Ziel haben und auch nicht auf die Sympathie der Welt oder der eigenen Bevölkerung abzielen. Eine reale soziale Verzweiflung, die man bei Bin Laden oder anderen nicht vorfinden kann, mischt sich nun mit dieser nihilistischen Ideologie der Modernisten, die den Feind dann überall sieht. Und dies macht es auch so gefährlich, weil man nicht auf eine konkrete politische Lösung abzielt. Auf meinen Reisen habe ich den verheerenden wahhabitischen Einfluss besonders in Zentralasien gespürt. Die soziale und ökonomische Lage ist katastrophal, was im Westen so nicht wahrgenommen wird. Da ist eine Diktatur schlimmer als die andere. Jede Art von Opposition wird als fundamentalistisch bekämpft. Dann kommen wahhabitische Gruppen mit viel Geld rein und bauen soziale Zentren oder Moscheen und bieten sich als Alternative an. Dazu ist die zentralasiatische Bevölkerung, obwohl sie muslimisch ist, von ihrer sozialen Struktur her aufgrund ihrer sowjetischen Prägung völlig säkular. Das heißt aber, dass sie oft nicht sehr gefestigt sind in ihrer religiösen Tradition, denn die wurde ja unter den Sowjets oft unterdrückt. In dieser Situation können die wahhabitischen Gruppen zwar nicht die Mehrheit der Bevölkerung, aber kleine Gruppen für sich gewinnen, die dann aber sehr gefährlich werden, vor allem gegen die eigene Bevölkerung. Alles was dem wahhabitischen Glauben nicht passt, wird als ketzerisch wahrgenommen. Die Bevölkerung ist also quasi eingeklemmt. Auf der einen Seite die brutalen Diktaturen, denen es nur um den eigenen Machterhalt geht. Auf der anderen Seite diese Art von neuen extremistischen Strömungen. Je weiter diese Situation anhält, desto mehr gewinnen eben die Terroristen an Boden und haben mehr Zulauf.

Wieso grenzen sich die Gelehrten aus der arabischen Welt nicht klar genug von diesen nihilistischen Taten ab?

Navid Kermani: In der arabischen Welt ist der so genannte offiziöse Islam vollkommen erstarrt. Ich sehe da kein richtiges Leben. Aus den theologischen Hochschulen kommen keinerlei Impulse. Es ist anders in der Türkei, es ist auch anders in Malaysia, und auch teilweise im Iran. In der arabischen Welt ist die Lage ziemlich erbarmungswürdig. Dies führt folgerichtig auch zu den erbarmungswürdigen Positionen, dass man sich immer in der Defensive fühlt und Verschwörungstheorien anhängt. Man sucht die Ursachen nicht bei sich selbst, sondern es sind immer die anderen schuld. Das Erstarken des Terrors in der arabischen Welt hat mit dem völligen Versagen der Gelehrten zu tun. Wenn man sich die Freitagspredigten des obersten Schaikh in der Azhar, von Schaikh Tantawi, anhört – diese Imame sind ja alle von oben gestellt – da erfährt man nichts. Es ein für die Gesellschaft völlig irrelevanter Diskurs, der überhaupt nicht auf soziale, politische oder geistige Realitäten eingeht, aus Angst, er könnte etwas falsches sagen. Das schafft natürlich ein großes Vakuum. Und diejenigen, die im Namen des Islams dann über gesellschaftlich relevante Sachen sprechen, finden deshalb eher Gehör.

Wie kann man diese Krise überwinden? Was für eine Rolle können europäische Muslime darin einnehmen?

Navid Kermani: Die europäischen Muslime müssen sich davon abkapseln. Es muss hier etwas eigenständiges entstehen. Der Islam ist speziell in Deutschland sehr national geprägt, also an den Herkunftsländern orientiert. Es gibt keine muslimische Identität. Weshalb hat eine jüdische Zeitung eine vergleichsweise hohe Auflage und eben eine Islamische Zeitung eine relativ geringe? Es gibt nicht das islamische Publikum; es gibt die Türken, die Araber und so weiter. Das wird aber, denke ich, noch entstehen. Je mehr Ressentiment von außen kommt, desto mehr führt es auch dazu, dass man sich als Muslim versteht, als Muslim agiert. In anderen Ländern Europas gibt es viel stärker eine islamische Öffentlichkeit, weil die soziale Struktur der Einwanderer eine andere ist. In Frankreich distanzierten sich die Muslime viel klarer vom Terror, während hier die offiziellen Vertreter eben in der Mehrzahl defensiv agieren, immer Angst haben, etwas falsch zu sagen und es sich mit keinem verderben wollen. Sie sind nicht in der Lage, auf gleicher Augenhöhe mit deutschen Intellektuellen Debatten zu führen. Es gibt diese Leute noch nicht, es braucht einfach Zeit. Aus den künftigen Generationen wird sich dies, wenn alles normal verläuft, herausbilden. Allgemein gesprochen geben die islamischen Verbände in Deutschland ein schwaches Bild ab. Wenn die Verbände in der Öffentlichkeit im Namen des Islams sprechen, sind sie auch verpflichtet, sich von gewissen Sachen eindeutig abzugrenzen und auch die innerislamische Debatte zu führen. Zum Beispiel darüber, ob man in Moscheen nicht doch die Augen zudrückt, wenn sich hier und dort seltsame Leute herumtreiben. Es ist gewiss nicht so, dass die Mehrzahl der Muslime oder der Moscheebesucher radikal sind. Aber es ist so, dass man allzu oft ein Auge zudrückt, weil diese jungen Leute dann doch irgendwie unsere Brüder sind, die man nicht an deutsche Behörden verrät. Das ist ja der Grund, warum es zu so etwas wie der Hamburger Zelle kommen konnte. Diese Zelle war natürlich radikal, aber sie haben sich längere Zeit in einem Umfeld bewegt, das nicht so war, und wo man dachte, na ja, das ist ja nicht so schlimm. Und diese Art von stiller Duldung kann sehr gefährlich sein. Ich denke, dass die Verbände klar sagen müssen, dass diese Vorkommnisse nicht zu tolerieren sind und hier auch eine eigene Verantwortung eingestehen, statt immer nur zu sagen: Terrorismus ist nicht Islam. Ansonsten werden sie in große Schwierigkeiten kommen. Denn man wird automatisch – und da dürfen sich die Muslime nicht beschweren – wenn es hier einen buddhistischen Terror geben würde, die Buddhisten unter Pauschalverdacht stellen. Das ist ein ganz normaler Mechanismus. Das wäre in der Türkei auch nicht anders, wenn Aleviten Anschläge verüben würden. Ich habe es in einem aktuellen Artikel von mir gesagt: Es gibt ohne Zweifel ein Feindbild Islam, aber schlimmer ist, dass es einen Islam gibt, der als Feind auftritt. Ich denke, dass sich die Muslime nicht in erster Linie mit dem Feindbild Islam auseinandersetzen sollten, sondern als zuerst mit dem Islam selbst, der in der Gegenwart oft sehr aggressiv auftritt. Es gibt so viel auf der Welt, was beklagenswert ist, aber echtes gesellschaftliches oder philosophisches Denken heißt für mich prinzipiell Selbstkritik. Das ist unsere Aufgabe. Kulturen waren immer dann stark, wenn sie sich selbst in Frage stellten und Einflüsse von außen selbstbewusst aufnahmen, statt sich zu verkriechen oder sich immer nur zu beklagen.

Sehr geehrter Herr Kermani, vielen Dank für dieses Interview.

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